Monlag den 24. I-zcnröer M. 190 1906 111 6 II ■? h! K U W 31 -J i Zlnd zürn? nicht! Weihnachts-Erzählung von Teo vonTorn. Nachdruck verboten., (Schluß.) „Ja, weshalb! Wenn du zu Vatern nach oben gehst, der bei seinem kranken Nucke zu Visite ist, der wird die Augen rollen und sagen: Dieser verflüchtige Triddelfitz, zuerst hat er uns schikaniert und uns um unser Geld gebracht und jetzt will er uns noch durch sogenannte Wohl- tätigkeiten beschämen! Wenn du mich fragst, dann sage- ich: Es gibt dumme Luders, deren anständige Gesinnung weder durch eine kanonenmäßig schlechte Behandlung, noch durch gröbliche Verkennung, noch durch sonst was unterzukriegen ist! Aber ich mein', Baroneßchen, daß wir da nicht maßgebend sind. Frag' mal was anderes — beim Herz beispielsweise würde ich mal fragen, lind wenn dir das keinen Bescheid geben kann, so wirst du allerdings hinter den kuriosen Zusammenhang oieser ganzen Geschichte nie kommen." „Mein Herz!" jubelte und toeiitte sie in einem Atemzuge, indem sie die Hände gegen die glühenden Wangen drückte. Das war aber nur ein jähes Aufflammen. Fast in demselben Moment fielen die Arme schlaff herunter. Ter beseligte Schimmer in den blauen Augen erlosch, und die Lippen preßten sich wie int Schmerz fest aufeinander. Josefa von Knieper schüttelte den Kopf und sah zu Boden. „Ich werde nicht fragen, Onkel Staberow", sagte sie leise, aber bestimmt; „mein Herz würde hier nicht mitsprechen dürfen, auch wenn es nicht schon längst gestorben wäre. Und du darfst es nicht zu wecken suchen, Onkel Staberow. Gib ihm seine Ruh' — ich bitte dich! Was du mir da angedeutet, ist schrecklicher als alles andere. Ich. mag es nicht ausdenken. Ich kann es nicht!" „Weil du ein eigensinniges Mädel bist, Baroneß! Von dem echten bockbeinigen Knieperschen Schlage! Lieber zehnmal unter einem Unrecht zu Gründe gehen, als es einsehen und wieder gut machen. Oha, was für ein Schlag Menschen!" „Es ist nichts mehr gut zu machen. Dazu ist es zu spät. Auch wenn ich mein bißchen Stolz beugen und ge- demütigt vor ihn hintreten wollte, um alles abzubitten, was ich in den anderthalb Jahren gesagt und getan — was wäre damit erreicht? Meinst du, daß dann alle Bitterkeit beseitigt wäre und vor allem der Haß des Vaters?" Wie ein Frösteln überlief es die schlanke Gestalt des jungen Mädchens. Jochen Staberow konnte nicht anders, er legte den Arm um ihre Schulter und strich begütigend über ihren Scheitel. Sie schaute zu ihm auf mit dem Blicke eines gehetzten Mildes. Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte Jochen Staberow einen solchen angstvollen, verzweifelten und todestraurigen Blick gesehen. Tas war vor Jahren gewesen, auf seiner letzten Jagd, als er eilt junges Reh angeschweißt hatte. Es war im Feuer zusammengebrochen — und so hatte es ihn angesehen, als er sich genähert. Dann war das arme Tier mit seiner letzten Kraft hochgegangen, geflüchtet und — irgendwo verendet int stillen Walde. Und dieses arme, wunde Menschenkind flüchtete auch. — —i „Ich gehe fort, Onkel Staberow", hauchte es bebend. „Tas ist die Lösung. Tie einzige! Halte mich nicht. Es ist wie von Gott, daß ich bett Brief erhielt heute morgen. Eine Frau von Flottwell auf Nenwieschenhof im Schleswig- schen oben bietet mir alles, was