Montag den 29. Hktoöer W «WKittj L Zm Manne des Heßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Jack hatte eine eingewurzelte Abneigung gegen Arbeit. „Ich habe Kopf", sagte er gewöhnlich, „und Leute mit Kopf müssen sich nicht abplacken". Jack Jefferies hatte nämlich seit langen Jahren einen Gedanken in seinem Gemüte Wurzel schlagen und wachsen lassen, und zwar die Idee, daß ein Geheimnis vorhanden sei, ein Geheimnis, das mit Werner in Zusammenhang stehe, und das ihm die Mittel zum Leben gewähren solle. Hunderte von kleinen Nebenumständen nährten und befestigten diesen Gedanken. In erster Linie stand die Tatsache, daß seine Mutter nie den Namen des Ortes erwähnte, noch erwähnen wollte, wo sein Vater gelebt hatte und gestorben war. „Das ist nicht natürlich", sagte sich der scharfsinnige junge Denker; „alle Weiber schwatzen gern, unb wenn sie nun nichts sagt, so ist unzweifelhaft ein sehr guter Grund dafür vorhanden". Tie Besiätigrmg seines Verdachtes war seine lebhafte Erinnerung an Marians Besuch. „Eine mittelaltrige Person", so pflegte er zu grübeln, „die hereinkam, um Werner zu sehen, und über ihn weinte — wer war es wohl, und was hatte sie mit Werner zu tun?" „Heber mich hat noch nie so eine mittelaltrige Person geweint"; sagte er sich dann mit gewissem Neid weiter; „und ich wist wissen, was das bedeutet. Falls überhaupt etwas aus der Sache zu machen ist, so werde ich es daraus machen". Mit der ihm eigenen Verschlagenheit hatte er alle diese Gedanken sorgfältig für sich behalten. Nie hatte er die Tatsache des Besuchs der Dame irgend jemandem gegenüber erwähnt. „Ich werde meinen Handel damit machen", sagte er sich, „wenns Zeit ist", und Jaek war ganz zufrieden, zu warten. Aber die Zeit verging, und Jack begann den Druck der Umstände zu fühlen. Selbst billige Ringe und schlechte Zigarren kosten Geld, und da er sich bereits entschieden hatte, nicht zu arbeiten, so mußten diese Sachen sich eben auf andere Weise beschaffen lassen. Zu allererst mußt er ausfindig machen, ob sein Verdacht auch wohl begründet war. Kein Feldherr rüstete sich wohl sorgfältiger zur Schlacht, als Jack sich zum Kampfe mit seiner Mutter vorbereitete. Die Art und Weise, wie er das Gefecht eröffnete, machte ihm Ehre. „Mutier", sagte er eines Morgens plötzlich, als er beim Kaffee saß, „bist du auch sicher, daß mit Werner alles stimmt?" Kate Jefferies sah auf, mit etwas wie Neberraschung in ihren freundlichen Zügen. „Wieso stimmt; was meinst du, Jack?" „Nun, die Wahrheit zu sagen, ich habe die letzte Zeit ein paar merkwürdige Träume gehabt und bin nicht recht ruhig mehr." „Merkwürdige Träumei" wiederholte Kate, „was meint der Junge nur?" Sie stellte ihre Kaffeetasse wieder auf den Tisch und sah ihn mit verwunderten Blicken an. „Du bist so nervös; ich mochte cs dir eigentlich gar nicht sagen. Reg dich nur nicht darüber auf und werde krank; aber, wenn — wenn Werner vielleicht etwas mit einem Geheimnis zu tun hat, so sollte ich es doch wissen." Kates gutmütiges rotes Gesicht wurde blaß, als sie diese Worte horte. „Siehst du, Mutier, wenn jemanden immer und immer wieder dasselbe träumt, das macht ihn doch stutzig, nicht wahr?" „Ich weiß nicht, Jack; ich verstehe dich nicht." „Na, die Sache ist die, ich habe einen Traum gehabt, und der kommt immer und immer wieder." „Was ists