1906 Mittwoch den 25. Juki «k_ II llil] LI ii o MW 6 Der Siern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.! Oben aber ließen die beiden ihren Gefühlen nun wirklich freien Lauf. Immer und immer wieder liebkoste Lldele den Vater. Sie hatte ihn neben sich auf das Sofa gezogen und, seine Hand in der ihren haltend, plauderte sie mit ihm und war unermüdlich in ihren teilnehmenden Fragen. „Aber warum bist du nicht gleich gestern abend zu mir gekommen, um bei mir zu wohnen?" „Ich schrieb dir doch, Dcllchcn . . ." „Ja, dieser liebe, böse Brief! Weißt du, Bötchen, daß ich eine schlaflose Nacht hatte, als ich, gestern abend ankommend, ihn hier vorfand! Hätte ich gewußt, wo eigentlich das berühmte Hotel in der Dorotheenstraße ist, ich hätte dich gestern abend noch aufgesucht und hergeholt. So machte ich mir allerhand unruhige Gedanken, wie du gereist bist und wie du angekommen bist und ob du dich zurcchtgefunden hast? Dann ängstigte ich mich, daß du in dieser Riesenstadt Gott weiß wo hingeraten bist, in eine schlechte Herberge, in ein untergeordnetes Hotel ... Ich dachte mir, das alte von vor achtundzwanzig Jahren existiert gewiß längst nicht mehr, und du, fremd hier, in der inzwischen so gewaltig gewachsenen Stadt. . . kein Rüge konnte ich schließen bei dem Gedanken . . .” „Ach Gott, Dcllchcn, aber das tut mir leid! Wie konnte ich so etwas vermuten! Das kommt davon, ihr unterschätzt die Kleinstädter, ganz entschieden! Wir sind gar nicht so unbeholfen, wie ihr meint! Ganz gut bin ich gereist und ganz gut habe ich mich zurechtgefunden. Wozu hat man denn seinen Münd?" Er sagte alles mit liebenswürdiger Wichtigtucrei. „Vom Görlitzer Bahnhof nach der Dorothcen- slraße ist zwar ein hübsches Ende, aber man kommt schließlich doch hin. Die Omnibusse fahren sehr gut . . . „Mit dem Omnibus bist du gefahren, Papa?" fragte sie ganz entsetzt. „Na, wie meinst du sonst? Mit der elektrischen Bahn weiß ich viel weniger Bescheid." „Aber warum nahmst du denn nicht eine Droschke?" „Eine Droschke, Kind, was denkst du gar? Das kostet ja ein Heidengeld! Und wozu? Man kommt auch so zurecht, höchstens.daucrts ein bischen länger. Ich habe ja genügend Zeit, der Omnibus fährt wirklich ausgezeichnet. Und durch so viele Straßen in diesem engen Menschengewühl! Wir fuhren wohl dreiviertel Stunden, und Unter den Linden hielt er dann still und der Schaffner sagte: „Nu gehen Sie mal hier geradeaus, rechts hinauf, das ist die Friedrichs- straße, und die zweite Querstraße links, das ist die Dorotheenstraße . . . sehr freundlich von dem Mann, ich habe ihm nämlich fünf Pfennig Trinkgeld gegeben." . Er lachte vergnügt über seine Schlauheit und Della streichelte seine Hand lind sah ihn mit so liebevollen Blicken an, wie man sie einem harmlosen Kinde zmvendct. „Und daun, denke dir, Dcllchen, ich finde wiclich die Dorotheenstraße und dort suche ich die Nummer, aber statt des kleinen Häuschens, das damals dort stand, sehe ich einen großartigen Prachtbau, und davor steht: ,Markthalle'." Er kam sich jetzt wirklich ungemein wichtig vor mit seinen Entdeckungsreisen durch das ilächtliche Berlin. „Ach Gott, Papa!" rief sie erschrocken, „was hast du dann gemacht?" „Sehr einfach, mein Liebling. Ich fragte einen Mann, der gerade aus dem Tonveg raus kam, ob er mir nicht ein in der Nähe gelegenes, billiges, anständiges Hotel anraten könne, ich fei hier fremd und das Hotel, in das ich wolle, scheint nicht mehr zu existieren. Er sah mich groß an, dann sagte er: ,Ja gewiß, kommen Sie nur mit', und war gerade im Begriff, mir meine Reisetasche abzm ehmen, die ich noch in der Hand hatte, man sollte gar nicht glauben, daß die Großstädter so gefällig sind, als ei'; Mann in einer Art Uniform mit dem Helm auf beut Ko,.,' auf uns zttkommt und barsch fragt: ,Na, was gibts denn