1907 IW Kl ZWW ii rin IU Are öevorsteö ndc dritte Säkularfeier des Gießener Gymnasiums gibt uns Veranlassung, mit einer Bitte an unseren Leserkreis zu treten, deren Erfüllung jedenfalls allseitig mit Dank ausgenommen werden würde. Wir möchten gern von tüchtigen und originellen Lehrern unseres Gymnasiums aus älterer und neuerer Zeit an dieser Stelle erzählen, und ebenso non ehemaligen Schülern des Gießener Gymnasiums, die es zu hervorragenden Stellungen im öffentlichen Leben gebracht haben, oder die sich durch ihre besonderen Charaktereigenschaften im Gedächtnis ihrer Mitschüler erhalten haben. Auch Anekdoten aller Art an§ dem Gießener Gymnasiuni würden wir mit freundlichem Danke entgegennehmen und so dazu beitragen helfen, die Feier so erinnerungsreich und freudevoll als möglich zu gestalten. Wir sehen der Einsendung von Beiträgen dieser Art mit Interesse entgegen nnb hoffen insonderheit, daß recht viele einstige Gießener Gymnasiasten gern und freudig dieser Aufforderung entsprechen werden. Jeder, der die Absicht hat, uns mit solchen Beiträgen, und seien sie noch so bescheidener Art, zu erfreuen, möge cs uns gütigst recht bald mitteilen, damit wir wissen, was wir zu erwarten haben. Anonyme Einsendungen würden unberücksichtigt bleiben. Doch würden wir auf Wunsch die Einsender der Oeffcntlich- keit gegenüber geheim halten. Die Redaktion der Gießener Familie »blätter. Ihr Wunschzettel. Von B. Herwi. Nachdruck verboten. (Schluß.) „Gott sei Tank", sie atmet tief auf, erbricht hastig den Brief, dann liest sie: „Set nicht böse, geliebte Mama, daß ich lange nicht geschrieben, ich war krank, aber Du solltest es erst wissen, wenn alles vorüber, llkun geht es besser. Tu tvolltest meinen Wunschzettel haben, ich sende ihn Dir heut: Stelle mir wie früher den Teller mit Pfefferkuchen, Aepfeln und Nüssen unter den brennenden Tannenbaum, dessen Duft mir lieber ist als alle Blumen der Welt. Nichts, nichts weiter soll an meinem Platze liegen, keine Kleider, keine kostbaren Gaben, ich habe ja alles, durch Eure Güte, nur eins fehlt mir so furchtbar, nur eins wünsche ich mir so sehnsüchtig — nimm mich fort von hier, Mutter, laß mich bei Ttr bleiben, wohin ich doch gehöre, laß es mich wieder empfinden, für immer Tein Kind zu sein. Was habe ich denn getan, daß Du mich auch ferner von Dir weisest? Ich komme mir ja wie verstoßen vor. Ach, Tu weißt es nicht, was ich entbehrt, wie ich mich schon so lange danach gesehnt habe! Ich will Dir und dem Papa ja gar nicht zur Last fallen, ich will dir helfen, wo ich nur kann, ach erlaube doch, daß ich mit Fritzchen lernen darf, das verstehe ich ja gut, und immer will ich auf ihn aufpassen, wenn Du mit Papa verreist bist, ich will Dich und Papa nie stören, nie, nie, nie, das gelobe ich Dir, nur laß mich nach Hause kommen und bei Dir bleiben, einzige, goldene Mama. Tue es doch um des lieben seligen Papa willen . . , weiter will ich nichts vom Weihnachtsfest, das ist alles, was ich mir wünsche. Deine arme Anita." Lange sitzt Elma Dörnberg, die beneidete Gattin des großen Künstlers, still in ihrem Zimmer. Ihre heißen Tränen fließen, ihr ganzes' Inneres ist tief aufgewühlt. Als sie am anbercu Vormittag in des Gatten Zimmer tritt, zittert ihre Stimme. „Ich habe mit Dir über Weihnachten zu sprechen," beginnt sie . . „es gibt noch allerlei Wünsche zu erfüllen . ." „Aber, Frau, Tn weißt doch, mir ist alles recht, was Tu tust . . . brauchst Du noch Geld? Nein?" „Nein, Maximilian, ich