1906 W Hf M WiLLetlose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 7. Es war einen Tag vor Kaisers Geburtstag, an einem wundervollen schneefunkelnden Wtntermorgen, als Suse Meridies vom Coupsfenster des dahinbrausenden Z..ges aus das anmutige Panorama ihres Heimatstädtchens am.Horizont verschwinden sah. Sie drückte sich so bequem als möglich in die harte Coupsecke, rtnd da sie allein blieb, vertrieb sie sich die Zeit mit goldenen Zukunftsträumen. Sie wurde immer vergnügter rmd leichtherziger, je näher sie ihrem Ziele, kam. Auf einet großen Station, kurz vor aß sie ein verspätetes Mittagsbrot und wachte argwöhnisch darüber, daß der bedienende Kellner sie als sicher und vornehm anftreteude Dame ansah und in ihr nicht etwa den Neuling auf Steifen erkannte und zu ihren Befehlen nachsichtig lächelte. Sie gab ihm danit 10 Pfennig Trinkgeld und er dienerte respektvoll hinter ihr her. Am Schalter löste sie sich ein Zuschlagsbillet vierter Klasse und schmiegte ihr schlankes Figürchen den Nest der Fahrt in graue Plüschpolster. Die Geheimrätin, die das Reisegeld gesandt, hatte das ausdrücklich gewünscht. Ter Schwiegersohn liebte keine Besuche, die „dritter Güte" ankamen. Vor dem Hauptmann hatte Suse eigentlich ein gelindes Grauen. Nach allein, was sie aus den Bemerkungen der Ser» wandten heraus gehört hatte, mußte er hochmütig und schroff sein, jedenfalls auch kein sehr liebenswürdiger Ehemann. Wer weiß, ob ihr Besuch ihm recht fein würde. Na, sie hatte, gottlob, nicht Ruths zartbesaitetes Empfinden, sie konnte unter Umständen blind und tanb fein. Ein schriller Pfiff riß sie aus ihrem Nachfinnen. Sie guckte zum Feilster hmaus. Ter Zug rasselte etzt über eine riesige eiserne Brücke, iinten ein zngefroreiter verschneiter Fluß, verkrüppelte Weiden am Ufer — — Festnngswälle tauchten auf, plumpe Rundtürme, alles Iveiß in weiß glitzernd, wie mit Diamantsplitteru bestreut, dann bei einer Biegung wurde der Blick aiif die ganze Stadt frei, die unter einem tiefblauen Himmel, vom Somienglanz überflutet, mit ihren schneebedeckten Dächern, den zahlreichen schlankragenden Türmen freundlich und imposant zugleich aus sah. Suse begann ihr Handgepäck aus dem N.tz ztl nehiuen und zurecht zu legen. Tann ließ sie das Fenster herab und stellte sich davor. Tas Herz klopfte ihr mut doch etwas bänglich, als der Zug pustend in eine rußige, dämmerige Glashalle einfuhr. Auf dem Bahilsteig stand ein Jnfanterieoffizier im Mantel, groß und kräftig, das Gesicht dem einfahrenden Zuge zugewandt. Ein strenges, hochmütiges Gesicht rtnd ernste, graue Augen. Das war der Hattptmann von Brocke Haus. Er schien Suse sofort erkannt zu haben, beitu er kant rasch auf ihr Coups zu und öffnete eigenhändig die Tür. „Schön willkommen, Fräulein Meridies!" sagte er mit einer warmen, halblauten Stimme, die seltsam mit beim Ausdruck seines Gesichts kontrastierte, „ich muß für meine Frau um Entschuldigung bitten, sie konnte mich nicht begleiten, wie sie beabsichtigte, da sich ein Besuch vom Lande einstellte." Suse stammelte darauf eine etwas verwirrte Entgegnung und reichte ihm mit schüchternem Aufblick die kleine Hand zur Begrüßung. Ein Diener in einfacher dunkelbrauner Livree bemächtigte sich ihres Handgepäcks und verschwand, nachdem ev noch den Gepäckschein in Empfang genommen hatte. Suse folgte dem Hauptmann erstaunt eine Treppe hinunter und dann wieder eine hinauf zu dem eigentlichen Bahnhofsgebäude. Das fremde lebhafte Treiben einer großen Stadt umflutete sie, ein Drängen und