Samstag den 27. Gkkoöer Ir. 158 1906 iKpyti 80 i; UM| toll NA Im Wanne des Heßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Sie blieb also auf ihrem eigenen Zimmer und horchte, bis sie das Mädchen weggehen hörte, dann eilte sie hinein. Sie empfand ein schreckliches Gefühl, als sei sie eine Verbrecherin; das Herz schlug ihr laut, die Hände waren kitt, ihre Glieder zitterten. Sie — Marian West — kam sich rote eine Diebin im Hause ihrer Schroester vor. Nun stand sie mitten im Zimmer und blickte sich um; sie hatte fest gehofft, die grüne Börse auf dem Tische liegen zu sehen, aber cs war keine Spur von ihr zu erblicken. Dann fuhr sie zusammen, kalter Schmeiß trat ihr auf die Stirn; — sie hörte Schritte draußen, — hörte, roic die Türe aufging. Wenn es Werner wäre, o Himmel, was sollte sie sagen?" Sie hatte kaum Kraft sich unizuroenden; aber es ivar nur Zinnie, das Zimmetmädchen, das noch einmal zurück- gekonimen war, um ein vergessenes Wischtuch zu holen. 23. Kapitel. Miß West hat Erfolg. "„Bitte tim Entschuldigung," sagte Annie mit einem schencn Blick auf die Gestalt mitten im Zimmer. „Sie können Ihre Arbeit beendigen," sagte Miß West sehr ruhig. „Ich kam lediglich, um mich zu überzeugen, ob Mr. Jefferies auch alles hat, ivas er braucht." Und um Annies Aufmerksamkeit noch weiter abzulenken, ließ sie sieh mit ihr in ein Gespräch über gleichgültige Hausangelegenheiten ein. Zinnie ging endlich wieder hinunter. Miß West ging des Scheins halber recht gerätischvoll in ihr eigenes Zimmer, stahl sich dann aber leise wieder in das Werners zurück. Sie tvußte jetzt, daß sie nur noch wenige Augenblicke zur Ausführung ihres Vorhabens hatte. Annie durfte nicht zurückkehren und sie dort finden. Schnell sah sie die Schubladen und sonstigen Fächer durch. Werner hatte augenscheinlich feine Geheimnisse; seine paar Ringe, Briefe, Notizbücher, Kravatten, Manschettenknöpfe, kurz alles, was ihm gehörte, lag tu dem Durcheinander, das die Herren der Schöpfung nun einmal entzückt, teils in den Schubladen, teils auf dem Toilettentisch; jedoch die grünseidene Börse konnte sie darunter nicht entdecken. Ein Gedanke überkam sie plötzlich, der ihr fast das Mut in den Adern erstarren ließ — hatte er sie bereits geholt und Elsie und Eve gezeigt? Sie kannte die schnelle, impulsive Art und Weise ihrer Schwester so gut; sie würde gleich rufen: „Die Börse habe ich gemacht, sie gehört meiner Schroester," und dann würde es eilte große Szene geben, eine Enthüllung sondergleichen» O Himmel, war es vielleicht gar schon dahin gekommen? Dann siel ihr wieder ein, daß es garnicht möglich sein könne, war sie doch Werner naeh dem Frühstück keinen Augcn- bliek von der Seite gegangen, bis er glücklich aus dem Hause gewesen. „Ach nein, Gott sei Dank — Gott sei Dank, es konnte nicht fein." Tie Kraft kehrte ihr langsam zurück. „Lange werde ich das nicht mehr aushalten können," murmelte sie vor sich hin. „Ich bin nicht stark genug, um diese fortwährende schreckliche Aufregung zu ertragen." Die Zeit verging — wo war die grüne Börse? Plötzlich fiel ihr Blick auf einen halboffenen Reisesack. Sie sah hastig hinein. Ha! ja; da lag sie, ganz auf dem Boden, halb bedeckt von Büchern. Ein kleiner Papierstreifen war darum geschlungen, und darauf stand von Werner geschrieben: „Gesandt von meinem gütigen, teuren, unbekannten Freund und Wohltäter, den Gott segnen möge. Mein Glücks- Talisman." Gierig griff sie darnach, wie ein Geizhals naeh blinkendem Golde greift, und eilte hinweg damit, wieder auf ihr eigenes Zimmer. Sie umkrallte die kleine Börse mit ihren Fingern, als ob sie etwas Lebendes sei, das