1906 klw ZsM M WitLettoke WüdÄelt. Roman von H, Ehrhardt, (Scacbdruck verboten.) (Fortsehung.) Sie hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. Ihre großen, traurigen Augen sahen ihn beschwörend an. Er senkte deir Kops. Er war jetzt sehr rot geworden. „Na, ich will's ja nicht wieder tun!" versprach er endlich halb widerwillig. Sein Trotz schien gebrochen. Trotzdem verließ Ruth ihn in großer Unruhe. Seine aufrührerischen Worte klangen in ihr nach. Die Gesinnung, die er damit verraten, war in dieser Stunde nicht ausgelöscht wordeu, sie tvürde mit ihm wachsen, ihm endlose Kämpfe, tausend Demütigungen bereiten, denen er entgehen würde, hätte er Charakterfestigkeit genug, stolz über der kleinlichen Alltagsmisere zu stehen. In ihre schmerzlichen Gedanken platzte Suse, aus der Klavierstunde kommeud, mit der Nachricht, daß Hans Klausen soeben mit einem Niesenkoffer auf den Bahnhof gefahren sei. „Angesehen hat er mich, als ob er mich fressen wollte, so ivütend. Wer weiß, was ihm über die Leber gekrochen ist. Na, ich hab' ihm eine Fratze geschnitten zur Revanche, an die wird er noch lange denken. So!" Und sie verzog ihr hübsches Gesichtchen zu einer weg- lverfenden Grimasse, die jeder Eitelkeit Hohn sprach. „Etsch!" sagte sie dazu und war schon wieder aus der Tür, ehe Ruth noch ein tadelndes Wort hervorbrmgen konnte. Beiin Nachmittagskaffee wicrde Nansens plötzliche Abreise von Suse und der Mutter noch eingehend besprochen. Es war doch ein Ereignis, das der kleinen Stadt viel Stoff zur Unterhaltung bieten würde. Irgend etwas steckte sicher dahinter. Mair erzählte sich, daß er monatelang wegbleibeu würde, und das war doch höchst befremdlich, rrachdem er beu alten, schon recht ge- schäftsmüden Vater eben erst die Leitung der flottgehendeir Fabrik abgerrommen hatte. Was mochte ihn nur forttreiben? Ruth beteiligte sich nur sehr spärlich an der Unterhaltung, die ihr zur Qual wurde. Sie glaubte nebenbei zu bemerken, daß die Mutter uoch unruhiger uub enttäuschter aussah, als sonst, und das verschärfte ihre Pein. Ahnte sie etwas oder hatte sie von Hans Klausen etwas erhofft? Tas Mädchen hielt es endlich nicht mehr aus, diesen verängstigteil Mutteraugen gegenüber. Sie flüchtete airf ihr Zimmer. Tort setzte sie sich tut Dämmern ans Fenster und starrte auf die matt erleuchteten Fenster des Hinterhauses. Nicht lange. Eine neue Sorge trieb sie empor. Sie zündete hastig eine kleine Lampe an und zog sich einen Stuhl zu deut schinaleit Tisch au der Wand, der allen mög- .ichen Zwecken, auch dem als Schreibtisch diente. Aus der kleinen verschlosseneit Schublade nahm sie ihv Wirtschaftsbuch und ein Pappkästchen, dessen Inhalt sie ausschüttete. Es waren 70 Mark in Goldstücken. Ihre schönen Augett irrten zu dem Kalender auf dein kleinen Bordbrett. Ec zeigte erst den 12. Januar. Selbst unter normalen Verhältnissen wäre e8 eine Unmöglichkeit, mit dieser Sunune bis zum nächsten Monat auszukvmmen, geschweige denn, wenn ein Besuch in Aussicht stand. Tie beherrschte Ruth fühlt eine förmliche Wut tu sich aufkochen gegen diese adlige GeheimratStante, die aus ihrem glän- zeuden Berliner Heim heraus so plötzlich iu ihrem armseligen Dasein anftanchte und es ganz selbstverständlich finden würde, wenn man sie mit recht viel Umständen! aufnehme. Wozu brauchten die reichen, vornehmen Verwandten, die sich jahrelang nicht um die Mutter gekümmert hatten, überhaupt erst zu wissen, wie jammervoll sich das: einstige Fräulein von Lylow durchs Leben schleppen mußte, das sich mit ihrer Schönheit einst das glänzendste Los hätte erobern können. Ein heißes Erbarmen für die abgehetzte, verhärmte Mutter treibt Tränen in Ruths dunkle