Laufen, ein Turcheincmder aller möglichen Geräusche, überall tauchten Uniformen in der Menge auf, jeden Augenblick stand ein Soldat beim Anblick des Hauptmanns zur Salzsäule erstarrt, bis dieser mit einer Handbewegung abwinkte. Suse hielt sich, eingeschüchtert, dichter an ihren stattlichen Begleiter und atmete unwillkürlich aus, als sie endlich ins Freie traten. „Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir bis zu unserer! Wohnung, gnädiges Fräulein!" meinte der Hauptmann, „oder fahren Sie lieber?" „Nein, durchaus nicht, — gehen wir, ich habe ja sechs Stunden gesessen und es ist auch so schön." Tas junge Mädchen sprach noch immer etwas scheu und befangen unter dem Eindruck seines hochmütigen, wie es ihr schien, auch mokanten Gesichts. Sie fand es abscheulich» daß die Cousine nicht hatte mitkommen können. Was sollte sie denn nur mit ihm reden? Auf einmal vergaß sie all ihren Kummer. In ihrs schönen Augen kam etwas Strahlendes, wie bei einem Kinde, dem man zum erstenmal einen Weihnachtsbaum zeigt. An der nächsten Straßenecke stand eine Gruppe von Offizieren. Die aufgeschlagenen roten Mantelkragen leuchteten, auf blinkenden Säbeln und blanken knöpfen flimmerten Sonnenreflexe. Als sie das heran kommende Paar erblickten, traten die jungen Leutnants beiseite, um sie vorbeizulassen. Weiß bekleidete Hände flogen an rote Mützenränder, sechs blitzende Augenpaare senkten sich tu Sus es kindlich staunende Sterne. Sie erglühte unwillkürlich vor Freude. Wie hübsch sahen diese frischen, jungen Gesichter alle aus, wie lustig und liebenswürdig. Und so gewiß angenehm überrascht hatten sie bei ihrem Anblick gelächelt. Sie hatte ihnen gewiß gefallen, dachte die kleine Eitelkeit. Auch der Hauptmann hatte sehr wohl das Aufsehen ________________________1_______________ 2 __ _ — 190 — bemerkt, das seine Begleiterin erregt hatte. Ein ver- stöhlen er Blick streifte ihre junge biegsame Gestalt, die das einfache blane Tuchkostüm mit vollendeten: Chik trug. Seine Frau hatte nicht übertrieben, sie war entzückend. Keine Schönheit, aber Inas viel mehr inert war, es lag Rasse in ihrem Gesichtchen, Leidenschaft. Tie flimmernden Augen, der heiße rote Mund, das trotzige Kinn verrieten es. Ihre augenblickliche Schüchternheit täuschte ihn nicht. Er würde jede Wette eingehen, daß die in ein paar Stunden wie weggeblasen sein würde. Hui) der Hauptmann hätte die Wette gewonnen. Trotzdem die Cousine sie im Beisein der fremden Gäste, eines jungverheirateten Gutsbesitzerspaares, begrüßt, findet Suse sich mit ihrer alten Keckheit rasch in die Situation. Zudem gibt Melas bekanntes Gesicht ihr ein gewisses Heimatsgefühl, das durch ihre ganze Umgebung noch verstärkt wird. Sie hat so oft und so zuversichtlich von Glück und Reichtum für sich geträumt, daß ihr alles förmlich selbstverständlich erschien, das behaglich und vornehm ausgestattete Zimmer, in dem es nicht wie daheim schlechte Tapeten und schadhafte Möbelbezüge zu verbergen gab, der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit den papierdünnen, zierlichen Täßchen, dem silbernen Kaffeegerät und den vielen, süßen, kleinen Küchen, die sie so gern mochte und au denen sie sich zu Hause nie halte satt essen können, der in Livree gesteckte Bursche, der später merkwürdig geschickt mehrere hohe Stehlampen unter roten Seidenschirmen entzündet, der weiche, bequeme Sessel, in dem man sich, ohne nachlässig zu erscheinen, doch so bequem lehnen konnte, ja es war imrklich so schön, wie sie sich's gedacht. Zuerst begnügt sie