sprechen und alles verkünden könne. Es war natürlich fein Feuer auf ihrem Zimmer, aber sie war entsehlosseu, die Börse sofort zu vernichten. Sie ging also zur Haushälterin in die Küche, wo stets Feuer war, und begann ein Gespräch mit der alten würdigen Airs. Heep. „Mrs. Heep," sagte sie nach einigen Minuten, „ich fühle mich gar nicht wohl. Ich bin den ganzen Morgen schon nicht gut zurecht gewesen. Wollen Sie so freundlich sein und mir ein Glas Sherry holen?" „Ich hab mirs doch gleich gedacht, als Sic hereinkamen, Miß West; Sie sahen so merkwürdig angegriffen aus," sagte die Haushälterin; und den Augenblick, wo sie die Küche verlassen, eilte Marian ans Feuer. Hastig, ohne Zögern, nahm sie die kleine Börse, mit ihren blanken Stahkringen, dem beschriebenen Papier, und warf alles mitten in die Flammen. Dort hielt sie es mit dem Schürhaken fest, bis jede Spur verschwunden. AirS. Heep kehrte mit der Sherryflasche zurück. „Sie sehen äußerst angegriffen aus, Miß West; ich möchte glauben, es wäre für Sie besser, sich zu ruhen, als ans und in den Park zu gehen." Sie schenkte eilt Glas Wein ein und hielt es Marian an die weißen Lippen. 630 Marian fühlte sich wirklich krank; der Rückschlag war zu stark für sie. Sie hatte eine selche Angst gehabt, und die Befreiung von dein Alpdruck war so grob, so überaus mächtig, so plötzlich, daß sie es noch nicht recht fassen konnte. Sie trank den Wein, und die Haushälterin freute sich, etivas ivie Farbe in ihre Wangen iviedcrkehren zu seheii. Dann spazierte Mariaiii langsinn ziir Königs-Ceder. Der Schreck war fürchterlich geiveseu, und die Furcht hatte ihr nahezil alle Selbstbeherrschung geraubt. „Dies sind nur Schatten," murmelte sie vor sich hin, „blasse Schatten. Himmel, was sollte ich tim, wenn je einmal die Wirklichkeit käme?" Die frische, klare Luft wirkte wohltätig auf ihre erregten Nerven ein. Schließlich war alles dies jetzt nur »och müßige Befürchtung. Sie näherte sich der Königs-Eeder und konnte das fröhliche Gelächter und Geplauder der jugendlichen Stimmen schon von fern hören. Elsie sah sie zuerst-und verließ die Seite ihres jugendlichen Liebhabers, um sie zn begrüßen. Werner, der eine große Vorliebe für die einfache, anspruchslose und freundliche Dame hatte, sprang ihr gleichfalls entgegen, doch nicht so schnell, daß nicht Marian West bemerkt hätte, daß er und Lady Wayne neben einander gesessen hatten und wie aus- zezeichnet beide einander zn verstehen schienen. Sie bestrebte sich nach Kräften, sich zu erholen, lustig und fröhlich zn sein wie die übrige Gesellschaft, bemerkte indes mit Unbehagen, daß alle Augenblicke Lady Wayne's klugen mit forschender Nengicr auf ihr ruhten. Noch eine Prüfung stand ihr bevor, die nämlich, alles put anzuhören, was man sagen würde, wenn Werner seinen Berlust entdecken sollte. Sie wünschte sehnsüchtig, daß es nur erst vorüber wäre. Dann, dachte sie, wird Ruhe sein; und sie wurde allgemach der Aufregung müde. Es kam, wie sie erwartet hatte, beim Diner. Werner betrat den Speisesaal mit merkwürdig verstörter Miene. Sie wußte sofort, daß er seinen Verlust entdeckt hatte, und ihr Herz begann zu klopfen. Aber nicht genug damit. „Mr. Jefferies," sagte Elsie nach dem ersten Gang, „Sie sind doch der treuloseste der Männer. Sie haben versprochen, mit Ihren Talisman zu zeigen, und Sie haben es total vergessen." „Nein," erwiderte er langsam und ernst. „Ich habe es picht vergessen, Miß Wayne. Aber ich kann leider die Börse flicht wiederfinden; — sie ist fort." Lord Wayne's Aufmerksamkeit wurde durch das letzte Wort erregt. „Fort, Mr. Jefferies?" wiederholte er. „Ich will