damit, erzähl ihn mir", sagte Kate. „Also es ist immer dasselbe — eine Dame, _ die in unsere Schlafkammer kommt. Ich hab so oft von ihr geträumt, daß ich sie dir ganz genau beschreiben kann. , Sie ist so in mittleren Jahren, hat so'n nettes, gemütliches, freundliches Gesicht, dunkle Haare, hat einen langen grauen Mantel an und trägt einen Schleier. In meinem Traum int sie auch immer ein und dasselbe — kommt also in unsere Schlafstube und steht an Werners Seite, dann fängt sie an zu weinen. Aber was mich so bange macht, ist, daß sie sich dann nach mir hindreht und mit so merkwürdiger mummeliger Stimme sagt: „Es ist ein Geheimnis da, ein Geheimnis mit Werner; mach dus ausfindig, machs ausfindig I" „Himmel, sei mir gnädig I" schrie Kate Jefferies. „Was kann das bedeuten?" , Und der verschlagene Jack, der mit heunlichem Blmzeln den Erfolg seiner Schauergeschichte beobachtete, sah, daß das Gesicht seiner Mutter blaß wie der Tod geworden war und die qualvollste Angst ihr aus den Augen sah. ,O, Jack, Jack!" 'jammerte sie, „was bedeutet das? • „Da haben wir's ja! Ich hab's ja gewußt, daß du. dich wieder so aufregst, und dabet ist gar kein Grund, absolut kein Grund dafür da. Der Traum hat mich! bange gemacht, und ich habe $n dir erzählt. Ja, wenn du KZ noch geträumt hättest! Aber die Werber müssen intmer gleich kreischen. Wenn ein Geheimnis damit zusamrnen- hängt, Mutter, so sag's mir doch jetzt; du siehst, ich soll e§ ja wissen." Vor Kates verstörtem Gesicht erhob sich die Erinnerung au Marian West und wie sie vor langen Jahren vor ihr gestanden, stattlich, feierlich und ruhig. Sie hörte die ruhige Stimme: „Schwören Sie jetzt, Kate Jefferies, schwören Sie mir Ler Ihrer ewigen Seligkeit, daß Sie dies Geheimnis nie enthüllen wollen." „Ich schwöre es!" hatte sie geantwortet, und es war ihr Ernst damit gewesen. All dies erhob sich vor ihrer Seele. Sie durfte ihreu Md uicht brechen, und wenn ihr der Tod bevorgestanden hatte. „Es gibt kein Geheimnis, Jack. Du bist ganz im Irrtum. Wirklich, ich weiß uicht, !vas dein Traum bedeutet; aber es hängt kein Geheimnis damit zusammen. Was sollte es sein?" „Ich weiß, es ist eins vorhanden", sagte Jack in entschiedenem Tone. „Träume kommen nicht um nichts und wieder nichts. Ich sage, es ist ein Geheimnis dabei, und dies Weib hilft dir es bewahren, oder du hilfst ihr dabei, eins von den beiden." Er wußte, daß er den Pfeil auf den Schützen zurück- gesandt, als er das Gesicht seiner Mutter sah; es war aschgrau vor Angst; ihre Augen sahen ihn voll Schmerz und Kummer an. Hätte er mehr menschliches Empfinden gehabt, er hätte gerührt werden müssen. Aber es erfüllte ihn nur triumphierende F-reude über diesen ersten Erfolg; jetzt war er seiner Sache sicher; früher war es Verdacht gewesen — jetzt war es Sicherheit. „Mutter", sagte er ruhig, „ich denke, es ist doch sehr hart. Ich bin dein ältester Sohn und du willst mir nicht vertrauen." „Ich habe dir nichts anzuvertraueu, Jack — es ist alles Irrtum — ich habe kein Geheimnis — Werner hat keins. Du weiht doch, Träume sind Schäume." „Wir werden sehen", sagte Jack finster. „Hättest du mir vertraut, Mutter, so war alles gut. Ich hätte mich aus deine Seite gestellt; jetzt aber werde ich das, was du mir nicht sagen willst, für mich allein ausfindig machen." „Es ist alles ein Irrtum, Jack", rief