1807 Samstag den 2, Usvcmbcr »Ui i :sa M ! II st W MURR UM Anf der eigenen Spur. Kriminalroman von Otto. H oecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit einem besorgten Blick folgte der Rat der schlanken Gestalt des sich Entfernenden. Als Unter diesem sich die Ausgangstur geschlossen, schüttelte er unmutig mit dem Kopfe. Wie in großer Angst blickten seine gütigen Augen. Doch gleich darauf versteinerten sich seine Züge und der menschenfreundliche Ausdruck wich von ihnen. „Mag kommen, was will —- ich werde meine Pflicht tun!" sagte er leise, um sich in der Sekunde darauf mit gewohntem Mienenausdruck dem wieder ins Zimmer tretenden Kommissar Thommen zuzuwenden. 12. Kapitel. Um die Mittagsstunde desselben Tages hielt vor der durch einen geräumigen Vorgarten von der Fluchtlinie der Tiergartenstraße geschiedenen eleganten Selkenbachschen Villa eine geschlossene Droschke, ein sogenannter Landauer, welcher vier Herren entstiegen. .Es waren die Räte Hansemann und Kneift, Kommissar Thommen und noch ein weiterer Kriminalbeamter, welche gleich darauf durch ein schrilles Klingelzeichen Einlaß heischten, während der Kutscher die beiden Pferde zudeckte und sich anschickte, die Rückkehr seiner Fahrgäste zu erwarten. Der Hausmeister, ein ältlicher, äußerst würdevoll sich gebender Mann in feierlichem Schwarz, öffnete und erkundigte sich nach dem Begehr der Besucher. „Ich weiß nicht, ob der Herr Geheimrat jemanden empfängt", äußerte er mit einem diplomatischen Achselzucken, liebevoll mit der Hand über seine Riesenglatze streichend. Er suhlte sich zu unpaß, um die gewohnte Fahrt zur Börse antreten zn können." Er wird uns schon empfangen. Sagen Sie Ihrem Herrn, daß die Polizeiräte Hansemann und Kneift in amtlichem Auftrage ihn unverzüglich sprechen müssen." Im — amtlichen — Auftrage!" wiederholte der bestürzte Hausmeister stotternd, indem er seine wasserblauen Augen wie hilfesuchend von einem zum anderen gleiten ließ. „Sehr wohl, meine Herren — sofort!" raffte er sich, durch einen barschen Zuruf Hansemanns veranlaßt, hurtig auf. „Wenn die Herren mir zu folgen belieben wollen." Ein säulengetragenes Vestibül von unbedeutendem Umfang nahm die Eintretenden auf; es stellte in seiner Marmorpracht eher den Eingang zu einem öffentlichen Gebäude, als zur Privatwohnung eines reichen Bankiers dar. Auch die Doppeltreppe, die frei zu den beiden oberen Stockwerken führte und vom Dache aus durch bunte Fenster eigenartig beleuchtet wurde, erschien zu kolossal und gesucht prunkvoll, um wirklich imponierend wirken zu können. Schon das Treppenhaus ließ auf die eigentlichen Gemächer schließen; es war einer der gerade in Berlin häufig anzutreffenden Wohnsitze reicher Leute, bei denen mit dem schnell anwachsenden Vermögen Geschmack und künstlerische Einsicht nicht nachzukommen vermocht hatten. Nach einet kurzen Weile kehrte der Hausmeister aus dem Mittelstock mit der Meldung zurück, der Herr Geheimrat lasse bitten. Beide Räte stiegen die Freitreppe empor, gefolgt von dem einen! Kriminalbeamten, der indessen anch auf dem oberen Treppenabsatz zurückblieb, während Kommissar Thommen gleich anfänglich sich im unteren Hauptvestibül unter einer Gruppe exotischer Kübel- gewächse auf schwellendem Pfühl niedergelassen hatte. Tas Arbeitszimmer, in welchem Geheimrat Selkenbach seine Besucher empfing, lag im untersten Stockwerk; es glich mit seinem kostbaren Bodenteppich, den großen Gemälden rings an den Wänden und der sonstigen ausgesucht kostbaren Ausstattung mehr dem Audienzsaal eines regierenden Fürsten, als der Arbeitsstätte eines Börsenmannes, der von launischer Glückswelle aus sehr bescheidenen Anfängen zu viel beneidetem Erfolge emporgetragen worden war. Wer den Finanzier indessen eben gesehen hätte, würde kaum zu der Schar seiner Neider gezählt haben. Selkenbach sah wirklich krank aus; eine einzige Nacht schien ihn