1906 qggprns MW tii WZ M i'ih lÜffP, Mitteiloie Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ,, I „Ich werde den Oberregierungsrat heiraten, Ruth! I sagte sie, ins Bereich des Lampenlichts tretend, „dann I hat alle Not ein Ende." ., 1 Betroffen sah Ruth die Entschlossenheit rn dem welchen I Kindergesicht der jungen Schwester. „Ja, liebst Du ihn denn, Sus?" I „Neiu, ich liebe ihn nicht." ~ ,, I "Und konntest ihn doch heiraten? Das begreife ich nicht. Ohne Liebe?" Suses Lippen zuckten spöttisch auf. „Liebe ist unnötiger Gesühlsballast! Sie hatte das mal irgendwo gelesen und sw tote form- | lich stolz auf diese Errungenschaft. . Ich denke mir, entweder vertragen sich zwei Menschen vder"sie vertragen sich nicht. Wenn sie humider passen, das bringt auch die Liebe nicht ms Gleiche sieh Mr Brockhaus an - die haben sich aus purer Vernunft zusammen getan und niemand kann bestreiten, daß | ihre Ehe jetzt nicht die denkbar glüalichste ist. Ruth schüttelte leise abwehrend den Kopf. „Kind !" sagte sie, mit entern zärtlichen Blick Me junge, blühende Erscheinung der Schwester umfaugerw, „solch eme Ehe ist ein gewagtes Experiment — manchmal gluckts, manchmal nicht - Du kennst Mertens o iventg noch, Du weißt nur, daß er sehr reich ist - es wäre getviy verlockend für uns alle, solch em Schwager aber nem, so lange ich noch einen Finger rühren kann, sollst Du Dich nicht verkaufen. Ich werde morgen zu Tietzheml gehen । unb meine Arbeit für ebenso billiges Geld anbieten, wie Kch^Ruth, das könntest Du? Wo Dein Talent so groß ist? Ist Mr das nicht schrecklich^ „Leicht wird mir's nicht, Sus. Man hat doch schon seinen Künstlerstolz, der sich dagegen empört, so niedrig bewertet zu werden, in jeder Dilettantin eme gefährliche Konkurrenz sehen zu müssen, aber weißt Du einen anderen fRct ?/z Sie wies auf Walter, der eingeschlafen war und dessen Gesicht in der Ruhe noch hohlwangiger und elender wirrte, und fuhr ^-gungen willen würde ich ja zu Tante Hertzberg meine Zuflucht nehmen — sie hat so vielei Derbm- dungeii — und ich habe da mal so etwas gehört von Freistellen in Knabenpensionen an der See — so nach Art der Ferienkolonien. Sie weiß sicher etnen praktischen Rat, ich will morgen von TietzheiM aus gleich ^ol zu ihr fahren. Suse ließ sich müde m emenStiihl sinken und verschränkte die Hände unter dem lichtblonden Kops. Ihre Gedanken flogen zti dem fernen Geliebten. Eine heiße Sehrt- sacht, das „Morgen", diesen letzten tvag, voll zu genießen, zitterte durch ihr junges Herz. Nimm doch die Jungen rmt und bleib über den Wend dort — ich werde vor zehn llhr wohl kaum zu Haus sein - und Tante Hertzberg fteut es doch sehr, wenn Ml nicht nnr auf einen Sprung kommst. Deshalb könnt Ihr ja immer allein das Nötige besprechen." „Wird fte’S nicht übel nehmen, Sus, wenn wir vhns '^„J, woher denn, mich hat sie jetzt oft genug genossen. Im übrigen - vielleicht ist der Ober-Bonze da, dem schad>9 nichts, wenn er sich mal nach mir sehnt. Die Liebe ist hinterher umso größer." Sie verdrehte die Augen gen Himmel und machte em schwärmerisches Gesicht, das Ruth mit einem leisen Lächeln ^^Jch'kann's ja tun!" sagte sie dann, dem Masendett Bruder das lockige braune Haar ans der Stwn streichend, „Walter hängt so sehr an Tante Hertzberg — — abep ^^Ein Schattten breitete sich über ihr schönes Gesicht und eine neue Last senkte sich auf ihre Seele., , i „Wo Heinz jetzt immer so lange bleibt!" meinte si« ^b^^Er sprach von einem guten Freunde, mit dem ex die. Abende verlebt." Ruth seufzte schwer auf. . „Wenn's nur in Wahrheit em guter ist! Ach, Ruth, Du siehst auch immer schwarz! Hab' ich Grund, das Leben rosig anzusehen? Ich dächte, wir alle haben immer im Schatten geftanben._ I Die Augen der beiden Schwestern trafen sich. Heiß schoß die Glut innerer Erregung in Suses Gesicht. 