nicht hoffen, daß Sie etwas verloren haben?" „Nichts von Belang; es ist nur mein Talisman, die kleine Börse, an die all mein Glück sich kettete." Lady Wayne sah auf, gütige Teilnehme in jedem Zuge ihres schönen Gesichtes. „Was höre ich, Mrs. Jefferies? Haben Sie wirklich Ihre kleine Börse verloren?" „Leider, ja, Lady Wayne; sie ist ebenso geheimnisvoll verschwunden, wie sie gekommen ist." Wie schade; das tut mir leib, wie kam es denn mit?" ichwirrte ein Chor bedanernder Stimmen, alle aber übertönt i>on Lord Wayne's klarer, etwas scharf betonter Frage: „Haben Sie sie hier verloren — auf Kenninghall — Nir. Jefferies?" Werner sah ganz verlegen aus angesichts des Sturmes, »en er so arglos heraufbeschworen. „Wenn das der Fall," fuhr Lord Wayne fort, „so muß iie sich finden lassen. Ich kann nicht zngeben, daß hier etwas ivegkommt." „Ich kann mich auch irren," sagte der junge Mann chnell. „Wirklich, ich muß mich irren; die Börse wat ganz «er, Lord Wayne, nur ein schmaler Papierstreif wat darum jewickelt. Ich hätte sie gar nicht verlieren können. Ich muß ie auf Downham gelassen haben." „Aber," beharrte Lord Wayne, „Sie entsannen sich, sie nitgebracht zu haben?" „Nut dunkel. Ich glaubte, ich hätte sie in meinem Neisesack gesteckt, aber ich muß mich geirrt haben." Werner versuchte die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand zu bringen; et wollte seinen Verlust nicht zu einer Haupt- und Staatsaktion machen, aber Lord Wayne vergaß den Vorfall nicht. Nach Tisch zog er Werner bei Seite. „In einem großen Haushalt," sagte er, „kann man nicht vorsichtig genug sein. Sie sagen, Ihre Börse sei leer gewesen, das schließt nicht aus, daß jemand sie genommen haben mag, der glaubte, es sei etwas darin. Ich. wollte, Sie könnten sich bestimmt erinnern, ob Sie sie mit hergebracht ober nicht. Es wäre mit seht verdrießlich, wenn Sie irgend etwas, das Ihnen wert, hier unter meinem Dach verlören." Lord Wayne wollte sich überhaupt nicht eher zufrieden geben, bis er seiner Gemahlin gesagt, daß er gern einige Nachforschungen angestellt sähe. Es geschah; aber das einzige greifbare Ergebnis war, daß „Annie" die Sorge für Mr. Jefferies Zimmer oblag. „Marian", sagte Lady Wayne, „willst Du auf einen Augenblick mitkommen? Ich habe etwas Unangenehmes zu tun, und dazu brauche ich, wie gewöhnlich, Dein Gesicht als moralische Stütze — wie Elsie so nichtsnutzig sich ausdrückt." Ganz ahnungslos darüber, was ihre Schwester vorhatte, ging Marian mit ihr, und Lady Wayne klingelte Annie. Annie erschien, etwas erregt und unruhig; die Dienstboten auf Kenninghall liebten ihre Herrin alle, hatten aber gleichwohl einigermaßen Furcht vor ihr. „Annie", sprach Lady Wayne freundlich, „Sie haben für Mr. Jefferies' Zimmer zu sorgen, nicht wahr?" „Jawohl, Mylady." „Mr. Jefferies hat eine altmodische, leere, grünseidene Börse verloren, die an und für sich wertlos ist, worauf er aber großen Wert legt; haben Sie dieselbe vielleicht irgendwo gesehen oder gefunden?" „Nein, Mylady; Herr Jefferies läßt alle seine Sachen im Zimmer offen stiegen, aber was Sie meinen, habe ich nicht gesehen. Sie haben ja heute selbst noch gesehen, Miß West, tote ich alles wieder in Ordnung gemacht hatte." Lady Wayne wandte sich überrascht zu ihrer Schwester. „Du, Marian?" sagte sie; und Miß West fühlte, wie ihr flammende Röte ins Gesicht schlug. „Ich bin heute mal durch die Zimmer gegangen", sagte sie verwirrt, „um zu sehen, ob alles darin in Ordnung wäre." „Natürlich", sagte Lady Wayne, erftaunt, warum thre Schwester wohl so verwirrt aussehe. „Ich brauche dich nicht zu fragen, Marian, ob du etwas von dieser