sich mit aufhorchenden Augen still zuzuhören, wie die beiden Ehepaare sich über gemeinsame Bekannte, über den abendlichen Zapfenstreich und die morgige Parade unterhalten. Alles rst ihr neu und fremd und sie beginnt endlich in ihrer Unwissenheit über inilitärische Tinge Fragen zu stellen, die besonders die Herren köstlich amüsieren. Ter Hauptmann, dessen Anwesenheit sie jetzt durch-- aus nicht mehr stört, erbietet sich galant, sie in die Geheimnisse des königlichen Dienstes einzuweihen, aber sie meint lachend, daß tlir am ganzen Militär nur die .Leutnants interessant wären. Es ist plötzlich ein Funken in den ernsten grauen Männeraugen, als der stattliche Offizier sich zu ihr herabneigend leise sagt: „Ta bedauere ich aufrichtig, kein Leutnant mehr zu sein." Ms Suse verblüfft über die schmeichelhafte Bemerkung seine Augen sucht, ist der Ausdruck darin erloschen. Und so sagt sie ohne Befangenheit: „Ach, unter Leutnants meine ich eben alle Offiziere- ich verstehe dock noch gar nichts von den verschiedenen — „Chargen / Hilst er ein und sie spricht es allerliebst! wichtig nach. Dann verabschieden sich die Gäste. Der Hauptmann begleitet sie, da er noch einmal in einer Dienstangelegen-- heu nach der Kaserne muß, und die beiden Cousinen bleiben allein. Frau Meta fragte nun mit ein wenig erzwungenem Jn- ieresse nach Suses Angehörigen und diese gibt bereitwillig Bescheid und erzählt vertrauensselig von der häuslichen Misere, deren Größe man den Verwandten damals möglichst verborgen hatte. Sie erzählt, wie jeder Wunsch, jedes Hoffen stets an der Tatsache zu scheitern pflege, daß nicht Geld genug vorhanden war, wie große Sorgen Ruth hatte, ihre, Suses, Toilette zu dieser Reife so herzurichten, daß es wenig kostete, und zum Schluß all dieser Eröffnungen fällt sie der blassen, kühlen Frau in jubelnder Dankbarkeit um den Hals und küßt sie herzhaft. Fast verlegen wehrt diese den Ansturm ab. Sie kennt solche Gemütsausbrüche nicht, sie benimmt sich immer ganz korrekt, auch im intimsten Familienkreis. „Der retne Eisblock!" denkt Suse unwillkürlich fröstelnd, „mit der werde selbst ich nie warm werden, e r scheint mir wirklich der Nettere von beiden zu sein." Als echte Evastochter fühlte fie bereits, daß der Hauptmann ihrem Aufenthalt in seinem Hause durchaus günstig gegenüberstand. Sie hatte auch gemerkt, daß Meta ihren Mann, soweit ihre kalte Natur es zuließ, abgöttisch liebte und sicher alles tat, was er für gut befand, das gab ihrem Hiersein Sie glänzendste Perspektive. (Fortsetzung folgt.) Dem Wakren, Gdl'm, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. ■ (Nachdruck verboten.) •' (Fortsetzung.) 15. Hammer schaute kopfschüttelnd auf das Blatt Papier, das über der Türklingel befestigt war. Es stand da: «Bitte nicht klingeln, nur klopfen/ es mußte schlimm stehen da drinnen . . . Priestaps Diener Daniel öffnete. Er kannte Hammer und zog auf dessen erste Frage die Schultern sehr hoch. „Besser wird es gewiß nicht mehr, Herr Baumeister/ flüsterte er, „aber es kann sich ja noch immer hinziehen. Ich habe es seit Jahren kommen sehen . . / „Ist eS überhaupt möglich, den Herrn Baron zu sprechen/ „Treten der Herr Baumeister ein, ich werde Herrn Imhoff benachrichtigen oder die Frau Baronin. Es ist auch der Doktor da; vielleicht erlaubt er es . . / Eine allerliebste kleine Billa im Tiergarten, in der Nähe der Hitzigstraße, war das neue Berliner Heim Priestaps. Aber als ein dem Tode Geweihter hatte der arme Junge es betreten, auf einer Bahre war der Schwerkranke