nr __ ■ Ionnerstag Sen 31. Klttoöer W Itl 1 ^ÄÄMrOrWi! i. • Auf der ngensn Spur. Kriminalroman von Otto Hoecker- (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Gehilfe durfte sich einstweilen ins Borzimmer zurück- ziehen; unter der Tür traf er mit Kommissar Thommen zusammen, der in augenscheinlich großer Aufregung von seinem Gange zurückkehrte. „Die Bildkarten sind nicht aufzusinden", berichtete er, kaum daß er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Was soll das heißen?" erkundigte sich der Rat. Sein Blick schweifte zu Walden hinüber. „Ich will selbst einmal hinaufgehen und nrich überzeugen, die Bilder müssen da sein, ich legte sie mitten auf die Schreibmappe des Kommissars, damit er sie sofort heute früh gewahren möchte." „Ten Gang können Sie sich sparen!" hielt ihn Thommen zurück. „Wir haben alles abgesucht. Der Nuntius hat Ihnen zugeschaut, als Sie die hurtig in Zeitungspapier gewickelten Bilder auf den Schreibtisch legten; er meint, Sie müßten sie entweder aus Versehen wieder zu sich gesteckt oder eine Ratte müßte sie vom Pulte gestoßen haben; dann sei es möglich, daß die Putzfrau das unscheinbare Päckchen mit anderen am Boden liegenden Papieren zusammengefegt und verbrannt habe." „Das ist fatal!" wollte der Rat aufbrausen. Doch ein ganz merkwürdigen Blick des Kvmniissars, der sich so gestellt hatte, daß sein Mienenspiel Von niemandem als Hansemann selbst beobachtet werden konnte, ließ ihn abflauen. „An dem Verlust der Bilder ist schließlich wenig gelegen, meinte Thommen rasch, „wir bekommen ja die neuen Ausnahmen vom Herrn Kreisphysikus. Daß die Karten aus dem Verbrecheralbum sich haarscharf mit den Gesichtszügen der Leiche decken, davon konnten wir uns sämtlich überzeugen." Das schien dem Rat einzuleuchten; er sagte wenigstens nichts darauf. Als er eine Weile später in einem von anderen unbeobachteten Moment Thominen an sich herantreten sah, erstaunte er indessen nicht ivenig, von diesem im Flüsterton die Bemerkung zugeraunt zu erhalten: „Ich habe sofort dienstlich kot Ersatz der Bilder nach Paris telegraphiert; dort haben sie die Phowgraphie jedenfalls noch dutzendweise vorrätig. Bitte, tun Sie vorher keine Schritte gegen den da" — und dabei schweifte sein Blick nach dem ihnen gerade den Rücken kehrenden Detektiv. Hansemann konnte nur schwer seine ängstliche Betroffenheit bei dem Gedanken niederhalten, daß der in seiner eigenen Seele bereits erwachte Argwohn auch bei anderen anfing und gegen einen Mann sich richtete, der bis dahin nicht nur sein uneingeschränktes Vertrauen besessen, sondern dem er eine väterlich zu nennende Neigung entgegengebracht hatte. Jedoch gewaltsam sammelte sich der Rat; er war ohnehin nicht der Mann, der sich durch irgend welche Sentimentalitäten beeinflussen ließ. Schon jetzt war es bei ihm beschlossene Sach«, bei der sich nächWietenden Gelegenheit feinen bisherigen vertrauten Mitarbeiter nach dem Grunde seines in dieser Unter!-, suchungssache mindestens zweideutigen Verhaltens zu befragen. Er erinnerte sich eben an das merkwürdige Verhalten des Detektivs angesichts der Leiche. Walden war übel geworden, er hatte gegen eine Ohnmacht ankämpfen müssen und sich glaubhaft damit herausgeredet, der Chloroformgeruch mache ihn: übel. Die Möglichkeit lag vor, daß er in dem Leichnam den tief gesunkenen Jugendfreund erkannt und schonend geschwiegen hatte . . . doch nein! Er hatte ja fast auf den ersten Blick in dem Toten den internationalen Einbrecher erkannt und die Bilder aus dem Verbrecheralbum hatten seine Angaben vollinhaltlich bestätigt. Also konnte nicht nur Mitleid die Lippen Waldens versiegelt haben; dieser mußte notwendig um das Doppelleben des Jugendfreundes gewußt haben. Daran zu zweifeln, hieß die scharf entwickelte Intelligenz des jungen Beamten verkennen. Wie sollte diesem eine derartig frappante Aehnlichkeit entgangen sein, die z. B. einem Rokohl ohne weiteres aufgefallen war! Je länger der Rat seinen Gedanken Spielraum gab, desto klarer erschien cs ihm, daß auf ©eiten Waldens zumindest ein Akt bewußter Täuschung und Unaufrichtigkeit Vortag, hinter welchem unheimlich grobe Pflichtverletzung hervorwitterte. Doch Thommen hatte Recht; eben war nicht die Zeit dazu, Aufklärungen zu heischen. Vorläufig galt es, die Erledigung der immer dringlicher und zahlreicher an ihn herantretenden Amtsgeschäfte. Damit wendete sich Hansemann an den Maler. „Herr Witte, ich sehe mich in die unangenehme Lage versetzt, von Ihnen den Nachweis eines genauen und lückenlosen Alibi während der in Frage stehenden Nachtstunden, also von etwa 3 Uhr morgens an. erbitten zu müssen", begann er. Witte sah ihn groß an; dann lachte er nervös auf. „Das kann doch Ihr Ernst nicht sein!" brach er dann los. „Was werde ich gemacht haben? Nach Hause ging ich, natürlich allein, denn sogar in Berlin trifft man um solche nachtschlafeudc Zeit kaum Bekannte." „Bleiben wir bei Tatsachen", wehrte der Rat, ersichtlich unangenehm durch den herausfordernden Ton des andern berührt. „Wann kamen Sie nach Hause?" „Das weiß ich nicht, denn ich erinnere mich nicht, die Uhr befragt zu haben. Ich war zudem erregt und schlug nicht den kürzesten Weg ein. Vielleicht kam ich um 5 Uhr nach Hause, vielleicht auch früher oder später — ich weiß es nicht. . . und andere noch weniger, da ich ziemlich isoliert wohne." „Das bedaure ich in Ihrem Interesse, zumal Sie Ausländer sind." „Was hat denn das mit dem peinlichen Falle da zu tun?" „Sehr viel, soweit Ihre Persönlichkeit in Betracht kommt. Vergegenwärtigen Sie sich die Lage. Sie selbst räumen ein, den Trunkenen nach der Droschke gebracht zu haben, in welcher er nachher seinen gewaltigen Tod fand. Nun wollen Sie sich zwar entfernt haben, doch an der Hand der Zeugenaussagen spricht die Wahrscheinlichkeit für das Gegenteil." „Sie vergessen auch meine Aussage! Es ist die Aussage eines untadeligen Ehrenmannes!" unterbrach ihn Witte, hochmütig die Lippen schürzend. — 646 — „Die Kriminalpolizei urteilt notgedrungen an der Hand anderer Maßstäbe", lautete das frostige Bedauern des Rats. „Nun scheint es ferner festzustehen, daß Sie auch den Chloro- forureinkauf in der Askanischen Apotheke bewirkt haben . . . die leere Flasche wurde nachher in der Droschke aufgefunden." „Das ist die reine Unwahrheit — um mich nicht schärfer auszudrücken!" entfuhr es dem Maler hochgradig gereizt. „Ich wünschte es in Ihrem Interesse. Jedenfalls habe ich als Beamter pflichtgemäß mit dem vorliegenden Verdacht zu rechnen. Ein eigentümlicher Zufall will es schließlich, daß Taschentücher von derselben Sorte, wie sie von Ihnen tagtäglich benützt toirb, ja, sogar mit Ihrem Monogramm versehen, in der Droschke aufgefnnden wurden . . . mithin sind Sie hinreichend verdächtig, um den gewaltsamen Tod des Baker oder Schuhmacher mehr zu wissen, als Sie anzugeben geneigt sind. Da Sie als Ausländer ohne weiteres fluchtverdächtig erscheinen, sehe ich mich in Erfüllung meiner in diesem Falle besonders schweren Amtspflicht gezwungen. Sie für vorläufig verhaftet zu erklären." Witte zuckte zusammen, wie von einem Schlage getroffen. Sein Gesicht hatte sich entfärbt, seine Lippen zitterten, nur die Augen sprühten das vorige stolze, verächtlich an mutende Feuer. „Großartig — in der Tat!" meinte er gedehnt. „Sie verhaften mich . . . znm Dank für meine Freundlichkeit, Ihnen unaufgefordert Auskunft zu erteilen." „Lieber Herr, ich erfülle nur meine Pflicht. Ich würde gegen meine eigene Tächter nicht anders verfahren und ob mir das Herz darüber bräche. Die Pflicht über alles. Uebrigens ist die Sache nicht so schlimm. Ich sorge schon dafür, daß Sie erträglich unterkommen, lieber Ihr ferneres Schicksal hat morgen der Untersuchungsrichter zu bestimmen." Die erste Aufregung des Verhafteten war schon dahingeschwunden; er suchte sich nur mit leidlicher Fassung in feine Lage zu schicken. „Zu Ihren Diensten, Herr Rat", sagte er mit fast humoristisch klingender Stimmfärbung. „Freilich, ich hatte nie geglaubt, daß ich Sie so bald' auch von dieser Seite kennen lernen sollte". Kaum sah sich der Rat mit Walden allein, der wie apathisch, als ob er von den Vorgängen im Zimmer garnichts wahrgenommen, dasaß, als er auch schon in großer Bewegung auf ihn zutrat. „Um des Himmelswillen, Mann,was soll ich von dem ganzen Vorgänge halten!" brach er mit mühsam unterdrückter Heftigkeit los. Er begegnete einem Uhl erstaunten Blick seines Untergebenen. „Wie meinen Sie das, Herr Rat?" fragte Walden in seiner gewohnten ruhigen Weise. „Ich verstehe Sie nicht — ich glaubte vorhin bereits Ihrem Blicke mit für mich rätselhaftem Ausdrucke begegnet zu sein." Hansemann packte ihn fast ungestüm gm Arm. „ Walden, erlassen Sie mir es, Ihnen zu sagen, was ich immer für Sie empfunden habe und auch jetzt noch für Sie übrig habe. Doch erklären Sie mir, welche Deutung ich diesen Vorkommnissen geben muß! . . . Man sagt Ihnen die Täuschung ins Gesicht hinein, man —" „Verzeihung, daß ich widerspreche. Ich habe deutlich genug bekundet, daß die Behauptung des inzwischen von Ihnen als verdächtig Verhafteten unwahr ist. Ich gebe zu, daß das Vorhandensein der Stirnnarbe auch mich frappierte. Ja, auch ich glaubte zuerst Gustav Schuhmacher vor mir zu haben, obgleich ich ihn doch Tags zuvor nach dem Lehrter Bahnhof geleitet hatte. Darum meine Schwäche, die Ihnen ja genugsam aufgefallen ist. Ich beruhigte mich jedoch bald, als näherer Augenschein mich von meinem Irrtum überzeugte und es mir immer klarer wurde, daß die Aehnlichkeit nur eine oberflächliche, der Tote vielmehr mit dem berüchtigten internationalen Einbrecher identisch ist." „Und das unter solchen Umständen auffällige Verschwinden der drei Bildkarten aus dem Verbrecheralbum?" Walden zuckte mit den Achseln. „Was soll ich da sagen, Herr Rat! Ich kann nur mit großer Betrübnis feststellen, daß ich Ihr Vertrauen verloren habe. So hart mich das auch trifft, so tröstet mich dennoch das Bewußtsein getreulicher Pflichterfüllung." Hansemann blickte dem anderen so unverwandt in die Augen, als ob er auf dessen Seelengrund lesen wollte. In fast weichem, bittend klingenden Tone meinte er dann: „Walden, muß ich Sie daran erinnern, wie wir zusammen stehen? Wollen Sie sich nicht dem Freunde offenbaren, solange es noch Zeit ist? Sie mögen sich eine Unkorrektheit haben zuschulden kommen lassen, ich will mich darüber nicht weiter auslassen, sondern Ihnen nur meine Bereitwilligkeit ausdrücken, sie zu vertuschen, soweit dies möglich ist," Doch Walden begegnete fest und unbeirrt dem forschend aus ihn gerichteten Blicke. „Herr Rat, ich habe bisher jederzeit meine Handlungen vor dem Richterstuhl meines Gewissens verantworten können — so verhält es sich auch jetzt!" erklärte; er ernst und gefaßt. „Ihr plötzlicher Zweifel an meiner Zu- verlässigkeit schmerzt mich tief. Doch zu irgend welcher privaten Mitteilung sehe ich mich nicht veranlaßt." Der Rat nickte langsam'. „Möge ich Ihnen Unrecht getan haben", sagte er herzlicher. „Ich gestehe offen, die Sache ver-, hin bestürzte mich. Mag fein, der Schein trügt, wie fo oft, auch in diesem Falle." Der Rat ließ den Gegenstand ohne weiteres fallen und nahm! aus der Schublade das Bild des jungen Hildenbrand. Er händigte es dem Detektiv ein. „Ich habe diese Sache persönlich bearbeiten wollen, werde indessen voraussichtlich heute nicht dazN kommen. Suchen Sie Revierleutnant Beier ans und begeben Sie! sich mit ihm nach Plötzensee. Dort lassen Sie sich den jungen Eileubrug vorführen; der Leutnant kennt ihn genau. Ncber- zeugen Sie sich von der Identität des Gefangenen. Ich hege den Verdacht, daß dieser gar nicht in eigener Person den Straftermin abbüßt, sondern sich in dem Original des Bildes hier einen Stellvertreter besorgt hat." Maldens Lippen umzuckte es bitter. „Ich verstehe, Herr Rat, Sie wollen mich einstweilen kalt stellen. Daber dieser Auftrag." Hansemann konnte keinen Widerspruch vertragen; angesichts eines solchen wurde er zumeist maßlos heftig. Eben jedoch runzelte sich nur feine Stirn und er machte eine ungeduldige, verabschiedende Handbewegung. „Von der pünktlichen Erfüllung meines Auftrags hängt viel ab. Sobald Sie Gewisses erfahren!, haben werden, rufen Sie mich durch den Fernsprecher an, und nun gehen Sie!" (Fortsetzung folgt.) - Die Stadiknche zu Kungen. Original-Artikel der „Gieß. Familienblätter". Es ist ein prächtiges Bild, das dem Ange des Wanderers, sich bietet, wenn er von Osten her ans das Städtchen! Hnngen znschreitet: im Vordergrund Reste der alten Stadtmauer, etwas höher gelegen das ehrwürdige Gotteshaus mit seinem stattlichen Turme, dahinter das malerisch aus dem Grün hervorragende Schloß. Wäre ihnen die Sprache verliehen, sie könnten viel, viel erzählen von Freud und Leid zahlreicher Geschlechter, von lieblichen Tagen und stürmischen Zeiten, von Krieg und Glaubensstreit, von manchem' Ereignis aus geschichtlicher Vergangenheit. Ueber die Mauer hinaus hat das Stadtbild sich erweitert, Kirche und Schloß aber sind wie früher fein Mittelpunkt geblieben. Festge-, gründet und starkgefügt, werden ihre Mauern noch Jahrhunderte überdauern. Besonderes Interesse nimmt augenblicklich die Stadtkirche für sich in Anspruch. Schon feit vorigem Jahre! find geschäftige Hände daran, ihr. Gewand zu erneuern. Bald wird sie in schmuckem Kleide dem Auge des Beschauers sich darstelleu uud dann nicht nur eine Zierde der Stadt, sondern zugleich eines der sehens würdig st en Gotteshäuser Oberhesseus sein. Die Kirche besteht aus dem Schiff, dem Turm und dem Chor, die zu verschiedenen Zeiten errichtet wurden. Der älteste Teil der Kirche ist der Turm. Während sein unterer Teil romanische Stilformen aufweift, trägt der Oberbau gotisches Gepräge. Beim Eintritt vom Süden her fällt unser Blick ans eine prächtig beschlagene Tür. Ueber der Turmkapelle sehen wir ein maßvolles romanisches Kreuzgewölbe von vornehmer, ruhiger Wirkung. Bei Arbeiten int Turme stieß mau auf Reste alter Malereien, die nach Möglichkeit vom Verputze befreit, als vorzügliche künstlerische Darstellungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert erkannt wurden. Geschickte Hände sind gegenwärtig damit beschäftigt, die Malereien kunstgerecht auszubessern. Das Deckengewölbe zeigt einen wunderbar stilisierten gestirnten Himmel, während die Seitenwände durch schwungvoll gemalte, schwarze Raukeuornameute geschmückt find. Letztere werden durch ziemlich gleichmäßig verteilte, rote Blüten belebt. Reizende Ornamente bedecken ferner den Chor- und Schiffbogen. Besondere Anziehung üben zwei biblische Darstellungen aus, die auf den Fensterleitungen angebracht sind. Die beiden Bilder find gotische Kunst und" zeigen in dem einen Feld den „Apostel Johannes" mit dem Lamm, das er aus mt> leit er- rtej 5 its- ten an er-» 'ft, jtrt Er ich Sie en :r- :ge en es :rr er! )t§! ich je, rtffi en ii i> cs !N! t- tf: m r- ibl i- m ?v e- r- t- :ei >e bi t. n r n r. ü s b b |t r e >5» s l- lf r n if L‘;i “■!. WUHLtüTüJJUP * .........".........“ — 647 — einem Buche trägt, in dem anberen Felde den „Tob der Maria". Die entschlafene göttliche Mutter' liegt auf einem Bett; ausdrucksvoll, milb unb frieblich sind bie Züge der Erlösten. Eine überaus Weiche Linienführung, zeichnet diese Figur aus. Vor dem Bett erblicken wir zwei Frauengestalten, auf der anberen Seite desselben eine Apostelgruppe, unter ihnen Petrus. Ein ernster, schmerzlicher Zug ist den sprechenden Gesichtern eigen. Seitlich, etwas erhöht, nimmt das Auge die Gestalt des Erlösers wahr. Auf dem linken Arm trägt er die Seele der Heimgegangenen, während die rechte Hand segnend emporgehoben ist. Das Ganze ein Bild von fester Geschlossenheit in der Komposition, feierlicher Ruhe und tiefem Ernst im Ausdruck. Vielleicht gelingt es, noch die eine oder andere Darstellung in der Turmkapelle so freizulegen, daß eine Erneuerung möglich ist. Durch ein von viereckigem Holzrahmen mit schöner Schnitzerei umgebenen, streng geschlossenen Chorgitter vom Jahr 1659 oder 1679 tritt man in den spätgotischen Chor. An Stelle ber, seither flachen Decke ist ein Gewölbe getreten, das die architektonische Wirkung erst vollendet. An der Nordwand des Chors befindet sich ein sehr schönes gotisches Sakramentshäuschen, während an der Ostseite sich ein monumentales, im Renaissancestil ausgeführtes Grabdenkmal erhebt. Gräfin Ursula von Gleichen ließ es im Jahre 1616 ihrem int Jahr 1610 bei Molsheim gefallenen und in Heidelberg begrabenen Gemahl Otto errichten. Der Chor diente als Grabstätte einer Reihe solmsischer Fürsten und Fürstinnen. Es ruhen hier Gräfin Ursula (f 1625), Graf Philipp (f 1628), Graf Friedrich (t 1628), Gräfin Juliana (f 1628), Graf Konrad (f 1628), Graf Reinhart (f 1630), Gräfin Juliana (f 1630), Sophia Eleonora (f 1673), Moritz (f 1678), Karolina Katharina (t 1785). — Auch im Chor zeigen sich Reste alter Malereien, so eine hübsch entworfene Tafel mit der Jahreszahl 1518. Es dürfte jedoch nicht angängig sein, mehr als die eben erwähnte Tafel und den teilweise erhaltenen Zahnzack um die Fenster wiederherzustellen. An die Stelle der bisherigen Fenster treten solche mit farbigen Scheiben, darunter ein Fenster mit einer Darstellung aus dem Evangelium. Das Schiff wurde zu Anfang des 17. Jahrhunderts durch Graf Otto den Jüngeren im Renaissancestil erbaut. Die jetzige Orgel wurde im Jahr 1875 aufgestellt und kostete 7650 Mark. An Schiff und Turm angelehnt, wurde auf der Nordseite der Kirche im vorigen Jahre eine Sakristei angebaut. In dem sich darunter befindenden Keller hat vor kurzem der Kessel für die Dampfheizung Aufstellung gefunden. Nicht unerwähnt dürfen die vier Glocken bleiben, von Nicht unerwähnt dürfen die vier Glocken bleiben, von denen drei ihre Klänge zu einem selten schönen Geläute vereinigen. Die vierte, die aus dem Jahre 1707 stammt, ist zersprungen. Die größte der Glocken führt den Namen S u s a n n a und wurde 1452 gegossen. Wegen ihres herrlichen Klanges war sie so berühmt, daß die Stadt Frankfurt an Kaufgelb soviel Krontaler bot, als die zweitgrößte Glocke aufzunehmen vermöchte. Diese stammt aus dem Jahr 1697 und trägt folgende Aufschrift: Die Schlaffenden wek ich Die Suender schreck ich Des juengsten Gericht erinnr ich In Gottes Namen slos ich Dilman Schmid von Aslar gos mich Gotfrid Leurer K. B. M. 1697. Die kleinste Glocke ist die älteste; auf ihr sind die Namen der Evangelisten Matheus, Markus, Lukas, Johannes verzeichnet. — Schon lange Zeit dient der Glocken metallener Mund dem Zweck, den Schiller in den Worten bestimmt: Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango (die Lebenden rufe ich, die Toten begrabe ich, Blitze breche ich). Im eigenen Hause mußten sie der Elemente zerstörende Gewalt verspüren, als im Juli 1888 ein Blitzstrahl in den Turm herniederzuckte und im Jahre 187'6 ein heftiger Sturm einen Teil des Kirchendaches am Westgiebel zerstörte. In frühester Zeit gehörten die Kirche und die Stadt Hungen zur Abtei Hersfeld. Später stand die Pfarrkirche zu Hungen nebst ihren Filialen Villingen, Langsdorf, Non- nenroth und dem ausgegangenen Meßfelden unter dem Dekanat Friedberg und mit diesem unter dem Archidia- konat Mainz. Die d r ei Altäre, die die Hungener Kirche vor der Reformation besaß, waren der Jungfrau Ma- ria, der hl. Katharina und dem hl. Sebastian geweiht. Der Marienaltar wurde am 26. Febr. 1382 gestiftet und von Braunfels, später von Lich dotiert. 1405 wurde der Katharineualtar gegründet. Das Marienstift oder die Kollegiatkirche dieses Namens zu Lich, dem die Verleihung des Priesteramtes an diesem Altar zustand, trat das Patronat an Katharina, die Witwe des Gerhard Schott zu Frankfurt ab. Sie besserte das Einkommen des Altaristen mit 400 Gulden Kapital auf, dessen Zinsen einen Besoldungsteil des Priesters bildeten. Dieser war dafür verbunden, wöchentlich drei Frühmessen zur Seelenruhe der Schottschen Familie zu lesen. Die' von dem Kapital abgeworfeneu 20 Gulden Zinsen wurden Schottsches Stipendium genannt. 1527 überlassen Kaspar und Lukas Schott das erwähnte Kolleaturrocht dem Grasen Bernhard III. zu Solms-Braunfels. Durch Vertrag zwischen Braunfels und dem Marienstift zu Lich gelangt das Schott- sche Stipendium 1580 an Lich. Die evangelische Lehre sand jedenfalls noch zu Lebzeiten Luthers Eingang in unsere Stadt. 1586 trat an Stelle der lutherischen die reformierte Auffassung (Dr. Olevianus). Die Renovation unserer Stadtkirche geht rüstig ihrer Vollendung entgegen. Kirche, Gemeinde und Standesherr- schaft im Verein lassen das altehrwürdige Gotteshaus so würdig Herrichten, daß es bei seiner Bestimmung, als Er- bnuungsstätte zugleich ein Künstmal der Stadt und Umgebung sein wird. Staubach>, Jem Ander;Ken Klaubrechls, (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl"). Ter heutige 31. Oktober mahnt, eines echten und rechten Wolksschriftstellers zu gedenken, der am 31. Oktober 1807, also vor 100 Jahren, in Gießen geboren ward und am 13. Oktober 1859 zu Lind heim in der Wetteran gestorben ist. Rudolf Oes er, als Schriftsteller bekannter unter seinem Pseudonym Otto Glaub recht, verbrachte seine Schul- und Universitätsjahre in der Vaterstadt Gießen^ war nach Beendigung seiner theologischen Studien von 1831 bis 1833 Hauslehrer in P f u n g st a d t, dann Pfarr- assistcnt zu Rod heim in der Wetterau und von 1835 an bis an seinen Tod Pfarrer von Lind heim. Ditz Literaturgeschichte schätzt Glaubrecht als einen unserer besten' Volksschriftsteller ein. Ihm eignen treffliche Darstellungs-i weise, flüssiger und edler Stil, viel Witz und köstlicher; Humor. Ferner sind ihm gutdeutsche Gesinnung und Liebe zum Volke, gepaart mit inniger Kenntnis des Volks- und Landlebens, der Sitten und Sprache des Volks mit seinem! Sprichwortreichtum und anderen Eigenarten nachzurühmen. Glaubrechts, schon durch die Wahl dieses Namens gekenn-j zeichnete evangelische Frömmigkeit dürfte allerdings mitunter weniger in den Vordergrund treten und minder pietistisch gefärbt sein. Seine Schriften haben zumeist wiederholte Auflagen bis in die Gegenwart herein gefunden und bilden wertvolle Jnventurstücke vieler Schul- und Volksbibliotheken. Sieben Jahre nach seinem Ableben gab Glaubrechts Verleger dessen „Ausgewählte Schriften" in mehre- kannte Wüten des H e x e n p r o z c s s e s weit hinter sich rechts erste Werke: „Anna, bie Blutegelhündlerin" (1841) und „Die Schreckensjahre von Lindheim", die 1842 erschieneüf und in fesselndster Weise das schändliche, alles sonst bekannte Wüten des H e x e n P r o z e s s e s weit hinter sich lassende, entsetzliche Treiben des Schultheißen Georg Ludwig Geiß, des „Scheusals von Lind heim" schildern., Dieser Veteran aus dem 30jährigen Kriege, ein rohere fanatischer und habgieriger Kerl ohne Bildung, bar allen; menschlichen Fühlens, hat vor einem Viertel Jahrtausend durch seine grausige Hexenverfolguug entsetzliches Elend über zahllose Familien der Wetterau gebracht, und lebt deshalb seine Geschichte und Sage fort als eine der abscheulichsten Schandsäulen der Menschheit. Weiter sind folgende Werke Glaubrechts hervorzuheben: „Heimkehr", 1848; „Die Zigeuner", 1851; „Die Goldmühle", 1852; „Erzählungen aus dem Hessenlande", 1853, „Die Heimatlosen",- 1858, und endlich, 1860 nach dem Tode des Verfassers er- 648 — schienen, „Tas Wassergericht". Literarisch und kulturell wertvoll ist seine Abhandlung „Die Volksschrift und die Volksschriftsteller", die 1867 das „Zentralblatt für deutsche Volks- und Jugendliteratur" veröffentlichte. Glaubrechts Leben und Wirken hat I. G. Diegel in der Einleitung zu der schon erwähnten Sammelausgabe seiner Schriften liebevoll gewürdigt. Merkwürdigerweise weiß das Brockhaussche Konversationslexikon im Gegensatz zu Meyer nichts von Glaubrecht-Oeser zu berichten, entschieden eine der Ausfüllung bedürftige Lücke. Ernst Arnold. VeNrnZsehKes. * Das Schlafen bei offenem Fenster. Daß es heute noch Menschen gibt, die glauben, die Nachtluft sei schädlich und sie deshalb im Schlafzimmer ängstlich von sich absperren, muß man leider immer 'wieder erleben. Solche Luftscheu wird aber erklärlich, wenn man lesen muß, daß ein Arzt über die Nachtluft schreibt, sie sei „feucht und kühl und reich an Kohlensäure" — daher sei schon aus diesem Grunde das Offenlassen der Fenster eines Schlafzimmers zu widerraten. Bon der Kohlensäure, die der Schläfer im kleinen Schlafzimmer ausatmet, den schädlichen Folgen verdorbener Luft in engen Schlafräumen scheint der luftscheue Ratgeber nichts gehört zn haben. Sonst könnte er nicht die Parole ausgeben, die freie Nachtluft zu fürchten. Oder hat man schon erlebt, daß jemand nachts an Kohlensäurevergiftung zugrunde gegangen ist, weil er sich in baumreichen Gärten oder im Walde aufhielt? Das Publikum sollte sich durch derartige Angstmeierei nicht abhalten lassen, die staubfreie Nachtluft, die auf jeden Fall ärmer an Kohlensäure ist als die verbrauchte Atmungslust unserer Wohn- und Schlafräume, in vollen Zügen zu genießen und durch die Fenster hereinzulassen. Man gebrauche doch nur seine eigene Nase und vergleiche die erquickende Außenluft mit der Zimmerluft. Wer sich aber an Luft gewöhnt, verliert seine Empfindlichkeit gegen Zug und braucht nicht jeden Windhauch zu fürchten. Also für gute Lufterneuerung bei Nacht durch das mehr oder weniger geöffnete Fenster sorgen, das ist eine bessere Gesundheitsregel als die Luftabsperrung. O diese Fremdwörter. „Nun, wie sind Sie mit dem neuen Erzieher Ihrer Söhne zufrieden?" — „Er gefällt mir ganz gut, der junge Mann, er hat ein recht sympathisches Fox- terieur." Billiger. „Siehst du, Männchen, trenn ich nach Ostende gehe, werde ich jede Nacht von dir träumen!" — „Lieber wäre es mir, wenn du hier bliebest und von Ostende träumtest!" Der Reiter von Orleans. (Originalbeitrag der „Gießener Familienblätter".) Man spricht so gern von großen Schlachten. Doch was da Einzelne vollbrachten. Wird überhört und leicht vergessen. Vergessen auch bei uns, den Hessen? Vor Orleans gabs ein blutig Ringen. Die welsche Macht dort zu bezwingen. Gelang ja nur den schwersten Streichen, Doch Frankreichs Heer geriet ins Weichen. Nur kämpften noch des Feindes Truppen Wohl da und dort in kleinen Gruppen, Um sich gedeckt, jedoch mit Ehren Bis auf den letzten Mann zu wehren. Da kamen drei Reiter; sie sollten erspäh'n, Ob da oder dort noch Feinde zu seh'n. Da pfiffen die Kugeln ganz nah ihre Lieder Und streckten eines der "Pferde nieder. Und ehe die Feinde noch recht erkundet. War auch ein deutscher Mann verwundet; Doch war er der letzte, noch gut beritten Und bald am Feind nach Reitersitten. Und er allein, der tapfere Reiter,*) __Entwaffnete die welschen Streiter, *) Ein Oberhesse, Kbnrad M. aus G. Und in Berichten ist zu lesen: „Es sind dreihundert Mann gewesen." Dreihundert Mann hat er bezwungen! Die kühne Tat sei hier besungen. Und wir nur wollen diesem Helden Voll Ehrfurcht unfern Gruß vermelden. L. Literarisches. ■— Von den in regelmäßiger Folge erscheinenden' Nummern der bekannten „B i b l iv t h e k de r G e s a mtl i t e r a t u r" (Verlag von Otto Hendel in Halle a. S.) liegt uns wieder eine neue Serie vor, deren erstes Bändchen die „Unheimlichen Geschichten" von Friedrich Gerstäker bilden. (Preis broschiert 1 Mk.) Den Stoff zu diesen Erzählungen hat Gerstäcker den« Uebersinnlichen entnommen. Anders das zweite Bändchen, die „Hinterwälder-Geschichtcn" desselben Verfassers (Preis 1 Mk.). Der Schauplatz dieser kleinen Erzählungen ist meistens Arkansas im wilden Westen Amerikas, wo Gerstäcker selbst längere Zeit als „Hinterwäldler" gehaust hat. Ein Merkchen des heute vor 100 Jahren in unserem Gießen geborenen rühmlichst bekannten Volksschriftstellers O. Glanbrecht wird uns in einem weiteren Bändchen geboten: „Der Kalender mann vom Veits berg" (Preis geheftet 0,50 Mk.), ein Volksbuch in des Wortes edelster Bedeutung, das in keiner Volks- und Jugendbibliothek fehlen sollte. Hausinschriftöu aus Ortschaften des.Kreises Kirchham. (Originalbeitrag des Gieß. Anz.) 15. (Ost angebracht.) Renoviert im Jahr, Als ich noch lustig war. -p 16. Ich habe hier aus dieser Welt Ein kleines Haus und wenig Feld, Doch habe ich ein schönes Weib Und dainit großen Zeitvertreib. 17. Wenn ich tausend Ochsen hätte Und ein schönes Weib im Bette Und brauchte keine Steuern zu geben, Dann könnt ich ohne Sorgen (eben. 18. Trau keinem Mädchen auf gruniger Heide, Trau keinem Juden aus seinen Eide, Trau keinem Schmer au! sein Gewissen, Sonst wirst du von allen dreien be— trogen. (Urtext drastischer.) * 19. Eilt guter Trunk, ein guter Bissen, Ein fröhlich Herz, ein gut Gewissen, Em schönes Bett, ein junges Weib Erquickt dem Mann das Herz im Leib. * 20. Ein Mairn ohne Geld Ist schlimnr dran in der Welt, Der aber ist noch viel übler dran, Der sei» Weib nicht bändigen kann. Bilderrätsel. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: R 8 0 heb a h e R h a b arber 8 c h a 1 u p p 0 Oberursel b p s e p e r e 1 Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,