Arriiug den 23. Hlcvcmkrr 1906 — Yr, 173 W M I UH Im Banne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Das sollte ich ebenfalls meinen. 916er andererseits — Sie wissen, Durchlaucht, Lady Wayne ist wirklich schwierig zu verstehen — ich konnte nie so recht mit ihr auskommen." „Ich weiß nicht, warum ich das Gefühl habe," fuhr Ihre Durchlaucht fort, „aber ich habe so eine Ahnung, Mrs. Wayne, das; wir hierüber noch mehr hören werden. Sie werden mich doch wissen lassen, wenn etwas vorfällt?" „Ich werde nicht verfehlen," erwiderte Isabel, und die beiden trennten sich mit dem unausgesprochenen Wunsche, daß die Ahnung in Erfüllung gehen möge. Die Herzogin von Chisledon hatte ihrer schönen Nebenbuhlerin es nie vergeben, daß sie sie vom Throne gestoßen; sie hatte alle diese Jahre her mit ruhiger Bosheit barauf gewartet, daß sieh etwas ereignen solle, um sie zu rächen, und dies schien ihr nun endlich von ferne heraufzudämmern. Inzwischen hatte Lord Wayne mit der umsichtigen, an alles denkenden Güte, die ihn auszeichnete, nach Doivnham hinübergcschickt, Lord Romsey in aller Kürze den Vorfall mit« geteilt und ihn gebeten, die Kunde Werner fo schonend wie möglich beizubringen. „Das Beste wäre," schrieb er, „ihn gleich mit hierher zu bringen, da er vielleicht etwas Licht in diese Geschichte bringen kann, die mit die geheimnisvollste zu sein scheint, die mir je vorgekommen." Lord Romsey folgte dem Rate seines Freundes; er erzählte zunächst seiner.Gemahlin, daß das Fest auf Kcuninghall infolge eines im Parke vorgekommenen Unglücksfalles verschoben worden sei. Als sie eifrig fragte, was cs wäre, erzählte er ihr zögernd die Geschichte, und Lady Romsey war tief bekümmert. „Nicht so sehr um den unglücklichen jungen Mann selbst," sagte sie, „denn offen gestanden, er war mir die unangenehmste Persönlichkeit, die mir je vargekommen; aber für den armen Werner tut es mit sehr leid, ungemein leid." Auch Balduin erfuhr die Sache; sein erster Gedanke galt selbstverständlich Elfte; wie fürchterlich unangenehm und welche Enttäuschung es für sie sein müsse; sein zweiter galt Werner, den er wie seinen eigenen Bruder liebte. „Ich wollte, es könnt' einet für ihn tragen, oder es ihm ersparen", sagte er bekümmert zu seinem Vater, als sie zu- saininen zur Bibliothek schritten, wo Werner mit einer Zusammenstellung beschäftigt war. Er saß emsig schreibend am Tische und sah lächelnd auf, als er die beiden Eintretenden gewahrte«. „Ich fürchte, ich verspäte mich mit dieser Arbeit", sagte er; „hätte sie doch gestern Abend schon fertig sein sollen. Lord Romsey, Sie werden denken, ich sündige auf Ihre Güte los." „Es wird mit nie einfallen, auch nur eine halb so schlechte Meinung vvn Ihnen zu haben", erwiderte der Earl, und als er in das offene Gesicht da vor sich blickte, verwünschte er die Aufgabe, die ihm Lord Wayne zugeschoben. Der Earl schritt scheinbar gleichgültig zum Tische, nahm die bereits fertigen Bogen und schien sich mit großem Interesse darin zu vertiefen. Dann, als ob ihm plötzlich etivas eingefallen, fragte et Werner, der bereits wieder weiter schrieb: „Haben Sie lange nichts nicht von zu Hause gehört, Werner?" „Vor einigen Tagen habe ich noch einen Brief von meiner Mutter bekommen", erwiderte Werner. „Und Ihr Bruder, schreibt der nicht?" „Nicht oft — das Briefschreiben ist nicht gerade seine starke Seite. Ich glaube sogar, er verabscheut Federn, Tinte und Papier so aufrichtig ivie möglich." „Es würde Sie also wohl überraschen, ivcnn Sie hörten, daß man ihn auf Kenninghall gesehen? Werner lachte. „Ich glaube nicht, daß ich einer solchen