1966 H !Z8U L- »e. H.Non^&ress^ £?®SSä f» K H" A -U WM l.l>' rGPP! |||||| 'l^gg-r>a ZWM <- vY, SV Dem Wahren, Edlen, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor b. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Hammer lachte. „Ich weiß es nicht mehr, lieber Geheimrat. Aber, wenn wir die erste Saison ohne Defizit hinter uns haben, schenke ich Ihnen den Napoleonsteller." „Pfui, Geyer, Defizit", äußerte Herr Berndal; „ich hoffe auf hohe Tantiemen. Und nun en avant, meine Herren — wir dürfen nicht zu spät zur Grundsteinlegung kommen. Wer meinen Wagen mitbenutzen will, der sage es . . ." Frau Anita Berndal hatte sich inzwischen im Zimmer umgesehen. Ihre lichtblauen Lugen fuhren mit fiebriger Neugier die Wände entlang und in Winkel und Ecken. Plötzlich sah sie die Sekretärin, die bescheiden, in einer Fensternische stand und darauf wartete, noch eine Frage an Hammer richten zu können. Nun blitzten die neugierigen Augen der kleinen Frau noch lebhafter auf. Sie trat mit liebenswürdigem Lächeln an Fräulein von Sorben heran. „Sind Sie auch hier in: Hause beschäftigt?" fragte sie dreist. Tas Fräulein zuckte ein ivenig zusammen, errötete leicht und schaute die Fragende groß an, die sich sofort verbesserte: „Ich meine, haben Sre auch mit dem neuen Theater zu tun? Das macht viel Spaß, nicht wahr?" — und dabei lachte sie kurz auf, aber niedlich; es klang wie das Gurren einer verliebten Taube. Fräulein von Sorben nickte. „Ja, gnädige Frau" ,— einen Augenblick hatte sie überlegt, ob die Anrede hier auch am Platze wäre —, „ich bin die Sekretärin des Herrn Baumeisters, und insofern interessiert mich der Theaterbau natürlich sehr." „Ah", sagte die jmrge Frau, und nun floß ein rascher Blick über die Erscheinung des Fräuleins, etn Blick, der etwas Verletzendes an sich hatte, Sekretärin. . . Verstehen Sie sich denn auf Architektur und Baukunst?" „Genügend", erwiderte Fräulein von Sorben und trat vom Fenster zurück. Auf ihrer Stirn lag eine schwere Falte. Hammer schrie nach Genoveva. Seine Zylinderbürste war nicht da. Die anderen waren vorausgegangcn, nur die Sekretärin noch zurückgeblieben. „Vergebung, Herr Baumeister", sagte sie, „was haben Sie für Aufträge für mich?" Hammer schlug sich vor die Stirn. „Jesses, Sie, habe ich ganz vergessen I" rief er. „Und ein Dutzend Briefe ist zu beantworten. Aber ich habe keine Zeit mehr. Verehrtes Fräulein, machen Sie sich einen freien Tag. Es ist himmlisches Wetter. Gehen Sie dreimal um den Goldsischteich. Ich finde sowieso, daß Sie blaß aussehen . . . ." Er starrte in ihr Gesicht mid platzte plötzlich heraus: „Das ist ja merkwürdig! Was haben Sie für eine wundervolle Nase!" Des Fräuleins Wangen färbten sich purpurn. Aber der Ausruf klang so komisch, daß sie unwillkürlich lachen mußte. Hammer verneigte sich. „Pardon, gnädiges Fräulein: eg war nicht böse gemeint. Es war ein Schrei der lieber* raschung. Schöne Nasen sind selten. Und nun seh' ich auch noch mehr. Veilchenaugen zu dunklem Haar und einem sehr fein geschnittenen, äußerst sensitiven Mund . . ." Er fuhr mit dem Damnen seiner rechten Hand durch die Luft, als wolle er ein unsichtbares Porträt zeichnen . . . „Das Profil einer Freya", sagte er. Und dann reichte er dem Fräulein die Hand. „Adjö. Entschuldigen Sie meinen Ueberschwcmg. Im Grunde genommen ist er gar keiner. Und gehen Sie wirklich ein bissel spazieren, damit sich die blasse Farbe verliert." Neben ihm stand Genoveva und reichte ihm Zylinderhut und Stock. Er faßte die Alte an die Nase, erklärte ihr, sie sei der gewichtigste Nagel zu seinem frühen Sarge, und verließ das Zimmer. — Imhoff fuhr im Wagen von Fridolin Meyer; das Ehepaar Berndal fuhr allein. „Joses", sagte die kleine