7 „Ich nicht!" sagte sie Plötzlich, „nein, ich Nicht. Ich I weiß doch, daß es eine Sonne gibt." Ein angstvolles Mißtrauen, eine vage Ahnung regis fi* in RuthV aber da sie eben den Mund zn einer schwerwiegenden Frage öffnen wollte, schlug Walter durch, emq j hastige Bewegung der Schwester geweckt die Augen ans und I Mhuelte schlaftrunken in das Helle Lampenlicht. I Mr den Ohren des Knaben war die Frage Ruths nicht mit mebr auszusprechen, so unterblieb sie. I 0 Du wirst ins Bett gehen, mein Liebling! sagte Ruth mit nüitterlicher Zärtlichkeit und der große Junge Wang. I die Arme um ihren Hals und im Gefühl seiner Hinfälligst | feit bettelte er wie einst als kleines Kmd: ' „Leg' mich schlafen, Ruth!" 1 Schmerzlich bewegt tat sie ihm den Willen. Und als sie dann an seinem Bette saß, feine magerg Zand in der ihren haltend, flüsterte er leise: 5 Du bist so gut, Ruth, und ich ärgere Mch so oft. Ich I will's gewiß jetzt nicht mehr tun — ich weiß, Du hast I Kammer, nicht wahr? Heinz kommt immer betrunken nach 310 Haus jetzt, Ruth, und führt so häßliche Reden. — Ist es das, was Dich bekümmert? Ach, Ruth, es ist doch so schwer, das Leben." Es klang seltsam ergreifend aus dem jungen Münde. Ruth sank erschauernd neben dem Bett in die Kniee und drückte ihr Gesicht in die weichen Kissen. „Es ist doch wahr, Ruth! Wir Meridies haben schon kein Glück." Er schmiegte seine Wange an die der Schwester. Und dann weinten sie alle beide. ' j 8. Am nächsten Morgen regnete es „Strippen", wie der Berliner zu sagen Pflegt. Suse sah geradezu fassungslos .in den niederströmenden Regen, auf den einförmig grauen, ganz Berlin in eine dunkle Wolke hüllenden Himmel. An schlechtes Wetter hatten die beiden verliebten Menschen- kinder gar nicht gedacht, sie hatten gemeint, ihrem Glück müsse wenigstens immer die wirkliche Sonne lachen. Suse weinte vor Aerger. Sie redete sich ein, nur vor Aerger, denn nun blieb dec Abschied wieder aufgeschoben und damit war ihr die Freiheit des Handelns bis auf weiteres noch genommen. So schlecht war sie denn doch nicht, daß sie ihren Fritz ganz einfach einein fait accompli gegenüberstellte. Nein, einen ordentlichen Abschied, den mußte er haben. Ruth wunderte sich ein wenig, daß der juilgen Schwester die verregnete Landpartie so sehr zu Herzen ging. Wieviel mußte sie da entbehren, wenn schon eine derartige Enttäuschung ihr Tränen erpreßte? „Du kommst mit zu Tante Hertzberg!" tröstete sie, sich zu ihrem Gang ins Atelier rüstend, wobei sie im Zimmer hin und her ging, während Suse, den blonden Kopf an das Fensterkreuz gelehnt, regungslos stand. „Schöner Ersatz!" höhnte sie unter Tränen, die sie mehr praktisch als passend mit dem Blusenärmel trocknete, „in oer Stube sitzen und mich von dem bejahrten Freier an- chmachten zu lassen — der soll sich heute vor mir in Acht nehmen — dem sprmg ich vor Wut ins Gesicht." „Aber Suse!" >,Na, denn mcht! Beruhige Dir! Ich iverde ihn holdselig anlächeln, daß er weich wird wie Butter an der Sonne. — Au, die Sonne, dieses hinterlistige, feige Geschöpf, sich vor ein paar Wolken zu fürchten." Ruth mußte unwillkürlich lachen. „Du bist ja schrecklich rabiat heute, Sus!" meinte sie und steckte vor dem Spiegel ihren einfachen, schwarzen Strohhut auf das luchte Haar fest, „vielleicht ist Dein junger Verehrer auch bei Tante Hertzberg und bringt Dich .in bessere Laune." Wieder suhr der Blusenärmel über die verweinten Blauaugen, doch diesmal geschah's, um verräterische Wangenglut zu verbergen. „Ach der!" murmelte sie ein wenig heiser, „was nutzt mir der Trautendorf?" Ungewollte Bitterkeit klang aus der Benrerkung, und Ruth, die nun