im Dr. 176 x 8 I * J ¥ 5 MW) lästaffls W Am Banne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck Verbote«. (Fortsetzung.) „Jaivobl, gewiß, daZ kann ich tun," erwiderte der Hausmeister gnädig. Werners Briefchen war sehr kurz: »Berehrle Miß West! Meine Mutter, Nirs. Jefferies, befindet sich augenblicklich im Försterhause. Sie ist sehr krank — halb von Sinnen vor Hummer — und verlangt so unaufhörlich nach Jbneu, daß ich es fürs Beste gehalten habe, ihrem Wunsche zu willfahren, und zu Ihnen zu gehen, Soll ich warte», um nut Ihnen zurückzugehen, oder sind Sie nicht wohl genug, zu komnien?" Tie Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Wenige, flüchtig mit Blei hingeworfene Morte: „Warten Sie auf mich, ich konnue sofort." In weiteren zehn Minuten trat Marian West, in einen langen, dunklen ?lbendmanlel gehüllt und dicht verschleiert, in die Bibliothek. Werner eilte an ihre Seite. „Teuerste Miß West," sagte er leise, „ich bin so bekümmert, es tut mir leid, Sie zu stören. Kann ich nichts tun, um Ihnen zu helfen?" „Rein," erwiderte sie, aber im Tone ihrer Stimme entdeckte er eine Angst, die sich nicht in Worte kleiden ließ. Die Hand, die sie in die seinige legte, zitterte und war kalt, wie Eis. Sie ivandte sich zum Hausmeister mit jener ruhigen Würde, die sie nie verließ. „Ich wünsche nicht, daß man meine Abwesenheit von Kenninghall erfährt. Ich gehe zum Försterhause, sollte ich mich verspäten, wollen Sie dann die Güte haben, auf mich zu warten?" Ter Hausmeister erwiderte mit seinem feierlichsten und förmlichsten, iieiften Kratzfuß. Tie Domestiken auf Keiming- ball hatten die größte Acktung vor Miß West. Bielleicht zogen sie sie noch der Schloßherrin vor. Tann begaben sich Miß West und Werner ohne ein weiteres Wort hinaus ins Freie. 57. Kapitel. Die Beschuldigung, Sie schritten dahin, durch die Lindenallee, durch den Wald, eine Zeit lang, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Plötzlich wandte Marian sich; um und legte Werner eine Hand auf den Arm. „Werner", fragte sie, „hat sie Ihnen etwas erzählt? —* wissen Sie — — ?" „Ich weiß nichts", erwiderte er, „als daß irgend ein Geheimnis existiert, worin meine Mutter, der arme Jack, und Sie, Miß West, verwickelt sind. Ich habe keine Ahnung, was es ist." „Ich will es Ihnen nicht erzählen", sagte sie leise, „Gott in seiner Barmherzigkeit möge es in unserer Macht lassen, unser Geheimnis noch länger zu hüten. Ich will beten, daß es so geschehen möge." Und bann weinte sie k is das Haus erreicht war. Jedes halbunterdrückte Schluchzen ließ Werners Herz vor innigstem Mitgefühl erbeben. Sie betraten das Häuschen und die Stube, wo die Förstersfrau und die beiden Polizisten sich noch halblaut unterhielten. Miß West sah die letzteren unangenehm überrascht an, Herrn Sinclairs wahrer Charakter war ihr bekannt, und sie hätte ihn lieber überall anders gesehen, als gerade hier in Hörweite der wilden Schmerzensausbrüche Kate Jefferies'. „Sind Sie sicher, Herr Sinclair, daß Ihre Anwesenheit auf dem Schlosse nicht nötig ist?" fragte Miß West. „Ich bin aus ausdrücklichen Befehl Sr. Lordschaft hier, Madame." . „Angenommen, ich entbinde Sie davon und gebe Ihnen statt dessen andere Weisung?" Herr Sinclair verbeugte sich tief und erwiderte höflich: „So unangenehm mir das auch wäre — aber ich müßte die Ausführung ablehnen." Sergeant Elliot sah mit stillem Erstaunen auf diesen Austausch von Höflichkeiten. Er