Börse gesehen hast?" ■ Martan West verabscheute das Lügen; nicht um dte Welt hätte sie einer solchen Geringfügigkeit Haber gelogen. Sie wich der Frage aus: „Ich kann nur sagen, daß, wenn ich die Börse je zu Gesicht bekommen werde, sie sofort an den Eigentümer zurückgegeben werden soll, Eve." „Also, Annie", sagte Lady Wayne, „geben Sie gut acht beim Putzen. Es soll mich sehr freuen, wenn wir Herrn Jefferres diese Kleinigkeit, worauf er so hohen Wert' legt, zurückgeben könnten." „Ich will das Zimmer genau durchsuchen, Mylady, und mein Bestes tun, sie wiederzufinden", sagte das Mädchen. Als Annie das Zimmer verlassen, wandte Lady Wayne sich an ihre Schwester. „Es ist mir unausstehlich, an Dienstboten derartige Fragen zu stellen", sagte sie, „es sieht gerade aus, als ob man sie in Verdacht hätte. Annie hat so ein gutes, ehrliches Gesicht. Hoffentlich habe ich sie mit meinen Fragen nicht gekränkt, Marian." Und Lady Wayne fand ihre Schwester noch immer merkwürdig, als Marian jetzt wieder eine ausweichende, leere Antwort gab. 24. Kapitel. Ein Liebespaar. Lord St. Gilbert hatte sich leidenschaftlich in Elsie Wayne verliebt; sie war ihm die schönste, Herrlichste, Ern- zigste und Bestem , Errötend folgte er ihren Spuren, konnte sre stundenlang traumverloren anstarren und darüber grübeln, ob 631 triofil ie von der Höhe, worauf Schönheit und Anmut 1 sie aestellt, sich zu ihm werde herunterneigen können. Kein Hindernis stand dieser Heirat entgegen; der Earl und Lady Romsey hatten mehr tote einmal gewünscht, er möge früh heiraten, und er wußte, feine Wuttee liebte Elfte Wayne. Lady Romsey hatte gelegentlich, da sie von lf)1‘ ^Wem?^ich gan?England zur Auswahl hätte, so würde meine Wahl auf Elfte Wayne fallen. Die meisten W Milien haben ihre Skeletts, ihre schwarzen Schafe, ihre Kreuze und sonstiges Unglück, das sie sorgsaltig vor dem Auge der Oeffentlichkeit zu bergen suchen. Die Waynes haben nichts der Art, stets waren sie em einfach-vornehmes, ehrenhaftes, loyales Geschlecht, auf dessen Namen kein Makel ruht. Aus dem Grunde und weil ich glaube, daß Ehre und Ehrenhaftigkeit erblich sind, mochte ich, daß Balduin Elsie Wayne heiratet." Wenn der junge Lord auf das Mädchen seiner Liebe blickte, war ec also stets davon überzeugt, seine Heirat mit ihr würde denen, die er am liebsten hatte, die größte Freude machen. r , , „Gewinnen oder verlieren — entweoer oder! sagte er sich eines Morgens. „Henke will ich Elsie fragen, ob sie mich will." r , Er wartete den ganzen Tag die Gelegenheit ab; endlich des Abends kam sie. Sie schlenderten beide in der Nähe des kleinen See» mitten im Park in einer buschigen Allee. In leidenschaftlichen Worten flüsterte er ihr von der neuen Freude, die jetzt erst seinem Leben den größten Reiz verliehen, von seiner Liebe für sie. „Elfte", sagte er mit zitternder Stimme, „könntest du mich wiederlieben?" „Ich möchte es wirklich wohl mal sehr ernstlich versuchen", sagte Elsie, mit den anmutigsten Grübchen um ihre' schelmisch lächelnden, frischen jungen Lippen. „Ich habe schon viele schwierige Aufgaben in meinem Leben bemeistert, Bald." Der alte vertraute'Name ivar ihr unwillkürlich entschlüpft. War es doch erst so kurze Zeit, daß sie noch Kinder gewesen. Auch jetzt waren sie wieder Kinder, wo sie Hand in Hand vor den ewigen Toren der reinsten Seelenharmonie, der Liebe, -standen. „Elsie," sagte Lord St. Gilbert, „gib mir deine beiden Hände, Liebling, und sprich: „Ich reift dein Weib sein, Bald!" „Das sind so schreckliche Worte," sagte Elsie, „so feierlich." 9(l§ sie aber den schmerzlichen Zug in seinem Gesicht gereahrte, gab sie nach. „Bald, ich reifi dich lieben, ich rein dein Weib sein." Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne übergossen sie mit goldenem Schein, Duft, Glanz, Pracht und Schönheit umgab sie überall. Seht hin auf das schöne Gesicht des jungen Mädchens, wie sie schüchtern die Zärtlichkeit ihres Liebsten duldet; man sollte sagen, das schönste Leben, die hellste Zukunft, das glücklichste Schicksal seien ihr vorbehalten. Und doch, hätte einer der unheimlichen Schwarzkünstler, wie man sie vor alters kannte, dort mit seinem Zanberfpiegel gestanden, was hätte er darin gesehen? Dunkle Wolken des Unglücks, des Kummers und der Schmach; eine Hand rot von Blut, den Kerker, den Schatten des Blutgerüstes, und ■— Tod. 25. Kapitel. Jack Jefferies. Jack Jefferies hatte sich zu keinem besonders einnehmenden jungen Manne entwickelt. Er war lang aufgeschossen, plump gebaut, stark, wie ein junger Bär, mit großen muskulösen Armen und sehr groben und roten Händen. Sein Gesicht — allerdings nicht häßlich, im Gegenteil, in gewisser Beziehung nett, worauf er nicht wenig stolz war — war eine merkwürdige Mischung von Scharfsinn und listiger Verschmitztheit. Man sah auf den ersten Blick, daß ihm nicht zu trauen war. Die dunklen, halbgeschlossenen Augen sahen einen niemals mit dem offenen Blick einer ehrlichen, freimütigen Natur an, und doch lag eine gewisse Macht darin. Der Haupteindruck, den Herr Jack Jefferies bei jedermann hinterließ, war der, daß er jedes verschlagenen niedrigen Streiches fähig sei. Leuten von einigermaßen feinerer Bildung war er geradezu ekelhaft. Die Prahlerei und vulgäre Aufschneiderei, das abgeschmackt affektierte Wesen, worin er sich gefiel, widerstrebten den anerersten Elementen des guten Geschmackes. Es war Jacks Ehrgeiz, ein „feiner Kerl" zu sein, und dies suchte er dadurch zu erreichen, daß er ein möglichst winziges Spazierstöckchen trug und möglichst wüste Fluchworte gebrauchte, einen großen, ordinären Ring an der nicht allzu reinlichen roten Hand, und seinen Hut unternehmend aufs Ohr gerückt trug, als ob er schon dadurch andeuten wolle, daß er „patent" und „helle" sei - um in seiner Sprache zu reden. . Bist großem Behagen warf er überall nut den neuesten und abgeschmacktesten Mode-Schlagworten um sich, hatte auch eine Auswahl gemein-komischer Lieder vorrätig, soivie Anekdoten, die, gelinde gesagt, sehr zweifelhafter Natur waren. Der Gipfel des Vergnügens aber war, wenn er des sonntags eine billige, sehr starke Zigarre rauchen und ohne Handschuhe — um seine Ringe zu zeigen — im Dorfe umyer- spazieren konnte, wobei er sich beständig mit dem Stückigen an die Stiefel klopfte und unverschämt bewundernde Blicke auf jedes nette Mädchen schoß, das ihm in die Ouere kam. (Fortsetzung folgt.) Max Stirner. Am 25. Oktober 1806 wurde zu Bayreuth Caspar Schmidt geboren, der nachmals unter dem Pseudonym Max Stirn er das Werk „Der Einzige und sein E i g e n t u m veröffentlichte. Dieses Werk, das als Maß aller Dinge das souveräne Ich prot- lamiert, hat den Versasser zu einer europauchen Berühmtheit gemacht. Man hat in ihm den Vorläuier Nietzsches und einen b er theoretischen Begründer des individualistischen Anarchismus gesehen. Obivoht sein Werk im Geistesleben der Neuzeit e'neu entscheidenden Abschnitt bildet, ivar es lange Fahre hindurch iast gänzlich verschollen. Erst um die Wende des leisten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts erschieneii ein paar neue Ausgaben, und, lehr hat Dr. Anselm Ruest ein Stirner-Brevier unter dem^Uel „Die Slaike des Einsamen" (Stirners Individualismus und Egoisinus mit feinen eigenen Worten wiedergegeben) und außerdem eine rechk umiängliche Monographie, im Berlage von Öerin. eeentmm Nacht, in Berlin NW. 87 erscheinen lassen, in der fern Leben, Seme Weltanschauung und fein Vermächtnis eingehend behandelt werden. Von Stirners Leben ist Wenig Posttrees bekannt. Nachdem er seine Studien in Berlin und Erlangen absolviert hatte, sungterte er in Berlin als Lehrer an einer höheren Mädchenschule. 