Areitag den 4. Januar f?| W i»" lil Wa Menjchenlköen, bis fugen. Nonmu von H. Ehrhardt, Verfasserin von „ivtitlellose Mädchen". Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Als der Kaffee aus der großen Veranda serviert ivurde, stand die Sonne schon tief. Sie tauchte Hannas Kopf in Flammengluten und malte das blasse Gesicht der am Tisch sitzenden Dame mit trügerischem Rot. Adele Kronau war die jüngste der drei Schwestern des Rittmeisters und die einzige, 'welche unvermählt geblieben war, während die anderen sehr vornehme aber wenig gut situierte Männer geheiratet hatten und sehr oft die Hülfe des „Erbonkels" für sich beanspruchten. Durch eine trübe Jugenderfahrring ernst und verschlossen geworden, hatte das Leben und die Geselligkeit keinen Reiz für Adele gehabt und sie hatte sich mit großer Pflichttreue der Waise ihres Bruders angenommen, als diese, ein bildschönes achtjähriges Kind nach Balldorf gekommen war, aber zwischen Hannas und ihrer Weltanschauung lag eine zu große Kluft, als daß sie im Zusammenleben mit der erwachsenen Nichte hätte Befriedigung finden können. Steif und gerade saß sie, in ihrem schwarzen, die große hagere Gestalt eng umschließenden Kleide da, wie die verkörperte Etikette. Ihre hellblauen Augen, die einen müden, glanzlosen Blick hatten, hingen an der bräutlichen Nichte, welche, ungeniert auf der weinlaubumrankten Balustrade sitzend, sich damit vergnügte, den Verlobten mit den Beerenfrüchten des wilden Weins zu bombardieren. „.Hanna, komm hierher, das schickt sich nicht!" befahl sie endlich geärgert. Das junge Mädchen sah nur flüchtig nach ihr hin, ohne ihr Spiel zu unterbrechen. Der Rittmeister lachte über das ganze weingerötete Gesicht. „Laß mir doch das Mädel in Ruh, Dele!" sagte er, gut gelaunt, „mag sie die Freiheit noch ein bißchen genießen, Gerhardt wird ihr später schon die Tollheiten austreiben. Nicht wahr?" Der Regierungsassessor war aufgestanden und legte, neben Hanna tretend, den Arm um ihre schlanken Hüsten. Sie drückte den Kopf leicht an seine Schulter. „Jst's wahr, Oskar?" flüsterte sie, „wirst Du sehr streng zu mir sein?" Er küßte sie rasch und heiß. „Ich glaube kaum, Liebling." Und zu den beiden am Tische gewandt, setzte er hinzu: „Sie ist noch ein Kind, ein sehr törichtes, reizendes Kind, — es wäre schade, ihr diese Kindlichkeit gewaltsam zu nehmen." Adele hatte die Lippen herbe zusammen gekniffen und hüllte sich in eisiges Schweigen. Tie beiden Herren sprachen über die Fassung der Verlobungskarten. Hanna warf lebhafte BemerÄngen dazwischen. Ihrer besten Pensionsfreun- bht, Marga von Tressenberg, würde sie zuerst auch nur eine gedruckte Anzeige schicken. Schade, daß sie ihr erstauntes Gesicht nicht sehen konnte. „Und nicht wahr, Oskar, einladen darf ich mir die Marga doch bald, wenn Ivir verheiratet sind?" schmeichelte sie, „das arme Ding hat so sonderbare Eltern, die keinen Verkehr im Hause haben und ihre Tochter zu keinem Vergnügen lassen, weil sie nicht wollen, daß sie heiratet: Es macht mir ja einen Riesenspaß, diesen Rabeneltern einen Streich zu spielen und Marga zu verheiraten. Willst du helfen, Schatz? Darf ich sie einladen?" Der Mann sah entzückt in ihr lebhaftes, kindliches Gesichtchen. „Wenn du es gern willst, soll sie kommen!" versprach er herzlich, „und ich will ihr auch gern zu einem guten Manne verhelfen. Ich wüßte sogar einen für sie. 