fflgf UM L Der Siern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „ArnieS Kindl" warf er halblaut dazwischen. Sie versanken beide in Rückerinnerungen und schienen minutenlang ganz zu vergessen, wo sie waren. Tiefe Stille herrschte im Zimmer, noch vertieft durch das Ticken der Schwarzwälder Uhr. Das milde Lampenlicht siel auf Dellas Haupt, das sie hcrabgeneigt hatte, den Blick auf die in ihrem Schoß gefalteten Hände gerichtet. Sein Auge ruhte unverwandt auf ihr mit einem Blick voll Mitleid und Zärtlichkeit. Was niochte ihr junges Herz damals empfunden haben? „Della l" rief er unwillkürlich, um sie ihrer Versunkenheit zu entreißen. Sie fuhr empor und heftete, ivie aus bösem Traume erwachend, hie Blicke auf ihn. „Es war eine schwere, trübe Zeit. Herbst in der Natur, in mir alles erstorben, abgefallen, was bis dahin mein Dasein geschmückt hatte. Auch die Leute, mit denen ich in Verbindung kam, verstand ich nicht. Die waren so klug und berechnend, und immer mit dem auf meine Zukunft gerichteten Blick. Diese Zukunft mußte groß und glanzvoll sein — mein Lehrer hatte es gesagt, und eines Tages kam die Stunde, in der ich es selbst glaubte. Das gab mir Grund, mich ganz auf mich selbst zurückzuziehen .... ihren Anteil sollten sie haben, alle, alle . . . aber später, wenn es so weit war!" Sie sprach jetzt etivas hastig, als wollte sie herans- kommen aus diesen Bekenntnissen, fertig werden mit den Schatten dieser Erinnerungen. „In einer Zeit, in der sonst jungen Mädchen das Leben mit seiner Lust, mit seinen Freuden, mit seinen Illusionen sich erschließt, war ich einsam, unverstanden tmb unsäglich bedrückt. Nur in meinen Studien suchte ich Trost, und mein alter Meister Nanzoni ahnte nicht, aus welchem trüben Quell der Fleiß, der Eifer quoll, den er an..mir rühmte. Ranzoni! Ter treffliche Lehrer war zu alt, um wissen zu können, daß ich außer einer Stimme auch eine Seele besäße, die voll Sehnsucht und Bangigkeit war. Ihm galt cs nur, die Stimme auszubilden, die Kunst des Gesanges mich zu lehren. Und so fühlte ich mich immer einsamer und verschüchterter. Eine tiefe Niedergeschlagenheit lag auf meinem Gemüt — in dieser Verfassung fand mich — Wittelsbach!" Graf Giersdorf zog die Brauen in die Höhe, als sie diesen Namen nannte. Er hatte ihn oft gehört, stets im Zusammenhang mit ihr! Er wußte, daß Wittelsbach ein großer Künstler sei, der bedeutendste vielleicht, den die deutsche Bühne besaß. Er hatte von seinen extravaganten Launen, von seinen Abenteuern und seinem Eigendünkel — nur um ihretwillen hatte er darauf geachtet. Und was man von ihren Beziehungen sprach, war nichts anderes, als was man aus solchen gewöhnlich ableitet, für den interessanten Klatsch und die lüsterne Neugier. Adalbert Wittelsbach und Della Brandt! Nun aber würde er die Wahrheit erfahren. Er wußte, daß sie ihm' in dieser Stunde nichts verhehlen würde. Aärch das Schlimmste nicht. „Sie haben die romantische Geschichte wohl gehört, wie er mir begegnete am Tage vor Weihnachten vor der ,Sixtina'. Sie ist mit allen Ausschmückungen oft genug veröffentlicht worden. Künstler haben keine Geheimnisse, die nicht aufgespürt werden. Tatsache war, daß er mich einmal zufällig in der Galerie gesehen hatte, dann, ohne daß. ich es ahnte, beobachtete und wirklich an jenem Tage vor dem Heiligabend mich dort antraf. In grenzenloses seelischer Verstimmung, einsam, allein mit dem unendlichen Heimweh im Herzen. Ich erlag den aus 'mich einstürmenden Gefühlen.' Niemand, vor allem meine Eltern nicht, sollten von meinen! Zustande etwas erfahren. Und so trat au Stelle dessen, was