Frau, „ich weiß etwas." „Das ist mir lieb", entgegnete der Gatte. „Ich glaube, das mit der Sekretärin, da ist etwa- dran." „Verworren und dunkel. Ich verstehe Dich nicht." „Ich glaube, Hammer und seine Sekretärin, das ist ein zartes Verhältnis." „Es ist möglich und iväre begreiflich, denn die Sekretärin ist hübsch." Frau Anita schwieg längere Zeit und meinte sodannr „Josef, ich bitte Dich um eins. Ich habe Deiner Theaternarrheit immer nachgegeben und habe sogar versucht, sie zu teilen. Aber ich leibe nicht, daß Du hinter die Kulissen gebft — auch in dem neuen Theater nicht. Willst Du mir das versprechen?" „Mit Vergnügen. Soll ich schwören? Anita, Du bist ein liebes Hammel'chen. Zur Untreue neige ich nicht. Ich heiße nicht mit Unrecht Josef. Wir müssen übrigens vor dem Geschäft noch einmal halten. Ich habe drei Worte an der Hauptkasse zu'sagen; in fünf Minuten sitze ich wieder neben Dir ..." c ... Er steckte den Kopf aus dem Coupsfenster und rief dem Kutscher einen Befehl zu. Als der Wagen vor der Pracht- front des Warenhauses hielt, sprang Berndal eilfertig heraus und eilte an dem respektvoll grüßenden Huissier vorüber. Er stürmte durch die untere Etage und auch an der Haupt- 68 lasse vorbei, durchquerte deu Mosaikhof mit seinem Plätschernden Springbrunnen, winkte abwehrend mit der Hand, als ein Rahonchef ihm zurief: „Wünschen Sie,Ihren Herrn Bruder zu sprechen, Herr Berndal?" und stieg dann die erste Etage hinauf. Hier ging er ziemlich, langsam, alle Grüße der Verkäuferinnen und Kommis mit freundlichem Kopfnicken erwidernd, durch die Abteilung der Wollenstoffe und dem Wüschelager. Er blieb mitten unter dem Publikum hie und da stehen, schaute wie prüfend umher und trat dann an einen Berkaufstisch, an dem zahlreiche Bündel Tamenwäsche, mit roten uno blauen Bändern umgurtet, ausgestapelt lagen. Dahinter stand ein hübsches junges Mädchen, das damit beschäftigt war, Taschentücher zu sortieren. „Ah, da sind Sie ja, Fräulein Eberhard , sagte Berndal rasch, „hören Sie mal, die letzte Sendung Linon aus Bielefeld . . ." Das weitere murmelte er nur, schob aber Fräulein Eberhard einen zusammengefalteten Zettel zu, den das Mädchen rasch und gescheckt unter ihre ^a,sü)cn- tücher gleiten ließ, und wandte sich daiin zurück, noch einmal rufend: „Also, wie gesagt, Fräulein Eberhard, genau untersuchen und Stücke mit Lagerfiecken ohne weiteres zuruck- stellen . . Nach dieser geschäftlichen Abmachung ließ sich jöcrr Berndal durch der, Lift in die untere Etage hinab- besördern und stieg auf der Straße wieder in seinen Wagen. Ter Bauplatz Unter den Linden, nach den Straßenseiten zu durch hohe Bretterzäune abgcgrenzt, war vorläufig nichts anderes als ein ungeheurer Trümmerhaufen. Die alten Gebäude ivarcn zwar schon bis auf die Fundamente abgebrochen; aber noch hatten Steine und Schutt nicht völlig fortgeräumt werden können. Es sah wüst aus. Ta und dort ragte schwärzliches Balkengesüge hervor, und im Kalkstaub vergraben lag ein Gesims des alten Hanfes: die Putten mit regmverwaschenen Gliederchen und abgebrochenen Nasen und die Rosengirlan- den gleichsam zerfetzt von den anderthalb Jahrhunderten, die über sie dahingcgangen waren. In diesem weißgrauen Staube, der bei jedem Schritte aufquirlte, fuhr auch ein Schwarm Spatzen umher, mit geplustertem Gefieder, scheltend und schimpfend, daß es hier nichts Genießbares gab. Im bellen Sonnenbrände stand mitten unter den Trümmern ein Polizeileutnant und bewegte sich nicht. Ein Rundteil war frei von Schutt und besonders ein- gehegt. Um die Pfosten schlang sich Eichengrün, und Lcmb- gewiude verband das Gepflvck. Da erhob sich der Grundstein: ein viereckiger Block, und ein ausgemauertes Loch gähnte daneben. Vor