hier?' Während ich mich anschicke, dem unfreundlichen Manne die Sache zu erklären, ivar der andere, gefällige verschwimdcn." „Herr Gott, Papa, das war ja ein wirkliches Abenteuer." „Ich glaube selbst, Dcllchen, demt denke dir nur, der Behelmte sagte: ,Da hätten Sie aber cklich reiitfallen können, alter Herr. Man fragt doch nicht den ersten besten Menschen auf der Straße und des Nachts nach einem Hotel! Wozu ist beim die Polizei da und die Wachmänner ... ich bin einer P Dann brummte er noch was von ,alle werden' und sagte: ,llnb mt kommen Sie mal mit, hier an der Ecke is so 'n Logis, bei 'ncr Predigcrswitwe. Dort scheinen Sie ganz gut hinzupassen.' Das war mir sehr sympathisch. Und nun führte er mich vor ein Eckhaus, wo ein Hotel garni mit Riescnbuchstabeit angekündigt war. Ich hatte es vorhin übersehen, als ich vorüberkam, vielleicht hätt' ich mich auch gar nicht hineiitgetraut, denn so wie das eilte damals war's doch nicht. Und drinn auch ganz anders, wie vor achtundzwanzig Jahren int ,Grünen Baum'. So hieß cs nämlich. Sehr elegant. Aber ich war cimnal da, und in der Nacht noch 'mal rumsuchen wollte ich auch nicht, und denk' mal uie Ucbcrraschuna, teuer ist es eigentlich nicht, . . zwei Mark 430 ®v Beit und Zimmer und Licht — das muß ich sagen, in Keser großen Stabt!" „Armer Papa!" rief sie, ihn aufs neue umschlingend. „Und welches Glück, daß dein Abenteuer noch so abgelaufen •ft, es hätte schlimmer kommen können." Schaudernd dachte 'ie daran. Sic schloß die Augen, als wolle sie das Bild sibwehren, das vor sie trat. Sie kannte zwar Berlin noch nicht, aber sie hatte genug von den Gefahren gehört, die so naiven, weltfremden Leuten drohen, wie ihr Vater einer ist. Und dann fiel ihr ein, wie diese kleine ängstliche Sparsaui- teit so gar nicht im Verhältnis stand zu ihrer jetzigen Lebcns- zührung, und wie oft sie sich früher damit ermutigt hatte, daß sie den Eltern ein freies, breites, sorgloses Leben schaffen werde, sie reich und glücklich machen, sobald sie ihr Ziel erreicht haben würde. „Aber, Väterchen, warum bist bit beim gar so sparsam? Du bist doch nicht geizig geworben, alter Herr? Hast's Wirklich nicht nötig! Ich schicke boch von dem vielen Gelbe, bas ich verbiene." Es war ihr augenscheinlich schtver, den Punkt zur Sprache zu bringen. Er lachte vergnügt, rieb sich bie Hände nnb machte ein ganz verschmitztes Gesicht. „Na, rat’ mal, Teilchen!" „Was, Papa?" „Das Gelb — das haben wir für dich in bie Sparkasse gelegt." „Wer, Papa!" „Ja, sieh mal, Muttchen nnb ich haben reichlich, was wir brauchen. Jetzt gar! Tu . . . bu .. . na, bu kostest doch längst nichts mehr — un Gegenteil, verdienst selbst, also . . ." „Ach, ®aiter! Tu ... . ihr .. .ja, aber was ihr euch abspartet in den vorhergehenbcn Jahren, als ich noch studierte. . . jp und (das. . . bas hättet ihr boch für euch wenigstens verwenbeu können!" Tränen waren in ihrer Stimme. „Gott, Teilchen", sagte er ganz verwirrt. „Kinbcheu, es fehlte uns boch aber nichts — wir brauchen es ja nicht — benk mal, Mutter und ich, zwei alte Leute, nnb wie bu fort warst, wir konnten wirklich sparen!" „Ja, absparen am kärglichen Brot", sagte sie bitter. „Währenb ber Stubien konnte ich eS nicht änbern, aber da sagte ich mir, nur Gebulb, uimm's an, ertrage cs, bu wirst alles wieber eütbringen, reichlich, hundertfach, tauseub- fach . . . nnb nun, wo's so weit ist, fragt ihr bas Gelb in bie Sparkasse." Sie war in lebhafter Erregung emporgesprungen, nnb er sah sie ganz bestürzt au mit zaghaften, hilflosen Blicken. „Ach, Teilchen", stammelte er, „Teilchen! Ich sage bir wirklich .. . Mama hat sich boch bas neue schwarze Atlasne gemacht mit Spitzen an beit Aermeln zur Hochzeit von Graf Guido. Wie bu es. gewünscht hast.unb ich. Einen neuen Winterröck habe ich mir gekauft, sehr