die arme Frau, „alles ein unseliger Irrtum von dir!" „So? Dann hast du also um so weniger zu fürchten, Mutter, und ich habe nur so weniger zu tun." 26. Kapitel. Jack Jefferies verliebt sich. Auf kurz? Zeit verlor Jack sein Geheimnis aus den Augen. Kate Jefferies wußte kaum, was über ihn gekommen war. Sie betrachtete ihn verwundert, tote jemand, der neue Merkwürdige Erfahrungen macht; hatte diese stille, gutmütige Durchschnitts-Frau doch seither stets dasselbe gleichmäßige, ruhige und — bis auf eine einzige Ausnahme — ereignislose Leben geführt. Eilt förmlicher Geist von Un-rühe schien von Jack Besitz ergriffett zu haben. Er war nie zufrieden, nie ruhig auf einer Stelle. Er ruinierte seine Mutter fast mit den vielen bunten Halstüchern und billigen Talmi-Ringen, die er kaufte. Mit peinlicher Sorgfalt war er um den tadellosen Glanz seiner Stiefel bemüht; die Quantitäten Pomade und Haaröl, die er verkonsumierte, gingen ins Ungemessene, und ein letztes Zeichen seines desperaten Zustandes war der neuerditigs erfolgte Ankauf von „echten" Glacees zu zwei Schilling das Paar. Nun begann seine Mutter zu argwöhnen/ Jack sei verliebt; nichts, es sei denn weiblicher Einfluß, hätte sonst diese roten Fättste in Handschuhe zwängen können. Kate Jefferies' Sorgen schienen gerade erst anzufangen. „Was soll ich tun", dachte sie, „wenn Jack sich's in den Kopf gesetzt hat und bringt mir eine Frau ins Haus? Ich werde sie dann auch noch mit durchbringen müssen, und dann adieu alle Bequemlichkeit." Indes Mrs. Jefferies ließ sich wenig träumen, wie weit Jacks Ehrgeiz sich verstiegen. Er hatte sich allerdings verliebt, aber in die Tochter eines Farmers in der Nachbarschaft, der im Rufe stand, „für jeden Betrag gut" zu sein. Wäre Jack klug geivesen — was er nicht war, er war nur schlau — so hätte er Anzeichen von Gefahr in Betsy Fenton's Zügen gelesen. Ihr Gesicht war hübsch in einer gewissen verwegenen, zigeunermäßigen Weise. Die Augen waren schwarz wie die Nacht und sprühten Blitze; aber keine Sanftlnui, keine Zärtlichkeit lag darin. War sie zorngi, so schien ein gewisses rotes Feuer darin zu glühen. Sie war von stattlichem, hübschen: Wuchs und besaß eine in ihrer Lebensstellung gerade nicht gewöhnliche Anmut in allen Bewegungen. Das üppige, tiefschwarze und glänzende harte Haar hing ihr gewöhnlich in einzelnen, widerspenstigen Strähnen um den Kopf. Es war in Elton wohl bekannt, daß Farmer Fenton in seiner Jugend einen großen Mißgriff gemacht hatte; er hatte sich leidenschaftlich in ein hübsches Zigeuner-Mädchen verliebt und dasselbe auch geheiratet — ein Mädchen, hübsch von Gesicht und Gestalt, aber eine vollendete Teufelin an Bösartigkeit unb Leidenschaftlichkeit des Gemüts. Das alte Zigeunerblut rann ihr wild durch die Adern. Vielleicht hatte sie der Reiz der Neuheit, in einem warmen, behaglichen eigenen Hause zu leben, verlockt, vielleicht die geachtete, ihr angebotene Stellung, die Frau eines ehrenhaften, ansässigen und begüterten Mannes zu werden; vielleicht hatte auch die tiefe und feurige Liebe des Farmers gerührt Genug, sie hatte eingewilligt, ihr Wanderleben aufzugeben und war Frau Fenton geworden. Aber ihr Charakter war nach wie vor derselbe geblieben. Es ist merkwürdig, aber nichtsdestoweniger wahr, daß schlechte Frauen oft tiefer und leidenschaftlicher geliebt