Montag den 26. Hlovemöer 1$ MW MM 13 M WWZ Im Manne des Geheimnisses. Roman von H. v. NaeSfcld. Nachdruck verbotet. (Forticdung.) „Du bist mit so knapper Not einer schweren Krankheit entronnen", sagte ef, „das; ich dich doppelt sorgfältig hüten muß. ' Dr. Roberts sagte mir, er hätte noch nie jemanden gesehen, der so darauf und daran gewesen, Gehirnentzündung zu bekommen." „Mylady ist zu einer Spazierfahrt aus, Herr Sinclair", meldete Jeannette, „weint Sie jetzt das Bild gern sehen ivollen, so haben Sie Gelegenheit dazu." Er wollte nicht allzu eifrig scheinen, sondern unterhielt sich erst noch einige Minuten mit ihr; dann führte sie ihn in das Ankleidezimmer. „Das ist das Bild", sagte sie; und Mr. Sinclair Pflanzte sich vor dem Meisterwerke auf. Es war ihm natürlich eine Kleinigkeit, das Kammerkätzchen auf einige Zeit zu entfernen. Er bat sie, ihm sein Skizzenbuch zu holen, wüßte aber ganz genau, daß sie es nicht finden würde. Nicht sobald ivar sie gegangen, als er hastig die Tür verriegelte und seine Suche begann; die Juwelen-Scha- tulle, die wunderbaren Schätze an seidenen und sammetnen Gewändern, die sonstigen Zierraten und Schntucksachen des prächtigen Gemaches waren rasch überblickt und durchforscht. Dann fielen seine Augen auf den Wandschrank, und er öffnete ihn hastig. Endlich doch etwas. Er fühlte ein kleines Bündel in einer Ecke. Eng'zusammengedreht und geknüllt lag das perlgraue, seidene Kostüm dort. Hastig faltete er es auseinander und sah die verhängnisvollen Flecken darauf. Es war das Werk eines Augenblicks, den Schrank mit seinen Nachschlüsseln wieder zu verschließet und seine Beute, den letzten und grausamsten Beweis von allen, in Sicherheit zu bringen. Als Jeannette nach einer guten Viertelstunde zurückkehrte, stand er noch immer wie hingerissen vor dem Gemälde; eine Klügere wie sie hätte jedoch vielleicht bemerkt, das; seine Augen funkelten lvie die eines Bluthundes, der cnolich auf der richtigen Fährte ist. „Ich kann Ihr Buch nicht finden", sagte sie ungeduldig und schnippisch, „Ich glaube, es .ist überhaupt keins da." „Doch, doch", versicherte er; „Sie sind aber doch die Güte selbst, sich so zu benmhen! Nun, es macht nichts; es gibt an diesem Bilde so viel zu studieren, daß ich, wenn Sie gütigst gestatten, später noch einmal herkomme." Eine halbe Stunde später stand er eifrig debattierend mit Sergeant Elliot in dessen Privat-Kabinett, und vor ihnen auf dem Tische lag das goldene Armband, ein Fetzen Papier aus der Brieftasche des Toten, und das perlgraue seidene Kostüm, „Jetzt brauchen Wir nur noch d> Waffe", sagte Mch Sinclair triumphierend, „dann hätt ■ den ganzen Beweis beisammen." „Aber der Beweggrund, wo ist mb?" fragte Sergeant Elliot. „Was kann das nur „Tas braucht uns nicht zu kümmern. ^t merkwürdigere Sachen im Leben dieser vornehm«. *t, als Sie oder ich mit all unserer Philosophie u. neu lassen. Der Grund wird schon ays Licht koin. lassen Sie sich darauf!" „Es tut mir unangenehm leid", bemerkte der Ser^ „cs gibt keine Familie im Bezirke, die so hoch stä». wie die Waynes von Kenninghall." „Höherstehende Familien haben schon ihre Uuannehm- lichkeiten gehabt", War die philosophische Erwiderung, und damit endete die Unterhaltung. 