1906 EBB ®K"Pui ÄWW UM mU WWMlD b Mittellose Mädchen. Noman von H, Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Da hob Suse den Blick. Sie war bleich geworden. Sie fühlte, daß sie ein großes Wagnis unternommen hatte. Wenn ihr eine beschämende Niederlage wurde? Die blauen Kinderaugen ■ forschten ernst und bang in den heißen, dunklen des Mannes. Dann sagte sie leise, zögernd: „Wir wissen es nicht — aber, Herr Hammer, vielleicht Sic — cs ist seit dem Tage, da sie das letzte Mal aus Ihrem Atelier kam/' Ein unartikulierter Laut brach von den Lippen des Mannes. Sein leidenschaftliches Temperament kannte kein Zurückhalten mehr. „Fräulein Suse, liebes Fräulein Suse!" keuchte er, ihre Hand wie in einem Schraubstock pressend, „Sie begehen ein Verbrechen an mir, wenn Sic nicht die Wahrheit sprechen — ein zweites Mal ertrage ich eine solch ungeheure Enttäuschung nicht. Ich liebe Ruth — wie sehr, das möchte ich nur ihr selbst sagen — ich hatte gehofft, sie erwidere meine Gefühle — aber auf einmal, am letzten Tage, war alles aus — schlimmer wie einen Fremden hat sie mich behandelt — ganz rind gar gleichgiltig — es macht mich verrückt, daß ich den Grund dazu nicht finden kann — helfen Sie mir doch erst, das zii erfahren — dann will ich freudig hoffen — jetzt kann ich's noch nicht." Suse blickte scheu um sich. „Um Gotteswillcn, leiser!" flehte sic, durch seine Lciden- schaft fast geängstigt, „Ruth liebt Sic, daran besteht für mich kein Zweifel. Was sie von Ihnen getrennt hat, das iveiß ich auch nicht." Er ließ sich erschöpft auf eine der rotsamtnen Bänke fallen und Suse setzte sich neben ihn, denn auch ihr war die Aufregung in alle Glieder gefahren. Sie seufzte tief arif. Der Seufzer brachte ihn etivas zur Besinnung. „Entschuldigen Sie meine Erregung," sagte er, mit einem lmntseidenen Tuche über seine feuchte Stirn fahrend, „ich bin ein wilder Geselle — Ruth würde manches an mir zu bemängeln finden, aber ich habe zu sehr gelitten — fast ein Jahr lang, seit ich aus Berlin floh — sagen Sie mir nur eins, Fräulein Suse, war Ruth am Tage vorher mit Menschen zusammen, die mich bei ihr verleumdet haben könnten — wir Künstler werden ost scharf verurteilt." Suse dachte nach. Einen Moment nur. Tann schüttelte sie ungläubig den Kopf. „Ich weiß zufällig noch, daß Ruth an dem Tage keinen Schritt ausging, bis abends — da waren wir mit unseren Verwandten im Theater, später noch bei Dressel — da war nur noch mein jetziger Brätigam mit." „Bei Dressel? Wann, ich meine, zu welcher Stunde kann das gewesen sein?" „Zwischen elf bis zwölf Uhr." Er fuhr ivic elektrisiert empor. Auf einmal sah er ganz klar. Das Abschiedssouper der schönen Lora. Das war es. Ob sie ihn gesehen, ivo8 sie darüber erfahren und von wem, das überlegte er gar nicht — der Instinkt des Liebenden wies ihm die richtige Spur. In fliegender Hast berichtete er Suse seine Vermutungen, klärte ihr die ganze Sachlage auf, ohne sein früheres Leben zu beschönigen. Sie war nicht prüde. Sie hörte ihm ohne Verlegenheit zu und versprach ihm, als er atemlos seine Beichte beendet, seine Sache bei Ruth zu führen und ihin sofort brieflichen Bescheid zu senden. Wie ein Trunkener küßte er dankbar die kleinen Mädchen» Hände und stammelte: „Wünschen Sie sich von mir, was Sie wollen, Suse, Sie sollen cs haben, wenn Sie meine Schwägerin werden." Sie entzog ihm lachend die Hände. „Na, warten Sie, diesmal nehme ich Sie beim Wort und ich werde gewiß nicht bescheiden sein. Aber nun kommen Sie, wir müssen sehen, daß wir unser langes Tetc-a-tete vor den anderen vertuschen können. Sagen Sic mir schnell," sie wies auf das erste Bild, vor dem sic gerade standen, „was das Bild hier für Vorzüge und für Mängel hat?" Sie waren zur rechten Zeit mit ihrer Auseinandersetzung fertig geworden, denn die Räume füllten