werden, als gute. Mögen die Psychologen sich mit der Lösung dieses interessanten Problems beschäftigen, aber soviel steht fest, daß Farmer Fenton die beste andere Fran nie so geliebt hätte, wie diese wilde Zigeunerin, die nichts Gutes an sich hatte. Sie war ein schlechtes Weib im schlimmsten Sinne des Wortes, diese hübsche, wilde Madge Fenton. Sie hatte alle Fehler ihrer Rasse an sich und alle Laster derselben. Nie sagte sie die Wahrheit, es sei denn per Zufall; sie stahl, wo sie stehlen konnte; sie trank, iuo sie nur immer Gelegenheit hatte. Tat sie auch Schlimmeres? Das blieb Geheimnis zwischen dem Himmel und ihr selbst. Ihre gesamten Nachbarn bejahten die Frage, daß ft, als Fenton einst abwesend, eine Stufenleiter der Verworfenheit dttrchgemacht, die sich kam» erwähnen lasse. Und doch, trotz allem und allem, verlor sie nie ihren Einfluß auf den Mann, der sie so sehr liebte, unb als nach zehn Jahren halbzivilisierten Lebens Madge Fenton endlich starb, verlor ihr Mann fast den Verstand. Sie starb indes nicht so früh, daß sie nicht ihre eigene Bösartigkeit zum größeren Teile auch nuf ihre Tochter fort» gepflanzt hätte. Besiy Fenton hatte das wilde Blut, die leidenschaftliche Zigeuner-Natur, das unberechenbare Temperament ihrer Mutter geerbt. Die Leute fürchteten sich, sie zu beleidigen. Wenn das rote Licht in ihre Augen kam war Betsy gefährlich, und jeder wußte das unb hütete sich. Die jungen Männer, die ihre blitzenden Augen und ihr hübsches Zigeuner- Gesicht bewunderten, wagten nie, ihr viel zu sagen, solchen Respekt hatten sie vor ihr. In dies verwegene leidenschaftliche Mädchen nun hatte Jack Jefferies sich blindlings verliebt. Ihre schwarzen Augen und ihr hübsches Zigeunergesicht Hattens ihm zuerst angetan; sie sahen wohlgefällig auf ihn, sie warfen ihm scheue und verstohlene Seitenblieke zu, die Jack berauschten. Ec dachte, sie habe nicht ihresgleichen, und beschloß, Betsy Fenton zu geivinnen unb sie zu seinem Weibe zu machen. Er macht alle üblichen Vorstadien des Verliebtseins durch. Er trug enge Stiefel, so eng und spitz, daß er kaum gehen konnte; er verbrachte den größten Teil seiner Zeit mit Aus- unb Abgehen auf bem Wege vor ihrem Hause; er errötete jählings unb heftig, wenn er ihrer ansichtig mürbe. Nach- bem dies einige Wochen gedauert, kam ihm ein plötzlicher Gedanke, (Fortsetzung folgt.) — 635 — Aischgas tschekate Kuah^). Eine luftige Tiroler Geschichte von Rudolf Greinz. „Jatz tvär's schon bald notwendig!, daß die Kälber auf die Bäum' wachsen! Man weiß ja nimmer, wo man das Schlachtvieh auftreiben soll bei derer Fleischnot!" jammerte der Dorsmetzger Krust*). „Bis d' a alte Kuah kriagst, muaßt dir völlig die Füaß auslaufen und 's Maul wund reden!" „I wüßt dir schon a Kuah!" meinte der Metzgerknecht Lotsl. „Nachher weißt mehr als wia i!" rief der Krust. „Die tschekate**) Kuah von der Knollen Zischga***)", erklärte der Loisl. „Um dö kannst du handeln, Wann's dich g'freut! Denn leichter Handl' i dem Tuifl a arme Seal' ab als dem alt'n Geizkragen a Stuck Viech!" sagte der Krust. „Weißt Krust, do Sach' is nit so verzwickt! Der Zischga muast man halt a bissel schon tuan! Nit gleich mit der Tür ins Haus fallen! Die alten Madeln kann man für a guat's Mörtel um an kloau' Finger wickeln!" „Nachher Wickels du! Mir is dös Raffelscheit zu zach