Montag den 4r Aeöruar 1907 t NM s SU J W Menschenleöen, die lügen. Roman von H. E h r h a r d t, Verfasserin von „Mittellose Mädchen" Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Stuf Hannas beschwörendes Zureden, die Einwilligung der Eltern durch einen VerzweiflungSschritt zu erzwingen, hatte sie angstvolle Abwehr, Sie war zu ehrlich, zu pflichtgetrcu, um hinter deut Rücken der Ellern Verrat an ihnen zti üben. Tas setzte sie der Freundin in einem langen Briefe auseinander. Und dann leistete sie sich eine einzige Heimlichkeit — sie schrieb an Ernst Kronau. Es ivar ein rührend unbeholfener Mädchcn- bricf, voll schüchterner Innigkeit — alles in allem ein einziges Tanken dafür, das) er sie hatte als seine Frau einem unklar ersehnten Glücke zusührcn, sie ihrer trostlosen Umgebung halte entreißen wollen. Ernst Kronau war so ergriffen über den Brief, wie. noch nie iit seinem Leben. Er, der gereiste Mann, schämte sich vor dem jungen, arglos vertrauenden Geschöpf, das in seiner Bescheidenheit gar nicht daran dachte, wie viel mehr er der Tankende sein müsse, weil so viel Jugend und Schönheit sich ,rillig in seine Arme hatte schmiegen wollen. Er schämte sich nun auch seiner Berechnung, die zuerst ausschlaggebend für seinen Antrag gewesen war. Er hätte jetzt freudig auf jede Mitgift verzichtet, seine eigenen Ansprüche zurück- geschraubt, nm sie sein eigen nennen zu können. Trotzdem er jede Hoffnung auf ihren Besitz hatte aufgebcn müssen, begann er doch sein Leben einfacheren Verhältnissen zuzuführen, immer von dem Gedanken begleitet, daß er cs Marga zu Liebe tue. Sille guten Eigenschaften in ihm erwachten in der» Gefühl für das schlanke blonde Mädchen mit dem klaren un* schuldigen Blich, das ihm die Achtung vor ihrem gaiizcn Geschlecht zurückgegeben hatte. Selbst das verbitterte, traurige Mesen seiner Schwester erschien ihm jetzt in anderem Licht. Bis dahin hatte er nicht recht darair geglaubt, daß sic den Wcrrat ihres Bräutigams, der vier Wochen vor der Hochzeit mit irgend einer obskuren kleinen Sängerin auf und davongegangen war, wirklich nie hatte verwinden können. Er hatte „Launenhaftigkeit" und „Ueberspanntheit" genannt, was doch nichts anderes war, als die zähe Liebe der Frau, die ja stets den Ntann am meisten liebt, nm deffentwillen sie ihres Herzens Golgatha durchlitten hat. Jetzt tat sic ihm auf ein« mal leid. Gewiß, sie hatte cs recht gut gehabt bei ihm, keine Sorge um den leiblichen Unterhalt, aber das, was das Leben der Frau ausmacht, ihr Glück, das war ihr nicht geworden. Sie war wie ein vom Winde geknickter Baum, der nie Früchte getragen. Selbst ihm, dem Bruder, war sie nicht unentbehrlich gewesen, im Gegenteil, ihr Trauerweiden- gesickt hatte ihn oft in seinem sorglosen Genießen gestört. Nun wurde er nachsichtig gegen sie, rücksichtsvoll. Sie bemerkte cs mit täglich wachsendem Erstaunen. Und so groß ihr Entsetzen, ihre verbitterte Abwehr gegen die „junge Frau", den unerwarteten Eindringling in ihre alt verbrieften Rechte, zuerst gewesen, jetzt schlich sich oft ein warmes zärtliches Gefühl in ihr Herz gegen diejenige, welche die Wacht besessen, einen so günstigen Einfluß auf ihren Bruder anszuüben. Ihre Betrübnis über die Anssichtslosig- feit dieser Heirat war aufrichtig. Immer deutlicher erstand das Bild des jungen schönen blonden Mädchens vor ihren Augen, wie sie in schüchterner Freude die Schwelle des Balldorfer Gutshalises überschritten hatte. Sie sah den feierlichen Ernst in dem rosigen Antlitz, die Tränen in den blauen klaren Augen, als sie in der kleinen Dorfkirche Hanua's Trauung beigewohnt hatte. Sie wäre gut zu ihr gewesen, zärtlich imb vertrauend — jetzt wrißte Adele das sicher, und eine wahrhaft mütterliche Regung vertrieb die letzte Bitterkeit aus ihrer Seele. Bruder und Schwester fanden sich vollständig. Er weigte sie in alles ein und sie ivar freudigen Herzens bereit, ihm bei dem neuen