danke, ich brauche nur noch Güte und Einsicht. . . bitte, lieg diesen Brief. . ." „Muß es gleich fein, Schatz? Tu siehst, ich bin beim Coriolan. . ." „Ja, es muß gleich sein, es erleidet keinen Aufschub." Sie beobachtet feine Züge, als er liest, sie bleiben kält, unbewegt. Ter Charakterkopf wiegt sich — beruhigend — hin und her... „Tas sind die sechzehn Jahre, Elma", sagt er endlich. „Ta bricht das Gefühl durch, schrankenlos, alles überflutend. Echte Sturm- und Trangperiode . . . Du lieber @ött,_ba§ Kind hat doch nichts entbehrt. Tie teure Pension! — Laß sie nur ruhig noch da, es bleibt noch genug zum Lernen . . „Tas Gefühl bricht durch ... die sechzehn Jahre . . . Tu hast recht, Maxim, aber gerade so ein leidenschaftliches Kind muh 'in diesen Jahren besonders gehütet werben, von Mutteraugen gehütet. Es war ein unbedachtes Versprechen, das ich Dir damals gegeben habe, und doch habe ich es gehalten, lange, lange Zeit, über zehn Fähre . . . Ich habe Dich geliebt, vergöttert, nichts von diesen Gefühlen ist in mir gestorben, ich bin stolzer denn je, Tein Weib zu sein. . .! Ich habe das Recht der Frau, das mir zusieht, auch dann nicht geltend gemacht, wo meine Würde es manchmal verlangt hätte, aber ein anderes, ein heiligeres Recht in mir, das Reckt der Mutter darf ich mir nicht länger verkümmern lassen, darf nicht dulden, daß mein Kind darüber vielleicht zu Grunde geht... Tu mußt es jetzt gestatten, daß Anita bei uns bleibt . . ." Sie hatte seine Arme umfaßt und sah ihm ernft, flehend ins Auge. Der Schauspieler sog die Worte, sog die Blicke in sich ein, als ob sie den Teil einer neuen Rolle bildeten^, die er jetzt ergänzen sollte. 522 „Tu weißt, ich liebe Dich, Elma", sagte er nun mit Pathos . . . „Wohl fürchte ich, daß unser schönes Leben zu Zweren dadurch beeinflußt, ja beeinträchtigt werden wird . . .. aber ich habe ohnehin vergeblich nachgefonnen, womit ich Dich diesmal besonders erfreuen kann. — In dreier segendringenden Weihnachtszeit, die unsere Brust mit sanften Regungen durchflutet, will ich Dir meine Einwilli- gung geben, nun denn, rufe Anita zurück!" .. , Publikum hätte wahnsinnig applaudiert, wenn er drese Worte auf der Bühne gesprochen hätte. So war es nur ein dankbares Weib, das an seiner Brust lag und Liebesworte stammelte und Versprechungen, denen er gütig sein Ohr lieh. * Ter unruhigste, aber auch der schönste Tag im Jahre war angebrochen . . . anfangs neblich und dunkel, aber immer mehr und mehr rang sich die kalte Wintersonne lnn- durch. und beleuchtete ein buntes, lebhaftes Bild der Geschäftigkeit, des Drängens und Hastens der Menge, die, von Erwartirng getrieben, von Freude erfüllt, noch die letzten Pflichten erledigte, bis der Abend anbrach, die feierlichen Stunden, eingeläutet vom Gloüenklang, begannen mit Gebet und Gesang, der sich auf Jahrtausende zurückbezieht. Spät war Anita eingetroffen. So hatte die Mutter es telegraphisch gewünscht. Wohl hatte das Fräuleir? Hartmann ein längeres Schreiben erhalten, aber es war nur für die Vorsteherin selbst bestimmt. Stürmische Begrüßung, großer Jubel in Fritzchens Kinderstube. Dann hatte Anita das schneebespritzte Jäckchen, das weiche Pelzmützchen abgelegt. . . im kleinen Koffer hatte sie gekramt, allerlei Geschenke für das Brüderchen, allerlei Stickereien für die Eltern herausgeholt, ... so unruhig war sie, so erregt, — die Mama hatte noch gar nicht recht nut ihr gesprochen, nnd im Fremdenstübchen durste sre sich nicht