würde es kaum gewagt haben, einem von Miß West erteilten Befehle Widerstand zu leisten. Marian wandte sich nunmehr ruhig zu Werner. „Ich möchte Ihre Mutter gleich sehen und sprechen." „Sie tvill die Stube, wo ihr Sohn ist, nicht verlassen"« warf die Försterin dazwischen. „Dann werde ich also zu ihr gehen", sagte Miß West. Eie öffnete die Tür und trat allein ein. Zuerst erkannte sie kaum die Frau, die dort mit blassem und abgehärmtem Gesichte und brennenden Augen am Boden kniete. Das Gemach war nur notdürftig durch ein kleines Lämpchen erhellt, das einen gespenstischen flackernden Schein auf die Gestalt warf, die dort so starr und stumm unter dem weißen Laken ausgestreckt lag. Dann sprang Kate Jefferies empor, stand vor ihr und maß sie mit einem langen, durchbohrenden Blick. „Sie sind gekommen", sagte sie. „O, Miß West, was habe ich Ihnen getan, daß mir so vergolten wird?" Sie sah so wild in ihrer Verzweiflung aus, daß Marian auf sie zuschritt und ihr saust die Hand aus die Schulter legte. 702 Försterin blickte mit tiefsteul Mitleid in das leichenblasse Gesicht der am Boden Liegenden. „Ich hab's gedacht, daß es so enden würde", sagte sie, „den ganzen Tag keinen Bissen gegessen und dann dieser Schlag! Es ist zu hart!" Man trug die Unglückliche fort m eine andere Stube und bettete sie aus ein Lager. „Sie müssen sofort zum Arzt schicken", sagte Maß West, „sie wird gefährlich krank werden." Sie sah, wie die beiden Polizisten sie scharf beobachteten, und schauderte vor dem höflichen, verbindlichen Lächeln Herrn Siuclairs. „Ein Bluthund auf der Fährte", dachte sie. „Wo ist Herr Jefferies?" fragte sie dann laut; und Sergeant Ellwt ging zur yalboffeuen Haustür und ries ihn herein. „Warum haben Sie das Haus verlassen, Werner?" sagte sie; „waren Sie denn nicht neugierig, zu erfahren, warum 'ch kommen sollte?" „Ich bin hinausgegangen, weil ich sah, daß Sie Ihr Zwiegespräch mit meiner Mutter geheim zu halten wuusci)- ten", erwiderte er mit einem Blick zorniger Entrüstung aus die beiden Polizisten. Sergeant Elliot sah verlegen vor sicb hin; doch Mr. Sinclair lächelte nur noch freundlicher m/d verbindlicher, als ob ihm damit eine besondere Artig- keit gesagt worden sei. „Ihre beklagenswerte Mutter hat sich eine ganz un- richtige Idee in den Kopf gesetzt, die unsägliches Unglück mit sich bringen wird", fuhr Marian leise sort; „aber ich kann sie nicht von ihrem Irrtum überzeugen. Ich muß warten, bis der erste wilde Anfall des Kummers vorüber ist. Werner, kehren Sie nicht mit mir zurück, ich kann meinen Weg nach Hause allein finden. Ich weiß, Lord Wayne wünscht, daß Ihrer Mutter jegliche Hufe und Pflege zuteil werde; gehen Sie nach Kennmgsthorpe hinüber und holen Sie den Arzt. Ich werde, eins der Mädchen vom Schlosse herüberschickeu." „Befürchten Sie nicht, daß sie vielleicht allerlei sagen könnte, was Sie lieber den Dienstboten nicht bekannt werden sähen? Lieber als daß Sie Unannehmlichkeiten haben sollten, Miß West, lieber bleibe ich hier und helfe sie pflegen." „Sie sind ein wahrer Edelmann. Aber", fuhr sie seufzend fort, „ich habe einmal gehört, wenn das Gras in der Steppe brennt, kann niemand die Flammen auf- halten. Nichts, Werner, kann — scheint's mir — den Gang der Ereignisse aufhalteu. Sie müssen uns führen, wohin der Himmel will. Ihre Mutter glaubt, ich habe Jacks Tod verursacht." „Ich weiß, teuerste M'ß West, sie ist außer sich vor Kummer