wärm, beim SamUel Meraner an ber Ecke, sehr fein." Tie Art, wie er sie zu beruhigen bemüht war, verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie lächelte unter Tränen nnb bann tagte sie: „Ja, wahrhaftig! Ich sehe schon, ihr seib bie reinsten Perschwenber und treibt einen unerhörten Luxus. Also bas schwarze Atlasne existiert Unb . . ," „Ter neue Winterrock auch", fügte er eifrig hinzu. „Unb was bie Hauptsache ist, ich habe, meinen lieben, guten, alten Papa bei mir, unb nun werbe ich ein Wörtlein mit dreinzureben haben." Sie hatte sich in einen Fauteuil gefetzt, ben sie an das Sofa heranschob, in dessen Ecke er noch immer saß. „Unb jetzt werben wir zusammen frühstücken", sie brückte auf bie elektrische Klingel. „Tu, Della . . . ich . . . ich habe schon gefrühstückt", warf er schüchtern ein, „sehr guten Kaffee unb zwei geschmierte Semmeln, fünfunbzwaNzig Pfennig." Der Kellner trat ein. „Servieren Sie zwei Tejeuners, bitte." Er überreichte ihr bie Speisekarte, in bie sie flüchtig hineinblickte. „Bringen Sie mir zwei Filets ä la Rossini." „Wein gefällig, guäbiges Fräulein?"■ . ? „Ja! Eine Flasche Bordeaux." Als ber Kellner brausten war, sagte sie mit bittendem ..Tpue: - ■ „Du mußt dich schon fügen, Püppchen! Sie mal hier, bas ist boch anders wie daheim, ich hab's auch gelernt." Sie unterdrückte einen Seufzer und ein dunkler Schatten huschte über ihr Antlitz. „Ja bu! Tas ist etwas anderes! Das begreife ich! Tu bist eine Künstlerin, bie Welt beobachtet bich, Mütter sagt, aller Augen finb auf bich gerichtet unb in beit Zeitungen stehst bu, ba mußt bu’3 natürlich vornehm geben unb, Gott sei Dank, bu hast's bazn!" „Und hier in Berlin müßt du mir Gesellschaft leisten unb inithaltcn, unb babei erzählst du mir alles von zu Hanse. Alles . . . alles will ich hören." Wieber erbebte ihre Stimme wie in innerster Erregung, unb es war gut, baß der Kellner cintrat, gefolgt von beut Pikkolo, ber ihm beim Servieren behilflich war. Als bas Frühstück aufgetragen war unb bie Weinflasche geöffnet, sagte sie: „Ich beb'arf Ihrer Dienste nicht weiter!" Sie legte bann bem toter ein kleines Filetbeefsteak vor, goß ihm ein Glas Wein ein, unb als sie bemerkte, wie er bie Trüffel, bie darauf lag, beiseite schob, lachte sie: „Hast recht, Bätchen! Wozu mit neuen Tingen sich das alte, liebe Leben erschweren und den Magen verderben. Aber jetzt — auf Muttchens Ge-> sundheit!" jFortsetzung folgt.) Milder vom 15. deutsche» Wundcsschießm. Bon Paul Sch web er-Berlin. (Huber. Nachbr. Verb.) M ü n ch c n, im Juli. Die Beteiligung ber Schützen hatte schon am Montag eilte Hohe erreicht, wie sie bei keinem früheren Bunbes- schießen erzielt würbe. Die Zahl ber aktiven Schützen betrug am Freitag vormittag 4650, bie Schießeinlagen haben bereits mehr als 300 000 Mk. gebracht; es wirb bem na cf) erwartet, baß btefer Teil bcs Budgets gegenüber dem Voranschlag von 350000 Mk. mit einem erheblichen Plus ab- schließt. Hamburg als nächste Feststabt wird diesen Erfolgen gegenüber einen äußerst schweren Stand haben. Wie wird es sich z. B. mit der Forderung nach einem „Volksfest- t a g c" abftuben, wie ihn München bot? War boch für bie ganze Stabt ein Feiertag unb besonbers für bie verehrliche Jugeub. Ter Festzug auf ber Wiese war rasch arrangiert trotz seiner ganz eigenartigen Zusammensetzung. Voraus ein Poll von anno bazumal hoch zu Roß, bas Fcstkoinitee, Preisfahnen- unb Guirlanbenträger, mehrere hundert Buben im Haidhäuser, Auer unb Gicsinger Nationalkostüm', d. h. in Hembärmeln, barfuß unb ohne Kopfbebeckung, natürlich nur aus Zweckmäßigkeitsgrüiibcu. Die auffallenbe Erscheinung, daß alle schmutzige Füße hatten, wurde .bald erklärlich: sie hatten sie mit Schnsterpech eingerieben, um ben Maibaum leichter besteigen zu können. Dann folgten bie Rennpferbe, unb ben "Schluß bildete ein Dachauer Bauernpaar (bie beliebten Münchener Komiker Lnbl mtb Glonnh), die ein Wnnberzebra unb eine preisgekrönte Wunberküh „Aurora" vorführten. Das Pferberennen nahm einen glänzenben Verlauf; es gab schöne Felber und ber Enbkainpf bilbete ein hochinteressantes Schauspiel. Bei ber Preisverteilung erhielt bie 50jährige braune Stute „Schützenliesel" ben 1., „Heiter", österreichischer Rassehengst, ben 2., unb „Lucki", schäbiger Vollbluthengst, ben 3. Preis. Aber auch bie übrigen Pferbe würben mit Fahnen unb Gelbpreisen (je 5 Nickel in einem grünfeibetten Beutel) bedacht. Die Vorführung des Wunderzebras unb besonbers ber Wunderlich „Aurora" zog eine ungeheure Menschenmenge an. Die dicke Dachauerin (Herr Ludl) leitete die Produktion int Schweiße ihres Angesichts mit einer längeren Rebe ein, aus ber als wichtigstes Moment anzuführen ist, baß bie Wunberkny in Luzern geboren unb in Schliersee ihre elfte Jugend verlebte. Ihr Vater war ein Stier unb ihre Mutter ein Riubvieh. Die Leistungen bet Wunberküh be- beuteten übrigens ein Wunder ber Drefsurkuust. Ein Vortrag bes bie Wundertiere besitzenden Paares: , , Mir fait ba G'scherte, Koane Gelehrte, ! s Ja, mir san g'schert, : ' Wig fix si' g'hört, 431 errang sich den Dollen Beifall der Tausende, die ihn mit Rührung vernahmen. Das sinnige Spiel des Topfschlagens, das man hier natürlich modernisiert und in ein Maßkrngsch lagen umgewandelt hatte, fand nicht nur zahlreiche Teilnehmer, sondern auch viele Bewunderer. Münchens männliche Jugend hat sich hierbei als äußerst gewandt erwiesen, und wo die Berechnungskunst vielleicht mangelte, da trat die echte Kameradschaft hervor. „Weiter links muaßt schlag'», £'lieft", „iatzt hau zua, iatzt host a's!" das waren die Reden, die das muntere Spiel begleiteten und manchen schönen Erfolg sicherten. Das B e st e i g e n d e s M a i b a u m s, auf dessen Spitze so schöne Holzfiguren und andere Sachen baumelten, war lange Zeit hindurch von Mißgunst begleitet. Bis zur Hälfte kamen die meisten, aber daun ging's in beschleunigtem Tempo wieder zurück zur Erde. Endlich, nach langem, vergeblichen Bemühen wurden die „Größern" vorgeschickt und unter lautem Jubel gelang es diesen, den Kranz zu erreichen. Die Gunst des Augenblicks nützend, flogen hölzerne, schon bemalte Bajazzos, Körbchen, Kästchen und andere Tinge herab, über die die Freunde des Siegers bis zu dessen .tzerabkunft aus luftiger Höhe mit Argusaugen wachten, damit sie kein Unberufener ergreife. Schon schlich die Nacht über den großen, weiten Platz herein, als auch der G-ipfel- busch herabgeholt wurde. Und daun zogen sie frohgemut heim, die Sieger in den verschiedenen Spielen, lustig die Fahnen schwingend und sich des errungenen Preises freuend. Mancher der Tausende von Zuschauern mag sich bei diesem tollen Treiben seiner eigenen Jügend erinnert haben und der Volksfeste, die er selbst mitgemacht in den Zeiten, da sie noch häufiger zu treffen waren. Die riesigen Menschenmassen, die gestern zur Wiese wallten, haben natürlich den N a hr u n g s ni i tt e l b e- ständen der Festbuden außerordentlich stark zugesetzt: Im Cafo wurden gestern verkauft 100 Pfund Kaffee, 40 Torten, 150 Liter Gefrornes und um 120 Mk. Kleingebäck. Die Bude der Löwenbrauerei verkaufte 170 Hektoliter Bier, 12 000 Paar Schweinswürstel, 8000 Wiener und Regensburger, 120 Gänse, 150 Hühner, 4 Zentner Ripperl, 2 Ztr. Emmentaler, 1 Zentner Butter und 30—40 Schinken. In der Festhalle wurden verzehrt: 7 Kälber, 5 Schweine, 24 Rehe, 52 Gänse, 120 Hühner und 12 Zentner Goulhas, 15 000 Regensburger und 20 000 Semmeln. Der Bierverbrauch beziffert sich in der Halle auf 180 Hektoliter. In der „alten Liesl": 107 Hektoliter Bier, 20 Schinken, 10 000 Schweinswürstel, 100 Wecken Brot, IV2 Zentner Käse, für 80 Mark