sich plötzlich mit Besuchern, die ihrem Alleinsein ein Ende bereiteten. Eben erschienen auch die drei Herren im Türrahmen. Trautendorf hatte denn doch für gut befunden, den Freunden eine Andeutung über Suses Mission zu machen, da sie sich doch zu sehr über das Zurückbleiben der beiden gc- ivnndcrt hatten, und so machte keiner eine diesbezügliche Bemerkung, sondern alle ignorierten cs völlig. — Nur Trautendorf flüsterte int Hinausgchen, Suses Hand zärtlich drückend; „Nun, Schatz, alles nach Wunsch gegangen?" Und Suse schmiegte sich an ihn und sagte leise und glücklich: „Ja, alles wird gut werden, Fritz. Ich bin ganz wirbelig vor Freude." Sie nahmen Bittner mit sich nach Hause. Frau von Brockhaus hatte ihm ausdrücklich sagen lassen, wie sehr sie sich freiten würde, ihn wiederzusehen. 366 Suse war auf dein Heimwege außer Rand und Band vor Glückseligkeit über das Gelingen ihres Plaues, so daß ihre Begleiter aus dein Lachen über ihre Ausgelassenheiten gar nicht herauskauien. Als sie, zu Hause anKlangt, mit raschen Blicken den Garderobenhaltcr im Entree streifte, schrie sie fast auf vor Freude. „Ruth ist da!" Und zu Trautendorf gewandt, den sie an den Schultern packte: „Menschcnskind, begreifst Du? Ruth? Rn wirds Tag'." Er nahm, sie bei den Ohren. „Wildfang, wann wirst Du bloß vernünftig werden? Wochenlang spielst Du die gesittete deutsche Jungfrau und eine Stunde macht den alten Tollkopf aus Dir!" Sie guckte schnell zu Bittner hin, der sich vor dein Spiegel das schlichte Haar bürstete, dann hängte sie sich an Trautendorfs Hals: „Liebst Du den Tollkopf nicht, Schatz?" „Ach Du!" sagte er. Sonst nichts. Und dann gabs einen verstohlenen Kuß, denn der lange Offizier steckte eben bedächtig seine Haarbürstchcn in die Tasche. Die zurückgekehrte Betty, vor der Suse sich übrigens nie zu genieren pflegte, wenn sie ihrem Fritz einen Kuß geben wollte, riß die Tür zum Salon auf und trat, der jungen Braut zulächelnd, beiseite. Die flog ungestüm auf die Schwester zu, welche neben Meta bereits bcn Gästen cntgcgentrat, und umhalste sie stürmisch. Dann erst küßte sie „Muttchen" die schmale Hand. In dem Begrüßungstrubel bemerkte niemand, daß Oberleutnant Bittner betroffen zurückivich, als er in Ruths schönes blasses Gesicht sah. Aber Trautendorf fiel cs bald darauf auf, daß der Freund aus seinem Gespräch mit Frau Meta heraus öfters eigentümlich forschend zu seiner Schivägerin herüberblickte. Es lag noch etwas anderes in seinem Blick, als nur das Wohlgefallen an ihrer Schönheit. „Meine Schivägerin gefällt Dir wohl sehr?" neckte er in einem Moment des Alleinseins, „immerzu, mein Junge, sie ist noch zu haben." Der Gefoppte lächelte gutmütig. „Das erste gebe ich zu," meinte er ruhig, „aber in dem letzten Punkte glaube ich Dir ividersprechen z>l müssen. Ich täusche mich nicht, wenn ich behaupte, daß Willy Hammer und Deine Schwägerin sich nahestehen." Trautendorf machte ein sehr verblüfftes Gesicht. „Da iveißt Du mehr als ich, mein Junge! Aber wenn Du etiva nur wegen des heutigen Rendezvoils mit dem Maler Dir eine Tatsache zurcchtkombünerst — da irrst Du Dich. So iveit, wie'Du meinst, ist die Sache noch nicht gediehen." (Fortsetzung folgt.) 157 Tage korsischer UauöNörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e in n n n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Am 26. Februar: „. . . Auch das ewige Wenttrmken- müssen und Selterwasser bekommt mir nicht gut. Ebenso kann ich mich an das fette Essen, das obendrein furchtbar gewürzt ist, nicht gewöhnen. Ich habe häufig schlaflose Nächte, bisweilen auch Fieber. Man hat hier in Korsika gar nichts. Alles wird importiert. Nachmittags bin ich gewöhnlich 3—4 Stunden aus dem Gefänguishofe und lese, langsam auf und abgehend." Aus Cannes wurde mir aus dem deutschen Pfarr- Hause unter dem 