1906 Ar. 94 9 Kwi MS W MW Wiitetlsle Mädchen. Zioiuan von H. Ehrhardt. (Nachdruck verbaten.) (Fortsetzung.) Ruth hatte unterdes den Monient benutzt, um sich zu fassen. Sie fühlte, das; sie sich beherrschen musste, um dem wildfremden Menschen nicht ihren ganzen Herzenszustand zu verraten. Es sah ivüst in ihr aus, Schreck, Schinerz rind Verzivciflung kämpften n,it plötzlich austauchender ahnungsvoller Seligkeit, der nuf sie cindrangendcn Gewißheit, das; sie geliebt ivurde. Während sie mit bebenden Fingern kaum imstande war, das Obstmesser zu halten, mit dem sie, ihre Ruhe markierend, sich eine Birne schälen wollte, lauschte sic wie gebannt den Worten ihres Nachbarn, der ein wenig lebhafter als sonst erzählte: „Es ist ein riesiges Bild — die Figuren in Lebensgröße — er hat ein halbes Jahr mit Feuereifer daran gemalt, oft Essen und Trinken darüber vergessen, wie seine Wirtin mir erzählte — die Hauptfigur ist eine Frauengestalt in lang- sließcndeni, schneciveißen Gewände, die sich zu einem Jüngling niederbengt, der an dem Felsen, auf dem sie steht, ge- klannuert, über einem Abgrund schwebt, ans dem rote Flammen emporlodern und Gestalten mit unklar ausgeführten, triumphierend lachenden Gesichtern die weißen Arme nach ihm ausstrecken, Aber inan fühlt, daß die reine, edle Frau den Sieg errungen, daß sie ihn von dem Abgrund hinweg- zichen wird. Es läßt sich schlecht beschreiben, man muß cs gesehen haben, um den wunderbar greifenden Eindruck verstehen zu können, den cs auf den Beschauer macht. Hammer hat das Bild ,Dic Retterin' benannt." Eine augenblickliche Stille folgte seinen Worten. Ruth hatte die geschälte Birne ouf den kleinen Glasteller gleiten lassen, ohne sie zu essen. Eine ungeheure Erregung schnürte ihr die Kehle wie im Krampf zusammen. Ihr Blick irrte hilfesuchend zu der Cousine hinüber. Betty, die neugierig die Ohren gespitzt hatte, erhielt einen Wink, auf den hin sie geräuschlos verschwand. Suse, die darauf nur gewartet, platzte jetzt, förmlich zappelnd vor Ungeduld, heraus: „Und die Retterin hat Ruths Gesicht? — Nu wirds Tag." Das war neuerdings ihr Lieblingsausdruck. Erschrocken über sich selbst, legte sie schnell die rosige Hand auf den vorlauten Mund, schuldbewußt zu der verstört dreinblickenden Schwester hinüberschielend. Bittner tat zartfühlend, als habe er die letzte Bemerkung Suses nicht verstanden und crividerte ruhig: „Gewiß, cs besteht eine große Achnlichlcit da — Sie werden daS selbst nm besten beurteilen können — das Bild wird sicher Aufsehen erregen, besonders da Hammer bis jetzt nur Porträts geschaffen hat." „Da muß unsere Ruth ja stolz darauf sein, den Meister zu solchem Schaffen begeistert zu haben I" mischte Frau von Broekhaus sich lächelnd ein, indem sic sich erhob und damit das Zeichen zum allgemeinen Aufstehen von Tisch gab. „Nun, Ruth, freust Du Dich nicht darüber?" Sie war am wenigsten eingeweiht und deshalb klang die Steckerei harmlos und unbeabsichtigt. Ruth empfand das auch und erzwang ein lächelndes: „Ich freu' mich eigentlich nicht — Du weißt, ich liebe gar nicht, so sehr beobachtet zu werden. „Bescheiden wie immer!" sagte Meta, die eiskalte Mädchenhand fest und liebevoll drückend, „komm, Susekind, nimm Dir mal ein Beispiel — Tu fändest cs gewiß himm- lisch, wenn ciu berühmter Maler Dich der Nachwelt überlieferte." „Muttchen, natürlich, famos tvär' das — muß auch noch geschehen — Du, Fritz, ich laß mich von Willy Hammer malen." „So? Und wer bezahlt's denn?" fragte der verliebte Bräutigam und nahm das rosige Gesichtchen zwischen seine beiden kräftigen Hände, „für solch eitlen Wunsch gibt Dir niemand was. Na, wer bezahlts?" „Wer? Ich sag' Dir's gleich, aber erst loslasscnl" „Sofort