I8| SKT blöde und! Mittellose Mädchen. Roman von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sie verkehrte jetzt unbefangen, ja fast kameradschaftlich mit ihnen, aber die Grenze, die sie von ihnen schied, blieb doch eine scharf gezogene. Sie hatte alles schwierige bis jetzt überwunden, sogar das' Altzeichnen, sie hatte gelernt, freie, gewagte Reden ruhig anzuhören, ohne sich darüber zu empören — aber das leichte KünUerblut meldete sich bei ihr nicht. Sie dachte oft an Suse. Die wäre im Atelier in ihrem Element gewesen. Sie duldete nie, daß die Schwester sie abholte. Für sie fürchtete sie diese Atmosphäre des sorglosen Vagabundentums. Sie konnte sich jetzt ohnehin so wenig um Suse kümmern. Sie arbeitete angestrengt. Tietzheim war sehr ungehalten gewesen über den quantitativen Rückgang ihrer Leistungen. Und sie durfte diesen Verdienst nicht verlieren. Meist nahm sie jetzt die Nächte zu Hilfe. Sie war in den letzten heißen Wochen schmal und blaß geworden, aber sie achtete es nicht. Sie sah sich ihrem Ziele näher kommen. Der Meister, wie sie ihn hier im Atelier nur nannten, war zufrieden mit ihr. Er hatte ihr erlaubt, das Porträt der alten Frau in Oel auszuführen und cs in einer Gemäldeausstellung an die Oefsentlichkeit zu bringen. So war sie die einzige, die an tiefem heißen Tage mit Lust und Liebe arbeitete, obgleich man Willy Hammer nicht zur Korrektur erwartete und die anderen sich diese Tatsache zunutze machten und nur widerwillig mit dem Stift herumfuhren und strichelten. Ein wohlbekannter, elastischer Schritt auf der Treppe draußen ließ sie plötzlich aus' ihrer Faulheit emporschrecken. Sie hatten trotz ihrer freien, selbständigen Persönlichkeit einen Heidenrespekt vor dem Meister, der in letzter Zeit ganz besonders rücksichtslos gewesen war und einen sehr nervösen, ruhelosen Eindruck zu machen pflegte, den man früher nie an ihm bemerkt hatte. Seine Malweiber behaupteten: „Er wird alt und daher griesgrämig", und sie rebellierten gegen ihn — aber nur- innerlich. Mit einem Gemisch von neugieriger Erwartung und unliebsamer Ueberraschung blickten sie auf die sich geräuschvoll öffnende Tür. Rasch senkten die Augen sich wieder und die Erwiderung seines Grußes klang von mürrischen Lippen. Sie ärgerten sich über sein Kommen, denn sie merkten es alle im ersten Moment seines Eintretens, daß er nervöser als je war, der Meistex. Sie wußten, wenn er diesen müden verschleierten Blick hatte, dieses' spöttische Lächeln, dann war nicht mit ihm zu spaßen. " In die drückende Stille, die der Begrüßung gefolgt war, tönte knapp und klar sein klangvolles Organ: das erste Lob an dem Tage. Die anderen horchten auf und tauschten vielsagende Blicke. Das besondere Interesse, das der Meister an seiner schönen neuen Schülerin nahnr, war ihnen längst kein Ge- heimnis mehr. Aber weder Ruth noch Hammer achteten darauf. Das Mädchen, das auch in dem groben grauen Malkittel ihre vornehme Anmut bewahrte, war ruhig von der Staffelei zurückgetreten, nicht das leiseste Rot in ihrem Gesicht verriet, daß sein Lob sie erfreute. Dafür stieg ihm das Blut in die Stirn. Ihre sich stets gleich bleibendes „Mehr Schatten ins Haar!" „Die Augen sind schlecht" „Hier der rechte Arm total verzeichnet." Es flog nur so von vernichtenden Kritiken um die ge- senkten Frauenköpfe, während er hastig, oft nur einen flüchtigen Blick auf eine Arbeit werfend, von einer Staffelei zur anderen glitt. Da trat mancher die Träne ungewollt in die heißen, schmerzenden Augen, die müde Hand mit dem Pinsel senkte sich, die Lippen zuckten in bitterer Hoffnungslosigkeit — durch die großen, trüben Atelierfenstep sah der bleigraue Himmel herein, freudlos und lastend wie der ganze, glühend heiße Großstadtsommertag. Die Frau auf dem Modelltisch lächelte blöde ....