Leben der Arbeit und der Pflichterfüllung, das er aus pekuniären Gründen nnb aus Liebe zu Marga beginnen ivollte, zu unterstützen. Und weil sie sah, daß es ihn beglückte, so unterstützte sie auch seine nie sterbende Hoffnung, daß doch noch einmal eine junge, blonde geliebte Frau einziehen würde auf Balldorf. XIV. Joachim v. Tressenberg saß in der Abendstunde eines Augusitagcs an seinem Schreibtisch und rechnete. Es war kurz vor dem Manöver und er brauchte so manches dazu, lauter Ausgaben, die mit seiner Zulage nicht zusammen- stimmten. Immer düsterer wurde sein Antlitz, je höher die Summe für die notwendigen Anschaffungen anwuchs. Er sah keinen Ausweg vor sich. Tas Geld mußte er haben, also blieb ihm kein anderer Weg, als jemanden anzupumpen» Vielleicht half ihnr doch jetzt der kleine Graf Scherrentin, der sich in letzter Zeit etwas mehr an ihn angeschlossen hatte, wie er überhaupt in den Augen seiner Kameraden im Werte gestiegen war, seit er die Vorgesetzten für sich hatte. Seine hochmütige Zurückhaltung war dieselbe geblieben, aber äußerlich hatte er sich verändert. Er sah sehr schlecht ans. Er war auffallend mager geworden und die Augen lagen ihm tief und dunkel umschattet in den Höhlen, wie bei einem von schwerer Krankheit Erstandenen. Er überarbeitete sich, die russische Sprache machte ihm 74 viel Schwierigkeiten, jedoch nur, weil er möglichst schnell zum Ziele gelangen wollte. Er sehnte sich fort aus der verdorbenen ekelhaften Luft, in der er dem schmierigen, pathetischen Lehrer gegenübersitzen mußte, au? der Nähe des verliebten, jungen Weibes, das ihn mit gierigen Blicken umlauerte. Es widerte ihn an — für ihn existierte überhaupt jetzt nur noch eine Frau — Hanna Gerhardt. Sie war ja wieder so lieb und vertraulich zu ihm wie früher. Wie einem Kinde war auch ihr das Schmollen auf die Dauer langweilig geworden und sie verkehrte jetzt in einem herzlichen, immer gleich unbefangenen Tone mit '.hm, der beruhigend auf sein wildes, stürmisches Begehren einwirkte. Nun war sie bereits seit drei Wochen mit ihrem Manne in der Schweiz, aber in Balldorf, tun das dies Jahr die Manöver des 6. Armeekorps stattfanden, würde er sie wieder sehen. Es war ja nicht ganz angenehm, dem Rittmeister Kronau in den Weg laufen zu müssen, aber da es auf höheren Befehl geschah, war nichts daran zu ändern. Eilt leises Klopfen an der Tür ließ ihn emporfahren. Ehe er noch „Herein!" rufen konnte, öffnete sich die Tür und eine hübsche, brünette Frau trat über die Schwelle. Heute, wo sie sich sauber und nett angezogen hatte, fiel es dem Offizier zum ersten Male auf, daß Frau Kreß die Abstamni- ung aus gutem Hanse nicht verleugnete. Trotzdem legte sich ein eisiger Hochmut förmlich erstarrend über seine Züge. Was wollte die Frau von ihm? Sie kam seiner Frage zuvor. „Ich bringe Ihnen die Bücher, Herr Baron, die mein Mann gestern nicht gleich fand, die russischen Lieder — sie werden Ihnen gefallen." Er maß sie mit kaltem, verächtlichem Blick. „Wozu bemühen Sie sich selbst, Frau Kreß? Es wäre noch Zeit gewesen, tvenn ich sie mir übermorgen selbst mitgenommen hätte, ich kamt sie ivohl doch noch nicht lesen." Die Frau sah ihn mit leidenschaftlichen dunklen Augen an. „Warum behandeln Sie mich so schlecht, Herr Baron?" fragte sie erregt, „ich bin doch ebenso wie Sie aus guter, altadeliger Familie. Was für ein Leben hätte ich haben können, ich wäre heut vielleicht Frau Gräfin, wenn ich mich nicht von meinem Mann hätte betören lassen." „Nun, Sie waren wohl reichlich verliebt in ihn, ba, Sie sich von ihm haben entführen lassen!" sagte Joachim mit einem Hohn, der eine fliegende Röte über das magere, feingeschnittene Gesicht der Frau jagte. „Ich war blutjung und ganz unerfahren!" murmelte sie, -„er versprach mir goldene Berge. Er hat nichts gehalten, i-ch hasse ihn." Ein spöttisches Lächeln zeigte sich in dem Gesicht des Offiziers. „Soll mich das vielleicht