Areitag den 2. Zugust 1807 — Ar. 113 ■evv«. WMS M-WqM jl II U|!Ä ZE WM »1 K s, ll .W IsSai! Ij M LUÜULV. I? fe ÄIHS W •USt Junken unter der Asche. Roman von M. Proßnitz (M. Nörcnberg). Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. (Fortsetzung.) Ein stilles Leuchten glomm allmählich in ihrem blassen Gesichtchen empor. Schöne und lichte Bilder waren es, welche die geschäftige Phantasie ihr vor die Seele zauberte. Sinnend lag Dagmar da und baute Luftschlösser, dichtete das Märchen vom Glück! Fühlte sie sich doch schon jetzt dadurch, daß sie Veltlingen vou ihrem unwiderruflichen Entschluß der Trennung gesprochen hatte, frei. Frei in dem Sinne, ihre Gedanken dort weilen zu lassen — was' sie sonst als eine Unehrlichkeit angesehen haben würde — — bei Uchdorf. Und je länger sie sein gedachte, destomehr ward sie sich jenes Gefühles bewußt, dessen Vorhandensein sie bisher voll ehrlicher Ueberzeugung abstritt. Sie gab sich in diesem Augenblick gar keine Rechenschaft, ob Uchdorf ihr Empfinden auch erwidere. Willenlos überließ sie sich der Leidenschaft, die mit unheimlicher Gewalt in ihr emporloderte, denn klar und deutlich stand es auf einmal vor ihrer Seele: „Sie hatte Uchdorf stets geliebt, auch damals noch, als sw sich Veltlingen zu eigen gab, mit der ehrlichen Absicht, ihm eine treue Gattin zu werden." Mer sie suhlte weder Schreck noch Scham bei dieser Entdeckung. Woher konnte sie es wissen, daß die Liebe — sie lächelte toeid) — ja, die Liebe zu Uchdorf wie ein Funke unter der Asche verborgen war? Dieser Funke, den erst der Sturm der Entrüstung Aber Wettlingen wieder zu Heller Flamme emporschlagen ließ. , Sie war so vertieft in ihre Gedanken, daß es sie nicht im mindesten überraschte, als der, dem ihr Sinnen galt, plötzlich hinter der Wegbiegung hervortrat. Desto erschrockener war der Rittmeister, als er Dagmar so unerwartet vor sich sah. Ihn hatten die scherzenden Bemerkungen, die der Herzog dem Kammerherrn eben im Rauchzimmer machte, unsagbar erregt. In diesem Augenblick bar jedes selbstsüchtigen Gedankens, stand nur eins riesengroß vor ihm: „Würde Dagmar sich zu dem Kind freuen? Würde das ihrem Leben den Inhalt, die dauernde Befriedigung geben, die sie haben mußte, wenn sie nicht an der Seite dieses Mannes verkommen sollte. Dieses Mannes, dessen Charakter ihr doch unmöglich auf die Dauer verborgen bleiben konnte." — Einen Augenblick stockte Nchdorfs Fuß doch, als er jetzt die Geliebte vor sich sah, aber dann hatte er sich gefaßt. Mit der Bitte, sein unfreiwilliges Stören zu entschuldigen, wollte er vorübergeheu, doch sie winkte ihn lächelnd näher, immer mit dem gleichen glückseligen Gesichtsausdruck. „Wie sie sich freut", flog es ihm, in echt menschlicher Regung, bitter durch den Sinn. „Ich lasse mich von Veltlingen scheiden", sagte Dagmar plötzlich unvermittelt, es klang leise und verträumt. Ihm war, als habe er einen Schlag erhalten. Barmherziger Himmel! War sie wahnsinnig geworden? Denn das, was sie da sagte, war ja einfach unfaßlich, entsprach doch nie und. nimmer ihren sonstigen Ansichten. „Das kann ich mir nicht denken", war alles, was er antwortete. Sie nickte ruhig. „Und doch ist es so. Oder glauben Sie, ich würde mich dazu. verstehen, Gefühle zu heucheln, die ich nicht mehr empfinde?