Maus! Nur einen Kuß vorher! So, jetzig kannst Du niir's verraten." Sie zog ihn lachend ins Nebenzimmer. „Ruth bezahlt es", flüsterte sie ihm dort ins Ohr, um dann wie ein übermütiger Kobold im Zimmer hermnzutanzcn, bis sic sich, schwindelig geworden, von seinen Armen auffangen ließ. Er nahm sie bei einem der rosigen Ohren. „Nu aber mal ernsthaft, Kind. Möchtest Du nicht Gelegenheit suchen, mit Ruth zu sprechen? Hast Du keinen Auftrag für sie?" Suse befreite sich lachend von seinem Griff und schüttelte sehr energisch den zerzausten Kopf. „Ne, auszurichten hab' ich ihr nichts — aushorchen sollt' ich sie nur. Aber ich weiß bereits, was ich wissen will. Bittner hat ja seine Sache bei Tisch großartig gemacht — Du hast ihm wohl einen Wink gegeben, Liebster —* „Ja. Bet ihm durst' ich das. Seiner Diskretion sind 374 wir sicher — er hat die Geschichte so unbefangen aufs Tapet gebracht, daß Ruth sicher ganz arglos geblieben ist." „Höllisch nahe ist ihr's gegangen!" flüsterte Suse, „inan sieht's ihr jetzt noch an." Ruth war mit Frau von Brockhaus und Bittner soeben ins Zimmer getreten. Auf ihren Wangen brannten rote Flecken, ihre Augen glanzten fieberisch. In ihren Bewegungen und ihrer Sprache zeigte sie eine seltsame, nervöse Hast. Sie war sichtlich bemüht, ihre große innere Erregung durch äußere Lebhaftigkeit zu dämpfen und als die kleine Gesellschaft sich zwanglos in einer Ecke gruppiert hatte, die Damen noch Obst und Konfekt naschten, die Herren bei einem Glas Bier Zigar- retten rauchten, widmete sie sich ausfällig ihrem vorher so I vern achlässigteu Tischnachbarn. Ein dankbares Gefühl zog sie zu dem rotblonden, häßlichen Offizier, der von dem Mann ihrer Liebe Gutes gesprochen. Er ahnte nicht, daß er ihr damit mehr gegeben, als eine heimlich süße Hoffnung, viel mehr. Der häßliche Flecken war von seinem Bilde weggewischt— sie sah es jetzt durch die letzten Monate entsühnt, licht und rein vor sich, ihres treuen Gedenkens würdig. Ohne daß sie die Absicht dabei merkte, hatte er merkwürdig schnell das Gespräch wieder auf den „Meister" gelenkt, erzählte ihr kleine Episoden aus ihrer Bekanntschaft, die für seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit sprachen, spendete ihm weiter sein Lob, immer wieder seine Zurückhaltung gegen die schönen Italienerinnen scherzend hervorhebend, so daß ! Ruth leuchtenden Auges an feinen Lippen hing und schließlich so weit auftaute, auch ihrerseits wenigstens für Willy Hammers Kunst anerkennende Worte zu finden. Sie hatte sich jetzt so weit in der Gcivalt, daß sie einem unbefangeneren Beobachter nicht auffallend interessiert bei dem Thema erschienen wäre, aber Bittner hörte doch das leise Beben ihrer Stimme, merkte ihre freudige, zitternde Unruhe, mit der sie die Unterhaltung in demselben Gleise fortzuführen bestrebt war. Niemand störte ihre Unterhaltung. Suse hatte kaum Willy Hammers Namen neben sich nennen hören, als sic auch schon eine sehr dringende Angelegenheit betreffs ihrer Wohnungseinrichtung mit „Muttchen" zu besprechen hatte, bei der Trantendorf selbstverständlich auch mitzureden hatte. Sie wußte das so geschickt- mit einer solchen Lebhaftigkeit in Szene zu setzen, daß die beiden eifrig plaudernden Menschen eine Viertelstunde wie isoliert dasaßen und erstaunt aufsahen, als eine Bemerkung der Hausfrau sie wieder zu allgemeinerer Unterhaltung aufforderte. Viel wurde jedoch nicht mehr daraus. Es schwebte zu viel Unklares, Unausgesprochenes in der Luft, außer Meta hatte jedes etwas zu verbergen, fürchteten alle vier ein unvorsichtiges Wort, das vielleicht den zarten Hauch von einem heimlichen Glückstranm streifen konnte. Es war erst neun Uhr, als die beiden Herren Ruth