Augen. So weit cs in ihrer Macht stand, sollte den Fremden die häusliche Misere verborgen werden in oer kurzen Zeit, die sie hoffentlich ihrem Besuche zumessen würden. Zwar ist ihre Kasse durch die Hilfe, die sie ihrem Bruder Karl gewährt hat, erschöpft, aber sie kennt doch einen Ausweg, eiucu einzigen, der ihrem Stolz nicht leicht wird, beu sie aber dankbar als Rettungsauker ergreifen muß. In der Dämmerstunde des nächsten Tages schlüpft sie zu dem ersten Buchhändler des Ortes, der nebenbei ein wenig Knnstmäcen ist und sich für Ruths Maltaleut von jeher lebhaft interessiert hat. Sie will ihm ein paar kleine Malereien, die eigentlich zu Geschenken bestimmt waren, zum Verkauf bringen. Sie hat es schon einmal getan, damals, als es galt, die Eauipierttng Karls zu beschaffen und sie nicht den Mut gefunden hatte, dem Vater die ganze Summe, die dazu nölig gewesen war, zu nennen. Ter alte tveißbärtige Herr empfing sie in seinem Privatkontor mit seiner gutmütigen vertraulichen Liebens- würdigkeit, die ihr über das Peinliche ihres Anliegens hinweghalf, indem er ihr sehr erfreut cntgegenkam und gleich fragte, ob sie ihm wieder etwas hübsches bringe. Tie Blumenstücke, die er damals einem ihm befreundeten Kttnsthündler in Breslau zugesandt hatte, waren sofort vergriffen gewesen und er würde sicher sehr gern 1 triebet ähnliche Sachen übernehmen. Ein wenig zaghaft packte sie ihre Arbeiten ans, ein paar kleine Landschaften, bereit zarte Farbenstimmung ihr sehr gut geglückt war, uub ein etwas idealisiertes und doch sprechend ähnliches Porträt ihres Lieblings Walter, von dem sie sich schwer trennte, das aber, wie sie schon im voraus gefühlt, den besonderen Beifall des alten Herrn fand, der meinte, gerade dieser „Stndien- kopf" würde sicher sehr gut verkäuflich sein. Und er per- — 186 — tiefte sich, wohlgefällig mit dem ergrauten Kopf nickend, in die eingehendere Betrachtung der Arbeit. In Ruths Gesicht hatte ein Zug freudiger Erleichterung die nervöse Spannung der letzten Tage abgelöst. Sie vermochte nicht, dem alten Mann überschwänglich zu danken, als sie sich nach ein paar Minuten von ihm verabschiedete, aber er sah ihr an, welche Last er hilfreich von diesen junge» Schultern genommen hatte. Sie tat ihm aufrichtig leid. Er war einer von den wenigen, die ermessen konnten, durch welche Kämpfe sich diese stolze, junge Mädchenseele hindurchgerungen hatte, ehe sie gelernt, sich zu bescheiden. Schon als sie mit feiner nun bereits verheirateten Tochter zur Schule ging, hatte er sich für das begabte Mädchen lebhaft interessiert, dessen höchster Wunsch es damals Ivar, eilte große berühmte Malerin zu werden. Er ahnte den Hemmschuh, der sie ihr Ziel nie erreichen lassen würde. Wo hätte der Amtsgerichtsrat auch die Mittel her- nehmen sollen, das Talent seiner Tochter ausbilden zu lassen? Als sie erwachsen war, hatte auch sie höchstens noch mit einem Lächeln von ihren Kinderträumen gesprochen. Hub doch dachte sie auf ihrem einsamen Heimweg mit qualvoller Sehnsucht dieser Kinderträume. Wenn sie es wenigstens soweit gebracht hätte, daß sie hätte Malstunden geben können. Es wäre doch eine geringe Sicherheit für die Zukunft. Wie klein und bescheiden das Schicksal sie doch gemacht hat. Sie hatte gedacht, mit ihrem vielfach a»gestaunten Talent einmal über der Menge zu stehen, und nun war sie ein Herdentier geworden, eine wie Viele, die froh gewesen wäre, hätte sie die Zahl der schlecht bezahlten Mallehrerinnen der kleinen Stadt um eine vermehren dürfen. Es ist eine doppelte Qual für sie, als sie zwei Tage spater den lebhaften Neußerungen des Staunens und der Bewunderung, mit denen der vornehme Besuch nicht kargt, standhalten