die Treppe hinaufgetragen worden. Er wußte wohl, daß er sterben würde. Die Keime seines schleichenden Leidens ruhten seit langem in ihm, und damals in Biarritz, als der Arzt ihm gesagt hatte: gehen Sie für ein paar Jahre nach Aegypten — da war er zum ersten Male stutzig geworden, und das heimliche Spiel mit dem Tode hatte begonnen. Er wehrte sich auch jetzt nicht gegen die dunklen Gewalten; er sah sie nahen und erwartete sie mit lichten Augen und sanftem Lächeln. Fast drei Jahre des Glücks waren vorübergerauscht: mehr als er jemals erhofft hatte. Nun konnte es zum Ende gehen. Ja, er war sehr glücklich geworden mit Nina. Dies kleine, ungebildete und oberflächliche Geschöpfchen hatte etwas, was er brauchte, was er lange nicht gespürt hatte, und was ihm seines kurzen Schmetterlingsdaseins letzte Jahre unendlich versüßte: ein gutes Herz. Sie war seine Frau und doch mehr seine Geliebte, er führte sie wie int Triumph durch die Welt und schenkte ihr, wonach sich ihr Sinnen trug, und da war sie wieder des Glückes voll. Ihre Koffer füllten sich, große Sendungen gingen nach Berlin; Priestap ließ sie gewähren. Was galten ihm die vielen Tausende, die er für den bunten knitternden Plunder verstreute! Im Fluge ging es durch Italien, durch die Alpen, durch Spanien und den Orient, in die Seebäder und dann nach Paris. Da wurde Halt gemacht. Priestap konnte nicht weiter. Er hatte seiner kleinen Frau alle Schönheiten der alten Welt wie in einem großen Kaleidoskope zeigen wollen — und nun warf ihn die Hetzjagd danieder. Ruhe, so hätte der Arzt gesagt, sonst ist im Umsehen die Wendung zum Schlimmen da. Man mietete sich in Auteuil ein Schlößchen. Auf die Freuden von Paris mußte Nina vorderhand verzichten. Das tat sie gern; sie hatte ihren Bubi lieb, auch war der Frieden von Auteuil eine erquickliche Abwechslung für sie. Da spielte sie nicht die elegante Modedame, sondern das fröhliche Landmädchen. Sie holte selber frische Milch aus dem Stall, denn ihr Bubi sollte sie kuhwarm trinken. Der lag tagsüber in einem Zelt im Park, und die wunde Brust wurde immer schmerzender; in dem hageren Gesicht waren die Augen unnatürlich groß geworden, und ihr schimmerndes Perlgrau hatte sich verdunkelt, als spiegelten sich da schon die Schatten wieder, die das Sichtbare vom Unsichtbaren und Ewigen schieden. Er litt schwer, aber geduldig und ruhig und sprach nicht davon. Längst hatte er sich an die Todesgedanken gewöhnt und wollte nur, daß sie Nina nicht spürte, daß er eines Tages, ihre Hand in der seinen, die Augen schließen könnte, klagelos, mit einem Lächeln des Glückes . . . Die Blätter der Platanen im Park begannen sich schon 191 — farbig zu umsäumen, da traf ein Telegramm von Hammer ei», das Priestap stark erregte. Es klang wie ein Hilfeschrei. Das Prinz Ferdinand-Theater war in Gefahr; aus dem für Schönes, Edles und Wahres erbautem Hause sollte die Kunst vertrieben werden. In Priestap wurde die Erinnerung an seine Mutter mit Allgewalt lebendig. Er hatte in letzter Zeit häufig von ihr geträumt; sie stand vor ihm, setzte sich an sein Lager, sprach mit ihm und küßte ihn. Das war ihm wie eine Mahnung erschienen. Er wollte nach Berlin. Nina widersprach mcht, denn sie sreute sich auf die Heimat. Der Arzt erhob seine warnende Stimme, aber Priestap blieb fest: er wollte das Erbe seiner Mutter vor gieriger Spekulationswut retten ... ES war eine schreckliche Reise. Sterbenskrank traf Priestap in Berlin ein. In aller Eile hatte Imhoff dafür gesorgt, daß einige Zimmer in