'Aber sie muß hübsch und nett sein und — sie muß Geld haben." Hanna klatschte in die Hände. „Hat sie, hat sie!" jubelte sie ausgelassen, „und hübsch und nett ist sie auch. Also wer ist's? Kenne ich ihn?" Der Gefragte schüttelte den Kopf. »Ich glaube kaum!" sagte er mit der freundlichen 9i he, die sein ganzes Wesen kennzeichnete, „es ist der Oberleutnant von Poseck, Sechster Artillerist in B." „Den sollten wir doch kennen!" warf der Rittmeister ein, „er lag während der großen Schießübungen im vorigen Jahre vierzehn Tage lang hier bei uns im Quartier. Ein hübscher, blonder Kerl, sehr musikalisch. Fragen Sie Hanna. Es hat sie nie wieder jemand zu ihrem Singsang so gut begleitet, pflegt sie noch heut zu behaupten. Wir mochten ihn alle sehr gern." Adele nickte sehr energisch Beifall. Das junge Mädchen aber sagte auffallend ruhig: „Er' war auch wirklich ein netter Mensch. Und er ist dein Freund? Wie merkwürdig!" „Ja, sogar mein liebster Freund noch von der Schulbank her. Ich war jahrelang täglicher Gast im Hause seiner Eitern, nun lebt ihm nur noch die Mutter. Wie mich das freut, daß Ihr Euch kennt! Ich hätte ihm sonst ein Bild von dir entwerfen müssen, und dich würdig zu beschreiben Lieb, dazu ist keine Feder fähig." Hanna errötete verschämt. Gerhardt hätte sie gern geküßt, aber er wagte es nicht ein zweitesmal in Gegenwart der Verwandten. Ihm schien's, als sei seine vorherige Zärtlichkeit Hanna peinlich gewesen. Ter Rittmeister kam ihm zu Hülfe. „Bei Poseck fällt mir ein — singe uns doch was, Hanna!" sagte er plötzlich. „Gerhardt wird dich wohl auch begleiten können. Karl kann dir die Lichter drinnen anzünden." „Ist nicht nötig", wehrte das junge Mädchen ab und erhob sich hastig, „ich sehe noch genug und begleiten Werb' ich mich lieber selbst. Aber Oskar mag mitkommen und mir die Noten mnwenden." Sie sagte es mit reizend koketter Herablassung und 6 lachte ihrem Bräutigam, der erfreut aufgesprungen war, neckisch zu. Das heiße Blut stieg ihm ins Gesicht. Er legte den Arm Um sie und so traten sie in das sogenannte Gartenzimmer. Dort drückte er sie an sich und bedeckte ihren Mund mit Kissen. „Mein süßes Mädchen!" flüsterte er innig, „hast du mich denn wirklich lieb?" „Aber natürlich, Schatz!" gab sie rasch zurück und die Dämmerung des Zimmers verbarg ihr leichtes, ungeduldiges Stirnrunzeln. „So küsse mich einmal!" bat er, „du mich!" Sie streckte sich auf den Fußspitzen und schüchtern wie ein Hauch berührte sie mit ihren Lippen die seinen. Dann zog sie ihn rasch in das anstoßende Zimmer. Dort stand der herrliche Blüthnersche Flügel schräg im Gemachs so daß der scheidende Tagesglanz ihn noch mit verblassenden rötlichen Lichtern traf. Die Fenster, nach der Veranda zugehend, waren iveit geöffnet und der herbstliche Geruch vermodernden Laubes und feuchter Erde drang aus dem Park herauf. Hanna setzte sich an den Flügel, schlug ein rötliches Heft, das auf dem Pult gelehnt hatte, ditf und dann klang ihre wunderbar geschulte schöne Sopranstimme glockenhell durch das dämmerige Zimmer. Sie sang eins der „Rosenlieder" von Philipp von Eulenburg: „Seine Lippen sind die Rosen rot, seine Küsse bringen Dornennot." Sie lächelte ein wenig spöttisch bei diesen Worten. Was müßten das für Küsse sein, die ihrer egoistischen Natur Dornennot zu bereiten vermöchten? Wohl ahnte sie den schlummernden Funken in ihrer Seele, aber sie wußte auch, Oskar Gerhardt würde der nicht feilt, der die lodernde Flamme daraus entfachen konnte. Sie ärgerte sich fast, ihm gerade ein Liebeslied vorgesungen zu haben. Eilig klappte sie das Heft za und sprang auf. Sie war trotz feines zärtlichen Bittens nicht zu bewegen, noch etwas zu singen. Sie entschuldigte sich mit einer plötzlichen Abspannung, die sie überfallen. Gerhardt hatte zartfühlendes Verständnis dafür. So schwer es ihm ward, bestellte er bald darauf seine Pferde. Hanna hielt ihn nicht zurück. Nach einer halben Stunde rollte sein Wagen aus dem Tore. Ueber das Gutshaus von Balldorf senkte sich die Nacht und nächtliches Schweigen. Das fensterreiche Gebäude lag düster in schlafender Ruhe, nur ein Fenster, nach der Parkseite zu, schimmerte in schwacher Helle. Dort lag Hanna auf ihrem von blanseidenen Vorhängen umrauschten Bett. Das zitternde Licht einer opalfarbenen Ampel gab dem Gemach eine unklare Dämmerung. Hanna pflegte sonst im Dunklen zu schlafen, heut empfand sie ein an Furcht grenzendes Unbehagen vor den Schatten der Nacht. Ob dieses Gefühl der Aufregung eines Verlobungstages naturgemäß entspringen mochte? Sie hatte oft gehört von Menschen, die das Glück nicht schlafen ließ. War sie eigentlich glücklich? Sie dachte an ihren Verlobten. An seine Küsse, seine zärtlichen Worte. Aber keine bräutliche Seligkeit ließ sie erbeben. Oskar Gerhardt gefiel ihr zwar besser, als ihr bis jetzt ein anderer gefallen hatte--ihr Gedankengang stockte. Aus dem Dämmer vor ihr drängte sich ein schlanker, blonder Offizier dazwischen und sah sie aus ehrlichen braunen Augen an. Ihr Herzschlag begann schneller zu schlagen. Sie richtete sich halb auf. Ob das ivohl Liebe gewesen war? Sie war noch sehr jung damals, kaum siebzehn Jahre, aber sie hatte doch redlich mit dem hübschen Artillerieoffizier kokettiert. Auch geträumt hatte sie, törichte Träume von einem leidenschaftlichen, jauchzenden Glück in bescheidenem Rahuien. Du lieber Gott, hätte ihr das ivirklich einmal begehrenswert erscheinen können? Sie warf sich in die Kissen zurück. Ihr Herz ging wieder in ruhigem Gleichmaß. Ein mitleidiges Lächeln überflog ihre schönen Züge. Sie begriff sich heut nicht mehr. Sie hatte sich sehr geändert. Sie besaß jetzt ein kühles Herz. Das schützte vor allen Dummheiten. Sie drückte den Kopf befriedigt tiefer in die weichen Kissen. »Daß Walter Poseck auch gerade Oskars bester Freund sein muß!" Das war so ungefähr ihr letzter Gedanke. Wenige Sekunden später schlief sie den tiefen traumlosen Schlaf unbekümmerter Jugend. II. In der flachen fruchtbaren Gegend Oberschlesiens liegt der große, aus den drei Rittergütern Loßwitz, Wabern und Berndan bestehende Besitz, der sich seit undenklichen Zeiten in den Händen der Freiherren von Tressenberg befindet. Der jeweilige Besitzer pflegte das geräumige alte Schloß in Loß- ivitz zu beivohnen. Es war ein feudaler Backsteinbau, von zivei vorspringenden viereckigen Türmen flankiert, an deren Mauern sich Kletterrosen emporrankten, mit breiten aber niedrigen Fenstern und düsteren, hohen Zimmern. In einem Zimmer nach der Hofseite zu, saß an einem warmen Septembertage, von der untergehenden Sonne noch voll beleuchtet, ein älterer, stark ergrauter Herr mit einem durch buschige Brauen sehr finster erscheinenden roten Gesicht in einem schon etwas defekten Korbsessel. Der Schreibtisch vor ihm war mit Wirtschaftsbüchern, Geschäftsbriefen und verschiedenen Päckchen, wohl Getreide und Samenproben enthaltend, in regellosem Durcheinander bedeckt. Jeder Luxusgegenstand daraiif fehlte. Ueberhaupt war das ganze Zimmer puritanisch einfach möbliert. In Einem gewissen Kontrast zu der fast ärmlichen Um» gebung stand die elegante Erscheinung eines jungen Mannes, welcher vor dem alten Herrn am Schreibtisch lehnte und düster vor sich hinstarrte. Zwischen den beiden schien soeben eine längere Auseinandersetzung stattgefunden zu haben, die keinen Teil befriedigt haben mochte. Der Besitzer von Loßlvitz — denn der alte im Lehnstuhl war der Majoratsherr Georg Werner von Tressenberg — nahm nun noch einmal Wort: „Mehr gebe ich dir keinenfalls, Joachim, es verleitet nur zuin Leichtsinn!" sagte er unnötig schroff. „Ich dächte, hundertfünfzig Mark wäre Geld genug. Schränke dich ein, stecke etwas zurück mit deinen kostspieligen Passionen und laß dir nicht etwa einfallen, Schulden zu machen. Du kennst mich — du hast bei mir auf keine Nachsicht zu rechnen — keinen Pfennig bezahle ich davon und solltest du auch deshalb um Vie Ecke gehen." Der junge Mann lächelte bitter. „Warum hast du mich erst dazu gezwungen, Offizier zu werden?" entgegnete er, den großen Blick fest auf das verbissene Gesicht des Alten gerichtet, „du kanntest doch gut genug die Gefahren und die Versuchungen des Osfizierslebens — und wenn man, wie ich, sich zu entschädigen hat für eine zerstörte Zukunft — —" Er brach ab, als sei ihm etwas in die Kehle gekommen, was ihn am Weitersprechen hinderte. Dann fuhr er leidenschaftlich aus: „Warum hast du mich nicht studieren lassen, Vater? Du hättest es nicht zu bereuen gehabt!" Es lag eine wuchtige Anklage