umziehen, das war verschlossen ... so feierlich war alles im Hause, so weihnachtlich . . . Endlich hallte die Glocke durchs Haus. Dornberg hatte selbst den Baum angezündet . . . Fritzchen stürmte voran, dre andern folgten ruhiger . . . „Eine Schulmappe!" schrie er. „Hurra, und eine Festung . . . Danke, danke . . . wie ist das schön!" Er hing am Halse des Vaters. .Anita, blaß — von einem zum andern sehend — wär an ihrem Platze stehen geblieben. Da stand der Teller vor ihr mit den Süßigkeiten, darüber brannte der Baum, eben fiel ein Tropfen flüssiges Wachs herab, gerade auf des Mädchens kleine Hand, die in die Zweige gefaßt. Aber glühender waren die Tropfen, die ihren Augen entflossen. Der Platz um den Teller wirklich leer... so hatte sie sich's ja gewünscht, aber es war ihr im kleinen Herzen doch so weh, so unaussprechlich weh. Ta fühlte sie sich von zivei weichen Armen umfangen. . »Komm, Lrebling," fügte die Mutter, „so ganz leer sollst Tu doch nicht ausgehen, ich habe Dir noch an einem anderen Plätzchen aufgebaut." Und schnell zog sie das Kind hinaus, den Korridor entlang . . . Tann öffnete sie die Tür des bisherigen Fremdenzimmers . . . Lichterglanz strahlte ihnen entgegen. Ein Bäumchen stand auf dem Tisch vor dem hellgeblümten Diwan.... gleiche Gardinen hingen von den Fenstern herab ... ein Schreibtischchen in der Ecke, mit vielen Kindererinnerungen, mit dem Bilde des Vaters, Bücher aus dem Tisch, ein Schränkchen mit weit geöffneten Türen, rosagebundene Wäsche, seine Kleidchen enthaltend. Anita stand starr mit weit geöffneten Augen. „Ties soll Dein kleines Reich sein, mein Herzenskind . . hier sollst du bleiben, solange es Dir gefällt dicht neben dem Brüderchen. . Und Papa ist ganz damit einverstanden und hat alles mit mir besorgt, wir wollen ja, daß unser Töchterchen sich recht wohl zu Hause fühlt. . ." „Mutter", schluchzte das überraschte Mädchen, „Mutter, du gute, geliebte Herzensmutter, wie soll ich dir danken..." Sie lag der erschütterten Frau zu Füßen und weinte und lachte und küßte ihre Hände und Arme und Kleid . . . . ,, „,7 yer große Künstler war dazu gekommen. Liebevolle Worte wollte er an das Mädchen richten, aber bezwungen von dem unbeschreiblichen Ausdruck der Dankes- empfrndungen trat er beiseite und schwieg. Es war, als schimmerte eine Träne in seinem Auge. Man Kl Ken nach Marokko. Aus dem Reisetagebuche eines Gießeners. Nachdruck verboten. „ (Fortsetzung.) M . Frz, 25. März 1907. Die letzten Tage unseres Tangerer Aufenthaltes vergingen unter Erledigung der noch zu machenden Einkäufe und Besorgungen. So zog sich unser Aufenthalt, getreu dem arabischen: „schwai, schwai", zu deutsch etwa „langsam voran", immer hinaus und schließlich wurde oer 14. März endgültig als Tag des Aufbruches festgesetzt. Unser Freund und Landsmann, der schon genannte, aus Remscheid gebürtige Herr M., begleitete uns mit noch eurem anderen Deutschen, etwa eine Stunde weit, bis wir unsere kleine Karawane, die vorausgegangen war, eingeholt hatten, mit welcher wir dann unseren Weg allein fortsetzren. Unser Maultiertreiber hatte uns zum Transport unseres Zeltes, unserer beiden Feldbetten, des Handgepäcks und unserer Kochgerätschaften re. eines»seiner Maultiere überlassen. So bestand unsere Karawane nur aus uns zwei Europäern, dem uns begleitenden Soldaten, unserem Diener und dem das Maultier treibenden „malem". Unserem Diener, der die Reise gleich dem Maultiertreiber zu Fuß zurücklegt, hatte sich mein