Meridies bis vor ihre Tür brachten. Fast bewegt neigte der lange Oberleutnant sich zum Abschied über die schmale, ihm herzlich gebotene Mädchenhand. „Leben Sie wohl, Herr Bittner," sagte Ruth befangen hastig, „Ihre Bekanntschaft war mir eine wirkliche Freude — schade, daß wir im§. nicht mehr sehen werden." „Das soll man nie sagen, mein gnädiges Fräulein — es klingt so viel tröstlicher, das: Auf Wiedersehen I Und in diesen: Falle sage ich sogar: Auf frohes Wiedersehen! Passen Sie auf — ich hab' das Wort nicht vergebens gesprochen." Jin hellen Laternenschein sah er den weichen Glücksschimmer, der ihr schönes Antlitz überflog, das scheue selige Hoffen in beit feuchtglänzenden dunklen Augen. Sie entzog ihn: langsam ihre Hand. „Wir wollen's hoffen", sagte sie schlicht. In dein Moment fühlte sie es, daß er ihr Geheimnis erraten, aber sie schämte sich dessen nicht mehr, sie >var jetzt stolz ans ihre Liebe, seit sie wußte,daß sie keinem Unwürdigen galt. Trautendorf, der unterdes die Haustür aufgeschloffeit hatte, trat nun wieder zu ihnen und drückte seiner Schwägerin fest und innig die Hand. Ein freundliches „Gute Nacht!" noch, dann schlüpfte Ruth ins Hans. Sie stieg die drei Treppen in die Höhe, als ivären ihr Flügel gewachsen. ■ (Fortsetzung folgt.) 157 Jage korsischer Raukmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Ti em an n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Ns mittels Buchdruckerschwärze von meinen Fingern Abdrücke für das Pariser Verbrecheralbum genommen wurden, bemerkte er: „Diese niedlichen Sammetpatschen sind doch keine Tatzen eines Raubmörders." Ebenso mußte ich über seine Ansicht lächeln, daß er mich, den wegen Raubmordes aus dem Hinterhalt Angeklagten, als „nicht bösartig" mit den Kindern zusammen aus den Kinderhof sperren ließ. Er bot mir stets einen Stuhl an und, wenn er recht gnädig war, seine Schnupftabaksdose, aus der ich auch scheinbar stets eine Prise nahm. Ja, er forderte mich ans, wenn ich Langeweile hätte, sollte ich ihn auf dem Bureau aufsuchen. 1870 wäre er deutscher Gefangener und zuerst in Köln interniert gewesen. Als dort ein Aufruhr unter ihnen ausbrach, wären sie durch Deutschland quer hindurch nach Schivelbeiu bei Köslin befördert worben. Zu Anfang hatte ich den traurigen Mut, mich fast ausschließlich auf die Gefängnissuppeu zu beschränken. In grimmiger Ironie hatte ich den Ausspruch getan, die Suppen wären besser als bie im Hotel Suisse. Wie mir der Chef sagte, wäre dies geflügelte Wort zum größte:: Aerger der Madame und Mademoiselle Ruby in Ajaccio in aller Mund. Bei diesen Steppen, man nannte es stolz Bouillon, in denen einige , Brotstücke oder Kohllappen schwammen, magerte ich zusehends ab; nur die vereinzelt vorkommenden Reis- oder Bohnensuppen waren nahrhafter. Durch die Kantiua, einem Privatlieferanten vom Staate verpachtet, bezog ich täglich drei Beefsteaks. Der Preis von 20 Pfennigen per Stück kennzeichnet ihre Größe, Pfund Weißbrot, da ich das schwere Schwarzbrot nicht verbauen konnte, einige Mandarinen als Leckerbissen, und 3/i Liter Wein, von welchen: ich ein wenig dem nicht zweifelsfreie:: Wasser aus den offenen Quellenleitungen zufügte und, den Rest verschenkte, um mir dienstbare Mitgefangene gefällig zu erhalten. Diese haben tief bedauert, als ich von Ajaccio abgeführt wurde. Später aß ich häufiger Poulets, aber das süße Fleisch widerstand mir bald. Als mich Mitte Februar mein Bruder Franz und Herr W. in: Gesängnis besuchten, war ich schon durch den wochenlangen schweren Kummer, der mich an Beschaffung vernünftiger Nahrung gar nicht denken ließ, durch die Gefängnissuppen, ganz klapperig geworden. Mein Bruder riet, mir zweimal vom Hotel täglich Essen