Mitteilung Glauben schenken würde", erwiderte er; „ich dächte, es wäre ein Fall von Düppelgängerei." ■ „Ich hoffe aufrichtig, daß es so sein möge", sagte Lord Rornscy ernst. „Die Sache ist also die, Werner, ich habe soeben eine eilige Mitteilung von Lord Wayne erhalten, des Inhalts, daß Ihr Bruder gestern Abend auf Kenninghall gewesen, und daß ihm dort cm Unglück zugestoßen — ein Unglück, so ernstlich, daß man sich veranlaßt gesehen hat, das Fest, das heule dort statlfindeii sollte, zu verschieben." Werner war in äußerster Ueberrnschnng von seinem Sitze aufgesprungen. „Mein Bruder Jack— auf Kenninghall!" rief er. „Das muß ein Irrtum sein, Lord Romsey — es ist nicht möglich l" „Ist Ihnen vielleicht irgend etwas bekannt, was ihn möglicherweise dorthin geführt haben könnte — hatte er vielleicht Freunde oder Bekannte auf Kenninghall, oder in der Nähe?" , Nein. Lord und Lady Wayne waren beide sehr freundlich gegen ihn, als er seiner Zeit in London war; aber cs wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sie vielleicht zu besuchen, ohne mir vorher Mitteilung davon zu machen. Wenn er wirklich da ist, so ist er hingegangen, um mich zu suchen." „Gut, aber was brachte ihn denn an's Tütchen int Parke? Er muß doch in irgend einer Absicht dorthin gegangen sein, sonst —" — 690 .Wer sagt denn, daß er dort gewesen?" unterbrach Werner. „Ach", sagte Lord Romsey trübe und ernst, „ich vergaß; Sie wissen es nicht. Er war am Türchen, das voin Parke zum Walde fährt, und dort ist er erschossen worden." „Erschossen! — mein Bruder! Unmöglich! O, Lord Romser;, es muß eine Verwechselung sein — es kann nicht wahr sein!" , „Sie sollen mit uns kommen; wir gehen sofort hinüber; kommen Sie, und Sie werben sehen." Wenige Minuten später fuhren der Earl, sein Sohn und sein junger Sekretär nach Keuninghall. Werner sprach nut selten unterwegs, er ivar roie betäubt, er konnte die Geschichte weder begreifen, noch ihr Glauben schenken. Was hätte Jack auf Kenninghall tun, wer hätte, ihn erschießen sollen, eS sei denn der Förster, der jedenfalls geglaubt, er wolle wildern? Aber dann fiel ihm wieder ein, wie nahe die Lindenbäume sich bei der Halle befanden; es war ganz unwahrscheinlich, daß die Forsthüter, deren Pflichten sich über den weiter ab liegenden Wald erstreckten, dorthin gekommen sein sollten. Sie erreichten in kurzer Zeit das Försterhaus und fanden Lord Wayne dort bereits auf sie warten. Er nahm Werners Hand in die {einige. „Mein lieber Junge", sagte er bewegt, „dies i|t sehr erschütternd, sehr schrecklich für Sie! Kommen Sie mit mir; ich glaube nicht, daß ich mich in der Persönlichkeit geirrt habe." Sie folgten ihiir sämtlich in das Hintere Zimmer, das verhüllende iveiße Tiieh ivurde uon dem Bette zurückgeschlagen, und Werner rief beim ersten Blick: „Es ist kein Irrtum — eB ist wirklich der arme Jack!" 52. Kapitel. Die Königs-Ceder. Werner fniete an der Seite seines Bruders nieder unb weinte laut. Er hatte sich oft in seinem Leben Vorivürfe darüber gemacht, daß er ihn nicht mehr geliebt, daß er von seinem gewöhnlichen Wesen sich abgestoyen gefühlt hatte. Jetzt kani dies Gefühl in übermächtiger Stärke zurück; er vergaß alles, was ihm der Tote angetan, und erinnerte sich nur, daß es fein Bruder war, der hier kalt und starr auf dem Bette lag. Sie ivaren unter einem Dache herangewachsen, und die alte Heimatliebe erivachte mächtig in ihm, als er an des Toten Seite kniete. Die älteren Männer waiidten sich ab, ivährend er seinen Kummer und seine Trauer ausschluchzte. Dann erhob er sich von den Knieen und legte die Hand auf die Brust des Toten. „Mein Bruder", sagte er, „wer hat Dir dies getan?" „Es muß ein unglücklicher Zufall gewesen fein", sagte Lord Romsey. „Wer könnte, wie Sie sagen, so grmifmn sein und einen ivehrlosen Meiischen z:> Boden schießen?" Werner bedeckte seine Augen mit der Hand. „Was wird meine Mutter sagen? — Er war ihr liebster Sohn." „Man sollte sie holen", sagte Lord Wayne. „Ich brauche wohl nicht zu sagen, Herr Jefferies, wie tief ich diesen so äußerst unglückseligen Vorfall bedauere, noch auch, wie aufrichtig mein Wunsch ist, alles zu tun, was in meinen Kräften steht, sowohl für Ihre Familie, als auch, um Licht in dies Geheiumis zu bringen. Ich versichere Ihnen, Jhrein Bruder soll dieselbe Ehre eriviesen werben, als wenn es mein eigener gewesen wäre." Werner drückte ihm mir stumm die Hand. Dann näherte sich Lord St. Gilbert. „Werner", sagte er leise, „hat Dein Bruder nicht in kinem seiner letzten Briefe mal erwähnt, er wolle nach Ken- mnghall komnien?" „Nein, nein, das ist viel früher gewesen; neuerdings is eine große Veränderung mit ihm vorgegangen, er hat allerlei Redensarten gemacht von großem Reichtum, der ihm zugefallen, von einem neuen Leben, das sich ihm eröffnet habe. Er hat allerlei kostspielige Gewohnheiten angenommen, und was meine Mutter hauptsächlich beunruhigte, war der Umland, daß er immer Geld besaß. „Sie haben keine Ahnung, weshalb er hierher gekommen?" ragte Lord Wayne. „Nicht mehr, wie Sie selbst. Ich bm so überrascht, wie jemand mir sein kann." , In diesem Augenblick trat der Sergeant Elliot ms Zimmer. „Nichts weiter entdeckt?" fragte Lord Wayne. „Nichts, Mylord", war die Antwort. „Ich höre, daß der Bruder des unglücklichen jungen Mannes angenommen ist. Erkennt er ihn wieder?" „Jawohl", sagte Werner, „es leidet nicht den geringsten Zweifel, dies ist mein armer, unglücklicher Bruder." „Sie haben keinerlei Vermutung bezüglich des Grundes, welcher ihn hierher oder zu Tode gebracht hat?" fragte der Sergeant. , „Es ist mir das größte Geheimnis", erwiderte Werner. Und dann wunderte er sich, daß die scharfen Augen des Polizisten mit unverhohlener Ueberraschung an ihm hingen. Sergeant Elliot hatte etwas von der Welt gesehen; er war kein Durchschnitts-Beurteiler von Menschen und ihrem Benehmen; auf den ersten Blick hatte et gesehen, von welcher Art bet Mann war, bet dort tot lag — und doch, hier stand ein anderer, mit einem ebclcn, vornehmen.Gesicht und vollendetster Haltiing und Bildung und nannte sich der Bruder deS Toten! Sergeant Elliot blickte noch einmal von dem statten in das lebende Gesicht und dann sagte et: „Ich will Ihnen, mein Herr, das bei Ihrem Bruder gefundene Eigentum einmal zeigen; vielleicht findet sich, wenn Sie es in Augenschein nehmen, irgend etwnS, von wo aus wir unsere Nachforschungen beginnen können." Er öffnete eine kleine Handtasche und winkte Werner, nähet zu treten. „Was auch immer die Veranlassung zu dem Morde gewesen sein mag, ein Raub ist jedenfalls nicht beabsichtigt worden", sagte Sergeant Elliot mit großer Bestimmtheit; „diese Uhr und Kette allein sind sicher fünfzig Pfund wett." „Wo kann er das mir her bekommen haben?" murmelte Werner erstaunt. „Ich begreife eS ganz und gar nicht. Wir sind ganz arme Leute. Ich kann mit gar nicht denken, wie mein Bruder in den Besitz solcher Sachen gekommen sein kann." , , , , , . „Auch dies sieht nicht gerade nach Armut aus", fuhr der Sergeant unbeirrt fort, öffnete eine prächtige Börse, die voller Goldstücke war, und zog bann aus einer Seiteutasche noch ein Päckchen Banknoten hervor. „Hier siub noch über drei- hunbert Pfund. Ihr Bruder muß auf