sonst meine Gedanken beschäftigte, an die Stelle von Elternliebe, Weihnachtszauber, Heimat — er! Er war es, dessen Gestalt int Wachen und Träumen vor mir stand, wie ein Held, wie ein Retter, der wie eine überirdische Erscheinung durch die Märchenwelt zog, die meine Phantasie sich aufbaute. Der Boden war wohl vorbereitet, auf dem dann seine Macht aufwuchs. Ein Riesenbaum, an dem ich in zager Furcht mich emporrankte und dessen stützende Kraft ich nicht entbehren vermochte. Als ich wieder zur Arbeit zurückkehren durfte, wurde er mein Lehrer. Alle Welt betrachtete dies als ein ungeheures' Glück, mir erschien es selbstverständlich. Hingerissen von seiner übermächtigen Kunst, gerührt und beglückt durch seine Anteilnahme an mir, fernem souveränen Willen ganz untertau, lebte ich nur in der Sphäre, die er um mich schuf. Ich tat, ich dachte, ich wollte nur, was er wollte." In angstvoller Spannung sah der Gras sie an. Noch jetzt, als sie sprach, war es, als unterliege sie diesen Ein- wirkungen aufs neue, und er streckte ihr feine Hand entgegen, "als wolle er sie diesen Banden entreißen. Sie lächelte und sagte bestimmt: „Das ist vorüber, Graf! Für immer!" Wie von erdrückender Last befreit, atmete er auf. „Meiner künstlerischen Entwicklung gab cs jedoch di. höchsten Anregungen. Während ich bei Meister Ranzoni nur eine gute Sängerin geworden wäre, wurde ich durch seine Anleitung eine ebenso bedeutende Darstellerin. Außerdem war hie Aufmerksamkeit der gesamten Kunstwelt durch ibn 502 (tuf niich gerichtet. Ein Talent, dem Wittelsbach dieses Interesse widmete, mußte das außerordeutlichste sein. So stand meine künstlerische Laufbahn unter den glänzendsten Zeichen. tlnd ich lernte mit glühendem Eifer, mit tiefstem Erfassen seiner genialen Ideen. Ich kann Ihnen das heute sagen, nachdem das Urteil über 'mich feststeht in den maßgebenden Kreisen. Ob ihm selbst eine große Befriedigung daraus erwuchs, daß er mich so hingebend, so eifrig und gelehrig fand, weiß ich nicht. Jedenfalls verriet er kein anderes Interesse für mich, als das rein künstlerische. Ich hatte in dieser Zeit sehen gelernt und hören. Die naive Kinderunschuld, die ich aus der Heimat mitgebracht hatte, war dem allmählichen Erkennen gewichen. Ich ahnte, was unter scheinbar harmlosen, gesellschaftlichen Formen sich barg, daß Liebe, Leidenschaft, Sünde überall in verführerischer Schönheit gediehen. Später wußte ich es. Das Theaterleben und dann für Schauspieler die Darstellung und Ausgestaltung dieser Empfindungen, um die sich ja die Dichtkunst ausschließlich bewegt, ließen mich nicht lange im Ungewissen darüber." Graf Guido seufzte bei diesen Worten schwer auf. Was würde ihre Offenheit ihm noch enthüllen? „Von den Liebesabenteuern Wittelsbachs erfuhr ich ebenfalls mancherlei. Man sprach überall davon, auch im Hause meiner Tante. In den Verkehr mit mir hat er nie etwas hineingetragen aus dieser Sphäre, nur einmal ließ er mich einen Blick tun in die Gefahren, die dort drohten. Es war, als Sie mich in Dresden auffuchten, Graf Guido l Im Beginne des zweiten Jahres meiner Studien bei ihm. Er kannte alle meine Lebensverhältnisse; ohne daß er viel fragte, hatte ich ihm nach und nach davon erzählt. Er besaß mein ganzes Vertrauen und war der einzige, mit dem ich von meiner Heimat sprach. So erzählte ich ihm auch von Ihrem Besuch und dem Anerbieten, das Sie mir gemacht hatten. Er sagte gleichmütig: „Das mußt du ablehnen, Kind. Eine Frau verpflichtet sich einem Manne immer, der materiell für sie sorgt. Denke darüber nach, wie der Gras war, als er dich besuchte, und du wirst morgen wiffen, was du zu tun hast. Ein Graf und eine Sängerin! Es wird dir gut tun, daß du das Leben in seiner Wirklichkeit zu sehen anfängst!" Eine rasch aufflammende Röte bedeckte ihr Gesicht. „Meine Harmlosigkeit war gestört ... und ja, ich wußte, als ich Sie am nächsten Tage sah, so wiedersah und zu mir sprechen hörte, wie Sie cs taten, daß ich Ihren Vorschlag ablehnen mußte!" — Ein bitteres Lächeln trat auf seine Lippen. „Und ich hatte geglaubt, Wunder wie sehr Herr meiner Gefühle zu sein, alles vermieden zu haben, was Sie hätte stutzig machen, beunruhigen können." „In meiner Seele mar etwas aufgegangen, was mir Ihr Geheimnis verriet." „Und wenn ich damals gesprochen hätte, für mich? Wenn ich die rechte Form, das rechte Wort gefunden hätte . . ." „Ich hätte Ihnen auch dann keine andere Antwort gegeben, Graf. Ganz und gar stand ich damals im Banne der Kunst, zu deren Priesterin ich mich geweiht fühlte — geweiht durch ihn. Eine Ebenbürtige, eine Große wollte ich werden. Kein anderer Gedanke beherrschte mich! Und gerade dadurch daß seine Person und die große, gereifte, künstlerische Vollendung sich zu einem Begriffe für mich verschmolzen, war ich in seinem Banne, während ich in dem der Kunst mich wähnte. Sehr allmählich bin ich mir darüber klar geworden. In der Einsamkeit hier, die für mich keine verlorene war, habe ich es ganz erkannt. Mit gebundener Seele, mit ahnungsloser Hingabe gehörte ich ihm, so weit sein ®ei|t in mir wirksam wurde. Es war wie eine hypnotische Gemalt, die er über mich besaß. Er leitete, ohne daß ich es merkte, alle meine Schritte. Er sorgte für mich, als ich in die Oeffentlich- keit trat. Nichts hemmte meinen Weg, der für Anfängerinnen sonst so dornenvoll ist. Er ebnete meinen Pfad, und wie auf einer Himmelsleiter stieg ich auf zu den Höhen des Erfolges. Meine geschäftlichen Angelegenheiten erledigte ec, überall stand sein Künstlername mir zur Seite, und ich hatte nur die Lorbeeren zu ernten, die er für mich aussäte. Wäh- rend ich aber dadurch in eine immer tiefere Abhängigkeit von ihm geriet, machte er mich der Welt gegenüber unabhängig, geistig frei. — , Frei in jenem hochmütigen Sinne, der für die Künstler- natur Gesetz und Konvention nicht anerkennt und sich erhaben dünkt über allo Vorurteile, die Sitte und Tradition geheiligt haben. ,Von dem eigenen Reich, in das wir einziehen, das wir uns errungen', sprach er oft, und wie wir im Sonnenschein leben, unter uns das Tränenmeer der Vielzuvielen. Wir! Die Auserkorenen! (Forts, folgt.) Zur Genealogie von „Werthers Lotte". (Originalaussatz des Gieß. Anz.) Auf der inneren Seite der östlichen Umfassungsmauer des Kirchplatzes und evangelischen Friedhofs zu Steinbach bei Gießen befindet sich ein früher an der alten im Jahre 1848 niedergerissenen Kirche befestigt gewesenes Marmor- Epitaphium eingemauert, dessen Dasein und Wert wohl nur wenigen Eingeweihten bekannt ist. Es ist der Grabstein des vor nunmehr gerade 150 Jahren Heimgegangenen Pfarrers Christoph Buff von Steinbach, des Großvaters der Lotte Buff, Tochter des Deutschen Ordens-Verwalters Heinrich Adam Buff zu Wetzlar, bekannt als das Urbild der Lotte in Goethes „Leiden des jungen Werther." Die Inschrift des Steines, welcher an würdigerer Stelle angebracht zu werden verdiente, gibt ein treues Bild des Lebenslaufes des Verstorbenen und lautet folgendermaßen (die Schriftbuchstaben sind sämtlich Unzialen): Unter diesen (! So) kühlen Rasen ruhen die Gebeine Herrn Christoph Buff, eines Greises von 81. Jahr, 6. Monath, 1. Tag. der am 18. Oetober 1674 zu Münzenberg gebohren, am 27. April 1756. aber allhier zu Steinbach gestorben ist, nachdem er der Kirchen zu Steinbach und Schiffenberg als Pfarrherr 50. Jahr lang treu vorgestanden. Hat den 25. Februar. 