ihm waren drei Männer postiert, in Maurerschürzen von tadelloser Sauberkeit, Hämmer und Kellen in deu Händen. Das sah gut aus. Imhoff hatte für szenische Wirkung gesorgt. Innerhalb des Rundteils und in seiner Nähe bewegte Keine kleine Gesellschaft. Ein dicker Mensch in schäbigem ck und offen stehendem erbsengelbem, fettigem und fleckigem Paletot, an dem der unterste Knops fehlte, umkreiste sie, schaute den Leuten in das Gesicht, nickte diesem und jenem zu, verbeugte sich zuweilen tief und weniger tief und machte sich in seinem, mit blauen Turchschriftblät- tern versehenen Taschenbuche Notizen. Ter Zeilen-Knappe vertrat die Presse. Man hatte absichtlich keine weiteren Einladungen an die Redaktionen ergehen lassen, weil der Raum beschränkt war und sich wenig vorteilhaft präsentierte. '2116et ein paar Schriftsteller waren da, Dramatiker, darunter auch einer von Berühmtheit, ein Freund Hammers. Ter schaute sinnend auf den viereckigen Stein, über dem sich bald ein hohes Tempeldach wölben sollte, ein neues Schutzdach für die göttliche Knust. Und da er ein Idealist war, so sprach er heimlich zu sich: ,O Apoll, habe Tank — endlich einmal bereitet man den Musen und Grazien in der Mark ein würdiges Heim! Es scheint mir sinnbildlich: noch es hier wüst aus, und die Spatzen umflattern ödes . „ein, und der Fuß versinkt im Staube der Erde. So ist es in unserem Theaterleben, genau so oder zum mindesten ähnlich: da herrscht Oede und Wüstenei, und in elender Bude verkümmert Thalia. Schächer sind da, die feilschen um ihre Gunst, und ihre Maske, die man vorhält, ist ein Zerrbild der Wahrheit. Zum Markt wird die Szene, auf ihr sitzen die Händler und verkaufen für rotes Gold blutige Witze und effektvolle Abgänge. Und unten blökt die große Herde. O holder Apoll, laß über diesem Stein einen Tempel erstehen, aber kein Warenhaus; einen Sitz der guten Götter, aber keinen Sitz für die Mittels Mäßigkeit und bas feiste Behagen; einen Säulenbau für Thalia, Melpomene, Erato und Polyhymnia und meinetwegen auch für Terpsichore, die Neigenfrohe, wenn sie die Beine nicht allzusehr wirst. Aber die Asterkamoenen halt ern, großer Musaget, und schließe ihnen dicht dieses Hauses Türen. Hehrer Apoll, du bist auch Städtegründer: gründe allhie allen Himmlischen eine festliche Stätte, wo feierlicher und freudiger Genuß fich finden. Du bist auch ein tzeilgott: schaff hier einen heilenden Quell wie den kasta- lischen, in dem Seele und Herz fich gesund baden können. Tu giltst als Beschützer aller Ordnung, so wehre in deinem neuen Heim der Zuchtlosigkeit des Geistes und der Phantasie. Vielgeliebter Apoll, schütze dies Haus . . So sprach zu sich selber der Idealist, und da fiel sein Blick van ungefähr auf einen eleganten Herrn, der soeben mit höflichem Gruß an dem Polizeileutnant vorüberschritt und in einiger Entfernung von dem Ring der Gesellschaft stehen blieb. Er trug einen schwarzen Knebelbart iin brünetten Gesicht und im linken Auge ein goldumrändertes Monoele, und wenn er den Hut abnahm, sah man, daß sich durch sein dunkles Haar ein breiter weißer Streifen querte. Der Schriftsteller winkte den Reporter heran. „Wer ist das da drüben, Herr Knappe?" fragte er. „Das da drüben?" entgegnete Knappe. „Das ist Herr Sven Trusen ..." In diesem Augenblicke erschienen der Zweite Bürgermeister und der Vorsteher der Stadtverordueten- versammlung auf dem Plage, und der Zeilen-Knappe kritzelte in seinem Notizbuch „Wie kommt denn dieser Trusen hierher?" fragte auch Hammer, fich an Imhoff wendend. „Ist er eingeladen woroen?" „Gott bewahre", gab Imhoff zurück; „ich verstehe daS nicht. Der Mensch drängt sich überall ein. Ein Ekel. Ein unausstehlicher Kerl. Soll ich ihn fortweisen?" „Ums