(! schläfrig vor sich hin. Zuerst hatte es sie geniert, von so vielen Augenpaaren immer wieder prüfend angestarrt zu werden, jetzt ließ es sie gl-eichgiltig. Sie saß da in ihrem! alten, geflickten Arbeitsrock, in der verwaschenen Kattunjacke und der sauberen blauen Schürze, so wie sie jeden Tag ihrem Mann das Essen zu tragen pflegte nach dem Neubau in der Augsburgerstraße. Jetzt vertrat sie dabei schon ihre Aelteste, die erste von neun Kindern, die Gottlob sämtlich aus dem gröbsten heraus waren. Das Modellsitzen, zu dem Willy Hammer sie auf der Straße geworben, war ein angenehmer Verdienst — sie konnte sich dabei zum erstenmal in ihrem Leben ausruhen. Der Maler war jetzt hinter Ruth Meridies getreten. Seine scharfen klugen Augen richteten sich prüfend auf die große Leinwand. Das junge Mädchen war den andern weit' voraus, sie besaß eine erstaunliche Leistungsfähigkeit und eine Arbeitskraft, die man der schmalen Hand nie zugetraut hätte. Im Entwurf war das Bild vollständig fertig, der Kopf bereits soweit ausgeführt, daß der Eindruck desselben als ganzes auf den Beschauer wirken mußte. Man fühlte schon jetzt, das Bild würde kein Porträt werden, sondern es würde die Tragödie der Frau aus dem Volke erzählen, der äbgearbeiteten, geduldigen, der rohen Willkür des Mannes preisgegebeneu, kinderreichen Arbeiterfrau, die vorzeitig gealtert ist, stumpf und müde geworden in der Frohnarbeit ihres harten, mühseligen Lebens. Willy Hammer stand einen Moment regungslos. Etwas wie Eifersucht krallte sich in sein Herz, Eifersucht auf dieses stolze, ernste Mädchen, das sich mit dieser Arber: den ersten Lorbeer um die schöne Stirn flechten konnte. Aber die Freude über die talentvolle Schülerin siegte. „Gut, sehr gut, Fräulein Meridies!" sagte er. Es war — 802 freundliche und doch zurückhaltende Art reizte ihn geradezu auf. „Malen Sie die Halspartie heut noch fertig, Fräuleui M'eridies!" sagte er in scharfem Befehlston, „die anderen Damen mögen ruhig fortgehen — ich habe keine Lust, mich heut mit Korrekturen zu plagen. Diese blödsinnige Hitze!" Er fuhr sich nervös über das kurzgeschnittene, dunkle Haar. Ruth begann gelassen ihre Pinsel auszumaschen. „Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich der Hitze wegen ebenfalls meine Arbeit abbreche." „Sehr viel habe ich dagegen!" schrie er erbost, „Sie bleiben. Ich befehle es Ihnen als Lehrer. Sie haben wohl gar Angst, mit mir allein zu sein. Ich werd' Sie nicht beißen." Sie würdigte ihn keiner Antwort, aber ihr Gesicht sah stolzer und herber nuS denn je. Als sei er Luft für sie, nickte sie über ihn hinweg, den hinausdrängenden Kolleginnen zu, die froh, daß sie der schlechten Laune des Meisters entronnen, schalkhaft bedauernde Blicke nach der Zurückbleibenden sandten. Die Frau auf dem Modelltisch rückte unruhig hin und her. — „Stillgesessen!" kommandierte der Maler gereizt, „wofür bezahl' ich Sie denn, meine Beste?" „Na, nischt -für ungut, Herr Maler, ich sitz ja schon ivie die weeße Puppe dort drüben. Für dat schöne Freilein schon gar gerne." Und sie grinste Ruth an, die leise lächelte, aber mit sicherer Hand weiter arbeitete. „Bor der Schönheit beugt sich doch alles!" bemerkte Willy Hammer, sich einen Stuhl neben das junge Mädchen ziehend. Der Spott in seiner Stimme ließ nun doch ihr stolzes Blut aufwallen. „Sind Sie hiergeblicben, um mir das zu sagen?" gab sie verletzend kalt zurück, „wie Sie hörten, hat Frau Pietschte das schon übernommen und bei ihr war's jedenfalls ehrlicher und harmloser." Ihre Augen blitzten. Und jetzt kam auch das Rot, das er vorhin vermißt und ergoß sich in zornigen: Aufglühen über ihre Wangen. In dem Moment war sie wirklich entzückend. Seine Stimmung schlug jäh um. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Kinn auf die verschränkten Hände gelegt, blinzelte er sie aus schelmischen, gefährlichen Augen von unten herauf an. „Menschenskind, wer wird so empfindlich sein? Sie müssen mich doch nachgerade kennen. Hunde die bellen, beißen nicht. Im Grunde bin ich ein Mensch, der um den kleinen Finger zu wickeln ist. Aber heut der Aerger wieder. Komm' ich in die Kunstausstellung heraus — Sie wissen, ich habe das Porträt des Grafen W. dort hingeschickt — wollte mal sehen, wie es sich dort macht. Haben ihm die Kerle von der Hängekommtssion doch einen Platz gegeben — einen Platz — nun eben eigentlich gar keinen. Biel zu hoch und schlecht beleuchtet. Ich war derart wilde, daß sie sich eines besseren besannen und mich noch umplazierten. Ein ungünstiger Platz besiegelt oft das Schicksal eines Bildes, respektive das Urteil über dasselbe. Und wenn man sein bestes gegeben hat — verstehen Sie denn nicht, wie man sich über solch eine von Neid und Mißgunst diktierte Gemeinheit ärgern kann?" „Ich verstehe cs schon!" meinte das junge Mädchen, seinem eindringlichen Blick ausweichend, „ich verstehe nur nicht, daß Sie Ihren Aerger über eine Sache, die nebenbei zu Ihrer Zufriedenheit abgeändert wurde, auf uns unschuldige Frauen übertragen können. Das ist ungerecht und rücksichtslos. Und haben Sie sich wirklich innerlich noch nicht von Ihrer Verstimmung befreit, so müßten Sie als Mann Energie genug besitzen, sich beherrschen zu können." Sie sprach gelassen, während sie innerlich ganz und gar nicht ruhig war. Dieser Mann da weckte eine ganz neue Saite in ihr. Sie hatte immer das Gefühl, sich gegen ihn aufzulehnen, sein Selbstbewußtsein zu strafen, ihn in irgend einer Weise zu verletzen. Sie kam ihm stets gleichsam gewappnet und gerüstet entgegen und ließ sich weder durch seine Liebenswürdigkeit bestricken, noch durch seine RücksichtS- losigkeit aus der Fassung bringen. Ihr feiner Fraueninstinkt ivitterte unbewußt die Gefahr in ihm. Ihn verblüffte die offene Sprache, die sie gegen ihn wagte, scheinbar unbekümmert, ob sie sich seine Gunst dadurch verscherzte, immer darauf pochend, daß sie nur Schülerin für ihn sein wollte, nie das begehrenswerte Weib, so wie er für sie als Mann gar nicht in Betracht kam. Er fand es eigentlich unerhört, daß gerade seine erste schöne Schülerin sich nicht Knall und Fall in ihn verliebt halte, nachdem so und so viel häßliche sich ihm vorher fast an den Hals geworfen, aber im Grunde steigerte es nur sein Interesse für sie. Es hatte einen eigenen Reiz für den verwöhnten Mann, daß sie so hartnäckig gegen ihn kämpfte. „Oh, welche Strafpredigt!" sagte er jetzt, zwischen Hohn und Scherz fchivankend, „erkennen Sic nicht Milderungsgründe an, wenn rnan solch ein heißes, ungebärdiges Temperament besitzt, wie ich." „Nein!" klang es schroff zurück, „gerade dagegen muß man kämpfen. Der schönste Sieg ist doch der, den man über sich selbst erringt." Er sah auf ihre ruhig malende Hand, in ihr kühles, stolzes Gesicht und ein grimmiger Wunsch, sie zu quälen und zu kränken, erwachte auch in ihm. „Dann haben Sie doch sicher nie die Freude gehabt, solch schönsten Sieg zu feiern, denn Temperament haben Sie ja nicht zu bezwingen." Ein Funken blitzte in ihrem Auge auf, der dem rücksichtslosen Spötter wohl seine Behauptung hätte widerlegen können, wären die dunklen Wimpern nicht rasch über die verräterischen Augen gefallen. Ganz ruhig sagte Ruth dann: „Was wissen Sie von meinem Innern? Was überhaupt von meinem Leben?" Es sollte abweisend klingen, aber im Moment warf sich die stille Tragik ihres jungen Lebens mit solcher Wucht auf ihr Herz, daß eine schmerzliche Anklage in ihren: Tori vibrierte, ein Hauch jener bitteren Hoffnungslosigkeit, die, ihre Kindheit und Jugend begleitet hatte. Ihm kam eine dunkle Ahnung davon und eine leise Scham regte sich in seinem Herzen, ob seiner Rücksichtslosigkeit. Er änderte seinen Ton und meinte warm und liebenswürdig: „Ich weiß allerdings sehr wenig von Ihrem Leben, Fräulein Meridies, aber es ist nicht meine Schuld. Warum verwehren Sie mir so hartnäckig einen Einblick in Ihre Verhältnisse?" „Ich wüßte nicht, was Sie daran interessieren konntet gab sie herbe zurück, „das, was meinen Weg dornenvoll machte, liegt Ihnen doch so fern, so furchtbar fern." „Sie meinen, weil ich im Wohlleben aufwuchs, müßte mir das