6. Februar die Mitteilung, daß nach verschiedenen Seiten für mich Schritte getan, auch an Fürst R. persönlich geschrieben wäre. Am 16. Februar, daß Fürst R. versprochen hätte, daß Nir die möglichsten Erleichterungen zuteil werden sollten. Ach 2. März!, daß der „Figaro" dieser. Tage meine .Sache in die Oefsentlichkeit bringen würde, ebenso riet eine Magdeburger Dame am 9. März aus Cannes meinen Brüdern, aus Ergreifung des Mörders eine Belohnung auszusetzen. Spaßig ist, daß die Dame aus Mgst, eingesteckt zu werden, ihren Namen wieder ausgekritzelt hatte. Im jugendlichem Leichtsinn der ersten Zeit, da ich noch hoffte, daß ein energisches. Einschreiten des Auswärtigen Amtes schon in den ersten Tagen alles wenden würde, hätte ich ein in die Gefängnismauer eingekratztes T durch einen der mitgefangenen Jungen mittels eines Blechlösfels zu AT ergänzen lassen. Später, nach Wochen, als immer mehr Geduld notwendig wurde, habe ich jenes Monogramm oft recht trübe betrachtet, stand doch dicht dahinter, wahrscheinlich von einem, der nicht schreiben konnte, ein Kreuz, ein recht ernstes Memento. In der ersten Zeit war ich mit drei Knaben zusammen, von denen einer, Pauoletti Franyois, mit dem berüchtigten jungen Fagianelli befreundet war. Pauoletti bettelte mich, ständig um Schreibpapier an für Briefe au seine Schwester, wahrscheinlich aber zur Benachrichtigung seines Freundes Faggianelli, der wnnderbarerweise mich genau in Wintermantel und englischer Kappe, die ich erst im Gefängnis trug, von dem Berge herabkommen gesehen haben wollte. Der dritte der Jungen wär ein Sardinier, der nicht französisch sprach. Er wurde von den beiden dreizehnjährigen Korsen mißhandelt, mit Tritten und Fäustpuffcn in den Rücken, sodaß alles knackte. Mir hat der arme Bengel, der nach der Aussage der Korsen außer dem Ungeziefer int Hemde keine Verwandten hatte, sehr leid getan. Es schien, als ob der Junge dies fühlte, denn er suchte mich, wenn ich trübe gestimmt war, durch phantastische Sprünge, Verzerrung der Augen und Backen zu erheitern. Die Belohnung waren erneute Püffe von der anderen Seite. Den Knaben erzählte ich von meinen Reisen, den zoologischen Garten in London, von Magdeburg, und wie einmal! unsere Königin Luise ihren Napoleon I. um ntetne' Vaterstadt als Geschenk gebeten hätte. Dagegen hörte ich von den Korsen, daß es jetzt ein schweres Verbrechen ivärc, in Ajaccio „Bivc Napoleon" zu rufen, das würde mit drei Monaten Gefängnis bestraft. Dennoch sangen mit ivähren Engelflimmeit die beiden mir die Napölienne und die Ajaccienne vor, von der sie wüßten, daß wir die gleiche Melodie „Ich halt' einen Kameraden" hatten. Als Schluß, folgte die Marseillaise, das Freiheitslied, in Frankreich von mir zuerst ijm Gefängnis gehört! Versucht habe ich, den Korsen auf einem Damenbrett, das mit rotem Ziegelstein aus den Fußboden gemalt war, „Wolf und Schaf" bcizubrirtgen. Die vier Schafe ton eit aus dem Innern des Gefängnisbrotes gebrochen, der Wolf aus der braunen Kruste. Großer Feiertag war für die Jungen, wenn sie für irgend eine Dienstleistung für den Gefangenen, der als letzte Etappe vor seiner Entlassung die Küche verwaltete. Zigarrenstummel oder Kleinigkeiten von Tabak erhielten. Durch das Schauloch in der Tür flogen noch einige glühende Kohlen nach, und eins, zwei, drei hatten die Bengel von ihren notdürftigen Hemden Streifen heruntergerissen, die, an den Kohlen angezündet, als Lunte mit Stöcken in die Hofmauer gesteckt, stundenlang glimmten, sodaß die Zigarrenreste ganz „con amore" über lange Stunden hin ver-, teilt werden konnten. Oft war Rattenjagd. Die Ratten kamen, wenn es zü Abend ging, aus dem sehr primitiven „Kabinett" heraus. Au Stöcken wurden unten größere Stücke Gefängnisbrot befestigt und eine sogenannte Studcntcnfalle mittels Holz-, kübel konstruiert. Häufig war mittags geheime Besprechung über die Gefängnismauer hinweg. Wie in Ali Baba von 1001 Nacht flog ein Steinchen über die Mauer, es wurde zurückbeför-, dert, ein zweites folgte bald. Jetzt ging die Kletterei los! Mit affenartiger Geschwindigkeit und Gelenkigkeit — tote ost habe ich die Burschen.darum beneidet — war Fran- ?ois Pauoletti auf der Klinke der Tür, die den Vorraum! gegen den Kinderhof abschließen konnte. Ein Krampfen' und Schwingen, und Pauoletti stand oben auf der Kante der Tür, von der er den Sprecher oder die Sprecherin! oben im Gangfenster des gegenüberliegenden Palais dä Justice sehen konnte. Mit fliegenden Worten wurde alles berichtet, vielleicht auch mir Schädliches hinausbeförderh wenigstens warnte mich mein Verteidiger immer wieder vor diesen Burschen. Da diese int Gefängnis überall sich hin M» 367 — üer stehlen konnten, vermittelten sie den geheime» Nachrichtendienst. Oft flogen Bälle über die Maner in den Kinderhof, wurden von diesem, wie int Spiel, auf den den zweiten, den Weiberhof, wo häufig in rührenden Tönen das bekannte schwermütige Matrosenlied: „Tie weiße Taube", unter desseu Klänge» einst Kaiser Max von Mexiko erschossen worden war, gesungen wurde, und von diesem wahrscheinlich auf den Männerhof weiterbefördert. Ich fürchtete, daß Werkzeuge auf diese Weise eingeschmuggelt würden, und wollte nicht Mitschuldiger werden. Es gelang mir einmal bei passender Gelegenheit, als em Wärter htuzn kam, diesem die KontrcbcmBe in die .Hand zu spielen. Em Wutblick voit feiten der beiden jungen Korsen war meine Belohnung. Sie erhielten Zellenarrest und lange Straf- reden. Mir sagte auf meine Anfrage der Wärter, daß es nur Tabak wäre, deu die Frauen ihren gefangenen Männern zukommen ließen. Ich habe später auch nie wieder hindernd eingegriffeu, da ich mich vor der Böswilligkeit der Burschen fürchtete. Einmal flogen ivie im Spuk von Resau mehrere Laiber Weißbrot über die etwa zehn Meter hohe Mauer. JSie Jungen hatten einen wahren Festtag, als sie es rasend schnell verzehrten. Später war auch eilt älterer Mann, der in keinem Gefängnis aushalten konnte — er wär zeitweise in Corte und Nimes untergebracht gewesen— bei uns. Zur Stärkung seiner Gesundheit erhielt er jeden Tag eine halbe Flasche Wein und ein kleines, auf Holz gestecktes Beefsteak. Seine Brust war dick init Ausschlag behaftet. Schade, daß ich damals kein Na- falän hatte; es hätte ihm sicher geholfen werden können. Ter Mann wär sehr erbittert und bösartig, wenn ich sein Korsisch nicht verstand, und hat mir manchem Fluch nach- geschickt und Arges angewünscht, obwohl ich stets mitleidig gegen ihn ivar. Jedes Stückchen Papier, Zeitungsblätter, Schülerhcft- seiteu, die zum Einwickeln der Früchte benutzt worben waren, wurden gierig von mir durchstudiert. Ein Zeitungsfetzen brachte einen Aufruf au alle stimmfähigen Bürger, sich der Aufhebung der Klosterschuleu zu widersetzen. Es wurde darin genau pro Kopf ausgerechnet, welche unendlichen Summen jeder Steuerzahler ausbringeu müßte, wenn an Stelle der nubcsoldeten Mönche und Nonnen besoldete Lehrkräfte träten. In einer andern halben Zeitungsseite hetzte mau gegen die Freimaurer. Sie wären die Wurzel alles Uebels in Frankreich, die Ursache der großen Staats- umwälzungen, denn wie auf ein gegebenes Zeichen wäre seinerzeit an den verschiedensten, weit von einander entfernten Plätzen die Revolution ausgebrochen. Ein recht schmackhaftes Stück Tortendessert war von einem Aüfsatz von Fräulein Botti, der Tochter meines Restaurateurs, umhüllt. Aehulich den bekannten Erzählungen des Pariser „Petit Journal" aus dem Livre d'or von 1870 schilderte darin die Jungfrau nach Anleitung der frommen Nonnen, wie ein preußischer Offizier mit seinen Leuten in einen Gutshof gerückt wäre, aus dem eine französische