^ Sie sah ihn groß und fragend an. Sekundenlang stieg wieder der gräßliche Verdacht in ihm auf, aber als er in ihre ruhigen, ernsten Augen sah, begriff er seinen Irrtum. Ein unsägliches Mitleid quoll in ihm empor. „Man soll so schwere Entschlüsse nie kurzer Hand fassen/ meine sehr verehrte gnädige Frau. Ich hoffe. Sie verzeihen einem alten, treuen Freunde diese Antwort, die Achtung und herzliche Verehrung ihm auf die Lippen zwingen." Ein tiefes Schweigen folgte seinen Worten. Langsam, ganzj langsam wich der frohe, glückliche Ausdruck aus Dagmars Zügen. Er sah es wohl, und es tat ihm leid. Wie grenzenlos mußt« Veltlingen sie gequält haben, wenn ihr trotz der Botschaft des Arztes, der Gedanke an die Scheidung konnnen konnte. Wort neuem sah Uchdorf zu ihr hin. Scham und Pein stritten jetzt auf ihrem blassen Antlitz. Da war er mit raschen Schritten neben ihr, sanft streichelten seine Hände ihre schlanken Finger. „Liebe Dagmar," klang es bebend zu ihr hin, „du wirst doch nicht fahnenflüchtig werden? Fetz doch nicht?" Und als sie ihn verständnislos ansah, ftihr er leise und zärtlich fort: „Ich kenne dich doch viel zu gut. Sieh, du mußt und. du' wirst aushalten..." Sie unterbrach ihn mit tränenerstickter Stimme: z „Tu liebst mich nicht mehr!" „Weiß Gott, daß ich dich mehr liebe als mein Leben', aber ich kenne dich viel zu gut, um nicht zu wissen, daß dich die Kehu.-- sucht verzehren würde." Sie schüttelte den Kopf. „Ich verachte ihn." . . . ' . •’*! Keins von ihnen merkte, daß sie einander duzten, daß sie sich noch immer an den Händen hielten, fo, fest umklammert hielten, als wollten sie nie und nimmer voneinander lassen. Ein süßes, zärtliches Gefühl rann' ihnen dabei durch die Adern. Sekundenlang schloß wer Mann wie betäubt die Augen. Dann richtete er sich langsam! empor. Er mußte fest bleiben — um ihretwillen .'. . MU seligem Lächeln lag Dagmar da. Er sah dies Lächeln wohl und es zerriß ihm fast das Herz. : „Und was wird später aus eurem Ktnd?" Rauhundtonlos !var seine Stimme bei dieser unvermittelten Frage. Sie sah ihn anfangs verständnislos an. Dann färbte plötzlich ein tiefes Rot ihre ebenmäßigen Züge. r—i Ein heißes Angstgefühl quoll auf einmal in ihr empor, während ihre Augen sich in schreckhaftem Staunen weiteten. Barmherziger Gott, das nicht, nein, das nicht! „Du lügst!" schrie sie verzweifelt auf, und dann noch ein- mal: „Tu lügst!" Statt aller Antwort sah er sie schweigend und traurig an. Da schlug sie aufweinend die Hände vors Gesicht. Das war es also! Darum sah Beltlingen vorhin so froh und zufrieden aus, war er so unbesorgt, als sie von der Scheidung sprach. Freilich kannte er sie genugsam, um zu wissen, daß dies auch in ihren Augen eine unzerreißbare Kette war, die sie jetzt aneinander band. — Ein leises Stöhnen entrang sich ihren blutlosen Lippen. „Laß mich allein", tönte es endlich abgerissen zu Uchdorf hin. Da beugte er sich langsam — abschiednehmend zu ihr nieder. „Lebe wohl, Dagmar," sprach er zärtlich, „und vergiß nie, daß du keinen treueren und ergebeneren Freund hast als mich. Hörst du? Keinen treueren Freund, der dir jederzeit mit Rat und Tat beistehen wird. Willst du dessen eingedenk sein? Versprichst du mir das?" Sie sah ihn traurig an. „Ja. Und jetzt lebe wohl. Gott schütze dich." Ein letzter, heißer Händedruck — mit festen Schritten ging Uchdorf von dannen. Aber was das ihn kostete, das wußte außer ihm nur noch ber- Lenker aller Schicksale, der da Herz und Nieren prüft . . . Langsam schritt der Rittmeister dem Schlosse zu. Und je näher er dem gastlichen Hause kam, desto unabweislicher stieg eins vor ihm auf — er durfte die Geliebte nicht Wiedersehen, cs sei denn, daß sie ihn rief. — Mit tränen umflorten Augen hatte Dagmar ihm nachgeblickt. Ein müder, hoffnungsloser Ausdruck lag auf ihren Zügen, als sie sich endlich, wie besinnend, an die Stirn griff. Aber gleich ließ sie die Hände matt in den Schoß sinken. Der Kopf war ihr so lötrr und schwer. Sie schloß die Augen. Ah, nur nicht denken müssen —• nicht denken. . . Und dann kam es wieder, dieses entsetzliche Angstgefühl. Mit Mühe brachte sie die kleine, silberne Pfeife an die Lippen, um Anna herbeizurufen. Dann wußte sie nichts mehr. . . 