Regensburger und für 120 Mark Wienerwürstl. Bürgerbräu: 80 Hektoliter Bier, 7000 Schweinswürstel, 2000 Regensburger, 40 Gänse, 50 Hühner, IV2 Zentner Käse, 1/2 Zentner Butter. „Bauer in der Au": 85 Hektoliter Bier, 5000 Schweinswürstel, für 400 Mark Dicke und Dünne, 60 Gänse und 80 Hühner. In der Hühnerbraterei wurden 500 Hühner verkauft. In der Fischbraterei von Pravida, die auch Prinz Ludwig im Laufe der Woche mit seinem Besuche beehrte, wurden 53 Zentner Fische verkauft. In München, wo sich ein „Verein gegen das schlechte Einschenken" unter Beteiligung von Stadtvätern, Professoren, Kaufleuten ufw. gebildet hat, wo der Landtag die „Bockprobe" im „Hofbräuhaus" mit tiefem Ernst vornimmt, in München ist es nicht verwunderlich, daß die Stadt einen Magistratsrat mit dem Spezialauftrag auf die Festwiese abgesandt hat, das Einschenken zu kontrollieren. Kostet doch die „Festmaß 40 Pfennige, ein für München unerhörter Preis, der mit der besonderen Güte des „Wies'nbieres" begründet wird. Und trotzdem üben sich die Schenkkellner, die das Bier in Pacht bekommen, fleißig im „Schneiden", um ihren Verdienst am Hektoliter nach Möglichkeit zu erhöhen. Was Wunder, wenn also trotz der magistratüchen Kontrolle der Wanderer aus dem Norden klagt, daß das Münchener Bier „oben" beinahe billiger sei, als an der Quelle, weil die Schaumkrone hier schon mehr einer päpstlichen Tiara gleicht. Der Freitag war den Manen Bismarcks geweiht, ^n vNehreren Sonderzügen fuhren die Schützenbrüder um 3 Uhr nach Starnberg, dessen durch Ludwigs II. Tod für jedes Bayernherz geheiligter tiefgrüner See der Schauplatz für eine großartige Kundgebung von Bismaxckverehreru aller Stände und aus allen deutschen Gauen wurde. Mit Böllerschüssen von Leoni und dem Bismarckturm begrüßt, fuhren die Festteilnehmer in mehreren Dampfern üher be;; See, dessen Südseite die steile Alpenwand des Wetterstein- gebirges. mit Deutschlands höchstem Berge, der Zugspitze, abschließt. Als die Schiffe Schloß Berg und dessen Park massierten, an dessen Ufer die vom Prinzregenten gestiftete romanische Gedächtniskäpelle an das tragische Ende des idealen Bayernkönigs gemahnt, verstummte der fröhliche Gesang und die Musik auf den Schiffen und die Schützen zogen tief ergriffen den Hut. Tann ging es weiter in flotter Fahrt nach Leoni, von wo aus der Aufstieg zum Bismarckturm erfolgte. In Starnberg und Leoni paradierten die Ruder- und Segelklubs des Starnberger Sees in festlichem Aufzuge vor den Schützen und die Musikkapelle des ersten chweren Reiterregiments marschierte den Schützen mit klingendem Spiel auf dem Wege zur Höhe voraus. Am Fuße des Bismarckturms angekommen, von dessen Krönung Fan- aren erschallten, feierte Direktor Loöu-München Bismarck als nationalen Geisteshelden und pries seine unsterblichen Verdienste um die Einigung Deutschlands. Mit Macht timmte alles in den Gesang des Verbrüderungsliedes „Deutschland, Deutschland über alles!" ein. Tann legten die Vorstände des deutschen und des österreichischen Schntzen- bundes, sowie die Delegierten der Einzelvereiue prachtvolle Kränze mit Schleifen in den Farben der verschiedenen Staaten mit kurzen Huldigungsausprachen nieder. Inzwischen war der Marketenderzug angekommen. Die ganze Festversammlung lagerte sich unter Gottes freiem Himmel und es entwickelte sich ein echtes, rechtes Schützenleben. Zur Frage der TabakvergistuuL. Es wird viel über die Schädlichkeit des Rauchens geschrieben» und geredet, ohne das; sich bisher ein wirklich zuverlässiger Starts punkt iu dieser Frage ergeben hätte. Selbp die Wissenschaft ist sich in ihrer Beurteilung noch nicht einig, und man hört sogar widersprechende Anschaunngcn darüber, was denn eigentlich das Schädliche am Tabak sei. Früher hat man allgemein von VI rrott n v c r g i f t u n g