interessieren, Fran Kreß?" fragte er mit mühsam verhaltener Ungeduld, „Sie ersparen mir wohl weitere Gestätchnisse?" Und er wandte sich ab zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendet halte. Da lag die Frau auf dem Fußboden plötzlich vor ihm, umklammerte seine Knie und stammelte fassungslos: „Ich erspare Sie Ihnen nicht — Sie sollens wissen. Ich liebe Sie, Herr Baron — seien Sie doch nicht so erbarmungslos, so hart — bin ich denn nicht hübsch genug, Ihnen zu gefallen? Ich möchte Sie lieben, wie keine andere Frau, ich möchte alles für Sie tun." Joachim stieß einen Laut des Widerwilleics ans und trat von der Knieenden hinweg. Ein Ekel, wie er ihn noch nie gefühlt, stieg in seiner Kehle auf. Er wies nach der Tür. „Sie spielen die Bedauernswerte, Frau Kreß!" sagte er hart und verächtlich, „nun, ich meine, Ihr Mann ist der Bedauernswertere von Ihnen beiden. Entfernen Sie sich jetzt — ;—i ich wünsche. Sie nie wieder in meiner Wohnung zu sehen." Die Frau hatte sich von den Knien erhoben. Ihr ganzes hübsches, brünettes Gesicht.glühte. Sie war wirklich schön in dem Moment und sie ab btefen jungen, kalten Offizier auch nicht so leichten Kaufes verloren. Sie wollte es eben versuchen, ihn durch Tränen zu rühren, als im Flur draußen die Stimme des Burschen erklang, der mit einem Einlaß Begchrendeit unterhandelte. .(Ein Säbel klirrte. Der Freiherr war mit wenigen Schritten an id^r Tür und riß sie weit auf: „Also adieu, Frau Kreß!" sagte er mit nicht mißznverste- hender Handbewegung, „bestellen Sie Ihrem Manne unterdes meinen Tank. — Ah", unterbrach er sich, „Herr Rittmeister- bitte, daß Sie näher treten." (Fortsetzung folgt.) Aie „KLerMenmeißer" in der ä teren Zeit der K-eßener Kochltzuln. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.) Ter heutige Student muß als fleißig gelten gegenüber seinem Kommilitonen in früherer Zeit. An dem mangel- hasten Kollegbesuch waren ost die Professoren selbst schuld; mußte doch ein landgräflicher Befehl von 1666 die Säumigen an ihre Pflicht mahnen und V2 Rthlr. Strafe androhen für jede Stunde, die der Professor „schwänzte". Die Pedellen hatten eine Liste zu führen „ob neglectas horas" (toegett der versäumten Stunden). Und diese Strafgelder figurierten in dem Einnahmeverzeichnis des „oeco- nomus". Das Borbild der Dozenten wirkte auf die Hörer. Allzusehr war der frühere Student mit Kollegien gerade nicht belastet; wurde doch nur Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags gelesen. So blieb dem Studenten, selbst wenn er auch, nicht „schwänzte", Zeit genug, sich den „freien Künsten" zu widmen. In der rauflustigen Zeit, in der der Student nicht ohne Waffen ansging, und Streitigkeiten auf der Straße mit blutigem Ausgang att der Tagesordnung waren, spielte das Erlernen der F e ch t k u n st eine Hauptrolle. Gleich bei Eröffnung der Universität wurden auch Fechtmc ist er amtlich bestellt. Sie bezogen freie Wohnung, 5 Malter Korn, und 4 Klafter Holz. Bald mußten die d e u t s ch e n den französischen Fechtmeistern weichen; möglich, daß diese ihre Kunst besser verstanden. Sie hatten die „Stu- diosos im Fechten, Schwingen der Fahnen und Piken" zu lehren. Die Franzosen brachten in der Regel noch einen Bor- fechter mit, dem die Aussicht eröffnet wurde, später in die Stelle eines Fechtmeisters aufzurücken. Da die anfangs bewilligten Naturalbezüge zum Auskommen doch zu wenig waren, so wurden dem Fechtmeister außer dem Honorar ein Fixum von 60 Talern bewilligt. Im 18. Jahrhundert wurden wieder deutsche Fechtmeister angenommen. Der Fechtmeister Kreußler bezog 100 fl. aus der Kriegskasse und durfte ein monatliches Honorar von V/2 Taler von jedem Kursisten erheben. Er hatte auch das Voltigieren am hölzernen Pferde zu lehren. Da der Fechtmeister keine Rücksicht nahm auf die gleichzeitig liegenden Vorlesungen, so waren diese in der Regel schlecht besucht, sodaß der Professor oft „ohngelesen" nach Hause gehen konnte. Daß dem Fechtmeister behördlicherseits 1720 eine Weisung zugehen mußte, „die Studenten nicht zuviel zu besuchen", beweist, daß er seine Werbungen für feine Kunst sehr geschäftlich betrieben hat. Die Erlernung der edlen Tanzkunst war für den früheren Studenten nicht minder erwünscht wie heute, wenn er auch seine Kunst nicht auf öffentlichen Bällen, sondern höchstens auf einem Hausball zeigen konnte. Die Ankündigung eines „Fastnachtsballes" oder „Ludwigsballes" (ans 25. August) finden wir erst um 1790 nach Eröffnung des „Busch"schen (Steins) Garten augezeigt. Immerhin scheint schon früher die Anstellung eines Universitäts-Tanzmeisters Bedürfnis gewesen zu sein; wenigstens war schon 1700 ein solcher amtlich bestellt. Er war dem Fechtmeister gleich gestellt und bezog wie dieser 100 fl. aus der Kriegskasse. Er durfte gleichfalls V/2 Taler monatliches Honorar von seinen Kursusteilnehmern erheben, übernahm aber mit ferner Anstellung die Verpflichtung, die „Kadetten kostenfrei" zu unterrichten. Die ersten Lehrer fier Tanzkunst waren auch Franzosen, die sich oft noch einen Vortärtzer hielten. Nachdem man mit den Franzosen schlechte Erfahrung genracht hatte, waren wieder deutsche! Tanzlehrer tätig. Auch suchten daneben Studenten ihre Einkünfte zu erhöhen, indem sie Privatkrrrse im Tanzen eröffneten, was ihnen jedoch wegen „störenden Eingriffs in die Gerechtsame anderer" untersagt wurde. Neben dem! Universitäts-Tanzmeister finden wir 1807 in Gießen noch tätig einen mit Großherzoglicher Genehmigung privilegierten französischen Tanzlehrer. Er zeigt an: „Otto Serrurier, welcher die Tanzkunst in allen Teilen von Jugend aus in Frankreich zweckmäßig erlernt hat, und ehemals unter dem Reichskammergericht zu Wetzlar, sowie 75 Mch an verschiedenen Fürstlichen und Gräflichen Höfen Hieflaer Gegend mit Beisall Unterricht gegeben, offeriert, nach vorherig erhaltener gnädigster Großherzoglicher Erlaubnis, seine Dienste als ein anerkanntes Jugendbedurf- nis einem hohen Publikum der Stadt." Bald nach der Gründung der Hochschule faßte Landgraf Ludwig V. die Errichtung einer Universitäts- Neit schule ins Auge. Er wandte sich an den .Herzog von Württemberg mtb bat ihn um ein „gut dummelhafft Pferd" für sein zu gründendes Reitinstitut. Mit der Eröffnung der Reitschule ging es allerdings nicht so rasch. Es war für den Unterhalt eines Bereiters, wie damals der Reitlehrer hieß, zu sorgen, ferner für die Be- fchasstmg einiger geeigneter Schulpferde, ihre Verpflegung und ihre Unterbringung, sowie für die Herstellung einer Reitbahn. Der Senat der Universität verweigerte anfangs eine Beihilfe für das neue Institut wegen anderer Verpflichtungen, zeigte sich jedoch ein Jahr darauf bereit, einen Beitrag zu bewilligen für die Unterhaltung des Bereiters sowie für die Beschaffung tioit Hafer für drei Pferde, falls der Landgraf sich verpflichte, den Rest an Hafer, Heu und Stroh aus der „Kellerei" zuzuschießen. 1665 erhielt der landgräfliche Amtmann und Rentmeister zu Gießen die Weisung, ein Reithaus aufrichten zu lassen., Nach Errichtung desselben sandte der Landgraf seinen eigenen Bereiter mit einigen Schulpferden von Darlnstadt nach Gießen, um den Reitunterricht an der Hochschule zu übernehmen und eine „ordentliche Reitschule an der Academie" einzurichten. Der neue Universitätsbereiter Langsdorf erhielt neben seinem Gehalt als Hofbeamter und dem gewährleisteten Betrag von der Universität aufs neue bewilligt 70 Achtel Hafer und 9 ff. Hufbeschlaggeld. Langsdorfs Nachfolger bezog 100 fl., 20 Achtel Korn und 70 Achtel Hafer. Später wurde das Gehalt des Bereiters aus 100 Taler und 100 Achtel Hafer erhöht. Außerdem verpflichtete sich der Landgraf, das nötige „Rauhsutrer" und die Schulpferde selbst zu kiefern. Ueber das zu zahlende Honorar für den Reitunterricht wird nichts berichtet; jedenfalls wird es nicht geringer als das des Fecht- und Tanzlehrers gewesen sein. Es steht außer Frage, daß der damalige Student mehr wie heute dem Reitsport huldigte. Gehörte es doch damals zur allgemeinen Gepflogenheit des Studenten, bei der öfteren Anwesenheit des Landessürsten in Gießen oder bei dem Besuche sonstiger fürstlicher Gäste zu Pferde zu erscheinen, um Serenissimus die Reverenz zu bezeugen oder die hohen Gäste in feierlichem Zuge in die Stadt einzuholen. So zog bei der ersten Jubelfeier der Universität 1707 ein aus Studenten gebildetes Reiterkorps dem Erbprinzen bis Klein-Linden entgegen, um ihn in feierlichem Zuge nach der Feststadt zu geleiten. Irr der Zeit, in der die französische Sprache in den Kreisen der Gebildeten besonders gepflegt wurde, durfte auch an einer Universität ein Sprachlehrer oder Sprachmeister, wie er damals hieß, nicht fehlen. Die aus den Gymnasialanstalten hervörgegangenen Studenten kamen ohne jede Borkenntnis in der französischen Sprache ans die Hochschule, da Französisch nicht auf dem Lektionsplan der Gymnasien stand. Wer das Glück hatte, wie vornehme und adlige Herren, seine Vorbereitung zur Universität durch einen Hauslehrer oder Informator erhalten zu haben, beherrschte ivenigstens die Elemente der französischen Sprache. Dagegen war der damalige angesehene Student in der lateinischen Eloquenz sehr gefördert, und dies mit Recht; denn die meisten Vorlesungen wurden nur in lateinischer Sprache abgehalteu. Fast alle Professoren verstanden außer ihrer Muttersprache keine andere lebende Sprache, wenigstens nicht so, daß sie darin hätten unterrichten können, was sie wohl auch meistens nicht wollten. Doch war das Erlernen der französischen Sprache für den Studenten unbedingt notwendig, und wurde dafür auch schon von oben gesorgt. Selten sand sich dazu ein geschickter Deutscher, der in der fremden lebenden Sprache hätte unterrichten können. So mußte man denn zu Ausländern greisen. Doch legte der.Landgraf bei der Berufung Mert darauf, solche Personen zu erhalten, die „Unserer Religion zugetan wären". Oft finden wir 3 Sprachmeister, Italiener und Franzosen, neben „berufenen und unberufenen Lehrern" tätig, die sämtlich ein Fixum, wenn auch ein kleines, beziehen, ein Beweis dafür, daß die Nachf- frage nach Unterricht in der fremden lebenden Sprache recht, stark gewesen fein muß. 1659 erhalten die Italiener Jean d'Ordo und Giovanni Antonio del pozzo das fürstliche Privileg, in der „französischen, italienischen und hispanischen Sprache zu informieren". Ausfallend ist, daß nicht bloß um diese Zeit, sondern auch im folgenden 18. Jahrhundert das Erlernen des Italienischen und Spanischen Bedürfnis war, während nach Englisch keine Nachfrage war. Vorübergehend von 1696—1699 war ein Deutscher, Joh. Friedr. Riedel, als Sprachmeister an der Universität tätig. 1699 erhält wieder ein Italiener, Rosati, seine Anstellung als Sprachmeister mit 26 ft. Gehalt und 10 Achtel Korn. 1717 wurde ihm eine einmalige Gratifikation von 10 fl. zuteil. Obschon Rosati in seinem Landsmann Reinetti 1708 einen bedeutenden Nebenbuhler erhalten hatte, konnte er sich doch am längsten von allen Sprachmeistern halten. Er muß sich einer besonderen fürstlichen Gunst zu erfreuen gehabt haben; denn 1723 erhielt er eine Zulage von 50 fl unter der Bedingung, die Kadetten täglich eine Stunde umsonst zu unterrichten. Auch wurden ihm auf Lebenszeit drei Achtel Korn bewilligt. Als französischer Sprachmeister wirkte 1700 der räsugiö d'Eireval, der 45 fl. und 10 Achtel Korn an Gehalt bezog. 