Verständnis für des Daseins Schwere nicht ge-- wvrden fein?" Eine Falte furchte seine weiße Stirn unter dem dichteii schwarzen Haar. „Ich habe auch schon Leid erfahren, genug, um das anderer verstehen zu können. Und ich habe Not und Elend geschaut, von dem Sie sicher noch nichts wissen. Ich habe einen scharfen Blick bekommen für solche Dinge und ich weiß genau, auch Sie tragen schwer. Warum wollen Sie es leugnen?" Des Mädchens Hand sank schwer herab, als sei ihre Kraft zu Ende. „Ich trage lieber allein!" murmelte sie. Cie war sehr blaß geworden. Seine herzliche Art, die! durch die gedämpste Sprechweise etwas Vertrauliches erhielt/ schlug Bresche in die festgefügte Schranke, die sie zwischen, ihm und sich errichtet hatte. Ein sehnsüchtiges Verlangen drängte durch die entstandene Lücke zu ihm hin, ähnlich bem,; was sie einst zu Haus Klausen gezogen hatte — sich stützen zu lassen von einem starken Arm, einen anderen sür sich sorgen und denken zu lassen, an eine breite Brust gelehnt/ alles verschwiegene Leid in Worten und Tränen ausströmen zu dürfen. Sie war ganz Weib in dem Moment/ das schwache, schutzbedürftige, liebesehnende Weib. Ihre Wimpern feuchteten sich von aufsteigendem Naß. -- 803 — Willy Hammer sah die Tränen in den dunklen Mädchen- angen mit einer Art ehrerbietiger Rührung. Er hatte lange Nicht vor einer Fran ähnliches empfunden. Sie schien ihm heilig und unantastbar in ihrem schweigenden Dulden. Mit sanfter Hand nahm er ihr, neben sie tretend, Pinsel und Palette aus der Hand. „Für heute ist's genug, 'Sie sind übermüdet, es war unrecht von mir, Sie noch hier zu halten — aber denken Sie, daß ich's tat, um Sie mal eine halbe Stunde für mich allein zu haben und dann verzeihen Sie mir's. Wollen Sie, Ruth? Ja, bitte!" Verwirrt, fassungslos blickte sie in das leidenschaftlich bewegte Männerantlitz. Sie fand keine Worte der Entgegnung. Ta gab er der Frau auf dem Modelltisch ein energisches Zeichen zu gehen und als sie schläfrig davongetrottet war, neigte er sich über die zitternden Hände Ruths und fragte eindringlich: „Können Sie denn gar kein Vertrauen zu mir fassen, Ruth? Sie müssen doch merken, wie Sie mir aus Herz gewachsen sind, wie ich mich an Ihren Fortschritten freue! Sagen Sie mir doch, was Sie drückt, vielleicht kann ich Ihnen helfen — ich weiß, Sie haben Geschwister — kann ich für deren Fortkommen etwas tun? Erlauben Sie mir doch, Sie einmal zu besuchen." Er hatte hastig, überstürzt gesprochen, in dem impulsiven Wunsche, die tränenschimmernden Augen lächeln zu sehen. Und da war es ja auch, das Lächeln, ein Lächeln der Dankbarkeit und der freudigen Ueberraschung. Alles fiel für eine kurze Spanne Zeit von ihr ab, ihr trotziger Stolz, ihr empörtes Auflehnen, all ihre Sorge und Angst. In der schwülen, lähmenden Atmosphäre des hochgelegenen Atelierraumes versank eine ganze Welt hinter ihr und es war, als setze sie in süßer Mattigkeit den Fuß in ein neues, schönes Land. (Fortsetzung folgt.) Der Kurort zum „Sorrueubnd". Von Dr. O t t o G o t t h i l s. (Nachdruck verboten.) Wo liegt der heilkräftige Kürort zum „Sonnenbad"? Vergebens wirst du ihn auf der Landkarte suchen und doch liegt er dir so nahe. Bist du ein Siadtbewohner, der keinen Gatten zur Verfügung hat, so gehe in die städtischen Anlagen und auf die Kinderspielplätze, dann wandelst du im Kurorte „sonnenbad'. Wohnst du aber auf beut Lande oder in Nähe desselben, dann sprudelt in Garten, Feld und Flur die Heilquelle des Sonnenbades in wahrhaft überreichlichem Maße vom Himmel auf dich herab. Dabei bist du keineswegs das einzige lebende Wesen, welches in dem Lichtmeer Gesundnng und Kräftigung sucht.