Bruder von Fez mitgebracht, wo er auch den Soldaten, von welchem jeder im Innern des Landes reisender Europäer begleitet sein muß, von der Regierung sich gemietet hatte (für einen Duro — 2.50 Mk. — täglichen Sold). Gleich unserem Soldaten ritten auch wir beiden Europäer zu Pferde; das meinige hatten wir kurz vor unserer Abreise in Tanger für 250 Pes. Alf., etwa 200 Mk., gekauft. Solange wir uns in der Nähe von Tanger befanden, war der auf dem Weg von hier bis Fez herrschende Verkehr noch ziemlich lebhaft. Alle Augenblicke begegnen uns größere oder kleinere Trupps von Weibern, die alle möglichen Ver- kaufsgegenstände nach Tanger zum Markte tragen oder von dort mit ihrem Einkauf zurückkehren. Sie tragen ihre Lasten meist auf dem Rücken, bisweilen auch auf dem Kopf und viele führen einen ihrer kleinen Sprößlinge mit sich. Manche Frau trügt ihr Kind in einem am Körper befestigten Gurt auf dem Rücken. Oft schleppt Frau Mama auch noch ein oder zwei ältere Kinder an der Hand. Die vom oder zum Markte kommenden Männer treiben meist Esel oder Maultiere, bisweilen auch Pferde, vor sich her, die schwer bepackt sind. Zum Markte werden zahlreiche Hühner befördert, die zw je 4 bis 5 mit den Füßen aneinandergebunden, an der Leine geführt werden oder in große kegelförmige Körbe untergebracht sind, die von Eseln oder Pferden getragen werden. Vor uns liegt (der Akbat el Hamra, zu deutsch roter Berg, der seinen Namen dem von Eisenoxyd rot gefärveen Kalkstein verdankt. In etwa zwei Stunden ist er -mühsam überstiegen. Der seither durchrittene Küstenstrich, in dem sich kühlende Seeluft noch angenehm bemerkbar macht, ist verhältnismäßig fruchtbar und das Getreide steht ziemlich günstig. Nur sehr wenige Bäume sieht man, ein paar verkümmerte Korkeichen oder Pinien, öfter dagegen Hecken von Agaven und Kakteen, wohl zwei Meter hoch und höher, die bisweilen am Abhänge eines Berges eine Ortschaft umgrenzen. Wir gelangen an einen Fluß, dessen Ueberschreitung für diesen Tag noch vorgesehen war; jedoch ist er infolge der Flut unpassierbar nnd wir müssen wieder umkehren zur Nachtruhe. Glücklicherweise ist eine N'sala (von der Regierung vorgeschriebener Lagerplatz) nicht allzufern. Der Platz, auf dem wir unser Zelt aufschlagen, liegt in der Mitte eines kleinen Torfes und hat etwa 200 Meter Durchmesser. Hütten der Dorfbewohner umziehen ihn, der auf der Höhe eines kleinen Hügels liegt, fast kreisförmig. Unser Maultier ist rasch entladen und wälzt sich, wie es alle Maultiere tun, wenn sie von ihrer Last befreit sind, im Grase, ivo unsere Pferde an Pflöcken mit den Vorderfüßen angekoppelt sind. In einer Viertelstunde ist der Aufbau und die Einrichtung unseres Zeltes vollendet, und als bald nach 6 Uhr die Dunkelheit hereinbrach, hatten wir uns schon an einem aus den mitgenommenen Vorräten schnell hergestellten Abendessen gestärkt. Tie Strapazen hatten uns ziemlich müde gemacht und es galt, sich für den kommenden Tag auch 523 durch eine gute Nachtruhe zu stärken. Unser Soldat sowie Diener und Maultiertreiber kampierten, in wollene Decken eingewickelt, vor dem Zelt. Tie Wachen, die sich in jedem N'sala anbieten und die man, obwohl sie überflüssig sind, nicht zurückweisen darf, um sie nicht zu verletzen, postierten sich, mit aufgepflanzten Gewehren, vor unserem Zelteingang. Ihre Mausergewehre sind der Steinschloßflinte unseres Soldaten weit über. Tie Sonn' erwacht. Mit ihrer Pracht Erfüllt sie die Berge, das Tal. — Diese Verse