12. Kapitel. Tie elektrischen Klingeln waren abgestcllt und die Dienerschaft glitt auf lautlosen Sohlen durch das Haus. Dagmar war schwer krank. Wochen waren schon seit jenem Tage vergangen, !vo Anna sie bewußtlos draußen im Park gefunden hatte, und noch immer wollte keine entschiedene Wendung zur Besserung eintreten. Es Ivar, als ob die Kranke sich gegen die Genesung sträube. Matt und unfroh lag sie in den blütenweißen Kissen — immer den gleichen, traurigen Ausdruck in dem rührend schmal gewordenen .Gesichtchen. Gewissenhaft kam Beltlingen jebeit Morgen und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Stets blieb er nur wenige Minuten, was Dagmar ihm im Herzen dankte, wie sie denn auch gerecht genug war, sein geschicktes Benehmen in der immerhin schwierigen Lage anzuerkennen. Und doch atmete sie jedesmal erleichtert .auf, wenn er das Zimmer wieder verließ. In schweigender Uebereinstimmung mieden sie es bisher, von ihrer letzten Unterredung zu sprechen, aber Dagmar dachte oft mit Bangen an den Augenblick, wo Beltlingen davon anfangen würde. Davor fürchtete sie sich geradezu, und bann — es war so zwecklos. An ihren Gefühlen würde das doch nichts ändern. Sie haßte ihren Gatten nicht, nein, sie verachtete ihn. Und doch mußte sie bei ihn: bleiben — um des Kindes willen. Wohl sah sie seine ehrliche Besorgnis um ihr Befinden, aber sie schrieb das, voll Bitterkeit, nur indirekt sich zu. Schließlich war das ja auch einerlei. Ihr war eben alles gleichgültig. Sie konnte sich nicht einmal auf das Kind freuen. Und wie leidenschaftlich hatte sie sich sonst nach Mutterglück gesehnt! — Nach wie vor wandte sie schweigend den Kopf zur Seite, wenn Beltlingen ins Zimmer kam, und da der Arzt wiederholt eindringlich vor jeder Erregung gewarnt hatte, wagte der Kammerherr nicht viel mit ihr zu sprechen. Ter Juli war längst ins Land gekommen und noch immer Keigte Dagmar die gleiche Apathie, diese sonderbare Lebensunlust. Der Professor zuckte ratlos die Achseln. „Wenn der Wille den Körper nicht unterstützt, ist nichts zu machen. Ich halte diese andauernde Apathie durchaus nicht für belanglos." Beltlingen schritt unruhig int Zimmer auf und ab. „Wenn ängstlich jede Erregung vermieden werden soll . . ." Er zuckte .die Schultern. Durchdringend ruhten die klugen, scharfen Augen des Arztes duf seinem blassen Gesicht, den nervös zuckendert Augenlidern. .Unwillkürlich senkte der Kammerhcrr den flackernden Blick. Das sagte dem andern genug, bestätigte ihm seine Vermutung von dem tiefen, seelischen Zerwürfnis der Gatten. Diesem Konflikt, den Dagmars müde Gleichgültigkeit ihm auch angedeutet hatte. „Bei dem ausgesprochen religiösen Empfinden Ihrer Frau Gemahlin wäre sie vielleicht den — Ratschlägen — eines Geistlichen zugänglich?" Zögernd hielt der Professor inne. Beltlingen schnellte herum. Sein eben noch so sorgendes Gesicht sah ordentlich erleichtert aus. „Den Gedanken hat Ihnen der Himmel angegeben, bester Professor! Ich werde noch heute den Pastor Müller holen lassen." Im Grunde seines Herzens war es dem Baron unsagbar peinlich, den Geistlichen einen derartigen Einblick in seine Familienverhältnisse tun zu lassen. Aber was half das? Einstweilen war es die Hauptsache, Dagmar aus ihrer Lethargie zu reißen. Velt- lingen hob entschlossen