kommen zu lassen. Ich beauftragte daraufhin meinen Wvokaten Canipiglia, mit einen: Hotelier Abmachungen zu treffen. Es war aber sehr schwierig, etwas Passendes zu finden, da die Zeiten um 8 Uhr morgens und 4 Uhr nachmittags — man speiste nur zweiinal tu: zivilen Gefängnis — sehr ungünstig lagen. Endlich wurde Pension, das heißt ein warmes Dejeuner und ein warmes Essen (eilt Diner nach französischem Wortgebrauch ist noch etwas anderes), zusammen für 7 Frs. täglich durch meinen Rechtsanwalt abgeschlossen. Der Sicherheit halber kam der Hotelier noch ins Gefängnis, um sich vor Zeugen von mir bestätigen zu lassen, daß ich auch die Kosten des Geschirrs und Menagekorbes tragen würde. Nun bekam tch alles.Mögliche und Unmögliche zu essen, was der korsische Magen für eine Delikatesse hielt. Ich glaube, ich habe zu dieser Zeit mit mutig geschlossenen Augen auch das Innere von Seeigeln hiuuntcr- geschluckt, jedenfalls befand sich irgend etwas Undcsuucr- bares in einen: noch zweifelhafteren, tomatenroten Ragout. Welche Freude für den Chef, als nach zehn -^agen mein Nährvater mit einer langen Rechnung Herbetente. So wild habe ich ihn selbst nicht einmal bei nuferem ersten herzlichen Gedankenaustausch gesehen. Von euiei Gefangenen für 10 Tage solchen Betrag — es waren, w bis 90 Frs. — zu fordern. „Mein Herb, Sie snid vertu«. Vous etes im voleur, bou6 des uu banbit, vous etes nn iuif, tenez, atteudez, je ne s eux pas trouver iine exprcssioir tour Uotre intpudence." Ich wollte ihn besänstigen, aber kirschrot vor Wut lies; er sich nicht halten. „Sie haben gar nichts zu verfügen. Ich werde den Menschen fchon kriegen." „Ich habe ja versprochen, das Geschirr zu bezahlen." „Was wollen Sie damit:?" „Nun, ich lasse cs dem Gefängnis von Ajaccio für ähnliche Falle." „Was bilden Sie sich ein, wir brauchen Ihren Bettel nicht." So ging es in klassischer Rede und Gegenrede, Endlich willigte er ein, die 70 Frs. Pension zu bezahlen. „Von dem anderen wird nicht ein Pfennig bezahlt. Nach dem Abendessen ist alles bis zum kleinsten Napfe wieder abzuholcn." Der Hotelier zog trotz alledem freudestrahlend über das ferne Geschäft ab, nachdem er mir-noch alles Glück gewünscht und mich eingeladerr hatte, nach meiner Freisprechung in feinem Hotel abzusteigen. Nun sandte der Chef seine Wärter aus, um anderweitig Offerten cinzuholcn. Es fanden sich verschiedene einfachere Gastwirte ein. Endlich wurde eine monatliche Pension einschließlich Bringerlohn zu 90 Frs. abgeschlossen. Ich erhielt dafür gegen 11 Uhr früh etwas Weißbrot, Fisch, gebratenes Beefsteak oder Rumsteak, meistens mit Maccaroni oder Kohl, und zuur Nachtisch einen süßen Quarkkäse, oft auch harte, salzig eingemachte Oliven, Sardinen, frische Radiese, später auch Nephres, die auf Bäumen in Fruchtpyramiden, ähnlich der Kastanie, wachsen, und deren Fleisch, das einen größeren Kern, den man mit der Eichel vergleichen könnte, umschließt, der blauen Pflaume ähnlich erfrischend schmeckt, Erdbeeren und Kirschen, einmal auch Meerschildschnecken, die gemütliche Spaziergänge über meinen Speisetisch antraten. Ich habe großmüig dtarauf verzichtet, ihre werte allernächste Bekanntschaft zu machen und sie lebendig zu verschlucken. Als es draußen gemütlicher wurde, und die Schwalben, von bereit Nestern die Gefängnisfirste starrten, nur so durch das tiefblaue Karree, das über' den blendend weißen Mauern des acht Meter mal fünf Meter großen Gefängnishofes sichtbar ivard, hin und her schwirrten, leerte sich das Gefängnis in Ajaccio. Wenn Sonntag nachmittag nicht gerade zwei Wärter im Dienst waren und fluchend und schimpfend beim Kartenspiel saßen, sodaß man draußen auf dem Hofe das Aufschlagen der Fäuste