kamen mir in den Sinn, als ich am nächsten Morgen, etwa um 51/2 Uhr, aus meinem Zelt heraustrat und meine Blicke schweifen ließ über die herrlich beleuchtete Gegend. Während am westlichen Horizont, am Ende einer großen, von nur wenigen und kleinen Bodenerhebungen unterbrochenen Ebene der Ozean sichtbar war, ragten ihm gegenüber, im östlichen Gesichtskreis, die Vorläufer des Atlasgebirges heraus, von denen ein Gipfel, verschwommen nur sichtbar, mit Schnee bedeckt ist. Vor mir schlängelte sich den Hügel hinunter, und von da noch bis bald zum Flusse hin sichtbar, unser Weg. Man darf sich aber, wenn ich von „Weg" spreche, nicht etwa eine Straße in der bei uns üblichen Breite und Verfassung vorstellen. Wohl verbinden mehrere Straßen Tanger und Fez, doch dies sind von tiefen Furchen zerrissene Pfade von nur etwa einem Fuß Breite. Unsere Leute beginnen mit dem Abschlagen des Zeltes und dem Beladen unseres Maultieres. Etwa ein Dutzend Sprösslinge unserer N'sala schauen aufmerksam zu. Küaben und Mädchen unterscheiden sich in der Kleidung nur wenig; doch tragen die kleinen Töchter des Landes auch hier das Haar lang und meist auch eine Kopfbedeckung, wenn es auch nur ein Tuch ist. Dagegen haben die Knaben ihre Haare fast durchweg ganz kurz geschnitten; mancher von ihnen aber trägt einen, ja dieser oder jener sogar zwei Zöpfe, als Zeichen dafür, daß sie als Nachkommen des Propheten Mohammed gelten! Damit sind sie Scheriffen. Dies kommt etwa unserem Adel gleich, doch ist es keineswegs selten, daß ein Scheriff höchst ungeordnete Arbeiten verrichtet. Diener, Postkourier oder Straßenkehrer ist. Gegen halb acht Uhr sind wir endlich zum Aufbrechen bereit und es gelingt uns, den Fluß zu überschreiten, der nun infolge der Ebbe einen etwa i/2 Meter niedrigen Stand hat. Im großen und ganzen ist das landschaftliche Bild heute das gleiche Ivie tags zuvor: Wiesen, Felder, teils augebaut, teils noch in Bearbeitung vermittels primitiver Geräte, sandige Hochplateaus, dann wieder fruchtbarere Ebenen. Tie Gegend ist ganz abwechslungsreich. Gegen 12 Uhr rasteten wir zum Frühstück in einem Olivenhain, dem ersten größeren, der uns zu Gesicht kam. Nach einer halben Stunde ging es wieder weiter, stundenlang in sengender Sonne. Tie Hitze verbrannte mich im wahren Sinne des Wortes, so daß die Haut in Stücken vom Gesicht fiel. Ich wurde braun. Ter Hautwechsel ging selbstverständlich ganz allmählich von statten. Noch heute leide ich hier in Fez unter der Gewalt der marokkanischen März sonne an der „Häutung", die ziemlich schmerzhaft ist. Ulad Mussa, die für die kommende Nacht in Aussicht genommene N'sala, erreichten wir kurz nach 5 Uhr. Das Aufschlagen des Zeltes, Füttern und Tränken der erschöpf- ten Tiere und die Vorbereitungen zu unserem Nachtessen und dessen Einnahme nahmen reichlich zwei Stunden in Anspruch, nach bereit Verlauf wir uns zur Ruhe begaben. Man wolle sich nun eine Nacht in einem marokkanischen Zelte nicht gerade zauberisch schön vorstellen. Wenn ich mich erinnere, mit welcher Begeisterung ich als Knabe beim Sol- daten-Spielen ein „Zelt" aufschlug, in noch so primitiver Form, und am liebsten nicht mehr herausgegangen märe, so erschien mir damals der Gedanke, eine Nacht unter einem Zelte zu verbringen, als das Ideal aller Träume. Wie viel anders hier! Nicht allein die furchtbare Uusauber^it des Platzes, auf dein man sich sein Zelt errichtet, viel mehr als diese widern bestimmte kleine Lebewesen an, deren