dazua!" „Abg'macht! I probier's! Wirst seh'n, dö tschekate Kuah krieg'n wir! Wia hoch darf i denn steigern?" „A Hunderter is g'nua! Höchstens noch a Zehner draus!" „Alsdann fang' i mit siebz'g Gulden an." „Fang' nur an, wenn du g'schwiud von allem Anfang an außi g'schmissen werden willst!" sagte der Metzger Krust. „A zwoa Woch'u muaß i aber Zeit hab'n!" meinte der Loisl. „Denn i muaß mich bei der Zischga doch z'erst a bissel eintegeln !"f) „Meinetweg'n!" entschied der Krust. „Also höchstens hundertzehn Gulden! Koan' Kreuzer mehr!" Der Loisl war schon jahrelang beim Krust Knecht und so eigentlich die rechte Hand im Geschäft. Er besaß daher bereits ein gewisses Ansehen und zählte zu den „Hiasigen", die sich am Sonntag im Wirtshaus zu den besten Bauern an einen Tisch setzen. Jung war der Loisl nicht mehr. Ein Vierziger. Trotzdem aber noch ein ganz fescher Kerl. Der beste Ranggler, Kegelscheiber und Perlaggerff) in der ganzen Gegend. An der nötigen Schneid', auch der Zischga was abzuhandeln, fehlte es ihm daher nicht. Auf dem Knollengut hausten zwei Geschwister. Die Zischga und der Kaschper. Beide ledig. Der Kaschper ein guter Fünfziger und seine Schwester nicht mehr weit von den Fünfzigern. Beide hätten ganz gern geheiratet. Aber mit dem Kaschper wollte es keine wagen, weil einer jeden die Schwägerin zu „z'nichws-s-s) war. Und bei der Zischga wollte schon gar keiner anbeißen, weil kein Mannsbild beim Heirat'n gern die Hos'n hergibt. Und die hätte die Zischga ganz gewiß angezogen! Der Kaschper wär bei seiner Schwester, die den Haushalt führte, nicht zu beneiden. Die ,,karnüffelte"Z) ihn gehörig, sodaß er auch bei der widerhaarigsten Ehßgesponsin nicht schlechter gefahren wäre. „ In früheren Jahren hatte der Knollen Kaschper manche schüchterne Versuche unternommen, seine Schwester an den Mann zu bringen und dadurch seinen Hausdrachen einem anderen aufzuhalsen. Alle derartigen Unternehmungen waren jedoch kläglich gescheitert. Schließlich hatte sich der Knollen Kaschper in sein Schicksal ergeben. +) Wir entnehmen diese köstliche Geschichte dein jüngst erschienenen _ neuesten Buch des bekannten Tiroler Volksdichters und Humoristen Rudolf Greinz: „Bergbauern. Lustige Tiroler Geschichten." (Verlag von L. Staackmann, Leipzig.) Das Buch, welches 12 drollige Geschichten aus dem Tiroler Volksleben umfaßt, ent- sesselt von Seite zu Seite die schallende Heiterkeit des Lesers. Das ist alles lebenswahre, echte Bergnatur, unverfälschter kecker Bauernhumor. Wir können unsern Lesern die Anschaffung des Bandes, von dem mir eine Probe bieten, nur bestens empfehlen. (Preis drosch, 3 Alk., eleg. geb. 4 Mk.) *) Christian. **) bunt gefärbte. *”) Franziska. t) Einschmeicheln. ti) „Perlaggen", beliebtes Tiroler Kartenspiel. i"H) bös. §) plagte. Der Metzger Loisl nahm seinen Plan allsogleich in! Angriff. Wenn er der Zischga begegnete oder wenn sie in der Metzbank was einkaufte, dann spielte er stets den! Liebenswürdigen, erkundigte sich nach Haus und Viehstand und so beiläufig auch nach der tschekaten Kuah vom Knollenbauern, gab Uebergewicht und schenkte dem alten Fegfeuer alle erdenkliche Aufmerksamkeit. Anfangs erntete er entschiedenes Mißtrauen. Aber so nach nachhaltigem Werben kann schließlich kein Weiberherz widerstehen, namentlich wenn sich darin in irgend einem Winkel noch immer mannderleutische Gefühle finden. Die Zischga wurde zusehends freundlicher und umgänglicher. Zuletzt lud sie den Metzger Loisl sogar ein, sich doch einmal das Knollengütl näher zu besichtigen, weil er sich schon gar so viel dafür interessiere. Nun sei der richtige Augenblick gekommen, den Handel losgehen zu lassen, dachte sich der Loisl und stackelte eines Tages, nachdem im Geschäft Feierabend gemacht worden war, zum Knollen. Er traf in der rußigen Küchel nur den Kaschper, dev auf der Herdbank saß und Holzspäne zum Unterzünden schnitzte. Gleich darauf kam Zischka herein. „Schau, daß d' in Stall kimmst! Die tschekate Kuah hat noch koa Fuatter!" herrschte sie den Bruder an, der sich schweigend zur Mchentür hinausdrückte. Dann lud sie den Loisl ein, aus der Herdbank Platz zu nehmen. Die Zischga mußte einmal nicht gar so unsauber gewesen sein. Jetzt freilich war sie derb und knochig geworden, und über der Oberlippe saß ein ganz respektables Schnurrbartl. „Wart', t wärm' dir an Kaffee, Loisl!" sagte sie mit dem freundlichsten Ton in ihrer Stimme. Der Loisl gab' durch einen zufrieden knurrenden Laut sein Einverständnis kund und überlegte im stillen, wie er jetzt wohl die Sache am schlauesten anpacken sollte. „Wird nimmer viel Milch geben, bei' tschekate Kuah!" begann er nach einer Weile, während sich die Zischga beim! Herd zu schaffen machte. „Könnt's nit schelten!" erwiderte diese. „Milch gibt sie noch g'nua! Dö Kuah is mir noch lang nit feil!" Holla! Da war er in der Sackgass'n. Auf diese Weise ging es nicht, dachte sich der Loisl. Da mußte er geschwind umstecken. Er verfiel wieder in tiefes Nachdenken. Unterdessen war der Kaffee fertig geworden. Die Dirn stellte die mächtige Schale von den Loisl auf den Herdrand und legte einen mürben Fastenbretz'n daneben. Der Loisl tauchte den Bretz'« ein, schluckte und kaute. Die Zischga wusch unterdessen in einem großen Kessel Geschirr ab. „Kaffee machst an guat'n!" begann der Loisl nach einer Weile. „Bist überhaupt a reviarisches*) Madel! Man sieht schon, daß du bet’ Ordnung hast!" „Man tuat halt, was man kann und soweit's oan' als a lediger g’freut!" erwiderte die Dirn freundlich. „Freilich, 's Ledigsein hat auch so feine zwoa Seit'n!" meinte der Loisl. „’s Viech macht viel Arbeit. Und wenn’s g'rad' amal a Kuah verkauf'« will, muaß a ledig’s Madel b'sonders acht geb’«, daß sie nit über die Ohren g'haut wird!" „Ja, ja, «tun wird auf Weg nnb Steg betrog'«!" antwortete die Zischga, indem sie einen Abspülfetze« auswand. „Es is unterschiedlich!" meinte der Loisl, in seinem Kaffee löffelnd. „I zum Beispiel könnt's nit über's Herz bringen, a Madel z' betrüag'n, das so alloan in der Welt dasteht!" „Du freilich nit! Du bist halt a braver Mensch, Loisl!" sagte die Dirn mit einer gewissen Rührung. „Wir zwoa würden schon über Ort kommen**), wenn wir amal an Handel miteinander hätt’n!" meinte der Loisl. „Wenn oane a Metl so brav im Stand' haltet total die Zischga, nachher kann man schon handelseins toerb’n!" „'s Güetl is guat bei'nand! In Feld und Stall alles üt Ordnung! Ztooa Küah im Stall, die Blaß und! die Tschekate! Drei Goas und a Mastschwein! Die Acker, weißt selber!" erklärte die Zischga. „Was? Siebz’g Gulden? Bist narrisch? ereiferte sich' die Dirn. „Die Tschekate g'steaht**) noch alleweil 's Doppelte! Magst nit noch