Himmels willen! Lassen Sie ihn ruhig hier..." Der Baumeister schritt den städtischen Vertretern entgegen, begrüßte die Herren und stellte sie den erlauchteren Gästen vor. Das waren vor allem der Prinz Arenstem und der Graf Frehlinghaus, der Justizrat Brandes als Syndikus der neuen Theatergesellschaft, der berühmte Dramatiker und noch einige. Der Prinz reichte jedem die Hand und wechselte mit Fridolin Meyer ein paar freundliche Worte; FrehlinghauS grüßte nur mit ziemlich starker Kopfneigung, wenn auch durchaus höflich. Ganz wohl fühlte er sich hier nicht, wußte auch nicht recht, wie er sich benehmen sollte. Er kam sich deplaziert vor und zupfte an seinen Bartspitzen. Rur Berndal hatte seine Gattin mit. Doch waren noch andere Damen erschienen: einige Sängerinnen und Schauspielerinnen, die dem neuen Unternehmen bereits verpflichtet worden waren, alle in sehr eleganter Jrühlingstoilelte, bi3 auf Nina Imhoff, die ein munodernes Jackett trug und einen monströsen Winterhut. Aber das schadete ihr nicht. Sre stand neben Harry Priestap, und beide unterhielten sich eifrig, mit flüsternder Stimme und augenscheinlich sehr gut; sie kicherten wie ein paar ausgelassene Kinder. Hammer sah es, und es war ihm unangenehm. Die Stunde hatte immerhin ihre gewisse Feierlichkeit. Es ging auch etwas wie ein leiser Stich durch sein Herz, und das ärgerte ihn gleichfalls. Was kümmerte es ihn, wenn die niedliche Nina und Priestap sich näher traten I . . . (Fortfekung folgt.) Mit welchem M Ät Kan» Die hessische W^kssHuke ein Kind der Melorrnation genaint werden? Nach einem Vortrag des Pfarrers D. Dr. Diehl zu Hirschhorn im Evang. Bund. Tie Ansichten über das Verhältnis zwischen Reform mation und Volksschule gehen weit auseinander. Manch« Leute meinen, die Volksschule sei direkt eine Schöpfung Luthers, andere wieder leugnen jeden Zusammenhang zwischen beiden. Weit verbreitet ist die Ansicht, daß die Volksschule ein Werk des Protestantismus als Kulturmacht sei, also daß sie aus den Zeiten des Pietismus 51 der «Aufklärung, d .h. aus dem 17. und 18. Jahrhundert stamme. Wenn die Reformation tatsächlich nicht Schulen fürs Volk ins Leben gerufen hätte, so wäre das ein bedenklicher Punkt für ihre Beurteilung, denn dann wäre ein wichtiger Gedanke reine Theorie geblieben, nämlich der, daß man die großen Kräfte des Evangeliums in die weitesten Kreise des Volkes bringen müsse; so müsse man die Begriffe über die Reformation sehr ändern. Tie Anschauung, die Volksschule sei ein Produkt des Pietismus und der AUsklärung findet sich in den meisten pädagogischen Schriften, besonders in der Geschichte des Volksschulwesens von Heppe. Nach ihm ist die Volksschule im 18. Jahrhundert entstanden. Wenn es schon zur Zeit des 30jährigen Krieges Schulordnungen gegeben hat, so waren diese ohne jede Verwirklichung in der Praxis. Ist wirklich aber Schule gehalten worden, so geschah es durch Handwerker, Tagelöhner, Bauern usw. — Diese Anschauung ist nach Ansicht des Redners verdächtig, weil ausgehend von einer unzutreffenden Beurteilung der Zeit des 30- jährigen Krieges. Es ist diese Zeit nicht allgemein eine Epoche des Niedergangs, sondern nächst den Tagen der Reformation eine Zeit regster wissenschaftlicher Arbeit gewesen, besonders die Jahre 1634—1640. Man bemüht sich zu retten, was noch zu retten ist. Gerade die falsche Beurteilung der Zeit des 30jährigen Krieges führt zu dem Satze: wenn 1634 eine großartige Ordnung über das Volksschulwesen herauskommt, so ist die Ausführung unmöglich gewesen. Tie Bücherkataloge der die Frankfurter Messe in jenen Jahren beziehenden Buchverkäufer, die noch vollzählig zu haben sind, zeigen dem aufmerksamen Forscher die merkwürdige Tatsache, daß vor