hörte, setzte sich wohl der einzige Wärter zu mir, der gemütlich mit den Beinen baumelte, auf den morschen Tisch, an dem schon Napoleon I. hätte gespielt haben können, und fragte mich nach den Verhältnissen in der Heimat, ob unser Kaiser, ohne den Reichstag zu fragen, den Krieg erklären könnte- wobei hindurchklang, daß man sich keinen Kaiser wieder wünschte, da es sonst sofort wieder Krieg mit Deutschland gäbe. Einmal wurde von dem Oberinspektor der Gefängnisse von Bastia, Chiavari, 'Ajaccio, das Gefängnis in Ajaccio revidiert. Jeder Gefangene wurde gefragt, ob er sich über etwas zu beklagen hätte, er könnte sich ruhig äußern. Der Inspektor, der meine Kreditbriefe gesehen hatte über 4500 Francs auf die Riviera und Italien und 3000 Frs. auf Korsika, und deshalb an meine Schuld nicht glaubte, wunderte sich, daß meine Sache unnatürlich lange hingezogen würde, und durchblätterte meine Handbibliothek, in der Moltkes Briefe an seine Braut und Frau natürlich nicht obenauf lagen. Ich hatte zu jener Zeit keinen Grund mehr, mich zu beklagen, und strich den Chef des Gefängnisses gehörig heraus. (Fortsetzung folgt.) Arankfurt am Main. Bou Heinrich Lee. Nachdruck verboten. „Es gibt nor ää Frankfurt!" läßt Friedrich Stoltze, der lustige Frankfurter Lokaldichter, seinen Großvater sagen. „Weiter gar küäus, Großpapa?" fragt der kleine Enkel. „-O ja, es gibt noch ääns", antwortet der alte Herr, „awwcr dos gilt nix, dann da is e „Oder" derben" „Oder" heißt nämlich in der so wohlklingenden Frankfurter Mundart „aber". Wie hoch der richtige Frankfurter feine Sprache gleich allem klebrigen, was frankfurtisch ist, schätzt — denn „wie kann der Mensch nit aus Frankfurt fein!" —, das legte er wenigstens früher bimdtg in der Behauptung nieder, daß'die Hannoveraner, die bekanntlich im Rufe stehen, das feinste Hochdeutsch zu sprechen, überhaupt „die Sprach ver- dcrwe dhete und kää ächte Deutsche gar net warn." Soviel Frankfurt auch äußerlich von seiner alten Eigenart verloren hat, sodaß es sich -- von den wenigen bekannten alten Baudenkmälern abgesehen — dem Fremden int allgemeinen nur noch als eine, wenn auch schöne, ja prächtige, "o doch eines besonderen baulichen Charakters bare moderne Großstadt präsentiert, so tritt der alte Bürgerstolz der Stadt, die. unter allen dentschen Städten als die letzte ihre Freiheit verlor, trotz der inzwischen erfolgten vielen fremden Zuwanderung doch noch heute in deutlichen Zügen hervor, ganz besonders in dem Unabhängigkeitsbestreben gegen das leidige Berlin. Hat man in Berlin eine Bockcnhei m e r L a u d st r a ß e, wo ein Millionär neben dem andern wohnt ? Hat man in Berlin Equipagen, wie man sie in Frankfurt hat? Macht man in Berlin so gute und so teuere Herren- anzüge, wie sic die Frankfurter Schneider machen? Kann mau in Berlin wie hier in Frankfurt ganz genau von der und jener Dame sagen, wieviel ihr Schmuck wert ist? Es gibt Damen — und sie werden dem Fremden sogar auf der Straße gezeigt — mit hunderttausend, mit zweimal- hundcrttauscnd, mit dr e im alh u n d er t t a u send Mark an Schmuck, sogar mit noch mehr, und ihre Männer werden eingetcilt in Männer mit fünf Millionen, mit zehn Millionen, mit fünfzehn Millionen Mark, der zuverlässige Maßstab, nach dem man ihnen auch ihre gesellschaftliche Stellung anzuweisen hat. Was ist Berlin? Man wird aus dies eigenartige Verhältnis zu Berlin auch hingewiesen, wenn man abends zufällig int Restanrau t oder Cafe sitzt und den Gesprächen der jungen Kanf- leute lauscht. Die großen Städte, von denen da gesprochen wird, sind Paris, Brüssel, London, selbst der in Deutschland verschollene Name „Wien" bringt nn das Ohr aber Berlin? Und doch nützt alles Widerstreben