um ein volles Jahrzehnt gealtert zn haben; er war hinfällig und seine fahlen Züge erschienen direkt mumienhaft. Er empfing seine Besucher stehend, mußte sich aber mit stark zitternder Hand auf die .Rücklehne des kostbar geschnitzten Schreibtischsessels stützen. Sein mißtrauisch irrender, nirgendswo haftende Blick flackerte trübe; etivas von der Angst eines gehetzten Raubtieres schien darin zu liegen. _ „Tie Herren haben mich zu sprechen gewünscht", begann er heiser. „Ich fühle mich zwar leidend heute, jedoch die Polizei darf man nicht warten lassen", fügte er mit schnell wieder ersterbenden Lächeln hinzu. Er deutete auf eine Anzahl in der Nähe des Schreibtisches huseisensörinig aufgestellten Ledersessel; es moch-- ten die bei Konferenzen nnd dergleichen von seinen Finanzsatrapen eingenommenen Sitze sein. „Ich komme, um Ihnen eine Mitteilung zu machen, die unmittelbar an unser gestriges Gespräch anknüpft", Hub Hansemanu an, nachdem er seinen Begleiter kurz nnd förmlich vorgestellt hatte. „Sie sind in vorgestriger Nacht tatsächlich bestohlen worden, und zwar wurde Ihnen der sehr wertvolle Halsschmuck Ihrer Gattin, den diese vor wenigen Jahren zum Preise von 250 000 Mark bei X. hat anfertigen lassen, geraubt .... ich beschäftige mich vorläufig nur mit diesem einen Gegeustaiide", setzte er rasch hinzu, als er es geärgert in den grünlich-grauen Augen des Börsenmannes aufleuchten sah. „Wir wissen so gut wie Sie, daß Sie den Verlust von noch ganz anderen Dingen beklagen." Selkenbach starrte mit gefurchter Stirn auf ihn. „Wenn ich mich nun weigere, eine Frage überhaupt zu beantworten!" stieß er ungebärdig hervor. „Das werden Sie schon im eigenen Interesse nicht tun, Herr Rat", tzab Hansemiann trocken zurück, „zumal es in unserer Absicht liegt, Sie mit allem gesetzlichen Zwangsmitteln zur Erfüllung Ihrer Zeugenpflicht anzuhalten." Selkenbach fuhr empor; er konnte es jedoch nicht vermeiden, daß ein kaum merkliches Zittern seine hagere Gestalt durchlief, „Soll das eine Drohung sein, mein Herr Rat?" sagte er. „Das Urteil bleibe Ihnen überlassen!" lautete die achselzuckend gegebene Antwort. „Doch nun zur Sache, wenn ich bitten darf. Ich fordere Sie zu einer unumwundenen Erklärung darüber auf» wann und wo ist Ihrem Hause Sie in vorgestriger Nacht be« 650 Dohlen worden sind, ferner wann und unter welchen Umständen (Sie den Verlust zuerst wahrgenommen und auf welche Gegenstände der letztere sich erstreckt? Selkenbach gab lange keine Antwort; die widerstrebendsten -Empfindungen spiegelten sich in seinen hinfälligen Zügen; Zorn Wer den gegen ihn angeschlagenen Ton, vielleicht auch Unruhe und Furcht. „Es dürste die Verhandlung wesentlich abkürzen", fiel Rat Kneift, nicht minder förmlich als feilt Kollege ein, „eröffne ich Ihnen hiermit, daß die Ihnen vermißten Geschästspapiere — so drückten Sie sich Wohl aus? — noch in vorgestriger Nacht anonym durch die Post an die hiesige Kriminalpolizei eistgeschickt Worden sind". , * Ein dumpfer Laut entrang sich den fahlen Lippen des Bankiers, wie von einem Krampf gepeinigt, Muff dieser mit der ausgekrallten Linken nach dem Herzen. Doch ebenso schnell hatte er auch schon wieder seine volle Fassung zurückgewonnen, wie ein guter Fechter die unvorsichtig gegebene Blöße wieder zu decken sich bestrebt. „Ihre Mitteilung überrascht mich", erwiderte er gewaltsam, zu einem kühl gelassenen Ton sich zwingend. „Ich wüßte nicht, daß irgendwelches Eigentum von mir die Kriminalbehörde interessieren könnte. Sie sind vermutlich gekommen, unr mir meiy Privateigentum wieder eiu- zuhandigen?" setzte er von oben herab hinzu. „Damit geben Sie also den Verlust zu?" warf Kneist schnell ein. Der Finanzmann biß sich auf die Lippen; er begriff, daß er sich eine neue Blöße gegeben hatte. „Nun wohl", sagte er rasch, „ja, ich bin bestohlen worden. Es liegt ein unerhört kühner Einbruch vor." Er