den Kopf. Mochte Müller fein Heil versuchen. (Fortsetzung folgt.) Aus der SLttdenienZcik. Er uuerungen eines alten Gießeners. (Fortsetzung.) V. Heidelberg. Im Oktober 1854 'bezog ich die Universität Heidelberg, um Vangerow zu hören. Dort gab es damals keine Burschenschaft. Die vier Korps: S a ch s e n - B o r n s f e n, V a n d a l e n, R h e n a n e n u. S ch w a- b e n beherrschten ohne Konkurrenz das studentische Couleurleben. Wir hatten der Jenenser Germania mitgeteilt, daß ich das Wintersemester in Heidelberg studieren würde, und erhielten dagegen die Nachricht, daß von ihnen Victor Hase, der Sohn des berühmten Theologen Karl von Hase in Jena, dorthin kommen würde. Bangerows Pandekten-Kolleg war von über 800 Zuhörern besucht und vergeblich sah ich mich in der ersten Vorlesung nach demjenigen um, der etwa der erwartete Germane sein könnte. Ich lernte zunächst bett „Pandektenmarsch" kennen, nach dem Rythmus--... taktfest von 6 0 0 Füßen getrampelt. Er ging bei dem Erscheinen der stattlichen Gestalt des berühmten Lehrers in einen Wirbel über, bis jener glücklich ,auf dem Katheder gelandet war. Mir war eine derartige Bewillkommnung der Professoren völlig neu. Ich gewöhnte mich aber bald daran. Vangerow las vott 9 bis 11 Uhr, dann nach einstündiger Pause von 12 bis 1 Uhr. Es wurde gesagt, daß er die Pause benutze, um zu einem guten Frühstück eine Flasche Champagner zu leeren. Seine Mittel erlaubten ihm das. Tas Kolleg brachte ihm 9000 Gulden ein. Ter damals 45 jährige bedurfte auch einer Stärkung, nachdem er beinahe zwei Stunden, stehend, in formvollendeter Sprache, bis zu der letzten Bank und auf der Tribüne Wort für Wort verständlich, vorgetragen. Er sprach ruhig und klar, sodaß man das Wesentliche unschwer nachschreibeu konnte, und wiederholte geduldig den Satz, wenn einer oder der andere der Zuhörer mit dem Fuße scharrte. Das war Bei IHering ganz anders. Beide sprachen frei, aber ein ordentliches Heft konnte man bei Jhering nicht schreiben. Dieser fesselte beit Hörer durch feinen lebhaften geistvollen Vortrag. Er nahm die ganze Auf- merksamkeit des Hörers in Anspruch, wenn dieser ihm folgen 1 trollte. Tafür gab aber Jhering stets Beispiele ans dem Leben und zeigte an ihnen die feinen Unterschiede. Vangcrvws Vortrag ersetzte das Lehrbuch. Jhering suchte uns klar zu machen, was in dem Lehrbuch stand. Was'Vangerow gesagt, konnte mau nachlesen, „beim was mo.it schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen". Das Meiste von dem, was uns Jheriug vertrug, mußte man dagegen im Kopfe behalten. Für Schüler mit rascher Auffassungsgabe und gutem Gedächtnis Tratte es keinen besseren Lehrer geben wie Jhering. Für durchschnittlich Begabte bildete das Ban- gerowsche Heft einen Schatz für das häusliche Studium. Ich kehre zur ersten Vorlesung zurück. In der Pause holte ich mein schwarz-rot-grünes Band, und siehe da, zwei Bänke von mir entfernt sah ich auf der Brust "eines stattlichen blondgelockten Jünglings das schwarz-rot-goldene Band mit weißer Umfassung der Jenenser Germanen.. Wir begrüßten uns alsbald und sind von da an fast täglich zusammengewesen. Zu uns' gesellten sich ztvei Burschenschafter aus Marburg, Mitglieder der Saxonia, und ein Göttinger, später noch drei Alemannen von Bonn, bis auf einen lauter Jünger der Themis. Zu unserer Stammkneipe wählten wir den weißen Schwanen, ganz in der Nähe des Universitätsgebäudes, und haben dort die meisten Wende des Wintersemesters in zwanglosem gefälligem Vereine verbracht. Es gab da ein vorzügliches/ nicht zu schweres Bier, das im Hause gebraut wurde. Wir