fertig angezogen war, trat abschiednehmend zu der Schwester, strich zärtlich über ihren krausen Blondkopf und sagte weich: „Ja, Liebling, Du hast recht, er nutzt Dir nichts — aber er ist ein lieber Mensch, dex würde mein unzufriedenes Schwesterchen gewiß glücklich machen." Suse zuckte leise zusammen. Sie wandte den Kopf, sie wollte etwas sagen, da öffnete Heinz die Tür und fragte mit merkbarer Ungeduld: „Nun, bist Du fertig Ruth? Es ist die höchste Zeit." Und die Gelegenheit zu dem befreienden Geständnis lvar wieder einmal vorüber. Ruth, die mit dem Bruder eine Strecke den gleichen Weg hatte, wandte sich mit jäh verdüstertem Gesicht zur Tür. „Adieu denn, Kleines." Heinz wartete bereits vor der Entreetür. Schweigend gingen sie neben einander die Treppen hinab und durch den schmutzigen, dämmerigen Hausflur. Aus der weitgeöffneten Tür der Destille strömte der widerliche Geruch von allerlei Spirituosen, drang die keifende Stimme, der Schenkmamfetl, die sich gegen irgend welche Vorwürfe ihres Brotherrn nicht gerade mit den gewähltesten Worten verteidigte, unbekümmert um das ohrenzer-. reißende Geschrei des Säuglings, den die Wirtin ihrer! Obhut übergeben hatte. Von Ekel geschüttelt, hastete Ruth vorüber und trat' aufatmend ins Freie. Der Regen strömte unverändert fort, die fahrenden Wagen schleuderten ganze Ladungen SchmutztropfeU bis auf das Trottoir herüber und auf dem Asphalt standen große gelblichbraune Lachen. Im Straßenbahnwagen, den sie ast der Straßenecke bestiegen, drängten sich die Menschen. Die Luft war von Feuchtigkeit und Schweißgeruch erfüllt, dabei! entsetzlich schwül, sodaß Ruth kaum zu atmen vermochte. Beklommen und mit einer Art Widerwillen sah sie anchj das gelblichblasse mürrische Gesicht des vor ihr sitzenden Bruders, um dessen Augen die letzten leichtsinnigen Nächte, blaue Schatten gezeichnet hatten. Sie hatte diesmal kein Wort über sein spätes Heim- kommen erwähnt, sie wußte, es war doch nutzlos. Da machte! das völlige Nichtbeachten seines Treibens vielleicht noch am ehesten Eindruck auf ihn. Seine finster-trotzige Miene hatte doch eine starke Beimischung von Schuldbewußtsein und er Ivar sichtlich erleichtert, als er sich, an seinem Ziel angelangt, Don der Schwester trennen konnte. Mit schweren Füßen schritt Ruth ein paar Minuten darauf tue Treppen zürn Atelier empor. Matt und mutlos kam sic oben au. Gewaltsam zwang sie sich für ihre Gefährtinnen ein harmloses Begriißungslächeln ab. Sie! Ivar ihnen überhaupt in der letzten Zeit wieder fremd geworden, sie neideten ihr die Bevorzugung des Meisters und nannten sie hochnuitig, trotzdem sie ihnen immer freundlich begegnete und still und bescheiden nie auf ihr größeres Können pochte. Aber sie war eben von anderer Art. Sie steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und flüsterten unter sich, platzten gelegentlich mit einer derben! Redensart laut heraus, während Ruth meist so versunken in ihre Arbeit war, daß sie weder sah noch hörte, was um sie her vorging. Das Bild der „Frau aus dem Volke" war nahezu vollendet. Bei seinen: Anblick erwachten die müden Lebensgeister in des Mädchens Brust. Sie griff nach der Palette, suchte den passenden Pinsel, mischte Farben und war! bald in ein förmliches Arbeitsfieber geraten, das ihren! Augen Glanz, ihren Wangen Farbe gab. Sie fah die Notwendigkeit ein, das Bild in diesen! Tagen zu vollenden. Heute war Donnerstag und Montag bereits siedelte hier Meister mit seinen Schülerinnen nach Erkner über, nur sie allein blieb zurück, und unmöglich konnte sie ihr erstes Bild der Oeffentlichkeit übergeben, ehe der Meister es nicht fiir fertig erklärt hatte.. Sie ängstigte sich etwas vor ihm jetzt, denn er zürnte ihr, da sie erklärt