deutete auf einen großen, zweitürigen Kassenschrank, der unmittelbar neben dein Schreibtisch an der Wand stand. „In diesem Kassenschrank verwahre ich meine Wertsachen, soweit sie sich hier im Hause befinden. Der Gesellschaftsabend von vorgestern nacht nahm nur die beiden unteren Stockwerke in Anspruch. Dieses Zimmer hat, wie Sie sehen, nur eine Tür, die vom Treppew- haufe aus hierher mündet. Der Einlaß erfolgt nur durch ein sich selbständig schließendes, äußerst kunstvolles Kvmbinations- schloß, zu welchem ich den Schlüssel immer in der Tasche trage. Noch komplizierter ist das Schloß des Kvssenschrankes 'da; auch den dazu gehörigen Schlüssel habe ich immer in persönlicher Verwahrung. Ich wiederhole: weder Gäste noch Dienerschaft hatten an jenem Abend im Stockwerke auch nur das Geringste zu suchen, am wenigsten die letzteren, zumal nur im Unterstock getafelt, gezecht und geraucht wurde, während die Räume des Mittelstockes als Tanzsaal hergerichtet waren. Trotzdem muß es einem Unbekannten gelungen sein, sich unbemerkt Zutritt zu diesem Zimmer zu verschaffen. Nur ein Künstler allerersten Ranges konnte hier den Kassenschrank öffnen, ohne das Schloß zu beschädigen." Er hatte sicherhoben und sperrte den Schrank auf. Wie Sie sehen, funktioniert der Mechanismus nach wie vor tadellos. Vorgestern stüh entdeckte ich dessenungeachtet, daß ich bestohlen war. Hier in diesem Sondertressor, der unter eigenem, allerdings mit demselben Schlüssel zu bewirkenden Verschlüsse steht, verwahrte ich Papiere, von deren Vorhandensein ich mich gewohnheitsmäßig jeden Morgen zu überzeugen pflegte . , . . dieses Fach 'hier ist total kahl ausgeplündert worden, während darunter die Geldschublade mit ihren namhaften Geldbeträgen von dem Einbrecher gar nicht geöffnet worden ist." Tie beiden Beamten hatten sich erhoben und waren an beit Kassenschrank getreten, vermochten jedoch trotz genauester Besichtigung keinerlei Spuren von angewendeter Gewalt zu entdecken. „Und wer war der Dieb? Gestern schien es mir so, als hätten Sie eine bestimmte Vermutung!" äußerte Hansemann. Der Bankier schaute ihn von der Seite an; eS war, als ob es ihn zum Sprechen drängte und doch wieder die Vorsicht in ihm überwog und ihn schweigen hieß. Er wendete sich zu Rat Kneist. „Was wurde aus den mir gestohlenen Dokumenten? Ich möchte sie raschestens zurückfordern!" - „Zu diesem Behufe wenden Sie sich am besten direkt an den Untersuchungsrichter, entgegnete Rat Kneist gemessen. „Es wurde Uns der Auftrag, Sie unverzüglich zu diesem Herrn zu geleiten." Selkenbach wurde erdfahl; gleichwohl starrte er die Beamten an, als mißtraute er pem eigenen Gehör. „Wie beliebtest Sie zu sagen?" brachte er pach wiederholten vergeblichen Sprechversuchen angestrengt hervor. „Erichweren Sie uns daher unser ohnehin unangenehmes Amt nicht unnötig noch mehr... es widerstrebt mir, mich noch deutlicher auszudrücken." Kneist hatte ein ausgefülltes Fvr- Nmlar aus der Tasche gezogen und händigte es dem Bankier ein. Mit zitternden Händen griff Selkenbach danach. Ein einziger Blick aus erloschenen Augen genügte, um ihn erkennen zu lassen, daß ihm eine auf seinen eigenen Namen ausgestellte Verhaftungsurkunde behändigt worden war. Mit blödem, ausdruckslosem Blicke starrte er die Beamten durch Sekunden an, osfenbnr nicht im stände, die ganze. Tragweite des Vorgans zu ermessen. Dann kam ein heißer Schrei über seine Lippen. Ehe die beiden Räte noch über sein Tun sich klar zu werden vermochten, war Selkenbach mit tigerartigem Sprunge am Schreibtisch und riß dessen Schublade auf. Im nächsten Augenblick blinkte in feiner Hand ein Revolverlauf aus, dessen Mündung er blitzschnell wider die eigene Stirn richtete. So unheimlich rasch auch der seinen sicheren Sturz und unerbittlich nachfolgende Entehrung voraussehende entlarvte Spekulant handelte, Rat Hansemann war nicht minder schnell. Mit