und Gram, soust würde sie das nicht sagen; Sie, die gegen alle und alles frenndlich und gut sind!" Sie senkte den Kops und flüsterte ihm zu: . „Werner, ich fürchte mich vor diesen beiden Männern. In dem Gesicht des einen liegt etwas, was mich erschreckt." Er versuchte sie zu trösten, sie mit teililehinenden, beschwichtigenden Worten zu beruhigen, doch sie trennten sich, ohne daß sie gelächelt oder mich nur etwas heiterer aus- gesehen hätte. , Marian hatte gesagt, daß sie sich nicht furchte, allem durch den Wald nach Hause zu gehe«, doch jetzt, wo fie mitten im schweigenden Dunkel dahinwandelte, kamen ihr tausenderlei Beängstigungen. Sie erinnerte sich des schrecklichen Traumes, deu ihre Schwester damals gehabt — des Traumes, worin aus jedem Blatt der Waldbäume mit feurigen Buchstaben gestanden hatte: „Lady Waynes Geheimnis." Kam sie endlich, die Enthüllung, die so viele Jahre hindurch wie eine schwere Wolke über ihr gehangen? Sollte die geliebte Schwester, für die sie mehr als selbst das Leben hingeopfert, endlich von bösen Zungen durch den Kot geschleift, sollte das stolze, schöne Haupt, worauf jedes Haar ihr teuer, in den Staub gedemütigt und erniedrigt werden? Sie hörte es nicht, daß sich ihr leichte Fußtritte näherten, daß trockene Zweige neben ihr raschelten und knackten« Laut auf schrie sie in jäher Furcht, als sich plötzlich mitten im Dunkel eine Hand aus ihren Arm legte und eine heisere Stimme dicht neben ihr flüsterte: „Halt! Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Halt!" Marian stand vor Schreck und Ueberraschuug wie angewurzelt. Bor sich sah sie die matten Umrisse einer großen, Aber Kate schleuderte sie van sich, . als ob die Berührung Gift und Tod gewesen. . „Rühren Sie in ich nicht an!" ries sie. „Ich will von Ihren falschen, gleißnerischeu Worten nichts mehr wissen, Miß West! Sie haben das letzte Wort mit mir gesprochen! Ich bin aufrichtig, treu und ergeben gegen Sie gewesen, wie eine Sklavin. Nun sehen Sie hier, wie Sie mtrs gedankt haben!" . „Aber, rnn's Himmelswillen, Frau Jefferies, Sie können doch nicht so gänzlich von Sinnen sein und glauben, daß ich beim Tode Ihres Sohnes die Hand im Spiel geyabt. „Gewiß haben Sic das! Wenn Sie selbst ihn nicht erschossen haben, so haben Sie's durch andere tun lassen; Sie haben darum gewußt." „Nein! nein!" ries Marian lerse; „setzen Sie sich doch um Gotteswillen nicht solche Gedanken in den Kops. Warum sollte ich ihm etwas zu Leide haben tun wollen?" „Weil er Ihr Geheimnis wußte", schrie sie zurück, und Marian West wurde so blaß wie der Tote neben ihr, als sie dies hörte. , „Jawohl, weil er Ihr Geheimnis wußte", fuhr Kate wild fort; „und Sie haben ihn hierhin gelockt, um ihn ums Leben zu bringen, damit nur Ihr Geheimnis in Sicherheit bliebe." z r „Kate Jefferies", beschwor Marian sie mit leiser, ein» drinalicher Stimme, „ich schwöre Ihnen hier vor dem allmächtigen Gott und hier vor dem Toten, daß ich's nicht einmal gewußt habe, daß Ihr Sohn hierher kommen wollte. Ich bin an seinem Tode und an jeder Teilnahme oder Veranlassung dazu so unschuldig, wie Sic selbst," „Das glaube ich. nicht", rief die Unglückliche, „Fein Mensch sonst hatte ein Interesse an seinem Tode, nur Sie, Sie!" „Ich hatte keinerlei Interesse daran", erwiderte Marian verzweiflungsvoll, aber ruhig. „Es ist wahr, wie Sie sagen, — er hatte mein Geheimnis entdeckt, Kate, aber ich habe ihm deswegen keinerlei Leid