ich noch wünschen kann. Wie bte Dame auf mich gekommen ist und woher sie meine Adresse hat, das weiß ich nicht. Ist ja auch gleichgültig. Ich nehme es als das, was es ist: als ein Geschenk vom Himmel, für das ich mich nicht dankbar genug erweisen kann. Menn ich mich dann erst unabhängig gemacht habe und nicht mehr so namenlos leide unter dem Gefühl, daß jener Mann, der---" Ein gellendes Rufen von der Treppe her unterbrach sie. Auch Jochen Staberow macht erschrockene Augen und eilte zur Tür. Ehe er diese noch öffnen konnte, ivurde sie von draußen aufgerissen und Fielen stürzte herein. Beide Hände auf den wogenden Busen gepreßt, rang sie nach Luft und Atem. Eins ihrer grauen Zöpfchen, die sie sonst sauber und sorgfältig zu einem Storchnest aufgesteckt trug, hatte sich gelöst und baumelte ihr trostlos im Nacken. „Herr Staberow!" keuchte sie. „Herr Staberow!" „Na, was gibt es denn schon wieder, zum Donnerlich- ting!" rief dieser unwillig „Haben Sie was gerochen oder hat es wieder gepiept? Dann ist es aber ganz gewiß bei Ihnen gewesen. So eine Unvernünftigkeit!" „Es hat nicht gepiept, Herr Staberow — dafür aber hab' ich gesehen — ich war oben — unterm Dach! Achott- chen, achottchen, Herr Staberow! Ter — der Herr Baron — hat ein totes Ferkel im Arm! Er sitzt ganz mußstill —< und die Nase ist gar nicht mehr rot — und er macht so friedliche Augen, wie er noch nie gemacht hat ----" Jochen Staberow brummte etwas von „Trönbartel' und ,Gespensterkieken', als er der Baroneß folgte, die mit wankenden Kniecn zum Boden hinauseilte. Aber es war ihm doch arg beklommen ums Herz. Und als er sich dann überzeugt, daß der alte Knieper den Verlust des letzten, was ihm von Pardubitz geblieben, wirklich nicht hatte überleben können, schnaubte er so fürchterlich, in sein buntes Sacktuch, ü>ie er noch nie geschnaubt. Drei Tage später brachte man den Alten heim — und Jochen Staberow achtete peinlich darauf, daß das gemäß den Vorschriften geschah, die der Baron wenige Tage vor seinem Tode niedergeschrieben hatte. Ter Kondukt sollte nicht am Herrenhause vorbei, sondern auf dem Umwege über den Haideweg nach bem Friedhöfe geführt werden. Aus dem Herrenhause selbst tollte beileibe niemand folgern Und wenn man ihn ordentlich fest eingemummelt habe in die liebe Bardubitzer Erde, bann sollten alle gleich Weggehen, beim er hätte nötig, was mit seiner Frau zu be- -58 sprechen, wie das Wohl-Verständlich fei, wenn inan sich achtzehn Jahre nicht gesehen und so vieles inzwischen erlebt habe. Tas letzte Mort in Den Auszeichnungen war „Sefsi". Es folgte ein leerer Raum, der sich herzbrechend ratlos ausnahm mit seinen Tränenspuren — und dann ganz unten mit zitternder Hand geschrieben: „Herr Gott und Vater im Himmel, nimm dich der Sefsi an! Wenn ich sehe, daß es ihr gut geht, dann will ich vergeben in deinem Namen und friedlich sein- von Stund an." Auf dieses Gelübde hin wagte Jochen Staberow insofern eine?! Vorschuß, als er für d^s frische Grab einen prächtigen Kranz annahm, auf dessen Schleife kein Name stand — nur das Wort des Apostels: „Ihr wisset nun alles . . . und zürnet nicht!" Fast drei Wochen schon iveilte Josefa von Knieper auf Neumieschenhof. Wenn es irgendwo in der Welt einen Ort gab, wo das ivunde Herz der Waise unter