a Schalele Kaffee?" *) tüchtiges. **) einig werden. ***) ist wert. 636 Der Loisk, der ausgetrunken hatte, gab' Wieder mit einem behaglichen Knurren seine Einwilligung. Das war ja schneller gegangen, als er gehofft hatte. Ja, ja, man Muß so einem alten Madel nur a bissel 's Koderl kratzen. Dann schaut sie g'schwind „herewärts". Er gab etliche tüchtige Stücke Zucker tn die Kaffeesupp'n und 'meinte nach einer Weile nachdenklich: „s Doppelte is wohl viel g'sagt!" „Da hast du dir dös Viech wohl noch nit g'nau an- tz'schaut!" erwiderte die Zischga. „Oh, i hab' sie guat g'nua g'sehen beim' Tränken! Auf achtz'g Gulden, wenn sie noch recht fleischig is, könnt's einer schon steigern!" meinte der Loisl. „Dös is die Tschekate in fünf Jahr' noch wert!" ergriff die Zischga die Partei ihr^r Kuh. Der Loisl entschloß sich zu einem großen Trumpf: „Menn einer an Hunderter gab', nachher zahlet er wohl Wia a Graf!" „Naa, naa!" meinte die Dirn. „Um Hundertzwanz'g wär' sie noch g'schenkt!" „An Zehner würdest schon Nachlass'»!" rief der Loisl. „Auf an Zehner geht's ja schließlich bei so a Schatzung Nit z'samm'!" gab die Dirn nach. „Dafür is die Blaß ihre zwoahundert Wert. Und die Acker sein sonnseitig. Am Häusl fehlt sich nix. Schulden fein koane drauf. A bissel a Sparkassageld is auch da. Die eine Hälfte g'hört ja dem Verlader. Aber es is die andere Hälfte auch noch g'nua!" Der Loisl horchte gar nicht mehr recht hin, was die Dirn erzählte. Jetzt galt es rasch, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. „Alsdann hundertzehne die Tschekate —" sagte er. „Ja, und die Blaß, 's Hails und der Grund —t' Unterbrach ihn die Dirn. Der Loisl erhob sich: „Da könnten wir ja Handelseins werd'n!" „Wann du's halt redlich meinst!" Und die Zischga trocknete sich die Hände an ihrem Schurz ab. „Freilich mein' i's redlich!" versicherte der Loisl. „I hab' dir's schon g'sagt, daß i's nit über's Herz bringen könnt', a hilfloses Madel zu betrüag'n! Schlag' ein! Es glt!" Er streckte ihr seine Rechte hin, in die die Zischga ästig einhieb. „I Möcht' mir halt a guate Behandlung ausbitt'n!" meinte die Dirn. „Ah, da fehlt sich nix!" versicherte der Loisl, der im Geiste schon die tschekate Kuah schlachtete und nach allen Regeln der Kimst zerlegte. „Da passiert nix! Dös is g'schwind vorbei! Alsdann können wir's morg'n in der Früah gleich angeh'n!" „Morg'n in der Früah?" rief die Zischga erstaunt. >,Dös geht ja nit. Was sageten denn d' Leut'!" „Dös geht doch d' Leut' nix an! Morg'n in der Früah is's am g'scheutesten! Js's gleich überstanden!" meinte der Loisl. „Aber was fallt dir denn ein, Loisl!" sagte jetzt die Dirn ganz verwirrt. „Wir müass'n doch zuerst zum Pfarrer geh'n!" . „Zum Pfarrer?" fragte der Loisl verständnislos. „Zu was brauch'n wir denn dazua an Pfarrer?" „Ja, Loisl!" rief die Zischga entsetzt. „Bist denn auf vamal a Heid' word'n! Der Pfarrer muaß doch dabei sein zum Einsegnen!" „Der Pfarrer?" meinte der Loisl. „Zum Einsegnen? Dös .Viech wird Wohl nit verhext sein!" „Was für a Viech?" frug die Dirn. „Ja, die tschekate Kuah!" ries der Loisl. „Wer red't denn von der tschekaten Kuah?fi fragte die Zischga. „Wir reden doch schon die längste Zeit nix anders 'als von der tschekaten Kuah!" der Loisl. „Bon der tschekaten Kuah?" die Zischga. „Was denn sonst?'- Wir sein ja Handelseins worden wegen der Kuah auf hundertzehn Gulden! Morg'n in aller Früah hol' i's, und da wird sie gleich g'schlag'n!" „Wer?" hast alles haarlloan wissen müass'n von weg'n dem Heirat'»j Und iatz möcht' er sich auf oamal auf die tschekate Kuah! außi« red'n, weil's ernst wird ! Du Lump, du spottschlechter! Und' so einer möcht' a hilfloses Madel glaub'n mach'n, daß er; sie nia betrüag'n könnt'! Halt' du andere für an Narren, du Lugenbeutel, du höllischer! Metzgertuifl, malefizischer!"• Der Loisl riß zu seiner Rechtfertigung mehrere Male; den Münd auf. Er vermochte aber nicht zu Wort zu kommen, „I will dir außizünd'n, daß d' nimmer einerfindest!" Mit diesen Worten ergriff die Dirn den Kessel mit betttl Waschwasser am Herd. Der Loisl wich in einer dunklen Vorahnung unwillkürlich ein paar Schritte gegen die Kncheltiir zurück. „I will dir die tschekate Kuah eintränken, du Sakra, du damischer!" Noch ehe der Loisl ausweichen konnte, ergoß sich die ganze Flut des Waschkessels über ihn. „Himmelsait'n noch amal eini!" schrie er. Im nächsten Augenblick glaubte er einen derben Fußtritt zu verspüren und stolperte aus der Küchel in den Haustzang. Unter der Kucheltür hätte er bald den Kaschper über den Haufen gerannt, der gerade aus dem Stall kam und auch noch etliche Spritzer aus dem Waschkessel abbekam. „Mir scheint, heut' hat sie wieder ihren guat'n Tag!" meinte der Knollen Kaschper lakonisch, ohne sich weiter aufzuregen. „Der Tuifl soll di' hol'» mitsamt deiner tschekat'n Kuah!" rief der Metzger Loisl, der an seinem ganzen Körper die warme Flüssigkeit spürte, indem er sich im Hausgang erbittert umdrehte. Da sah er, wie hie Dirn aus einer Ecke einen hölzernen Kübel mit einer noch verdächtigeren Flüssigkeit holte. Ein rascher Blick belehrte ihn, daß es der Schweinstrank war. Die Zischga hob die Butt'n drohend in die Höhe, Da war aber der Loisl mit ein paar verzweifelten Sprüngen schon bei der Tür draußen. Er sprang bis zum nächsten Heuschober und wälzte sich einmal ordentlich darin, um etwas trocken zu werden. Glücklicherweise war es schon fast dunkel geworden, sodaß er sich heimlich nach Hause drücken und dort wieder einen appetitlichen Menschen aus sich machen konnte. Als ihn der Metzger Kruft am nächsten Morgen fragte, wie denn der Handel um dre tschekate Kuah der Knollen Zischga ausgegangen fei, meinte er: „Gehs selber handeln! Zieh' dir aber ja koa Feiertagsg'wand dazua an!" Eingegangene Bücher. Roeßler, Arthur, „Vom Dichter der toten Stadt und andere Essays". Leipzig 1906. Verlag von Friedrich Roth- barth. „SpruchWörterbuch". Sammlung deutscher und fremder Sinnsprüche, Wahlsprüche, Jnsprüche usw. usw. unter Mitwirkung deutscher Gelehrter und Schriftsteller herausgegeben von Franz von Lipperheide. (Erscheint in 20 monatlichen Lieferungen zu 60 Pf.) 14. Lieferung. Berlin 1906, Expedition des Spruchwörterbuches. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer.' Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: G K e in A r r a n Gert r ti r! Birne Dur d „Die tschekate Kuah!" „Oh, du Loder, du verdammter!" kreischte die Zischga. -,Weg'n der tschekaten Kuah sein wir Handelseins worden? Hast nit umadum g'red't vom Güetl und vom Bfech und Redaktion: Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buck- und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen.