M. 143 1906 Samstag den 29. S.pteMLer ! W AI ggWWnng 1 I i W Flfl IP •??.', ■ Bri «W Zm Banne des Heheimmsses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sie war hochgewachsen, von gebieterischem Aussehen, von königlicher Erscheinung; nicht eigentlich schön, wenigstens nicht in des Wortes strenger Bedeutung. Sie hatte ein hübsches, vornehmes Gesicht und sehr schöne Hände und Arme. Sie war ein Weib, das mehr oder weniger jeden, mit dem sie in Berührung kam, beeinflußte, einzig und allein durch ihre geistige Macht und Willensstärke. Bor dieser Frau, von königlichem Geblüt, vornehm an Geist und Körper, ganz in den Anschauungen und Vorurteilen ihrer Kaste befangen — stand Evelyn, Lady Wayne, gerüstet, mit ihr um die gesellschaftliche Krone zu kämpfen, die sie bis dahin getragen. Ein unterdrücktes Gemurmel der Bewunderung lief beiui Eintritt Lady Waynes durch den Saal. Sie war so außerordentlich holdselig, ihre Toilette so reizend, so originell und künstlerisch-geschmackvoll, ihre ganze Erscheinung so überaus fasciniercnd, daß sie vom Augenblick ihres Eintritts bis zu ihrem Aufbruch unbestritten die Köirigin des Abends war. Sie sah den Herzog, als er pflichtgemäß den Ball mit Ihrer Durchlaucht voir Chisledon eröffnete; sie sah, wie häufig sein Blick auf sie siel unb immer wieder zu ihr zurückkehrte. Sie wußte, daß er von ihr sprach, denn nach einigen Minuten sah auch die Herzogin zu ihr herüber; dann, nachdem der Tanz vorbei, brachte die Gebieterin von Belvoir den Herzog zur jenseitigen Seite herüber und stellte ihn Lady Wayne vor. Das war der Augenblick ihres Triumphes. Sie las Bewunderung auf seinem Gesicht und nahm cs sehr kalt auf; sie machte keinerlei Anstrengung, ihn an ihre Seite zu fesseln, obwohl er zögerte und verweilen zu wollen schien. Sie war so würdevoll, leutselig und herablassend, wie die Herzogin selbst. Der Herzog bat sie um einen Tanz, und sie willfahrte gnädig. Man bemerkte ihr Benehmen. Sie schien sich der ihr gezollten Ehren so wenig bewußt und Wert darauf zu legen, als ob sie ihr Leben laug an fürstliche und königliche Huldigungen gewöhnt gewesen. „Ihre Schwägerin ist sehr schön/ wandte sich die Herzogin an Isabel Wayne. „Darf ich fragen, was für eine Geborene sie ist? Falls ich den Namen je gehört, habe ich ihn wieder vergessen." „Sie ist eine geborene Evelyn West," versetzte Mrs. Wayne. „Ach so l Ich entsinne mich des Namens absolut nicht," sagten Ihre Durchlaucht sanft. „Es ist eine gute, alte englische Familie, glaube ich," fuhr Mrs../Wayne fort, „obivohl ganz und gar nicht in unseren Kreisen verkehrend." Die Herzogin lächelte wieder sanft. „Lady Wayne verfügt über ein außerordentliches Maß Selbstbeherrschung und Selbstbewußtsein," fuhr sie dann fort, „doch muß sie sehr jung sein; sie sieht aus, als ob sie noch nicht zwanzig wäre." „Sie ist vierundzwanzig Jahre," betonte Mrs. Wayne, „aber sie hat ein sehr jugendliches Gesicht." Tie beiden Damen, die etwas abseits von den Tanzenden saßen, blickten sich an, unt> jede los die Gedanken der andern — keine von ihnen mochte Lady Wayne leiden. Tie Abneigung der Herzogin wurde den Abend noch verstärkt. Sie war seit langem daran gewöhnt, durchaus über die Damen der ganzen Umgegend zu herrschen, sie war der führende und tonangebende Geist jeder Tamengcsellschaft. Ihre Ansichten waren sozusagen geschriebene und unverändert liehe Gesetze. „Die Herzogin sagt das und das," oder „die Herzogin meint so und so," genügte. Stimmte man nicht mit ihr überein, so schwieg man; aber nie kam es vor, daß jemand ihr zu widersprechen gewagt hätte. An diesem Abende nun stand eine Gruppe von Damen um den Springbrunnen im Geivächshause, und die Herzogin sprach von der'Lehrerin einiger Armenschulen, an denen