liebevollster Rücksichtnahme ihrer Umgebung nach Trost und seelischer Genesung ringen konnte, so war es hier. Frau von Flottwell — eine nach jeder Richtung vornehme Dame, Ende der Zwanziger — hatte vor anderthalb Jahren selbst einen herben Verlust erlitten. Sie hatte den über alles geliebten Gatten verloren. In der Bewirtschaftung des Gutes, die sie trotz vieler vorteilhafter Pachtantrüge selbst übernommen, fand die junge Witive jene angespannte Tätigkeit, welche über Gram iind Kummer am besten hinweghilft. Damit aber hing es zusammen, daß sie sich der Erziehung ihrer beiden Knaben im Alter von sechs und vier Jahren nicht in wünschenswerter Meise- widmen konnte. Umso dankbarer war sie svr die ernste, dabei doch so unendlich gütige und liebevolle Art, in der die Baroneß sich der Kleinen gleich am ersten Tage annahm und deren ganzes Herz zu gewinnen wußte. So kam es, daß Josefa von Knieper sich schon in den wenigen Wochen eine Stellung geschaffen, welche über die einer Gesellschafterin oder Erzieherin weit hinansging, es war die einer Freundin und Vertrauten. Tie Vereinsamte schloß sich der jungen Frau umso herzlicher an, als diese in ihrem Wesen, ja selbst in der Haltung und in ihren Gesichtszügen etwas hatte, was sie seltsam anzog. Wenn Frau von Flottwell ihr in der Dämmerung gegen» übcrsaß und plauderte, dann mar es der Baroneß, als hätte sie diese Stimme schon gehört — eine Stimme, die bange Erinnerungen wachrief und ein unendliches Sehnen. So auch heute wieder. Das junge Mädchen fühlte, daß es ihr heiß in die Augen stieg, und daß sie daran war, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich werde nach den Kindern sehend »Tun Sie das, Baroneß, aber kommen Sie bald wieder. Ich habe mit Ihnen zu sprechen — etwas, das nun keinen Aufschub mehr leibet.* Im Kinderzimmer wurde das junge Mädchen mit hellem Jubel empfangen. Während der kleine Eddy sich an ihr Kleid hing und stürmisch begehrte, auf den Arm genommen zu werden, tanzte der Aeltere, Fred, im Zimmer umher und krähte ausdauernd: »Ich kann mein Gedicht schon, Tanke Seffa! Ich kann mein Gedicht! An fein I Soll ich mal sagen?* »Eddy tann auch — hm. Mal sagen?" Der kleine Mann wartete den Bescheid nicht ab. Schon um dem Bruder zuvorzukommen, faltete er geschäftig die Händchen und plapperte stoekend: „Christtindlein tarn sii Erden In diese — in diese heilge Nacht, Hat, daß wir (warte mal, nich sagen, Tanke Seffa) Hat, daß wir glückelich werden, Ten Schimmel initebracht —* Hochentzückt über seine Leistung klatschte er in die Händchen und sah dem jungen Mädchen lobheischend in die feucht- schimmernden Augen. »Ach!* brüllte Fred. »Was bist du für ein Dummer- jahn! Es heißt doch Himmel und nich Schimmel! Tu meinst wohl, weil du dir ein Hottehüh gewünscht hast zu Weihnachten!" »Vis'n unesogenen Jung!" schalt der Kleine vom Ärm herab. »Tante Seffa weint all, weil du so'n hässelichen Jung bis!" Fred steckte seinen Jndianertanz auf und spähte zwischen Verlegenheit und Schelmerei zu dem jungen Mädchen empor. Tann rief er triumphierend: »Bah, ich weiß! Das ist nich deswengen! Das ist bloß, weil ihr Papa totgeftorben ist und sie nu auch keinen Papa hat — und — sag mal, Tante Seffa —,* fügte er nachdenklich hinzu, in jenem unvermittelten Uebergang von Heiterkeit zu Ernst, wie ihn eben nur Kinder finden. „Was denn, mein kleiner Jung'?* fragte die Baroneß und strich zärtlich über den Blondkopf. „Denn sind unsere beiden Papas nun zusammen im Himmel!* „Ganz recht —* „Un denn können sie sich was verzählen, nich?* „Auch das.* „Von uns, von dir und — das find' ich eigentlich ganz gemütlich, Tante Seffa. Bloß ein Unglück haben unsere Papas doch! Sieh' mal, das Christkindlem is doch zu Weihnachten garnich zu Hause!* „Nicht zu Hanse?* „Na nein! Es is doch auf der Erde, bei den vielen Kinders, die schon immer los drauf lauern!* „Denn triegen die Papas aderst nachher einen dollen Berg Sachen tesenkt,* wandte Eddy mit großen Augen und unter heftigem Kopfnicken ein, „wenn das Christtindlein wieder sii Hause tommt!* „Wenn es denn man nich zu müde is und noch was hat,* bemerkte Fred skeptisch. „Tas Chrisikindlein ist niemals müde, Fred,* belehrte das junge Mädchen, indem es niederkauerte und den Kleinen ebenfalls an sich zog. „Es ist immer unterwegs und überall, im Himmel und aus der Erde —* „Meinst wirklich? Was eine Beweglichkeit!* „Und seine ewige Güte und Gnade sind so unerschöpflich, daß es immer etwas hat, um die kleinen und die großen Menschen zu beglücken.* „Hat, daß wir glückelich werden Ten Schim--nee, ich mein': den Himmel mitebracht.* Eddy zitierte das träumerisch und lehnte die runde, weiche Wange an Tante Scffas Stirn. Auch Fred kuschelte sich eine Weile schweigend an, unter dem überwältigenden Eindrücke des Weihnachtsmysteriums. In feinen hellen Angen malten sich die krausen Gedanken, die er dachte und denen er nachgrübelte. Die Augen schauten begeistert und fast feierlich, als er sagte: „Dann will ich mal heute ganz doll beten, daß du was besonders Feines kriegst, Tante Seffa. Ach, Eddy!* krähte er dann erschrocken aus. „Nn haben wir doch vergessen, auch für Onkel Walter zu beten, wie uns Mutting gesagt hat! Daß er gesund is, wenn wir hinkommenl Wie kann man nu bloß! Wollen wir jetzt beten, Eddy?* „Man los —* „An fein! Denn sag' uns man vor, Tante Seffa! Allein krieg' ich da nix zusammen, wo der liebe Gott amtlich hinhört. Was is denn? Denkst du wieder an deinen tot* gestorbenen Papa? Alach' doch nich, Tante Seffa; er hat doch nu einen guten Bekannten oben, wo er sich was mit verzählen kann, und —* „Still, Fred,* flüsterte die Baroneß. »Sag' mir, wer ist Onkel Walter?" „Onkel Walter iS doch Onkel Walter,* erwiderte der Kleine, unbändig erstaunt. „Onkel Walia is sooooo — droß,* erklärte der Jüngere, indem er beide Aermchen in die Höhe warf und sich aufreckte, so hoch er konnte. „Und in der Tasch hinten hat Onkel Walia immer Lockelade — hm.* „Und ein blankes Auge von Glas hat er!* rief Fred, der nun nicht nachstehen wollte. Dann überkam ihn aber wieder das Erstaunen, daß Tante Seffa von Onkel Walter nichts wußte. Er puffte das junge Mädchen schelmisch mit 7B9 dem Fäustchen an: »Verstell dich doch man nich: Dn roidft kleine Jungs bloß zum kstarren halten. Gleich eh' du kamst, war er doch hier und da hat er uns jeden auf ein Knie gesetzt und uns gesagt, daß daß wir jetzt so artig sein müßten, wie noch nie in unserm ganzen Leben. Es käme ein Engel, den der liebe Gott extra für uns geschickt halt'. Er Hütt' zwar keine Flügel, aber wunderschöne blaue Augen. Und der Engel Hütte schon so viele Schmerzen gehabt, daß es eine Sünde wäre, wenn kleine Jungs ihn noch durch Unart kränkten. Und morgen fahren wir hin und dann mußt du Onkel Walter sagen —" „Daß der Fred ein Plappermäulchen ist/ sagte Frau von Flotiwell, welche die Portiere teilte und eintrat. Das klang scherzhaft und doch etwas beklommen. Sie eilte zu dem jungen Mädchen, hob es auf und schloß es schwesterlich zärtlich in die Arme. „Kommen Sie, Baroneß, ich werde astes bekennen. Wenn Sie erfahren haben werden, wie viel ich meinem Bruder verdanke, wie ich an diesem lieben Menschen hänge und wie er mich gebeten hat, werden Sie mir diese kleine Heimlichkeit nicht übel deuten/ „Sagen Sie mir nur das eine/ hauchte Josefa von Knieper bebend, „er ist krank —* „Seit ich ihm schrieb, daß Sie sich für den Weihnachts- Heiligabend Urlaub ausgebeten haben, um das Grab Ihrer Eltern zu besuchen, scheint er wieder munter. Und da Sie doch reisen, Baroneß, so begleite ich Sie mit den Kindern und wir begehen das Weihnachtsfest auf Pardubitz." Fred und Eddy hörten nicht mehr, was ihre Tante Seffa auf diesen Vorschlag erwiderte, aber sie hatten die Zuversicht, daß es nun erst ganz besonders fein werden würde. Und der Aeltere gab dem auch in seiner lebhaften Art Ausdruck. „Wollen wir nu beten oder Kobolz schießen, Eddy!?" „Lieba Kabolz hießen!" Tas Christkind war in wirbelndem Flockcntanz auf die Erde gekommen. Walter von Meck hatte auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Schwester die Gäste nicht selbst von der Bahn geholt. Ehe der Pardubitzer Schlitten in den Weg zum Herrenhause einbog, hielt er einen Moment vor der Friedhofspsorte. Josefa von Knieper stieg aus, und während ihr aus dem davongieitenden Gefährt ein paar Helle Stimmchen Grüße nachriefen, eilte sie über die weiche Schneedecke die bekannten Pfade entlang, bis das große weiße Marmorkreuz aus dem Dunkel hccvortrat. Ta hemmte sie ihre Schritte und trat zögernd näher. Durch das heilige Schweigen rings umher ging es wie ein Nonnen und Wispern .... Vielleicht war es der Wind, welcher durch die Eschen und Trauerweiden wehte . . . . Vielleicht auch sprachen die Toten in der Weihenacht. . . Dazwischen aber sprach das Leben. Josefa von Knieper war in die Knie gesunken, die gefalteten Hände fest an die Brust gedrückt. „Vater/ bat sie eindringlich. „Höre mich noch dieses eine Mal, Vater I Ich muß es dir sagen, was ich längst hätte sagen sollen, wenn ich nicht so gefürchtet hätte, dich zu kränken. Ich hasse ihn nicht! Ich kann f$n nicht hassen, Vater! Ich hatte ihn lieb von der ersten Stunde an, und um es ihn und dich nicht merken zu lassen, war ich hart und ungerecht. Jetzt aber ist meine Kraft zu Ende. Ich werde ihn wiedersehen, und wenn er dann vor mich hintritt, werde ich nicht mehr lügen können, weder in Wort noch Haltung. Und wenn ich es auch vielleicht noch einmal in tausend Qualen würde niederringen können, daß ich es ihm nicht sage, wie ich ihn liebe — er wird es doch merken! Und was dann!? Vater, hilf mir — ich bitte dich, so innig ich kann! Und du, Mutting, ich hab' dich nicht gekannt, weil ich dir das Leben gekostet —• aber ich bin dein Kind und du hast mich lieb; das weiß ich. Sprich ein gutes Wort