dem 30jährigen Kriege fürs Volk verhältnismäßig wenig geschrieben wurde, daß aber in den Jahren 1634—40 eine förmliche Hochflut von Volksbüchern auf den Markt gebracht wird: Gesangbücher, Katechismen, Spruchbücher mit und ohne Bilder. Wenn ein solcher Nachdruck auf Schulbücher gelegt wurde, so müssen unbedingt auch Leute dagewesen sein, die sie kauften, d. h. sie brauchten. Von besonderer Wichtigkeit für die zu behandelnde Materie aber ist das Buch eines alten Gießeners, Johann Justus Winckelmann über die „Grundzüge der Erziehung". Nach diesem Büchlein gibt es überall Schullehrer. Ter Verfasser tadelt es, daß reiche Leute ihre Kinder nicht in die vorhandenen Schulen schicken, sondern sich den Luxus eines Hauslehrers gestatten, als ob ihnen die bestehenden Schulen nicht gut genug wären. Aus diesem Büchlein, das in die fragliche Zeit fällt, geht also auch unzweideutig hervor, wie sehr man sich gerade damals für die Frage der Erziehung interessiert hat. Menn Heppe in dem genannten Werk aus deu Akten der großen Kirchenvisitation 1628 herausgelesen hat, daß es damals noch keine Volksschule gegeben hat, so haben jahrelange, eingehende Studien des Redners das gerade Gegenteil bewiesen. Im Jahre 1628 berichten sämtliche Pfarreien von Oberhessen, Katzenelnbogen, Langenschwalbach, St. Goar, von Marburg und dem Hinterland bis auf verschwindende Ausnahmen über eingerichtete Schulen mit einem wohl geschulten Lehrerstaud, auch eine große Anzahl von Filialorten genießen denselben Vorzug. Ja aus den Kirchenbüchern ergibt sich die Tatsache, daß die Bauern ganz rebellisch wurden, wenn sie keine Schule auf ihre Vorstellung hin erhielten, da sie sich dann als Stiefkinder betrachten; wenn sie Steuern und Abgaben entrichten müssen, so verlangen sie dafür auch Schulen. Ter Schulbesuch ist freilich verschieden. Hier werden die Knaben geprügelt, wenn sie die Schule versäumen, dort ist man zufrieden, wenn sie nur im Winter konuueu, auch die Mädchen haben 1628 regelmäßig die Schule besucht. Auch die Ansicht, daß, je weiter man zurückgehe, umsomehr in den Schulen geprügelt worden sei, ist als unbegründet zurückzuweisen; zumeist ist der Stock von den Theologen benutzt worden. Ein Gradmesser für die Wertschätzung der Schulen im Volksleben ist, ob sie würdige Lokale haben. Aus den Visitationsakten von 1628 geht mit unfehlbarer Sicherheit hervor, daß alle Pfarrorte und Filialen ein gutes Schullokal haben. Somit läßt sich also mit wissenschaftlicher Begründung sagen, 1628 gab es schon eine gut organisierte Volksschule mit einem praktischen Schulzwang. Ws 1635 die soziale Not durch Pest und Teuerung stieg und man von den Filialen aus nicht in die Pfarrorte gehen konnte, haben auch fast alle Filialen sich; ihre Schale zugelegt, darunter die kleinsten Orte. Menn die Schulakten kaum Neugründungen von 1650—1800 erwähnen, so müssen ja alle 1800 vorhandenen Schulen auch 1650 schon bestanden haben, und die Lehrergehälter im Jähre 1800 sind noch dieselben wie 1650. Wo aber kommen nun die Schulen 1628 her? Als Hessen evangelisch wurde, gab es nur an wenigen größeren Orten Lateinschulen. Von 1628—1600 rückwärts sind wenige Schulen gegründet worden, die meisten sind schon bis zum Jahre 1580 vorhanden.. Von 1560 an ist das Bestreben vorhanden, das ganz« Hessenlaud mit einem Netz von Schulen zu umspannen. Was sind das nun für Schulen und was für Lehrer? In Oberhessen gibt es nur wenige Orte, in betten man die Schule einem besonderen Lehrer übergibt; zumeist ist es der Glöckner oder Opfermann, der vom Pfarrer ausgebildet wird und die Kenntnis des Lesens, Schreibens und Rechnens an die Kinder weitergibt. Ganz anders lagen die Verhältnisse in der Grafschaft Katzenelnbogen, der