^Dort auf jenem Bauernhöfe liegt der Hund behaglich in der sonne ausgestreckt; nicht weit davon genießt die Katze mit wohlgefälligem Schnurren und zufrieden blinzelnden Augen die Heilkraft der Sonne, und in den heißen Sand wühlen die Hühner sich em, lüften bald den einen, bald den andern Flügel, drehen und wenden sich, damit die belebenden Sonnenstrahlen sie an allen Körperstellen bescheinen können. Auch draußen die Waldvögel, namentlich Amseln und Drosseln, machen es ebenso. „Die Pflanze selbst kehrt sich dem Lichte zu!" (Schiller.) Und der Mensch? In ängstlicher Lichtfeindschaft verdunkelt er die Zimmer mit Vorhängen und Fensterläden zu grabgewölb- artigen Räumen und meidet möglichst jeden Gang im Sonnenschein, nur um nicht einige Schweißtropfen zu verlieren. Daher diese kränklichen Milchgesichter unter den Kindern der wohlhabenderen Familien, daher das große Heer der Blutarmen und Bleichsnchtigcn, der Schwächlinge an Nerven und Muskeln. Gehet hinaus in den lachenden Sonnenschein und lernet von Pflanzen und Tieren die Heilkraft der Sonne genießen. Ihre belebenden Strahlen zaubern aus der im Winter scheinbar toten Erde Blätter, Blüten und Früchte hervor, erwecken die im Winterschlaf erstarrten Tiere zum treuen Leben. _ Groß ist der Einfluß der Sonne auf den menschlichen Organismus. Der noch schwache Rekonvaleszent fühlt bei ihren erwärmenden Strahlen seine Lebenskräfte und -säste sich mehren. Ter Rheumatiker ist an sonnigen Tagen von seinem schmerzhaften Leiden ganz verschont. Die Heilung gewisser Hautkrankheiten nimmt im Sonnenlichte einen sehr schnellen Verlauf; bestimmte epidemische Krankheiten verschwinden in der sonnigen Jahreszeit vollständig. Der Italiener sagt: „Dove tio» viene il sole, viene il medico, wohin die Sonne nicht kommt, dahin kommt der Arzt." Ein altes Sprichwort lautet: „Auf der Schattenseite der Straße hält der Leichenwagen dreimal so oft als auf oer Sonnenseite." Unser ganzer körperlicher und geistiger Gesundheitszustand wird eben durch das Sonnenlicht erheblich beeinflußt. Einen höchst interessanten Fall von dem sichtbar heilenden Einfluß der direkten Sonnenstrahlen an sich selbst berichtet Prof. Tr. Jäger. Durch mehrwöchentliches Nacktlassen des Beines vom Knie abwärts bis zum Schuh verschwanden seine Krampfadern an dem unbedeckten Teile, während sie da, wo die Beine in den Schnhen steckten, unverändert blieben. Prof. Jäger benntzte nun statt der bis über die Knöchel reichenden Schuhe Sandalen ohne Strümpfe; jetzt verschwanden die Krampfadern auch am ganzen Fuße, mit Ausüahme der Stelle des Fußrückens, über welche ein etwa daumenbreiter Lcderriemen der Sandale ging. Von großem Werte sind die Sonnenbäder, die man mit einem Fluß- oder Seebade verbindet. Man geht ans dem Wasser heraus, läßt sich von der Sonne trocknen unb wiederholt dies nach Befinden noch ein bis zwei Mal. Aber auch leicht bekleidet kann man sich die Belebnngs- nitb Genesungskraft der Sonne zu nutze machen, indem man langsam gehend, sitzend oder liegend stundenlang an sonnigen Orten sich aufhält. Die Kleidung darf dabei weder beengend noch dunkel, sondern muß leicht und von Heller Farbe sein, damit möglichst viele Lichtstrahlen auf die Haut gelangen können. Also, ihr Städter, gehet hinaus in Feld und Flur, dem lachenden Sonnenschein entgegen! Lasset eure Kindlein draußen auf dem warmen Sande oder Rasen Herumspielen, damit sie auch so gesunde, gerötete Gesichter und so feste, dralle Backen bekommen, wie die Bauernkinder! Es ist höchst unnatürlich, wenn schon kleine Mädchen mit einem Sonnenschirm einherstolzieren. Der sonnige Sommer bildet gleichsam die hygienische Gnadenzeit, welche dem Menschen verliehen ist, damit er in ihr eine solche Menge voll Lebenskraft und Gesundheit in seinem Körper ansspeichere, daß er den rauhen Stürmen des Herbstes und den Fährlichkeiten des eisigen Winters unbeschadet Widerstand leisten kann. _________ VermischLrs. * Schlechtes Deutsch. August Engels veröffentlicht in einer Preisarbeit über dieses Thema folgendes Musterbeispiel: „Selbst frühzeitig ergraut, versuchte zu meiner Verzweiflung die höchstgepriesensten Haarfärbemittel, bis _ nach jahrelangem Ringen ein unvergleichlich wunderbares Mittel entdeckte, das leicht anwendbar, Haarboden