einem Sprung war er bei dem Bankier und griff euer». gisch zu. ' Ein kurzes, verzweifeltes Ringen um die Waffe. Dann krachte ein Schuß. Doch die stahlharte Hand des Polizeirats hatte ihre Schuldigkeit getan. Haarscharf am Kvpfe beS Bankiers pfiff die Kugel vorüber und klatschte in einen deckenhohen vene- tianischcn Spiegel. Ein Geräusch wie von splitterndem Glas, dazwischen ein kaum mehr menschenähnliches Aufheulen äußerster Wut und Enttäuschung . . . und inmitten einer sich langsam zur Decke wälzenden Rauchwolke die Silhouetten dreier erbittert ringenden Männer. Dann, ehe der Verzweifelte noch Gelegenheit gefunden, die Waffe ein zweitesmal abzudrücken, war sie seiner Hand entwunden und er selbst in den mächtigen Schreibsessel niedergedrückt und dort gewaltsam festgehalten. „Noch eine solche — Extravaganz und wir sehen uns zu Ihrer Fesselung genötigt!" stieß Hansemann empört hervor, während sein Kollege zur Tür eilte, um die draußen harrenden Begleiter herbeizurnsen. Der Schuß war im Hause gehört worden. Dumpfe Schrcckens- rufe erfüllten die Treppenhalle. Eilfertig kam es die Stiegen, herauf; Bediente des Hauses, die beiden Kriminalbeamten, allen voran jedoch ein blühend schönes, stolzes junges Weib, die königlichen Züge eben von wildem Schrecken verstört; ihr auf dem Fuße folgte eine stattliche, immer noch schön zu nennende Matrone — Töchter und Gattin des Geheimrats. „Um des Himmels willen, was ist geschehen?" hauchte Leonie Selkenbach, durch den Blick des ihr gegenüber tretenden fremden Mannes nur noch fassungsloser gemacht. „Nichts von Bedeutung, fassen Sie sich nur, mein gnädiges Fräulein", beeilte sich Kneist zu versichern; dann, als die junge Dame nur noch die Hast ihrer Schritte verdoppelte und an ihm vorüber in ihres Vaters Arbeitszimmer eilte, wendete er sich zuvorkommend an die Frau vom Hause. „Polizeirat Kneist", stellte er sich kurz vor. „Es ist kein Grund zum Erschrecken, gnädige Iran — die zufällige, jedenfalls ungewollte Entladung einer Schußwaffe . . . ." „Mein Gott, was soll das heißen — Herren von der Polizei im Hause .... und mein Gatte —" Die Hände ringend, eilte auch die Geheimrätin an ihnt vorüber. Er ging ins Arbeitszimmer zurück und zog hinter sich die Tür ins Schloß. Seinen Blicken bot sich ein stark verändertes Bild. So schnell den Hausherrn bis zum Wahnwitz gesteigerte Erregung überkommen, so rasch war auch nun völlige Nervenabspannung gefolgt. Wie apathisch hockte er im Sessel und starrte auf sein von dem ihm gerade gegenüber befindlichen Spiegeltrümmern verzerrt und grotesk reflektiertes Ebenbild. Völlig gebrochen schlug er dann unter dumpfem Aufstöhnen beide Hände vor das aschgrau gewordene Antlitz. Mutter und Tochter waren um ihn bemüht; händeringend, mit tränenerfüllten Augen suchten sie aus ihm herauszubechm- men, was sich eigentlich ereignet habe. (Fortsetzung folgt.) Kessens KöfaT von Mapolccm I. und dis Mili'äc- Ko- vention zu Körnig! eiM vom 2. November 1813. Nach den für Napoleon unglücklich verlaufenen Schlachten von Großbeeren, an der Katzbach, bei Külm und Denne- witz war der Glaube an feine" Unbesiegbarkeit erschüttert worden, und sein Glückstern schien zu erbleichen. Aber nur schwer konnte unter seinen Bundesgenossen in Deutschland eine Stimmung aufkommen, die zum Abfall neigte. Bayern 651 — suchte sich am ersten von dem Korsen zu emanzipieren. Durch den Vertrag von Ried am 8. Oktober 1813 hatte es seinen Anschluß an die Verbündeten zugesagt. Die Mitteilung hiervon ging bald darauf an die einzelnen bayrischen Gesandten, so auch an Herrn v. Sulzer in Darmstadt. Der König Max Joseph von Bayern betont in dein Schreiben an seine Gesandten: „In einer so kritischen und fast verzweifelten Lage ist Mir kein anderer Ausweg geblieben als den lebhaften, wiederholten und dringenden Bitten der Verbündeten Höfe nachzugeben und mit ihnen einen Bündnisvertrag