die anwesenden Tarnen mehr ober weniger sämtlich beteiligt waren. Tie Lehrerin hatte vor kurzem ihre Stelle verlassen, um sich zu verheiraten, halte aber nach einigen Monaten des ehelichen Lebens cS bei ihrem Manne nicht mehr aushalten können, ihn verlassen und war nun vorstellig geworden mit dem Wunsche, ihre alte Stellung wieder übernehmen zu dürfen. Die Herzogin war die Haupt-Patronin dieser Schulen und sic war ganz entschieden dagegen. DaS Thema war von Lady Claydon angeschnitten worden, aber die Herzogin hatte sofort, ohne auf für und wider zu hören, ihr Beto dagegen eingelegt. „Ich möchte gegen mein eigenes Geschlecht nicht hart erscheinen," sagte sie, „aber wenn eine Frau mit ihrem Manne nicht leben kann, so ist, glaube ich, in der Regel der größere Fehler ans ihrer Seite." Die kleine Gruppe der Damen murmelte eine schwache Zustimmung. Lady Wayne sprach ihre Meinung tapfer laut ans. „Ich stimme nicht mit Durchlaucht überein", sagte sie. „Bei derartigen Zwistigkeiten liegt die Schuld gewöhnlich bei den Männern." Wäre ein Blitz in ihrer Mitte hernieder gefahren, die Damen hätten nicht verblüffter lind erstaiinter dreinsehen 57 0 dunkelblauen jäher Ausdruck des Entsetzens kain gesehen zu haben, Evelyn." Sie blickte flüchtig und zerstreut umher, aber plötzlich renn eine schreckliche Veränderung über ihr Gesicht. Die zarte rosige Farbe erstarb ans den Wangen, em irtßpr ylusdrnck des Entkedens kam in die können. Nur die Herzogin lächelte ihr gewohntes sanftes j Lächeln der Ueberlegenheit. . I „Ihre Ansicht ist begreiflich; Sie haben natürlich in I dieser Beziehung noch keine große Erfahrung, Lady Wayne. I „Die Erfahrung, die ich bisher gemacht", gab diese zurück, „lehrt mich, stets für mein eigenes Geschlecht zu kämpfen." , , . | „Ach, da haben Sie noch viel zil lernen und zu er- | fahren. Ich selbst bin in Bezug auf die Frauen der Ansicht der Schrift." . , _ Lady Wayne hätte die Frage nicht geftellt, und ivenn es ihr Leben gegolten hätte, aber eine andere a,is der Gruppe tat es. „Was ist denn die Ansicht der Schrift?" „Vollständige, nichtziveifelnde und schrankenlose, blinde I Unterwerfung", sagte die Herzogin, von der mänmglich wußte, daß sie ihrem Manne niemals gehorchte, nn Gegenteil, nut ihrem starken Eigenwillen ihn regierte. „Ich b,n der Ansicht, daß die Hälfte aller ehelichen Zwiste daher kommen, daß'die Frauen sich nicht unterwerfen wollen." . Die kleine Gruppe horchte ehrfurchtsvoll, als ob ein Orakelspruch verkündet würde. Abermals widersprach Lady Wayne. j „Es gibt einen Punkt", sprach sie, „wo die Unterwürfigkeit zur Sklaverei wird. Viele Fraiien fallen in diesen Nicht viele, glaube ich", sagten Ihre Durchlaucht kühl und wandten sich, um zum Ballsaal zurückzukehren. Nicht lange, und es sprach sich die gheimmsvolle, unbestimmte Flüsterkunde rund, daß die Herzogin eifersüchtig auf Lady Wayne sei, und daß cs also, anstatt einer, zwei Königinnen in der Gesellschaft geben würde. Der Abend war ein einziger großer Triumvh für Lady Wayne. Die Herren waren fämtlich in sie vernarrt. Sie schivoren sich gegenseitig übereinstimmend, noch nie cm so liebliches, bezaubernd schönes und geistvolles, glänzendes Weib gesehen zu haben. Der Herzog selbst >var entzückt von ihr. Ihr Triumph war vollständig. v Zweimal während des Abends kam sie noch nut der Herzogin in Berührung. Sie wurden anerkannte Rivalinnen, obivohl noch vor zivei Tagen die Herzogin über eine solche Idee verächtlich gelächelt haben ivürde. Mrs. Wayne dagegen wurde eine feste Bundesgenossin dec Herrin von Belvoir Castle. Der Tatsache wurde nicht in Worten Ausdruck gegeben, aber zwischen den beiden ivard ein Kontrakt geschlossen — em Bund gegen den lieblichen jugendschönen Eindringling m alte