1716 unterrichteten neben einander die französische Sprache der Deutsche L. von Seidlitz und der Franzose de Flemme. Es müssen sich fortwährend neben den privilegierten Sprachmeistern noch Privatlehrer niedergelassen haben; denn wiederholt wird in Erinnerung gebracht, allen anderen sei das Unterrichten verboten. Am besten stand sich der 1722 bestellte französische Sprachmeister Gabriel Maria; er bezog 100 ft. aus der Kriegskasse und 50 fl. und 12 Achtel Korn von der Hochschule. Er mußte neben sich als Konkurrenten den Franzosen Dulac dulden. Das Honorar für die Sprachstunden sollte auch nicht mehr als IV2 Taler monatlich betragen. Oft treten auch Studenten als Konkurrenten der privilegierten Sprachmeister auf. Es wird auch diefen das Unterrichten untersagt, doch mit der Einschränkung, daß einem armen Studenten „zu seinem besseren Unterhalt" gestattet sein sollte, sobald er nach vorausgegangenem Examen als, tüchtig befunden wäre, im Französischen zu unterrichten. 1775 wurde Französisch als fakultativer Lehrgegenstand an dem hiesigen Gymnasium eingeführt; als außerordentlicher Lehrer trat ein der Universitäts-Sprachmeister Chastel. Da Gießen oft französische Gäste in seinen Mauern sah, wie int 7 jährigen Kriege, war die Kenntnis der französischen Sprache auch für weitere Kreise erwünscht. Chastel muß sehr lauge in Gießen tätig und ein gesuchter Sprachlehrer gewesen sein. Nach 1806 kündigt er im „Giesser Anzeigungs-Blättchen" die Uebertragung eines „Charaktergemäldes'von I. I. Engel: Lorenz Stark" ins Französische an und kennzeichnet „diesen vortrefflichen moralischen Roman als ein Lesebuch, welches die Eltern ihren Söhnen und Töchtern nicht ganz empfehlen rönnen". Landgraf Ludwig V. hatte bestimmt, daß die Professoren in Oel gemalt und ihre Porträts in den Hör- sälen der Universität aufgehäugt wurden und bewilligte zu diesem Zweck jedem Professor 5 fl. Aber erst 1720 finden wir an der Hochschule als U n i v e r s i t ä t s m a l e r einen Ehr. Max. Pronner. Sein Gehalt betrug anfänglich 15 fl. und 4 Achtel Korn und wurde später auf 50 fl. 10 Malter Korn erhöht mit der Bestimmung, daß er dafür „die Universitätsarüeit umsonst verrichte". Die Stelle eines Universitäts-Malers scheint nur vorübergehend er eiert worden zu fein; denn in dem Anstellungsdekret des Erwähnten findet sich der Passus, „daß mit seinem Ableben das ganze akademische Salarium eessire und dem fiseo wieder anheimfallen solle". Ob der Maler Berchelmann, der 1775 den fakultativen Unterricht im Zeichnen am Gymnasium übernahm, auch Universitätsmaler war, entzieht sich der Beurteilung. Wenn dies der Fall, dann war er jedenfalls nicht als solcher angestellt. Einen besonders bestellten Musik-Direktor hat die Hochschule von Anfang an nicht gehabt. Wenn auch das musikalische Leben im allgemeinen damals in Gießen noch sehr wenig rege war, so wurde die Musik jedoch am Pädagogium und an den Stadtschulen schon eifrig gepflegt. 1661 übernahm der Paedagogiarch Dr. Misler die Leitung der Musik am Paedagogium, während dem Superintendenten Haberkorn diese in der Kirche „und bei den Schülern auf den Gassen" übertragen wurde. Es bestanden demnach in Gießen Schülerchöre, die nach Art der „Currenden" wöchentlich einigemal vor den Häusern mehrstimmige Choräle sangen, wie sich dies noch in den süddeutschen Städten, 78 wie in Tübingen, bis in die neueste Zeit erhalten hat. Wenn erwähnt wird, daß sich 1693 ein Heinrich Breit-- haupt, „der die Glocken auf dem Kirchturme zu versehen hatte", um die Stelle eines „musikalischen Informators" an der Universität bewarb, so müssen die Studenten nicht ohne musikalische Versorgung gewesen sein. Mr Vokalmusik war er jedenfalls nicht angestellt, sondern nur für Instrumentalmusik; denn Lei festlichen Gelegenheiten erschienen die Studenten oft mit „Pauken und Tronrpeten". Im allgemeinen wurde die Musik in Gießen von den Stadtmusikanten besorgt, die auch bei hohen kirchlichen Festen das Blasen vom Kirchturm auszuführen hatten. Vielleicht war der Musikdirektor Bieler, der 1775 die Leitung des Gesanges am Gymnasium übernahm, auch „musikalischer Informator" au der Universität. Aus der „musikalischen Gesellschaft", die im Winter 1796 öffentliche Konzerte im „Hegelschen Saale" in den „neuen Bauen" für 48 Kreuzer ankündigte, hat sich möglicherweise der „Konzertverein" entivickelt. —h— Wann soll der Schulbesuch beginnen? In der Zeitschrift „Mode von heute" finden wir den Hinweis eines Arztes auf die wichtige Frage: in welchem Lebensjahre soll das Kind die Schule besuchen? Der Verfasser tritt mit Nachdruck für die Ansicht ein, daß es unbedingt vorzuziehen sei, das Kind erst mit dem vollendeten siebenten (nicht dem sechsten) Jahre zur Schule zu schicken, soweit sich dies unter den heutigen Verhältnissen irgend ermöglichen lasse. In seiner Begründung dieses Grundsatzes sagt er u. a.: „Das siebente Lebensjahr ist als wichtiger Abschnitt in der Entwickelung des Kindes anzusehen. Zunächst fallen die Milchzähne aus, das definitive Gebiß tritt an ihre Stelle. Außerdem findet ein erhebliches Wachstum des Gehirns statt. Das sind freilich durchaus physiologische normale Vorgänge, die nichts mit Krankheit zu schaffen haben, aber sic erheischen doch eine sorgsame Pflege und rücksichtsvolle Schonung. des Gesamtorganismus, damit sie ungestört verlaufen. Ob aber insbesondere letztere vereinbar ist mit den Anforderungen, welche die Schule stellt, ist mehr als fraglich. Gerade im ersten Schuljahr nimmt das Kind eilte Fülle von neuen Eindrücken in sich auf und hat sie geistig zu verarbeiten, es wird in dieser Zcitperiodc ein gewaltiges Pensum bewältigt, verhältnismäßig höher als je nachher. Die Folge davon ist, daß auch bei gesunden Knaben und Mädchen rticht selten eht Erschöpfungszustand beobachtet wird, der ihre Fortschritte hemmt, von schwäch- lichen ' ganz zu geschweige». Umgekehrt wird übereinstimmend von Aerzteu und Lehrern berichtet, daß Schüler, die erst mit ungefähr sieben Jahreit die Schule besuchen, den nun einmal unvermeidlichen Anstrengungen durchweg vollkommen gewachsen sind. — So fest diese Tatsache auch steht, so gewiß >vird der Einwand gemacht werdet:, daß ja Tausende vott Kindern heute so gut wie je zuvor mit sechs Jahrett in die Schule geschickt sind, ohne dadurch Schaden genommen zit haben. Es sei darauf folgendes erwidert: Die jungen Pferde werden gewöhnlich, wenn sie drei Jahre alt sind, zu Arbeitsleistungen herangezogen. Die Militärverwaltung indessen hält es anders. Sie kauft die jungen drei Jahre altett Tiere an und verpflegt sie ttock ein volles Lahr in den Remonte-Depots, in betten sie nur gut gefuttert und sorgsam gewartet werden. Erst bann werben sie bett Regimentern Übergeben und hier allmählich zum Reiten und Ziehen verwandt. Dieses Verfahren kostet ztvar alljährlich eine erkleckliche Anzahl hott Millionen, aber der Austvaud rentiert sich mit Zins und Zinseszinsen, beim bie Pferde sind kräftig und stark geworden I und dauern bei ihrem schweren Dienst eilte Reihe von Jahren länger an." Zur körperliche,! Erziehung der Kinder. „Kind, geh' doch grade!" „Sitz' nicht so krumm!" Wieder und wieder bekommt bie Heranwachsende Jugend die so sehr beherzigenswerte Mahnung zu hören, die gar nicht oft genug ! wiederholt werden kann, und wie eindringlich und ernst dazu, j ->icht so, daß Lieschen sich widerwillig ein wenig aufreckt, um | tctioH, kaum daß das Wort verklungen ist, von neuem in sich | iusammenzufalleit. Wie oft sieht man aber auch Kinder, die mit j pctbett Armen auf dem Tisch liegen, den Kopf so tief, daß bie j Jiafe fast bis auf bas Buch stößt. Gerabe beim Lesen und I Schreiben vernachlässigen die Sinbee sich am leichtesten in der | Körperhaltung. Es sitzt sich sehr gemütlich in bet Sofaecke zu- I ammengekauert tttib mit untergeschlageuem Fuß, gesund ist es I »ber nicht für den jungen, im Wachstum befindlichen Körper. | Ein bißchen flegeln und hernuMmmeln muß jedes Kind dürfen. Aber es gibt Sachen, auf die man in der Kindererziehung unbedingt achten muß. Das Schreibheft darf niemals nur gerade auf der Kante des Tisches liegen, weil vielleicht das Kaffeegeschirr noch I nicht fortgeräumt wurde oder der Mutter Näherei Platz beansprucht. Dann