gesprochen, während neuerdings von cungeN Seiten bel-auptet worden ist, daß weniger das 'Nikotin als das beim Verbrennen des Tabaks entwickelte Kohlenoxyd und Bedenkliche am Tabakgenuh sei. Ebenso schwanken die Meinungen mit Bezug darauf, wieviel Tabak man einem erwachsenen Menschen zu verbrauchen oder, wie mau von Alters in Deuts ch- laud sagte, zu „saufen" gestatten könne und wo das lieb ermaß anfange. Einen wertvollen Beitrag zur Frage chronischer. Tabal- vergistung hat fetzt Dr. Favarger vom Wiener. Institut sur allgemeine und experimentelle Pathologie veröffentlicht, nachdem er Versuche bezüglich der Folgen von Nikotin an Hunden vor- qcnommen hat. Die Ergebnisse dieser jetzt lt> Jahre zurückliegenden Experimente schienen zu beweisen, daß gewisse inmk- haste Veränderungen am Herzen durch laug andauernde Wirkung vou Nikotin eintreten können'. Nachdem nun vor einigen Zähren noch ein besonderer Stoff im Tabak entdeckt worden lvnr,_ b?r mit dem Nikotin nicht übereinstimmte, nahm Dr. Favarger feine Arbeiten wieder amf. Seit dieser Zeit erhielt er leiten Stofs in Gestalt eines ätherischen Tabaköls von dunkler Farbe und betäubendem Geruch geliefert, das bei seiner Handhabung eine unangenehme Wirkung verriet, indem cs Kopfschmerzen, Brechreiz 'und Schwindel verursachte. Von diesem Ocl waren aus 20 Kilogramm Tabak beim Verrauchen etwa ,7a Gramm gewonnen worden. Trotz jener bedenklich erscheinenden Eigenschaften ergaben die ersten Versuche die Tatsache, daß eine Einimpfung von 1/2 Gramm des Oels beim Meerschweinchen eine Erkrankung der Tiere nicht zur Folge hatte Es mußte danach geschlossen werden, daß dem Stoss keine besondere Giftigkeit zukomme; zumal die Impfung unter die Haut immer weit gefährlicher ist als die Aufnahme durch den Mund. ^m Ganzen ergaben die Experimente, daß jeneS Brenzol des Tabaks keine anderen Wirkungen hat als die ätherischen Oele überhaupt und zur Erklärung der chronischen Tabakvergiftring keineswegs dienen kann. Favarger wiederholte nun noch seine Experimente mit Nikotin fütternn g an Hunden, und zwar erhielten die Tiere bis zn 10 Tropfen täglich von einer Losung, die allmählich bis zu einem Nikotingehalt von 6 V..H. gesteigert wurde. Es stylte sich bei den Hunden eine allgemeine «torung der Nervenvorgänge ein, so daß die Tiere in den ersten zwei Monaten bc- beutenb an Gewicht verloren. Insbesondere zeigte sich eine beträchtliche Abnahme der roten und eine entsprechende «er mehrnng d e r w e i ß e n B l u t k ö r p e r che n , also die Ausbildung einer echten Bleichsucht. Auch favarger regt die" schon oft besprochene Frage an, ob nicht das sogenannte Fenchtrauchen weit schädlich er fei als das tr0ckene, daß also vor allem das eigentliche Lutscheu an Zigarren, das sich so viele Raucher angewöhnt haben, unbedingtwidemateiiwerden müsse. Wahrscheinlich ist diese Unsitte in demselben Grade schädlicher, wie das Tabak kau en für verderblicher güt als das Rauchen. 1 *** 432 —— Vermischtes. Pflauzenfa m m c l n und S ch u (e. — Der Stoff und die Ziele des botanischen Unterrichts in den Klassen unserer höheren und Volksschulen find behördlich festgelegt, und wenn dem Anschauungstzrundsatze gemäß zu den Stunden die nötigen Pflanzen für die Hand der Schüler beschafft werden sollen, so bedeutet dies eine so außerordentliche Gefahr für unsere Pflanzenwelt, daß es unnütz erscheinen könnte, erst darauf hinzuweisen. Wenn die Behörden einen gedeihlichen pslanzenkundlichen Unterricht und Heimntschutz wollen (und daran ist nicht zu zweifeln), so müssen sie darauf bedacht sein, durch Anlegung größerer Pslanzgärten für Schulzwecke und durch Erwerbung ausgezeich- neter größerer oder kleinerer natürlicher Gebiete (Reservate) durch den Staat oder die Stadt der Schule und der Heimat zu Hilfe zu kommen. Was' den Unterricht