getan. Ich habe nichts Schlimmeres getan, als ihn gut bezahlt, damit er schwiege." „Alles Lügen; Sie haben's getan!" schrie die unglückliche Mutter. „O, Miß West, Miß West! Habe ich das verdient? Sie sind zu mir gekommen in Ihrem Kummer und ich habe Ihnen geholfen, was ich nur konnte. Zwanzig, zwanzig lange Jahre habe ich für Sie gearbeitet, und das Kind, das Sie mir anvertraut haben, aufgezogen, in Gesundheit, im Guten; bin gegen ihn gewesen wie seine leibliche Mutter; und so, so lohnen Sie mir's! Ich habe Ihres gerettet und Sie haben meines umgebracht!" Ein Geräusch aus dem vorderen Zimmer ließ sich hören; Marian wußte, daß jedes Wort anfgefangen worden war. „Es ist nutzlos, daß ich noch ein Wort weiter sage, Kate, so lauge Sie mit diesen ungerechten Anschuldigungen fortfahren. Sie werden beizeiten einsehen, wie schwer Sie mir Unrecht tun. Ich vergebe Ihnen, denn Sie wissen nicht, was Sie tun. Wenn ich irgend etivas tun kann, um Ihnen bei Entdeckung des wirklich Schuldigen zu Helsen, so werde ich das tun." Marians Herz schlug wild vor Furcht, als sie sich jetzt mit voller Deutlichkeit erinnerte, wer drüben lauschte. Sie sah, daß längeres Verweilen absolut nutzlos sein würde. „Ich werde wiederkommen, Kate", sagte sie sanft und leise, „wenn Sie ruhiger sind. Ich kann jetzt nicht ver- nnnstig mit Ihnen sprechen." „Sie wollen mich nur bestechen!" schrie die unglückliche Mutter wieder und sprang auf. „Sie wollen wieder freundlich und falsch mit mir sprechen — wollen mir mehr Geld anbieten. Ich will Ihre Freundlichkeit nicht; ich will Ihr Gold nicht! Ich will die Wahrheit sagen, die schmachvolle Wahrheit, warum Sie meinen einzigen Sohn erschlagen haben!" Sie sprang auf die Tür zu; Marian erhob unwillkürlich die Hand, doch es war nicht nötig. Mit einem Schrei, der durch das ganze Haus gellte, fiel Kate Jefferies besinnungslos zu Boden. Das Geheimnis sollte sie noch nicht verkünden; denselben Abend noch wälzte sie sich in Fieberphantasien belvnßtlos aus dem Lager, 58. Kapitel. Der Anfang vom Ende. Miß West öffnete die Tür und rief um Hilfe, Die 703 von Kopf bis W Mißen in e-inen dunkeln Mantel gehüllten Gestalt. „Sie kommen jetzt gerade von dem Hause, wo er tot liegt?" fragte die fremde Gestalt. Marian, noch immer sprachlos, nickte nur. „Weiß inan jetzt, wer ihn getötet hat?" fuhr die fremde heisere Stimme fort. „Nein", erwiderte Miß West, „noch nicht." „Aber man wird es erfahren. Geben Sie acht! Bor zwei Nächten stand er da am Türchen und sprach mit einer schönen Fran, ganz in Sammet und Seide gekleidet, und mit reichen Juwelen; sie hatte goldigbraune Haare unb ein Gesicht — v! so schön, so schön! Wer war's, der ihn getötet hat? Fragen Sie sie!" Und mit lautem Hohngelächter trat die geheimnisvolle Gestalt beiseite ins Dickicht. „Fragen Sie sie", wiederholte sie; „sie lveiß, warum er da tot liegt!" Im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden, und — hätte sie nicht das allmählich ersterbende Geraschel im Dickicht gehört — Marian hätte geglaubt, daß alles nur ein böser Traum gewesen. „Goldbraunes Haar, und ein schönes Gesicht? Das tvar Eve. O, mein Gott, tvas kann das bedeuten? Ich dachte, er wäre meinetwegen nach Kenninghall gekommen! Es ist also geschehen, nur sie zu sehen, sie zu sprechen! Wer hat ihn getötet? £>, mein Gott, hilf mir, oder ich verliere den Verstand!" 