55. Kapitel. Kumnrer in Elton. An diesem herrlichen Frühlingsabende, wo sie eine so schreckliche Kunde erhalten sollte, saß Kate Jefferies vor der Türe ihres Häuschens und nähte. Der Witwe War das Herz schwer; sie War sehr beküin- mett wegen Jack. Seit vielen Monaten schon war sein Benehmen ihr ein Rätsel. Nun War er seit einigen Tagen fort, ohne daß er ihr auch nur ein Wort gesagt, wohin er gehe oder was er tun Wolle; und als sie seine Stube mtpi geräumt, hatte sie genug gesehen, Was sie allerlei Befürchte ungeu hegen ließ. Wo halte er nur das Geld für so mancherlei Sachen her — neue Anzüge, Ringe, teure Shlipse, kurz, allcch Was er haben Wollte? Gearbeitet hatte er nicht, sonstige Gelegenheit, Geld zu verdienen, hatte er ihres Wissens auch nicht gehabt — er schlug die Zeit ja nur mit Vergnügungen tot. Daß er seine Drohung Wahr gemacht und ihr Geheimnis entdeckt haben könnte, kam Kate Jefferies keinen Augenblick in den Sinn; in letzter Zeit hatte er gar nicht mehr davon gesprochen, und sie hoffte zuversichtlich, er habe es vergessen oder fei des nutzlosen Fragens müde geworden. So saß sie da in trüben und schweren Gedanken und stichelte über ihrer Leinwand, als plötzlich hastige Schritte ihre Aufmerksamkeit erregten; sie erhob den Kopf und gewahrte Werner. Er kam hastig auf sie zu und begriißte sie in seiner liebevollen anhänglichen Art. „Mein lieber Werner, dies ist aber ein sehr unverhofftev Besuch", sagte sie, dann bemerkte sie, wie ernst und erregt er aussah. „Bist du krank, Werner?" fragte sie besorgt. „Nein, nein, ich bin nicht krank", erwiderte er ans- weichend, „ich komme, um mit dir wegen Jack zu sprechen. Wußtest du vielleicht, daß er die Slbsicht hatte, zu mir nach Kenninghall zu gehen?" „Kenninghall?" wiederholte sie erstaunt. Ich weiß - 698 nicht einmal, wo der Ort liegt Ich dachte, vn wärest ans Downhom." „Das bin ich auch, imb Kenninghall ist eine Besitzung ganz in der Nähe." „Ich höre beide Namen zum ersten Mal, Werner. „Er ist gestern nach Kenninghall gekommen und dort von einem Unglücksfall betroffen ivorden." Sie fuhr blaß und zitternd vom Stuhle empor. „Ein Unglücksfall? O, mein Sohn! — mein Junge! Ich muß gleich hin." „Ich wollte dich schon holen", fuhr er fort; „Lord Wayne wünschte, daß du sofort kommen solltest" „Ist er krank? Ist er in Gefahr?" schrie sie auf. „O, mein Sohn, mein einziger Sohn!" „Aber Mutter", rief auch er jetzig „soweit mußt du mich nicht vergessen; er ist doch dein einziger Sohn nicht — ich bin hier, dich zu lieben und für dich zu sorgen." Doch sie starrte ihn nur mit wilden Blicken an und stöhnte "nach ihrem einzigen Sohne. Werner ioar unaussprechlich bekümmert „Mutter", begann er wieder, „ich möchte, du hälfest mir herausbekommen, was den armen Jack nach Kenninghall geführt hat; es hängt so viel davon ab." „Ich kann cs nicht", erwiderte Kate mit gerungenen Händen, „ich weiß es nicht, o, mein Sohn, mein Sohn!" „Als er nach London kam und mich besuchte", fuhr Werner fort, „war er auch zwei- oder dreimal bei den Waynes zu Besuch. Sie waren sehr freundlich gegen ihn; aber dennoch scheinen sie nicht zu wissen, was ihn eigentlich dahin — nach Kenuiughalt geführt hat." „Ich habe ihn von einigen großen, vornehmen Leuten sprechen hören, die in London sehr nett gegen ihn gewesen wären", sagte Kate, „aber die Namen davon habe ich nie gehört." „Lord und Lady Wahne sind mit den Romseys sehr befreundet, nnd luden ihn deshalb zu sich ein, auch Miß West wär sehr freundlich gegen ihn." Dann sah er erstaunt empor, denn sie stand da, rang fchreckensfahl die Hände und wiederholte den Namen, in einem Tone, den er nie wieder vergaß. „Miß West! O, Werner, sag' das nicht! — sag' mir Nicht, daß die da ist!" „Nun, natürlich ist die da", erwiderte er aufs höchste erstaunt. „Sie wohnt auf Kenninghall mit ihrer Schwester." „Ihrer Schwester?".wiederholte Kate. „O Werner, sag, ist sie — ist diese Schwester schön von Gesicht, mit Augen wie Veilchen, und goldigbrauneu