Gewohnheitsrechte. I „Hätten Sie mir nicht gesagt, daß Lady Wayne vor ryrer 1 Heirat überhaupt keinen Titel besessen, so hätte ich Jie we- | nigstens für eine Prinzessin gehalten", äußerte die Herzogin I gegen ihre Verbündete. Mrs. Wayne lächelte; aber das Lächeln spracy Bande. | Es war spät, als sie nach Haiise kamen. Lord Wayne | nab zuerst noch seiner Befriedigung über den Erfolg seiner i Gemahlin Ausdruck; er ivar stolz auf die Beivunderiing, die sie überall hervorgerufen und von allen Seiten geerntet, stolz auf die ihr gezollte Huldigung und Verehrung und ward nicht müde, sie 311 der geistvollen Weise, in der sie ihre Rolle auf der großen Schaubühne der Welt spielte, zii beglückwünschen. v . Die beiden Schwestern waren endlich in Lady Waymw Zimmer allein. Evelyn hatte ihre Zofe entlassen und genoß eine erfrischende Tasse Tee. Marian saß und beobachtete sie, erstaunt über den strahlenden Ausdruck des lieblichen Gesichts, worauf die Ermüdung keine Spur zurückgelassen zu haben ^^Marian", fragte Lady Wayne, „warst du heute abend mit mir zufrieden? Habe ich meine Rolle in dem großen Schauspiel gut gespielt?" „Besser, als ich erwartet hatte", versetzte ihre Schwester, „nur in einem Punkte hielt ich dich für unklug, Eve. Du hast dir die Herzogin Chisledon zur Feindin gemacht." „Und was ist dabei, Marian? Sie kann mir nicht schaden. So ein unleidliches Weib mit ihren absprechenden Redensarten; als ob niemand sonst ein Recht zu sprechen hätte!" Sie steht sowohl ihrer Geburt als aiich ihrem Range nach über den meisten ihrer Nachbarn", sagte Marian ernst. „Es ist aber nicht nötig, es so offenknndig zu zeugen/ sagte Lady Wayne stolz. Aber Marian sah noch immer besorgt aus. „Ich halte es immer für einen großen Schaden, Eve, sich Feinde zu machen, ivo man sich Freunde machen könnte. Wenn ich mich nicht irre, hast du jetzt deren zivei, Mrs. Wayne und die Herzogin von Chisledon." „Das ist doch etwas Anregendes," sagte sie und lächelte fröhlich. „Uebrigens, Marian, in welcher Weise sollten sie mir schaden können?" c , „Es ist besser, keine Feindschaft ivachziirufen, äußerte Marian bedächtig. , Lady Wayne unterbrach sie nut gerötetem Gesichte. Meinst du, es sei Gefahr für mich vorhanden? O, Marian, wenn" es das ist, so hast du mich getäuscht; du hast mir gesagt, alle Befürchtungen wären vorüber — waren tot, wie mein Geheimnis selbst." , Sie erhob sich heftig zitternd, und Marian West hatte Mühe, sie mit zärtlichen Worten und beschwichtigenden L,eb- : kosungen wieder zu beruhigen. 7. Kapitel. Im Strome der Zeit. Als der liebliche Mai die Erde wieder mit Blüten überschüttete, nahm Lord Wayne seine Gemahlin mit nach London. Sie hatte sich bereits vorher lebhaft auf eine Saison dort gefreut, und die Saison bedeutete denn auch sür sie emen großartigen und glänzenden Erfolg. Ihre Jugend, ihre wundervolle Schönheit, der groge Reiz ihres Wesens machten sie überall bekannt und beliebt, sozusagen populär. Sie wurde bei Hofe vorgestellt und war die herrschende Schönheit der Saison. Sie stach die Herzogin von Chisledon vollständig aus. Falls die beiden Damen sich zufällig auf ein und denselben Tag sür einen Ball oder eine Ftzte entschieden hatten, so wurden die Einladungen der Herzogin unvermeidlich gegen die Lady Waynes abgelehnt, und sie ivußte das. Lady Wayne ivar so reizend, so originell, so geistreich, und die „teure Herzogin" war eben em wenig zu würdevoll und herablassend. Ein einziges Mal nur, wahrend dieser Saison, gab Lady Wayne ihrem Gatten und ihrer Schivcster ein Rätsel in ihrem Benehmen auf. Es war am Abend in der großen Oper, und sie waren mit Algernon und Mrs. Wayne hingegangen, um die große I Königin des lyrischen Operngesangs, die Grisi, zu hören. Das Haus war