69. Kapitel. Vorsätzlicher M o r d. Ein Heller sonniger Morgen, funkelnder Tau rings an jedem Blättchen und Hälmchen. An dem eisernen Törchen standen die beiden Polizisten in eifriger Unterhaltung. Sergeant Elliots Züge trugen einen bekümmerten Ausdruck; aus Herrn Sinclairs Gesicht jedoch sprachen Triumph und Siegesbewußtsein. „Irrtum?" sagte er verächtlich; „Unsinn, Elljot; ein Irrtum ist gar nicht möglich. Es ist nutzlos, den Kopf darüber hängen zu lassen und weichherzig zu werden; das Verbrechen ist begangen worden und muß bestraft werden; da könnten wir nur sofort ernpacken mit unserm ganzen Apparat, wenn ein Weib ungestraft sündigen könnte, bloß weil sie ein schönes Gesicht hat. Und schön ist sie, das gebe ich Ihnen zu — die Schönste, die mir je Vor Augen gekommen." „Ich denke nicht allein an sie", war die bekümmerte Erwiderung. „Die Waynes auf Kenninghall sind die ersten weit und breit hier, so lange ich denken kann. Er wird genug davon bekommen — er liebt sie so ungemein, ist so stolz auf sie." Herr Sinclair schüttelte sarkastisch lächelnd den Kopf. „Sie haben viel zu viel romanhafte Ideen für Ihren Beruf, lieber Freund. Wenn es eine gewöhnliche, alltägliche, ältere und häßliche Frau wäre, meinetwegen dahinten aus dem Bauerndorf, so würden Sie ihre Pflicht mit großer Gemütsruhe und ohne eine Anwandlung von Mitleid tun." „Ich werde auch jetzt meine Pflicht tun", war die düstere Erwiderung, „aber lieber möchte ich mir die rechte Hand ab- fchlagen lassen. Lassen wir nochmal alles Revue passieren, was wir wissen — ist es vielleicht nicht doch noch möglich, daß wir Unrecht haben?" „Absolut unmöglich. Das einzige, was mich abhielt, schon gestern zu sprechen, Ivar der Umstand, daß ich ganz und gar keinen Grund für die Tat hatte, jetzt sehe ich aber auch den, und die ganze Tragödie liegt aufgedeckt vor mir." „Sie beabsichtigen es also Lord Wayne heute mitzu- teilen?" „Heute morgen noch. Sehen Sie, Elliot, es ist ein großer Unterschied zwischen uns, Sie leben hier auf der Scholle, Ihre Zeit gehört Ihnen; ich habe noch einen sehr wichtigen und eiligen Fall zu erledigen, und jede Stunde ist mir kostbar. Ich habe das Geheimnis ergründet, wozu weiteren Aufschub? Es ist ganz klar, daß diese Miß West einen Sohn gehabt und daß ihre Schwester, Lady Wayne, ihr Geheimnis kennt; ob nun dieser ermordete junge Mann auf Grund seiner Mitwissenschaft sich Mylady gegenüber etwas herausgenonnnen hat, kann ich nicht sagen — glaube aber wohl, daß die Sache sich so verhält," Langsam schlenderten sie dann die Linden-Allee hinunter auf das Schloß zu. Die Vögel pfiffen und zwitscherten in dem saftigen ftischen Grün der gewaltigen Bäume, die dies Mal inr leichten Morgenwinde fäuselten und rauschten. Die Schönheit und Anmut des Morgens schienen Mr. Sinclair zu erfreuen und erheitern; er pfiff vergnügt vor sich hin; Sergeant Elliot dagegen wurde von Minute zu Minute gedrückter. Zusammen betraten sie d.c Halle. „Es ist nicht nötig, mein Inkognito noch länger ausrecht zu halten", bemerkte Sinclair; „der eigentliche Zweck meiner Anwesenheit hier wird höchstwahrscheinlich bis heute mittag doch bekannt sein." Ter Diener führte sie in Lord Waynes Arbeitszimmer, Sergeant Elliot saß mit gerunzelter Stirn und in tiefen Gedanken, augenscheinlich känipfte er mit einem Entschlüsse. „Ich kann nicht", dachte er; „mag es hundertmal un- männlich unberufsmäßig sein — aber ich kann sie nicht mit kaltem Blute verfolgen und aufspüren und dann ruhig