der neuen Villa fertiggestellt würben. Da lag Harry nun, von wahnsinnigem Luxus umgeben, und auf dem Gesinise seines Schlafzimmerfensters tobten wieber die Spatzen wie ehemals. Er hatte Hammer sprechen wollen, und man hatte nach ihm geschickt. Jeder Wunsch des Sterbenden sollte erfüllt werden; so wollte es Nina. Aber Imhoff kannte Wünsche von ihm, die er um keinen Preis zu erfüllen gedachte. Daniel hatte Hammer in einen japanischen Salon gelassen, der von geschniackloser Ueberfülle starrte. Doch der Baumeister fand kaum Zeit, die grinsenden Götzenbilder und Teufelsmaslen, die Stoffe, Gewänder und Waffen, Schalen und Vasen, Cloisonnes und Jnkrustas näher zu betrachten: Imhoff huschte in das Gemach. Er legte den Zeigefinger auf den Mund, wies hinter sich und sprach leise. „Baumeister, »er liegt nebenan. Es währt nicht mehr lange, es ist schrecklich. Ist es nicht schrecklich? . . . Meine arme Nina! So jung und schon Witwe . . ." „ Was soll ich hier?" fiel Hammer ein. „Darf ich Ihrem armen Schwiegersohn noch einmal die Hand drückeen, ich tu' es gern. Aber auf ein Komödienspiel an seinem Totenbette lasse ich mich nicht ein." „Scht, Baumeister, nicht so laut . . . Was heißt Komödie? Was er verlangt, ist ganz verrückt. Aber wir wollen ihm den Tod nicht schwer machen. Priestap liegt in der Auflösung. Soll er denn nicht in Frieden sterben? . . . Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich. Frau Laura winkte: schwarz gekleidet, sehr würdig aussehend, durchaus Anstandsdame. Hammer wurde in das Krankenzimmer gelassen. Priestap lag im Bette; neben ihm saß Nina, mit verkümmertem Gesicht und Tränen in den Augen, ober doch rosig und frisch. Auf bet onberen Seite hatte bet Arzt Platz genommen. Imhoff unb Laura traten in die Fensternische. Ter Baumeister küßte Nina bie Hanb. Priestap lächelte ihm wehmütig entgegen unb bat sich neben ihn zu setzen. „Haben Sie Dank für Ihr Telegramm, Baumeister", sagte er mit schwacher Stimme, aber doch ganz deutlich. „Es war lieb von Ihnen, daß Sie meiner gedachten. Baumeister, ich will das nicht — die Oper ganz fallen zu lassen. Meiner Mutter Wünsche sollen respektert bleiben. Sind Sie nicht meiner Ansicht?" „Selbstverständlich, Herr von Priestap", erwiderte Hammer mit ruhiger Gelassenheit, um den Kranken nicht noch mehr zu erregen. „Aber der Aufsichtsrat sorgte sich, noch größere Opfer bringen zu müssen; ich wußte, daß niein Einspruch fruchtlos bleiben würde — da zog ich mich zurück." „Es ist noch alles zu retten, Baumeister. Herrgott, hätten Sie mir nur früher geschrieben!" „Imhoff hatte Ihre Vollmacht, lieber Freund —" „Imhoff hätte mich rechtzeitig informieren sollen. Ich teile seine Besorgnisse nicht. Man muß ein völlig neues Personal für Oper und Schauspiel schaffen, die besten Kräfte, und dann abermals den Kampf aufnehmen. Die Million, die für mich eingetragen ist, braucht vorläufig nicht verzinst zu werden; das ist eine große Ersparnis. Ich will auch | noch eine weitere Million spenden, damit die Sache in Fluß | kommen kanr , , , »a, bleibt noch genug für Rina — Bau- 1 meister, lieber Gott, es muß Ihnen doch selbst mit Herzen liegen, Ihr herrliches Haus nicht in eine Schaubude verwandelt zu sehen! Wenn meine große edle Mutter —" Aber da kam er nicht weiter. Ein Hustenanfall packte ihn, blutiger Schaum trat auf seine Lippen. Nina sank vor dem Bette nieder und küßte bie Hände des Kranken. Der Arzt erhob sich unb winkte Hammer, der auf leisen Sohlen das Zimmer verließ. Wieder wartete er zwischen den