unter günstigen Bedingungen abzuschließen." Unter dem Eindrücke der Nachricht von Bayerns Abtrünnigkeit schreibt der Darm städ te r Gesandte aus Paris unter dem 16. Oktober 1813 an seinen Hof: „Nach Abgang meines gestrigen untertänigsten Berichts erfuhr ich, daß der Bayerische Minister von Cetto Nachts einen Courier erhalten und darauf gestern seine Pässe verlangt habe. Aus Delikatesse bin ich nicht zu ihin gegangen; unterdessen bestätigt sich diese Nachricht von so vielen Seiten her, daß mir über die Richtigkeit derselben kein Zweifel mehr übrig bleiben kann. . . Man sagt, die nächste Veranlassung zu dieser Abberufung sei, daß der König von Bayern Se. Majestät den Kaiser Napoleon nm die Einwilligung in ein Neutralitäts-System gebeten, diese ihm aber verweigert worden mit der Auflage, sich bestimmt für oder gegen zu erklären. Inwiefern diese Sache gegründet, wird man in Darmstadt früher wissen als hier." In der Gesandtschafts- depefche vom 18. Oktober heißt es: „ . . . Die Entblößung eines beträchtlichen Teils der Grenze, wodurch die bayerischen Truppen könnten im Rücken angegriffen werden, die Drohung der alliierten Höfe, und die offizielle Zusicherung, daß her König an seiner Staatsgröße nichts verlieren solle, scheinen neben Ursachen geringer Art die Haupt-Triebfeder der Abtrünnigkeit gewesen zu sein . . ." Die Mitteilung an die einzelnen Höfe, daß nach der abgeschlossenen Konvention Bayern 30 000 Mann stellen tvürde, zu denen 15 000 Oesterreicher stoßen sollten, machte auf die Rheinbundfürsten tiefen Eindruck. In Darmstadt suchte man zunächst eine abwartende Haltung zu beobachten. Der bayerische Gesandte v. Sulzer wandte sich in einem Schreiben vom 23. Oktober an den hessischen Minister von Lichtenberg mit dem Ersuchen um eine Erklärung seitens seines Landesherrn, auf welche Seite er sich in Zukunft stellen würbe, da sonst die Beziehungen der beiden Hofe abgebrochen werden müßten. Nach Angabe der Gründe, die Bayern veranlaßt hätten, auf die Seite der Berbündeten git treten, fährt das Sulzersche Schreiben fort: „So wenig sich der König von Bayern mit dem Gedanken vertraut machen könnte, mit einem seit langer Zeit befreundeten und verwandten Souverän in Kriegszustand zu treten, ebensowenig möchte er einseitig über die Fortdauer oder Aufhebung der gesellschaftlichen Verhältnisse beider Höfe beschließen. Der König stellt es daher dem Großherzog anheim, ob der bayerische Gesandte seine Pässe verlangen und seine Stellung als beendigt betrachten, ob er nur Urlaub nehmen vder endlich seine gesandtschaftliche Stellung ruhig beibc- halten solle." Davon hinge dann auch Abreise oder Verbleiben des hessischen Gesandten am bayrischen Hofe ab. Am 24. Oktober überbrachte der bayrische Major Prinz von Thurn und Taxis, Adjutant des Königs Max Joseph, dem Großherzog Ludwig von Hessen einen Brief des Generals Wrede, der eine Aufforderung zum Beitritt zur Sache der Verbündeten enthielt. Es heißt darin unter anderen:: „Da in wenig Tagen der Gang der Operationen Ltarke Truppenabteilungen meiner unterhabenden Armee in Ew. Königl. Hoheit Staaten führen wird, so liegt mir nichts mehr am Herzen, als der gesamten Armee sagen zu könne::, daß die Großherzoglich hessischen Lande als föderative Staaten angesehen und behandelt werden sollen." Daher sei Unbedingt nötig: die Entfernung des französischen Gesandten Vaudeuil vom Darmstädter Hose und der Anschluß der hessischen Truppen an die der Verbündeten. Der Großherzogliche Hof glaubte, in anbetracht der noch unsicheren Lage sich ablehnend verhalten zu müssen. Eine Wendung trat ein, als bald darauf der Hauptmann Fresenius von der Großen Armee in Darmstadt erschien und meldete, Prinz Emil von Hessen sei an der Spitze seiner Truppen bei Leipzig durch die Verbündeten gefangen genommen worden. Fetzt wagte man in Darmstadt einen Schritt vorwärts und ordnete am 