dabeistehen, wie ihr die Schlinge gelegt wird. Jeder weiß doch sonst, wenn das Netz sich dicht und dichter um ihn zusammenzieht, warum sie nicht?" ' Er verließ unter einen: Vorwande das Arbeitszimmer, riß in einem Winkel der Eiutrittshalle ein Blättchen aus seinem Notizbuche und schrieb hastig mit Blei in verstellten Zügen darauf: „Mylady, ein Freund sendet Ihnen diese Warnung. Verlassen Sie Kenninghall sofort; nm Mittag ist es zu spät." Er steckte das Blättchen in ein Couvert, das er sehr sorgfältig verschloß, dann begab er sich in die Nähe der Küche, !vo ihn: alsbald ein Dienstmädchen in den Weg lief. „Ich habe den Türhüter gespielt", sagte er zu ihr, „es scheint, daß die Herren Diener heute sämtlich abwesend sind. Hier, d ies hat ein Fremder für Lady Wayne gebracht. Es follte ihr sofort übergeben werden; besorgen Sie es gleich. Sie sagen am besten kein Wort davon, daß ich es angenommen habe, sonst reiten Sie noch einen der Diener in die Tinte." Das Mädchen, das ihn: aufs Wort glaubte, begab sich sofort zu Lady Wayne. Die Herrin von Kenninghall faß in ihrem Zimmer und schlürfte ihre Morgen-Chokolade. Mylady öffnete die Mitteilung, und zorniges Erstaunen malte sich in ihren schönen Zügen, als sie den Inhalt las. „Wer hat dies gebracht?" ftagte sie scharf. „Ein fremder Mann, Mylady, und es sollte Ihnen direkt gegeben werden." „Wissen Sie nicht, wer es war?" fragte sie ungeduldig. „Nein, Mylady, es ist nichts dabei bestellt worden, als nur, daß es Ihnen gleich gegeben werden sollte." „Es ist gut." Das Mädchen verschwand schleunigst. „Verlassen Sie Kenninghall — an: Mittag ist es zu spät — welcher Unsinn, welche Unverschämtheit! Wer untersteht sich, mir so etwas zu schreiben? Was habe ich zu fürchten?" Dann, als sie ruhiger zu überlegen begann und die erste zornige Regung vorüber war, sehnte sie sich nach Marian, um mit ihr über diese merkwürdige Warnung zu sprechen, — Marian, die ihr Trost und Rat in jeden Unannehmlichkeit gewesen. Sie klingelte und fragte, wo Miß West sei, und erfuhr, ihre Schwester habe ihr Zimmer noch nicht verlassen. „Bitten Sie Miß West zu mir, ehe sie nach unten geht", sagte sie. „Ich habe etwas Dringendes mit ihr zu besprechen." — Inzwischen war Lord Wayne gemeldet worden, erwerbe in seinem Arbeits-Kabinett zu sprechen gewünscht. Während des Frühstücks an diesem Morgen tvar er etwas beruhigter und glücklicher gewesen. Er hatte darauf bestanden, daß seine Gattin heute in ihren Gemächern bliebe, und Elfte hatte so fröhlich und nninter mit ihm geplaudert, daß seine gedrückte Stimmung sich fast unmerklich auf- geheitert hatte, , (Fortsetzung folgt.) VeVmischSes. * H eine Ui 11 b Rothschild. In einem köstlichen Büchlein „Die Rothschilds" (Bd. 2 der Anekdoten ans dem Leben berühmter Männer, Berl. Arnold Heyne, Berlin NW.) 704 erzählt Siegbert Satter über das Verhältnis des Dichters »um Millionär: Niemanden wird es wundern, daß Heinrich Heine mit besonderer Vorliebe die blanke Klinge fernes Witzes einem solchen Manne zu fühlen gab, von dem er überdies wußte, daß er sich seine Bekanntschaft nicht vermitteln ließ, um den berühmten Dichter der Rersebrlder und des Buches der Lieder kennen zu lernen, sondern weil er in ihm den Neffen des „alten soliden Hauses Salomon Heine in Hamburg, unseres Salomon Herne, wie er sich ausdrückte, begrüßen wollte. Man erzählte sich in den Salons der Geldaristokratie und den kleinen Soireen der Künstler des damaligen Paris eine Unzahl drolliger Anekdoten über das ewrge Wrtz- aeplänkel, "das Heine gegen den Baron in Szene setzte. In einem alten Jahrgang des Daheim berichtet ern ungenannter Autor eine ganze Reihe dieser Geschichtchen. Einige davon mögen hier mitgeteilt werden. „ Einst, in einer jener Gesellschaften, die Rotschrld häufig zu geben Pflegte, und wo er alles zu vereinen wußte, was durch Verdienst, Rang oder Namen hervorragte, unterhielt man sich über das innerhalb des Pariser Stadtgebiets so trübe und schmutzige Wasser der Seine. Da erzählte der Finanzkvnig, daß er den Strom in der Nähe seiner Quelle gesehen habe und daß dort sein Wasser klar und hell wie Kristall fei. „Ihr Herr Vater soll auch em rechtschaffener Mann gewesen sein, Herr Baron", warf Heine mit trockener Bissigkeit dazwischen, ohne daß Rothschild die versteckte Bosheit dieser Worte zu verstehen schien, während dre Gaste sich auf die Lippen bissen. , Ein anderes Mal befand sich Herne mit Fröderic Souliö, einem damals v-elgelesenen Novellisten und Bühnendichter, in einer Abendgesellschaft, als eben der Baron eintrat. Die meisten der Anwesenden erhoben sich bei seinem Erscheinen von ihren Plätzen und verneigten sich tief vor dem mächtigen Manne, der, wie Balzac höhnte, „dem Ministerium die Deputierten und den Türken die Griechen verkaufen würde", wenn das seinen Plänen förderlich wäre. , „Sehen Sie", sagte Souliö, „das neunzehnte Jahrhundert betet das goldene Kalb an." „Hm!" meinte Heine, „Kalb!? . . . Der Baron ist nrcht mehr so jung, wie Sie glauben." Weihnachts-Literatur. — In erste Berührung mit Kunst und Literatur kommt das Kind durch das Bilderbuch und die Jugendschrift. Erst die neueste Zeit hat den großen erziehlichen Wert dieser beiden erkannt und sich ihrer angenommen, und es sind nicht pädagogische Kreise allein, die sich für die Entwicklung unseres deutschen Bilderbuch- und Jngendschristenwesens interessieren. Die neue Bewegung hat seit einigen Jahren schon nicht nur einen Teil des deutschen Berlagshandels ergriffen, eine nicht unbeträchtliche Zahl von Künstlern und Dichtern hat ihre Kunst in den Dienst der Jugenderziehung gestellt. Vor allem der Verlag von Hermann und Friedrich Schaff st ein in Köln a. Rh. hat viele Künstler dazu angeregt, und so erscheinen dort fast Jahr zu Jahr Bilderbücher und Jugendschriften, die nach Inhalt und Ausstattung zu den besten gehören, was heute auf diesem Gebiete erscheint. Auch in diesem Jahre hat der rührige Verlag den Büchermarkt reichlich beschickt. Eins der schönsten seiner Bilderbücher für den Weihnachtstisch, ja eins der schönsten, das von dem deutschen Buchgewerbe je produziert wurde, ist Strabautzerchen. Bilder und Reime von Hans v. Bolkmann. Preis in Pappband gebunden 5Mk. Der berühmte Künstler Hans v. Volkmann, einer der größten Künstler unserer Tage, verzichtet auf allen überflüssigen Krimsgrams, vermeidet alles, was die Kinder verwirren und von der Hauptsache ablenken könnte, unter strenger Anlehnung an die Natur bringt es nur die wichtigsten Erscheinungen in Hof und Garten, Wiese und Feld, Dorf und Stadt. Breite Flächen und starke Konturen prägen sich dem kindlichen Geist am besten ein, und in allen Kompositionen spielt ein liebenswürdiger Humor. Die niedlichen Verse werden die Kleinen schnell erlernen und im Gedächtnis behalten. Kann es etwas Packenderes geben als das Bild Gewitter mit dem dunklen