1906 M. 110 B8f Wonfaa den 30. Juki - i Aer Siern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Als Zldele ihr Schlafzimmer betrat, blieb sie vor einem Tischchen stehen, das neben einer Ottoniane stand. Verschiedene Mannskripte lagen darauf, einige Notenheftc und ein zusammengefaltetes Telegramm. Sic nahm cs in die Hand und, nachdenklich vor sich hinstarrend, entfaltete sie cs mechanisch. Ihre Gedanken weilten bei dem Wiedersehen mit dem Vater. Wie freudig hatte sie den Augcnbliek hcrbei- gesehnt. Die Liebe zu den Eltern, das Heimatsgefühl und die Wärme ihrer Empfindungen waren ihr nicht abhanden gekommen während ihrer Lehr- und Wanderjahre. Wenn sie sie auch vor den Menschen in einem geheimen Schrein ihres Herzens verbergen musste, so hütete sie sie dort wie ein Heiligtum. Das Leben, das sie in der Ferne führte, hatte ihr so viel Merkwürdiges, Ueberraschendcs, Ungeahntes gebracht. So völlig verschieden in seinen vielfältigen Komplikationen von der Schlichtheit und Einfachheit, die ihre Jugend umgaben. Es hatte schweren Kampf und schweres Leid gekostet, bis sie sich in das Neue gefunden hatte. In der Stunde des Beisammenseins mit dem Vater hatte sie es wieder in aller Stärke empfunden, in den gewaltigen Kontrasten, die in ihrem Leben lagen. Getrennte Welten! Aber sie gestand sich in diesem Augenblick, dass sie mit Rührung und innerster Pietät die Erinnerungen an die alte Welt, die sie verlassen, bewahren würde, ohne die neue Welt missen zu wollen, die sich heute um sie aufbaute. Den Glanz und Luxus, den Ehrgeiz und Ruhm, die grossen Sensationen der Kunst. Ob diese sie glücklich gemacht? Das war eine cmdere Frage, die sie sich nicht vorlegte. Auch nicht, ob sie sie glücklich machen ivürden in Zukunft? Dahin richtete sie den fragenden Blick nicht. Mitten im gewaltig brandenden Leben stand sie auf exponiertem Posten. Eine Künstlerin, die die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, hatte sie sich zu betätigen. Rastlos vorwärts strebend, ringend und hastend in diesem unermüdlichen Wettkampf nach den höchsten Zielen rmd glänzendsten Errungenschaften ihrer Kunst. Wie oft hatte sie diesen Weckruf gehört, wenn sie müde und mutlos rasten wollte. Atem holen, ausruhen l Vorwärts l Bis sie selbst nicht mehr anders konnte. Wenn die Eltern es geahnt hätten, wer weiß, ob e8 ihnen recht gewesen wäre, ob sie ihr Kind nicht heimgeholt hätten, heimgerettet in den stillen Frieden ihrer kleinen Welt. Wie sie drin neben dem Vater saß, da empfand sie es, daß er auch nicht die kleinste Vorstellung habe und haben könne von der Ausgestaltung ihres Lebens, und daß er sie auf seinen Händen heimwärts tragen würde zur Mutter, wenn er eine, leiseste Ahnung hätte von dem, ivas sie für immer von ihnen trennte. Von dieser lieben, engen, herzcuseinfältigen Glückseligkeit! Was hätte sie aber in diesem heimlich-stillen Winkel mit ihren weit sich ausbreitenden Wünschen, mit ihren ehrgeizigen Hoffnungen tun sollen? Das war vorüber. Sie fühlte es mit ivehmutsvollem Schmerz, aber sie täuschte sich nicht. Das, was dort war, konnte heute für sie nur die Insel der Seligen bedeuten, nach der die sehnsüchtigen Blicke flogen, wenn die todeswunde, todesmatte Seele nach einem Hafen der Ruhe verlangte. Wars schon so weit? Roch nicht! Würde es dahin kommen? Wer weiß? Bald? Ein Schauer durchrieselte sie. Sie hatte das Gefühl eines großen Alleinseins, einer unendlichen Einsamkeit. Sie, die alle Welt umschmeichelte, an die sich die Schar der Freunde und Bewunderer herandrängte, und neben der — Einer stand! Wie ein Fels, an dem alles abprallte, was ihre Bahn kreuzen wollte, an dem sich alles brach, alles — auch ihr Wille. Wieder erschauerte sie wie vor etwas Unnennbarem, Unfaßlichem. Er! Herrschend, übermächtig', übermenschlich. Wie von einen, unentrinnbarem Schicksal stand sie davor. Ein wirrer Schrecken befiel sie. Sie bedeckte die Augen mit der Hand. Ein