für mich — ein Wort — ein Zeichen!!" Aufschluchzend hatte sie die gerungenen Hände auf den Hügel des Vaters gestemmt. Der lockere Schnee rieselte zur Seite, Eine feuchte Seidenschleife wurde sichtbar und ein güldenes Wort blinkte ihr entgegen — dann noch eins — mehrere —- —■ —: „Ihr wisset nun alles .... und zürnet nicht!" Das war die Antwort. „Dank, Vater, Dank!" stammelte sie und es war ihr, als wenn es so sein mußte, daß Walter von Meck in diesem Augenblick neben ihr niederkniete und sie umfaßte. Sie lehnte sich an ihn und sagte leise, aber fest, wie in beseligender Gewißheit: „Ich darf, ich darf dich, dich lieb haben — und ich habe dich lieb." Da stimmte das Glöckchen im Dorfe den Lobgesang der Weihenacht an und verkündete ihre herrliche Botschaft. Als die beiden dann nach einigen Minuten in den Saal traten, wo die brennende Tanne ihrer herrschte, schoß Fred vor Entzücken darüber, daß Tante Seffa und Onkel Walter sich doch kannten und sich sogar küßten, seinen schönsten Purzelbaum. Eddy hielt es nun für an der Zeit, daß er endlich sein Verschen sagte: „Christtindlein kam su Erden In dieser heil'gen Nacht, Hat, daß wir glückelich werden Den — Himmel mitebraeht!" Kadetten-WriHnaHt. Erinnerungen eines alten Kadetten. Von R. v. E. Hurra, der erste Schnee! Ja, es war wirklich so. Gleich morgens hatten wir alle es gemerkt, klang doch das Reveille-Trommeln des alten Portiers ganz merkwürdig gedämpft. Zwar war es noch so duster, daß man nichts erkennen konnte, aber der kleine fixe H. hatte sich ganz schnell aus dem Schlafsaal „gefuscht" und nachgesehen, und bereits auff dem Waschsaal verbreitete sich mit Wnrdesetle die verlockende Botschaft: es liegt kolossal anständiger Schnee, erbackt famos, heute nachmittag ist Schneekeilerei! So kam es, daß heute das trübe brennende Licht der „Petroleumfunzen" auf dem Waschsaal lauter vor Erregung glühende jugendliche Gesichter beleuchtete und jeder sich „doll" beeilte, herunter auf die Stube zu kommen, um sich selbst von dem Wunder zu überzeugen. Jetzt merkte man doch endlich, daß Weihnachten vor der Türe stand, ein wahres Glück, daß das schlappe Wetter aufgehört hatte! Und welch glänzende Perspektive eröffnete sich einem für den nahen Urlaub: Schlittenfahren, Eisbahn: es wardein- fach gar nicht auszudenken. Dabei bloß noch zwei Tage! Morgen sollten schon die Koffer empfangen werden, und in meinem hatte ich noch dazu eine „Rippe" Chokolade vom letzten Urlaub her drin, nein, es war „doll fein". Doch heute stand ein anderes großes Ereignis im Vordergründe des Interesses: Schneekeilerei! — Wer je Kadett gewesen ist, weiß, welch magischer Zauber in diesem Worte liegt. Da konnte nran doch zeigen, wer ein ganzer Kerl war. Ruhm und Ehre erntete der Tapfere in reichem Maße, wehe aber dem, der sich bei der Schneekeilerei als feige erwies. Er wurde von den Kameraden verachtet und Schmach und Schande hing ihm dauernd an. So wurden denn schon beim ersten Frühstück — Milchsuppe mit eingebrockter Semmel und etwas Butter, „Pams" genannt — die Aussichten für diese wichtige Begebenheit eingehend erörtert und wahre Heldentaten berichtet, die enizelne Kadetten im vorigen Jahre bei der Schneekeilerei verübt haben sollten, sodaß uns „Schuappsäcken" (Neulingen) die Haare ordentlich zu Berge standen. Kaum konnte man dann im Unterricht aufpassen, das Mittagessen wurde geradezu heruntergeschlungen und jetzt war der große Augenblick da. Die Kompagnien scharten sich um ihre „Komapgnie- strämmsten", höhnische Bemerkungen und Herausforderungen flogen herüber und hinüber, dann ein Hagel von Schneebällen, und nun der Ruf: „Zweite Kompagnie marsch, marsch, hurra". Boll Begeisterung stürzten wir uns aus den Gegner. Ja, es war eine wirkliche Schlacht, und brav hatte ich gefochten, trotz meiner Kleinheit, das konnten mir manche bezeugen. Schließlich aber hatte mich so ein großer Bengel doch untergekriegt und „in Schwitzkasten genommen", und dann kugelten wir zusammen in einen Schneehaufen. Aber was tat's! Der Sieg war unser, da kam's auf ein paar Beulen oder Schrammen und auf nasse Sachen nicht an. 760 — Mit glühenden Wangen saß ich nun in der Arbeitsstunde und mühte mich vergebens ab, die geistreichen Sätze des kleinen Plötz ins Französische zu übersetzen . . . Was erzählte doch der Water vom Sturm auf St. Privat? Bor- würts der Tod und rückwärts ewige Schande, hatte es da geheißen. . . und übermorgen sing ja der Urlaub an! — „Schnappsack, döse nicht", sagte der Gefreite und gab mir einen ordentlichen Rippentriller. Aber es sollte leide andrers kommen, als ich hoffte und ersehnte. Am nächsten Morgen gab es ein böses Erwachen. Bleischwer lag es mir in allen Gliedern, kaum, daß ich mich mühsam schleppen konnte. „Nur nicht krank werden", rief's in meinem Innern, aber dann kam doch das Schreckliche. Beim Mittagsappell hatte unser guter Hauptmann v. K. gerade in ermahnenden Worten auf den morgen beginnenden Urlaub hingewiesen, als ich zusammenklappte, „schlapp wurde", wie die Kadetten sagen. Bald darauf lag ich mit starkem Fieber im Lazarett, ganz allein! Ja, das war nun lvirklich schlimm, ein dicker Strich durch meine Hoffnungen und Pläne. Am nächsten Morgen hörte ich die Kameraden zum Urlaub antreten, schlich mich zum F-enster und sah, wie sie unter fröhlichem Geplauder den steilen Weg hinabeilten, der vom Schloß zu Tale nach der Bahn führte. Einige schlidderten sogar auf der glatten Fläche. Es bedurfte wirklich aller Energie meiner zehnjährigen Persönlichkeit, um nicht ein Paar ganz unmilitärische Tränen ins Auge treten zu lassen. Aber mein Water pflegte zu sagen: „Der Soldat weint nur, wenn er seine Ehre verloren hat." Das Wort half mir in diesem schweren Momente. So kam der Heiligabend heran. Der alte brummige Auswärter hatte gerade mit den tröstenden Worten „Na, Ihre Mama wird heute ooch keene reene Freude haben", die Lampe „angesunzt", als mit einmal die Türe geöffnet wurde und der Herr Hauptmann mit seiner hübschen jungen Frau hereiutrat, dahinter, mit breitem Grinsen, der mir wohlbekannte Bursche Gottlieb. Ich lag natürlich gleich vorschriftsmäßig im Bette stramm und meldete: „Lazarcttstube 5, belegt mit einem Kranken", worauf der Herr Hauptmann gütig sagte, „Schon gut, mein Junge, nun geben Cie mal meiner Frau die Hand und dann machen Sie die Augen zu, bis ich es Ihnen sage." Ich tat, wie befohlen, und nun entfaltete sich unter Mitwirkung von Gottlieb ein reges Treiben. Als ich wieder sehen durfte, war ich wie geblendet. Bor mir stand auf dem Tisch in strahlendem Schimmer ein brennendes Weihnachtsbäumchen; darunter lagen hübsche Sachen, die zum Teil von den Eltern geschickt worden waren, und eben stimmte die Frau Hauptmann mit ihrer klaren Stimme „Sickle Nacht, heilige Nacht" an. Da habe ich denn ganz unmilitärisch doch ein klein bischen geweint, aber recht von Herzen glücklich und froh war ich trotzalledenr. Weihrrachtslitcratur. ** Die Schweiz int Winter. Mit diesem Zauberwort legt uns die Deutsche Alpenzeitung soeben ein wahrhaft glänzendes Sonderheft (15. Dezember 1906) auf den Tisch. Won Winterpracht und Wintersonne und Winterfreude ist das ganze Heft erfüllt. Nie zuvor ist in einer Publikation so reiches, neues und außerordentlich interessantes Material über den Winter veröffentlicht worden. Auch mit dem, diesmal tatsächlich verschwenderischen Jllustra- tionsteil hat sich das rühmlichst bekannte Blatt in allem, was es bisher für die Pflege des Wintersports getan hat, selbst übertroffen. Wir zählen neben den fünfsarbigen Kunstblättern (Blick auf Griudelwald mit Wetterhorn von Otto Barth; Die Alpenpost von Carl Liner; Winterabend von I. Engelhardt; Rauhfrostmorgen; Winterlaudschast bei Arosa) über 60 wundervolle Textbilder, die zuni großen Teck nach eigenen Aufnahmen der D. A. Z. hergestellt ftnd. Won den zahlreichen Textbeiträgen seien besonders aufgeführt: D.e interessanteste Erscheinung im Winter des Höhenklimas; Tie Tcmperaturumkehr; Grindclwald und Tiger im Winter von Dr. C. Täuber; Winterfrischen von Dr. med. Mory; Winterwonncu im Hochgebirge Von Dr. M. Merz; Höhenluftkuren und Lungenheilstätten von Dr. M. Merz; Schlittelsport und Schlittenmodelle von Richard Staub, Zürich; Verkehrswesen im Winter in der Schweiz; Die Züricher „Urania". Damit ist jedoch der Inhalt dieses 66 Textseiten umfassenden Hefres noch lauge nicht erschöpft. In allen Teilen bietet dieses Sonderheft, das nur eine Mark kostet, noch so viel Schones und Lesenswertes, daß wir „Die Schweiz im Winter" jedem Natur- und Kunstfreund, vor allen Dingen aber jedem Wintersportler auf den Weihnatchstisch wünschen. Es ist wirklich eine „zeitgemäße" Festgabe. ftft* Schlagfertig. Vater: „sJhm hättest du schon wieder Strafe verdient. Soll ich dich prügeln oder einsperren? Was würdest du, wenn du an meiner Stelle wärest, wählen?" — Sohn: „Ich würde mich der Wahl enthalten l" Weihrrachts-Preisväte L*) WeihrmchLs-Körftgszug-Rebus. Nachdruck verboten. <$4^ Weihnachts-Rösselsprung. was lieb Strahl Christ kaum recht Herzen was und zen uns ten iin glänzt Hellen wag» lich der ge sch en heil'- Ker- nütz- ties- er- r« • der nachts- heut' wir der ist wün- Weih° beim schert hat Nachdruck verboten. fielt ! bäum *) Lösungen sinkkmit der A u i s cb r i f t „PrctSrätsel-Lösnng" verseben, bis zum 7. Januar 1807 an die „Redaktion der „Gießener Familienblätter" einzusenden. Für jedes dieser beiden Rätsel sind 4 Preise bestimmt. Auch eine Lösung kann eingereicht werden. Auflösung des ErgänzungSrätsels in voriger Nummer! HeN' Gesicht bei bösen Dingen, lind bei srohen still und ernst — lind gar viel wirst du vollbringee, Wenn du dies bei Zeilen lernst. Moritz Arndt. Redaktion: Er n U Heß. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü b l scheu Unwersuäts-Buch- und Etemdrnckerei, R, Lange, Gieß«.