Mteilung kurz vorher entwichen war. Ter Preuße forderte die Tochter auf, ihm mitzuteilen, nach welcher Richtung die Franzosen sich gewandt hätten. Da sie sich weigerte, ihre Landsleute zu verraten, ließ der Offizier auf das junge Mädchen eine Salve abgeben, unter der sie als Heldin zusammenbrach. Silke et decorum est pro patria mori. — Wie aus den verschiedenen Schilderungen zu ersehen, war meine Stimmung sehr verschieden. Hatte mir mein Rechtsanwalt günstige Nachrichten gebracht, war das Wetter klar, der Gefängnishof trocken und ich auf ihm allein und ungestört, hatte ich kein Fieber, war mein großer Stoß Briefe und Postkarten aus der Heimat eingetrofsen, so marschierte ich stolz und selbstbewußt hin und her wie ein preußischer Soldat und stimmte: „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben" an oder „Was blasen die Trompeten" oder „Ich halt' einen Kameraden", „Preisend mit viel schönewReden", „Das Wandern ist des Müllers Lust". Ja, wenn ich hoffte, daß es keiner hörte, wagte ich mich sogar au „Es braust ein Ruf tote Donnerhäll", besonders wenn ich in Moltkes Briefen an feine Brant und Frau gelesen hätte. Das Buchzeichen, das schtoärz-weiß-rote Bändchen, ließ ich Beim Lesen immer herausfordernd herumflattern. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" hat mich immer fchwennütig gemacht, auch frühes schon in England, in einer sehr lustigen englischen Gesellschaft, als ich es, aufgefordert, auch etwas vorzutragen, saug. Oft saß ich auch bei froher Stimmung auf dem alters- gebrechlicheu, zerschnittenen Eichentisch, der mangels anderer Sitzgelegenheiten in den Gefängnishof gebracht war, und! sgng im frohlockenden Tempo des Adventsliedes: „Macht hoch die Tür, die Tore macht weit", das alte, liebe Lied: „Wie schön leuchtet der Morgenstern". Wer ich habe auch viele recht trübe, finstere Stunden durchgekostet. Wie oft habe ich brennend das „Vater unfer"- gebetet und bei jeder Bitte hinzugefügt: „Auch hier in Korsika", dem Lande, in dem über Religion gespottet wird, too sich jeder selbst ein Gott und über alle, die es noch mit Moral, Treue, Glauben, Wahrheit halten, erhaben dünkt. Wenn der wildeste Orkan über das Gefängnis dahinbrauste,, wenn Blitz und Donner Schlag auf Schlag inederfchmetter- ten, sodaß die eisenfesten Grundmauern auf granitnen Fundamenten schier erbebten, dann hoffte ich, daß „Er" endlich sein Machtwort sprechen und das ganze Lügeunest pom Erdboden fortfegcn würde. Frohlockend wäre ich, wie Simsou, mit der Philisterbrut uittergegangen. — Aber „Er" nahte sich mir nicht. . . und tieftraurig, gebrochenen Herzens, beugte ich mich unter seinen Willen. Es is. genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich begehre nickt mehr zu. leben. Wie hat sich damals der Chef des Gefäncnisses aufgeregt, als ich auf „Fröhliche Ostergrüße" dm Freunde als Illustration meiner Stimmung den ersten Vers vo» Psalm 28 an führte. Ain schlimmsten trug ich an den Souii- nnd Festtagen, an denen ich sonst fast regelnüßig zur Kirche gepilgert war. MhNlich der Jngeborg in Frenssens „Brei Getreuen", die ich im Gefängnis zu Ajaccio las, müßte ich erkennen, daß ich meine religiöse Uelerzeugung, auf die ich so stolz gewesen war, als ein Feierkleid getragen hatte, als Josefs bunten Rock, der in Regen und in Kälte nichts wert war. Ich war oft recht rnüdc und las meine Bibel mit einer eintönige», gleichgiltige» Stimme, als oh ich Gottes Wort nicht mehr begreifen konnte. Vicl^haben mir in dieser Herzensnot und Verzweiflung Storchs „Sonnenstrahlen einfangen" geholfen, sprachen doch die alten! lieben Worte zum Herzen wie trauter Glockenklaug ans' der liebe» Heimat. Wie oft und immer und immer wieder; habe ich über seinem „Tief hinab", doch'hoch hinauf", „Der nehme sein Krerz auf sich", „Gethsemane-Stunden", „Eine kühne Bebauptnng", „Wider die Sorge" gesessen, wen» die Geduld gar nicht kommen wollte. Wie furchtbar, wen» ich mir nach dem sehr Bittere» Rezept Nr. 6 in letzterem vor stellte, daß ich einem Justizirrtum zum Opfer falle» und hingerichtet werde» konnte, und letzteres wäre »och nicht einmal das Schlimmste gewesen, dann wäre ich mit meiner innigst geliebte» Mutter wieder vereinigt worden. Die Richter hätten lebenslängliche Zwangsarbeit auf den Galeeren beantragt. Was wären das für Qualen gewesen, zwischen solchem Gesindel und vom Ungeziefer starrend dahin zu leben. Mit dem Tode hätte ich mich noch versöhnen' können. Das wäre bald überstanden gewesen, und als Trost brauchte ich nur anzunehmen, daß ich auf meiner Studienreise unter Menschenfresser geraten wäre. , (Fortsetzung folgt.) Eine Studienreise nach Trier- Bo» K a r l N e u r a t h. i t I. Unter der Führung der Professoren Bet he, «au er und Strack begaben sieh am 30. Mai etwa 50 Studierende der Universität, Schüler der genannten Professoren, nach der alten Augusta Trevcrornm, um dort die großartigen Repe römischer Kultur und römischer Kunst zu besichtigen. Zeigte auch der Himmel am Morgen her Abreise nur em graues, griesgrämiges Gesicht, der guten Laune der «nidien- fahrer gegenüber konnte er nicht standhalten und je langer er die jugendlichen Scholastcn betrachtete, um so freundlicher wurde er. Aber Undank ist der Welt Lohn, und so mußte er sich denn gefallen lassen, daß er kaum beachtet wurde. Er mochte auch aus alter Erfahrung wissen, daß junge Studeiiten lieber em junges blühendes Weiblein sehen, _ ivie cs die Ewe war, denn einen alten Herren in grauer Zipfelmütze, ivenn er nicht zufällig eine dicke Geldtasche zur „geneigten Verfügung stellt. Es Ivar ja vielleicht nicht gerade hübsch, daß man ihn so . oben' liegen lies; und nur Augen für das prächtige Lahntal hatte, derweil der Zug rasselnd durch die erblühten Lande eckte, aber hübsch war es doch. Du lieber Gott, den Morgenhimmel haben wir schon pst gesehen. Wir wissen ganz genau, daß er entweder — 368 — Mu ist, oder grau oder graublau ober blaugrau oder auch gestreift oder gefleckt — was soll mau da noch lange zusehen, wie er eigentlich ist. Es regnete ja nicht — und wenn auch — bis Trier war ja noch lang und dort würde er wohl schon ein Einsehen haben und vernünftig sein — denn die Trierer smd ja fromme Leute und gute Christen und manches Heiligen goldgefaßte Gebeine ruhen in den kostbaren Truhen des alten Tomes. Also nur frisch voran. So ging es denn in vergnüglicher Fahrt das Lahntal hinunter dem Rheine. zu nach Koblenz, wo der viertelstündige Aufenthalt endlich eine kleine Erfrischung erlaubte und auch das Abfenden einer Ansichtskarte gestattete. , Ja, diese Ansichtskarten oder auch Karten nut Ansicht! Sie spielten eine ganz hervorragende Rolle bei dieser Fahrt. Tie Rollen Matkows'kys imb Kainz sind nicht immer so bedeutend wie die der Ansichtskarte. . .. Und diese- Karte, die vom Stallburichen aufwärts dem Ge- schmaüe eines jeden Menschen Rechnung trägt — vielleicht schreibe ich einmal die Psychologie der Ansichtskarte — diese Karte also ist eine ganz vorzügliche Erfindung. Zu ioas allem sie benutzt werden kann, das mag der Leser sich selbst überlegen, jedenfalls ist es eine vorzügliche Erfindung. Diese Erfindung wurde nun in Koblenz zum ersten Male während dieser Fahrt erprobt. Dann aber gings weiter das Moseltal hinauf bis nach Kochem, wo einige durstige Seelen aus den Abteilen nach dem Ausschank stürzten — natürlich nur bildlich gemeint — und aus reinem Interesse für die Wissenschaft den „Rebensaft der Moseltrauben" versuchten. Diese Braven hatten Recht getan, kam doch gleich hinter Kochem der 4,2 Kilometer lange Kaiser Wilhelm-Tunnel mit schaurigem Gerassel und Gestöhn —, das an den berüchtigten