namenlos qualvolles Entzücken stieg in ihr auf. Dann blickte sie in das Telegramm. Sie hatte es gestern abend bei ihrer Ankunft vorgefunden und bereits unzählige Male gelesen: „Tu bist also dort, wo Deiner die größten Siege harren. In Berlin. Und wenn ich Dir auch fern bin, so bin ich doch bei Dir! Adalbert." Ein befreiender Atemzug hob ihre Brust. Es schien ihr ein Glück, daß er nicht da war. Hier, wo nebenan der Vater schlummerte. Unter ganz anderen Einwirkungen als bisher sollte sie diesmal ihre Erfolge erringen. Ein Angstgefühl umklammerte sie. Mnn ein Lorbeer grünen, den er ihr nicht pflücken half-' Ihr Blick suchte unwillkürlich das Fenster. Grau und kalt stahl das Herbstlicht sich ins Zimmer. Sie fröstelte. Lässig glitt ihr Blick über das Arbeitsmaterial. Sie hatte es hierher gelegt, weil sie im Schlafzimmer am ungestörtesten zu sein glaubte. Sie wollte noch einmal alles durchsehen, bevor sie morgen zur ersten Probe ginch Tie Lust zur Arbeit fehlte ihr. Eine nervöse Abspannung hatte sich ihrer bemächtigt, und sie streckte sich auf dta 438 Ottomane aus. Ein schmerzliches Grübeln wühlte tn ihrem Hirn. Unruhig sprang sie empor, warf die Kleider ab und schlüpfte in den weiten Morgenrock. Das gab ihr ein Gefühl des Behagens. Aufs neue legte sie sich nieder, zog ein Weißes Angorafell über ihre ruhende Gestalt und überließ sich wachen Träumen. Bilder aus vergangenen Zeiten unigaukelten sie. „Es war an jenem Vormittag noch die Weihnachtsstimmung dazu gekommen, die Sehnsucht nach dem elterlichen Hause, dann die ber einer sensitiven Natur leicht begreifliche religiöse Exaltation, welche die Sixtina hervorgerufen — kurz, es war nicht zu verwundern, daß ihre Nerven diesen verschiedenen Ueberreizungen unterlagen." Sie hatte damals müde, mit heimlichem Lächeln diesen der Tante gegebenen Auseinandersetzungen des Arztes gelauscht. Und noch heute lächelte sie, wenn sie daran dachte, wie Tante Hannchen ihm geantwortet hatte: „Wenn's nur nicht schlimm wird! Nervöse Zustände und interessante Stimmungen und Lannen muß man sich bei Künstlern ja gefallen lassen, und daran wird man sich wohl gewöhnen müssen. Geniale Menschen sind meistens extravaganten Dingen unterworfen, so. . . so . . . überspannt. Was für Geschichten erzählt man sich zum Beispiel von Adalbert Wittelsbach." Das war der Name wieder, den sie gehört hatte, als sie, ihrer Gedanken nicht ganz mächtig, in jener Droschke davonsuhr — Wittelsbach! Welche Bedeutung hatte er für ihr späteres Leben gewonnen! Das hatte sie damals nicht geahnt und auch die Tante nicht, die den Doktor noch fragte: „Also Sie glauben, es wird bald vorübergehen, und ich brauche meiner Schwester nichts zu schreiben?" Ta hatte sie sich selbst aufgerasft und leise gebeten, ihre Eltern nicht zu beunruhigen, und ihre Weihnacht nicht zu stören. Es sei durchaus nichts, sie werde sich bald erholen. „Nur Ruhe, Ruhe", hatte der Arzt empfohlen, und die Tante hatte hinzugefügt: „Alles dre Nerven!" Sie aber wußte, daß etwas Fremdes, Geheimnisvolles diese Erschütterungen in ihr hervorgerufen hatten — dieser fremde Mann. Und sie war ihm im innersten Herzen dankbar, daß sie nun hier lag, ganz still und ruhig — und daß sie nicht mit den anderen um den Weihnachtsbaum zu stehen brauchte, die in lärmender Freude das heilige, stille Fest begehen würden. Tante und Cousine schienen ihr fremd in diesem Augenblick, und fremde, ferne Gefühle waren in ihrem Herzen. Wie ein Glück empfand sie es, daß sie nicht dabei sein mußte mit heuchlerischer Anteilnahme und daß sie hier stille liegen durfte, ganz still! Tas hatte sie ihm zu danken, und in diesen Empfindungen und Gedanken keimte zuerst das Interesse für ihn auf. Es band sie jetzt etwas Bestimmtes an ihn, wie bisher das Unbestimmte. Sie dachte seiner nicht mehr mit geheimem Schauer, sondern mit dem angenehmen Gefühl der Dankbarkeit — und nichts störte sie und niemand, ganz still