finden die Arme auf der Tischplatte nicht Halt, der rechte Ellenbogen schwebt in der Luft, und die Schultern werden schief gezogen. Auch darf der Tisch nicht zu hoch sein im Gegensatz zum Stuhl, damit das Kind sich nicht die Anne ausreckt und die Brust drückt, ebensowenig wie das Kind auf zu hohem Stuhl sitzen und sich mit krummem Rücken über die Arbeit neigen darf. Einen unschönen Gang kann vielleicht später noch der Tanzmeister verbessern helfen, aber für kurzsichtig gewordene Augen, für schiefe Glieder und krumme Rücken sind die Heilmittel bitterer und schwerer zu nehmen Brillen und Augengläser, Geradehatter und Streckbetten pflegen nicht immer als angenehme Medizin empfunden zu werden. VerMLsstzSss. * Tagbtatt oder Tageblatt? Es gibt Tagülätter und Tageblätter, jene im Süden, diese im Norden. So fragt beim mancher Norddeutsche, der etivas über sprachliche Dinge nach,denkt, ob es wirklich Tagblatt heißen dürfe; und der Süddeutsche wundert sich über das Berliner Tageblatt und andere Tageblätter. Welche Form ist nun als gutes Deutsch anzusehen? Die Antwort muß lauten: beide. Wir müssen da dem Süden lassen, was des Südens ist, und dem Norden, was des Nordens ist. Sv bestehen auch nebeneinander bie Formen Tagedieb und Tagdieb, Tagelöhner und Taglöhner, Tagewerk und Tagwerk, Tagebau und Tagbau, Tagefahrt und Tagfahtt, Tagegeld und Taggeld u. a. Die älteren Formen haben den ersten Bestandteil in deck Form taga, das sich eben später zu Tage abschwächte. Wenn nun ttn Süden Taglohn und Tagblatt gesagt wird, so hängt das mit tnundartlichen Eigentümlichkeiten, namentlich mit der här- tereu süddeutschen Aussprache zusammen, wie man beim ja auch im Süden Badhaus, Badstube, Badarzt sagt, im Norden aber Badehaus, Badezimmer und Badearzt. Auch hier hat das Althochdeutsche bie vollere Form bada, also das Hauptwort, und diefe hat sich, gerade wie taga zu Tage, zu Bade abgeschwächt. Mit dem Zeitworte „baden" haben diese Zusammensetzungeit also ebensowenia etwas zu tun,, roie die anderen mit „tagen". — Andere Zusammensetzungen hinwieder sind mit Zeitwörtern zusammengesetzt, io z. B. Zeigefinger, Lesezimmer, Sterbezimmer. * Was einePariserinwertist. Im „Petit Journal" schreibt em Statistiker: Man behauptet, daß es in Frankreich teilt Geld mehr gebe; aber es liegt ober läuft vielmehr auf den Straßen herum. Man berechne nur, was die Kleidung und bie Schmucksachen einer eleganten Frau wert sinb: Schuhe 80 Fr., Strümpfe 25 Fr., Hemd 100 Fr., Korsett 200 Fr., Unterbein» tleiber 200 Fr., Unterrock 300 Fr., Kostüm 800 Fr., Pelz 5000 Fr., Ohrringe und Ringe 6000 Fr., Perlenhalsband 20 000 Fr., Handschuhe 20 Fr., Hut 200 Fr., Kämme 300 Fr., Schildpatt- nabeln 60 Fr., Hutnabeln 1000 Fr., Geldtäschchen 300 Fr., im ganzen 35 085 Fr., die man auf Schritt und Tritt in dm Läden, in den Kirchen, in den Ausstellungen treffen kann. Man könnte sagen, daß ich Ausnahmen anführe; nehmen wir also bie Regel, die Frau aus dem reichen Bürgerstand. Schuhe 25 Fr., Strümpfe 6, Hemd 25, Korsett 60, Beinkleider 50, Unterrock 120, Kostüm 200, Pelz 600, Schmuck 1500, Handschuhe 5, Hut 80, Kämme 50, Hutnadeln 30, Geldtäschchen 50, im ganzen 2800 Fr., die man auf Schritt mnd Tritt trifft .... Und dabei sind die Haare und die Zähne, die doch etwas gekostet haben, noch nicht mitgerechnetk j Zobel Cid Tattschrätsel, | Ohr Laube (Nachdruck verboten.) I Hebel Licht Onkel Keller Kops Muster Die.Anfangsbuchstaben nebenstehender Wörter sind mit anderen Buch- Segen staben derart zu vertauschen, daß man ebensoviete neue Wörter erhält, bereit Jagd | F»ge Anfangsbuchstaben ein Sprichwort ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Giiterräisels in voriger Nuuunerr TAO Tagediebe 8 e e 0 1 r A d e 1 s b e r ff i b ü e e b 0 b e r r ü b e u e 8 u Redaktion: Ernst Heß. — RotalionSdrnck und Verlag der Brühl'lcken Unwerstläts-Buck- und Sleindruckeret. R. Lange, Vietze».