heutigen Umgegend von Darmstadt. Hier galt es für durchaus unwürdig, daß der Lehrer zugleich Glöckner ist oder ein Handwerk bekleidet. (Letzteres ist 1628 auch in Oberhessen kaum der Fall.) In der Grafschaft Katzenelnbogen steht man auf dem Standpunkt, daß der Lehrer ein vollständiges theologisches Studium hinter sich haben mnß. Diesen Gedanken hat der Superintendent Hoh. Angelus durchgeführt. Dieser Gelehrte, der auch an der Gründung der Gießener Universität mit beteiligt war, ist in Hessen der Vater des Volksschulwesens gewesen und hat die Programme ausgearbeitet. Er war Pfarrer in Groß-Gerau. Für ihn ist selbstverständlich, daß Knaben und Mädchen die Schule besuchen, daß jede Pfarrei ihre eigene Schule hat und jeder Lehrer seine besondere Ausbildung genossen hat. Bei seinem Tode 1608 war in der Tat die ganze Grafschaft Katzenelnbogen mit Schulen übersät, in jedem Torfe war ein Lehrer mit dem Magistertitel, dem heutigen „Toktor"titel entsprechend. Die Gehälter waren gute, auch für Witwen war gesorgt. War der Lehrer, der also Theologie studiert haben mußte, 10 bis 15 Jahre lang tätig gewesen, so konnte er ins Pfarramt übergehen, mußte aber erst durch ein schwieriges Examen nachweisen, daß er die Zwischenzeit zu fleißigem Studium benutzt batte. Als 1604 Oberhessen hessisch wurde, wollte Angelus sein großartiges Programm auch hier durchführen, aber der Plan scheiterte an der Armut seiner Bewohner. So erklärt es sich, daß im Jahre 1800 die rhein- hessischen Lehrer noch den dreifacheit Gehalt ihrer oberhessischen Kollegen hatten. Wenn Angelus und mit ihm gleichzeitig auch ander« Superintendenten die entwickelten Ideen hatten, so kann das nur daher kommen, daß man um 1560 dazu kam, die Gedanken der Reformation praktisch durchzuführen in Hessen. 1539 hatte Martin Bucer die Konfirmation in Hessen eingeführt, ausgehend von der Idee, daß jedes getaufte Kiud auch eine christliche Erziehung bekommen müße. Nach 1539 wird Philipp der Großmütige in die schweren politischen Kämpfe seiner Zeit verwickelt, er gerät in Gefangenschaft, die schönen Anfänge neuen Lebens in seinem Laude brechen zusammen. Erst ttach seiner Freilassung 1552 fängt man allmählich an, das längst Beschlossene wirklich dnrchznsetzen. Nachdem die Universitatsge,etze durchgeführt tourben, ist ein starker theologischer Nachwuchs vorhanden. Für die Kousirmatimtspraxts wird gesorgt, und da bei der Konfir- matton bestimmte religiöse Kenntnisse verlangt werden, so mußte eine Schule durchgemacht werden. So muß das Problem der Schulgründungen in die Hand genommen iverben, als man Ernst macht mit der Kvnfirmalion: dtese ist also eigentlich bte Wurzel der Volksschule gewesen. Damit ist der Nachweis erbracht, daß die he,stsche Volksschule nicht ein Kind des Pietisnms oder der Aufklärung ist, sondern ein rechtes Stiub der hessischen Reformation in dem Sinne, daß sie ins Leben trat, sobald man fähig war, mit dem großen Gedanken der Reformation tn Hessen auch in der Praxis Ernst zu machen. Ein neues Lustspiel. Aus Düsseldorf wird uns geschrieben: Unter dem weiten Mantel des Wortes Komödie hat allerlei Platz, auch ein Stück, das euphemistisch „Lustspiel genannt Wirb und doch nichts anderes ist, als eine Poste, und sogar eine recht derbe. Den Stoss zu seiner „Nacht in Florenz bat Paul Ernst aus einer der altitaliemschen Novellen, geschöpft, die er übersetzt und im „Insel-Verlag" hat erscheinen »affen Es ist eine anmutig-graziöse Erzählung, ganz und gar italienisch und echtester Renaissancegeschmack, die sich betitelt: „Von der Liebe zwischen Ippolito de Buondelmonte und Lwnora de Bardi. — Aus dem 15. Jahrhundert." Der Autor ist unbekannt. Das Grundmotiv der Erzählung ist das