Name schon genügt, empfindlichen Lenken Schauder einzu- flößeu. Glücklicherweise merkte ich von dem Vorhanden- seiu dieser Geschöpfe des Satans bei meinem gesunden .Schlaf nicht allzu viel, da wir den Boden unseres Zeltes mit dichten Strohmatten belegt hatten. An eine rechte Ruhe läßt sich dennoch nicht denken. Tas Heulen der das Zelt umkreisenden Hunde, das Schreien der Esel, Kamele und Maultiere und das Wiehern der Pferde, all das ist wahrlich nicht geeignet, den Schlaf zu fördern. Schließlich aber, wenn man sich etwas daran gewöhnt hat, sinkt man doch in eine Art Halbschlummer. Tie aufgehende Sonne sah uns andern Morgens bereits wieder auf beit Beinen. Alkassar, das Endziel nuferes dritten Tages, ist wohl weiter als die übliche Marschzeit von neun Stunden entfernt und es ist deshalb möglichst früher Aufbruch von Nöten, zumal in der grellen Mittagssonne unsere Pferde immer erschlaffen und nur vermittels der Reitpeitsche und Sporen int richtigen Tempo gehalten werden können. Es war dieser Tag einer der anstrengendsten und zugleich eintönigsten unserer Reise. Erst gegen i/26 Uhr des Nachmittags ritten wir ein, nachdem wir Alkassar vom Rande der großen Tiefebene aus, in der es liegt, wohl eine Stunde früher zum ersten Male gesehen hatten. Es macht aus der Ferne keinen ungünstigen Eindruck. Tas lang- gezogeue, weiße Häusermeer, überragt von einigen Miua- rets, von Moscheen und einer Anzahl Dattelpalmen, das Ganze von einem Kranz von Gärten umgeben, hebt sich von dem Horizont, an dem mehrere hohe Berge sichtbar sind, recht malerisch ab. Oestlich von der Stadt, unfern der Stelle, wo das Schlachtfeld sich befindet, auf welchem int Jahre 1578 die Macht der Portugiesen endgültig gebrochen wurde, lagert eine verhältnismäßig größere M'halla (eine Abteilung Sultanstruppen), jedenfalls aus Anlaß der Nähe Raisuli's in nicht allzuweiter Entfernung. Wo er sich zurzeit aufhält, weiß man mit Bestimmtheit nicht, doch rechnet man noch immer mit seinem plötzlich wieder erfolgenden Auftauchen. Zwar befinden sich in Alkassar mehrere Fondaks, in denen uns Gelegenheit geboten wäre, zu überttachteu. Wir zogen es aber vor, auch diesmal wieder im Zelte zu verbleiben, denn es wird besondere Sauberkeit dort auch nicht herrschen. Wir brauchten diesen Entschluß auch nicht zu bereuen, denn es war, da wir unter dem Geheul von Hunden usw. fast gar nicht zu leiden hatten, eine ganz geruhsame Nacht. Während des Ausschlagens unseres Zeltes hatten wir beiden Europäer in Begleitung unseres Maultiertreibers einen kleinen Gang nach der Stadt unternommen. Große, halb vertrocknete Schlammassen, — beredte Zeugen der jüngsten Regenperiode, sowie riesige Kehrichthaufen, die einen Teil der von uns passierten Straßen durchziehen und den ganzen südlichen Teil der Stadt gleich einem Wall umschließen, strömten einen so unangenehmen „Duft" aus, daß wir von den Sehenswürdigkeiten Alkassar's bald „die Nase voll hatten" und uns wieder nach unserem Lager znrück- zogeu. Ten üblichen Verlauf nahm auch unser vierter Reisetag. Der Weg bis zu dem etwa 20 Minuten hinter Alkassar sließendeu Flusse el Kus führte durch Gärten voll schönster Orangenbäume, die gerade mit Früchten überladen waren. Diese sind in Anbetracht der guten Ernte sehr billig und für einen Hassani (die arab. 50 Cts.