in den wenigen Worten. Und der Freiherr schien das zu fühlen. Brüsk erhob er sich. „Spare alle Worte!" sagte er eisig und griff nach der verblichenen Jagdmütze auf dem Schreibtisch, „ich ivill davon nichts mehr hören. Anstatt mir zu danken, daß ich dich bei einem der vornehmsten Regimenter untergebracht habe, kann ich noch Vorwürfe von dem liebenswürdigen Herrn Sohn anhören. Sehr schön, wirklich! Dazu bist du also her- gekommen? Nun, da dispensiere ich dich in Zukunft von deinen Besuchen." „Vater!" schrie der junge Offizier auf und seine ein wenig frauenhafte Hand klammerte sich fester an die Schreib-, tischkante, „was berechtigt dich zu solcher Härte? Ich habe mich dir stets willenlos untergeordnet, aber um feine Zukunft kämpft schließlich jeder Mensch. Weiß Gott, ich habe schlecht genug darum gekämpft!" Auch seine Stimme durchklang jetzt momentan schneidender Hohn. „Du verlangst, daß ich standesgemäß auftreten soll, aber die Mittel dazu willst du mir nicht geben. Du wirfst mir kostspielige Passionen vor! Soll das heißen, daß ich mir nicht einmal in einem guten Buche Ersatz für meine geliebte 1 Wissenschaft suchen darf, daß ich mir nicht einmal eine Reise „Genug", unterbrach ihn der Freiherr. Seine blauen Augen schleuderten Blitze. „Reize mich nicht zum äußersten. Ich weiß, was ich zu tun habe." Mit wuchtigen Schritten ging er nach der Tür. Gleich darauf fiel sie schmetternd hinter ihm ins Schloß. Der Zurückgebliebene stand mit geballten Fäusten. Für einen Moment nur. Dann ließ er die Hände schlaff sinken und trat an das offene Fenster. Warum war er erst so töricht gewesen, mit einer Bitte an den Vater heranzutreten? Er kannte ja doch den starren Trotz des alten Freiherrn, unter dessen Druck seine ganze Umgebung seufzte. Nie hatte jemand gewagt, sich gegen seinen Willen aufzulehnen. Und heute hatte er es gewollt, der dein eigenen Vater stets ein Dorn im Auge gewesen. Er war aus der Art geschlagen, wie der Freiherr grollend zu bemerken pflegte, „kein echter Tressenberg!" Das waren alles riesige, breitschulterige Gestalten gewesen, derb die Gesichtszüge, blond und blauäugig, lärmende, streitsüchtige Gesellen, denen früher das Schwert sehr locker in der Scheide gelegen. (Fortsetzung folgt.) Pfarrer Jatho über den Wunderglauben. Ueber die Wundererzählun^en der Bibel sprach in der vom Verein für evangelische Freiheit in Köln veranstalteten öffentlichen Versammlung der Pfarrer Jatho. Wir entnehmen dem Berichte der „Köln. Ztg.": Diese Wunderberichte nannte Jatho einen Zaubergarten der Poesie und menschlichen Phantasie. Er suchte klar zu machen, daß die Zahl der Tatsachen, die unter den Begriff Wunder, das heißt unter die Geschehnisse, die den geordneten Zusammenhang der Natur durchbrechen, gestellt werden können, im Lauf der Jahrhrmderte immer kleiner geworden ist, sodaß man diesem Wunderbegriff heute ganz anders gegenüberstehe als vor einigen taufend Jahren. Heute müsse dieser Wunderglaube als irreligiös betrachtet werden, weil er auf der Furcht vor dem denkenden Verstände beruhe. Da aber der Religion der Wahrheit und Liebe mit solcher Furcht nicht gedient sei, hege man an diesem überlieferten Wunderbegriff mit Recht Zweifel. Den Streit um die Wunder der Bibel bezeichnete der Redner nicht als einen religiösen Streit, sondern als einen geschichtlichen, einen wissenschaftlichen und literarischen Streit, der sich durchaus auf dem Boden der verstandesmäßigen Erörterung bewege. Von den Wundererzählungen der heiligen Schrift greift er die von den Evangelisten und von Jesus heraus und stellt fest, daß sie selbst Paulus in seinen Predigten nicht als Stütze oder als Waffe für Jesus gebraucht habe, ein Umstand, der die Wundererzählungen der Evangelien historisch verdächtig mache. Wenn er und die. Evangelisten von überirdischen Dingen erzählen, so reden sie von inneren Erfahrungen, wie sie alle religiös besonders stark erregten Menschen ansgefaßt haben, und wie man sie bei