26. Oktober den Baron du Thil nach Aschaffenburg ab, um mit Wrede zu verhandeln. Immerhin ivar die Lage noch nicht geklärt. Daher verließ Großherzog Ludtvig am 27. Oktober Darmstadt, um sich nach Mannheim zu begeben. Am 30. und 31. Oktober hatte sich Napoleon bei Hanau den Durchmarsch erkämpft, ohne daß es Wrede gelingen! konnte, ihn aufzuhalten. Napoleon kam am 31. Oktober, 3 Uhr nachmittags, in Frankfurt an und nahm sein Hauptquartier im Garten des Herrn von Bethmann. Ain i. November, nachmittags iy2 Uhr, reiste er von Frankfurt ab, um sein Hauptquartier in Höchst am Main aufzuschlagen. Bon hier begab er sich am 2. November nach Mainz. Nachdem Napoleon nach dem Rhein retiriert war, zogen die Verbündeten am 2. November in Frankfurt ein. Die seit dem 26. Oktober von Baron du Thil begonnenen Verhandlungen mit Wrede wurden jetzt, da letzterer bei Hanau verwundet war, mit dem österreichischen General Fresnel fortgesetzt und führten am 2. November zum Abschluß der Militär-Konvention zu Dornigheim am Main. Eingangs dieses Vertrags betont Großherzog Ludwig, „daß er es als der Wohlthat seiner Unterthanen gemäß erachtet habe, sich von der Rheinischen Konföderation zu trennen, um der heiligen Sache der koalliierten Allerhöchsten Mächte beizntreten." Die abgeschlossene Militär-Konvention sollte „bei dem unverzüglich mit den verbündeten Allerhöchsten Mächten abzuschließenden Definitiv-Traktate zur Basis dienen." Der Dörnigheimer Vertrag enthält folgende drei Punkte: Artikel I. „Se. Königliche Hoheit machen sich anheischig in der kürzest möglichen Zeit alle disponiblen Truppen in Ihren Staaten zu dem verbündeten österreichisch-bayerischen Armeekorps stoßen zu lassen. Artikel II. Verbinden Sich Se. Königliche Hoheit diese Truppen nach Möglichkeit der in Ihre Gewalt stehenden Mittel zu vermehren und die Zahl und Gattung der in der Folge zu stellenden in dem Definitiv-Traktate bestimmt auszni>rücken. Artikel III. Diese Truppen werden stets einen integrierenden Teil der verbündeten Armee ausmachen und in dieser Hinsicht, sowie die der übrigen Allerhöchsten Alliierten verpflegt und behandelt werden." Der französische Gesandte Vaudeuil in Darmstadt, der, wenn auch nicht von dem Abschlüsse der Konvention unterrichtet, doch wohl die bevorstehenden Verhandlungen Hessens mit den Berbündeten vermuten mochte, traf aut 4. November in Mannheim ein, um im Namen seines Kaisers vom Großherzoge eine bestimmte Erklärung abzufordern, welcher Partei er sich anzuschließen gedenke. Zu seiner Sicherheit bot der Gesandte dem Großherzoge in Napoleons Auftrage ein Asyl in der Schweiz, Frankreich oder Italien att. Vaudeuil machte Ludwig Vorwürfe über die Verabschiedung seiner Truppen, die er doch dem Kaiser zur Unterstützung nach Frankreich hätte schicken sollen. Wer alle Ueber- redungskünste und Drohungen, die in einer zweistündigen Unterreduitg der französische Gesandte anwandte, um Ludwig an Frankreichs Sache zu binden, scheiterten an dem festen Willen des Großherzogs, der durch den Umschwung der Verhältnisse gestärkt war. Vaudeuil verließ Darmstadt und begab sich mit seiner Familie nach Mainz. Dem Vertrage von Dörnigheim folgte am 23. November der Vertrag §tt Frankfurt, durch den der Anschluß des Großherzogs von Hessen in noch ivettere« genaueren Bestimmungen vollendet ivurde. Am 5. November kehrte der Großherzogliche Hof von Mannheim nach Darmstadt zurück. An demselben Tage machte der Staatsminister von Lichtenberg den Uebertritt zu Seit Alliierten durch folgende Proklamation dem Lande bekannt: „Nachdem des Großherzogs von Hessen, unseres allergnädigsten Souveräns, Königliche Hoheit, Sich bewogen gefunden haben, mit den gegen Frankreich verbündeten und im Krieg stehenden Mächten unter dem 2. dieses Monats eine vorläufige Alliauz-Convention abzuschließen, durch welche Se. Königliche Hoheit ans den bisher mit Frankreich