muß. Die Geheimrätin, eine aut konservierte Fünfzigerin mit rosigem Antlitz unter weißen Wellen- scherteln, die imposante Gestalt in ein Jetüberschüttetes schwarzes Seidenkleid wie in einen Panzer gezwängt, wundert sich ein über das andere Mal, woher die Nichte dieses unglaubliche Maltalent habe und kann sich nicht darüber beruhigen, wie man solch ein Talent brach liegen lassen „Ich bitte Sie, bester Vetter, es ist ein wahrer Jammer." Ter Amtsgerichtsrat kneift herbe die Lippen zusammen und Ruth kommt seiner Antwort zuvor, indem sie möglichst leichtherzig sagt: yl „Tu überschätzest wohl meine Pinselei, liebe Tante! Ich bin nebenbei keine Freundin der malenden Frauen, ich meine tont solchen, die das als Berus auffasseu. Um liebe Menscqen gelegentlich zu erfreuen, leiste ich auch so genug und mehr will ich auch nicht." Die Geheimrätin zuckte nur die Achseln, sie begriff das nicht. Es war eben die Kleinstadt, die Enge, die so sprach. Sie entwarf darauf lockende Schilderungen von ihrem Berliner Leben und protzte gutmütig liebenswürdig mit ein paar Künstlerberühmtheiten, die in ihrem Salon verkehrten, worauf die Tschter geringschätzig die Lippe verzog und sich nn Suse wandte mit der Frage, ob sie gern mit Leutnants tanze. Tie stieß fast einen Schrei aus. So eine Frage. Sie hatte zwar noch mit keinem getanzt, aber es war für sie doch der Inbegriff der Wonne. Tie magere, blasse Hauptmannsfrau überlegte ein Weil- chen, die hübsche Cousine ungeniert musternd. Sie war mcht gerade hervorragend menschenfreundlich! veranlagt, zum mindesten viel weniger gutmütig und impulsiv als ihre Mu^er, aber fie empfand doch eine liebenswürdige Agusch gegenüber diesen glänzenden, erwartungsvollen Madcheuaugen. Sie dachte, wie reizlos sie selbst gewesen und wie sie doch ihre Jugend genossen hatte. kleine Schönheit würde zwar eine schlechte Folie bubeii für ihre eigene Unscheinbarkeit, aber man würde ftch m der Gesellschaft tont N. gut mit ihr einführen. Tie Leutnants würden um sie herum fein, wie die Fliegen ben Zucker, fie kannte das. Und wenn man selber nicht Balllonigui fein konnte, war es noch nicht das schlechteste, Ballmutter bet einer solchen zu spielen. Tie Geheimrätin, welche fie in einem M,gestörten Moment zu Nate zog, redete nur zu: 0 d' „Natürlich, matt müßte für die Mädchen etwas tun, es war wirklich beschämend, daß man sich um so nahe | Verwandte nicht eher gekümmert hatte. Ihr wäre ja die i Ruth sympathischer als der Irrwisch, die Suse--" Ta lachte die Tochter trocken. „Tas ist nicht Leutnantsgeschmack, die paßt vielleicht für eilten Deiner Berliner Künstler." „Warum nicht!" gab die Geheimrätin ruhig zurück, „wenn ich sie mir erst hier heraus hätte, aber mir scheint, das wird schwer halteii." Und sie hatte Recht. Ruth fort? Nein, baS' war einfach unmöglich. Ein Sturm des Schreckens erhob sich, den Ruth lächelnd beschwichtigte. Sie dankte der gütigen Tante vielmals für ihre liebenswürdige Absicht, aber sie wag wirklich ganz unabkömmlich. Bei Suse war es etwas anderes. Tie Mutter wagte zwar klüglich die Toilettenfrage ins Treffen zu führen, aber der Wildfang fiel ihr frcude- fthluchzeud um den Hals, und da Ruth ihr im selben Moment ermutigend zutrickte, sagte fie zu allem Ja und Amen. Tie Entscheidende war ja doch Ruth. So schien auch der Amtsgerichtsrat zu denken, der bei der ganzen stürmischen Erörterung wortlos daaefesfen hatte, und als mau, sich endlich besinnend, auch seine Erlaubnis einholen wollte, nur ein mürrisches „Meinetwegen" brummte. So gab’S auf einmal eitel Sonnenschein in Suse Me- - ridies Leben. Sie war rein wirbelig vor Freude. Kasiuo- bälle, Maskenfeste, Schlittenpartien, Leutnants, einer