Angehörigen aller Völker vorsinde, also von Vorgängen rein psychischer Natur. Die Evangelisten wollten mit ihren Erzählungen zum größten Teil wirkliche Wunder berichten, und man würde ihnen Gewalt antnn, wenn man das bestreiten wollte. Zu bezweifeln sei nur die Geschichtlichkeit ihrer Wnndererzäh- htngen, und zwar aus religiösen Gründen und aus Gründen der Vernunft. Auch darin, daß sie ungenau verbürgt seien, sei eine Ursache, sie kritisch zu untersuchen, zu erblicken. Ferner gebe der Umstand, daß die Wunder des Neuen Testaments in allen Religionsurkunden, so in den Lehren von Buddha, Mohammed und Konfuzius, in gleicher Weise erzählt werden, zu geschichtlichen Zweifeln Anlaß. Man dürfe auch nicht unterscheiden zwischen biblischen Wundern und katholischen Legenden und dabei vielleicht die Wahrheit der letzten im Gegensatz zu jenen bezweifeln, denn eine solche Inkonsequenz wäre ungerecht. Einen weiteren geschichtlichen Grund, der Zweifel an der Richtigkeit' der Wundererzählungen wachruft, erblickt der Vor-- tragende darin, daß zur Zeit Jesu dem Volksbewußtsein ein bestimmtes Messiasbild vorgeschwebt habe; das damalige Volk sei davon überzeugt gewesen, daß Jesus kommen müsse. Deshalb habe auch derjenige, der auf den Namen Messias Anspruch machen wollte, das Programm der Wunder des Alten Testaments aufstellen und durchführen, also Wunder tim müssen, wie man sie von ihm erwartete. Zweifelsgründe sehe man sodann auch darin, daß ein Messias allüberall erwartet wurde; das Sehnen nach dem Erlöser ging durch bie gesamte damalige römische Welt. Daher sei es auch gekommen, daß man viele bedeutende Männer als Erlöser angeführt habe. Die Geschichte von Buddha zeige zum Beispiel dieselbe Kindheitsgeschichte tote die Kindheits- legenbe Jesu. An derartigen Tatsachen solle man nicht gedankenlos vorübergehen. Man habe es mit ihnen als mit einem mirakulösen Zeitmotiv zu tun, das in allen Völkern des Altertums wirkte und nicht unbedingt von einem Volk auf das andere literarisch überliefert zu sein brauche, denn derartige Dinge hingen' in derart religiös bewegten Zeiten geradezu in der Luft. Aus diesem Grunde dürfe man jedenfalls berechtigt sein, diese Ueber- liefenmgen von den Wundererzählungen der Evangelisten in Zweifel zu ziehen. Diese Dinge hätten auch gegenüber dem Judentum und seinem Zweifel an Jesu als Waffe dienen müssen. Schließlich machte der Redner literarische Gründe gegen di« Wundererzählungen geltend, indem er dartat, daß derselbe Wunderstoff von den verschiedenen Evangelisten in verschiedener Form erzählt wurde. In Berücksichtigung aller dieser Umstände wär« es verniessen, wenn man nicht an diese Wundererzählungen di« kritische Sonde legen und prüfen sollte, ob sie nicht etwa aus Quellen stammen, die auf geschichtliche Autorität keinen Anspruch erheben können. Der Vortragende erllärte sich di« Sach« so, daß aus Visionen allmählich Geschichte geworden fei, so auch aus dem Vorbild des Alten Testaments die Nachbildung im Neuen. Der Stoff selbst lasse sich scheiden in drei Gruppen, nämlich in Heilungs-, Seht- mid Speisungswunder. Die von der größten Gruppe, die Heilungswunder, haben verschiedenartigen Charakter^ einzelne müsse man von vornherein ins Gebiet der Mirakel verivetsen, andere seiet» auf den damaligen Dämonenglauben zurückzuführen, der zum Ausdruck gekommen sei im Aberglauben über Nervenkrankheiten. Daher rühren die Anschauungen von dem Znstand ber Besessenen, Tobsüchtigen nsw. Heute wisse man ans Grund der medizinischen Wissenschaft, daß solche neu- rasthenischett Erkrankungen nicht immer organische Leiden zu fein brauchen, bei bereit Heilung die Person des Arztes einen ebenso starken Einfluß ausübt wie die Medizin. Derartige Kranken- heilungen durch Suggestion möge 3efu§ in großer Zahl vollzogen haben, ohne daß darin etwas Wunderbares jti erblicken Jet. Jesus sagte ja auch selbst, daß derjenige, der keinen Glauben an seine Methode habe, nicht geheilt werden