bestandenen Konföderations-Verhältnissen getreten, und der Sache der gegen Frankreich verbündeten Mächte beigetreten und Mitalliierter derselben geworden sind, so wird solches allen Dienern, Unterthanen und Angehörigen im ganzen Großherzogtum zur Nachricht und Nachachtung hierdurch zu dem Ende öffentlich bekannt gemacht, daß sie alle in die Großherzoglichen Lande einrückenden Truppen der alliierten Mächte als ihre treuen Freunde anzusehen, sie bestens aufzunehmen und sich von ihnen eilte diesen Verhältnissen ganz entsprechende Behandlung zu gewärtigen haben." -6- — 652 — Allerseelen. Skizze von Magda von Neulingen. Ein trüber Tag. Die Nebel hangen kalt und grau vor den Fenstern. Die Glocken läuten weich und melodisch. :— Allerseelen! — Seit der ehemalige General Graf Kurt von Massow aus der kleinen Garnison in die Großstadt gezogen war, war ihm nicht mehr so traurig zu Mute gewesen wie heute. Maria, seine Gattin, merkte es Wohl; doch sie schwieg. Schwieg und litt wie er. Die immer noch schöne, vornehme Frau hatte das Lachen verlernt feit einigen Jahren. Wie konnte sie früher fröhlich sein! Wie oft lachte sie die dienstlichen Sorgenfalten von der Stirne des Generals hinweg! Damals war die Vierzigjährige des Hauses Sonnenschein. Sie und —• Herbert. Er war ihr Sohw, ein schmucker, junger Leutnant in des Vaters Dragonerregiment. Er war der Einzige gewesen. Und er war gut geraten. Immer heiter, immer gerade aus, verband er mit dem frischen, offenen Gesicht die Tugend eines tapferen, edlen Charakters. Bis jenes Mädchen seinen Lebensweg kreuzte. Die arme Bürgerstochter mit den rätselhaften Augen. Die Generalin saß am Fenster und sah träumend in den grauen Novembertag. Die Vergangenheit zog an ihrem Geiste vorüber. Das Mädchen war schön gewesen. Vielleicht auch gut. Wer weiß es? Der General duldete die Heirat nicht. Herbert empörte sich — zum erstenmal im Leben. Eine scharfe Auseinandersetzung — der Sohu fest, bestimmt, ruhig, der Vater hitzig und unbeugsam. Und daun die Katastrophe: Er zog mit seinem jungen Weibe hinaus in die Welt, nachdem er des Königs Rock ausgezogen hatte. Er trotzte allem — dem Vater, dem Schicksal, dem Leben. Einmal war ein Brief von ihm gekommen aus Newyork — der General hatte ihn nicht angenommen, i Seitdem nichts mehr. — Die Gräfin seufzte tief auf . . . „Kurt, wollen wir einen Spaziergang nach dem Friedhof machen? Es ist Allerseelen — der Tag paßt zu unserer Stimmung." Der General nickte wie geistesabwesend. Und Arm in Arm gingen sie hinaus nach den Gräbern, die liebende Hände mit frischem Grün und zarten Frühlingsgrüßen geschmückt hatten. Schweigend wanderten beide durch die ernsten, traurigen Menschen. Da zog ein neues Grab ihre Blicke an. Kein Kränzlein schmückte es noch — frisch wölbte sich der Hügel über dem unbekannten Menschenkind. Rosen lagen entblättert umher. Ein kleiner, ärmlich gekleideter Knabe von etwa vier Jahren kniete auf der Erde. Er hatte die Händchen gefaltet und betete. In den blonden Locken spielte ein schüchterner Strahl der Sonne, die schüchtern durch den Nebel drang. Und seine blauen Augen schimmerten in Tränen. Tas Bild ergriff den General seltsam. Die Gräfin war auf das Kind zugetreten. „Wer ruht hier unten, mein Kind?" — „Papa ist begraben. Mein armer Papa." — Die Gräfin preßte die Lippen zusammen. „Er war lieb zu dir?" — Der Kleine sah weinend auf. „Ja, sehr gut. Nun i s s.r tot ititb wird nie, nie wiederkommen, sagt Mama. Und er muß doch wiederkommen. Ich bitte den lieben Gott, daß er ihn wieder- kommeu läßt. Ich kann ja nicht sein ohne meinen Papa. Und. Mama weint immerfort." — „Wie heißt du denn, armes Kind?" frug der General. „Kurt von Massow." — Ta war es, als lege sich eine schwere Hand auf die Schultern des Generals, die ihn niederzog mit eiserner Kraft. Er Wankte. In diesem Augenblick trat eine schwarzgekleidete Frau zu dem