hatte, ihm nicht nach Erkner folgen zu können. Er hielt ihre Weigerung für Schwerfälligkeit und! eigensinniges Festhalten an kleinen Vorurteilen, war wohl! auch verstimmt darüber, daß sie sich anscheinend leichten Herzens in eine Trennung von seiner Person fügte. Nichts verriet ihm, wie schwer sie daran tragen würde, daß diese! sechs kommenden Wochen ihr wie eine lange, häßliche,^ staubige Straße erschienen, die sie hungernd und dürstend wandern mußte, ehe das Wiedersehen mit ihn: ihr als Erquickung winkte. Während ihres Arbeitens lauschte sie mit angestrengten' Sinnen auf jedes Geräusch draußen, die geheiine Angst im pochenden Herzen, er würde des schlechten Wetters wegen! heute dem Atelier ferubleiben. Es geschah schließlich nur ihretwegen, wenn er kam, denn die anderen arbeiteten doch an diesen letzten Tagen! nicht mehr ernsthast, suchten mehr aus Gewohnheit noch das Atelier auf. Als endlich doch der rasche, elastische Schritt aus der? Treppe klang, meinte sie umzufallen vor Erregung. Einen kurzen Moment war sie, nur in dem Bewußtsein, bald in! das fesselnde, leidenschaftliche Gesicht des geliebten Mannes sehen zu dürfen, so rasend glücklich, wie sie's nie für sich erträumt. Ein rosiger Schleier sank über all die Bitter^ Nisse, die sie vor wenigen Minuten noch geschreckt hatten. Dem geübten Blick des Frauenkenners, der beim Eintreten sofort die hohe schlanke Mädchengestalt gesucht hatte, entging das heimliche Glücksleuchten in den dunklen Samtaugen nicht. Es tvar zum erstenmale, daß sie sich ihn: verriet, und die beseligende Ahnung, er könne in dieser kühl- stolzen Frauenseele Flammen entfacht haben, die denen in — 311 feiner Brust verlangend entgegenloderten, durchfuhr ihn! wie ein glühender Strom. Seine Aufregung zu bezwingen, trat er zuerst an die anderen heran, wechselte gutgelaunt ein paar Scherzworte mit ihnen und trat dann rasch zu Ruth MeridieI. Seme Hand bebte, da sie die ihre umfaßte. Wie gebannt ruhte Auge in Auge. ,. r , „Immer die fleißigste!" sagte er, aber die banalen Worte legten sich gleich einer Liebkosung um rhre Seele. Sie schlug in leichter Verwirrung die Augen nieder, dem heißen, fordernden Blick, der sie schwindeln machte, zu entgehen. „ , „ „Ich hab's ja auch am notigsten!" sagte fie leise, „ich möchte das Bild beenden, Meister — ehe Sie sortgehen." Er krauste unmutig die Stirn. Um seine Mundwinkel erschien der herrische Zug. „Sie bestehen also wirklich darauf, hier zu bleiben? In dieser Tropcnglut? Schon deshalb müßten Sie, ganz abgesehen von Ihrem Studium, mit uns kommen — ich denke, Sie überlegen sich's doch noch." Von ihrem Gesicht war der rosige Schein wie ivegge- wischt. „Da ist erst gar nichts mehr zu überlegen!" murmelte sie abgewandt, „ich kann nicht — ich kann nicht über mich selbst verfügen." Jhrn schwebte irgend eine leidenschaftliche Bemerkung auf den Sippen, aber die Gegenwart seiner anderen Schülerinnen mahnte ihn zur Ruhe. „Wir sprechen später noch darüber I" brach er das Thema hastig ab, „jetzt lassen Sie uns sehen, was Ihrem Bilde etwa noch mangelt." Sie sah ihm bewundernd zu, wie er mit sicherer Hand hier und dort ein paar Lichter aufsetzte, einen Schatten vertiefte. Dabei studierte sie auch noch verstohlen sein ihr im Profil zugewandtes, nachdenkliches, energisches Gesicht, den schmalen, tadellos frisierten Kopf. Genau so töricht wie jedes andere junge Mädchen gefiel ihr alles an dem Manne ihrer Wahl, selbst die vielen grauen Haare hätte sie an ihm nicht missen mögen. Sie prägte sich jede Einzelheit seiner Erscheinung ein als Labsal für die lange Trennungszeit. Er glaubte nicht an diese Trennung. Ihn packte plötzlich der ganze übermütige Trotz des Sieggeivohnteu. Er liebte sie, er war ihrer