1837 verheiratete er sich zum ersten Male; seine Frau starb nach dreiviertel Jahren an einer zu frühen Entbindung. Nach dieser Zeit begann Stirner in einem Kreise zu verkehren, der sich „die Freien nannte. Das Haupt dieses Kreises ivar Bruno Bauer, der wegen freisinniger Anschauungen gemaßregelte Theologe und spätere reaktionäre politische Schriftsteller. „Die Freien" standen sowohl wegen ihrer Anschauungen wie wegen ihres Lebenswandels unter der Bürgerschaft nicht im besten Rist. Auch Damen verkehrten hier. So lernte Stirner Marie Dänhardt kennen, die er als 2o fahriges Mädchen 1843 heiratete. Bei der Trammg ging es seltsam zu. «öte fand in Stirners Wohnung statt. Sie Gäste erwartet«, den Pastor beim Kartenspiel; die Braut erschien m Straßentoilette; eine Bibel wurde für den Pastor eifrig gesucht, aber nicht gefunden., Ais der Geistliche beim Rmgivechsel angekomme» war, stellte sich heran.', daß man keine bestellt batte; Bruno Bauer half aus der K enime indem er, rasch entschlossen, die Mesnngrmge von ferner ©etWmJe abzog, die dann den Brautleuten auf den Ringfinger gestülpt Die Ehe war nicht glücklich. Zwar widmete Stirner seiner Frau - freilich nicht als solcher, sondern als "feinem Liebchen - sein Hauptwerk; aber die mnere Gemeinschaft fehlte doch. Daß es ihm an Talent gebrach, zu uerbieuen, wird ihm m ihre» Augen nicht vorteilhaft gewesen sein. Er versuchte durch Nebersetzungen Geld zu erwerben und probierte es auch nut einer industriellen Unternehmung: der Errichtung einer Alilchlieferungsanstalt für Berlin. Alles war aufs schönste organisiert d.e Milch käm m Hütte und Fülle; aber sie wurde sauer, weil sich keine Kunden em- fanden, und mutzte i» den Rinnstein gegossen werden. Acre Vermögen seiner Frau ivar zum größten Teile braufgegmigen. ©te »eeiieB ihn und begab sich nach England, ivo sie noch viele ^ahre bis ins hohe Alter lebte. An Stirner bewahrte sie eine bittere Erinnerung. Sie >var ganz zur Betschwester geworden imd ver- weigerte dem Biographen, der sich an sie wandte, lebe Auskunft, bn sie die Zeit, die sie an Stirners Seite verbracht hatte, nur noch als eine Verirrung betrachtete. — 632 Der Rest von Stirners Leben verrann in Dunkelheit und Not. Er starb nm 25. Juni 1856 an einem giftigen Fliegenstich. Er hatte nichts Abgeschlossenes mehr geschaffen. Sein Nachlaß kam an einen Freund, der bald starb, und von da an einen von dessen Gläubigern, der gleich Beschlag aus seine Habe gelegt hatte. So ist alles verstreut worden und spurlos verschwunden. Nicht einmal ein authentisches Bild existiert von Stirner. Arn Hause Philippstraße 19 in Berlin ist eine Gedenktafel mit Stirners Namen angebracht; fern Grab auf dem Sophienkirchhoie ist mit einer Granitplatte, die seinen Nanien trägt, bedeckt. Ain 25. Oktober hat man auch an feinem Geburtshause zu Bayreuth eine Tafel angebracht. Der eigenartige und energische Denker verdient es, der Vergessenheit, die immer noch trotz aller Bemühungen auf ihm lastet, entrissen zu werden. Prügelstrafe und Simnlatio« bei Kinder«. Daß ein Lehrer durch eine merkwürdige Verkettung ungünstiger Umstände auch eiumal in eine recht ernste Lage geraten kann, in der tioit der ärztlichen Diagnose Ehre und Freiheit für ihn abhängen, lehrt ein von Dr. Muck in der „Aerztlichen Sachverständigenzeitung" veröffentlichter Fall, der in mehr als einer Beziehung zu denken gibt. Eine zwölfjährige, kräftig entwickelte Schülerin erhielt wegen eines Vergehens gegen die Schuldisziplin mit einem fingerdicken Rohrstock einen Schlag auf den Rücken und außerdem mit der flachen Hand zwei Schläge auf den Kopf und die linke Wange. Wegen Uebelbefindens nach Hause geschickt, verfiel das Kind angeblich in fallsuchtartige Krämpfe, die der Arzt als Symptome einer Gehirnerschütterung (!) auffaßte. Im Lause der nächsten Wochen trat noch eine Reihe anderer nervöser Erscheinungen auf. Am schlimmsten aber erwiesen sich die Folgen der Züchtigung für das linke Ohr: es entstand völlig linksseitige Taubheit, die allen Heilbemühungen spottete. Als bie' Eltern der Schülerin nach einiger Zeit die Anzeige erstatteten, bescheinigte der Arzt u. a. fallsuchtartige Krämpfe, Schwäche des ganzen Körpers, Kopfschmerzen, Gedächtnisschwäche, Melancholie, Weinkrämpfe und last not least dauernden Verlust des Hörvermögens auf dem linken Ohr. Im Hinblick mtf die schwere Strafe, die unter diesen Umständen den Lehrer treffen mußte, ordnete das Gericht eine neue Untersuchung des verletzten Kindes durch den zuständigen Kreisarzt an. Dieser sand das Kind, das mit großer Geschwätzigkeit den unter Anklage gestellten Vorfall schilderte, auffallend dreist und in guter geistiger Verfassung, von Depression jedenfalls keine Spur. Eine Ursache für die auch hier hier festgestellte linksseitige Taubheit konnte er nicht ermitteln, doch kam ihm die Sache verdächtig vor. Einem weiter hinzugezogenen Ohrenspezialisten gelang es daun endlich, mittels einer sinnreichen Methode den bestimmten Nachweis zu führen, daß das Mädchen mit dem angeblich verletzten Ohr tadellos hörte, und daß es die Taubheit mit großem Geschick und seltener Ausdauer simuliert hatte. Es versteht sich von selbst, daß der Arzt mit seiner verblüffenden Diagnose Simulation anfangs bei den Eltern wenig Glück hatte; war doch das Kind nach ihrer und selbst des Lehrers Aussage stets offen und aufrichtig gewesen und hatte nie zur Lüge geneigt. Man kann den Leuten ihre Zweifel in die Richtigkeit der ärztlichen Feststellungen nicht verdenken. Nur wer sich mit der Pathologie der menschlichen Seele berufsmäßig beschäftigt und dabei auf den rätselhaften Zusammenhang zwischen körperlichen und geistigen Krankheitszuständeu zu achten gelernt hat, wird solche Fälle verständlich finden und ihnen gewöhnlich eine Reihe ähnlicher Vorkommnisse aus eigener Erfahrung an die Seite stellen können. Vor allem ist es die Hysterie, die sich in so mannigfachen Formen abspielende Neurose, in deren Gefolge wir gar nicht so selten höchst merkwürdige Simulationen und Dessimulationen beobachten. Es handelt sich dabei um krankhafte Veränderung der Vorstellungswelt, die durch die leicht erregbare Einbildungskraft des Kindes und seine Neigung zum Phantastischen noch gefördert werden. Solche kleine Patienten suchen sich interessant zu machen; es schmeichelt ihnen, der Gegenstand allgemeinen Aufsehens zu jein und sich von anderen wegen ihrer Leiden bedauert zu sehen. So verschwimmt ihnen langsam bte Grenze zwischen wirklichen und suggerierten Krank- hettserscheinungen, zwischen Erlebnissen und Erzeugnissen ihrer Phantasie, und die „hysterische" Lähmung, Blindheit Taubheit ist fertig. Welche verhängnisvolle Rolle die Hysterie auch in andern gerichtlichen Fällen spielt manchmal zu falschen Denunziationen, zu unerhörten Selbstbezich- tigungen, überhaupt zu unglaublichen Lügengeweben führt und den Scharfsinn der Aerzte und Richter ans eine harte Probe stellt, ist allgemein bekannt. Der Goldne Esel des Apulejus von Madaura. Sa- ttrisch-mhstischer Roman. Aus dem Lateinischen übersetzt von August Rode. Fünfte Auflage mit Einleitung von M. G. Conrad. Mit 16 Illustrationen. 238 Seiten. Preis: drosch. 4.50 Mk. (Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30.) — Der berühmte antike Sittenroman liegt hier in einer treuen Ausgabe vor, welche die Uebersetzung von August Rode mit einem satirischen, moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden Vorwort aus. der Feder von M. G. Conrad darbietet. Kein Gebildeter wird ohne hohen geistigen Genuß dieses sittengeschichtliche Kunstwerk lesen, das nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und Psyche den Leser fesselt. Die merkwürdigen Situationen und kulturhistorisch wertvollen Schilderungen antiken, Lebens, die mit dem glänzenden Schauspiel der ägypt. Mysterien schließen, machen die Lektüre höchst spannend. Die alte schon von Lucian verwendete Fabel von der Verwandlung eines Menschen in einen Esel, welch: Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel" verarbeitet hat, gibt dem Autor die Veraulassung, in der üppigen Darstellung einzelner Szenen und mit eigenartiger, derb satirischer Phantastik ein getreues Bild der sittlichen Korruption in der römischen Kaiserzeit vorzuführen. Die Ausstattung des Buches auf „federleichtent" Papier ist gediegen. Kettenträger. Roman von L. Frei. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock in Berlin W. 50. Preis geh. 4 Mark. •— Ein Kettenträger ist der Held dieses Romans. Beladen mit den Ketten der Familie, des Berufs, der Tradition! Beladen mit all den Ketten, die einen Sohn aus reichem guten Hause, ein Kind seiner Zeit, einen vergrübelten, sensitiven, vornehmen Menschen, schwer drücken. Die Ketten, die Privatdozent Dr. Friedrich Renkendorf zu sprenge», den Schicksalsgang, den er zu gehen hat, um zu seinem Wege zu kommen, versteht L. Frei in originaler Art zu schildern. Einen Ausschnitt aus dem Bilde des großstädtischen Lebens von heut bietet diese Schöpfung. Dem Buch fehlt neben der Satire auch Humor nicht. Eingegangene Bücher. (Besprechung erfolgt nach Austvahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eingesandter Bücher wird nicht übernommen.) „Die Kunst". Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Preis des Jahrgangs 24 Mk. Einzelpreis des Heftes 3 Mk. 7. Jahrgang. Heft 12. September 1906. München. Ber- lagsaustalt F. Bruckmann A.-G. „Die Land- und Berg-Gerechtsame der Deutschen Kolonial-Gesellschaft für Südwestafrika". Zwei Gutachten erstattet von Joseph Kohler und Hermann Veit Simon, sowie Urkunden-Material. Berlin 1906. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohfen). Ernst, Paul, „Der Weg zur Form". Aesthetische Abhandlungen vornehmlich zur Tragödie und Novelle. Berlin 1906. Verlag von Julius Bard. Diamanträtsel. (Nachdruck verboten. Auflösung in In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aabdddeeeggikmn nrrrrrrtun derart ein» zutragen, daß die wagerechten Reihen Folgenees bedeuten: 1. Einen Buchstaben. 2, Stadt im nördlichen Rußland. 3. Schottische Insel. 4. Weiblichen Vornamen. 5. Frucht eines bekannten Obstbaumes. 6. Musikalische Bezeichnung. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und wagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche, nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Herder — Esch« — Leichsarchiv — Salomo — Ci)pem — Magen — Elija — Eiittieh; Herschel, Hannover, Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.