1756. mit seinen noch lebenden 6. Söhnen und 3. Töchtern Gott vor solche Gnade jubilirend gedancket, und zugleich auch mit Ertheilung des letzten Seegens seinen Hirtenstab niedergelegt. Seine erste Ehegattin Frau Anna Sophia gebohrne Haberkorn von Windhausen erfreute ihn mit 4. Söhnen und 1. Tochter, von welchen aber 2. Söhne der Mutter in die Ewigkeit vorausgegangen. Sie beschlösse den 7.jährigen Ehestand am 21. Juli 1714 in ihrem 28. Jahre. Mit der zweyten Ehegattin Frau Maria Margretha, gehobenen Seipp von Reichelsheim erzielte er in einem 37jährigen Ehestand 4. Söhne und 3. Töchter, davon 1. Tochter in der Kindheit gestorben. Durch ihren im 63. Jahr ihres Alters den 13. Febr. 1752. erfolgten Tode wurde er zum zweyten Mahl Wittwer. Ihren lieben Vatter, treuen Müttern auch lieben Geschwistern setzen dieses Denckmal sechs Brüder und g drey Schwestern. Verziert ist der Grabstein oberhalb der Inschrift mit drer Phantasiewappen der Familien Buff, Haberkorn und Seipp, nämlich Schilden in Umrahmung heraldisch stilisierter Blattwerk-Mäntel mit folgenden Emblemen: 1) aus einer Krone hervorragende puffförmige Mütze, 2) drei Aehren, 3) rübenartige Wurzel mit 3 sechsblättrigen Blüten — vielleicht das Seifenkraut, Saponaria officinalis, darstellend. Unterhalb der Inschrift Embleme des Todes, Schädel mit gekreuzten Totengebeinen. Aus ber Inschrift wie aus den alten Steinbacher Kirchenbüchern ist ersichtlich, daß Pfarrer Christoph Buff 50 Jahre lang zu Steinbach in feinem Amte tätig war. Hier wurde ihm auch am 20. September 1711 als dritter Sohn erster Ehe fein Sohn Henrich Adam geboren, der nachmalige Ordens-Comthurei-Verwalter zu Wetzlar und Vater der am 11. Januar 1753 daselbst geborenen Lotte Buff. Dieser wurde von dem eigenen Vater in der Kirche zu Schiffenberg getraut. Die im Steinbacher Kirchenbuche befindliche Urkunde lautet: „1760 d. 6 t. Tbr. (—September) als Dom. 15. Trin.: habe ich meinen Sohn, Henrich Adam Buff, Teutschen Ordens Verwalther zu Wetzlar, mit Jungfer Magdalena Ernestina, Herrn Haublmann Pfeilers Tochter zu Wetzlar, in der Schiffenberger Kirche ehelich copulieit D. T. 0. M.: ipsis benedicat 1" Wenige Jahre später muß der schon hochbetagte Pfarrer in das Kirchenbuch eintragen: „1752, den 13. t. Febr. ist mein des Pfarrers Gottseelige, getreue u. liebe 2 te Ehegattin Maria Margretha, eine gebohrne Seippin von Reichelsheim'*), im Herrn Seelig entschlaffen, u. den 16. t. hujas christlich zur Erde bestattet worden; wodurch inich der Allmächtige in meinem 78. jährigen Alter sehr gebeuget hat. Aet. 63." Vier Jahre darnach ist er selbst abberufen worden. Seine Grabrede hielt Pfarrer Brück „zmn Rödges" über 1. Petr. 1, V. 2—4; die Sterb- und Begräbnis-Urkunde ist geschrieben von der Hand seines Sohnes Johann Georg Buff, damaligen Pfarrers zu Oueekborn bei Grünberg, späteren Metropolitans zu Gladenbach, woselbst er i. I. 1773 verstorben ist. Der Vater dieses langjährigen Steinbacher Pfarrers Christoph Buff, also Lotte's Urgroßvater, war der Pfarrer Henrich Buff zu Münzenberg i. d. Wetterau, zugleich Tauf- pathe ihres Vaters. Die Ehefrau desselben, Lotte's Urgroßmutter, eine geborne Köhler — Vorname in den Steinbacher Kirchenbüchern nicht erwähnt — stammte aus Crainfeld, im Vogelsberg und war Tochter des dortigen Pfarrers Köhler, dessen Sohn Friedrich Wilhelm Köhler gleichfalls Pfarrer zu Crainfeld wurde. Auch Pfarrer Henrich Buff, Lottes Urgroßvater, stammt wahrscheinlich von Crainfeld; wenigstens wird als eine der Pathinnen des ältesten Sohnes des Pfarrers Christoph Buff genannt: „Frau Susanna Maria, Herrn Johann Paul Buff, Oberschultheiseic zu Crainfeld, uxor" (— Ehefrau), und später als Pathe eines anderen verstorbenen Sohnes: „Herr Johann Conrad Paul Buff, praetor Crain- feldensis" — also der Gemahl jener. Lotte's zweiter Urgroßvater väterlicherseits, d. h. der Vater ihrer Großmutter, war Johann Adam Haberkorn, Förster zu Windhausen, Kreises Alsfeld. Dieser war zugleich der zweite Pathe ihres Vaters, welcher von ihm den Namen „Adam" erhalten hat. Seine Ehefrau, Lotte's Ur- großniutter, hieß Christina. Ihr Familienname wird nicht erwähnt. Als Pathen späterer Kinder — zweiter Ehe — des Pfarrers Christoph Buff werden noch erwähnt: „Herr Georg Henrich Buff, p. t. Ambtsschreiber zu Steinfurth", ferner „Herr Mag. Simon Henrich Buff, Praecept. Classicus Gissensis, Frater mens“, endlich „Herr Joh. David Buff, 88. Theologiae studiosus“. Ein wenige Tage nach der Hochzeit von Lotte's Eltern von dem Großvater in der Kirche zu Steinbach mit Anna Elisabetha Magretha, „weyld. Herrn ArchivRath Wagners zu Giessen rel. ehl. Tochter," getrauter Sohn war der Advocatus Regim. Friederich Christoph Buff zu Giessen. Eine Tochter, Marie Christina, heiratete den Pfarrer Sartorius zu Maar. Ich darf annehmen, daß vorstehende Notizen auch für weitere Kreise nicht ohne Interesse sein werden. Zu eingehenderen genealogischen Auskünften bin ich gern bereit. Steinbach b. Gießen Haacke, Pfarrer. *) T. des dortigen Pfarrers. Komöurger Hochsaison. Wer jemals behauptet, Wiesbaden und Homburg Machten sich Konkurrenz, befindet sich im! Irrtum! .Es gibt in Deutschland feine zwei Bäder, die einen verschiedeneren Charakter haben und verschiedeneres Publikum — wenigstens in der Hochsaison — anziehen, als diese beiden Taunusbäder. Homburg ist jetzt, im August, eine englische Enklave in Deutschland, und wer nicht durch und durch englisch ist, wer nicht ein „Professional" im Tennis), ein gewandter Golfspieler ist, wer nicht zum mindesten gci Willi ist, der Vierte in einer langausgedehnten Bridgepartie, zu sein, der — besuche im August nicht Homburg! Er wird! sich innerhalb Deutschlands so fremd fühlen, als wenn er zum ersten Male den englischen Boden betritt, er wird als) ein Outsider zwar alles beobachten, aber nichts mitmachen! können, er wird finden, daß er in den meisten Hotels hinter den Engländer zurückgesetzt wird, und, falls er eben ein! Nicht-Sportsmann ist, bald entdecken, daß in Homburg der Tag seine wohlgezählten vierundzwanzig Stunden hat! Lediglich mit Beobachtungen des „English smart fei" kann er feinen Tag hinbringen, wenn er nicht vorzieht, alss einsamer Wanderer die Wälder zu durchstreifen — aber diese Beobachtungen sind immerhin interessant genug! Wer England, englische Gewohnheiten, englische Charaktere, eng-c lische Sitten nicht kennt und hier in Homburg seine erste; Bekanntschaft mit anglosächsischem Wesen macht, erhält eine ganz falsche Vorstellung von den Britten. Sie sind in Honft» bürg „oit holidays", das heißt alles Steife, Konventionelle fällt von ihnen ab, um — dem Gegenteil Platz zu machen! Wenn sie unter sich sind (und wann sind sie hier nichv unter sich?), so sind sie ausgelassen, kindischc-klndlich der-«, gnügt; sie entwickeln Temperament in ihrer Unterhaltungj über — die Chaneen der „Champions" im Tennisturnier^ die jungen, aus der Musterschule Eton hervorgegangenen Engländer lassen sich in ungeniertester Weise gehen (wass man auf deutsch als Flegelhaftigkeit bezeichnen