angcht, so versteht es sich für den einsichtigen Lehrer von selbst, daß er ihn dem vorhandenen Notstand nach Kräften anpaßt. Er wird es also möglichst vermeiden!, daß Schüler Pflanzen für den Unterricht besorgen; vor allem wird er sie nicht zum Anlegen von Herbarien veranlassen, denn die Zahl der Pflanzen, die dem jugendlichen Unverstände zum Opfer fallen würden, auch wenn man die beste Anweisung gäbe und eindringlich vor dem Ausheben der Pflanzen mit Wurzel warnte, würde in gar keinem Verhältnis zu dem geschaffenen „wissenschaftlichen" Nutzen stehen; ganz besonders auch deswegen nicht, weil das Schicksal ihrer neunundnennzig von hundert Schülerherbarien ist: vergessen imb verdorben. Dagegen wird es der Jugendbildung höchst förderlich sein, wenn der Lehrer passende Gelegenheiten sucht, mit seinen Schülern hinauszugehen ins Reich der Natur, um ihnen ihre Herrlichkeit vor Äugen und zu Herzen zu führen. Vielleicht sagt er eines Tages, zum Beispiel, wenn für die erste Stunde des neuen Schuljahres Anemone nemorosa, das Buschwindröschen, zur Besprechung angesetzt ist, zu seiner Klasse: Hört, morgen gleich nach Tische gehe ich in den — gründ; wer mitgehen will, ist mir willkommen, um ein Uhr hole ich euch hier ab. — Und draußen zeigt er ihnen, wie Frau Sonne aus dem klarblauen Himmel in den kahlen Busch hineinleuchtet- bis auf den Grund hinab, wo ihre alles belebenden Strahlen die ersten grünen Frühlingskinder ans dem Boden hervorlocken, hier das Lungenkraut mit purpurnen Knospen und blauen Blumen, dort schon gar einen goldenen Himmelschlüssel! Da flattert ein gelber Zitronenfalter durchs Gebüsch. Wo kommt denn der her? Nun, er hatte seine Winterschlafkammer beim Bauer drüben untcrm Schenndach. Durch die Luke schien die warme Aprilsonne hinein, sie weckte ihn und er schlüpfte hinaus und geradewegs hinüber litt den Grund. Wo will er denn jetzt hin? Aha, seht dort am Abhang die prächtige Sahlweide mit den goldenen Kätzchen, die weithin in der Sonne schimmern. Dort gibts etwas Süßes, für ihn zu schlecken und Bekanntschaften zu erneuern, da findet er aus seiner zieren Sippe den kleinen, goldbraunen Fuchs und das Pfauenauge mit den blauen Spiegeln auf den Schwingen und summende Bienen bei fleißiger Sammelarbeit, auch eine stattliche Hummelfrau in gelb- und weißverbrämtem Pelz, da- ineben eine Menge duntmer Fliegen und kleines Geschmeiß, das sich um die besten Plätze streitet. Aber vergeßt mir unsere Blumen nicht; seht doch, so weit der Blick reicht, unten am Boden alles voller weißer Anemonen! Wie sie die weißen Blumensterne nach ihrer Mutter Sonne richten, wie sie leuchten, als möchten sie mit den hüpfenden Wellen im Bache um die Wette blitzen! Wenn sich der Lehrer endlich auch wissenschaftlich gedrängt fühlt, nun so mag er, da die Anemone aus seinem Lehrplan steht, eine Pflanze ausheben und feinen Zuhörern daran noch manche schönen morpho- und biologischen Dinge, die für sie passen, zum besten geben. Morgen in der Stunde aber wird er den ganzen Ausflug noch einmal in den Geistert: lebendig machen, und wenn er merkt, daß bie Augen an seinem Munbe hängen und die jungen Herzen sich erwärmen, dann mag er die Stunde in dem schönen Bewußtsein schließen, daß er in seinen Schülern etwas Bleibendes gewirkt hat, nämlich Liebe zitr Heimat und ihrer Schönheit. Und das ist wertvoller als bloßes Wissen. Was wissen wir nicht .aftles! Macht es uns aber glücklich? Glück und Zufriedenheit wohnen nicht im Kopfe, sondert: in: Herzen. Ziehen wir also ein Stockwerk tiefer und verwertet: wir in der Schule unsere schöne Pflanzet:welt, weil sie uns geradezu dazi: auffordert, besonders nach der ästhetischen, gemütlichen Seite; das Wissen aber, soweit es nicht das Aesthetische vertiefen hilft, wollen wir doch vorläufig einmal den Herren Gelehrten überlassen. T. * U ns er e K in d er a l s N a t u r f r e u n d e. In der Seele eines jeden Kindes liegt die Liebe zur Tierwelt, aber die Erwachsenen sind es, die diese Liebe, ohne es zu wissen, ausrotten. Die kleinen Kinder sind von jedem Tier entzückt, sie lassen sich sogar eine Spinne oder einen Käfer über die Hand laufen, bis die entsetzte Mutter gebietet, „das scheußliche Tier" fortziftun. Auf der Straße wird den: kleine!: Schlingel gleich damit gedroht, daß jener böse Hund, für den es eben noch höchst freundschaftliche Gefühle hegte, ihn beißen werde, vor jedem Pferd, dem die Kleinen sich nähern, werden sie gewarnt, weil dasselbe mit denr Fuß ausschlüge; kurz, fast vor allen Tieren wird den Kindern entweder Furcht oder Ekel eingeftößt. Aus meiner Kindheit ist mir noch erinnerlich, wie eine Mutter auf einem Spaziergang bei jedem Tierchen, welches in ihre Nähe kam, dem' Söhnchen zurief: „Arthur, mach mal das Tier tot!" Kann man sich da wundern, wenn die Kinder keine Tierfreunde sind? Die schlimmsten Tierquäler sind stets die Kinder, welche selbst viel geschlagen werden. Sie haben das Bedürfnis, das, was sie täglich leiden! müssen, ohne sich ivehren zu können, an Schwächere weiter zu geben. Diese Kinder schlagen auf ihre Puppen und Holzpferde, kurz alles, über das sie Macht haben. Ein Kind liebt alles, ivas Vater und Mutter lieben, und haßt alles, was Vater und Mutter hassen. Darum müssen die Elten: der Tierwelt Neigung entgegenbringen, und sie werdet: dann aus ihren Kindern Tierfreunde, Naturfreunde und herzige Menschen erziehen. ; == Die Großschmetterlinge und Raupen Mitteleuropas mit besonderer Berücksichtigung der biologisch'!: Verhältnisse. Ein Bestimmungswerk und Handbuch für Samnfter, Schulen, Museen und alle Naturfreunde. 95 in Farbendruck ausgeführte Bildertafeln mit über 2000 Abbildungen und 200 Seit.'i: Text mit 65 Abbildungen. Herausgegeben von Oberstudienrat Professor Dr. Kurt Lampert. Vollständig in 30 Lieferungen a 75 Pfg. Verlag von I. F. Schreiber in Eßlingen und München ■ Seit Jahren fehlt ein auf der Höhe der Zeit stehendes Buch über Schmetterlinge in einer Preislage, die es der großen Masse der Samnfter erreichbar n:acht; es gibt überhaupt kein populäres, bei welchem ttebei: der Shstematik auch die Biologie, wie hier, in weitgehendem Maße berücksichtigt ist. Der Sammler will sich nicht auf Fang und Sammeln beschränken, sich nicht damit begnügen, eine möglichst vollständige Sammlung zu besitzen, er will sich in dei: meisten Fällen mit den Schmetterlinge!: nach allen Richtnngeu hin bekannt machen intb besonders Bau und Lebensweise derselbet: in allen Stadien kennen lernen. Ein Buch, das ihn: nicht nur die Schmetterlinge und Raupei: int Bilde naturgetreu in farbigei: Tafeln vorführt, sondern auch gleichzeitig alle erdenkliche:: Ausschlüsse ii: dem angedeuteten Sinne gibt, dürfte freudige Aufnahme finden. Der Name des Verfassers bürgt dafür, daß hier etwas ganz Vorzügliches geschaffen wird, und die Ausstattung der ersten Lieferung mit den farbigen Abbildungen lassen darauf rechnen, daß das Lampertsche Werk alle seither erschienenen Schmetterlingsbücher in den Schatten stellen wird. Abonnements nehmen alle Äuchhandlungeu entgegen, die auch in der Lage sind, die erste Lieferung zur Ansicht vorzulegen. _____________ Rösselsprung. Nachdruck verboten. (Auslösung it: nächster Nummer.? ner in nicht reu ten reu tun dro- reit trenn kla Ei- je in es die dort Zäh- schau- Nacht ne bei zelt ben gab' Welt daß der die wacht Ster- sie der an und der vcr- luenn da- mels- ben noch len uns ser nicht mehr dem nie trau Hin:- trü- Auflösung des magischen Zahlenquadrats in voriger Nummert 11 ]340|534|437 437j534]340[ 11 340] 11 j437|534 634j437| 111340 Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen«