1907 is®a MiitwoH den 8. GKisker / AW; U D *11 Auf der eigsnsK Spur. Kriminalroman von Otto H o e cke r- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Sie sollen die Kinder nicht so verwöhnen", schmälte Frau Schuhmacher freundlich. „Freilich", setzte sie freundlich hinzu, „Sie sind der einzige Mensch, von dem sie Gutes erfahren. Ihr leibeigener Vater denkt nie daran, sie zu erfreuen. Er sorgt kaum für das Nötigste. Gar in der letzten Zeit ist es schlimm geworden". Seufzend hatte sie sich ihrem Besucher gegenüber niedergelassen. Er kommt kaum noch zum Schlafen nach Hause. Von einem Familienleben ist längst keine Rede mehr. Daran trägt nur seine unselige Leidenschaft fürs Theater schuld; er wird es doch nie zu einem wirklichen Schauspieler bringen. Wie glücklich waren wir doch früher! Ms Feinmechaniker verdiente er ein schönes Stück Geld — und es' war doch ein sicheres Brot". Sie seufzte und heftete den trüb umflorten! Blick auf den Detektiv. „Doch wie ist mir. Sind Sie gestern vielleicht mit Gustav zusamniengetrofsen? Er sprach mir wenigstens davon, er wollte sich mit Ihnen treffen?" Walden nickte; er vermied es dabei, dem Blicke der jungen Frau zu begegnen. „Ich bringe Ihnen gute Botschaft", äußerte er schnell. „Diesmal ist er auf dem besten Wege, seinen Küustler- traum zu verwirklichen." „Nicht möglich", sagte Frau Schuhmacher, ihir erstaunt ast- schauend. „Gustav sollte wirklich Aussicht auf eine Anstellung haben?" Sie schüttelte wieder zweifelnd mit dem Kopfe. „Nicht nur Aussicht!" wiedersprach der Detektiv; cs schien ihm zu heiß auf dem Stuhl zu werden. Hastig erhob er sich und begann in der Stube hin und her zu schreiten. „Das ist eine lange, wunderbare Geschichte. Erinnern Sie sich noch im letzten Frühjahr hoffte er, ein Engagement nach Nelv-Aork zu bekommen. Die Sache zerschlug sich dann wieder." „Es war eine Seifenblase, nichts Wester", meinte die junge Frau bitter. „Ich sagte es ihm gleich, wie er als unerprobter Anfänger daran denken könnte, an ein großes Theater berufen zu werden". „Das ist nun doch geschehen — mehr noch, Gustav! ist bereits nach seinem Wirkunasorte unterwegs. In dieser Stunde schwimmt er bereits auf dem Ozean". Zittend erhob sich Frau Schuhmacher; ganz verstört starrte sie auf den Detektivs her eben am Fenster stand und interessiert auf den Hof schaute. „Das nennen Sie eine Botschaft? Er hätte es über das Herz gebracht, Weib und Kinder zu verlassen — ohne auch nur Abschied von! uns zu nehmen? Das setzt allem die Mone auf! Mein Himmel, was soll aus mir und den armen Würmern werden! . . . Doch nein, ich kanns nicht glauben. Sie treiben nur Scherz mit mir!" „Es ist mein voller Ernst," meinte Walden, ihr iroch immer den Rücken wendend. „Die Sache kam so überraschend, daß sie fast märchenhaft klingt. Die Saison im Jrving-Placc-Theater in Newjork hat gerade begonnen; der Gustav vorgezogene Schauspieler ist plötzlich gestorben. Da kabelte der Direktor nm Ersatz au seinen hiesigen Agenten; dieser entsann sich Gustavs und berief ihn zu sich. Das wär gestern mittag. Er bot ihm fünfjährigen Kontrakt an; die Bedingung war nur, daß er stehenden Fußes uach seinem neuen Wirkungsvrt abreiste. Da nun gestern abend der Dampfer „Columbia" von der Hamburger Linie in See stach, mußte er diesen benützen. Ich habe ihn selbst nach Bahnhof Friedrichstraße begleitet". Die junge Frau stand noch im'mer in starrem Erstaunen; die ihr gewordene Mitteilung hatte sie so erregt, daß sie das seltsame Gebahrcu des Detektivs gar nicht wahrnahm; es fiel ihr auch nicht auf, wie Walden ihr immer nvch beharrlich den Rücken kehrte und vom! Festster aus sprach. „Aber wie ist das mm Möglich!" hastete sie dann. „Gustav ist doch mittellos! Eine solche Reise kostet doch viel Geld — er hat ja auch Nichts! mitgenommen. Unmöglich kann er wie er ging und stand, fort-, gefahren sein . . . MM erinnere ich mich, er war im Frackanzug. Ich mußte ihn erst einlösest. Er