-Münze, etwa 26 Psg.) erhielten wir, vom Baum gepflückt, 22 der köstlichsten Orangen, die uns bei unserem Mittagessen vortrefflich mundeten. Ter Fluß, Uad el Kus, der trotz ziemlich erheblicher Breite an der Uebergangsstelle kaum einen halben Meter tief ist, machte uns beim Ueb erschrecken glücklicherweise weiter keine Schwierigkeiten. Sobald wir das andere Ufer erreicht haben, sehen wir uns auf gut bewässertem Lande von ganz ungewöhnlicher Fruchtbarkeit. Tas Getreide steht ganz vorzüglich und so weit das Auge nach Westen hin, den Fluß entlang, reicht, sind ebenso gute Felder zu bemerken. In Alkassar ist heute, am Sonntag, Markt. Sehen wir doch aus dem Wege buntes Leben und Treiben. Aus den umliegenden Ortschaften strömen viele Menschen uns entgegen, die, unseren Weg kreuzend, in der Stadt ihre Erzeugnisse zum Verkauf stellen wollen, Hühner, Grünfutter, Brennholz usw. usw. Bald nimmt die Gegend wieder andere Gestalt an und unser Weg führt uns über mehrere sandige und steinige Anhöhen, am Rande von Abhängen und Schluchten vorüber. Tie Sonne meint es anfangs weniger schlümn mit uns und hält sich den ganzen Vormittag hinter Wolken versteckt, um gegen ein Uhr, da wir uns nach einem Ruheplätze umsehen, zum Mittagessen, mit doppelter Macht hervorzubrechen. Sie verläßt uns den ganzen Nachmittag nicht und macht uns den recht einförmigen Weg nach Schimacha, unserem heutigen Lagerplatz, gar sauer. Zudem zeigen auch unsere Pserde nach den drei Reisetagen Müdigkeit. Oft 524 steigen wir ab und wandern, um den Tieren Erholung zu schaffen. Gegen 51/2 Uhr langten wir in Schimacha an. Tie Nacht verging unter dem gewohnten Hundegebell usw. und die aufgehende Sonne fand uns wieder beim Einpacken. Trotz der frühen Morgenstunde schauten wieder zahlreiche Dorfbewohner uns zu, um sich, als wir zu Pferde stiegen, der weggeworfeneu leeren Wein- und Mineralwasserflaschen fotoie, Konservenbüchsen zu bemächtigen. Sogar Apfelsinenschalen, selbst Papierabfälle wurden sorgfältig gesammelt, nicht etwa nur von Kindern. So freundlich sich die Marokkaner zeigen, wenn man ihnen kleine Geschenke macht, und so artig sie sich jedesmal mit einem „Baraca allahou sie" bedanken, so viel-wortig auch ihre sonstigen Höflichkeits-, Begrüßungs- usw. Formeln sind, so end- und maßlos sind auch ihre Schimpfereien. Hier, kurz hinter Schimacha, war es, wo uns von der Höhe eines am Wege liegenden Torfes nur ein freundliches: „Verfluchter Christenhund" mit auf den Weg gegeben wurde. Ueberhaupt gingen uns die Eingeborenen möglichst aus dem Wege. Tie von einem Schriftsteller auf seiner Reife zwischen Tanger und,Fez angeblich gemachte Beobachtung, daß ihm gegenüber die Eingeborenen stets freundlich gewesen seien, ihm sogar, ohne dafür etwas zu nehmen, Brot oder Orangen angeboten hätten, machten wir auf unserer Reise niemals, wie es uns auch nicht passierte, daß jeder unseren Weg Kreuzende uns einen „Guten Tag" gewünscht hätte. Bei dem unter den Arabern tief eingewurzelten Christenhaß halte ich das auch nicht für wahrscheinlich, es sei denn, daß sie zuerst freundlich angeredet und allesamt beschenkt 1 worden sind. (Schluß folgt.) Ernmcvmrg an das Tubiläumsfest der Lrrdovic'mna/) Mel.: Die Musi komint . . . 1. O Jubiläumszeit Wie hast du uns erfreut; Mit Wehmut denk ich dein Und all der Lumperei'n, Die du hast mitgebracht. Wer hätte das gedacht, - Daß unser stilles Nest So froh gewest. Du hast die ganze Welt Grad uff de Kopp gestellt. Professor so und so, Tie Jungfer Rosalind, Sogar das Wickelkind War'n alle miteinand Aus Rand und Band. Vormittags so um 11 erum Ging der Kommers schon los — Tsching-Bum! Da löscht man auf dem Brand den Brand, Ta waren alle bei der Hand. Is aach von gestern Owend her Vom Fackelzug der Kleeskopp schwer; Ta Hilst kei Sträube und kei Ziern, Jetzt gehts ans amüsiern. 