immer fescher wie der andere, von etwas anderem sprach sie überhaupt nicht mehr. Heinz tippte bann sehr bezeichnend mit dem Finger an die Stirn und meinte, mehr treffend als liebenswürdig: „Wenn der Mensch verrückt wird, wird er's zuerst im Kopfe", worauf Suse ihm eine Ohrfeige gab und sich in die schönste, einer Kasinoballbame aber sehr wenig würdige Keilerei mit dem Bruder entließ. (Fortsetzung folgt.) Dem Wahren, Gdlm, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. " (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die trafen regelrecht ein und lauteten stetig beruhigender. Eines Tages hatte Freda von selbst nach ihrer Mutter verlangt, und vor kurzem war der erste eigenhändige Bries der jungen Fran an die Adresse Arensteins gelangt. Freda bat, Heros möge ihren Geburtstag in Bisingen verleben. Jubel im Herzen reifte Heros ab. Er traf am späten Abend im Städtchen Bisingen ein und stieg in demselben kleinen Gasthof ab, in dem einst Frehliughaus eine schreckliche Nacht verbracht hatte; er erhielt das gleiche Zimmer, und wie jener, so stand auch er lange, lange vor dem grün- glasigen niedrigen Fenster und schaute über die mond- umsiossene Landschaft hinauf nach dem asten Schlosse. Und wie damals, so hielt auch am nächsten Morgen die große Kalesche mit den dicken Percherons vor dem Gasthof, und wieder versammelte sich ganz Bisingen, den theatralischen Federhut des Jägers anzuftaunen, der den Kutscher begleitet hatte, um nach Stand und Nücksicht den Wagenschlag zu öffnen, wenn Seine Durchlaucht ein- ober auszusteigen beliebe. Aber die Fahrt, die Serpentinen hinauf nach dem Schlosse, machte Arenstein ungeduldig. Es roch auch dumpfig in dem geschloffenen alten Kasten, teils nach vorsichtig aus- geftreutem Mottenpulver, teils nach vergangenen Zeiten. So sprang er denn hurtig aus dem Wagen, ließ die zottigen Percherons weitertrotten und eilte auf allerhand, den Fahrweg abkürzenden Seitenpfaden, die er noch aus der Kinderzeit her kannte, quer durch das Tannengrün den Schloßberg hinan. Daß es ein wundervoller Tag war, mit licht verschleiertem Himmel und zarter Goldpunktierung ans den Baumstämmen, mit fröhlichem Vogelsang und huschenden Eidechsen unter dem Geröll: das stimmte ihn hoffnungsfroh. Er war weit früher im Schloßhofe als die Percherons. Hier kannte er jeden Stein. Auf drei Seiten stieg das alte Mauerwerk auf, grau und mit abgefallenem Putz, wie ein 187 Gefängnis. Aber es schien Leben in diesem Gefängnis. Im ersten Stock stand ein Fenster auf. Man sah Palmengrun und eine hohe Callas; dahinter mußte jemand am Klavier sitzen: eine frische Frauenstimme sang das Auftrittslied der Carmen. , . . o ~ „ Mit klopfendem Herzen schlich sich Heros in das Haus. Kein Mensch begegnete ihm. Es war alles wie früher: er wußte Bescheid. Die breite ausgetretene Stcintreppe hinauf rind dem langen Gang mit dcii verdunkelten Oelportrats rechts hinab. Dann durch das erste und zweite Zimmer, uiid nun stand er auf der Schwelle vor der Sängerin . . . Sie sah ihn nicht, sie sang weiter. Auf einmal rauschte es über ihr: eine Schwalbe hatte sich verflogen, war durch das offene Fenster geflattert und strich mit unruhigem Fliigel- schlage dicht über ihr rotes Haar dahin. Da schaute sie empor und sah auch Heros. Sie schrie leise auf rind griff mit der Hand nach dein Herzen. Aber da stand Heros schon neben ihr, iimfaßte sie und küßte sie sanft. „Meine Freda", sagte er, „die Schwalbe bringt Glück herein, ich will es halten. Denn nun halte ich Dich und halte Dich fest, und Du sollst mir nicht mehr mit scheuer Gebärde in den Winkel flüchten, angstvoll, als sei ich der Versucher, und Deine Seele mit