reinhaltend, Kopf und Bart natür- liche Farbe in lebendigster Jugendfrische sofort unvergängllch wieder herstellte und ganz vergessen läßt, jemals ergraut ge- wesen zu sein." Aber dieses Beispiel, so schreibt der „Kunst- War t" hierzu, war nicht aus der literarrschen Welt, bie slch trotz der Einführung des Annoneierens von Privatbriesstellern bisher doch meistens lioch in einigem von der Welt der Haarfarbe-, Bandwurmvertilgungs- und BlutreiliiglingSmittel unterschied. Jetzt aber kündigt eine Verlagsbuchhandlung einen Roman so an: „Gehaltene Kraft der Seelenerschließung waltet in dem eigenartigen Buche, das sich zwingenden Ernstes in sich selbst vertieft und mit erschütternder Folgerichtigkeit in bie Stimmung unerbittlicher Tragik hineinreift." Was bedeuten die „chr- wnrd igen Eifelkrater" -beS Bades Bertrich, die um der kaiserlichen Majestät erlauchten Schutz flehten, gegen die Ankündigung dieses — man kann wohl sagen: höchst verwickelten und noch dazu unheimlichen Buchs? Die jungen Dichter und Schriftsteller mögen weinen, wie Alexander bei Philipps Siegen — was bleibt ihnen zu hin, wenn man nun auch beginnt, von dieser Seite unfern Sprachschatz zu bereichern? * Der Zopf der hing ihm hinten. Den Hauptinhalt des kurhessischen E x e r z i er-R e g le men ts bildeten im schicksalsschweren Jahre 1806 die Montiermigsvor- schriften. Da lvar genau anbefohlen, wie laug der Hut in Reih' und Glied vorstehen durfte, die Breite der Halsbinde. und des weißen Streifens aus ihr war bis auf die kleinste Linie vorgeschrieben, der Platz eines jeden Gamaschenknopfes war auf den Punkt bestimmt. Dm Hcmptgegmstcmd der gesetzgebenden Weisheit bildete aber — der Zopf, diese Zierde des Mannes! Es galt als eine denkwürdige Epoche in der Militärgeschichte, als er, der Zopf, der bisher bis unter das Kreuz herunterhing, um die Hälfte gekürzt wurde und als die Locken den gekräuselten Haaren Platz machen mußten. Diese „einschneidende" Veränderung war mit einer jahrelangen Arbeit verknüpft, ehe jte ganz nach Wunsch ausgeführt werden konnte. Endlich erschien eme „Defimtiv- vorschrift", von höchster Stelle ausgehend, welche diele Sache ins reine brachte. Ihr war ein Maß beigelegt, welches die Lange und bie Dicke des Zopfes bestimmte. Eine beigefugte Zeichnung veranschaulichte, toie lang das Zopfband hinunterhängen, m welcher Art es ausgezackt sein sollte und ans welche Weise der Zopf mit drei Stecknadeln in einem vorgeschriebenen Dreieck zu befestigen sei. Mit derselben Genauigkeit schrieb der Kurfürst die übrige Frisur vor: z. B. den Schnitt der „Vergelte', des vorderen Haares, wie lang es über die Ohren herunterhangen durfte und ivie es gewellt werden mußte. Die Kapitäne, die für jeden einzelnen Mann einzustehen hatten, wurden bei vorkommen- den Fehlern mit Verweisen und Arrest bestraft, sie trugen em Zopfmaß an ihrem Stock und maßen jeden. Morgen, wenn sich die Kompagnie zur Parade versammelte, leben Zopf nut der — 304 — strengsten Genauigkeit. — Noch kurz vor seiner Absetzung, die bekanntlich nach den Tagen von Jena und Auerstädt erfolgte, indem Napoleon kurzerhand dekretierte: „Das Haus Hessen hört auf zu regieren" — ohne daß das 32 000 Mann starke hessische Heer Gelegenheit gefunden hätte, auch nur einen Schuß abzugeben, musterte der Kürfürst die Regimenter. Er fand die Zöpfe nicht, wie sie sein sollten. Nach beendigtem Exerzieren ließ er die Feldwebel zusammentreten. Mit eigenen Händen maß er die Zöpfe. Sie fanden nicht seinen Beifall. „Mem Gott, rief er höchst ungnädig aus, „in welcher Ordnung kann eine Kompagnie sein, bei welcher der Feldwebel einen solchen Zopf tragt! Trotz der Lektion von Jena blieb der Kürfürst bei, fernem Zopffanatismus. Als er im November 1813 wieder ru Kastel em- zvg, führte er sogleich wieder Zopf und Puder bei ferner „Armee" ein. Gesundheitspflege. Migräne nennt man den Ktankheitszustand, dessen Haupt- erschciuung Kopfschmerz ausmacht. Der Kopfschmerz nimmt gewöhnlich