Gegenliebe so gut wie sicher. Warum zögerte er noch, sie an sein verlangendes Herz zu nehmen? Seine Ehescheu, die stets auf sehr schwachen Füßen gestanden, hatte ihre Schönheit und Anmut längst besiegt, ihr stolzes, reines Empfinden, ihr tapferes Kämpfen gegen des Lebens Not ihm den verlorenen Glauben an die Frauen wiedergegeben. Er meinte, so und nicht anders sich die Frau gedacht zu haben, die ihm ein echtes dauerndes Glück im trauten Familienkreise schaffen, ihm zugleich die vornehme, geistig hochstehende, künstlerisch gebildete Gefährtin und die hin- gebendste, liebende Frau sein würde. Alle ihre Vorzüge würden sich ja erst recht entfalten im Glück, im sorgenfreien Leben und welche Wonne, daß es ihm vergönnt war, dem geliebten Weibe das bieten zu können. (Fortsetzung folgt.) Air HoteNo Skizze aus dem Mltag von Karl Neurath. Der große, schlanke Mann mit weißwallendem Haav und Bart, der seit Jahren mit gekrümmtem Rücken und glanzlosen Augen umherging, wohnte jetzt wohl schon an die dreißig Jahre in dem Keinen verfallenen Häuschen, hinter dessen öden, rissigen Mauern sein armes Leben auf sein Ende wartete. Vor dreißig Jahren war der Mann noch jung, war das Häuschen noch neu gewesen, aber die Jahre hatten die beiden arg mitgenommen nnd allmählich Ruinen aus ihnen gemacht, denn dreißig Jahre sind eine lange Zeit. In dreißig Jahren werden aus lauten Kindern mit großen verträumten Mürchenaugeu ringende Männer mit trotziger Stirnen- salte und stille Frauen, sorgende Eltern. In, dreißig Jahren werden aus wetterharten Männern mürrische Greise, aus ängstlichen Müttern fröhliche Mütterchen, toerben stille, wunschlvse Alte. Denn der Mann ist mir stark in seiner Arbeit, die Fran nach ihrer Arbeit im freudigen Stolze erfüllter Pflicht; er int Vollbringen, sie int Vollbrachten. Der Mann lebt der Zukunft und sorgt für die Gegenwart, die Frau lebt der Vergangenheit und sorgt für die Zukunst. Aber dreißig Jahre sind auch wie ein Traum, der flüchtig vergeht, Wie ein schöner Trautn in schwüler Sommernacht. . - oder wie ein Regenbogen, der sich von der Wiege des Lebens zur Wiege des Todes spannt. Wir wissen wohl, daß der Sraum1 verfliegt, wie ein welkes Blatt im Winde, wir wissen, daß der Regenbogen nur ein Schein ist, der bald verlöscht, denn wir sind klug. Wer wir freuen uns doch an ihnen, denn sie sind schön und unsere Klugheit ist Schwäche. In dreißig Jahren, wenn wir vielleicht schon längst nicht mehr träumen, greifen andere kleine täppische Hände verlangend nach dem farbigen Bogen, der sich schillernd über die Erde wölbt, gerade so, wie wir vor dreißig Jahren danach gegriffen hatten. Bor dreißig Jahren! Wie viel Lust und wie viel Last, wie viel sorge und wie viel Segen schließen so dreißig Jahre ein. Damals war der Professor mit seinem jungen Weibe aus den sonnigen Tälern des Südens in die noch vereiste Hennat gekommen, und sie hatten sich glücklich wie kosende Tauben in das Heilte Nest gesetzt, das hohe, treue Tannen umschatteten. Sie waren stille, ernste Leute, die vom Leben nichts weite« verlanaten als ihr bißchen Hausglück und ein bißchen Freude. Die Tage kamen in Anmut nnd Schönheit zu ihnen und nahmen ihnen nichts nnd gaben ihnen nichts, wie sie meinten. Sie waren wie zwei frohe, glückliche Kinder, die nicht nach! dem Gestern fragen und nicht vor dem Morgen bangen.-- Und es war wieder ein Frühliiig, und die Sonne liebkoste die Erde und erweckte ihrem Schoße üppiges, kraftvolles Leben. Da lauschten die Nachbarn erwartungsvoll auf den ersten Kinderschrei. z . _ „ , , Aber das Kind, das in dem kleinen Häuschen geboren wurde, schrie nicht... es ging schweigend wie es gekommen Von nun an glaubten sie nicht mehr, daß das Se6en_ nur eine Freude sei, aber sie ließen sich doch von keiner sorge bedrücken und hofften geduldig auf die Ziikunst, auf einen Auferstehnngstag.