Sünden beladen —" „Heros, ist sie es nicht?!" . . . rief sie, aber sie blieb in seinem Arm und schaute ihn leuchtend an. „Ach Heros, ich kenne mein Herz. Vielleicht hätte ich doch nicht den Mut gefunden, seiner Tyrannei zu entfliehen, hätte in mir sich nicht mit der Liebe auch neue Hoffnung geregt. Und da begann der wilbc Streit in mir: tat ich recht oder unrecht? Kann er nicht immer noch sagen: sie ging von mir um seinetwillen?!" „Lieb, ich bringe Dir etwas mit: einen Brief, den ich vor einigen Tagen erhielt. Er kommt von weit her — und erschrick nicht vor der Handschrift. Das, was darinnen steht, klingt wie ein Gruß der Versöhnung. Ich bin von härterer Struktur als Du; ich hätte auch diesen seltsamen Gruß gern entbehrt. Aber ich denke, Deiner weicheren Natur, die heute himmelhoch jauchzt und morgen ein mystisches Versenken liebt, wird er tröstliche Linderung sein. Lies! . . ." Der Brief kam von Frehlinghaus. Freda las: „Friedensburg bei Mikatschene in Usambara, 27. 3. Um diese Zeit muß die Scheidung meiner Ehe rechtskräftig werden. Dazu gratuliere ich iit erster Reihe Dir, lieber Heros. Du wirst Freda heiraten, und ich glaube wohl, daß sie bei Dir das Glück finden ivird, das ihr an meiner Seite fehlte. Ich wünsche es ihr von Herzen — nicht als fagon de parier, denn die Phrase verlernt mmt hier unten, sondern aufrichtig. Ich hatte Dir vor meinem Adieu aus Berlin eine Kugel zugedacht; ich habe es mir rechtzeitig anders überlegt. Rache ist süß, aber sie muß zu irgend etwas nütze sein. Außerdem würbe Freda sich um Deinetwillen zu Tode gegrämt haben. Das hätte mir leid getan. Sie haßt mich, doch nicht ich sie. Als sie mir davon gelaufen, habe ich mir sogar eingebildet, ich hätte sie wahnsinnig geliebt, und diese merkwürdige Einbildung scheint Türen in meiner sogenannten Seele geöffnet zu haben, die ich sonst fest verschlossen hielt. Schiffbrüche kommen immer vor. Mir ist, als hätte ich mir aus dem meinen doch einiges retten können. Hier sitze ich nun fest. Ich habe Land, dreimal mehr wie Euer Fürstentum vor der Mediatisierung, und darauf bin ich der Herr. Das Bücken bei Hofe würde mir schwer fallen, sollte ich noch einmal nach Europa zurückkehren. Aber daran denke ich vorderhand nicht. Leb wohl und grüße mir Freda. Vielleicht, daß sie mit der Zeit auch ihren Haß vergißt. Eugen Frehlinghaus." Gedankenvoll gab Freda den Brief zurück. „Ich hasse nicht mehr, da ich liebe,'' sagte sie leise. „So ist es recht, Freda!" rief Heros und strich zärtlich über ihr Haar. „Die Rache ist unnütz, schreibt Frehlinghaus, aber wahrhaftig auch der törichte Haß. Der Vorhang ist gefallen, der nene Akt hebt an. Freda, heute ist Dein Wiegenfest. Ich bringe kein Geschenk mit, nur etwas Nötiges —* Er nahm zwei goldene Ringe aus der Westentasche, steckte den einen sich selbst an und den näheren, den er küßte, an FredaS Finger . . . „Wir haben zusammen gelitten, Du und ich und einer um den andern, das hat unsere Liebe gefestet. Die Sonne ist wieder da, Freda — Du sollst auch wieder lachen lernen. Sollst auch weiter singen, wenn Du willst, freilich nicht vor der Oeffentlichkeit, sondern nur vor mir, und ich werde glücklich fein, wenn ich Deine liebe Stimme höre. Schau mich ein, Freda: ich sehe, die tragische Muse flieht unb, der alte Schelm guckt wieder aus Deinen grünen Fenstern; ich sehe, auch die Lippen sind wieder blühend geworden und werben küssen können wie an der Buchtung am See, da der Fink schlug. Freda, Dir meine rote Braut mit den glasgrünen Guckern, um des Farbenspiels halber werben wir auf unserem Spaziergange am Nachmittag unten im Walbe den blauen Schleier wehen lassen. Den habe ich mitgebracht; uralter Aberglaube wachte auf — ich habe ihn auf meinem Herzen geborgen, denn er sollte mir Glück bringen. Und also geschah cs." Stürmisch warf sie sich an seinen Hals. „Komm mit zur Mutter!" rief sie. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. * Der Kamps gegen das Duell vor 200 Jayr e u. Nin 24. Februar werben es 200 Jahre sein, daß der Kurimit von Hannover, Georg Ludwig, ein beachtenswertes Edikt gegen bas Duell gab, bas in unseren Tagen ganz besonderem Interesse begegnen wirb. Er sagt darin, daß er „mit ganz ungnädigem Mip- salleu" vernehme, wie das Duell bei seinen Truppen, tellv aus „ohnzieinlich.m Ehrsucht" teils nu§ Gewohnheit bocl^ wieder sehr entreiße, darum gebiete er „Unseren Oistzieren und Lolbaten, dap sie sich alles Querelierens, Aussordern und Duellierens gantzttch enthalten sollen." Die Behörden fordert er aus, daß i>e aus solch verbotenes Balgen unb Schlagen und „dessen Aniangern, Boll- iührer, Heller nnb Beförderer fleißige Acht haben, dieselben, wann sie betroffen werden, sofort in Arrest und gesangliche Halt nehmen laffen". Bleibe einer von den Duellanten tot am dem rmnips- platze, so solle die Leiche „durch die Henkersknechte nach der schmd- grube und zu unehrlichem Begräbnis, der Täter aber sofort nach gehaltenem Standrecht und Besiubeu vom Leben z>tm Tode gebracht werben". Auch die Sekundanten sollen zu gebührlicher Strafe gezogen werben. — Im Jahre 1719 hat Georg Ludwig (König Georg von England) wieber mit „ungnädigstem Atmtauen vernommen, daß doch wieder gegen das Duellverbot gesündigt werbe, schärft es abermals ein und vermehrt es. Darnach soll Trunkenheit nicht mehr als Ausrede gelten, ionbevn_ vielmehr die Strafe verschärft werden, wenn die Beleidigung, auf welche ba-o Duell folgte, im Rausch geschah. Wenn einer beleidigt sei, solle er sich unverzüglich beim Kriegsgericht melbcn. Fordert eurer zum Duell, so soll er, falls bas Dliell nicht staitstndet, wenn er Omper ist, drei Atonale auf Schilbivache mit Musketier-Gage gehen, wenn er Unteroffizier ober Gemeiner ist, für drei Monate nach Hameln ins Gefängnis ober nach deut Kalkberg in Lüneburg >v andern. Diese Strafen solleir verdoppelt werben, wenn das Duell statlsinbet» aber uubülliq verläuft; bei einer ungejährlicheu Verwilubnug ist die Strafe noch 3 Monate zu verlängern. Der König will darauf „steif unb veste halten, damit die höchstverpönte Duella' endlich verschlviiide. , * Ein Ballkleid aus Marken. Ein eigenartiges Ballkleid wurde kürzlich, wie eine englische Zeitschrift erzählt, auf einem Balle in Bermuda getragen. Sein Schmuck bestand aus 30 000 Briefmarken; aber diese Marken waren nicht nach Belieben aufgesetzt, sondern ergaben ein bestünuues Muster Die Taille zeigte vorn einen Adler, der im wesentlichen au5 braunen kolnmbischen Marken gebildet war. Der Adler hielt in seinen Fängen einen Erdball aus sehr allen blauen Marken, und zu beiden Selten sah inan das amerikanische Sternenbanner mit den Streifen airS roten und blauen Marken. Der Rücken der Taille war in Form eines L-chudes dekoriert, der ans einer Sammlung ausländischer Marken zusammengesetzt war und in seiner Mitte ein Porträt zeigte. Auch der große Hut, der zu diesem Ballkleide getragen wurde, war mit einem hübschen Muster aus roten und blauen Marken bedeckt. . ** Ein deutscher Kolouia lstaat des Mittelalters. Zn einem Augenblicke, da der südarnerikanische Freistaat Venezuela sovick Aufmerksamkeit aus sich zieht, ist es gewiß vou besonderem ^Merefie, sich zu erinnern, daß die von Herrn Castro nach fo, eigenartigen Grumgatzen verwaltete und nach außen vertretene Republik einst ein deutscher ftoloinal« ftaat war. Hierüber sprach am 5. Februar in der Abteilung Berlin der deutschen Kolonialgesellschast im großen Saale der Kriegsakademie der bekannte Staatsrechtsgclehrte und Geschichtsprosessor Dr. Kekule von Stradonitz aus Grum> tanger, eingehender Studien in einem auderha.v» stündigen Vortrage, dessen Thema lautete: „Das kolonialeiluter nehinen der Welser in Venezuela im 16. Jahrhundert." Dr. vo? Keime 188 — begann mit einem Rückblick auf die Geschichte der Welser, jenes oberdeutschen GroßlaufmanuSgeschlechtcS, dessen Namen weiteren Kreisen wohl nur durch das romantische Schicksal der berühmten Philippine Welser bekannt ist, und gab dann eine eingehende Darstellung der Rolle, die das Welseriche Handelshaus im Mittelalter inncbatle. Es betrieb hauptsächlich den Safranhaudcl im Großen und besaß ausgcbrcitcte Niederlassungen im ganzen Süden von Europa, besondere Zweiggeschäfte auf der spauisch-portugicsischen Halbinsel. Der Safran war in jener Zeit einer der wickitigstcn Farbstoffe und einige Plätze der spanischen Halbinsel bildeten damals die Hanptstapelplätze für ihn. Durch den Handel mit Safran zu außerordentlichem Reichtum gelangt, halten sich die Welser bald nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nm das Kap der guten Hofsnnng nach Ostindien an Portugiesischen und spanischen tiberseeifchcn Unternehmungen beteiligt nnd schließlich begründeten sie als LcbnSträgcr der Krone Spanien im nordwestlichen Teile von Südamerika einen ganzen Staat: das bcntige Venezuela. Der Vortragende schilderte dann in eingehender Weise die Geschichte dieser Gründung nnd die Entdeckungszügc der Wclserischen Feldhauptlente in das Innere, so den berühmten Fedcrmannschcn Zug über das Hochgebirge der Anden nach dem sct ätzcreichen Hochlande der Tschibtscha, im heutigen Colombia. Der Verlauf des Prozesses, den die Welser in Spanien führen mußten, fem Ausgang, der ihnen den Verlust ihres K olvnialstaateS bi achte, sowie eine Würdigung ihrer Verwaltung der Kolonie und der weltgeschichtlichen Bedeutung dieses ersten überseeischen deutschen KvlonialnnternchmenS bildeten den Schluß des nach Inhalt rind Form gleich ausgezeichneten Vertrags, dem die zahlreich erschienene Zuhörerschaft mit der größten Spannung folgte und am Schlüsse lebhaften Beifall spendete. "Sie: „Wie ich höre, hat Herr HawkinS Pech init seiner Liebe gehabt. Warum ihn das öirioel denn wohl nicht geheiratet hat?" — Er: „Sie lat Das ist ja gerade sein Summer." Mer ne praktische Ratschläge. — Härtet die Kinder ab! Diese Mahnung kann den Eltern nicht ost genug zngcrnfen werden, und wer von ihncn sie nicht beachtet, der wird die Folgen davon zii seinem größten Leidwesen jetzt bei der kalten Jahreszeit bald au seinen Lieblingen beobachten können. Schnupfen, Husteu und sonstige Erkältungen sind in den meisten Fällen auf Verweichlichung zurückzusübren, herbeigeführt durch zu warme Kleidung, die möglicher Weise schon im Sommer bis an den Hals zugeknöpft ist. Auch das Waschen der Kinder mit warmem Wasser ist durchaus zu verwerfen, man gewöhne sie vielmehr daran, sich Hals, Brust und Gesicht auch im Winter mit kaltem Wasicr zu waschen und frische rote Backen und ein gutes Wohlbefinden werden die Folge sei». Geradezu zu verwerfen ist eS, wenn man den Hals der Kinder, um sie vor Erkältungen zu schützen, mit dicken Schals einwickelt. Gerade daS Gegenteil, was damit bezweckt wird, tritt ein. Der Hals wird vcrweia liclit und heftige Erkältungen stellen sich bei dem geringsten Luftzug ein. Uni? dann halte inan die Kinder nicht ängstlich tut warme», womöglich überheizten Zimmer, sondern lasse sie sich auch bei Schnee und Kälte lüchlig un Freien tummeln. Das macht den Körper gesund und