sagte. Sie hofften ihm eine! Aushilssstelle als Kellner oder dergleichen verschaffen! zu können." „Das wär meine Absicht, doch der glückliche Zwischenfall änderte unfere Plaste". Er wendete sich mit einem gezwungenen Lächeln nach der immer noch kopfschüttelnd in der Mitte des Zimmers stehenden Frau um. „Lersteu Sie es nur begreifen/ Frau Schuhmacher, daß das Glück endlich an die Tür gepocht; hat", fuhr er fort, sich zu einem herzlichen Doste zwingend. „Da, schauen Sie, was ich für Sie habe". Er hatte in die Tasche gegriffen und dieser die kurz vorher gekauften' Dampferkartest entnommen. „Das schickt Ihnen Gustav . . . mehr noch. Hier sind vier Einhundertmarkscheine, die sendet Ihnen gleichfalls. Sie sollen während der Ueberfahrt nicht ohne Mittel sein". Wie im Traume schastte die junge Frau auf die Fahrkarten in ihrer Hand; nur zaghaft wagte sie die auf dem Tisch liegenden Banknoten zu berühren. „Aber — ich — ich begreife das alles nicht!" hauchte sie endlich tonlos. „Das kommt so plötzlich, so unerwartet-- „Besser als garnicht", versuchte Walden zu scherzest. „Gustav band mir auf die Seele, Ihnen sofort alles mitzuteilen. Doch Sie wissen, mein Beruf macht mich zum Sklaven. Ich könnte gestern nicht mehr abkommen." Er sah auf die Uhr. „Wir müssen utts sputen. Es bleibt Ihnen kaum noch eine Stunde zum Packen, wenn wir den Kölner Mittagsschnellzug nicht versäumest wollen; er ist der letzte Anschluß au das holländische Dampf- schuld abtragen! — Ja, ja, ich weiß wohl, davon wollest Sie nichts hören, darum wird aber unsere Schuld nicht geringer— und wenn nun Gustavs Erwartungen fehlschlagen und er drüben nicht gefällt — was denn?" fragte sie in neu aufsteigender Besorgnis. „Lieber Gott, ist das ein fürchterlicher Gedanke! Haben Sie eine solche Möglichkeit schon erwogen?" Walden starrte sie betroffen ast; er schien sich auf einen derartigen Einwand nicht vorbereitet zu haben. Doch schnell gesammelt entgegnete et: „Sie sind auch gar zu ängstlich, liebe Frau Schuhmacher. Fällt freilich der Himmel herunter, danst sind alle Spatzen gefangen. Doch daran ist nicht zu denken! Muß Gustav nicht hervorragendes Talent besitzen, wenn der erfahrene 582 — Agent ihn, bett Anfänger, nach Newyorr schickt, wo er doch sicherlich Dutzende verwendbarer Berussschauspieler zur fömtb hat?" »Ja, das ist es ja grade, was mich an unser Glück glauben last. Sollte Gustav wirklich zu den Gottbegnadeten gehören — o dann hätte ich ihm viel abzubitten, denn das; ich es nur frei heraus sage, ich kann mir nicht helfen, ich mutz auch jetzt noch an seiner Begabung zweifeln. Er Hat sich so versplittert, sich in so vielem versucht, seit er die Freude an seinem ehrlichen Beruf eingebüßt hat. Ich bin irre an ihm geworden." LValden lächelte nachsichtig. „Gesetzt den Fall, ihre trüben Befürchtungen bewahrheiteten sich was verschlüge das viel!" meinte er. „In seinem ursprünglichen Beruf brachte er es zu unbestreitbarer Fertigkeit. Las seit Sie ihn getrost als Schauspieler Fiasko machen, dann wird er auch als Feinmechaniker drüben ebenso viele Dollars verdienen, als hier Fünfzigpfennigstücke. Darum riet ich ja von jeher zur Auswanderung. Hier sank Gustav von Stufe zu Stufe, und wer Weitz, welches Ende er hier noch gefunden hätte. Er mutzte aus seiner Umgebung heraus, nm nicht ganz zu versumpfen. Nur in fremdem Lande kann er den Mut und auch die Kraft finden, sich wieder aufzurappcln. Drüben unter so ganz anderen und ungleich zusagenden Verhältnissen wird er sich besser gewähren — einerlei in welchem Berufe. Fritz, Vogel, oder stirb! ist dort die Losung. Der Zwang wird ihn aufrütteln!" Seine Worte verfehlten ihren tiefen Eindruck auf das bekümmerte Gemüt der jungen Frau nicht. Sie begann zuversichtlicher darein zu schauen. „Gewiß", erwiderte sie, „ich habe mich immer vor einer plötzlichen Katastrophe gefürchtet, denn Gustav sank unheimlich rasch — es ist schlimm genug, muß die eigene Frau das sagen! Ich habe immer sagen hören, daß man als Frau sich drüben ungleich besser forthelfen kann . . . vielleicht ist diese überstürzte Auswanderung, so abenteuerlich sie einem auch zunächst Vorkommen mag, doch eine Himmelsfügung!" Auf der Schwelle zum- Schlafzimmer stockte sie dann Plötzlich wieder. Sie schlug die Hände zusammen und meinte verzagt: „Lieber Gott, cs kommt mir immer noch wie ein Traum vor! Lver mir das heute früh beim Erwachen gesagt hätte, daß ich mit meinen Kindern zum letzten Male in dieser Stube geschlafen habe — und man hat doch so vieles, woran das Herz hängt!- Hier die Bilder der Else Nippes, die an frohe Stunden erinnern unddas soll ich alles auigebe» und im Stiche lassen! Wissen Sie, das will mir geradezu ungeheuerlich vorkonimcn!" „Das sollen Sie ja gar nicht", unterbrach Walden sie lächelnd. „Bis auf die Möbel -schicke ich Ihnen alles wvhlverpackt nach, sobald Sie mir erst von der neuen Heimat aus die Adresse geschickt haben werden !" Die Frau hatte inzwischen aus der unteren Schrankschublade einen Blechkasten^hervo rgezogen, nun händigte sie diesen Walden ein. „Sehen Sie mal zu, ob Sie hierin nicht Gustavs Bilder finden. Er hat darin alle möglichen Andenken aufbewahrt. Ich will nicht vergessen, die Schatulle mit eiuzu- packen." „Dann will ich mich gleich an die Durchsicht machen", entschied der Detektiv, indem er ins Wohnzimmer zurückschritt und sich dort vor dem Schreibsekretär niederließ. Als er sich unbeachtet sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck rasch nnd nahm eine gierig gespannte Miene an. Allmählich erhellten sich seine Mienen. Eine nach der anderen kamen die PotographieN zum Vorschein. Walden lächelte zufrieden; er hatte die von ihm gewünschten Bilder ausgesucht. Auf jedem war die linke Stirnnarbe deutlich sichtbar. Der Ab- konterfeite war auf die Narbe nicht wenig stolz. Er renommierte gern damit, sie bei einem Duell auf krumme Säbel ohne Binden und Bandagen davongetragen zu haben; ja, er wurde nicht müde, die Einzelheiten dieser für ihn beinahe tätlich verlaufenen Mensur, die er mit dem gefürchtetsten Renommierschläger von Jena ausgefochten haben wollte, jedem neuen Bekannten ausführlich vorzutragen — während er in Wirklichkeit, wie sein ehemaliger Spielgefährte nur zu gut wußte, die Verwundung schon in zartester Kindheit davongetragen, als er bei einem Sturze von der Treppe kopfüber in ein Kratzeisen gestürzt und besinnungslos liegen geblieben war. Die Pariser Photographie war erst unlängst ausgenommen worden; sein zerfahrener Freund hatte erst kürzlich in der Seinestadt geweilt — in der abenteuerlichen Hoffnung, einem bunt zusammengewürfelten sogenannten deutschen Hoftheatercnsemble, das schon nach den ersten Vorstellungen kläglich wieder zusnmmen- gebrvchen war, bei treten1 zu können, hatte sich aber in dieser Erwartung schmählich enttäuscht gesehen und nur durch Beihilfe oes deutschen Konsulats den Rückweg nach der Reichshauptstadt überhaupt wieder antretest können. Natürlich hatte ihn seine stark ausgeprägte Eitelkeit sofort zum- Photographen geführt und er seine knappen Zehrgroschen an die Aufnahme einiger Bilder gespendet. Mit eigentümlichem Lächeln schaute nun Walden auf den bartlosen Kopf, der in künstlerischer Pose die Stirnseitg mit der breiten Narbe dem Blicke des Beschauers darbot. (Fortsetzung folgt.) Eine Theatervorstellung durch Gießener Gymnasiasten im 19. Jahrhundert. Von Dr. Ehr. Roese. (Nachdruck verboten.) Während sich int neunzehnten Jahrhundert eine ganze Anzahl von Theatervorstellungen in Gießen nachweisen läßt, die von Studierenden der Universität veranstaltet wurden, weiß ich nur von einer einzigen zu berichten, bei der ausschließlich G y m n a s j a st e n mitwirkten. Das war am 14. Januar 1871, wo wir Primaner niller Mitwirkung eines aus Gymnasiasten gebildeten Orchesters „Wallensteins Lager" und „Knrmärker und Pikard e" „zum Besten der Angehörigen der im