------, Und über ein Jahr, da lag em hellhaariges Mädchen in der Wiege, und es war gesund und stark; stärker als die Mutter, denn die ließ das Leben um das Kind. Die klugen schwarzen Augen, die in des Mannes Herz einst Lust am Leben gelacht hatten, waren müde geworden, so müde, daß sie nichts mehr! von der Welt sehen wollten und sich seufzend schlossen. Da war der Mann ganz still geworden. Nur als schwarze Gestalten in sein Haus drangen und den Sarg hinaustrugen, schrie er grell auf in ohnmächtiger Verzweiflung; dann sank er wieder zusammen und ging stumm hinter dem mit Blumen überladeuen Wagen her, der zum Ziel des Lebens fuhr Was der Pfarrer und all die anderen schwarzen Gestalten zu ihm sagte», verstand er nicht. Er hörte wohl die Worte, aber sie vermochten keinen Sinn in seinem Hirn zu lösen. Er sah nur die braune Grube, ans deren Wänden unzählige Wurzeln herausragten, und es war ihm, als seien es Würmer, die auf den zarten Leib seines Weibes lauerten; er sah nur, wie sich die Grube langsam verflachte, wie sich die Schollen über der Erde häuften, und es war ihm, als müsse der Sarg unter -der erdigen Wucht zermalmt werden, wie ein Käfer unter der Schwere eines Allmählich wurde es stiller und dunkler, aber „er stand noch immer bewegungslos und sah starr auf die Kränze und aus die Blumen, die den Hügel überdeckten. Das also war das Ende. Sie war dahingegangen ohne Spur Der Rausch der Liebe war zerflattert. Der dumpfe Schmerz, der seine Glieder rüttelte, war der einzige Beweis für ihr zerbrochenes Leben, für seine Liebe. An sein Kind dachte er nicht. Es war ja der Mörder seines Weibes. . , , . Ein unheimliches Glühen flackerte in seinen Augen, seine Hände krainpften sich zusammen, sein Atem floh mit rauhem Zischen aus seinen geblähten Nüstern, das Blut brannte ihm im Kopfe und in den Fingerspitzen. Wie trunken eilte er seinem ^""^Das' Kind lag schlafend in seiner Wiege und feine Wärterin saß daneben und strickte. Als er eintrat, erzählte sie ihm von dem Kinde. Was lag ihm aber an dem hilflosen Wesen, das sein Weib getötet hatte! Rache wollte er; ganz langsam das schmale, ge« runzelte Hälschen zusammen drucken, daß die Augen weit aus ihren Höhlen gnöllen... daß das Herzchen stocke . . . das VM haßte Leben verglimme, wie ein schwelender Kerzenrest. . . « Es flimmerte vor seinen Augen; er preßte die Hand darüber und stand ganz ruhig. Die Worte verllangen an seinen , Ohren . . Lautlos beugte er sich nieder, seine Hände tasteten zitternd über! das gerötete Gesichtchen, seine Finger umspannten den Hals . . Die Amme schrie laut auf, sprang empor und entriß An das toimmerube Kind und stürzte aus dem Zimmer, dessen Tur sie verriegelte. Sinnend stand er vor dem leeren Bettchen, serne Hände griffen nach den Kissen; dann! schlug er schwer ans den — 812 — Boden und aus einem klaffenden Riß sickerte imA Bürt auf den weichen Belag. Wochenlang lag er schwach und hilflos, und als er am Arme eines Dieners zum erstenmale nach dem Grabe seines Weibes ging, sahen ihm die Leute mitleidig nach. Der Tod, der seinen, Leben den Zweck geraubt hatte, hatte ihm auch die Geisteskraft gebrochen. Er wußte nur noch von seinen, Weibe. Täglich wankte er an ihr Grab, täglich redete er den Hügel mit zärtlichen Worten an, täglich ging er weinend heim. Es war keine Kraft in ihm, und so warf ihn das Leben zu den Toten, ob er gleich lebte. Sein Herz wußte von keinem Wunsche, seine Seele von keinem Willen. Er war ein müder, gebrochener Mann geworden, der seinen Platz in, Leben verloren hatte. Stundenlang lauschte er den Reden des Totengräbers, der sein