eine Seite ein, kann auch wandern, ebenso über den ganzen Kopf ausgebreitet sein. Dieser Kopfschmerz ist kein durch mehrere Tage oder Wochen anhaltender, sondern kommt in.An- fälleu, die einige Stunden bis einen Tag lang dauern. Zwischen solchen Anfällen liegt eine Zeit vollkommenen Wohlergehens, während der die Leute sich gesund fühlen. Es ist sehr bezerch- nend, daß ein solcher Leidender an seinem Kopfschmerztag (Mi- gränetag) sich dem Vergehen nahe fühlt, to>r Schmerz sich nicht rühren kann, verdunkeltes Zimmer aufsucht, jedes Geräusch vermieden wissen will, Uebelkeit bis zum Erbrechen sühlt, nicht essen kann, oft krampfhaft erbricht und auf seine Umgebung den Eindruck eines Schwerkranken macht — jedoch Tags darauf bei vollkommenem Gesundheitsgefühl seiner Beschäftigung obliegt, mit einer Eßlust, als ob gestern nichts vorgefallen wäre. Wer Migräne hat, hat sie schon feit Kindheit oder seit den reiferen Jugendjahren; der erste Migräneanfall kommt nicht nach dem zwanzigsten oder dreißigsten Lebensjahr. Hat ein Zwanzig- oder Dreißig- oder Vierzigjähriger Migräneanfälle, so erzählt er, daß er solche schon seit Jahren zu ertragen hat — seit der Kindheit oder seit dem fünfzehnten Lebensjahr. Die Wiederkehr ist gewöhnlich sehr geregelt, z. B. alle vier Wochen. Nach dem vierzigsten Lebensjahr werden die Migräneleidenden gewahr, daß die Anfälle immer seltener werden und schließlich ganz ausbleiben. Die Begleiterscheinungen eines solchen Mi- gräneanfalles sind auch für den Laien bemerkbar. Meist sind die Kranken leichenblaß (selten nur zeigt sich das Gesicht im Anfall gerötet) der Kopfschmerz tritt meist leise mahnend auf, wird im Laufe der nächsten Stunden immer stärker und stärker (also Steigerung der Kvpsschmerzen). Die Steigerung des Kopfschmerzes bringt Uebelkeit mit sich und es kommt zum Erbrechen. Das Erbrechen ist der Abschluß des Anfalles. Der Kopfschmerz wird von da ab erträglich und klingt allmählich ab. Eine Anzahl der Leidenden kann sich wäh-rend des Anfalles aufrecht erhalten und dem Berufe nachgehen, die Mehrzahl muß sich dabei nieder- legen. Während des Anfalles ist die Nahrungsaufnahme, gewöhnlich unmöglich, nicht selten werden die Anfälle durch eigene Vorboten angekündigt: es tritt Funkensehen auf und die Kranken sehen schlecht, weil sie alles blendet oder sie von den Gegenständen nur die Hälfte wahrnehmen (die Buchstaben sind abgebrochen, an einem Gesicht sieht der Mauke nur eine Wange oder nur ein Auge). Auch glaubt der Kranke manchmal eine blau schillernde Zickzacklinie zu sehen, die Aehullchkeit mit den Linien von Festungswällen hat. Nachdem diese Sehstörung eine halbe Stunde gedauert hat, setzt allmählich der Kopfschmerz ein. Sehr beunruhigend wird den Migränekranken eine andere Begleiterscheinung : das Einschlafen einer Hand oder einer Körperhälfte ; solche Kranke bekommen die Angst, es hätte sie der Schlag gerührt. Dieses Gefühl von Eingeschlasensein verschwindet oft schon vor dem Ende des Kopfschmerzes, Manchmal überdauert es den Kopfschmerzanfall um ein bis zwei Tage. Frauen werden von Migräne häufiger gepeinigt als Männer. Fast in jedem Fall von Migräne kann man feststellen, daß auch eines der Eltern solche Anfälle hatte. Die Anfälle kommen gewöhnlich von selbst ohne äußeren Anlaß, d. h. ohne daß der Betreffende etwas erlebt hätte. Doch sind Leute, welche an Migräne leiden, sehr empfindlich von der Außenwelt her; solche Schädigungen sind sehr verschieden, der eine erträgt nicht die geringste seelische Ausregung, körperliche Anstrengung, geringste Magenüberladung, ohne daß er darauf seine Migräne bekommt, andere büßen es mit einem Anfall, wenn sie sich dem Winde aussetzen oder Wärme ober Sonnenstrahlen ertragen müssen. Der Arzt weiß die Migräne mit Sicherheit von den anderen Krankheitsvorgängen im Gehirn zu unterscheiden. Er ist auch in der glücklichen Lage, das Leiden zu mildern, sehr häufig auch cs zu beseitigen. Man verlange vom Arzt