würde),; die prüden jungen Mädchen zeigen, daß England das! Mutterland des Flirt ist und haben polyglotte Anwand^ lungen, eine „entente eordiale" mit Angehörigen anderer Nationen zu schließen, die „to flirt", „flenreter" oder „flirten" buchstabieren. Ter Engländer „abroad" ist eben ein ganz anderes Individuum als der Engländer „at Home".; Dem englischen Saisoncharakter Homburgs Rechnung trw, gend', gruppiert sich das ganze Badeleben ausschließlich um die Tennisplätze, obgleich die ganz vorzüglichen, ouf König Eduards Initiative angelegten Golf-links das Interesse des Beobachters wohl verdienen. Und der Nicht-Sporttreibende muß zugeben, daß ein fröhlicheres, farbenfreudig geres, von kräftigerem, pulsierendem Leben durchdrungenes Bild nicht auszudenken ist, als diese lustige Farbensymphonie der inmitten schattigen Grüns liegenden Tennis-eourts, dep weißgekleideten Spielern, den Hellen Toiletten der Zuschauep auf den lenchtendroten Stühlen und den roten Jacken dep mit unermüt^ichem Ballsuchen beschäftigten tennis-boys. Zurzeit ist es besonders interesfant auf dem Tennisg- platz, denn die Spieler bringen sich für das morgen beginn nende internationale Tennisturnier, das bekanntlich einen' Weltruf besitzt, „in Form" und sind heute „au der Arbeit". Eine Arbeit muß man diesen im Uebermaß betriebenen Sport bezeichnen, wenn man diese ausgemergelten, aus Sehnen, Muskeln, Haut und Knochen bestehenden „champion-players" sieht! Dort plaziert Ball-Greene, dessen scharfes Profil jeder kennt, mit mathematischer Berechnung seine Ballet et erweckt den Eindruck, daß Nachdenken jeden Ball begleitet. Sein Partner ist der junge, auf Wiesbadens Sportplatz wohlbekannte Wilding, der ihm mit weniger Berechnung, aber schärfster Kraft und katzenhafter Geschwindigkeit serviert. Im Nebeucourt spielt der Kronprinz von Griechenland mit einer schönen jungen österreichischen Gräfin, und dort wieder spielt einer der besten deutschen Spieler, Baron Lersner, der Freund des Kronprinzen, mit Toupie Lowther, der Meifterschaftsspielerin von England, die durch ein Plus an bewundernswerter Geschicklichkeit und Kraft ein kleines Minus an weiblicher Grazie ersetzt. Hill-, yard, Sirnond, Rhodes, Miß Douglas, Mrs. Hillyard gelten unter den Engländern, Schindler, Froitzheim, Baron Bisfing, die Damen Neresheimer, Kirch, Mirdener, Seligmann und Feiudel unter den deutschen Spielern als die vermutlichen Sieger in dem morgen beginnenden Turnier. Mit kolossaler Ausdauer und Leidenschaftlichkeit sieht Alt- und Jung-England den Spielern zu, mit lebhaften Ausrufen einen besonders guten „shot" begleitend, oder bildet eine Gruppe aus Spielern, die gerade ihr „sei" beendet haben und sich in ihre langen, weißen, bis zur Erde reichenden Mäntel — 504 — hMen. Abends vereinigt dann ein Privatball „nur" für Mitglieder des Tennisturniers oder „nur" für Mitglieder des Golfklubs die englische Gesellschaft; der englische Botschafter Sir Frank Lascelles ist oft im Komitee dieser Ber- anstaltungen, zu denen Deutsche nur durch Privatbezieh- ungeu zu Komiteemitgliedern Eintritt erhalten. Unb sieht mau daun diese ausschließlich englische Gesellschaft, die blonden Töchter Albions in großen Federhüten, die langen, sehnigen Engländer, so muß man sich verwundert ms Gedächtnis rufen, daß man mitten in Deutschland, nur eine Stunde von Wiesbaden entfernt ist! 1 , Wer nicht am Nachmittag Tennis oder Golf spielt, sitzt am Bridgetisch und opfert schöne Sommernachmittage diesem Kartenspiel, das, von London ausgehend, Pans tu seinen Bann gezogen hat und leise anfängt, auch m Deutschland Boden zu