Montccchl und Capuleti-Thema: Familienzwietracht trennt zwei Liebende Von Shakespeare in „Romeo und Julia" alS tragisches Motiv benutzt, wird es hier ein Lustspielmotiv, dessen kichernd ironischer Einschlag den Verfasser von „Eine Nacht in Florenz" vorzugsiveise zu der derben Keckheit seines Stückes gereizt Haven mag. Um den novellistischen Stofitern herum rankte er ein burleskes Nebenspiel, das seine buntschillernde Farbigkeit aus der Zeit und dem Milieu empfängt und in die Idee des Ganzen eine in ethischen! und stilistischem Sinne wirkende moderne Note, die einer fröhlich bejahenden Lebensauffassung, hmemträgt Ippolito Buondelmvuti ist mit einer schar mnger Edelleute in die Kneipe des Wirtes Niccolo cingekehrt. Er sitzt abseits und hängt seinen Gedanken nach, weltschmerzücycn Gedanken, die nur noch schmerzlicher werden, als er durch das Fenster ein schönes Mädchen in einer Nonnenpvozession vorübergehen sieht. Kaum hat er erfahren, das; das Mädchen, zu dem er m raher Liebe entbrennt, eine Bardi ist — die Buvndelmoutt und Bard:, die beiden vornehmsten Familien in Florenz des 15. Jahrhunderts, leben in stündigem Zwist — so sucht er sich zu erstechen. Verwundet wird er in ein nahegelegenes Koster gebracht, dessen Aebtissin, eine hochbejahrte, kluge und welterfahrene Dame, dem jugendlichen Hypochonder ernstlich ins Gewissen redet: aber von dem Schmerze des untröstlichen Jünglings wird sie so gerührt, das; sie eine Begegnung der beiden Liebenden m der Form gewährt, daß Ippolito hinter einem Vorhang versteckt seine angebetete Lionora sehen soll. Natürlich zieht Ippolito, während Lionora der Arbtstsui die Konjugation von „amo" aufsagt, den Vorhang fort, und alsbald liegen sich beide in den Annen. Ippolito wird von der Acbii'sin hinausgejagt, aber Lionora hat ihm bereits zugeflüstert, er solle abends bor ihr Fenster kommen, das dem Grabe des Schneidermeisters Dolcibeni gegenüber liegt. Als Ippolito mit einer Leiter erscheint, begibt sich etwas sehr Merkwürdiges. Aus ver Dolcibeni-Grust steigen zum Entsetzen der herbeicilenden Wächter allerlei Gestalten, die sich gegenseitig für vom Tode Amfcrstandene oder für Geister halten. Das ist eine Folge der Ereignisse, die nebenher im ersten M gespielt haben. Da haben die zechenden Edelleute nämlich dem Brüder- Paar Dolcibeni, den Söhnen des verstorbenen Schneidermeisters, eingeredct, daß der eine von ihnen, Pino, tödlich verwundet und gestorben sei, der andere aber als Räuberhauptmann Bona- I miet ein von der Polizei sehr gesuchter Verbrecher sei. Außer I diesen beiden entsteigt der Gruft aber noch Ippolitos Freund | Currado, den seine Geliebte, um sich nicht zu kompronlitticren, I dahin gebracht hatte weil sie ihn für tot hielt. Und endlich wird I der gestorbene Vater Dolcibeni von all dem Lärm um ihn herum I so empfindlich in seiner Ruhe gestört, daß er es vvrzieht, das | Lokal,' in dem er so friedlich lag, zu verlassen. Er packt seine I Söhne etwas unsanft am Ohr und schleppt sie nach Hause, i Ippolito und sein Freund Currado werden als vermeintliche I Di st- und Einbrecher dem Henker überantwortet. Mer im letzten Ar "icke werden sie durch das tapfere Eingreifen der Frauen , i, und so schließt das Stück mit der glücklichen Verlobung von Ippolito und Lionora. __ Bon einem Wirbelwind grotesker Einfälle und Situationen qeiagt» ziehen die färben- und sinncnfreudigen Bühnenbilder an dem Zuschauer vorüber. Di: Absichten des Dichters werden von dem Gestrüpp derber, toller Komik erstickt. Das ist besonders um der sprachlich und stilistisch ausgezeichnet geführten Szenen willen zu bedauern, in denen sich eine Bernard Shaw und^Frank Wedekind verwandte Stilkunst kundgibt. Dera Erftstge des Stuckes