ein Heilverfahren, das die Anfälle seltener macht und möglicherweise ganz verhütet. Solche Küren ne'hmen oft ein halbes Jahr in Anspruch und bedürfen einer eingehenden oder häufigen Ueberwachung seitens des Arztes; die Mittel, die hier gebraucht werden, kommen nicht nur int Anfälle, sondern auch in den anfallsfreien Zeiten zur Verwendung. Man soll sich, niemals damit begnügen, den einzelnen Fall durch betäubende Mittel (z. B. Antipyrin, Migräuiit, Antifebrin, Aspirin, Morphium usw.) zu beruhiget: und zu mildern, sonst muß man diese Mittel das halbe Leben lang jedesmal gebrauchen. (Aus dem gegenwärtig erscheinenden Werke „Die Gesundheit", heraus!-, gegeben von Prof. Dr. R. Koßmann, Berlin, und Privat- dozent Dr. Jul. Weiß, Wien. 1600 Seiten Text mit ea. 350. Abbildungen, 12 bunten und mehreren einfarbigen Einschaltbildern. Vollständig in 40 Lieferungen zu je 40 Pfennig. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig.) GeMeinnützeges. — Leguminvsensalat. Weichgekochte Linsen und Bohnen geben einen sehr wohlschmeckenden Salat, wenn man sie, abgekühlt, mit der gewöhnlichen Mischung von Essig und Oel, ober mit gelb gebratenen Speckwürfeln, etwas Essig und altem Rahm behandelt. Vor allen Dingen gibt bte Verwendung von Mayonnaisenmischung unter Zutat von hartem Eidotter, Sardellen, Hering usw., einen sehr wohlschmeckenden salat, der gerade in der salatarmen Winterzeit recht willkommen sein werd, sich aber auch wegen seiner hohen Nährkraft empfiehlt. — Blumensträuße frisch zu erhalteu. Wenn trt Feld und Wald die lieblichen Blumen blühen, fo schmückt man auch seine Zimmer gern mit frischen Blumen, die auf Ausflügen und Spaziergängen gesammelt werden. Leider aber laßt die duftende Last schvii welk und matt die Köpfe hängen, wenn man heimkommt, und keine kalten Wasserbäder geben ihr bte natürliche Frische zurück. Ein einfaches Mittel hat sich, wie wir der praktischen Wochenschrift „Fürs Haus" entnehmen, für diesen Zweck gut bewährt. Man stecke die welk gewordenen, frisch abgeschnittenen Blumen in eine Vase, die mit einer starken Selfen- lauge aus einer milden, guten Toilettenseife bereitet, gefüllt ist, lasse sie zwei oder drei Stunden darin und stelle sie nun, nachdem man die Stengel abgeschnitten, in frisches, reines Was;er. Dies Verfahren alle zwei bis drei Tage wiederholt, erhalt bte Blumen lange frisch. Ebenso gut ist eine Zugabe von 5 Gramm Ammoniaksalz auf ein Liter Wasser zur Konservierung von Wumensträußen. Literarisches. — Die Kunst int einfachen W ohnHause behandelt ein größerer Aufsatz von Professor Joseph Olbrich, dem be- kaunte« Vorkämpfer für moderne Zweckmaßtgkettskunst tu Darm- stabt, iit Heft 15 ber „M obernett Kun st" (Verlag von Rich. Bong, Berlin W. 57. — Preis des Heftes 60 Pf.) Der anregende Aufsatz, dessen erster Teil zunächst hier veröffentlicht wird, verdankt seine Entstehung einem Vortrag, den Prof. O. auf dem Internationalen Künstkongreß zu Venedig gehalten hat. Der. Artikel „Das neue Verwaltungsgebäude des Norddeutschen Lloyd , die Erzählung von Arthur Achleitner: „Gefährliche Romanttk- werden ebenfalls Interesse erregen. Jul. Norden gibt eine ebenso erschöpfende als unparteiische Ueberstcht über die „Deut che Jahrhundert-Ausstellung". An eine andere retrospektive Kunst-Ausstellung, die Dresdner von 1904, erinnert ber Bilderschmuci des Heftes. Mit farbigen Blättern sind E. von Müller, bte feine Kennerin Tiroler Landschafts- ttnb Frauenschöuheiteu, unb '21. Normamt, ber glänzeube Schilberer ber Reize ber malerischen Küsten Norwegens vertreten. Unter bett Holzschnitten begegnen wir vor allem einem Blatt nach Lorb Fr. Leighions Komposition „Herkules ringt an ber Leiche der Alkestts mit dem Tode , BilderrLtsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Leiterrätsels in voriger Nummer: Psalm, Namur Ethik; Spanien Afrika. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Unioersttäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.