einziger Freund war. Allen anderen Menschen wich er scheu aus. Sein Kind wurde von seiner Schwester erzogen, aber es sah nie seinen Vater, denn der haßte es, und es wußte auch nicht, daß er noch am Leben war. lind das war gut so sür beide. Manchmal, wenn er vom Friedhos nach Hause schlich, liefen die Kinder hinter ihm her und verhöhnten ihn. Aber das berührte ihn nicht. Nur seine müden Lider hoben sich ein wenig und seine matten Augen glänzten feucht. Ein wehmütiges Lächeln' löste seine starren, verbitterten Züge für eine kleine Weile. Er dachte an ferne glückliche Kindertage, wo auch er gesund und stark gewesen war und gerade so wie die Kinder, die ihn jetzt ob seiner Schwäche verlachten, nur das Starke und Gesunde geliebt hatte. Das war einmal — vor langer, langer Zeit. Ihm selbst war es wie ein Märchen oder wie ein tiefer, schöner Traum.... Aber das konnte er nicht mehr denken, es war nur so in seinem Gefühl, zum Denken fehlte ihm die Kraft oder vielleicht auch nur der unbeugsame Wille, der sich trotzig durchsetzt, was auch auf den, Spiele stehen mag. Es war eben keine Kraft, kein Selbstbewußtsein in ihm. Schon als Kind war er immer nachgiebig und fügsam gewesen, ober nicht aus Güte, und auch die Nachgiebigkeit seinen, Weibe gegenüber war nicht immer Liebe, aber ost Schwäche gewesen. Er war einer von den tiefen, stillen Menschen, die nur an der Sonnenseite des Lebens reifen können; er war eben ein Sonnenkind, das Sonne und Segen brauchte, wenn es gedeihen sollte. Aber ihm ging die Sonne vor der Ernte sür immer unter und jo mußte er ohne Blüte langsam verkümmern, denn Schattenkinder brauchen Kraft und Mut, und beides hatte ihm die Sonne genommen. So war er denn allgemach ein Greis geworden und von allem war ihm nur die Sehnsucht nach seinem Weibe geblieben. Und auch diese Sehnsucht kam heim, wenn auch zu den Toten. An einem Sommermittag fern der Totengräber wie gewöhnlich an das Grab des Weibes, aber seinen Freund sand er nicht. Da strich er wehmütig seinen langen grauen Bart und zahlte die Jahre. Aber es mochte ihm wohl eine recht ungelegene Arbeit sein, denn er begann noch einmal. Vielleicht zählte er aber auch seine eigenen Jahre und über- ! schlug Gewinn und Verlust seines Lebens. Später, als es schon dunkelte, hob er sorglich die Blumen aus und dann setzte er mit fester Hand den Spaten an. Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. Die H aupt Versammlung desl Kreisvereius Gießen fand am 21. Mai im Lass Ebel statt. Aus! dem Jahresbericht ist zu entnehmen, daß die Zahl der Mitglieder, die bei der Gründung sich auf 60 belief, auf 96 gestiegen ist. Um die Mittel für eine umfassendere Tätigkeit zu gewinnen, ist die Werbung neuer Mitglieder geplant und man glaubt, auf 200 zu kommen. Der Jahresbeitrag beträgt nur 2 Mark, wofür die monat- Uch erscheinende Vereinszeitschrift geliefert wird. Mitglieder, d,e nur 50 Pfennig zahlen oder nur bestimmte Arbeitsleistungen übernehmen, haben an, Vereinsleben vollen Anteil und erhalten ; die „Blätter zum Weitergeben". Der für Beeinflussung der öffentlichen Meinung gebildete Ausschuß hat die Zeitungskorrespondenz des Vereins der im Vereinsgebiet erscheinenden Presse zugänglich gemacht, auch "durch andere Veröffentlichungen Verständnis für die Alkohblfrage und die Bestrebungen des Vereins zu verbreiten gesucht. — Ein Vortrag von Prof. Dr. Sommer I nöer Die Störungen der Bewegung durch Alkohol war sehr zahl- I reich namentlich auch von Studierenden besucht. Ein in Lang- Göns gemachter Versuch, durch Veranstaltung von Borträgen mit Unterhaltung auf dem Land Interesse für die Mäßigkeitsbewegung Ku wecken, hatte gleichfalls Erfolg. Es sollen in der Folge ähnliche Versammlungen auch an anderen Orten abgehalten und dabei Flugschriften usw. verteilt werden. In der in Frankfurt a. M. abgehalteuen Ausschußsitzung ? » Hauptversammlung des Hess. Landesverbandes, wurde u. a. das Verhältnis des Verbands zu den Kreisvereinen erörtert und über das Lrinkerasyl in Burgberg (Bieber) bei Gelnhausen beraten. Erfolgreich war der für Gasthausreform und Schaffung von Ersatzgetranken eingesetzte 2. Ausschuß bei seinen Verhandlungen mit dem Gastwirteverein inbezug auf die Verabreichung von alko. holfreien Getränken und von Speisen ohne Trinkzwang. Letztere soll gegen eine entsprechende Preiserhöhung stattsinden. Entsprechende Plakate werden in den in Frage kommenfdien Lokalen" aufgchängt. Sollte das Jugendfest im Philosophenwald wieder gefeiert werden, so darf die Erwartung ausgesprochen werden, daß ausreichender Platz für Vvlkskaffeehallen und den Ausschank von alkoholfreien Getränken vorgesehen wird, .damit die Kinder nicht gezwungen sind, Alkohol zu genießen. Dem Bedürfnis nach alkoholfreien Getränken konnte beim letzten Jugendfest der Verein mit seinem noch in letzter Stunde errichteten Ausschank auch nicht annähernd genügen. Tie dem 3. Ausschüsse obliegende Fürsorge für einzelne Trinker konnte sich nach Lage der Sache nur auf eine persönliche Einwirkung beschränken. Der Ausschuß für Mitwirkung der Schule und Beeinflussung der schulentlassenen Jugend hat in mannigfacher Hinsicht anregend gewirkt, wenn auch seine Tätigkeit naturgemäß weniger an die Oeffentlichkeit getreten ist. Für Mütter. — In der Nummer 19 der Zeitschrift für Kinderpflege und Kindererziehung „U n s e r K i n d" fetzt Dr. I. Roland an leitender Stelle feine höchst lehrreiche Artikelserie über „Kindernährmittel" fort und spricht in gewohnter, sachlicher und anregender Weise über Kindermehle im allgemeinen, über deren hygienischen Wert und Bedeutung. Aus dem reichhaltigen Inhalte dieses Heftes möchten wir noch die Artikel „Beschäftigung im vorschulpflichtigen Alter", sowie „Häuslicher Nachhilfsunterricht" hervorheben und dann besonders auf den knlturgefchichtlich wie pädagogisch interessanten Aussatz „Alte Gedanken über Kindererziehung" von Dr. Rudolf Schwab Hinweisen. Wir empfehlen allen Eltern diese gediegene Zeitschrift aus das angelegentlichste. (Wien, I. Mölkerbastei 10.) Neue Aphorismen von Marie v. Ebner-Eschenbach. , Wenn die, die uns nachsolgten, uns nicht mehr erreichen können, schwören sie darauf, daß mir uns verirrt haben. Eine stolz getragene Niederlage ist auch ein Sieg. * Suche nie, dich von einem unbegründeten Verdacht zu reinigen; es ist entweder überflüssig oder vergeblich. * Geistlose kann inan nicht begeistern, aber fanatisteren kann man sie. * Schaffen führt zum Glauben an einen Schöpfer. * Wer Gleichheit zu schaffen verstände, müßte der Natur Gewalt antun können. Wer gütig ist und hat recht viel Geduld, Dem zahlt das Leben jede Liebesschuld. * Zn pflücken du nur zögernd wagst Die Blumen in den Beeten; Es kommt der Tag, an dem du zagst, Ein Unkraut auszüjäten. * Lieblich blinkender Stern am nächtlichen Himinelsgezelt, Bist du der Lichtgruß vielleicht einer entschwundenen Welt? Rätsel. Nachdruck verboten. Man hat mich der Gottheit Geschenk genanntz Bei allen Völkern bin ich bekannt. Ich bin beliebt und unentbehrlich. Sobald der Winter fällt beschwerlich. Erheb' ich mich aber und wachse an, So flieht und haßt n,ich Jedermann. Ich brachte Manchen um sein Gut, Der nicht vor mir war auf der Hut. m. (Auflösung in nächster Nummer.? / Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: P N B P tolemäus out Inh N ennaugen man ä g i Buthenium s n m Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'kchen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,