nannten uns die Schwanen, den Besitzer den O b e r s ch w a it und die Mädchen, die uns bedienen durften, die Schwanenjungfrauen. Wir hatten die Annehmlichkeit, daß die Corps 451 — dort nicht verkehrten, fobtoß wir niemals Konflikt mit Corps- lcuten hatten. . Ich selbst bin nur einmal in Berührung mit solchen gekommen. Ich tstaf mit einem Sachsen Borussen, E. Gießer Starkenburger, auf neutralem Boden (wir waren beide bei Verwandten des letzteren eiugchaden) zusammen. Wir unterhielten uns über die Gießer Verhältnisse zwischen dem S. C. und unserer Germania. Tabei erzählte ich ihm, daß mein Bundesbruder B. K. mit einem Teutonenen Sch. im letzten Semester ein Rekontre gehabt, bei welchem der letztere sich auf Ehrenwort verpflichtet hatte, mit B. K. loszugehen. Trotzdem habe sich, Sch. geweigert, fern Wort einzulösen. Tie Rhenanen standen mit den Gießener Teutonen und Freund E. hatte nichts' Eiligeres zu tun, als meine Behauptung den Rhenanen zu hinterbringen. Eines Tages erschien auf meiner Bude ein Student mit blau-weiß-rotem Band, stellte sich als Senior! Ser Rhenanen vor, fragte ob es richtig sei, daß ich jene Aeußerung getan, und nachdem ich dies bejaht, werter, ob ich Satisfaktion gebe. Ich erklärte ihm, daß ich jeder,Zcrt bereit fei, die Wahrheit meiner Behauptung mit der Wan^ zu verteidigen. Er werde sich aber leicht von der Richtigkeit überzeugen können, wenii er bei der Teutonia anfrage. Er, der Rhenane, verabschiedete sich mit der Bemerkung, daß ich von ihm hören Werbe. Ich habe aber nie wieder von ihm gehört. Die Sache hatte eoen ihre Richtigkeit. Es stellte sich heraus, dast die Teutonia ihrem Mitglied Sch. das Duell verboten und das von ihm gegebene Ehrenwort annulliert hatte. Dabei hatte sich Sch. beruhigt. Mit meinem Freund Hase dilutierte ich öfter die Duell frage. In Jena paukten die Burschenschaften lustig unter sich Und Hase vertrat die heute allgemein unter den D. &; Burschenschaften bestehende Einrichtung der Bestimmungsmensur. Eines Abends sppach er wieder davon, wie den Mensur Anforderungen an den Mut des Einzelnen stelle, denen sich mancher aus Mangel dieser Eigenschaft gern entzöge. Ich bekämpfte diese Behauptung als. lächerlich. Wie gehöre denn Mut dazu, fttt) der Gefahr einer Schnittwunde auszusetzen, da jeder ^Mensch schlimmere Verletzungen davongetragen habe. Das bischen schmerz könne doch dem Ehrgefühl des Einzelnen gegenüber gar nicht in Betracht kommen. Tas Wime jeder sagen, meinte er, bis es einmal darauf ankomme. Acrgerlich entblößte ich die Brust und fugte, er möge nur einmal bineinschneideir. Geschwind nahm er ein auf dem Tisch liegendes Messer und schnitt mir durch "die Brust. Dias geschah natürlich in der Bierlaüne und cs tat ihm alsbald leid. Ich lachte ihn aus und verbot mir nur für die Folge die Belehrungen über den Mut, beit die Mensur voraussetze. Tie Verletzung war übrigens keine starke, dazu war das Messer zu stumpf. Sie blutete stark, aber Heftpflaster genügte zur Heilung. Die Narbe ist aber natürlich heute noch sichtbar. Freund Hase suchte und fand bald Ge- legenheit, seine Mensurlust zu befriedigen. Tie Lache wurde ebenso heimlich mrtriert wie ausgeführt. Wir erfuhren erst davon, als er nach mehrtägiger Abwesenheit mit einem riesigen Durchzieher auf der linken Wange erschien. . Wir blieben mit unseren Burschenschaften, m, lebhafter Korrespondenz und unsere Freundschaft trug dazu bei, die Annäherungsbestrebungen der Gießener und Jenenser Germania zu unterstützen. Von unserer Trinkfestigkeit gaben wir Schwanen einen glänzenden Beweis, als uns die Gießener