Felde stehertden Soldaten des Großh. hessischen 2. Jnfanteric-Regintents" aufführten. Der Gedanke, eine Theatervorstellung zu veranstalten, ist von uns Primanern ganz selbständig gefaßt und ausgeführt worden. All die vielerlei Gänge und Korrespondenzen haben wir selbst besorgt. Wir haben sogar die Eintrittskarten selbst angefertigt. Die Einstudierung übernahm auf unsere Bitte unser allbeliebter Lehrer Professor An ton Beck, durch besondere Vergünstigung wurden uns die Kostüme vom Darmstädter Hoftheater versprochen, und der treffliche Geheimrat von Ritgen stand uns namentlich bei Anfertigung der Dekorationen und Versatzstücke mit seinem künstlerischen Rat zur Seite. Alsbald regten sich auch unsere musiktreibenden Mitschüler und aus einem bei C h r i st i a n Busch zusammenkommenden Musik-Kränzchen erwuchs durch Kooptierung ein Gym- n a si ast en-Orchester von 3 ersten, 4 zweiten Violinen, 1 Bratsche, 1 Cello, 2 Flöten, 1 Piccolo, 1 Trompete, 2 Pauken, 1 große Trommel und Triangel; die fehlenden Instrumente wurden durch einen vierhändig gespielten Flügel ersetzt. Der Dirigentenstab wurde in die Häüde des jungen Wickler gelegt, was zur Folge hatte, daß dessen Vater, der damalige akademische Musikdirektor Mickler (f später in Milwaukee iu Amerika) sich.der Sache annahm und die eigentliche Einstudierung der Musikstücke besorgte. Das Arrangement der in beiden Stücken vorkommenden Tänze übernahm der 1885 verstorbene Universitäts-Tanzmeister Heinrich R o e s e, für den in „Wallen/teins Lager" vorkommenden Walzer grub Musikdirektor Mickler eine uralte Melodie aus; das „Rekrutenlied" im „Lager" stattete der erste Flötist uitseres kleinen Orchesters, Christian Busch, mit einer selbsterfundenen allerliebsten Weise aus, zu der Musikdirektor Mickler die Orchesterbegleitung setzte und die wohl heute noch manchenr der damals Mitwirkenden gefällig ist den Ohren klingt. Professor Beck gab sich rastlose Mühe um die Einstudierung und die Erzielung eines flotten Zusammenspiels. Die Gesamtproben fanden im Roeseschen Tanzsälchen in der Weideugasfe, die letzte vor Beginn der Weihnachtsferien in der Aula des Gymnasiums am Brand (jetzt Kreisamt) statt. Nach Neujahr 1871 trafen die Kostüme aus Darmstadt ein. Nun ging es an die Bühnenproben auf der von uns gemieteten Bühne des Theaterdirektors de Nolte im Leibschen Saale. Eine von Professor Beck verfaßte Anzeige in Nr. 8 des „Gießener Anzeigers" vom 10. Januar 1871 verkündete urbi et orbi (die es freilich schon längst wußten), daß zit dem eingangs gedachten milden Zweck „durch Schüler des hiesigen Gymnasiums Samstag, den 14. Januar 1871, abends um 6 Uhr, im Leibschen Saale: Wallensteins Lager (dramatisches Gedicht von Schiller) und hierauf: Kurmärker und Pikarde (Genrebild in einem Akt von Schneider), unter Begleitung eines aus Gymnasiasten! gebildeten Orchesters zur Aufführung gelangen würden. Billets ä 30 Kr. (im Saale) und ä 18 Kr. (auf der Gallerie) eien an der um 5 Uhr eröffneten Kasse und vorher bei xerrn Roloff (am Lindenplatz) zu haben." Die Eintrittspreise waren gewiß bescheiden; denn 30 Kr. sind ungefähr 85 Pfg. und 18 Kr. 50 Pfg. nach unserem heutigen Geldek Wenn trotzdem unsere Brutto-Einnahme 312 fl. = 536 Mk. betragen hat und nach Abzug aller Unkosten 244 fl. — 427 Mk. an das Hilfskomitee abgeliesert wurden, so kann sich jeder, der den damaligen Leibscheu Saal noch in der Er- 683 — innenmg hat, leicht vorstellen, welch ein Gedränge am Abend der Vorstellung dort herrschte. Kurz nach Kassenöffnung war der Saal gefüllt bis zum letzten Platz. Um 1/46 Uhr wurde die Billetausgabe eingestellt. Viele Schaulustige mußten unverrichteter Sache wieder abziehen. Punkt 6 Uhr zückte der Dirigent Wickler den Taktierstab' und die Klänge der Ouvertüre zum „Khalis von Bagdad" rauschten durch den Saal. Reicher Applaus folgte der Leistung der kleinen Musiker-Schar, unter der sich außer dem schon genannten Christian Busch u, a. der Pfarrer Clemm und Ghmnasialprofessor Hoffmann (t) in Büdingen, ferner die jetzigen Uuiversitätsprofessoren Lange in Tübingen, Will in Berlin, der Apotheken- Vesitzer Clemm in Frankfurt a. M. befanden. (Die Bratsche hatte Herr Franz Bauer hier übernommen. Die übrigen Orchestermitglieder konnte ich trotz aller Mühe nicht mehr eruieren.) Dann erhob sich auf ein Klingelzeichen langsam der Vorhang, und während hinter der Szene ein munteres Soldatenlied gesungen wurde, bot sich auf der Bühne vor dem Marketenderzelt den Augen der Zuschauer ganz das farbenprächtige, fröhlich bewegte Bild einer zechenden Soldateska jaller Waffengattungen, wie es das Szenarium vorschreibt. Die Tische waren dicht besetzt. Die muntere Marketenderin (Louis Möbus, jetzt Arzt und Besitzer einer Kaltwasser- und Massage-Anstalt in Couvet in der französischen Schweiz) schenkte Wein, an einem Kohlenfeuer kochten Kroaten (Otto Eckart, jetzt Irrenarzt in Klingemiinster i. d. Pfalz), und Georg Reich, jetzt Verlagsbuchhändler in Basel) und ein Ulan (Georg von Helmolt, t in Friedberg); im Vordergründe würfelten auf einer Trommel zwei Soldatenjungen (die damaligen Sextaner Willi Klein, jetzt Kaufmann in Frankfurt a. M., und Fried R 0 e s e, Univ.-Tanz- und Fechtlehrer dahier f). Bauernknabe (Landgerichtsrat Schmidt in Mainz) und Bauer (Forstmeister Hab er körn m Alsfeld) traten auf und hielten das bekannte Gespräch, und dann spielte sich das ganze Stück glatt und ohne alle Zwischenfälle zur allgemeinen Zufriedenheit herunter. Die Aufwärterin „Gustel von Blasewitz" wurde durch den späteren Arzt Dr. Seipp in Lich (f) in überzeugender Weise dargestellt. Die Darsteller der übrigen Rollen waren: Wachtmeister: Oberlehrer i. P. Dr. Roese hier; Trompeter: Ghmnasialprofessor Aug. Ni e s in Mainz; Konstabler: Oberförster Leu er in Lich (f); Scharfschützen: Jochem, Arzt, Y in Amerika,und Dr. Hermann Alker, Arzt hier; Höllische Jäger: Postsekretär Fr. Briegleb und Dr. Heinrich Schudt, Direktor der Zuckerfabrik in J-riedberg; Buttle- rische Dragoner: Dr. med. Karl Klein, Arzt hier, und Apotheker Fritz Zimmerman 11 in Lothringen (f); Arkebusiere: Landgerichtsrat Wilh. Sander in Darmstadt und Oberstleutnant Wilh. Müller in Recklinghausen; Kürassiere: Kreisdirektor Albert Dieckmann in Elsaß-Loth- ringen und Forstmeister Eduard Trautwein in Gießen; Rekrut: Heinrich Mueller, später Opernsänger, f als Dr. med. in Wiesbaden; Bürger: Oberstleutnant Müller in Recklinghausen; Kapuziner: Ord. Professor für romanische Philologie Dr. Gottfried 23 a i ft in Freiburg i. B.; Soldatenschulmeister : Georg Pietsch (f). Außerdem waren noch einige Statisten auf der Bühne; die Bergknappen im 8. Auftritt waren: der spätere Bankier Kanffmann, jetzt in Zürich, Dr. med. S ch e l l h a a s (f), Dr. med. S t r u b e l in Ässenheim, Baumeister Zimmer hier. Das Bewußtsein, vor einem überfüllten Hause zu spielen, spornte alle Mitwirkenden zur Aufbietung aller Kräfte an. Eine besonders großartige Leistung war die Wiedergabe des Kapuziners durch Baist. Sensation erregte auch die vollendete Verkörperung der geschäftigen und zierlichen Weiblichkeit durch Möbus und Seipp; ein großer Teil des Publikums wollte sich absolut nicht davon überzeugen lassen, daß diese anmutigen Wesen, in goldbordiertem Röckchen und weißen Zwickelstrümpfen, die sich so graziös in den Hüsten zu wiegen verstanden, im sonstigen Leben die Bänke der Prima drückten. Daß nach dem Fallen des Vorhangs alle Darsteller stürmisch herausgerufen wurden, bedarf wohl keiner Versicherung. Nach einer kurzen Pause spielte unser Orchester einen Sedan-Marsch, und dann hob sich der Vorhang zur Aufführung von „Kurmärker und Pikarde". Bekanntlich enthält dieses Stück nur zwei Rollen, den „Kurmärker", den Albert Dieckmann darstellte, und die „Pikarde", mit deren Verkörperung und Wiedergabe Möbus einen großen, verdienten Erfolg erzielte. Ein deutscher Reservemann als Einquartierung bei einer schelmischen. koketten Bäuerin der Pikardie! Deutsche, kraftbewußte, knorrige Biederkeit, der eine Dosis Sentimentalität beige- mischt ist, und die quecksilberne gallische Leichtlebigkeit und! Beweglichkeit treten in drastischer Weise einander gegenüber. Wie die beiden Leutchen sich verständigen und verstehenl lernen, so daß der Deutsche, als nach einer halben Stunde die Trommel zum Mschied ruft, dem Plappermäulchen aus der Pikardie ohne große Schwierigkeit einen Kuß raubt, das ist der Inhalt des netten Einakters. Welche Wirkung das Stück damals ausübte, als unser zweites hessisches Regiment fern in Feindesland weilte, das läßt sich kaum beschreiben, das muß man erlebt haben. Die tiefinnerliche Teilnahme des andächtig lauschenden Publi- kunis äußerte sich wiederholt in stürmischem Applaus bei offener Szene; als endlich unter Trommelwirbel und Hörnerklang der Vorhang sich senkte, erscholl endloser jubelnder Beifall, und immer wieder mußte der Vorhang in die Höhe. Da setzte noch einmal das Orchester zur „Wacht am Rhein" ein. Alle Anwesenden, Darsteller wie Publikum, stimmten begeistert ein, und unter den Klängen dieses, damals so unendlich oft gesungenen Liedes, zerstreuten sich die Zuschauer mit dem einmütigen Geständnis, daß das Gebotene die gehegten Erwartungen weit übertroffen habe. Alle aber, die bei der Vorstellung irgendwie mitgewirkt hatten, versammelten sich abends zu einem Banket im kleinen Leibschen Saale, das einen sehr schönen Verlauf nahm. Erwähnt sei noch, daß als Souffleur der jetzige Gymnasialprofessor Schanm in Mainz und als Kassier der Geh. Regierungsrat Dr. Aug. Dietz in Darmstadt fungierten. Bon einer Wiederholung dar Darstellung niußte, obgleich sie allseitig gewünscht wurde, leider abgesehen werden, da die Kostüme umgehend in Darmstadt gebraucht wurden. Im Mainzer Kefängnis. Von Rechtsanwalt Raab in Gießen. (Original-Artikel der Gießener Familienblätter.) An einem nebeligen Morgen langten wir nach Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Mainz unter sachtüu- diger Führung in einem kleinen Trupp in jenem verrufensten Viertel der Festungsstadt an, in dem — 0 Ironie des Schicksals! — ein Waisenerziehungsheim neben den Lasterhöhlen käuslicher Liebe, eine Straf- und Besserungsanstalt mitten im dunkelsten Mainz liegt, wo enge, winklige Gassen und Gäßchen die Schlupfwinkel für allerhand lichtscheues Gesindel bilden. In diese Umgebung würdig eingepaßt, liegt das Gefängnis da, grau, ernst, wie aus längst entschwundener Zeit, ein Haufen aneinander geklebter, fast unmöglicher Gebäude, ein Labyrinth von Ecken, Eckchen und Winkeln, mit schmalen Stiegen und Gängen, verbaut und angcbaut, mit Flickwerk uud Aenderungen, wie ein vergilbt Gesicht, voll tausend Falten und Fältchen, und redet eine stumme, aber doch verständliche Sprache von reichbewegter, wechselvoller Vergangenheit. Dieses Gewinkel auszustudieren, kostet Mühe, und bis ein Ausbrecher sich da zurechtfindet, ist seine Zeit auch schon vorbei. Am Tor hat uns ein freundlicher Alter eingelassen. Uns zu Ehren hat er heute seinen blauesten Uniformrock, mit sämtlichen Orden geschmückt, angezogen. So steht er feierlich da, als Wächter des Eingangs, mit weißem Haar und frischem Rosa im Gesicht, vertrauenerweckend auch wohl dem, der zag und zerknirscht als armer Tropf sich unter der Flut der Hartgesottenen zum unfreiwilligen Aufenthalt meldet. Inzwischen hat sich eine ganze Schar Aerzte, Juristen und so weiter im Hof zusammengesunden. Ringsum altes Gemäuer, an dem lange Ranken wilden Weins herunterhängen, jetzt kahl, aber schöner, wenn sich im Spätsommer glutvoller Purpur des Blattwerks in das Immergrün des benachbarten Epheus mischt, und das Weiß der Fenstergardinen durchblickt. Doch was nützen malerische Strm- mungen denen, die voll Bitternis zur Strafverbüßung hier antreten? Zunächst gings nach der nahen „Kirche", einem längeren Raum, dessen vorderes Drittel durch Herablassen eines Rollverschlusses in eine „Schulstube" und durch Vorziehen eines Vorhanges auch in eine „Synagoge" umgewandelt werden kann. Auf der Schultafel hat der Gefängnislehrer den Schul-„Kindern" gerade eine tabellarische Uebersicht über die Nährwerte von Eiweißstoffen und zur Belehrung über die Vorteile der Hülsenfrüchte-Nahrung aufgeschrieben. 584 — Man könnte sich überzeugen lassen, daß es gar nichts besseres gibt, als Gefängniskost. Der Verwalter erzählt uns die Geschichte des alten Baues und wir erfahren, daß der Staat, den die Strafanstalten enormes Geld kosten, das Gefängnis vorläufig noch nicht einaehen lassen kann, und daß mau es jetzt als Spezialanstalt für die holde Weiblichkeit einrichten will. Er spricht auch über die Klagen der Geschäftswelt darüber, daß man durch billige Gefängnisarbeiten die Konkurrenz noch verschärfe; das lasse sich aber nicht ganz vermeiden, vielfach werde jetzt in den Anstalten für den Fiskus gearbeitet, nm so die Geschäftsleute möglichst weuig zu schädigen. In drei Gruppen machten wir dann den Rundgang — richtiger Jrrgang — durch die weitläufigen, verzwickten Gebäude. Da war in einem Raum ein Dutzend Männer mit Bürstenfabrikatton beschäftigt. Nach dem System der Arbeitsteilung sortierte ein Teil die Borsten, andere banden sie zu Büschelchen, andere tauchten sie in Leim und befestigten sie in dem Rückenteil des Holzes, einer schnitt die Spitzen glatt, ein anderer schließlich strich die Holz- teile mit Farbe und Lack an und gab dem ganzen die letzte „Fcilung". In einer anderen Abteilung wurden Strohhülsen für Weinflaschen hergestellt. In einzelnen Zellen war der JU- sasse mit Adressenschreiben beschäftigt, dort sah man durch hie geöffnete Tür einen etwa 30 Jahre alten, kräftig und frisch aussehenden Mann mit hellem Blick; der Zwangs- yufenthalt hat ihm bisher nichts anhaben können, oder ist er noch nicht lange hier? Trotz der plumpen Anstaltskleidung erkennt man seinen stattlichen Wuchs. Was mag ihn wohl hierher gebracht haben? Als auf dem schmalen Gang eine Anzahl Sträflinge vorüberging, konnte man an einem den auffallend in die Höhe gezwirbelten Schnurrbart bewundern, der zu der schwächlichen Gestalt seines Besitzers in starkem Gegensatz stand. Eitelkeit und Schnurrbartbinde haben diesen 'Mann ins Gefängnis begleitet. „. In einem besonderen Raum arbeiten einige an Polster- Möbeln. Ein Sopha mit modernem Jugendmuster steht gerade fertig da. Der Anstaltsarzt winkt einem auf erhöhtem Kltz, der eilfertig heruntersteigt und, lebhaft gestikulierend, Uns seine Geschichte „erzählen" will — er ist taubstumm. Aus seinen Zeichen verstehen wir, daß er nach seiner Darstellung unschuldig hier sitze, weil mau ihn zu Unrecht ttner. geringfügigen Unterschlagung beschuldigt habe; er ser au- unwahre Zeugeuaussagen hin verurteilt worden, man •••?. V: ihn an seinem Bart erkannt haben, er sei aber das Opfer einer Verwechslung geworden. Dies hat er sicher schon so ost vorgestikuliert, daß er es ani Ende selbst glaubt. , I" den Schlafräumen, die gut durchlüftet sind, wie denn Urrgcnds der sog. Gefängnisgeruch auffällt, bietet sich das bekannte militärisch korrekte Bild der Feldbetten mit blau und weiß gestreiften Bettüberzügen, sauber, regelmäßig und eürg, am Kopfteil scharfkantig, wie Zigarrenkistchen, aufgemacht. 1 . Bet den Frauen beginnen wir unseren Rundqang rn der Küche. Dort wird in drei großen Kesseln gekocht. Gerade ist die Kartoffelsuppe fertig geworden, die wir kosten und gut finden. In der Gefangenschaft und mit Tranen gegessen, mag sie weniger munden. An senkrecht 'emgetauchtem Stab, der hierbei die „Meerestiefe" angibt, wrrd der Kubikinhalt der nährenden Masse abgelesen. Es rst alles genau pro Kopf berechnet, und ein mathematisches Herz würde seine helle Freude daran haben. In einem größeren Raum arbeitete eine Anzahl Frauen und Mädchen an Militärdrillichjacken. Besonderes Interesse erregte die Technik einer Knopflochnähmaschine. IN einer Zelle ivar neben dem Bett eine Wiege, aber picht zum Wiegen, denn es war ein kleiner aus Böcke gestellter Holztrog; so sah es wenigstens aus. Das war das Herrn des jüngsten „Sträflings", des Kindes einer Insassin. Im Frauenlazarett sahen wir noch zwei andere Mütter, die ihre Kleinen auf dem Arm hielten. Das eine der beibeit Kinder freute sich sehr, quiekste, stieß Töne aus wie ein kleiner Papagei und betrachtete dann sehr interessiert den ungewohnten Anstaltsbesuch. IM Lazarett lag auch eine arme Frau zu Bett, die bei ihrer Einlieferung ganz heruntergekommen und apathisch gewesen war. Sie hatte von ihrem Mann, einer berufsmäßigen Volleule, nichts als Schläge bekommen, wovon sie nicht leben konnte; sie hatte Hunger leiden müssen, so war es bergab gegangen, bis sie schließlich mit dem Gesetz rn Konflikt geraten war. Jetzt hatte sie nun Ruhe, Ordnung und Pflege in der Anstalt und machte einen zufrie- denen, fast glücklichen Eindruck. Wir warfen noch einen Blick in die Vorratsräume, auch in die Kleiderkammer und sahen, wie dort die „Zivil"- Kleider der Sträflinge in langen Leder- und Leinenbeuteln! aufgehoben werden, besser und sauberer eingehüllt, als bet manchem der Träger zu Hause. Im -Hof hackten einige Holz. Ueberall das Bild der Arbeit, ohne die der Aufenthalt im Gefängnis zur däuern- den Qual und unerträglich würde. Was sind dort die Sonntage, an denen die Arbeit ruht, so fürchterlich lang. Wir hörten mit Freude die schon bekannte Tatsache bestätigen, daß auch hier der Stand des Gefän gni s- ses schon seit Mlonaten auffallend niedrig ist. Die Kriminalität ist zurückgegangen, nicht zuletzt dank der sozialen Besserung der Lebensverhältnisse, namentlich in den unteren Schichten unser es Vo lkes. Mit Dank für Führung und Belehrung schieden wir, bereichert in unseren juristischen, sozialen und allgemeinen Anschauungen. VsL'WZsch>ßHS» * Der verlorene Sohn. Vor einigen Tagen passierte, der „Elb. Ztg." zufolge, in dem Kirchdorfe W. eine nette Taufgeschichte. Schou dreimal hatte der Ortsgeistliche den Glöckner ausgeschickt, um zu ermitteln, ob die angemeldete Taufgesellschaft aus dem fast zwei Meilen entfernt gelegenen Waldorte Sch. mit Täufling, Hebamme und weiblichen und männlichen Paten in dem bei der Küche gelegenen Dorfkruge noch nicht angelangt sei. Der Ortsgerstliche in W. hatte die Taufe bereits 'für 11 Uhr vormittags festgesetzt, bekam jedoch die ganze Gesellschaft erst um vier Uhr nachmittags zu Gesicht, aber auch nur zu Gesicht, in die Kirche trat keiner, trotz der energischen Aufforderung des Glöckners. Im Ortskruge angekommen, hatte die Gesellschaft nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die Hebamme, voll des süßen Weines, auf dem Wege eingeschlasen war und der Täufling irgendwo verloren gegangen war. Erst gegen Einbruch der Nacht fand man - das Kind auf einer Wiese ruhig schlafend. Der Junge hat nun den Namen „Der verlorene Sohn". Die Taufe fand erst am anderen Tage statt. * Ein teures M a h l. „Bapton Viceroy", ein englischer Z n ch t ft i e r, der mit e inem Kostenaufwand von 80 000 Mk. nach Argentinien verkauft wurde, hat dort sein segensreiches Amt nicht ausüben dürfen. Die Sanitätspolizei hatte allerlei an ihm auszusetzcn, und so mußte inan sich entschließen, den kostbaren Stier schlachten und sein teures Fleisch als seltenen Leckerbissen bei einem feierlichen Bankett servieren zu lassen. Kreuzrütsel. In die Felder neben« stehender Figur sind dieBuch- staben aaaabbdddee eeeefi f f gghhjj 1 1 m n n n o o r r r r s ’s s s u u ü tt derart einzutragen, daß die wagrcchlen und senkrechten Ncihengleich- lautend Folgendes ergeben: 1. Sternbild. 2. Feierliche Handlung. 3. Einen Minnesänger. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in voriger Nummer: Stahlroß. Redaktion: P. Wittko. — NotationÄruck und Verlügder Brüh loschen Universitäts-Buch- und Stemdrnckerei, R. Lange, Gießen."'.'