Grabe. Sie trug Blumen in den zitternden Händen. Ihr Gesicht war totenbleich, die Augen blickten ängstlich und der Strahl der Jugend war erloschen. Auch sie hatte das Lachen verlernt. Und die Blicke der beiden einsamen Frauen trafen und erkannten sich. Tie Generalin sah ihren Gatten fragend an. Zwei große Tränen rollten über seine Wangen. Ta trat sie auf das Kind zu, nahm es an der Hand und führte es zu ihrem Gatten. „Möchtest du dem Herrn ein Händchen geben? Er ist dein Großpapa. Dein Papa hat ihn geschickt, damit du nicht immer so traurig sein sollst um ihn." Und zu der jungen Frau sagte sie: „Wir kamen wohl zu spät. Der Tod hat sein Machtwort gesprochen. Er löscht alles aus, was die Lebenden an Liebe gesündigt haben. Wollen Sie mich Mutter nenneu — ich will es sein mit der ganzen Kraft meines einsamen Herzens . . ." Die junge Frau sank schluchzend an ihre Brust. Und die Sonne strahlte siegreich über Allerseelen. Für unsere Kinder. Das Telephon ist wohl niemandem mehr etwas Neues. Neu und überraschend ist dagegen, daß jeder Knabe, der im Basteln einigernmßen Geschicklichkeit besitzt, ein Telephon sich selbst anfertigen und anlegen kann, wenn er das 18. Bändchen der Sammlung „Spiel und Arbeit" zu Hilfe nimmt (Verlag von Otto Maier in Ravensburg). An Hand von Modellbogen wird in dem Bändchen eine leicht verständliche Anleitung gegeben, wie der Apparat erbaut wird und was dabei berücksichtigt werden muß, kurz jeder damit beschäftigte Knabe wird sozusagen ein kleiner Hauselektrotechniker und kann schon nach kürzer Zeit mit Stolz auf sein Werk blicken. Tägliche Beobachtung der Tierwelt im eigenen Zimmer können sich unsere Buben durch Selbsterbauung eines Terrariums verschaffen. Bildet es doch für die Knaben einen besonderen Reiz, das Leben der Tierwelt eingehend zu beobachten. Dieseni Wunsch entspricht das 23. Heft der Sammlung „Spiel und Arbeit", das zum Preise von Mk. 1,20 mit seinen Modellbogen eine praktische Anleitung zur Erbauung eines solchen erteilt und zugleich der Beobachtung und Pflege der Tiere entspricht. Wackere Knaben, die sich ihr Spielzeug gern selbst herstellen, ohne an den Geldbeutel der Eltern oder Verwaudteu Ansprüche zu machen, finden in diesem Hefte, was sie für diesen Zweck brauchen. ___________ Krieg und Frieden. Von Friedrich dem Große n. Wenn die Fürsten nm Provinzen spielen, sind die Untertanen die Rechenpsenuige, womit sie zahlen. * Das menschliche Blnt ist ivahrlich zn edel, nm jeden Augen- biick vergossen zn werden und bloß der Begierde eines ehrgeizigen Fürsten 51t dienen. * Sollen die Menschen ihr Blnt verspritzen rind ihr Leben verschleudern, nm den Ehrgeiz und die Laune eines einzelnen Menschen zn befriedigen? -r- Der Krieg ist ein schreckliches Ding, nnd ein Fürst begeht eine tyrannische Grausamkeit, wenn er ihn ungcrechterweise ansängt. * Wer da glaubt, einen Feind im Kriege durch Schonung anderen Sinnes zu machen, der irrt; nur Siege bringen ihn zum Frieden. * Glück ist im Kriege olt gesährlicher als Unglück; der eine wird dadurch ztt sicher und der andere 511 dreist. * Fürsten müssen der Lanze des Achilles gleichen, die das liebel zulügte und heilte; wenn sie den Völkern Leiden verursachen, so erheischt es ihre Pflicht, sie wieder gutzumachen. Augenscheinlich hat die Natur uns nicht dazu bcstinunt, daß wir einander in der Welt ausrotten, sondern in der 9iot beistehen. Der Friede ist der Vater der Wissenschasten. Rätsel. Mein erstes zeigt in weiter Ferne Dir Fluten in Italiens Land, Mein Zweites wird in jedem Sterne Ganz klar und detttlich Dir genannt, Wie einst aus Ilions Gestaden Hat ost mein Drittes Kamp! erregt, Und von der Erde wirren Pfaden Mein Ganzes Dich zumHimmel trägt. A. Ammann. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Betrüglich sind die Güter dieser Erde». Redaktion: P. Witiko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.