durfte fie liegen — und ausruhen! So wunderbar still! Nur ein ganz kleines künstliches Bäumchen hatten sie ihr vor das Bett gestellt Mit dünnen, feinen Lichtlein. In die schaute sie hinein, unermüdlich. Tann wieder, wie fie eines Abends zu ihm gekommen war, um dramatischen Unterricht von ihm zu empfangen. Er, der die tiefen Rätsel Und Geheimnisse seinep künstlerischen Individualität nie jemand enthüllt hätte, der kalt und anspruchsvoll nur sich selbst kannte, hatte ihr freiwillig geboten, was tausend andere vergeblich erflehten. Er hatte sie unterrichtet, ein- geweiht in die Begriffe der Kunst und der machtvollen Wirkungen, die er zu erzielen verstand. Sie war nicht nur eine große Sängerin, sondern auch eine bedeutende Darstellerin geworden, und das hatte er aus ihr gemacht, Alles verdankte sie ihm! (Fortsetzung folgt.) ßin Gang durch das Tuberkulose - Museum der Landesverficherungs-Anstalt Großh. Hessen, Darmstadt. ' In dem neu'errichteten Ausstellungsräume der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe (Neckarstraße 3) ist am 29. Juki ein Tuberkulose-Museum eröffnet worden, das bestimmt ist, weitere Kreise der Bevölkerung über die Gefahren, die von der Tuberkulose drohen, aufzuklären und sie über die Mittel zu belehren, die zu ihrer Bekämpfung dienen. Das Unternehmen ist von dem Vorsitzenden der Landes- Versicherungsanstalt, Geh. Regierungsrat Dr. Tietz, unser Mitwirkung des Generalsekretärs der Fürsorgcstelle für Lungenkranke in Berlin, Tr. Kayserling, ins Werk gesetzt. Eine Reihe von Behörden hat durch weitgehende Förderung das Unternehmen in wirksamer Weise unterstützt, so das Kais. Gesundheitsamt, das Großh. Ministerium des Innern (Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege), das Reichs- versicherungsarnt, die Kais. Leitung der ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt in Charlottenburg, das Kuratorium der Ausstellung für Säuglingspflege in Berlin, der Verein gegen Mißbrauch geistiger Getränke und andere mehr. Das Museum, das demnächst in seinen wesentlichen Teilen in allen größeren Orten des Landes als Wander-Museum zur Schau kommen soll, ist so eingerichtet, daß die Ergebnisse der medizinischen Wissenschaft in einer auch für den Laien leicht verständlichen Weise vorgeführt werden. Tritt man in den Ausstellungsraum ein, so findet man im Mittelgang Karten aufgehängt, die ein anschauliches Bild über die Verbreitung der Tuberkulose im Deutschen Reiche geben. Nach diesen Karten, die im Kaiserl. Gesundheitsamt angefertigt sind, zeigen die stüdtereichen Gebiete der westlichen Jndustriebezirke eine höhere Sterbeziffer an Lungentuberkulose, als die Städte der armen Bezirke des Ostens. Erfreulicherweise zeigt ein Vergleich der Sterblichkeit zwischen den Jahren 1892/93 und 1902/03, daß ein wesentlicher Rückgang der Sterblichkeit eingeireten ist. Es starben im Alter von 15—60 Jähren an Tuberkulose von je 10 000 Lebenden in den Jähren 1892/93: 29,9, in den Jahren 1902/03: 25,8. Aus dieser Abnahme dürfen wir die Hoffnung schöpfen, daß bei einem zielbewnßten Kampfe gegen die Tuberkulose ein weiterer erheblicher Rückgang eintreten wird. Noch stellt die Tuberkulose eine außerordentlich große Gefahr für das Volkswohl dar. Wie im Mittelgang der Ausstellung durch plastische Darstelluug gezeigt wird, ist jeder dritte Todesfall im erwerbsfähigen Alter durch die Tuberkulose bedingt. Todesfälle und Krankheiten im erwerbsfähigen Alter sind aber darum vom volkswirtschaftlichen Standpunkt besonders schwerwiegend, weil jeder Mensch, wenn er ins erwerbsfähige Alter vorgerückt ist, ein Kapital darstellt, das sich aus dem Grundwerte einer physischen Person und dem durch Erziehung, Schule und Lehre angeeigneten Maß bon Einsicht und Kenntnissen zusammensetzt. Der Eintritt der Arbeitsunfähigkeit gerade in der Periode des Lebens, in der dieses Kapital für den einzelnen und die Gesamtheit nutzbringend werden soll, bedeutet eiuen außerordentlich großen Verlust für das Volksvermögen. Es ist ausgerechnet worden, daß der Verlust des deutschen Volkskapitals durch einjähriges Kranksein und einjährige Arbeitsunfähigkeit von 100 000 Menschen 100 Millionen Mark beträgt. Auch in Hessen fordert die Tuberkulose alljährlich sehr zahlreiche Opfer. Im linken Seitengang der Ausstellung find Karten und Tabellen aufgehängt, die nach den Berechnungen der Großh. Zentralstelle für Landesstatistik die Tuberkulosesterblichkeit für jeden Kreis kartographisch und in Säulenform angeben. Es ist dringend zu wünschen, daß diese Karten einem eingehenden Studium unterworfen werden, um festzustellen, worauf die Unterschiede in der Verbreitung der Tuberkulose beruhen, und welche Mittel weiter angewandt Hier beit müssen, um dieser Verbreitung Einhalt zu gebieten. Aus der Abteilung über die Verbreitung der Tuberkulose gelangen wir in die Abteilung über die Ursache der Tuberkulose (erste Koje links). Wir/erfahren, daß die Ursache der Tuberkulose auf einem winzig Keinen Bazillus, dem von Dr. Robert Koch 1882 entdeckten Tuberkelbazillus, beruht. Reinkulturen dieser Tuberkelbazillen find' in abgetötetem Zustande in einem Glasschrank ausgestellt. Dringt dieser Tuberkelbazillus dadurch, daß er von einem Lungenkranken ausgehustet wird, in die Lungen eines gesunden, nicht widerstandsfähigen Menschen, so vermag er auch bei diesem die Krankheit zu erzeugen. Wie die Veränderungen in den Lungen sich dabei vollziehen, ist aus den Zeichnungen und den Präparaten tuberkulöser Lungen deutlich ersichtlich. Indessen muß hervorgehoben werden, daß nicht jeder Tuberkulöse eine Ansteckungsgefabr für ferne Umgebung bildet; nicht ansteckungsfähig sind dre Kranken, die an Tuberkulose in geschlossener Form leiden, d. h. dre keine Tuberkelbazillen mit ihrem Auswurf oder mit den Hustenstößen nach außen abscheiden. Ansteckungsfähig sind nur die, die an sogenannter offener Tuberkulose lewen. In Mei Zeichnungen ist auch für den Laien der Unterschied Mischen offener und geschlossener Tuberkulose erkenntlich. Dem Umstande, daß die Berufe, die mit großer Staubentwicklung verknüpft sind, in besonders hohem Maße der Tuberkulose anheimfallen, ist in der Ausstellung durch eine reichhaltige Sammlung von Staubarten von Prof. Sommerfeld Rechnung getragen. Neben den natürlichen Staubarten ist von jeder Sorte eine mikroskopische Photographie ausgestellt, die zeigt, daß manche Staubarten außerordentlich spitzig und daher für die Lungen besonders gefährlich sind. Um vor den Gefahren, die von dem Staube drohen, zu schützen, ist erforderlich, daß in den Betrieben nach Möglichkeit durch geeignete Vorkehrungen die Staubentwicklung verhütet wird. Auf welche Weise die Staubverhütung durchgeführt werden kann, wird durch eine Reihe von zum Teil betriebsfähigen Modellen gezeigt. Diese Modelle stammen aus der Sammlung der vom Reiche in Berlin errichteten ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt. Glücklicherweise stehen wir den Gefahren, die uns von der Tuberkulose drohen, nicht machtlos gegenüber. In erster Linie muß darnach gestrebt werden, daß die Ansteckung von Mensch zu Mensch verhütet wird. Der Hauptträ^er der Austeckungskeime ist der Auswurf, der von den Tuber- knlösen ausgespieeu wird. Es ist dringend erforderlich, daß dieser Auswurs niemals aus den Boden gespuckt wird. Er muß in geeigneten Spucknäpfen aufgefangen werden, von denen in der Ausstellung eine große Sammlung ausgestellt ist. Dabei ist zu beachten, daß man in der Regel die Spucknäpfe nicht auf dem Fußboden anbringt, sondern in Brusthöhe, da sonst leicht der Auswurf anstatt in den Napf auf den Fustboden entleert wird. Besonders in Fabrikräumen ist es wichtig, daß nicht auf den Boden gespuckt wird. Nicht nur Tuberkulose, auch andere Krankheiten, tote Influenza, Lungenentzündung können durch den Auswurs übertragen werden, und wir dürfen behaupten, daß jeder, nicht nur der Tuberkulöse, der auf den Boden spuckt, das Wohl seiner Mitmenschen gefährdet. Je reinlicher ein Tuberkulöser in seiner Wohnung ist, um so geringer ist die Ansteckungsgefahr für die Familienmitglieder. Tie Wäsche des Tuberkulösen soll, ehe sie in die allgemeine Wäsche gegeben wird, entweder ausgekocht oder desinfiziert werden. Die Desinfektionsmittel, die hierfür in Betracht kommen, sind in der Ausstellung vorgeführt. Wichtig ist auch, daß bei Wohnungswechsel die Wohnung des Tuberkulösen einer gründlichen Desinfektion unterzogen wirb, damit nicht die neuen Mieter in die verseuchte Wohnung einziehen und an Tuberkulose erkranken. Es sind Desinfektionsapparate ausgestellt, wie sie znr Wohnungs-Desinfektion in Gebrauch sind. Von besonderer Wichtigkeit für den Schutz gegen Tuberkulose ist für Kranke und Gesunde.eine g u t e Z a h n P f l e g e. Wie diese zu üben ist, lehren Bilder und Tafeln über die Behandlung der Zähne. Ganz besonders gefährlich sind für Kinder die inmgen Berührungen, die ihnen von tuberkulösen Eltern zuteil werden. Vielfach wird dadurch unmittelbar die Krankheit übertragen und dies kann, wie die von Privatdozent Dr. Heike, Berlin, ausgestellten Bilder zeigen, zu Tuberkulose des Ohres führen. Von anderen Formen der Tuberkulose, die ausgestellt sind, sei besonders aus die Tuberkulose des Gesichts, den entstellenden sogenannten Gesichtslüpus, hingewiesen, der heute dank der Entdeckung Prof. Finsens Mit Hilfe der Lichtbehandlung heilbar ist. Wenn die dargelegten Vorsichtsmaßregeln aufs peinlichste durchgeführt werden, wird es möglich sein, eine große Anzahl von Neuerkrankungen an Tuberkulose zu verhüten. Allerdings ist erforderlich, daß der von Tuberkulose gefährdete Mensch sich in zweckmäßiger Weise ernährt. Im rechten Seitengang ist eme sehr lehrreiche Tabelle ausgestellt, die für die wichtigsten Nahrungsmittel angibt, wieviel in jedem einzelnen an Eiweiß, Fett, Kohlehydraten enthalten ist. Zugrunde gelegt ist die Menge, die man in Bersin für 50 Pfg. erhält. (Schluß folgt.) Zum 75. Todestage des Areißerrn vom Stern. 1831 — 29. Juli 1906. . 75 Jahre! Was sind '75 Jahrs in der Geschichte der Völker? Und doch bedeuten diese 75 Jahre, welche seit dem Lode Steins verflossen sind, für die Geschichte unseres deutschen Volkes mehr wie sonst vielleicht Jahrhunderte; denn selten haben sich auf zeitlich so eng begrenztem Raum so viele und so wichtige, dem Leben eines ganzen Volkes eine neue Richtung und Bedeutung gebende Ereignisse ab^ gespielt. Die Schwingen einer neuen Zeit regten sich schon' ber seinem Tode, fern zwar grollten noch die Gewitter, aber das Wetterleuchten ihrer Blitze erschreckten doch schon hin und wieder die Welt. Durch die Konzentration der Ereignisse, durch die Schnelligkeit der Entwicklung mag es gekommen sein, daß Steins Name und seine Verdienste bei der großen Mässe selbst der Gebildeten unseres Volkes schon etwas in Vergessenheit geraten ist. Vor allen schiebt sich Bismarck zwischen uns und seinem Andenken. Wir wollen hier nicht Steins Taten und seine Verdienste registrieren, sondern nur die Erinnerung an ihn wieder einmal wecken. Hinweisen möchten wir jedoch wenigstens auf seine Agrarpolitik, seine Bauernbefreiung, auf die ganze sog. Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung und auf seinen nut Scharnhorst zusammen erdachten Plan einer allgemeinen Wehrpflicht. Dies alles gehört zu dem Besten, was die neue deutsche Geschichte uns überliefert hat. Nennt man Bismarck den Neugründer des Deutschen Reiches, so kann man Stein mit Recht den Begründer des neuen preußischen Staates nennen, und als solcher half er die Fundamente mauern, auf denen ein Größerer später weiter bauen konnte. Die Größe Steins und seine Bedeutung für das deutsche Volk hat keiner besser zu würdigen gewußt wie Napoleon, dem Stein in tiefster Seele verhaßt war, und so zu hassen pflegte der Korse nur seine großen Gegner. Im Jahre 1808 hatte Stein in einem Rundschreiben an seine Beamten der Notwendigkeit einer Reform der polit. und sozialen Zustände Preußens das Wort geredet, besonders aub betont, daß die allg. Wehrpflicht eingeführt und der Jugend durch vernünftige Erziehung die Liebe zu Gott, Fürst und Vaterland einqepflanzt werden solle. Dieses Rundschreiben erregte den Zorn Napoleons in solchem Maße, daß er durch feinen Gesandten ein aus Madrid vom 16. Dezember 1808 dasiretes Dekret der preußischen Regierung überreichen ließ, worin der „nomme" Stein zum Feinde Frankreichs und des Rheinbundes erklärt und mit Verhaftung bedroht wurde. Außerdem würde darin ausgesprochen, daß die in Frankreich und den Rheinbundstaaten gelegenen Güter des Ministers konfisziert werden sollten. Wie peinlich Napoleon in seiner Rachsucht seine Anordnung durchführen ließ, zeigt ein Diarium, das der Bürgermeister eines rhein- hessischen Dorfes vor 100 Jähren geführt hat und in das er den Inhalt der an ihn ergangenen Verfügungen, sowie die Konzepte seiner eigenen Berichte eintrug. Dort findet sich zwischen der Abschrift einer Zirtülarverfügung des Friedensrichters und dem Protokoll über die Ernennung eines Tagwächters folgender Eintrag: „Receveur Schlub von Bingen verlangt mittelst Schreiben vom 2. Februar 1810 zu wissen, was der preußische Minister Stein an Gütern und Renten in dem Mairiebezirke besitze." Hieran schließt sich die Bemerkung des Dorfoberhauptes: „Demselben wurde unter dem 5. Februar hierauf geantwortet, daß dieser Minister dahier gar nichts besitze." — Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, merkt aus dieser Bemerkung, daß dem guten Maire diese Anfrage des Steuereinnehmers spanisch vorkam, da man gewiß im Dorfe den Namen des preußischen Ministers nicht kannte. Hier spiegelt sich aber eine große Weltbegebenheit in dem engbegrenzten Leben eines Dorfes wieder. Nach Beendigung der Freiheitskriege zog sich Stein vom öffentlichen Leben zurück. Er lebte abwechselnd auf seinen Gütern in Nassau und in Frankfurt. Trotz seiner politischen Zurückgezogenheit nahm er dabei doch regen Anteil an der Entwicklung der Dinge in Deutschland. Die meiste Befriedigung aber fand er in der Förderung von Kunst und Wissenschaft: so wirkte er z. B. auch besonders für die Restaurier'- jtng der Marienburg. Gestorben ist Stein am 29. Juli 1831 auf feinem Gute Kappenberg in Westfalen. Die Nachwelt hat ihm Standbilder auf der Stammburg zu Nassau und auf dem Döuhoffplatz zu Berlin errichtet.. . . . „Demütig vor Gott, hochherzig gegen Menschen, der Luge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, in Kampf und Sieg Deutschs lands Mitbefteier.. Diese Worte, die die Grabstätte des. Freiherrn Vom Stein schmücken, kennzeichnen am besten den Mann, dem zum Gedächtnis in dankbarer Erinnerung heute diese Zeilen gewidmet sind. Das Auto ats Zugtier. Von Patentanwalt R e u t l i n g e r--Frankfurt a. M. (Nachdruck verboten.) Lo einfach wie das Triebiverk einer Lokomotive ist der Mechanismus eines Autonwbils nicht. Wer das Prinzip der Dampfmaschine kennt, findet sich bei der Lokoinotive leicht zurecht; die Kenntnis der Wirkungsweise des Gasmotors genügt aber nicht, um z. B. den Auto-Benzinmotor zu verstehen. Dabei sind die Elemente, aus denen der Motor zusammengesetzt ist, so zierlich, zerbrechlich; zusammengedrängt sind sie, wie die Heringe im Fasse, und schwer arbeiten müssen sie auch: kein Wunder, daß sie gelegentlich streiken. Nun sollte man erivarten, daß man ein so verwickeltes, empfindliches Ding, wie es dieser Motor ist, als Wesen achtete, daß man cs rücksichtsvoll behandelie, wie man cs bei der Loko- uwtive gewohnt ist. Die hat ihren eigenen Wagen, in dem sie nicht einmal ihren Vorrat an fester und flüssiger Nahrung aufnimmt. Tie läßt sich ihr Futter hübsch nachrollen. lind auf ihr fahren darf nur ihre Bedienung; gelegentlich