gewinnen. Biel ist über dieses Kartenspiel, da?' dur ck die Leidenschaft der e n g l i s ch e n Frauen für dieses Schande und Ruin über manchen Namen gebracht hat, geschrieben worden. In Kunst und Literatur wurde es gegeißelt; ich erinnere an das viele Hunderte Mal in London gegebene Sutrosche Tendenzstück „The Walls of Jerichow" und an den Clou der Academy der letzten Londoner season, ein großes Gemälde, das eine aristokratische Dame in dem Moment auf die Leinwand bannt, als sie beim Betrügen beim Bridgespiel entlarvt wird. Auch hier also wird hoch und viel gespielt, und die Mischung von Erstaunen, Geringschätzung und Ungläubigkeit, die in dem langgedehnten,oooh" eines Engländers liegt, wenn man auf die Frage: „Do you play bridge?" mit „no" antwortet, ist schwer zu beschreiben ! — Auch der Automobilsport steht in Blüte hier, in viel höherem Grade als in Wiesbaden. Ein ziemlich hoher Prozentsatz der englischen Fremden ist per Auto hergekommen und stattet der Saalburg, der Gordon Bennetstrecke, Cronberg und Königstein täglich eilige Besuche ab; hoch mit praktischen Auto-Koffern bepackte Automobile halten vor den großen Hotels, und aus den tiefverschleierten, mit Kalbsaugenbrillen geschützten Mto-Raupen entwickeln sich überraschend schnell elegante Luxus-Schmetterlinge! Nachmittags erscheinen auch die Frankfurter per Auto in Homburg, aber auch sie vermögen Homburg zurzeit nichts von seinem absolut englischen Charakter zu nehmen. Die Monarchenzusammenkunft vollzog sich ja kürzlich für Homburg sozusagen hinter den Kulissen, in Cronberg; aber Homburg hatte immerhin seinen „historischen Moment"; „King und Kaiser" statteten nachmittags Homburg einen kurzen Besuch per Auto ab, old England raste von den Spielplätzen nach den Promenaden, seinem König kräftige „cheers" bringend. Am folgenden Tage unterzog es dafür „the' Kaiser" bei der Denkmalsenthüllung einer ebenso interessierten, lebhaften, als — ungenierten Kritik! Homburg hofft, daß König Eduards Wort (relata refero), er werde nunmehr wieder „öfters naxfy. Homburg kommen", Homburg aus der eduardlosen, der schrecklichen Zeit befreien möge — wichtiger aber als dieses unsichere Versprechen ist für Homburg der Wunsch unseres Kaisers, „eine häufige, schnelle Verbindung, sei es per Bahn oder per elektrischem Betrieb, zwischen Wiesbaden und Homburg hergestellt zu 'et, en". Vermischtes. * Zu den Sitten und Gebräuchen der Schlvarz - Wälder gehört auch das Versteigern der Braut am Hochzeitstage, das dieser Tage wieder in St. Georgen stattgefunden hat. Der Grundsatz, daß jeder Jüngling des Städtchens oder Dorfes an und für sich (Geldbeutel, Zuneigung usw. abgerechnet) eigentlich den gleichen Anspruch auf die mehr oder weniger Holdselige hat, scheint zum Entstehen dieser Sitte geführt zu haben. Darum soll auch, wer das Glück hat, die Vielumworbene heimzuführen, die andern Jünglinge einigermaßen schadlos halten und ihnen die Braut abkaufen oder, besser gesagt, jenen ihren Anteil an seiner Zukünftigen herausbezahlen. In fast militärischer Ordnung stehen, so wird der „Straßburger Post" berichtet, die weiblichen Hochzeitsgäste in ihrer schmucken Tracht mit dem flimmernden, spiegelnden und buntfarbigen Kopfschmuck (den sogenannten Schappeln) vor dem Gotteshause. Tie hellen Kirchenglocken laden zum Festesglanz ein, und nun erscheinen Braut und Bräutigam; im Augenblick sind sie umringt von der Schar der noch nicht brautbeglückten Burschen, ein Weitergehen ist unmöglich gemacht. Zunächst kreist nun auf dem öffentlichen Platz das Weinglas, aus dem nicht etwa genippt, sondern so recht nach Germanenart