überfüllt, alles was irgendwie Rang oder Rus hatte, war erschienen. „ f. Lady Wayne, in großer, hervorragend geschmackvoller I Toilette, mit ihren Lieblingsjmvelen, Opalen und Rubinen, geschmückt, befand sich mit ihrem Geuiahl in einer der mittleren Logen des großen dritten Ranges. Lord Wayne sah, wie | sehr sie bewundert ivurde; Operngläser und Lorgnetten richteten sich unaufhörlich auf seine Loge. Er war eher befriedigt und | stolz als etwas anderes wegen der allgemeinen Bewunderung, die seiner Gattin gezollt ivurde. Die Grisi hatte gerade eins ihrer rührendsten Lieder beendet, und Lady Wayne blickte voll Interesse zu der hochbegabten Künstlerin hinüber, als ihr Gatte so beiläufig be- | ' „Ich erinnere mich nicht, je ein glänzender besetztes Haus Augen. , , , r. . Sie streckte die Hände vor sich hm, als ob sie eine fürchterliche Vision von sich abivchren wolle, und sank dann mit einem schwachen Schrei besinnungslos und wie 10 zusammen. folgt.) — 671 Als dichte, to dichte". Der Verfasser begreift auch den Bauer, weshalb dieser von der Volksschule immer von neuem so wenig hält, nämlich weil die Vorbildung des Hoferben auf deni Hofe, bie, in der Mitarbeit von allen Bewohnern des Hauses vor sich geht, geradezu musterhaft sei. Als solide Grundlage des bäuerlichen Seelenlebens betrachtet er die Gesundheit an Leib und Seele, die Starknervigkeit, die sich besonders in Gefahren, im Ertragen von Strapazen und in der Ruhe im Sterben bewährt. Ein Grundzug der alten Bauernkultur ist ferner die Beharrung und Nachhaltigkeit, die sich zeigt in der Erhaltung der alten Landesbesiedelung, des alten Hauses, der alten Hofnamen, Taufnamen und Trachten, des alten Dialekts, der alten Volkspoesie, des alten Räderwerks der Seele und der alten Gesichter. Dazu kommt die alte Tradition, d. h. im Gegensatz zu aller Kunstdichtung diejenige Dichtung, Aufbewahrung und Weitergabe von Poetischen Werken, die zu bestimmten Perioden das schreib- und lejeunkundige Volk geübt hat. Die hauptsächlichen Eigentümlichkeiten der Tradition sind: erstens die allgemeine Mitarbeit ganzer Stämme und Generationen im Gegensatz zu der in aller Kultur geübten Einzelarbeit; zweitens das bemerkenswert langsame, oft über iiicht weniger als Jahrhunderte sich erstreckende Reisen solcher Dichterwerke im Gegensatz zu unserer ganz wesentlich schnelleren Arbeit und drittens die ebenso bemerkenswerte Minderzahl der Stoffe im Vergleich mit aller Kulturdichtung. Die Eigenart, der Stolz des Kulturmenschen ist seine Persönlichkeit; das eigentümliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten des Bauern, mit seinem Gesinde schafft, erhält und pflegt seine Unpersönlichkeit. Dem Bauerntum ist überhaupt nie der Mensch, stets der Hof die Hauptsache. In dem ganzen Treiben ans dem Hofe zeigt sich eine gewisse Gediegenheit z. B. im Essen und Trinken. In ganz Niedersachsen, Holstein und Westfalen ist eine ebenso knappe wie vorzügliche Speisekarte entstanden: Schwarzbrot, Schinken, Hafer-, Roggen- und Buchweizenbrei, Milch, Butter, Eier. „Dat leve Eten" muß reichlich sein. Solide sind auch Kleider und Schuhe. Die Gediegenheit bewährt sich aufs höchste bei der Eheschließung und beim Erbrecht. Ein anderer Charakterzug ist die Naivität, d. h. das unbefangene Offenbaren eines Seeleninhalts nach seiner guten, wie schlechten Seite. Daher der Mangel des Bauern an Höflichkeit, aber auch an Geziertheit und Gespreiztheit. Weil er in einer früheren Zeitluft lebt, fehlt es ihm trotz seines Realismus nicht an einer gewissen Uebersinn- lichkeit. Er bewegt sich gerne auf den weiten Gebieten *) A. L'Houet zur Psychologie des Bauerntums. Tübingen 1905. Zur Wfychologie des Bauerntums.*) Der pseudonyme Verfasser dieser Schrift ist ein cvangel. Pfarrer aus dem Hannoverschen. Er teilt mit manchen Volksforscbern das Gefühl der Fremdheit auf Manchen Gebieten die von ihm besprochen sind, aber er hat vor vielen von ihnen ein fünfzehnjähriges genaues Zusammenleben mit dem Bauerntum voraus. Er behauptet, daß dasselbe kür das übriae heutige Deutschland ebenso wichtig- tote, Lotz aller aufklärenden Arbeit z. B. Riehls und Roseggers, noch unbekannt sei. Wichtig sei es Nicht nur als Deutschs lands Broterzeuger, sondern in erster Lmie als em Vorrat an leiblicher, geistiger, moralischer und religiöser Gesund- beit Durch die Hochkultur namentlich der letzten sunsztg Jahre verbreitere sich zusehends die Kluft zwischen dem Bauerntum und uns.. Das echte Bauerntum liege nicht in dem Kleinbesitz, noch in dem Großbesitz, sondern m den Höfen von etwa 30—600 Morgen. Sie tragen von der Zeit ihrer Gründung her ein uraltes Gepräge; die Bauern dieser Höfe bilden eine gleichartige Masse, die in sich zu- sammenhüngt, nach außen hin relativ abgeschlossen ist und fest an der Tradition hält. Für diese Ballern ist der Verfasser begeistert: „Wenn wir die Bahnlinien des norddeutschen Tieflandes links der Elbe benutzen, dann sehen wir sie, den Reid aller Länder, rechts und links liegen, diese prächtigen eichenumstandenen uralten .Höfe aus der weiten Ebene, Mit ihrem gesamte Lande rings umher, wo der hünenhafte Bauer in der Einsamkeit groß geworden und mit der Ein- samkeit verwachsen, wenn er den Nachbar noch mit der Stimme erreichen kann, dem Gaste klagt „tot wohnen to der Sage, des Aberglatibens, der Volksmedizin und öev Religion. Der Bauer ist ferner ein Mann des Maßhaltens, ein Mann der Dreiviertelkraft. Außer in Ausnahmefällen und Notständen gehört ein Viertel des Tages der Ruhe, und er hält gewissenhaft die großen Ruhezeiten ein, beit Sonntag, die Nacht, den Feierabend und den Winter. Er erstreckt seinen Schlaf ohne Skrupel bis in den langen Gottesdienst hinein. Er hält Maß im Streben nach den Gütern dieser Welt, nach Ehre, Lust und Geld, auch ist die ländliche Bauernsittlichkeit etwas ganz anderes wie ländliche Polen- nnd Fabriksittlichkeit. Solches Waßhalten wird aus der Freiheit geboren, nicht aus dem Zwang, denn der macht wild tote in der Tier- und Pflanzenwelt, so auch in der Menschenwelt. Die Ansprüche an die Befriedigung äußerer Lebensbedürfnisse sind in allem gut erhaltenen Bauerntum niedrig, das Leben in frischer Luft, in inniger Häuslichkeit, die Hochhaltung der Religion und die nicht unerhebliche moralische Reinheit fördern diese Freiheit. Nachdem der Verfasser einen Ueberblick über die Geschichte des Hofes und des Dorfes gegeben hat, faßt er sein Urteil über das Bauerntum Deutschlands folgendermaßen zusammen: „Das Bauerntum Deutschlands ist eine eigene Schicht, welche im Unterschiede von der Kultur ihr eigenes Tempo, ihre eigene Art der Entwicklung gehabt hat. Bauerntum und Kultur sind derselbe Mensch, aber Deutschlands Bauerntum, bedingt durch seine gesamten inneren und äußeren Verhältnisse, lebt langsamer, entwickelt sich langsamer tote alle Kultur: so, daß es in vieler Weise heute noch auf dem Standpunkt steht, aus dem die Kultur im Mittelalter stand; daß es in vieler Weise eine jüngere Schicht desselben Volkes ausmacht, in dem wir bereits die ältere sind. „Derselbe Unterschied zwischen Jugend und Alter, zwischen Mittelalter und Neuzeit, welcher in der ganzen Welt grundsächlich andere Lebensprinzipien mit sich bringt, beim Baume so gut tote bei einer Idee, beim einzelnen Menschen so gut wie beim gapzrn Volke. Dieser selbe Unterschied charakterisiert unseres Erachtens den Hauptteil des heuttgen Abstandes zwischen Bauerntum und Kultur. Ihn möchten wir als den Schlüssel bezeichnen, der am wesentlichsten das Verständnis dieser Verschiedenheit aufschließt!" Aber der Verfasser ist damit nicht zu Ende, sondern er bespricht noch den Glauben, d. h. das Gvttvertrauen und das Verhältnis zum eigentlichen Dogma. Der religiöse Idealismus packt nach seiner Ansicht bei weitem elementarer die ländliche Jugend als das vielerfahrene, viel- überlegende Alter. Kein Tag int Kirchenjahr macht einen so wuchtigen Eindruck wie der Konfirmationstag, der an zweiter Stelle tiefempfundene Gottesdienst fällt auf den Sylvesterabend. Freilich sind Hausandacht und Tischgebet bis auf Reste geschwunden, aber in der bäuerlichen Weltanschauung ist davon noch vieles erhalten. Das Bauerntum ist entschieden Deutschlands religiösester Stand, zugleich im Besitz der gesundesten Religion. Das Gott vor Augen- und im Herzen-Haben gibt ihm unbewußt eine eigenartige richtige Stimmung und breitet über manchen Bauernhof einen stillen Frieden. Die Dogmatik der Bauernkirche ist eine Jugenddogmatik, sie glaubt nicht an Gott als die Liebe, sondern an Gott als die Gerechtigkeit. Ihr sagt der Gedanke von der Stellvertretung Christi zu, und die Wunder erscheinen ihr ganz selbstverständlich. Dann solgt eine Reihe von Einzelbetrachtungen, die die Gleichgültigkeit, die Verschlossenheit und den Trotz, die Streitbarkeit, die Gutmütigkeit, die Frauenschätzung, das Gewissen und überraschenderweise auch Herbarts Ideen in bezug auf'Bauernmoral und die Schlierseer ins Auge fassen. Zu den früheren Hauptkapiteln liefern dann mehrere Vergleiche wertvolle Nachträge wie Bauerntum und Mittel- alter, Bauerntum und Halbkultur, Bauerntum und Kinderwelt, Bauerntum und altes Testament, Bauerntum und Kunst. Den Schluß bildet ein „praktischer Ausblick", der auch b^it traurigen Titel „akute Vergiftung" führt. Denn nach des Verfassers Ansicht geht Deutschlands Bauerntum' unter, es befindet sich in einer Art Selbstzersetzung. Es gilt ihm als Weisheit, die Natur, d. h. hier das Bauerntum vor der Kultur zu bewahren, und er findet es merkwürdig, tote Miaskowski in bescheidenem Hochmut sich äußert: „Es ist eine der — 568 — Dame: sich h l'Ichen Universitäts-Buch- und StemdruÄersi- R. Lange. Sieben, wer sein Pferd liebt, der klopft oder streichelt cs — wre auch aus Gründen der Aesthetik, wenn er auf das Aussehen, auf die Wcrch- heit seiner Hand Wert legt. Im Winter auf der Jagd ersetzt man den Handschuh häufig durch einen bequemen Pelzmuff,, denn das Abdrücken des Gewerhs mit bekleideter Hand vermindert leicht die Treffsicherheit des Schützen. Das; die Herren, namentlich im Sommer, es vorziehen, ohne Handschuhe auf der Strafe zu erscheinen, kann ihnen nicht verdacht werden. Emen Fall aber gibt es, in dem der Herr keine Handschuhe anhaben sollte — wenn er auf dem Sprunge steht, eine Liebeserklärung zu machen. Bon Hand zu Hand, von Herz zu Herz, flicht der elektrische Strom, der Handschuh hält ihn auf, denn — Leder ist em Citatenrittsel. Nachdruck verboten. Aus jeden, der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, so daß ein neues Citat ergiebt: 1. Schwer liegt der Himmel zu Madrid auf mir. 2. Ich fürchte nur, der Wirt beschweret sich; Sonst gab' ich diesen werten Gästen..... 3. Es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond. 4. Das höchste Glück hat keine Lieder. K. Nie widerfuhr ihn, eine größre Ehr ... 6. Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein. 7. Wär' nicht das Ailge sounenhait, Die Sonne könnt' es nie erblicken. 7. Ueberall bin ich zu Hause. 9. Es ist im Leben häßlich eingerichtet... 10. Vom geträumten Paradies ist jede Spur verflogen. 11. Nur eine Mutter weiß allein, Was lieben heißt und glücklich sein. Auflösung in nächster Nummer. * Badewannen aus Glas. Es ließe sich einmal,em amüsantes Buch über den Luxus schreiben, den verschwenderische Menscheu mit ihren Badeeinrichtungen getrieben haben. Man da erzählen von der Wanne der Vicomtcsse de Parva (späteren Gräfin Guido Henckel von Donnersmarck), die zwar nur aus Marmor bestand, deren Wasserhähne aber aus schwerem Golde und mit Juwelen besetzt lvaren. Und man konnte von der silbernen Badewanne plaudern, die der Sohn eines der reichsten süddeutschen Magnaten in Paris einer schönen Freundin, zum Geschenk machte, als der alte Fürst, sein Vater, nach Paris, gereist kam, iim Ordnung in die finanziellen Angelegenheiten seines Erben zu bringen — den nun auch schon die Erde deckt — da ließ er sich, wie maii erzählt, die Badewanne ausliefern und nahm sie, als praktischer Mann, zum eigenen Gebraucqe Mit sich heim auf sein schwäbisches Schloß. Das neueste aber, das man auf diesem Gebiete hört, ist die Herstellung von Badewannen aus durchsichtigenr Glase. Eine hübsche und bekannte englische Schauspielerin hat das Beispiel dazu gegeben, mdem ste sich eine Wanne aus rosafarbenem Glase anfertlgen ließ. Auch das Was,ev erhält auf diese Weise natürlich einen matten rosigen Glanz, der geradezu märchenhaft wirkt. Die Mode macht m London schnelle Fortschritte und es schemt, daß die gläsernen Badewannen bestimmt sind, den Wannen aus Marmor, Porzellan und Metall bald eine ernsthafte Konkurrenz zu bereiten. * Vom Kasernen Hof. Unteroffizier:, „Wenn ^hr Euch den Pferden von hinten nähert, so müßt Ihr ihnen immer etwas zurufen, sonst erschreckn sre und schlagen Euch auf. Eure dicken Schädel und das Ende vom Liede ist — wir haben schließlich lauter lahme Pferde in der Schwadron!" , * Stimmt. Herr: „Sind Sre schon längere Zeit Witwe < .Seit dem Tode meines Mannes." Ein Herbsttag. Hinaus, hinaris in Wald und Feld, Hinaus in die strahleirdurchflutete Welt! Es lockt mich zu Flureir und Wiesen so bunt. Dort gibt ja die Gottheit durch Schönheit sich kund. Es hängen die Früchte am Baume mit Last, Voii reichlichem Segen gar biegt sich der Ast, Der Bauer sieht schmunzelnd feiir wogendes Gold. Ein reicher Ertrag ist der Arbeit Sold. Die Sonne geht unter. Am Firmament In purpurnen Farben das Abeirdrot brennt. Es rauschen die Bäche, es lerichten die Höhn,,, Wie bist bu, Natur, doch verschwenderisch schon! Schon ist es Abend; die Nacht bricht herein, Um mich ist die Luit so balsamisch und rein, Bald legen die Menschen sich müde zur Ruh Und mit ihnen schlummerst, o Seele, auch du! Gießen. Beil. schönsten Aufgaben des Staats, der Kirche und der Gesellschaft, das Bauerntum allmählich zu größerer Freiheit des Geistes heranzu- & f c e n Die deutsche Volkskunde, die bisher so oft nur rohes oder halb verarbeitetes Material geliefert hat, wird sich zu ihrem Nutz und Frommen dieser sehr durchdachten, tiefer eingehenden 'psychologischen Studie bemächtigen müssen. Jedoch der Verfasser möchte das alte Bauerntum' von der neueren Kulturentwicklung abschließen, ohne einzusehen, daß es dann erst recht ohne Gnade dem Untergang geweiht sein würde. Wir machen uns deswegen den oben angeführten Satz Mastowskis zu eigen. Vsrmischtss. * Wie Tabak aufbewahrt w erden muß'.. Die Auf- oewahr'ing von rohem und verarbeitetem Tabak hat seine Schwierigkeiten, und es kommt dabei namentlich darauf an, daß ent bestimmter Grad von Feuchtigkeit erhalten, bleibt. Weil die Lösung der Aufgabe, feste Bedingungen für diesen Zweck zii finden, von einer erheblichen Bedeutung für Landwirtschaft und Industrie schließlich auch für den Raucher selbst ist, so hat das rührige Landwirtschastsministerium der Bereinigten Staaten eine Reihe wissenschaftlicher Experimente veranlaßt, die ermitteln sollten, welche chemische Swffe dem Tabak oder den Zigarren durch bloßes Vorhandensein in ihrer