widerstandsfähig und wirkt tvohltnend auf den Geist ein. Wenn irgend, so gilt bei der Jugend das Wort, daß nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen kann. Man klagt soviel über Blutarmut unter den Kindern, aber gerade diese ist eine der schlimmsten Folgen der Verweichlichung. Wer seine Kinder lieb hak, der sorge bet Zeiten dafür, das; sie sich abbärten und dadurch frische Geschöpfe werden, sich selbst, den Eltern und andern zur Freude! LLtevarifehss. — Haydn, Mozart, Beethoven. Von Prof Dr. C. Krebs in Berlin «„Aus Natur und Geisteswelt" Sammlung wisfenschafllich- gemeinverstäudlicher Darstellungen auS allen Gebieten des Wissens, 92 Bändchen Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Mit vkcr Bildnissen ans Tafeln. |IV n. 120 ©.]' 8. geb. 1.25 Mk. — Der Vorzug des vorliegenden Bändchens liegt darin, daß cs mit wenigen, aber möglichst scharfen Strichen ein Bild der menschlichen Persönlichkeit nnd deS künstlerischen WescnS der drei Heroen der neueren Musikgeschichte zu geben sucht, nnd inSbesiiidere bervorheben will, was ein jeder aus seiner Zeit geschöpft und was er ans eignem hinzugebracht hat. So wird Haydn charakterisiert als der, der „alles, n as im Gebiete der Musik seine Zeit bewegte, alles, was au neuen Strömungen die alten Gewässer durchfloß, an sich zog, eS auf- uabm und ihm den vollendetsten Ausdruck itttb die typische Form gab" olä der, von dem Mozarts Wort gilt: „Keiner kann alles, schäkern und erschüttern, Lachen erregen und liefe Rührung, und alles gleich gut, als Haydn." Mozart wird als der Justruinentalkomponist nach WagnerS Worten gezeichnet: „er hauchte seinen Instrumenten den sehnsuchtsvollen Atem der menschlichen Stimme ein, der sein Genius mit weit vorwaltender Liebe sich zuneigte" und alS der größte Charakteristiker als Opernkomponist, „der i3 dahin nicht erreicht. Wie von einem Berge sieht c5 wette strecken, das gelobte Land Kanaan, das deö Menschen Fuss nie betritt, — aber es sieht den Horizont, auf dem dex Himmel ruht. Ein grosser Reiz des Bildes liegt ausserhalb des Bildet Ate Saite vibriert und tönt, aber das Echo antwortet von überall her. Maß ivird die Ausstellung bringen? Vielleicht daS Bild, das du suchst? Irgendwo in der Welt wird eS doch sein. Es hielt sich nur versteckt. Es wird da? Bild sein, welches dir mit einem Male alle die Freude gibt, die du brauchst, damit dein ganzes Leben erhellt wird. — Was für Eigenschaften wird denn das Bild haben, das du suchst? Ich denke, es wird dich an eine schöne Stunde deines Lebens erinnern, an die Zeit, da wir wach waren, die Schönheit der Welt ringsum zu sehen, da die Landschaft, die Bäume, die Blumen Ausdruck gewannen. Oder wirst du nicht den Menschen wieder erkennen wollen, den du liebst, der dir daS Gute zeigte nnd daS Schöne? In einer Zeit, welche dem Berstands, den sogenannten exakten Wissenschaften, dem Rechenexempel, dem Experiment so viel Macht einräumt, ist, wie eS scheint, das Begehren unserer Seele, ihre ungestillte Sehnsucht nm so grösser, sich den Geheimnissen der Kunst hinzugeben. _ Ohne Zweifel ist die heutzutage ost so leidenschaftlich sich äussernde Knnsttiebe aus solcher Quelle zu erklären. Und wie eigentümlich, — gerade die schweigsame Malerei scheint jetzt in der lärmenden Zeit eine um so grössere Anziehungskraft aus- zuüben. ____________ Bexirbild. Nachdruck verboten.. Wo ist mein Freund, der junge Maler? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nunnner: Guadalquivir — Antilope — BeHeibtmg — Eimer — I-erch« Snn()evib; (Babelsberger. Redaktion: Ernst tzeb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Icheu UmversttälS-Buch- und Stetndrnck-rei. N. Lange, Gießen.