getrunken wird; wahrscheinlich sollen dadurch harte Herzen zu der jetzt folgenden Versteigerung weich gemacht werden. Die „Ledigen" verlangen drei oder mehr Liter Wein pro Kopf von'dem Bräutigam; dieser bietet zunächst zwei; es wird nun gehandelt, gefeilscht, und erst das Freilassen des Paares beweist die Einigung. Es richtet sich der Preis natürlich nach der finanziellen Lage des Brautpaares. Wer Brautloskäufe von 150—200 Liter Wein sollen an größeren Orten Feine' Seltenheiten fein. * Belgien ist das Land der starken Trinker und Raucher. Tie 7 074910 Belgier haben 1905 nicht weniger als 15 947 876 Hektoliter heimisches und 203 784 Hekt. eingeführtes Bier, ferner 339 448 Hekt. Wein, 489 207 Hekt. heimischen und 12 281 Hekt. importierten Schnaps getrunken. Verraucht wurden int Vorjahre 10178 971 Kg. fremder und 10 696 909 Kg. inländischer Tabak. Das ergibt pro Kopf folgenden Konsum: 228 Liter Bier, 4,8 Liter Wein, 7 Liter öOgradigen Branntwein und ungefähr 3 Kg. Tabak. Der große Konsum von alkoholhaltigen Getränken, der übrigens dank dem von der Regierung und mehreren Vereinen gegen diesen Mißbrauch geführten Kampf int Rückgang begriffen ist, läßt sich bis zu einem gewissen Grade damit entschuldigen, daß das feuchte Klima und der Umstand, daß das Trink- wasser an vielen Orten schlecht ist, zur Trunksucht beitragen. Es ist ferner zu bemerken, daß in Familien zumeist sehr leichtes Bier getrunken wird. * Heß er die Hygiene des Rauchens befindet sich in den Blättern für Bolksgesundheitspflege eine sehr interessante Betrachtung von I. Bamberger. Es wird hier auf den wesentlichen Unterschied zwischen den sogenannten Naßrauchern und den Trockenrauchern hingewiesen. Bei den letzteren gelangt der Tabakrauch in die Mundhöhle und wird mit dem Speichel verschluckt, während der Rauch, mit der Atemluft stark verdünnt, in die Luftwege einbringt, um mittels ber ausgebehnten Resorptionsfläche der Bronchialschleimhaut seine giftigen Bestandteile an ben Kreislauf abzugeben. Bei den Naßrauchern kommt nun noch hinzu, daß das im Zigarrenstummel aufgespeicherte Nikotin ausgelaugt und in den Magen aufgenommey wird. Das Naßrauchen ist also gefährlicher. Auf dasselbe kommt übrigens das mit dem TabakrauchM gleichzeitig einher- geheude Wein- und Biertrinken hinaus. Merkwürdigerweise werden die Kautabake, die ihrer eigenartigen Präparation nach nikotinarm sind, als minder gesundheitsgefährlich angesehen. Empfohlen wird die Einfügung von Eisenchloridwatte in die Zigarrenspitze. Lsre^KVrssMes. — Großherzog Wilhelm-Ern st-Aus gäbe deutscher Klassiker: Goethe, Romane und Novellen. Baud 2. In Ganzledcr gebunden. Von dieser Goethe-Ausgabe, deren Vorzüge wiederholt von uns hervorgehoben worden sind, enthält der 2. Band auf 1019 Seiten den gesamten Wilhelm Meister (Lehr- und Wanderjahre) und kostet 6.50 Mk. Damit liegen Goethes Romane und Novellen vollständig vor. Die schmucke, im Bücherschrank wenig Platz einnehmende Ausgabe, in uarer Schrift aus dünnem Papier gedruckt, wird sich unter den Frenn- den schön ausgestatteter Bücher ohne Zweifel immer mehr ein» bürgern. Magisches Dreieck. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabbiillnnnrruu derart emznlragen, daß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedenten: 1. Farbigen Edelstein. 2. Mächtiges Gebirge. 3. Ungarischen Titel. 4. Teil von Illyrien. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung ber Charade in voriger Nummer: Freudeutränen. Redaktion: V. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'scheu Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.