bei der heutigen Uraufführung im Düsseldorfer Samuspielhause kam es zustatten, daß der Autor Dramaturg des Dumoutschen I Theaters ist und als Herausgeber der „Masken" em, von vor- herein empfängliches Premierenpublikum hatte, das mit starkem Beifall nicht kargte und den Dichter wiederholt rief. A. st. HnMsrisLZHches. K i n d e r m u n d. Papa und Mama treten eine Reife an und verabschieden sich von ihrem Töchterchen. Mama: „Adieu, süßes Kind, bleib mir hübsch gestmd I"— Wärterin zum Kinde: „sag: Du auch, liebe Aiama." — Töchterchen: „Du auch, liebe Mama." — Papa: „Adieu, mein Töchterchen, sei hübsch artig und gehorsam l" — T ö ch t e r ch e »: „Du auch, lieber Papa 1" Diese Fremdwörter! Sitzen zwei in einer Versammlung und lauschen den estrigen Auseinandersetzungen des Redners au! dem Podium, Sagt der eine: „s'ist hier schlechte Akustik—" Und der andre draus mit schnüffelnder Rase: „Ich rieche nichts--". Humor des Auslandes. * Polizist (stim Vagabunden): „Ich wünsche Ihren Rainen und Ihre Adresse." — Vagabund (sarkastisch): „So wirklich? Niin, mein Name ist John Smith und meine Adresse Nnmmer 1 in der krischen Luit. Wenn Sie mich besuchen, machen St« sich nicht die Müde, erst anzukiopien, treten Sie nur so ein I“ • „Tut mir leid — aber alle meine Töchter sind bereit- vev- [obt/ — „Ah, nun, das macht nichts; ich werde wieder vorsprechen, wenn eine Vakanz da ist." „Sie haben ja eine gewaltige Sammlung von Romanen, Smithers." — „Ja, eine gat>z anständige. Meine Frau schafft st« an, um einen recht poetischen Namen für unser Baby herauszusuchen " — „Ah, und wie haben Sie es genannt?" — „Susann«!" • Junge Frau: „Frau Alten hat zivei neue Kleider gehabt in der Zeit, wo ich eins bekommen habe. — Junger Ehemann: „Ganz recht, Schatz ; aber Frau Alten hat auch zwei Männer gehabt gegen deinen einen." Zu Küisersgek'urtstag. Die Glocken läuten, und die Fahnen wehen, Kanonendonner kündel's weit ins Land: Dem deutschen Volk ist neues Heil, geschehen. Den Kaiser schirmte uns des Höchsten Hand! Und Millionen treuer Herzen flehen Vom Alpengau bis hin zum Nordmeerstrand i Du treuer Gott, behüte ibn in Gnaden Auch fernerhin au! seines Lebens Pfaden! Au diesem Tage sei nur ein Verlangen, Nnr e i n Gefühl in deutschen Herzen wach: WaS wir iin Kaiser von dem Herrn empfangen, Dem denke jeder stifl in Demut nach! Vorüber ist das Hangen und das Bangen, Vorüber ist die Zeit der Not und Schniach l Em Kaiser waltet über Deutschlands Gauen, Wir dürfen mutig in die Zukunft schauen l f Darum gelobe sich zu edler Treue Ein jeder seinem kaiserlichen Herrn, Daß sich in allen inniglich erneue Des deutschen Wesens wundervoller Kern, Tab sich der Zwietracht letzte Spur zerstreue Und Brnderliebe walte nab und fern! Dann wtrd uns dieser Tag zum Segen werden, Und Friede, Friede wird es sein auf Erden! Wie unter Donner, Sturm und Blitzgeschmetter Der Herr zu Israel berniederstieg, Co nahte er auch unferm Volk im Wetter In Feindesland im opferreichen Krieg. Dort ward er uns zum Heller und Erretter, Vor dessen Stimme alles zitternd schwieg. Vergebt es nicht, daß er Lnifens Sodne Dort selbst auis Haupt gesetzt die heit'ge Kron«! Gebrochen ist das Herz des edlen Greises, Dem Gott gegründet seinen Kaiserlhron; Roch bebt durch unser ganzes Volk em leises Wehklaget! um den hochgesinnten Sohn. Wie wir um ihn geweint — der Himmel weiß «S, Drum ward auch uns'rer Treue Hoyer Lohn: Den jungen Kaiser voller Kraft und Leben Hat er in Gnaden unserm Volk gegeben! Drum wollen wir in hehrer Feierstunde Voll froher Hoffnung auf den Kaiser lehn: Em Sturm der Liebe foll aus aller Munde Frohlockend beut' durch Deutschlands Gaue weht«, Und alle wollen ivir aus Herzensgründe Zum Himmel