nichts. Schon das Frankfurter neue Stadtbild tut es kund, tote der Berliner Einfluß auch in der Stadt, wo das Geburtshaus Rotschilds steht, feinen Einzug hält, und wie er sich gerade an der Stelle entlüftet, die bisher Frankfurts größte Macht bedeutet hat. Still, tot und verlassen steht in der Börnestraße, der alten Judengasse, mit seinen vier rundbogigen Türen, der duukelen Holzfrout, den wcißum- rahmtcn, hohen, dicht aueinandergerückten Fenstern, dem spitzen Giebel und dem steilen Dach das alte Rotschi ld- Slammhaus da, das letzte jener allen Judcithäuscr, das Haus, aus dem in Gestalt eines dürftigen Männchens Frankfurts Europa-beherrschende Bedeutung herausgcschril ten ist, — heute nur noch eilt Museumsstück, ein Denkmal verklungener Zeit, nachdem auch der letzte aus der Enkcl- reihe jenes Mannes der Gasse unb der Vaterstadt den Rücken gekehrt. In moderner Pracht aber, vom Puls des Lebens durch- strömt, ragen in den Straßen, auf den Plätzen, die jetzt den Brcunputikt der Stadt bilbett, die Paläste der Berlin.. und von Berlin aus beherrschten Bankinstitute auf, langsam, aber sicher auch der Frankfurter Börse das Blut ab- zapfeud, — eine Erscheinung, die sich als eine Folge des Großbankentnnrs heutzutage an allen Börsenplätzen fcst- ftelten läßt. Nicht lange mehr vielleicht, und in Frcmksurts Stadtbild wird noch ein weiterer Zeuge des von Berlin her wehenden Einflusses erstehen, die neue Fe st Halle, die auf einen Wunsch des Kaisers — daß nämlich in Zukunft die fogenamiten Kaiferwettsüigen ständig in Frankfurt abgehaltcn werden möchten — errichtet werden soll. Frankfurt steht zwar ohnehin vor großen Aufgaben _ und Ausgaben — so der völligen Umgestaltung der Altstadt, die auf zehn Millionen Mark veranschlagt ist, und anderen gewaltigen Projekten, von denen noch die Rede sein soll —, kaum aber, daß einige Wochen vergangen waren, nachdem der Kaiser jenen Wunsch, dessen Ausführung auf mindestens vier Millionen geschützt ivird, geäußert hatte, so konnte Oberbürgermeister Adickes den'Stadtvätern bereits erklären: „Meine Herren! Den kaiserlichen Wunsch habe ich bereits in aller Ausführlichkeit auf dem Papier in die Tat umgesetzt." Der Bau soll der größte seiner Art in ganz Deutschland, werden. Man spricht von der. fabelhaften Ziffer von 2d 000 Sitzpläüen und einem Podium, auf dem 4000 Personen Plal; haben. Allerdings soll die Halle, da die Kaiserwett- singeü ja nur alle vier Jahre ftattfinden, auch zu anderen Zwecken dienen, so zu Ausstellungen, Kongressen und weiteren . Veranstaltungen, die Frankfurt im Wettbewerb mit München zur ersten Verkehrsstadt von ganz Süddeutschlano erheben sollen, — in jedem Falle wird sie aber ein Zeichen dafür fein, wie sehr jene republikanische Gesinnung, zu der 376 Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'icken Unwersitäts-Bnch- und Steindruckeret. ist. Lange. Gieße«» Magisches Quadrate Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben A A A A D I) D D E M M R R R ü U derart eiuzntragen, das; die ivagercchten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten: 1. Poetische Sammlung. 2, Wichtiges Verdauungsorgan. 3. Nebenfluß der Donau. 4. Asiatischen Strom.. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Vilder-Rätsels in voriger Nummer; Wissenschaft ist Macht. hinunterrauscht, und den Blick ans die blühenden Main- ufer, die vielgeliebte Stadt ivarf. Noch heute grüßt den Fremden, wenn er drüben von Sachsenhausen f)ertöntmt und in den mit grünen Fichtenkränzen behangenen Aepfel- Weinwirtschaften — benannt der „Allirte", die „Schö Fraa", der „Vogelfänger", der „Kitzehipper", der „Aprikefi" — zur Vesperzeit bei Brot und Käse oder noch besser bei „Solwerknoche un Derrflasch" pflichtschnldigst das „Stoffche", beit Eppelwein, gekostet hat, auf der Brücke gleich am Ufer mit engen, winkeligen, hügeligen Gassen, übereinander- geschobenen Giebeln uttb krummen, spitzen Giebeln, auf denen die Spatzen ihre Nester bauen, ein Stück Mt-Frankfurt. Man sieht am Kai Schopenhauers Wohnhaus, windet sich durch die Gäßchen bis zum Dom, kommt ferner an dem vor einigen Jahren renovierten „Römer" vorbei, dessen westlicher, bis zur Buchgasse reichender Anbau mit dem hohen Turm jetzt im Volksmunde nach dem Vornamen des Oberbürgermeisters „der lange Franz" genannt wird, kommt an der versteckten runden Panlskirche vorüber, wo Deutschland vergeblich seine Einignngsversnche machte, kommt auf den Roßmarkt, wo ans der ehemaligen Hanpt- wache ein reizendes Cafe, natürlich im Biedermeierstil, gemacht lvorden ist, das nun erst recht durch diesen Stil an seine in die 1830er Jahre fallende revolutionäre Vergangenheit erinnert, wo au einem Aprilabend ein Haufen junger Leute mit schwarz-rot-goldenen Schärpen sich ans die Mannschaft der Wache stürzte, ihr das Gewehr abnahm und von den Frankfurter Bundestrnppen den blutigen Lohn dafür bekam. Hier schweben vor den Augen des Alt- Frankfurters. Wehmut in ihm weckend, noch allerlei humorige .Käuze herum — „die uarrige Tande", die „Tande Fuchs", der „Kanuix" und der kleine, dicke, krummbeinige Davidsburg nicht zu vergessen mit seinem Hansierertasten und seinen freundlichen Offerten: „Seife für Ihre werten .Hände", „Strumpfbänder für Ihre geehrten Beine" usw. Auch von der alten Bürgerwehr ist noch manches Ge- schichtchen lebendig, so, wie der Oberst v. Ellrodt dem Major Rotenburger bei einer Revue am Grindbruuneu durch die hohle Hand zurief: „Herr Major, was mache Se dann Widder for dumm Zeug?" und Major Rotenburger auf dieselbe Weise antwortete: „Wann Se's besser kenne, mache Sie's!" Man kommt zum Goethe-Denkmal, bei dem ein Frankfurter Schneider — und die Frankfurter Schneider sind Autoritäten in ihrem Fach — hernnsgefunden hat, das; der Dichter seinen Rock verkehrt zugeknöpft hat, und endlich tritt man, luie immer, so oft inan nach Frankfurt kommt, wieder in das Haus am großen Hirschgraben eilt; Seit ein paar Jahren sind darin einige neue Räume er- schlvsseu worden, ein kleines nach dem Hof und Garten gelegenes Musikzimmer mit Spinett, Stehflügel und Laute, ein imposantes Speisezimmer und die sehr interessante ! Küche, in der eine komplette ausgewachsene Pumpe mit j einem richtigen, von einer glänzenden Messingkugel besetzten Schwengel steht. Das Interessanteste in dem Raum ist eine Anzahl Teller, die auf einem an der Wand hängenden Tellerbrett aufgereiht sind. Sie sind nämlich mit Versen geschmückt, und wer weiß, Ivelcheu verdienstvollen Anteil sie daran haben, daß der junge Johann Wolfgang so gut das Dichten lernte? Einige dieser Poesiens lauten: „Mein Herz ist erfreid — Wenn ich Dich seh zu jederzeit", oder „Gute Regeln, weise Lehren — Mnß man üben, nicht nur hören", oder „Wein und Wurst — Löscht Hunger und Durst". sich manche alten Frankfurter noch heute hartnäckig bekennen, der aber die gleichfalls von Berlin herbeigeflogenen Adelsprädikate, Orden und Titel schon ohnehin so manchen Stoß verseht haben, dahiuschlvindet. Wenn früher von Frankfurt die Rede war, so wurde als eines besonderen Clous der durch den Glanz ihrer Laden I und ihren großen Verkehr berühmten Zeil gedacht. Die Läden sind seitdem noch glanzender, der Verkehr noch reger I geworden. Aber trotzdem — Straßen wie die Frankfurter | q e j l gibt es in deu deutschen Städten heute zu Dützen- I den, und nichts ist für ihre erreichte Blüte mehr bezetch- uend, als daß, was einst Frankfurt in dieser Hinsicht zu I einet vielbestaunten Ausnahme machte, heute in Dentfch- land allgemeiner Zustand ist. Ohnedies hat btc Zeit m Frankfurt ihre Paraderolle längst an eine andere Straße abtreten müssen, nämlich an die vom Bahnhöfe ausgehende imposante Kaiserstraße, wie denn überhaupt der Bahnhof, einer der großartigsten des Kontinents, und m dem jetzt täglich 250 Personenzüge verkehren, wohl den .Haupt- I sächlichsten Schwerpunkt bildet, nach dem das moderne Frankfurt gravitiert. Hier, dem Bahnhof gegenüber, erhebt sich auch der neue glänzende barocke Monnmentalban des Mert Sch it m a n u -Th e a t e r s, dessen äußerer Pracht auch die innere entspricht, und das sich int Laufe eines einzigen Tages — wieder ein Triumph der heutigen Technik — in eine« Zirkus mit vollständiger Manege verwandeln läßt. In dem Leiter des Theaters, das jetzt dem Varisto diente, konnte ich eine nicht nur mir, sondern wohl in ganz Europa und Amerika bekannte Persönlichkeit begrüßen, den Löwenbändiger Julius Seeth. Ich fragte ihn, wo seine fünfundzwanzig Löwen geblieben Wären, die er vom Sitltan mm Abessinien geschenkt bekommen. Er hatte sie „vermietet" an einen Unternehmer ln Odessa: vermietet, aber nicht verkauft, weil man ja nicht wissen konnte, was man für Geschäfte mit dem Theater machen würde, und etwaigen- salls den „Kittel" von neuem anziehen mußte. Wie genugsam bekannt sein dürfte, bildet das Kapitel „Theater" einen der wunden Punkte von Frankfurt. Keine zweite Stadt in Deutschland von auch nur annähernd der Größe Frankfurts, die so wenig mit dramatischen Unter- haltungsstätten versorgt wäre, wie die Goethe-Stadt, da sie außer den beiden städtischen Instituten überhaupt kein nennenswertes dieser Art besitzt, und alle Versuche, dem Mangel abznhelfeu, daran scheitern, daß jene Bühnen int Betrieb einer Aktiengesellschaft sind, deren Mitglieder durch ihren Einfluß in der Stadtverwaltung sich jede Konkurrenz vom Leibe zu halten wissen. Wie tu den meisten anderen deutschen Städten hat auch in Frankfurt die Erbauung von eleganten Wohn- und Villenvierteln ihren Weg nach Westen genommen, schon weil die Statur hier durch daS Taunusgebirge einen herrlichen Hintergrund geschaffen hat. Hier befinden sich der Pülmengarten, der Neubau der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und zahlreiche andere VereinigungspNnkte der Frankfurter Kultur, Der Umstand aber, daß der Hauptgüter- und Personenbahnhof sich gleichfalls int Westen befindet, hat bewirkt, daß die Industrie sich dem Zuge nach dem Westen anschloß Und in den westlich gelegenen Vororten Bockenheim, -Rödelheim, Griesheim sich in großen Blöcken, angesiedelt hat, die im Frankfurter Bvlksmunde wegen ihres schlvarzen Anstriches „Kamerunviertel" genannt werden. Während so im Westen, gestützt auf dis Nähe der Bahnlinien, eine großartige Entwicklung nahm, blieb der Osten Frankfurts "infolge der für ihn sehr ungünstig gelegten Staatsbahnlinie vom Verkehr fast völlig abgeschlossen/ Ein Projekt, dessen Verwirklichung auch bald bevor steht, geht nun dahin, an Stelle des alten, nur dem Lokalverkehr dienenden Ostbahnhofes einen großen Güterbahnhof zu errichten und unter Herstellung einer Verbindung mit dem westlichen Güterbahnhof den Osten Frankfurts der Industrie zu erschließen. Mit diesem Ostbahnhof soll ein von der Stadt zu erbauender Osthafen zusammenhängen, ein Industrie- und Handelshafen, dem sich mainaufivärts noch ein Ftoß- handel angliedern soll. Auch ein großer Ostpark für die Arbeiterbevölkeruug soll hier geschaffen werden. „Und des is alles unser", sagte der Alt-Frankfurter, wenn er auf der alten Sachsenhäuser Brücke stand, unter der zwischen den engen Pfeilern der breite gelbe Strom