Ausbruch des Vesuv oder auch —■ je nach Lust und Laune — an das Erdbeben vott San Francisco erinnerte. Nebenbei sei bemerkt, daß dieser Tunnel der längste in Deutschland ist und daß er etwa 4 Mill. Mark gekostet hat. Wie das Lahntal reich an Tunneln ist, so auch das Mofeltal. Merkwürdigerweise mußten wir den letzten ohne jegliche Bclcucht- nng durchsausen. Genau um 1,1 Uhr kamen wir in der heiligen Stadt an Und begaben uns truppweise nach unseren Hotels, wo wir —; mit ganz geringen Ausnahmen — sehr gut aufgehoben waren. Mancher klagte allerdings darüber, daß er sein Bett mit einer Anzahl kleinerer Lebewesen habe teilen müssen, aber das liegt erstens an der für feinfühlige Menschen nicht besonders eingerichteten Welt im allgemeinen, zweitens an. den für blinde Gäste kleinen Kalibers besonders günstig eingerichteten Hotels im besonderen und drittens an der nichtgenügenden Btzttschwere des Schläfers im einzelnen. Ich konnte über derartige Einquartierung nicht klagen, doch hoffe ich nicht, daß dies dein^ Leser zu dem Schlüsse Veranlassung gibt, ich hätte die nötige „Schwerfälligkeit" durch reichliche Anwendung von Moselwein erreicht. Den habe ich nur bei dem ersten Mittagstisch versucht, denn da wir uns um 3 Uhr schon wieder bei der P o r t a n i g r a einfinden mußten, blieb zu tiefgründigem Studium' der Weinkarte keine Zeit, denn pünktlich mußten tvir sein. Und merkwürdig, das akademische Viertel spielte gar keine Rolle, wenigstens mittags nicht. ~ t Die Besichtigung d es im 4. oder 5. Jahrhundert entstandenen schwarzen Tores, das seinen Namen von dem verräucherten Aus- fehen hat und im Mittelalter durch Anbauten zum Gotteshause umgestaltet ward — fand unter der Leitung von Prof. Dragendorff aus Frankfurt, einem Schüler des Herrn Prof. Bethe statt, der in etwa halbstündigen!, fesselndem Vortrage ein Bild von dem römischen Trier gab und besonders die Anlage nnd den Zweck eines so mächtigen Tores, rote eben dieses schwarze, erläuterte. Alsdann ging es nach dem Am pH i t he a t e r, von dem nur uoch spärliche Reste sichtbar sind, da die Bühne noch nicht ganz ausgegraben und die Sitzreihen, deren Steinplatten in früherer Zeit zu anderen Bauten verwendet tvurden, vollständig verschüttet sind. Auch hier wurde wie überall bei den einzelnen Denkmälern die Anlage an der Hand von Plänen und Skizzen erklärt und erläutert. In diesem Amphitheater sind vom Kaiser Konstantin im Jahre 306 Tausende gefangener Franken und im Jahre 313 ebensoviel Brukterer totgehetzt worden. Der Direktor des Provinzialmuseums, .Herr Dr. Krüger, ebenfalls ein Schüler von Prof. Bethe, hatte diesmal den Vortrag übernommen, dem eine eingehende Besichtigung der Trümmer folgte, die wiederum ein überzeugendes Bild von der bedeutenden Baukunst der alten Römer abgaben. — Wie aus einer noch erhaltenen Steinplatte hervorgeht, waren die Sitzplätze des Amphitheaters sogar Nummeriert. Ob hierzu auch Nummerierte Karten ausgegeben wurden ist mir nicht bekannt, ebensowenig ob es Abonnements oder Dutzendkarten gegeben hat. Daß es sich aber in diesem Theater besser saß als z. B. hier in unserem — das doch eigentlich ein Mufenstall ist — das glaube ich kühn behaupten zu dürfen. Der ganze Bau, der durch seinen Anschluß an die Stadtmauer zugleich als Stadttor Verwendung fand, ist aus Kalksteinen erbaut und in den Gewölben sind auch Lagen von Ziegelsteinen mitbenuht, die anscheinend zur Entlastung der Decken beitragen sollten. Die Besichtigung der Moselbrücke, deren Pfeiler noch römischen Ursprungs sind, bildete den Beschluß des Tages. Hier hatte tvieder Prof. Dragendorff die Erklärung übernommen, der aus der Lage der Brücke auch die Größe des römischen Trier erläuterte. Während die Brücke im Mittelalter nämlich am Ende der Stadt lag, muß sie — nach römischer Gcflogenheit und nach der Anlage der übrigen Tore — unbedingt in der Mitte der Längsdehnung auf die Stadt gestoßen sein, sodaß sich für das römische Trier eine größere Ausdehnung ergibt, als für das. mittelalterliche. Mit der Besichtigung der Brücke tvar die Ausgabe des ersten Tages erledigt, und die Studierenden konnten für den Rest des Tages frei über ihre Zeit verfügen, was denn auch in ausgiebigstem Maße geschah, tstach einer kurzen Reinigung wurde die Stadt durchschivärmt, tvurden Ansichtskarten gekauft, wurde ge- liebäugelt usw. usw. Der Rest des Abends spielte sich dann in. den verschiedenen Gasthäusern der Stadt ab. Einen seltsamen Anblick bot die auf dem Pulsberg zur Verherrlichung des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis errichtete 31 Meter hohe M a r i e u s ü u l c, deren Mond nnd Sterne allabendlich im Mai (deikl Marienmonat) erleuchtet werden. — Air allen anderen Tagen des Jahres tarnt sich der Reisende diesen Genuß gegen eine Gebühr von 6 Mark verschaffen. Ich für meinen Teil faß mit einem1 Freunde und mehreren Bekannten in dem herrlich gelegenen Reiters Garten auf dem linken Ufer der Mosel, wo wir bis spät in die Nacyt zusannnenbliebeu. . Die Wellen glisterten leise, und um uns wat eine große Stille in dem weiten dämmerigen Garten. — Ach, du lieber Gott, schon halb drei! sagte einer. Um 1/27 ists Tag! Wir tranken noch einen und dann gings nach dem Hotel, das wir bald gefunden hatten. Na, also gute Nacht! Vermischtes. »Wie i st d i e R e d e n s a r t „i u B a u s ch u n d B 0 g e lt'< zu v er stehe n? Wohl die meisten unserer Leser haben bet dieser Redewendung eine dunkle Vorstellung von einem großen Papiervorrat. „Bogen" ist die kleinste Maßeinheit, da totrb der „Bausch", obwohl sonst ein ungebräuchliches Wort, vielleicht ein größtes Papicrquantnm bezeichnen, wie etwa Ballen und Ries. Das ist ein Irrtum. Der Ausdruck kommt von der Feld- meßkunst, wo bei der Vermessung von Grenzen der „Bausch" die Ausbuchtung in das fremde Gebiet bezeichnet, die „Boge „aber die Einbuchtung der fremden Gebietszunge in das zu vermessende Areal. Der Bausch toäre bei einer gedachten geraden Linre also hinzuzuzählen, die Boge wäre abzuziehen, was vielfach m der. Praxis unendliche Mühe verursachen würde. Darum smd z. B, viele Grenzen der Bereinigteil Staaten von Nordamerika tit Bausch und Bogen gezeichnet, was auf der einen Seite fehlt, bringt die andere ein. In Wirklichkeit lassen sich Gebiete von Flußufern, Bergen, Seen und Sümpfen durchaus nicht so glatt zerteilen wie mit dem Lineal. Die Redewendung „in Bausch und Bogen" bedeutet also nur „int ungefähren Gesamtwerte, cmS gegen das andere ausgeglichen". In diesem Sinne ist sie ja nnd) tatsächlich in den allgemeinen Sprachgebrauch ubergegcmgen. Gute D i a gn0s e. K öchin M inna lzmn .Hausarzt): „Ach, Herr Doktor, möchtcu Sie mir nicht sagen, was ich dagegen tun soll? Ich habe solch stechendes Jucken um den Mund tjenrnt -- Doktor (nachdem er sie ein Weilchen betrachtet hat): „Sagen Sie ihm, er solle sich öfter rasieren lassen — das wird helfen! Buchstabenrätsel. Nachdruck verboten. al, cli, co, ck, er, er, ba, fl, fall, gel, i, 11, ni, neu, os, rel, t, la, tr, u, vo, z, zu. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen fünf Wörter gebildet und derart unter einander gesetzt werden, daß die Ansangsbuchstaben voir oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, denNamen einesKlaviervirtuosen undKompomsten ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter der Reihe nach Folgendes: 1. Militärisches Vergehen. 2. Badeort in Schlesien. 3. Bekannte Erscheinung aus dem Weltmeere. 4. Geistlichen Liederdichter. 5, Gefiederten Sänger. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ball, Wall. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dieben»