Haaren?" „Jawohl, das ist Lady Wayne", bestätigte Werner verblüfft. „Dann haben sie meinen Jack umgebracht!" schrie sie wild auf. „Mein Junge! Mein einziger Sohn! Sie haben ihn umgebracht!" Einige Minuten lang stand sie wie vor Schrecken ge- lähmt; dann wandte sie sich zu ihnr. „Und du hast sie gesehen — du kennst diese Lady Wahne?" „Gewiß; ich sehe sie fast jeden Tag", erwiderte er. Kate Jefferies sah ihn starr an. „O, du allmächtiger Gott", sagte sie leise, „wie wunderbar sind deine Wege!" „Liebste Mutter", sagte Werner saust, „ich verstehe dich nicht. Die Wahnes sind sehr freundlich, sehr liebenswürdig gegen mich und gegen Jack gewesen. Warum sprichst du nur so merkwürdig von ihnen?" „Du hast sie Tag für Tag gesehen, mit ihr gesprochen, geplaudert, ihr zugehört, und weißt es noch nicht?" schrie sie wild. „Was wissen, Mutter? Du sprichst in Rätseln." „Wie sollte er's wissen, er hat Recht", murmelte sie; „wie sollte er's auch wissen; es ist ein Geheimnis, ein beschworenes Geheimnis." Werner stand vollständig verblüfft da nnd wußte nicht, was er sagen sollte. Es schien ihm, daß nur Zeit vergeudet wurde, deshalb begann er wieder: „Also Jack---" „Ja, sag mir", unterbrach sie ihn wild, „was ist's mit meinem Jungen?" „Er ist also nach. Kenninghall gekommen, und zwar, wie angenommen wird, gestern abend, und dort ist auf ihn geschossen worden!" ^Allmächtiger Himmel!" schrie die arme Mutter und preßte beide Hände aufs Herz. „Geschossen! — o, Werner! — doch nicht totgeschossen?" Sie warf sich vor ihm auf die Knie und ergriff feine Leiden Hände. Die Tränen stürzten Werner aus den Augen; er sagte mit gebrochener Stimme: „Sei stark, liebe Mutter, du mußt es ertragen; er weilt nicht mehr unter den Lebenden — der Schuß hat ihn sofort getötet." „Mein einziger Sohn! Mein hübscher Junge! Mein liebster, bester Jack!" klagte sie mit irrem Blick und gebrochener Stimme. Seine Fehler waren bereits vollständig vergessen; sie erinnerte sich nur, wie sehr sie ihn geliebt hatte. „Er kann nicht tot sein!" schrie sie. „Er war mein Einziges, der Himmel hätte ihn nicht ohne ein Wort von mir sterben lassen." „Mutter", sagte Werner traurig, „vergißt du mich nun ganz und gar; er war nicht dein einziger Sohn; sieh, ich bin doch hier, ich liebe dich auch, du vergißt mich". Sie starrte ihn an, mit dem wirren Blick eines Menschen, der ivohl hört, aber nicht versteht „Er ist tot — erschossenI" Dann sprang sie plötzlich empor, und stand hochaufgerichtet vor ihm. „Du sagst, er ist gleich vor der Tür des Hauses erschossen ivorden, >vo sie lebt, wo Marian West lebt? Bring mich dahin, zu ihr, Werner; frag nicht, warum! Bring mich zu ihr. Er hat das Geheimnis entdeckt, und sie hat ihn ums Leben gebracht". „Miß West ihn ums Leben gebracht? Aber, Blutter, sie ist so sanft, so mildherzig, sie würde nicht mal einen Wurm mit Absicht zertreten, glaube ich". „Das ist ja sicher, daß du dich zu ihnen hältst", schrie sie wieder und wandte sich von ihm ab, „es ist ja auch natürlich. Ich weiß jetzt, was ihn nach Kenninghall gebracht hat, und ich sage dir, sie hat seinen Tod veranlaßt. Die ganze Sache war so außergewöhnlich, daß Werner doch schließlich ein Geheimnis zn argwöhnen begann. Aber was, und worauf bezog es sich? Konnte ein Geheimnis zivischen feinem Bruder Jack und Dliß West bestanden haben? Es war zu spät am Abende, um noch reisen zu können; der letzte Zug war längst von der kleinen Station abgegangen. Es war eine traurige Nacht, die Werner nach langen Jahren zum erstenmal wieder tut Hause, das er als seine Heimat betrachtete, zübrachte. 56. Kapitel. Nm Todeslager des einzigen Sohnes. Es dämmerte bereits, als Werner und Kate Jefferies endlich Kenningsthorpe erreichten. Während der Fahrt war kaum ein Wort zwischen beiden gewechselt worden. „Laß mich zuerst meinen Sohn sehen", sagte Kate, „und wenn ich ihm in sein totes Gesicht gesehen habe, werde ich am besten wissen, was ich ihr zn sagen habe". Sie kamen endlich beim Försterhause an. Die Frau des Försters hieß die arme Mutter aufs teilnehmendste will- konunen. Sie ließ sie nicht sofort in das Zimmer, wo die Leiche lag. Kates einziger Wunsch war, sich neben ihn hin- zulegen und auch zu sterben. „Ich weiß, was das ift,'* sagte die Förstersfrau. „Sie kommen nicht eher hin, bis Sie erst wenigstens eine Tasse Tee getrunken haben. Ich werde Ihnen sofort etwas fertig machen, das Wasser kocht schon". Sie zwang die weinende und sich sträubende Mutier mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl und bereitete dann schnell und geschäftig den Tee. „Ich habe selbst ein paar Kinder verloren", fuhr sie fort, „ich weiß, was das heißt. Sie können dem Himmel danken, daß Ihnen noch ein so guter Sohn geblieben ist". Und sie blickte freundlich zu Werner hinüber; doch Kate wandte sich mit einem Schauder davon ab, daß es Werner unaussprechlich weh ums Herz wurde. 699 ~ In diesem Augenblick betraten die beiden Polizisten, Sergeant Elliot und Mr. Sinclair, das Häuschen. Flüsternd wurde ihnen nütgeteilt, wer die still weinende Frau sei und sie sahen sich an mit dem heimlichen Gedanken, daß nichts erwünschter hätte kommen können, wie dies Zusammentreffen. „Wollen Sie mich jetzt meinen Sohn sehen lassen?" fragte Kate Jefferies, die ihren Tee kaum ungerührt hatte. Die Jörsterssrau deutete auf die Tür. Sie sahen sie die Tür öffnen und wieder schließen; sie hörten die wilden Ausbrüche des Schmerzes, die zärtlichen liebevollen Namen; und endlich trat ein langes Schweigen ein. Die Zurückgebliebenen sahen sich mit peinlichen Ge- sühlen an. „Es ist sehr hart für sie", bemerkte Sergeant Elliot endlich leise. „Es ist wirklich äußerst traurig, wenn man die Kinder von klein an aufwachsen sieht und sie später, wenn sie groß sind, auf einmal verlieren muß", pflichtete die Försters- srau bei. „Es ist ihr aber noch ein Trost geblieben", bemerkte Mr. Sinclair mit einem Blick auf Werner; dann fuhr er zusammen. Kate Jefferies stand vor ihm, ihr Gesicht war totenblaß. „Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr", sagte sie mit harter Stimme; „ich habe keinen Trost mehr — keinen. Werner, geh zu dem Schloß, das du Kenninghall nennst; und sage Marian West, ich wartete hier an der Seite meines Sohnes aus sie. Sie soll sofort kommen und sich dafür verantworten, was hier geschehen ist". Es lag so viel tiefer, erhabener Kummer in ihren Zügen, solcher Ernst und Würde in ihrer Stimme und Haltung, daß sich alle ansahen, unschlüssig, was sie tun oder sagen sollten. Dann, während sie sie noch mit zweifelnden Blicken an- sahen, begann die hochaufgerichtete Gestalt zu schwanken rind sank mit einem tiefen Seufzer schwer zu Boden. „Jetzt hat sie wenigstens eine Zeitlang Ruhe in ihrem großem Elend," sagte die Förstersfrau, die geschäftig zu Hilfe eilte. Werner und die Frau legten sie auf das kleine Sopha, indes die beiden Polizisten Blicke austauschten, die Bände redeten. „Das ist Myladys Schwester, nicht wahr?" flüsterte Herr Sinclair. „Ich sehe noch nicht klar in der Sache. Wie ist sie darin verwickelt? Das müssen wir herausfinden. Jedenfalls jetzt hier geblieben!"-- In seinem ganzen Leben war Werner Jefferies nicht so verblüfft und verwirrt gewesen, wie an dem Abende, wo er vom Försterhause nach Schloß Kenninghall ging. Warum klagte seine Mutter nur Marian West des Mordes an dem armen Jack an? Miß West, die wie er glaubte, nie in ihrem ganzen Leben ein unfreundliches Wort gesprochen, eine lieblose Handlung begangen hatte? Was meinte seine Mutter nur mit dem wiederholten Klageruf, daß Jack ihr einziger Sohn sei? Wenn das wahr wäre, wer war er kenn eigentlich? In solchen Gedanken erreichte er Kenninghall. Er fragte nach dem Hausmeister und mußte einige Minuten warten, ehe diese wichtige Persönlichkeit Zeit finden konnte, sich ihm zu widmen. „Wir haben nichts wie Unglück über Unglück gehabt, werter Herr Jefferies. Infolge dieses Unglücksfalles wurde das Fest anfgegeben. Mylady mar ebenfalls sehr angegriffen und von einer ernstlichen Krankheit bedroht." „Meinen Sie wohl, daß ich Miß West sehen könnte?" fragte Werner. „Sie hat den ganzen Tag auf ihrem Zimmer zugebracht," ewiderte er zweifelhaft; „ich kanns wirklich sagen." „Wollen Sie wohl eins der Mädchen bitten, ein paar Zeilen für mich hinanfznbringen? — Ich will dann aus Antwort warten." (Fortsetzung folgt.! Aas Museum in Aarrnstadt. Eine historische Skizze , von Hermann Knispet (Darmstadt). ■ . (Unberechtigter Nachdruck verboten.) (Schluß.) Dieses rasche Anwachsen der Sammlungen, die seither in einzelnen Teilen des alten Schlosses untergebracht waren, verlangte größere und ausgedehntere Räume. Man fand sie in den damals noch ganz im Rohen liegenden, noch nicht einmal mit Fenstern versehenen Sälen des von Landgraf Ernst Ludwig (1688—1739) erbauten neuen Schlosses. Das Zusammengehörige wurde nach Schleiermachers durchdachtem Plaue aufgestellt, und im Herbst 1817 waren zugleich mit der Hofüibliothek die gesammelteu Schätze der Kunst zum größten Teil in jenen Sälen des neuen Schlosses untergebracht, die sie bis vor Kurzem noch beherbergten. Auch wurden jetzt bestimmte Tage für den Zutritt des Publikums festgesetzt, dem aber die Sammlungen auch schon früher zugänglich waren. Fremden wurde der Besuch täglich gestattet. Nach dem 1818 bereits in zweiter Auflage erschienenen Werkchen: Das Großherzogliche Museum in Darmstadt, von P. A. Pauli (Mainz 1818. Gedruckt in der Reulingschen Bucht- druckerei) waren die Sammlungen in folgende Abteilungen gegliedert: Die Gemäldegalerie, (in neun Sälen) Naturaliensammlung, Antikensaal, altes Museum (Sammlung alter und neuer Kunstwerke, in 10 Gemächern), Münzenkabinett, Zeichenkunst, Küpferstecherkunst, Malerei, Bibliothek, Waffensammlung, Trachi- tensammlung, Sammlung mathematischer und physischer Instrumente, „Das alte Rom"*) deutsche Phelloplastik. So verdienstlich Paulis Wegweiser auch gewesen sein mag, im Vergleich zu der Reichhaltigkeit der Sammlungen konnte er doch seinen Zweck kaum erfüllen. Er enthält gerade nur das Notwendigste, ergeht sich aber desto überschwänglicher in der Bewunderung der Bedeutung des Museums und der Hochherzigkeit seines Stifters, dem er gleich zum Eingang folgenden Panegyrikus widmet: Ja, Dank und Ruhm dem Genius des edlen Fürsten, der seines Schlosses schönsten Teil ins Pantheon der Wissenschaft und Kunst verwandelt, wo Schönes und Erhabenes so herrlich sich entfaltet, und Glanz, der nie erbleicht, auf ihn, den milden Ludewig wirst. Um seinem Lande die segensreichen Früchte der begründeten sämtlichen Sammlungen dauernd zu sichern, verfügte der Großherzog durch eine besondere Urkunde vom Jahre 1820, daß sie kraft eines beständigen, unteilbaren und unveräußerlichen Fideikommisses mitsamt der Hofbibliothek bei dem Großh. Hause verbleiben, als Staatseigentum betrachtet und mich in Zukunft der Benutzung des Publikums offen stehen sollen. Erst nach Ludewigs I. Tod (1830) trat die Verwaltung des Staates ein, bis dahin waren die Kosten der Verwaltung und der n eiten Anschaffungen wie vorher von der Klabinettskasse weiter getragen worden. Mit dem Tode des Gründers war eine vierzigjährige glänzende Periode des Museums abgeschlossen. Sein Fortbestand war für alle Zeit gewährleistet, wenn auch die weitere Entwickelung des Instituts nunmehr langsam vorwärts schritt. Zwar sicherten Verordnungen der Regierung aus den Jahren 1818 und 1841 den: Museum alle im Lande gemachten Funde (zu den bedeutendsten zählt der beim Bau der Main-Weser-Bahn in Vilbel frei» gelegte Mosaikboden), und förderten so das Bestreben, die Kulturbilder der Vergangenheit des Landes immer deutlicher zu gestalten, allein für größere Neuanschaffungen fehlten die Mittel. Im Budget des Staatshaushaltes war für das Museum meist nur eine bescheidene Summe vorhanden. Und so mehrten sich die Sammlungen vornehmlich durch freiwillige Zuwendungen und durch Tausch. Nach wie vor blieben aber die hessischen Fürsten auf die Förderung des Lvndesmuseums bedacht und besorgt. So war! es unter dem zweiten Großherzog um eine wertvolle Sammlung hessischer Münzen, aus dem Nachlaß des Hoftaxators Neustadt in in Darmstadt, bereichert worden. Und Ludwig III. (1806-^1877), der schon als Erbgroßherzog ein großes Interesse für die Sammlungen zeigte, stiftete aus seinem Privatbesitzmanches seltene oder historisch merkwürdige Stück, wie auch sein Bruder, der 1888 verstorbene Prinz Mexander von Hessen, durch die Schenkung seiner kostbaren Münzensammlung diese Abteilung des Museums in hervorragender Weise vervollständigte. Im Jahre 1888 wurden die Sammlungen des „historischen Vereins für das Großherzogtum Hessen", die schon früher, jedoch in gesonderten Schränken, im Museum aufgestellt waren, unter Vorbehalt aller Eigentumsrechte seitens des Vereins, mit den staatlichen Sammlungen verschmolzen. Die archäologischen Sammlungen des Professors Diesenbach in Friedberg in Oberhessen wurden 1861, die seines Sohnes Gustav 1891 erworben. Wenn nun auch für Neuanschaffungen namhafte Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden konnten, so hatte der Staat doch die Ausgabe, auf die Erhaltung des Erworbenen nach Kräften bedacht zu sein. In dieser Beziehung aber erhebt der leider! so früh gestorbene Gelehrte, Professor Dr. Adamy (Inspektor der *) Sammlung von Korkmodellen römischer Bauten, 700 Altertümer und archäologischen Sammlungen)', in seiner Schrift Die Darmstädter Milseen (Separatabdruck auS dem Frankfurter Journal) schwere Borlvürse. Er sagt über den Fortbestand des Museums nach dem Jahre 1830: „Daß 'nach dieser Zeit der Staat Hessen-Darmstadt ein gleiches warmes Interesse wie die hohen Stifter für die Sammlungen gehabt habe, wird keiner behaupten, welcher sie eigehender oder auch nur flüchtig besichtigt hat, obwohl angenommen werden kann, dast gerade der Wunsch einer zweckmäßigen Instandhaltung der umfangreichen Sammlungen und einer ergieüigeir Ausnutzung derselbeit zum Bestell der Bolksivohlfahrt für die großartige Schenkung der Fürsten an daS Land maßgebend geweseil ist. Wer urit uns die einzelnen Säle durchwanderir will, der ivird mit uns' darin übereinstimnren, daß das Land bis jetzt der den sreigebigeir Stiftern schuldigen, Ehrenpflicht nicht genügt hat." Und so kommt Adamh zu dem Schluß: „daß' das Großherzogtum Hessen eine Schuld seiner Vergangenheit zu sühnen, und daß es in Zllkunft der bildenden, Kunst, eine verdoppelte Pflege hat zu teil werden lassen. Diese Pflege könne sich aber zunächst nur durch Gründung geeigneter BildungsaustalteN äußern, und unter diesen stehe ein Staats- Nluscum oben nn. Die Erbauung eines Stäatsmuseums sei eine der dringendsten Forderungen, welche an den Kulturstaat Hessen herantreten. Sollte der Landtag dieser Notwendigkeit gegenüber die Augen verschließen Ivolfeit, so falle auf ihn die ganze Verantwortlichkeit für die Erhaltung der unter so gefährlichen Verhältnissen fast nutzlos im gwßherzoglichen Rcsidenzschloß in Darmstadt aufgestellten Kunstwerke. Unersätzliche Schätze, die einen Wert von vielen Millionen repräsentieren, stünden hier auf dem Spiele. Adamhs „Mahnwört" 'ans denc Jahre 1884 verhallte nicht ungehört. Es fand ein lautes Echo bei alten Künstverständigen. Die Museumsfrage kam in Bewegung und die Laudstündr bewilligten schließlich nicht nur die bedeutende Bausumme, sondern auch erhebliche Mittel für die Inneneinrichtung. Und wenn auch seit jenem energischen Einspruch 'und Aufruf des Fachmannes nahezu ein Vierteljalsthundert inS Land zog, heute steht der Mnfeumsbau vollendet vor unfern Augen. Seine Eröffnung ist nur eine Frage der allernächsten Zeit. Wie verlautet, ist der 25. November dafür in Aussicht ge- lrommen. Es ist der Geburtstag des Großherzogs Ernst Ludwig, dank dessen entscheidender Anregung dem genialen Architekten Alfred Messel in Berlin, einem geborenen Darmstädter, auch der Ban des Museums übertragen worden war. Der Darmstädter, ider sein Museum nun schon annähernd zwei Jahre entbehrt, denn seit Januar 1905 sind die Sammlungen geschlossen geblieben, sehnt den Tag herbei, an dem es ihm vergönnt sein wird, in das sorgfältig bewachte, geheimnisvolle Innere des stolzen Monumentalbaues zu schauen. Und gewiß Ivird sich das Interesse des Publikums für das verjüngte Institut in hohem Maße steigern, wenn die Samm- tungen nunmehr zu unyerkümmertem Genüsse gelangen und ihre reichen Schätze daS geworden sind, was sie sein müssen, nämlich wie Adamh in seiner mehrfach zitierten Schrift sagt: eine Fundgrube des Schönen für Genuß und Tat, für das Privatleben und die Hebung der Wissenschaft, der Kunst und Industrie in unserem kleinen, aber anregnugs- und leistungsfähigen Lande. Ibsens „Lebenslüge". Von einer ganz neuen Seite lernen wir Henrik Ibsen in einem hübschen Büchlein „Samliv med Ibsen" kennen, das sein vertrauter Freund und Jünger, der norwegische Schriftsteller John Paulsen über seinen langjährigen "Verkehr mit Ibsen geschrieben und der vortreffliche deutsche Ibsen-Verlag von S. Fischer in Berlin unter dein Titel „Erinnerungen an Henrik Ibsen" soeben in deutscher Sprache herausgegeben hat. Ibsens Ehe wurde von einer tiefen Neigung des Dichters zu seiner Frau getragen, und kein weibliches Wesen hat einen so bedeutenden Einfluß auf sein Dichten und Denken gewonnen wie seine Gattin. Ihr Bild ist in den starken, mutigen rind groß gearteten Frauen gespiegelt, denen wir immer wieder in Ibsens Werken begegnen. Die Agnes im „Brand" und noch mehr Fran Alving tragen ihre Züge. Frau Ibsen hat ihren Gatten auch auf die Beschäftigung mit modernen Problemen hingedrängt, und Ibsens Eintreten für die Frauenrechte ist zuin großen Teil von ihr angeregt worden. Aber tuemt der Dichter auch die Rechte der Frauen anerkannte, so war er doch weit entfernt, ihnen irgend ein Nebergewicht über den Mann zuzuerkennen, vielmehr sprach er ihnen sogar Zähigkeiten ab, die ihnen sonst allgemein zugestanden werden. So erklärte er z. B., „keine Frau könne ein "gutes Kochbuch schreibeu", und ein anderer seiner feststehenden Grundsätze war es, daß „keine Frau einen Knopf so annähen könnte, daß er wirklich H a l t e." Dieses Prinzip bekräftigte er durch die Tat. „War ihm ein Knopf an einem' seiner Kleidungsstücke abgerissen/ so Fog er sich in fein Zimmer zurück, schloß die Tür zu, und unternahm es nach manch komischen und unnötigen Vorbereitungen, den Knopf selbst anzunähen, und dabet zeigte er die gleiche Sorgfalt, ivie wenn er' selbst eine schöne Abschrift von einem neuen Stücke anfertigte. So wichtig war ihm die Sache, daß er die Sorge für feilte Knöpfe niemanden anvertraute, selbst nicht seiner Franc Frau Jbsou aber lächelte verschmitzt und erzählte Paulsen wohl im Vertrauen: „Es ist richtig, daß sich Jb s en s eine abgerissenen Knöpfe selber annät; aber wenn er meint, nur diese Knöpfe hielten für die Ewigkeit, s» hat das darin seinen Grund, daß ich sie ohne sein Wissen erst ordentlich mmd fest annähe, denn er vergißt, ganz zu Ende zu nähen. Aber zerstören Sie ihm diese Ueberzeuguug nicht; es macht ihn so glücklich." Also auch in Ibsens Leben existierte eine „Lebenslüge". Msds. * Schnürteibchdn für Männer — das ist die neueste Londoner Mode, die von der vornehmen Herrenwelt mit großer Genugtnnng begrüßt wurde. Nicht als ob das Männerkorsett eine absolute Neuheit wäre: die eleganten Pariser des zweiten Kaiserreichs trieben mit Miedern einen großen Aufwand; aber es handelte sich immer nur um Fischbemniieder, die denen der Damen sehr ähnlich waren, während die Herrenmieder von heute sozusagen Einbände sind, sehr elegante Einbände von Leder, die sich eng an den Körper legen. Gewöhnlich verwendet man Hirschleder, aber auch Chevreauleder (Ziegenleder) ist stark begehrt. Sehr aristokratische Herren lassen sich wohl auch in Saffian binden. Es gibt aber noch einen weit höheren Grad von Eleganz, und der besteht darin, daß man die zottige Männerbrust in Schweinsleder hüllt; das Schweinslederkorsett kann sich nicht jeder leisten, weil es sehr teuer ist. Zu den vornehmen Herren, die in Schweinsleder gebunden sind, gehört u. a. der Herzog von Orleans. Die. besten Mieder für Herren werden in London angefertigt.. Musik fürs Haus. — Musik für Alle. Die zum Preise von 50 Pfg. im Verlage von Ullstein u. Eo., Berlin, erschienene Nr. 2 des dritten Jahrganges der bekannten Notenbibliothek gelangt als Hänsel- und Gretel-Heft zur Ausgabe., Diese Spezialnummer enthält einen Auszug aus Hum- perdings gleichnamiger Oper, bringt alle die herrlichen Melodien, die dem Werke seinen beispiellosen Erfolg schufen. Das Heft beginnt mit der Kinderszene, die in neuer harmonischer Prägung die alten Kinderlieder benutzt. In den folgenden Szenen: Kuckucksrus, Erdbeerpflücken, Abendsegen,, Lied des Sandmännchens und des Taumännchens gelangt die wundervolle Stimmung des deutschen Waldes znutz Ausdruck. Die ganze Märchenwelt wird wieder lebendig.. Wir sehen die Kinder voller Freude vor dem Knusper- häuschen stehen, hören das schmeichelnde Locken der Hexe und erfreuen uns ihres Endes und der Befreiung der' Kinder. __________ Krerrzrätfel. 'Nachdruck verböten. In die Felder vorstehen- ----- der Figur sind die Buchstaben aaaaaaaa, c c. g g, h h, i i i, k k k k^ ------------ 11, m, nnnnun, ooo ______ o, p p p p, r r, s, 11, uu derart einzutragen, daß ' die senkrechten und wage- ——— — -— — —— rechtenReihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Römische Kaiserin. --- 2. Deutscher Dichter. 3. Militärischen Rang. Auflösung in nächster Nummer,. Auflösung des Annagramms in voriger Nnmmerr Amsel, Selma. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, ÖL Lange, Gießen,