ivohl auch einmal ein Aussichtsbeamter. Diese Rücksichten verdankt die Lokomotive ihrem Körperumfang. Der Benzinmotor aber, der im Verhältnis zu seinem Gewicht viel mehr leistet als die Lokoinotive, wird, weil er klein ist, schlecht behandelt. Neuerdings setzt man ihn ivcnigstcns vor den Wagen; früher saß er drunter, wie der Ziehhund unter der Milchkarre. Aber fcstgebamit ist er, weg kann er nicht und zwar zum Schaden des Besitzers: Mit dem Motor wird der ganze Wagen u n b r a u ch b a r. Kann eS einem Zweifel unterliegen, daß. es vorteilhaft wäre, Motor und Wagen in gleicher Weise lösbar miteinander zu verbinden, wie Lokoinotive und Zug ? Versagte der Motor, würde ei» anderer vorgehängt, würde der Wagen beschädigt, so ivechsclte man diesen aus. Alan komme nicht mit technischen Schwierigkeiten ; Schwierigkeiten sind Ausgaben, die der Techniker löseii wird. Beim Luxus-Automobil freilich wird die Trennung von Motor und Wägen kaum Liebhaber finden. Da sprechen ästhetische Gründe mit. Der Wagen soll hier ein Stück sein, unsichtbare Kräfte sotten ihn bewegen ; der Feemvagen des Märchens. Aber beim gewerblichen Automobil da tritt das Aesthetische in den Hintergrimd und da sollte man sich, auch im Interesse der Automobilindustrie, mehr mit der Frage der Trennung von Motor imb Wagen befassen, als cs bis jetzt geschehen ist. Die allgemeine Ein- jührung des Automobils würde sich dadurch rascher vollziehen. Da baut man jetzt Fahrzeuge, die, um den Motor zu schoneit, elastische Räder erhalten müssen, die hohe Kosten verursachen. Niemals werde» auf diese» Wagen Sachen befördert, die einen Anspruch darauf hätten, „auf Gummi" zu fahrcit. Das Uuterbriugen des Motors, der Antrieb der Wagenräder und so manches andere, was zu berücksichtigen ist, das erschivert den Bau und verteuert de» Wage». Warum trennt inan, wenigstens bei gewerblichen Automobilen, nicht Wagen und Motor, oder, mit anderen Worten: warum baut »tau keine Zlig- oder Schleppaiitomobile und läßt die Wage» wie sie sind? Was könnte man dagegen einwenden? Daß zwei zusammen- gekiippelte Fahrzeuge zu lang werden würden, den Grund braucht man nicht gelten zu lassen. Dasso geschleppte Fahrzeug wird nicht länger als ein mit Pferden bespanntes, auch fährt man mif diese Weise heute schon gauze Züge. Bei diesen geht man neuerdings von vierräderigen Wagen ab'und baut ziveiräderige Karren, die, einer an den anderen gehängt, dem Zuge eine größere Beweglichkeit geben. Von diesen wollen wir aber hier absehen, uns interessiert nur das Schleppauto, das Zugtier. Daß solche Autos 511 bauen sind, das weiß man ja, und daß sie Beschäftigung finden werden, ivenn sie erst einmal da sind, das kann man mit ziemlicher Sicherheit annchmen. Schleppautomobile zu halten imb sie nach Bebarf zu verleihen, bas könnte ein neuer Erwerbszweig werden. Um nur auf einige Beispiele hinzuweise», sei zunächst an die Ziehzeit erinnert. Ueberall ficht man da die Möbelwagen vor den Häusern halten. Damit die Pferde nicht unnütz herumstehen, bedient ein Gespann mehrere Wagen. Der Möbelwagen wird ans Haus gefahren und später wieder abgeholt. Das Schleppautomobil könnte das noch besser besorgen. Ebenso ist es mit den Kohlenwagen, da stehen die Gäule während des Abladens in der Regel vor den Wage». Sie könnte» in dieser Zeit doch etwas arbeiten. So wird man noch andere Beispiele finden können. Auch die Feuerwehren könnten sich des Schleppautomobils mit Erfolg bedienen. Nicht nur die städtischen Feuerwehren, in erster Linie die Beruisseuerwehreu, sondern auch die ländlichen Feuerwehren, diese vor allen im Dienste nachbarlicher Brandhilfe. Die Feuerwehren sind- zwar bereits eifrig bemüht, sich die Vorteile des Automobilbetriebes zunutze zu machen, aber ich meine, sie sind nicht auf dem richtigen Wege. Moderne Löschgeräte sind heutzutage an sich schon verwickelter Bauart, sie werden durch die Ausgestaltung zum Automobil noch komplizierter, empfindlicher und teuerer. Laßt doch die Spritzen, die Möbel- und Kohlenwagen, die Frachtfuhrwerke und sonstigen schweren Lastsahrzeuge, wie sie sind, und schafft Schleppautömobile zu ihrer Fortbeivegimg l Das Wie wird sich schon finde». Kunst. — Als das bedeutendste künstlerische Ereignis dieses Jahres darf man die 3. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden ansehen. Hier haben sich alle jene Kräfte vereinigt, die in Deutschland in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Raumkunst und des Kunstgewerbes als Führer austraten. Wenn man auch nicht allen Leistungen unumschränkte Anerkennung zollen kann, so darf doch kein Einsichtiger das hier Gebotene unbeachtet lassen. Es ist sehr anzuerkennen, daß die Darmstädter Kunstzeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" eS unternommeir hat, innerhalb dreier Hefte die besten Leistungen dieser Ausstellung zu veröffentlichen. Das erste dieser Ausstellungshefte, das Juli-Heft der „Deutschen Kamst und Dekoration" enthält überraschend schöne Aufnahmen aus allen in der Ausstellung vertretenen Gebieten. Diese Publikation ist allen, auch denen, die eine Reise nach Dresden nicht machen können, zu empfehlen; Bietet sie doch für wenig Geld eine vollständige Uebersicht über die Bestrebungen im Sinne einer neuen deutschen Kultur. Das Juli- Heft der „Deutschen Kunst und Dekoration" enthält auch noch einen anderen trefflichen Beitrag, einen prächtig illustrierten Aufsatz über neue Denkmäler des Plastikers Franz Metzncr- Wien. Das Hauptwerk dieser Veröffentlichung ist ein monumentaler Brunnen für Reichenberg, der wegen seiner Eigenart ganz besondere Beachtung verdient. Msde. — Billige und schöne Sommer- und Reisetoiletten erhält man dadurch, daß man das Modenbiatt „Große Modenwelt" mit bunter Fächervignette, Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35, liest. In diesem Moden- blatt findet man zahlreiche Kostümbilder, zugleich aber auch eine praktische Anleitung, sich die Kleidung mit Hilfe eines Schnittbogens selbst herzustellcn. —■ Gegen Hitze schützen die Mütter ihre Kleinen durch zweckentsprechende, leichte Kleidung, die auch die Ungeübte mit geringer Mühe und wenig Mitteln selbst Herstellen kann, wenn sie das Monatsblatt „Kin d er g a rd er 0 be", Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35, zu Rate zieht. Mode-Genrebilder zu allen Gegenständen der Kinderbekleidung, mit zur Selbst- anfertigung anleitenden doppelseitigen Schnittmusterbogen, sowie aus Resten und Abfällen des Haushaltes selbst kostenlos anzufertigenden Spielsachen, Gesellschaftsspiele, Modellierbogen, nlustr. Märchen usw. bieten Groß und Klein Beschäftigung und Unterhaltung, Abonnements auf „Kindergarderobe" zu 60 Pf. pro Quartal bei allen Buchhandlungen. Für die Frauen. — Die Kunst des Schneiderns gehört zu denjenigen Fertigkeiten, die dem weiblichen Geschlecht in allen Lebensstellungen und unten allen Umständen von Wert sind. Der Gattin, der Mutter kommt die Kenntnis im Schneidern zustatten, die vornehme Frau vermag dadurch einen Einfluß auf die mdi- viduelle Gestaltung ihrer Toiletten zu geben, dem Mädchen, welches auf eigenen Füßen stehen muß, wird dadurch eine Existenz geboten. Niemand sollte daher versäumen, sich diese so nützliche Kunst in entsprechender Weise zu eigen zu machen. Anleitung dafür bietet das im Verlag der Europ. Modenzeitung, Dresden-N. 8, in 4. Auflage neu erschienene Werk „Die perfekte Schneiderin", leichtfaßliche Lehre des Zuschnittes und der Bearbeitung aller Frauen-, Mädchen- und Knaben-Garderobe, sowie Wäsche, 20 Hefte ä 50 Pf., von denen uns Heft 2 bis 5 zugegangen sind. Die Anleitungen sind von überraschender Einfachheit. _______________ Auflösung in nächster Nummer. Bilderrätsel. Nachdruck verboten, ft f*w 440 — ’ r ■ Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der B rühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.