2. Man klettert — ach wie nett — Aus'm Jubiläumsbett, Des is en Strohsack bloß, Darauf schläft Klein und Groß. Tie richtigen Betten sind Für Festbesuch bestimmt. Vielleicht auch — Sakrament — Sind sie verpfänd'!. Wie sauber alles glänzt, Mit Tannenzweig bekränzt, Girlande, Fahnezeig, Dazu spielt Flöt' und Geig'. Prost Bruder, schallts voll Freud', Tenn so viel fremde Leut ' *) Das letzte „FunlzigeA'-Fest, die gemeinsame Feier der ihren 50. Geburtstag irr diesem Jahre begehenden Gießener, verlieh wie im „Gieß. Anz." berichtet wurde, gar frohsinnig bei Sang und Klang. Arrs der Fülle der Originallicder, die, von Fünfzigern verfaßt, bei der Feier gesungen wurden, sei das obenstehende, die „Fidelitns" einleitende, wiedergegeben. Noch nie die Gießner Stadt Gesehen hat. Von Darmstadt her, vom große Wog, Ta kam sogar der Großherzog. Un Professore wäre da Bon Butzbach un Amerika. — Von Lauterbach un Watzeborn, Von Kirchgons, Grinierg, Bottehorn, Bon Bieber, Rebgeshan un Troh Ta war'n se alle do! 3. Un uff em Festplatz, seht. Tie Faßhall drowe steht. Tie Trepp nuff geht's gemach, Tie Sonn' brennt eint uffs Dach^ Bon rechts un links gestumpt Mer langsam uffwärts humpt. Ta kreischt e Fraa — 0 Schmach — „Mei Hühneraag'!" — Un is mer rechts enuff. Kriegt mer von vorn en Puff Daß mer ganz stillvergnügt Links wieder nunner fliegt. Tie Festhall', was e Pracht, Befonners erscht bei Nacht; Herrjeh, was e Gewiehl'— Ta werd's eint schwiehl. Un hinne uss em Podium Ta krauche als e Paar erum, Un suche links un suche rechts Mit leisent Fluche und Gekrächz- An der Beleuchttlng hin und her, Ta suchen sie die kreuz und quer: Ob net für 50 Pfennig wo Liegt Kabel nutzlos do. — 4. An alle Tisch' ringsum E riesig Gaudium.' Ganz unbekannte Leut' Tie küsse sich vor Freud'. „In dulci jubilo" Singt alles frisch und froh. Tie Harfenjttle — bum! — Tie spielt schrumm schrumm! Beim Feuerwerk erst gar Ter größte Zores war. Manch' alte Jungfer kam. Poussiert sich krumm und lahm. Manch anner Mädche schennt. Weil sie der Herr Student Im Trubel drickt eso — Doch bleibt se do! -— Das quietscht, un brüllt, un pseift, un kracht Bis lange noch nach Mitternacht, Tie Stimm werd raulh die Zung werd schlapp, Uff beide Ohre is mer daab. Un geht dantr schließlich noch, 0 Graus, Uff amol die Beleuchtung aus, Tann stolpert alles müd und lahm Mit Kind und Kegel Ham. Goldene Worte. Deine Reue sei lebendiger Wille, fester Vorsatz'. Klage und Trauer über begangene Fehler sind zu nichts nütze. Platen- * Je mehr der Mensch sich im Aeußern bespiegelt, desto sicherer verliert er die Fähigkeit, sich im Innern zu beschauen.. O- von Leixner. * Was in der erhabenen, Hellen Stunde erkannt ist, in dcw dumpfen, drüben, tierischen auszuführen, — das eben ist die Arbeit des Lebens- A. Schopenhauer. Man Muß nur nicht mit Ostentation den Idealisten und Schwärmer hervorkehren, sondern die innere Wärme mit äußerer ruhiger Schärfe decken, so wird man mit edeln Grundsätzen die naseweisen Philister mehr beherrschen, als sie je ahnen; denn mn Ende bleibt ihnen nie etwas anderes übrig, als den wahrhaft Guten nachzuhinken und zuzujauchzen- G. Keller. Redaktion: P. W i t t k 0, — Rotationsdruck und Verlag der V ru hl sichen Universitäts^Luch- und Steindruckerei, R. Lange, Gr eßen.