könne. Davon, daß Jesus körperliche Gebrechen geheilt habe, wisse man int allgemeinen nichts. Daß dieser Heilkunst Jesu nichts lieber« natürliches innewohnte, gehe schon daraus hervor, daß Jesu selbst großen Wert darauf legte, daß auch seine Jünger sie lernen sollten, sowie daraus, daß die Pharisäer ebenfalls Dämonen ans- trieben. Jubezug auf die Seh- und Speisungswunder gäbe es viele Vorbilder des Alten Testaments, so von Moses, Josua, Elias nsw. Alle diese ErzäUungen führten in die Kinderstube des menschlichen Verständnisses; der reife Mensch gehe aber über sie hinweg zum Weihevollen im Leben der Natur und des Geistes. Unsere Zimmerpflanzen im Winter. Am meisten leiden unsere Ziinmerpflanzen im Winter durch ungleichmäßige Temperatur, trockene Zimmerluft und Zugluft. Besonders werden diejenigen Pflanzen dadurch sehr hart getroffen, die im Winter nur einen kühlen Standort vertragen, wie z. B. Kamelien, Azaleen, Eriken und ähnlich« beliebte Zimmergewächse. Aus diesem Grunde Hut schon mancher Blumenliebhaber die Kultur der Azaleen eingestellt, weil sie im Winter die Blatter verlieren und die Blumen nicht zur Entwickelung bringen. Gibt man jedoch diese»» Pflanzen einen Standort im kühlen Zimmer, etwa bei ff- 5 bis 6 Grad R., so fühle»» sie sich ga»»z wohl; sie lieben es, bei Tauwetter am offenen Fenster zu stehen. Im Wohnzimmer jedoch, wo die Zimmerwärme d»»rchschnittlich +14 Grad R. beträgt, ist es diese»» Pflanzen zu warm, zumal die Fenster oft geöffnet werden und die Pflanze»» der hereiuströmenden kalten Luft ausgesetzt bleiben. Komint bann noch dazu, daß die Pflanze»» Bei der ohnehin trockene»» Luft einmal über das Maß ausgetrocknet find, so ist schon ein Blattfall unvermeidlich und die Blüte in Frage gestellt, da bei diesen Pflanzen die Wirkung der Trockenheit dieselben Erscheinungen zeitigt wie eine Schädigung durch Frost. Bei einem kühlen Standort ist die Gefahr weniger vorhanden, da hier ohnehin die Pflanzen nicht so schnell austrocknen. Nur während der Blütezeit könne»» sie im Wohnzimmer aufgestellt werden. Dieselbe Behandlung ist auch für die Myrten zu empfehlen. Alpenveilchen, Primeln, Blattbegonien sowie solche Begoniensorten, die im Winter blühen, wie zum Beispiel die schöne „Gloire de Soraiue", Begonia Credneri und andere, vertrage»» die Zftnmerluft weit besser und entwickeln, in der Nähe des Fensters aufgestellt, vollkommen ihren reichen Blütenflor. Aber auch diese Blumen müssen vor kalter Zugluft geschützt werden. Da besonders während der Blüte ein „Welkwerden" für die Pflanze sehr nachteilig ist, so ist es sehr wichtig, daß die airhaltend langblühende,» Alpenveilchen nicht zu trocken werden. Bei Blumenzwiebeln ist während der Blüte ein kühler Standort des- loegen zu empfehlen, weil sie sich dadurch länger blühend halten; dasselbe gilt für die getriebenen Sträucher und ©tauben. Von Blattpflanzen vertragen die Zimmerpflanzen, Ptekto- gynen, Philodendron, Gummiba»»m den Standort im Wohnzimmer am beste»», desgleichen der hängende Zierspargel (Asparagus Spren- gari), Tradescantien und verschiedene Farne. Dagegen ist die Zimmeredeltanne (Araucaria exelsa) gegen hohe Wärme im Winter 8 sehr empfindlich; man erhält sie nur schön in ganz kühlen Räumen, wo sie vor Frost geschützt ist, wo aber wenig geheizt wird, und wo es doch gut hell ist. Gerade bei den Araucarien wird sehr oft der Fehler gemacht, daß ihnen ein zu warmer Standort im Winter gegeben wird, sodaß sie infolge der trockenen, warmen Luft zugrunde gehen. Bei Tauwetter reichlich frische Lust und ein nicht zu reichliches Feuchthalten des Ballens erhält die Araucarien auch im Winter vollkommen gesund. Oleander, Lorbeerbäume, Evony- mus, Aukuba, Jucca und die harten Sorten Dracenen sind auch im Winter gänzlich unempfindlich. Man sollte aber diesen Pflanzen einen so kühlen Standort geben, daß sie nicht vorzeitig zum Trieb angeregt werden. Selbst ein gelinder Frost schadet diesen Pflanzen während des Winters nicht, wohingegen sie auf einem allzu warmen Standort leicht vom Ungeziefer befallen werden. Die meisten Fettpflanzen wie die verschiedenen Kakteen, Aloen, Agaven, Echeverien und dergleichen lieben einen halbwarmen, trockenen Standort im Winter und verlangen anch nur eine ganz geringe Wurzelfeuchtigkeit. Wem: sie etwas kühl stehen, so braucht man sie fast gar nicht zu gießen, bei wärmerem Standort ist jedoch eine Wassergabe ab und zu erforderlich. Sie sind im allgemeinen in Bezug auf Wärmegrade anspruchslos, dagegen schädigt sie am meisten eine übermäßige Feuchtigkeit. Will man also seine Zimmerpflanzen int Winter gesund erhalten, so muß man in deren Behandlung einen Unterschied machen: Azaleen, Kamelien, Erika, Myrten usw. kühl, aber gleichmäßig feucht. Zimmerpalmen, Plektogynen, Gummibanm, Philodendron, Alpenveilchen, Primeln, Begonien usw. im Wohnzimmer und gleichmäßig feucht; wenn sie staubig sind, müssen die Blätter mit einem feuchten Schwamm abgewaschen werden. Araucarien ganz kühl und nur mäßig feucht. Oleander, Lorbeer, Eronhmns usw. besser kühl als warm; sie müssen ferner nach Bedarf begossen werden. Alle Fettpflanzen lieben einen nicht allzuwarmen Standort, aber möglichst wenig Feuchtigkeit. LrteVKvi^cdes. — M en s ch he it s ziele. Eine Rundschau für wisseu- schastlich begründete Weltanschauung und Gesellschaftsreform mit Beiträgen hervorragender Schriftsteller, herausgegeben von Dr. H. M o l e n a a r, München, Verlag von O 11 o W i g a n d m. b. H., Leipzig, Jahresbetrag 6 Mk. Das 1. £eft (64 S. 4°, 1,80 Mk.) bringt auf dem Umschlag eine Zeichnung A. Schindlers, welche die fortschrittlichen Tendenzen der Zeitschrift wirkungsvoll symbolisiert, mit wuchtiger Hand durchhaut ein Schwertbewaffneter das Dornengestrüpp, das den Weg zum Tempel der Menschlichkeit überwuchert. Ein Bild des jüngst verstorbenen Berliner Dichter- philosophen Wolfgang Kirchbach von seinem Bruder, dem bekannten Historienmaler Prof. Frank Kirchbach, bildet eine Beigabe zu seiner Lebensskizze aus der Feder seiner Witw- und einem hinterlassenen Essay über „Giordano Bruno". Aus dem reichhaltigen Inhalt der Nummer seien hervorgehoben: Dr. Schallmayer: Erbentwicklung bei Völkern als theoretisches und praktisches Problem. Dr. M. Schwann: Ein Nachtgang (Gedanken über Leben und Tod). Dr. I. Unold: Religion und Ethik. Dr. N. Steinmetz: Negative Kulturgeschichte. Dr. H. Pu- dor: Die Tierpsyche in der modernen Kunst. Dr. R. Penzig: Das Evangelium des Kindes (Weihnachtsbetrachtung). G. Nuseler: Melträtfel. G. Cabanis: Kinder der Sterne, Gedichte. W. St.: Ist der heutige Religionsunterricht zweckentsprechend? Dr. H. Molenaar: Was lehrt der Monismus? — Ein sranzösiseher Bismarckverehrer. Bücherbesprechungen. Zeitschriftenrundschau nsw. — Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. W. von Oettiugen, Die bunte Menge. (Flugblätter für künstlerische Kultur, Heft 5. Stuttgart, Strecker und Schröder, 1906.) — Es handelt sich hier um eine Untersuchung der „Schar der Laien" nach ihrer Zusammensetzung und ihrem Verhältnis zur Kunst und zum Künstler. Nachdem erst mehr begrifflich von Kunst und künstlerischem Schassen die Rede war, wird das Publikum nach Lebensaltern, Begabungen, Temperamenten und (ethischen) Bildungsgraden analysiert und schließlich die Bedeutung der Mode und des Parteigeistes erörtert. Der Autor postuliert für Laien und Künstler: „Wollte man es hüben wie drüben als Pflicht empfinden, seine Persönlichkeit zur Harmonie mit der Wahrheit, wie man sie erkennt, heranznbilden and diese innere Wahrhaftigkeit auch in dem Kunstgenuß und der Kunstleistung unein- geschränkt walten zu lassen, so ergäbe sich daraus für die Künstler das Recht, ein volles Verständnis zu erwarten, und für das Publikum die Sicherheit, fein Genügen zu finden." Auch sonst ist an trefflichen psychologischen und ethischen Bemerkungen mtb Anregungen kein Mangel.... Hoffen mir, daß die klare, feine, noble Schrift vielen auf den löblichen Pfad mitverhelfen möge, den der Herr Versasfer mit manchmal etwas didaktisch erhobenem Finger weist. — „Die Eine heirat' ich mal..." Roman von E. B e l y. (Hermann Hillger Verlag, Berlin und Leipzig.) 2 Mk. Im Mittelpmtkt des RomaueI „Die Eine heirat' ich mal . . steht ein junger Arzt, der Sohn eines Kastellans eines Fürsten- fchlosses, dessen Strebertum keine Grenzen kennt. Er heiratet, um emporzukommen, eine Baronin und läßt seine Geliebte im Stich, weil diese ihn nicht in seiner Laufbahn fördern kann. Er wird mit der Baronin nicht glücklich, und er muß sich zahlreiche ,Demütigungen gefallen lassen. Sport. — Der Wert des Schneeschuhlaufens für die Jugend wird wohl am besten durchs die Tatsache bewiesen, daß jetzt in vielen Schulen, besonders im Harz, in Tirol, im Riesengebirge, im Erzgebirge usw. an Stelle des Turnens in den Winterplan d as Schneeschuhlanfen aufgenommen ist. Wie glänzen da die Augen, wenn es unter Führung des Turnlehrers hinaus- geht auf die umliegenden Höhen! Mit roten Wangen kehrt dann die fröhliche Kinderschar heim von diesem Herz und Lunge gleich wohltuenden Hebungen. Unter sachkundiger Leitung ausgeführt, haben dieselben den großen Vorteil gezeigt, daß sich bei den Jugendwettlänfen auf Schneeschuhen, die jetzt alljährlich in den einzelnen Gebirgsgegenden abgehalten werden, die Leistungen von Jahr zu Jahr wesentlich gehoben haben, auch die Zahl der Teilnehmer stetig wächst. Der praktische Wert des Schneeschuhlaufens wird leider noch von einem Teil derjenigen, denen das Wohl und die Erziehung unserer Jugend anvertrant ist, zu wenig gewürdigt und es wäre an der Zeit, daß sich diese Herren endlich mal davon überzeugten, daß die Zeiten längst vorbei sind, wo man im Winker unlustig hinter dem Ofen hockt, oder sich ausnahmsweise, tief eingemummt, ins Freie wagt. Sie übersehen noch gänzlich, daß Krankheiten, die durch Erkältung entstehen, nicht die Folge vom Genuß der Winterlnst, sondern von bereu Entbehrung sind. Abgesehen davon, daß die Hebungen die Muskel des einzelnen stählen und seine Energie wachrufen, hat die Pflege des Schneeschuhsports seitens unserer Jugend für die Wehrkraft unseres gesamten Vaterlandes einen nicht hoch genug anzuschla- genden Wert, da durch ihn die Gesundheit im allgemeinen und damit die Militärtauglichkeit der Bevölkerung gehoben wird. Dazu kommt, daß seitens der Militärbehörden seit Jahren dem Schneeschuhsport, weil er den Mut hebt und für den Vorposten- und Aufklärungsdienst im Fall eines Krieges von großer Bedeutung ist, große Beachtung geschenkt wird. Es werden alljährlich militärische Heilungen auf Schneeschuhen abgehalten. Bei der knapp bemessenen Zeit der Ausbildung kann es daher nur wünschenswert feilt, wenn die jungen Leute gleich als tüchtige Schneefchuhläufer in die Armee eintreten u nd die Zeit der Ansbildimg in diesem Sport gespart wird. JahrcHwcttde. Tausende von Glocken läuten einen gleichen klaren Ton: wie ein lausendslimmges Deuten weists hinauf zu Gottes Thron. Unterm Sternenhimmel steh ich, von dem Klang und Glanz berückt, und zum Weltenlenker fleh ich, von der Stunde Macht durchzuckt. „Laß mein ganzes Volk empfinden diesen großen Augenblick! Laß sein Äuge nicht erblinden, daß es lese fern Geschick. in den Sternen, aus den Klangen, die da weisen — himmelan" . . . Volk, du reißt an tausend Strängen; AuN Zerreiß sie rote Ein Mann l Bensheim a. d. Bergstr. Kart E r n st Knodt. Magisches Dreieck. __In die Felder nebenstehender Figur sind I die Buchstaben a n a a a, f, g g, i, n n, r r, -------—— z z derart einzutragen, daß die einander ent» sprechenden wo gerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten: 1. Männlichen Vornamen. 2. Denlsch-russtsche Stadt. 3. Türkischen Titel. 4, Teil von Anam. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer r Tasse, Kasse. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Umversitats-Buch- und Slemdruckerei, R, Lange. Gießer