wolkenschweren Himmel, aus dem der Blitz herniederzuckt? Die Source beleuchtet aus einem kleinen Spalt das rotbedachte, von Pappeln umgebene Häuschen, während im Vordergrund Bruder und Schwester unter dem roten Regenschirm nach Hause eilen. Freundlich lacht der Sonnenschein in dem Bilde „Die Post'* über den farbensatten Felderrr und der gelben Postkutsche. Hinter dem Verdeck des von hinten gesehenen Wagens sieht man nur die hervorgestreckte Peitsche, und dem kleinen Beschauer bleibt es überlassen, wie sich seine Phan- taste den Kutscher denkt. Aehnlich wirken auch die anderen Bilder, z, B. das Reh, die Eisenbahn, der Tannenwald usw. Sehr glücklich ist auch das Vorsatzpapier mit den kleinen gelben Vögelchen gewählt. Strabantzerchen ist das Söhnchen des Künstlers, an dem der Vater die Wirkung seiner Bilder zuerst erprobte. Diesem ersten Erfolge werden noch viele weitere folgen. — Ein zweites Bilderbuch, „Sportund Spiel" von K. F. v. Freyhold, erinnert an die Struwwelpetermanier. Ohne Text oder, Verse sind die verschiedenen kindlichen Spiele und Sportübungen in einer drolligen, sehr bunten und ganz einfachen Ausführung behandelt. Wir zählen 12 solcher ganzseitigen Bilder. Die bekannten Figuren aus den Spielzeugschachteln haben dem Zeichner als Vorbild gedient. Unter den Spielen, die der Stift des Künstlers festgehalten hat, nennen wir das Drachensteigen, das Stelzenlausen, das Reifspiel, unter den Sportvergnügen das Reiten, das Radeln, das Schwimmen, das Schlittenfahren^ das Rudern, das Fahren und andere. Das hübsche Buch ist für die Allerkleinsten bestimmt. — Der Pfälzer R o b i n s o n. Resten, Abenteuer und türkische Sklaverei des Atichael Heberer ans Bretten 15-2—88, von ihm selbst erzählt. Neu herausgegeben von Albrecbt Thoma, Professor in Karlsruhe. Verlag von Moritz Schauenburg in Lahr. Preis in Leinwandband Alk. 8.—. Ein liebenswürdiges krobes „Pkalzkind" hat die abenteuerlichen Fahrten und Begebenheiten erlebt und erzählt, die in diesem Buche beschrieben werden. Als Weihnachsgabe wird das Buch viele Freude bereiten. Neue Kalender. Eine waritte Entpsehlung verdient der „R e u t e r - K a l e n d e v“ (Herausgeber Karl Theodor Gaederh. Illustrationen von Johann Bahr. Verlag Theodor Weicher-Leipzig). Ter verdtenstvolle Reuter- Biograph will auf dem Kalenderwege die Tentichen, die noch abseits vom Reicktnm Reuterscher Dichtung stehen, zu dem großen Httinoristeu hinsübren. Wenn einer, so ist Gaedertz der rechte Alaun für diese Aufgabe. Der Kalender ist denn anch mit seinem reichen Inhalt von und über Reuter tind denl interessanten bildlichen Ma- tertal ein guter Anreger, sich mit Rettter zu beschältigen. Besonders Wert erhält er durch bisher ungedruckte Gedichte imb Geschichten aus Reuters Nachlaß. Königspromenade. ten dich Nachdruck verböte- Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der^ Weise mit einander verbittdett, daß ntan — wie der König cuif dem -Lchach- brett — stets von einem Feld nn§ aus ein benachbartes übergeht. ist tau ge lich doch gel ten das wohl end sie's lassen als schel 1 ganze laß sie laß wack prei sie grei neu ern mann sen Auflösung in nächster Nummer. Auflöstmg des Krerizrätsels in voriger Nummerr A K H g 1 » r o u Agil p pina Klops t o e k H a u p t m a n n i o a n o n a k n Äebafnon: Ernst L> e ß. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'scheu Unwersttäts-Buch- und Siemdruckeret. R. Lang«, Gietze«.