Nachbarschaft genau den richtigen Grad von Feuchtigkeit gewährleisten könnten. Der Tabak hat wie jeder andere Stoff gewissermaßen seinen eigenen „Dampfdruck", indem jeder Gegenstand dazu neigt, die chn umgebende Luft mit dem von ihm ausgehenden Dampf oder Dunst gesättigt zu erhalten. Das wesentlichste Beispiel ist das Wasser, das fortwährend seinen Dampf an die Atmosphäre abgibt, wenn diefe nicht bereits mit Wasserdampf gesättigt ist. Wenn nun dem Wasser Lösungen chemischer Swffe zugesetzt werden, so,wird ferne Verdunstung entweder beschleunigt oder verlangsamt w nachdem der Dampfdruck der chemischen Lösung größer oder geringer, ist, als der des Wassers. Selbstverständlich ist die Neigung emes festen Swffes wie des Tabaks zur Dampfentwicklung weit geringer als beim Wasser, aber es wäre möglich, einen, Stoff ausfindig zu machen, der das Wasser, dem er zugesetzt wird, in feiner Verdunstungsneigung so weit herabsetzte, daß diese der des Tabaks gerade gleich wäre. Wenn nun eine solche Losung in der Nähe von Tabak untergebracht würde, so wäre die Atmosphäre immer gerade soweit mit Feuchtigkeit gesättigt, daß der Tabak seinerseits die Verdunstung aufgeben kann. Die erwähnten Untersuchungen haben zunächst den Dampfdruck des Tabaks fest- gestellt und ferner eine Anzahl chemischer Lösungen ermittelt, die dem Tabak in loser Form oder in der von Zigarren bte günstigsten Bedingungen erhalten würden. Dazu gehören schwefelsaures Kali, schwefelsaures Mangan und Cadmiumbromid. * Sollen Herren Handschuhe tragen? Wie so manche andere Frage, läßt sich auch diese nicht so ohne weiteres im allgemeinen beantworten. Früher galt der Handschuh als eine unerläßliche Beigabe zu einem korrekten Anzug; neuerdings hat diese Anschaunng jedoch eine wesentliche Abänderung erfahren. Wenn es hochgestellte Herren gibt, wie lenen bekannten Prinzen, der es sich zur Regel gemacht hat, me dasselbe Paar Handschuhe ziveimal anzuziehen, und der in feiner Garderobe neben einem assortierten Lackst,efellager auch ein großes Handschuhlager von einem in solchen Dingen gut geschulten Kammerdiener verwalten läßt, so haben auch nicht weniger vornehme Herren existiert, die den Handschuh als eine, qunntue nsgligeable zu betrachten geneigt waren. Als bcr fetzige König von England noch Prinz von Wales und damals wie heute tonangebend in allen Modesachen für die englische Aristokratie und den Kontinent war,, setzte er eines schönen Tages die vornehme Welt dadurch in Erstaunen, daß er in einer Gesellschaft unbehandschuht erschien. Es hieß damals, der Prinz stehe auf dem Standpunkte, daß es eine Unhöflichkeit sei, einer Dame eine behandschuhte Hand zu reichen, aber ehe der Prinz sicq zu dieser Auffassung bekannte, hatte sie unter gewöhnlichen Sterblichen Verfechter gefunden, denn längst war es Mode gewesen, nur den linken Handschuh anzuziehen. Bei vielen Gelegenheiten ist der Handschuh dann aber wieder für einen Herrn, der zur gutm Gesellschaft gezählt werden will, unerläßlich. So ist es z. B. der Gipfel der Unmanierlichkeit, wenn ein Herr auf dem Balte unbehanoschnht eine Dame zum Tanz führt. Es ist ja fern sehr erquickliches Thema, aber gesagt muß es doch werden:, die Funktionen der Poren machen es notwendig, daß der Tänzer seine Dame nur mit Handschuhen zum Walzer ausfordert. Schon die Rücksicht auf die meist teuren Toiletten erfordert es. Daß man einer Trauung, sei es der eigenen oder der emes Freundes nicht unbehandschuht beiwohnen darf, ist selbstverständlich. Auch bei manchen anderen Gelegenheiten gehts nicht ohne Handschuh. Ein Herr, der reitet, oder sein Gespann selbst lenkt, wird Handschuhe tragen müffen, sowohl aus Gründen der Reinlichkeit — denn Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Br