japanischen Götzen und Masken. Er hörte, nebenan wurde es ruhiger. Imhoff kam unb flüsterte: „Es ist noch einmal vorübergegangen. Aber Sie können nicht mehr zu ihm, Baumeister. Es erregt ihn zu sehr, und er deliriert schon ..." „Sie hörten, was Priestap gesagt hat, Imhoff. Es war sein letzter Wille, ein Testament." Claudius zog Hammer von bet Nebentür fort, weiter in das Zimmer hinein. „Baumeister, ich habe nicht widersprochen. Ein Wort sagt nichts; es fehlt das schriftliche Diktum, ich bleibe der Bevollmächtigte. Aber er soll in Frieden sterben." „Sie wollen also keinen seiner letzten Wünsche erfüllen ?" . ....... „Er weiß nicht mehr, was er spricht. So riesig ijt ;eut Vermögen auch nicht, baß Nina auf die Verzinsung der Hypothek verzichten könnte. Unb nun gar, was er da von ber neuen Million gefaselt hat! Nein, Baumeister, daran ist gar nicht zu denken. Allerdings, eine Erhöhung des Gesellschaftskapitals wirb notwendig {ein. Auch dafür schon gesorgt worden. Sven Trusen tritt als Teilhaber ein. Das ist ein geschickter Mann. Er hat das Kasino in Rom begründet, das Eben in Kopenhagen» ben Cirque d'hiver in Brüssel; er hat eine sehr glückliche Hanb. Und hinter ihm steht ein Konsortium fübbeutscher Geldleute. Also an M-uu- mon fehlt es nicht. Aber für die Oper keinen Pfennig ->eh ! Im Winter das große Ausstattungsstück, in ber Sommersaison versuchen wir es mit einer Konkurrenz zmn Wintergarten —" „Tas heißt, mit einem Tingel-Tangel?!" stieß Hammer hervor. „Wir werden es wohl „Buntes Theater" nennen ober so ähnlich. Ich garantiere Ihnen: unser neues Genre füllt uns baS Hans. Ich sehe sehr rosig in bie Zukunft. Wenn Sie Ihre Anteile los werben wollen: ich nehme sie Ihnen al pari ab." „Schurke", sagte Hammer unb wanbte sich um. Claudius würbe rot unb starrte ihm nach. Dann lächelte et unb zuckte nut ber rechten Schulter. Im Nebenzimmer ertönte ein leiser Aufschrei. Imhoff stürzte davon. Hammer wartete noch einige Minuten. Er hörte von nebenan ein leises Weinen, hierauf die Stimme des Arztes. Sie klang jetzt laut unb sonor, als sei keine Rücksicht mehr nötig. Da neigte Hammer bas Haupt vor ben wehenden Tobes- schauern. Eine heiße Träne trat in sein Ange. Auch ihm war verloren gegangen, was er geliebt hatte. — Er hatte noch auf ber Deutschen Bank zu tun und durchschritt zu Fuß ben Tiergarten. Sein Kopf war wieber stolz erhoben; stark trat er auf unb elastisch. Es stand fest: er wollte nach Wien übersiedeln, er begann bereits feinen Haushalt aufzulösen. Das Prinz Ferdinand-Theater hatte ihm Berlin verleidet. Er grübelte nicht mehr darüber nach, wer bie eigentliche Schuld an dem raschen Zerfall getragen; vielleicht wirklich et selbst in seinem stürmenden Kunstenthusiasmus, der bie rechnenbe Uebetlegung verdrängt hatte. War es so — gut; es ließ sich nicht mehr ändern. Er hatte Abschied von seiner Schöpfung genommen, er^ wollte dies Haus nie Wiedersehen. Für ihn war es nicht aus kalten Steinen gehäuft, es war Leben für ihn. Unb dieses Leben schlug feile Spekulation in Fesseln unb erniedrigte es zu unsauberer Dienstbarkeit... Die Mediceer fehlten. Solch eine große Medieeernatur war der arme kleine Mensch gewesen, von dessen Totenbette Hammer kam. Wäre er am Leben geblieben, er hätte vielleicht seine Millionen bis zum 195 ■""* Gitterrätsel. Nachdruck berbo leit'. In die Felder nebenstehender $tgut" sind dis Buchstaben a b b c d d e eeceohhhhiiilll Immmmnnnnnn oorrssssssvv derart einzutragen, das; die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: ■ 1. Studentischen Ausdruck. 8. Teil einer Woche. 3. Ort in Siiddentsch- land. letzten Pfennig dem Wahren, Edlen und Schönen geopfert, und cs wäre ein siegreicher Feldzug gewesen gegen den Feind aller Kultur, den allmächtigen ManimoniSnius, den knnstver- schlingenden Moloch unserer entgölterten Welt . , . (Schluß folgt.) Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des VexirbildS in voriger Nummer: Man betrachte das Bild von der linken Seite. Der Kops bei Maiers steckt im Blumenkörbchen. Zteiserr. ®erfe6.rS» und Hotelbuch für I , " Ob i)t tut Verlage des Landesverbandes für Fremdenverkehr an . ,ro erschienen und kann von dessen Bureau in JunAwuck, Meinhartstraste 14, gegen Einsendung einer 20 Pfg.-Marke bezogen | iverdeu. Die 4. Auflage dieses Buches weist wieder mannigfache ; Verbesserungen auf. Eine beträchtlich« Erweiterung hat der Abschnitt über den italienischen Teil Südtirols erfahren. Eine ; Neubearbeitung erfuhr auch der Mschnitt über Autvmobilwcsen. An der Ueberprüfung des Inhaltes des VerkehrSbuches haben dte k. k. politischen Behörden mitgewirkt, sodaß gröber« Fehler und Irrtümer wohl ausgeschlossen sind. 'Sie: „Einige Menschen profitiere» von den Irrlichtern, anderer. — Er: „Ja, ivie zum Beispiel der Pastor, der ein Pfund erhielt, als er uns getraut hat." Ein guter Ärzt. S ch ö n es F r ä u l e i n, zum Hausarzt: „Nicht wahr, Herr Doktor, ich habe eine Herzaffektton?!" — „i> a u sarzt: „Natürlich! Wer wird denn Ihnen ivar abschlagen können ?!' Ern ,t Hesz. Rotationsdruck und Verlag der B rü h I'scheu lluwerAätL-Buch. und Sletndruck-ret, A. Lange, Gießen, Hochzeitsbränche in OSerhesseir. In vielen Orten Obechesiens haben sich die alten HochzeitS-- vrauche, sowie Bräuche bei Verlobungen usm. noch biS auf de» heutigen Tag erhalten. Namentlich gilt das von solchen Orten, m denen, sich auch heute uocy die uralte Volkstracht erhalte« hat und tu denen noch c in „tüchtiger" d. h. vermögender Bauern- stand ist, der auch noch mit einem gewissen Bauernstolz in gutem Siuue ausgestattet ist. Im Hinblick auf das am 17. Juni in Butzbach im Beisein des Groß Herz ogspaars zu er- erivarteude Vol kStr ach teufest, bei dem uns die alten oberhessucheu und kurhessischen Trachten, Sitten und Beschästia- ungeu vorgeführt iverden sollen, lohnt es sich wohl der Mühe einmal der Sitten und Gebräuche zu gedenken, die sich äuf eines der wichtigsten Feste im menschlichen Leben — das Hochzeitsfest — vezuchen: Hat em Jüngling sich ein Mädchen zu seine!» Schatz auSersehen und beginnt er nickst mehr rcgelniäßig die Spinnstube zu besuchen, sondern heimlich zu seinem Liebchen zu geben, so ist er mehrfach dem eopott und den Hänseleien der anderen Bur- schen ausgesetzt Der Weg zum Hause der Liebsten wird ihm nicht selten mit L-aud, Zwetschenkerneu, Erbsen usw. bestreut. Ist es nun endlich zur Berlobungsseier, dein sogenannten „Haud- schlag gekommen, so geht es hoch her. Nachdem der Ehevertrag durch den Bürgermeister vollzogen ist, wird den vor dem HauS wartenden Burschen mttgeteilt, daß die „Bräu gerore" sek Nun beginnt daS Peitschenknallen aus der Straße. Burschen und Mädchen erscheinen vor dem Hause und singen das in ganz Ober- lxncit allbekannte Ehestandslied: „Mir gefällt das Ehstaubs- leben besser als daS Ledigsein". Dieses Singen vor dem Hause ^ute no-s. bezeichnet als: Wir müssen das „Ehestand»laidche senge" oder auch „de preusche Toaler (preußische Talcr) hoan (holen). (Der Ausdruck kommt daher, weil die Bursche als Loyn für den Gesang außer einigen Kuchen auch einen Taler oder mehr erhalten, der dann in einer Wirtschaft ^'(„«-macht" wird. —) In vielen Dörfern wird zum „Handschlag c-w ganze Verwandtschaft eingeladen, man bezeichnet ihn auch als bte „erste Braut". — Das eigentliche Hochzeitsfest, benannt, sindet nach alter »itte fast stets am Donnerstag und vrertag statt. Vorher gibt es im Hochzeitshaus — Braut- , Dtft SU tun. Wer ein tüchtiger Bauer sein will, schlachtet em Rmd und zwei ^Schweine und backt 70—80 Kuchen, ja oft noch urehr. Alle Verwandten ans «ah und fern werden ein« aeladen, oft erscheinen 100 und mehr Personen. Biel Sorgfalt und Geninck erfordert die Schmückung der Braut, die meistens .««« darin besonders gewandleu Frau ausgefühist wird. So wird z B. m dem ehemaligen Amt Hüttenberg — die Gegend um Lang-GonS, Großenlmden, Rechtenbach, Dornholzhausen — ber Braut daS sogenannte „Aufgebenn" oder der „Hangk" auf Kopf gesetzt Dieser alte Familieuschmnck ist ein Erbstück der tlie und besteht aus der Brautkrone, die niit Blumen, . , n' .^^tfillolattchen und zahlreichen langen, buntfarbigen iß: letztere hängen am Rücken herunter. DaS Mittelste Band ist als Stnnbi d der Reinheit weiß, (An der Seit« tragt dte Braut den buntfarbigen Sackschlupp, und vornherunter Msen dte sogenannten Sternbändel.) Vielfach ist es noch Sitte, dab dte Draut^dem Bräutigam ein Hemd schenkt, während er T&r, ctit paar schuhe überreicht. Befindet sich daS Brautpaar £em H^stUweg, so^wird es ans deut Wege » d. h. durch vorgespannte eseile aufgehalteif erst dre „Hemmer" ihre Münze erhalten habe»/ senkt si^ daS großer, je mehr das Paar gehemmt tvird. In vteleit Orten ist es auco Sitte, daß der Braut zuin Zeichen daß sie letzt in die Reihe der Frauen nujgeirontnteu ist, von' Ti^..„ö'SUCrn •9”e !ver^ Saube aufgesetzt wird. Nach den eigcut- . > .. s. " . < - /. ,, ... ■ ' i' l ■ ‘ ‘ 1 ' Soun- *“a ÄS ’S« «'H^chzettsgäste, um die Geschenk« Möbel rcher Geld 2 ^stehen in Haushaltungsgegenständen, | k^.f«wp«er, Inden imb Marokkaner selbst, Handel und Wandel' I -^ldst eine Sklavenauklioit in Fes, sowie die Märsche Uebunnei» | ststö Baraden der regulären Truppen des Sultans und der Ä>ck- j ständischen, denen er allen selbst beiwohnte, läßt der Leriasser^ivie I sr? Ct 111 buntester Abwechselung, intereffantesler I An dfwr"re‘”rerrCsl 9eiftiflcn Auge vorüberzieheiu I C » aber schließt sich der innerlich wertvollste Teil des | ^"cr ers fli1' s" dem Zabel die Lösung einer Ausgabe schil- tUrn ,Cl' 11 deinem Geographen gelungen war, nämlich die Erforschung und Durchgnernng des heiligen Gerbnn- g et) ,r g es auf verbotene n W e g e n. Dieses birot die | hecktgsterl Statten des afrikanischen Aluhnimnedanisnius, vor alleir Dmgen das Grab des Mn lei J driS des A cl teren des Gründers von Marokko. Da es ihm in der Tat gelang und'zwar tl"'1 fieiiicfi„f11 ii.. .. st üj st ,it «stii ng zu nehmen, so ist die npnni C ^uAwulmm dieses Hnlarenrittes — Ivie er es selbst stf'stul —. außerordentlich nennenswert, sodaß cr durch sein- sorg- ialtigen kartographischen Ansnahmeii nicht mir einen iveißen Fleek ansttiltt, sondern auch interessante und . oul'lG« Beura.w zur geographischen Beurteilung des Atlasvor- : Swbirc,es^vot.^''° "0" ihm selbst gezeichnete treffliche Karte dieses vwbitgcs gestattet einen Einblick m besten orogräphischen Ausbari, de.° nrFUkft? fr ns?’ fiiv d«u geognostischen Aufbau de^- Utlavvorlandes bildet. Em iveiteres wichtiges Ergebnis scincr ■■ ^Vb»te ^ufsiudmtg mehrerer zuni Teil ausgedehnter JAnr? ®