Kneipe einen Bierzettel von 54 Ganzen zusaudte. Wir kamen diesem an einem Kneipabend nicht nur nach, sondern tranken der Gießener Kneipe eben» soviele Ganze vor. Wir waren allerdings den Gießenern gegenüber insofern im Vorteil, als die badischen Schoppen um cm Viertel kleiner waren als die Gießener, ferner war das Baer nicht so schwer und bildete einen größeren Feldwebel. Auch fingen wir früher an nnb hörten später auf. Doch war es im Ganzen eine respektable Leistung und jedenfalls meinerseits bte größte, deren ich mich während meiner Studentenzeit rühmen konnte. Wir hörten zu den Pandekten, um 8 Uhr vormittags Zr vrl- prozeß bei Re nund (früher in Gießen) und ich bei dem Men Mit ter maier, bei welchem schon mem Vater, gehört Hatte, ein einWndiger publice gelesenes Kolleg: ®tn 1 eitun g in das französische Recht. Wenn der über -Luebz'.giahrige eintrat erhob sich ein Getrampel von 250 Paar Beinen, daß das Haus bebte. Auf dem Katheder begann der alte, weißhaarige Mann mit erhobenen Händen: „Meine Herren, meine lieben jungen Herren, bedenken Sie doch, daß ich ein alter Mann bm. Kaum hatte er das gesagt, begann das Getrampel von neuem. Tie Szene wiederholte sich jedesmjal. Es wurde mir getagt, der alte Herr würde es sehr übel nehmen, wenn einmal die Ovation unterlasseil oder nur weniger stürmisch dargebracht würde. Nachdem die Wogen des Beifallssturms sich geglättet, hielt er drei" Viertelstunden stehend mit weithin verständlicher Stimme, ohne zu stocken oder sich zu wiederholen, seine fesselnden Vorträge. Aus der ersten Vorlesung ist mir die interessante Mitteilung in Erinnerung geblieben, daß seit den 5 0 Fahren des Bestehens des Code Napoleon sich bis dahin etwa 4 0 000 schwere Streitfragen neben unzähligen leichteren ergeben hätten. Bei Professor Röder (SttafrechtslehrI), der ein prachtvoll gelegenes Haus am Neckar gegenüber dem Lch,loste besaß und em Studienfreund meines Vaters war, verkehrte ich m der Familie. Ich lernte dort den Prinzen Rudolfvon Thurn und Taxis kennen, der ein Mensch war, tote ein anderer auch. Mit Professor von R e u ch l i n -Meldegg, einem älteren Herrn, traf ich öfter bei einer befreundeten Dame zum Bostou-- Spiel zusammen. Man sagte von ihm, daß er seit Jahren genau dasselbe Heft gebe, mit den nämlichen Witzen und sonstigen Randglossen. Einmal soll ihm sogar die Bemerkung entschlüpft fein: „Hier pflege ich einen Witz zu machen." — Nangerow lud jeden seiner Zuhörer, der ihm einen Besuch äußerhalb der Belegstunde machte, einmal zu einem opulenten Mahle ein, bei welchem der Champagner in Strömen floß. Von einem Studenten wurde erzählt, daß er bei dieser Gelegenheit sein Kvlleggeld habe heraustrinken wollen, da cs aber zur Entlassung der Gäste nicht so weit gekommen, habe er in jeder Fracktasche noch eine Flasche Champagner mitgenommen. Das kann ich aber nicht verbürgen. Tas Kolleg besuchten wir pünktlich, selbst bann, als wir einmal von nachmittags zwei llhr bis anderen Morgen Whist gespielt hatten, sodaß wir direkt ins Kolleg gehen mußten. Tas schloß nicht aus, daß wir manchmal nach Mannheim zum Theater fuhren, und andere größere Ausflüge machten. Tie ausgiebige Gelegenheit zu Fahrten haben toir nur selten benutzt, vielmehr, so oft die Witterung es erlaubte, die Gegend zu Fuß durchstreift. Königstuhl, Neckargemünd, Neckarsteinach, Tilsborn, Hirschhorn, Neuenheim, Schießheim, Wolfsbrunnen und die da- zwischenliegenden Berge, selbstverständlich auch häufig das Schloß und die Molkenkur, waren die Ziele unserer Spaziergänge. Abends saßen ton' in unserem gemütlichen weißen Schwanen. „ J