irgend eine Art und Weise Geld erlangt haben, wovon Ihnen nichts bekannt t|t, '„Ja so muß cs sein", sagte Werner. „Hat sich sonst nichts gefunden?" , , . , „(Sine Brieftasche, aber sie enthalt sehr wenig. Ems Logis-Rechnung aus einem Orte, namens AbbotSville, ein Eisenbahu-Billet, und ein zerbrochener Ring, das ist alles." Sergeant Elliot hütete sich moj)I zu sagen, daß et außer- dem noch einen abgerissenen Fetzen Papier gefunden hatte, worauf in Jacks Handschrift stand: n___Lady Wayne, wenn Sie nicht kommen, werden Sie es bereuen, so lange wie — —■ " „Alles was ich hier sehe, macht die Sache immer rätselhafter", sagte Werner. „Ich weiß bestimmt, daß meine Mutter in ihrem ganzen Leben keine hundert Pfund ihr Eigen genannt hat." , „Hm", bemerkte Sergeant Elliot, „wenn wir das nur erst wissen, glaube ich, wird sich bald mehr Herausstellen." „Lord Wayne", begann Werner, „das Beste wirb sein, ich gehe nach Elton und hole meine Mutter hierher. Vielleicht kann sie etwas Licht in diese Angelegenheit bringen. Lord Romsey drängte Werner zur sofortigen Abreise. „Wenn Sie sofort aufbrecheu, können Sie heute Abend 691 noch in Elton sein'', sagte er, „und Ihre Muiter könnte allerfrühestens erst morgen srüh von dem Unglück erfahren." Lord St. Gilbert begleitete seinen Freund bis an den Zug. „Also Gott befohlen, Werner! Ich wollte, ich könnte deinen Kummer teilen, oder ihn dir tragen helfen. Weißt du, ich habe schon den ganzen Morgen eine unheimliche Ahnung, als ob uns allen etwas furchtbar Unangenehmes bevorstände". Werner hatte keine Zeit mehr zur Antwort, denn der Zug war schon in Bewegung; aber diese Worte verfolgten ihn auf dem ganzen Wege nach Elton. — Inzwischen kehrten Lord Wayne und der Earl nach Kenninghall zurück. „Es ist äußerst fatal für Ihr Fest, lieber Freund", sagte Lord Romsey. „Wie wenig lassen wir uns träumen, was so ein paar Stunden nicht alles zu Wege bringen können !" Als sie sich der staltlichen Freitreppe näherten, kam der Obergärtner, ein älterer Mann, der seit Jahren bereits in Wayne'schen Diensten gestanden, seinem Herrn entgegen. „Was giebt's Southall?" fragte Lord Wayne, betroffen über das niedergeschlagene Aussehen des Mannes. „Mylord, ich habe etwas sehr Unangenehmes zu berichten. Ich habe es soeben erst entdeckt. Der Hauptast der Königs-Ceder ist vollständig abgebrochen und liegt am Boden". Lord Wayne's Gesicht wurde sehr blaß. „Wann hat sich das ereignet?" fragte er nach einer Pause. „Es muß während der Nacht geschehen sein, Mylord. Ich war gestern nachmittag noch in der Nähe und habe nichts Außergewöhnliches bemerkt; jetzt liegt der Ast da, gerade als wenn ihn jemand heruntergerissen hätte." „Warmn ist denn das ein so großes Unglück?" fragte der Earl. Mit schwachem Lächeln versetzte Lord Wayne: „Ach, Sie kennen die Kenninghall-Ueberlieferungen nicht. Wenn von diesem Baume ein Zweig abbricht, so ist das Glück des Hauses zu Ende. Sie hat seit vielen Generationen bestanden; dies ist das erste Zeichen des Niedergangs. Sotten wir nicht hingehen und uns die Sache ansehen?" Sie gingen hin, und da, im Grase, lag der mächtige Ast des großen alten Baumes, wie von Riesenhand abgebrochen. Lord Romsey sagte nichts; sein Gefühl sagte ihm, daß sein Freund beunruhigter war, als er eingestehen wollte. Er hielt es für das Zartfühlendste, ihn zu verlassen. „Sollte ich noch irgendetwas für Sie tun können, lieber Freund, so schicken Sie sofort zu mir; vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen zu jeder Stunde zu Diensten stehe, und Ihnen von Herzen nach besten Kräften in allem behilflich sein will. Blicken Sie nicht so ängstlich drein über diesen abgefallenen Ast, eine Sage ist schließlich bloß eine Sage. Auf fröhlicheres Wiedersehen, lieber Freund!" Doch lange, nachdem der Earl ihn verlassen, stand Lord Wayne noch sinnend und starrte den mächtigen Ast an. „Southall", wandte er sich schließlich an den Gärtner, „lassen Sie den Ast fortwcrfen und sagen Sie nichts von dem, was vorgefallen." (Forts, folgt.) Aas Museum in Darmstadt. Eine historische Skizze Von Hermann Knispel (Darmstadt). tllnüerechtigicr Nachdruck verboten.) Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit Und neues Leben blüht aus den Ruinen. Dieser Ausspruch Schillers ist so recht geeignet, meine kurze Betrachtung über das Darmstädter Museum einzuleiten. Wo ehemals das von Schuhknecht geschaffene Exerzierhaus stand mit seiner kunstvollen Dachkonstruktion, jener eigenartige Kvlossalbau aus dem 18. Jahrhundert, wie Europa keinen zweiten aufzuweisen hatte,*) erhebt sich heute das von Alfred Messel *) Das Gebäude wurde im Frühjahr 1892 niedergelegt. erbaute neue Landes-Museum, ein Staatsgebäude in doppeltem Sinne des Worts. _ Wo ehemals die Grenadiere des Pirmasenser Landgrafen Ludwigs IX. ihre winterlichen Uebungen ausführten und später die Kriegsgeräte und Munitionen der hessischen Division ihr Standquartier hatten, sind jetzt die zahlreichen und mannigfaltigen Knnstschätze der Großherzoglichen Sammlungen zur Aufstellung gekommen. Es ist nicht meine Aufgabe, über die Bedeutung des Neubaues und die Zweckmäßigkeit seiner Einrichtungen zu sprechen. Inwieweit beide erfüllt sind, darüber zu urteilen, wird sich Zeit und Gelegenheit finden nach Eröffnung des Hauses. Ich will nur erzählen von der Vergangenheit des Museums, von seiner Entstehung und Entwickelung. Naturgemäß mußte ich dabei zu Rate ziehen, was von verdienstvollen Männern wie Dr. Walther, Rudolf Hofmann, Adamy u. a. darüber geschrieben wurde. Auch hier hielt ich es für geboten, hier wörtlich wiederzugeben, was Goethe in seiner „Reise am Rhein, Main und Neckar" über die Darmstädter Sammlungen niedergelegt hat. Ist es doch das wertvollste Zeugnis, das wir über die Kunstanstalt jener Zeit besitzen. Ich selbst habe bei meinen Forschungen über den Gegenstand iwch manches gesunden, was ich hier zu verwerten bemüht gewesen bin. Großherzog Ludewig I., dem das Hessenland, insbesondere aber die Residenz Dsirmstadt so viele großartige Schöpfungen verdankt, ist auch der Gründer des Museums. Schon vor seinem Regierungsantritt bekundete der junge Fürst einen regen Sinn für Wissenschaft und Kunst durch Sammeln von Kunstgegen- stünden, Naturalien, physikalischen Apparaten und anderen wertvollen Gegenständen. In ungleich größerem Maße aber mehrte sich die Sammlung, als Landgraf Ludwig IX. in Pirmasens starb und sein Sohn als Landgraf Ludwig X. die Negierung antrat (1790). Zwar herrschten Kriegszeiten, aber diese hemmten das begonnene Werk nicht viel, ja sie mochten ihm sogar förderlich sein, weil mancherlei unter ihrem Drucke feil geworden war. Keine Gelegenheit zur Erwerbung von Altertümern und Kunst- schätzen ging unbenützt vorüber, und ebensowohl einzelne Stücke wie ganze Sammlungen halfen die Schränke der jungen Anstalt füllen. Eine nicht unbedeutende Vergrößerung erhielt sie auch durch die Zuteilung solcher Gegenstände, die der Landgraf ihres altertümlichen oder künstlerischen Interesses wegen aus dem Familienschatz ausgeschieden hatte. So stammt u. a. aus dem Besitzstand des landgräflichen Hauses vor dem Jahre 1790 die berühmte, in ihrer Echtheit als Tiziansches Werk angezweifelte schlafende Venus. Die Liebe des Landgrafen zu Gegenständen der Kunst und des Altertums fand Widerhall bei seinem Volk. Dem an germanischen und römischen Altertümern reichen Boden des Landes wurde mancher Schatz enthoben, und Korporationen wie Private wetteiferten förmlich, das fürstliche Museum durch Schenkungen aller Art zu bereichern. Die größten Opfer brachte aber doch der Landgraf selber, denn er verwandte aus seiner Schatulle ganz bedeutende Summen auf das Museum. Und von seinem Regierungsantritt an finden sich in den K'abinettsrechnungen die Nachweise von immer regelmäßigeren und reichlicheren Erwerbungen für die Sammlungen des physikalischen und Naturalienkabinetts, der Altertümer, Kupferstiche, Handzeichnungcn und besonders der Gemäldegalerie. Dem Fürsten stand hierbei als ebenso erfahrener wie treuer und rastloser Gehilfe sein Kabinettssekretär zur Sette, der als Wirklicher Geheimer Rat 1844 gestorbene Ernst Schleiermacher, der Freund Goethes, Mercks und Klingers. Als eine hervorragend wichtige und erfreuliche Erwerbung muß die Sammlung des am 1. Januar 1805 in Köln gestorbenen Barons Hüpsch erwähnt werden. Durch sein am 22. März 180-1 errichtetes Testament hatte dieser verdienstvolle Sammler „zum Merkmal seiner unbegrenzten Verehriing, und damit sein mit erstaunlicher Mühe und außerordentlich schweren Kosten von mehr als hunderttausend Gulden zusammengebrachtcs und dermalen auf eine halbe Million zu schätzendes Kunst- und Naturalienkabinett, Gemälde, Manuskripte und Bibliothek nicht zersplittert werdeil möchten, zu feinem einzigen Erb Seine Hochfürstliche Durchlaucht Herrn Ludewig den Zehnten, regierenden Landgraf zu Hessen-Darmstadt", ernannt. Falls die Schenknng nicht angenommen würde, sollte als Erbe König Friedrich Wilhelm der Dritte von Preußen und dann der Kurfürst von Salzburg, Großherzog von Toskana, eintreten. Zur Uebernahme der Sammlung begab sich alsbald eine Kommission nach Köln. Es währte aber geraume Zeit, bis man zum Ziele kam, weil von verschiedenen Seiten Ansprüche geltend gemacht wurden. Der Landgraf erfüllte sie jedoch in freigebiger Weise aufs bereitwilligste. So blieben fast alle Gegenstände, die für Köln ein lokales Interesse Hatten, im Besitz der Stadt.*) *) Der handschriftliche Nachlaß des Barons Hüpsch enthält hochinteressante Dokumente und Briefe von den bedeutendsten Personen jener Zeit. Er ist im Besitz der Großherzoglichen Hos- bibliothek in Darmstadt, deren gegenwärtiger Vorstand, Herr Direktor Dr. M. Schmidt, sich der überaus mühevollen Arbeit unterzog, das umfangreiche Material zu sichten und zu ordnen, und so der Benutzung jetzt erst zugänglich zu machen. Eine Frucht 692 1809 wurde die Gemäldesammlung erweitert durch Erwerbung von 50 bis 60 Gemälden aus dem Besitze des Bankiers Reber in Basel gegen Verzichtleistung auf eilte Forderung von 50000 Gulden 18 L2 wurde die Sammlung des Grafen von Truchseß gegen eine Entschädigung von 32 000 Gulden auS Oesterreich m die Darmstädter fürstliche Sammlung übergesuhrk. .Komg Max Josef von Bayern schenkte Ludewig I. * *) das große Bild von Rubens: Diana mit Nymphen und Satyreu Es hatte bis dahin der Schleißheimer und ursprünglich der Düsseldorfer Galerie ongehört. (Fortsetzung folgt.) Weihmrchtslitevatur. — Die von der Märchenerzählerin O k t a v i e Reh verheißene Fortsetzung von dem „Osterhäschen" ist erschienen, um den Weihnachtstisch zu schmücken. Eitt reizendes Fcst- aeschenk, an dem wir nicht minder Helle Freude haben, wie au „den Osterhäschen". „Wie es d en O sterh äs- cheu weiter erging, hat die Erzählerin „das Märchen II" genannt, und sie berichtet hier über das weitere Ergehen der -Osterhäschen in der gleichen reizvollen Weise, wie sie in dem „Märchen I" cs getan. Wie die Haseneltern für Lini, Mini und Toni Gatten und Gattin, auswählen, wie sie die Gäste zur Hochzeit einladen — wie zur Feier geschmückt wird, und wie sie stattsindet, und was Sonne, Mond und Wolken und Wind dabei zu tun und zu sagen und zu beitten haben, und noch vieles Andere mehr: Alles das ivird berichtet in einer Sprache, die etwas von, dem Sang und Klang der Natur au sich hat. Und die Bilder, einschließlich des Titelbildes, mit denen Luise Kumpa dieses ergötzliche Märchen veranschaulicht hat, klingen harmonisch mit dem Text zusammen: Hasen und Frösche und Eulen, Mond und Wolken und Tannen sind voll singenden, klingenden Lebens. M. L. — Brentano, Das Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia. Klein Quart. Mit 8 Ton- sowie 4 Farbdruckbilderu. Eleg. geb. 2>/g Mk. Liebhaber- Ausgabe für die Jugend mit Beibehaltung des Originaltextes. Brentano, „Gockel, Hinkel und Gackeleia", ist eine Perle unter den deutschen Märchen, das sich ebenbürtig an die Seite des Besten stellen kann, was die Literatur aufweist. Es vereinigt frische ursprüngliche Phantasie, die unbekümmert um das Werden dichtet, mit einer köstlichen humordurchsetzten Darstelluugsart, die bett phantastischen Gestalten zugleich etwas — mau möchte sagen — naturalistisch Lebenswahres verleiht. Der Künstler hat seine prächtigen Bilber dem Texte so vorzüglich in lebenswahrer Darstellung angepaßt, daß der Wert des Ganzen dadurch — wie aus einem Guß erscheinend — nur noch gewonnen hat. Brentano, „Gockel, Hinkel und Gackeleia" verdient in dieser neuen Ausgabe ohne Zweifel eine Jugendschrift ersten Ranges genannt zu werden. (Stuttgart, Loewes Verlag, Ferdinand Carl.) — Ein neues Mädchenbuch vou Käthe van B e e k e r betitelt sich H a n § i s Europa reise. Mit zehn Bogen Text, vier Tonbildern. Oktav. Gebunden 3 Mk. — Die Erzählung ist aus dein Leben gegriffen) in meistev- haftem Plauderton mit wohltuender Natürlichkeit, gehalten, dürfte sie den vielen Freundinnen und Verehrerinnen von Käthe van Becker große Freude bereiten. (Loewes Verlag Ferdinand Carl in Stuttgart.) — Deutsche Geschichtsbilder für die Jugend vou Oskar Weidner. Ein stattlicher Oktavband. Mit 4 Farbdruck-, 4 Tou- sowie 22 Textbildern. Elegant geb. 4 Mk. — Diese „Deutschen Geschichtsbilder" bieten in leicht lesbarer, spannender Fassung der Jugend eine Lektüre, die geeignet ist, das durch das lebendige Wort des Lehrers ins Verständnis aufgenommene Geschichtswissen zu ergänzen, zu vertiefen und dem Gedächtnis dauernd einzuprägen. (Stuttgart, Loewes Verlag Ferdinand Carl.) — Harriet Beecher-Stowes Onkel Toms Hütte. Für die Jugend bearbeitet von Georg Paysen Petersen. dieser verdienstvollen Arbeit ist das neue Werk Dr. Schmidts über „Baron Hüpsch und sein Kabinett", daS zur Eröffnung des hiesigen MuseumA erscheinen wird. * Mit der Erhebung der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zum Großherzogtum (1806) wurde aus Landgraf Ludwig X. Groß- Herzog Ludwig l. Geschenkausgabe: Mit vier Bunt- und 32 Textbildern. Oktav. Fein geb. 3 Mk. Seit Harriet Elisabeth Beecher diesen Roman veröffentlichte, ist reichlich ein halbes Jahrhundert verflossen. Das Werk trug den Namen der Vorkämpferin für die Befreiung der Sklaven int Fluge durch die zivilisierte Welt und gewann ihr die Anerkennung der Gebildeten aller Nationen. Es dürfte schwer fallen, ein Buch zu nennen, das hinsichtlich seines Erfolges „Onkel Toms Hütte" überragt und das auch wirklich dazu führte, die Sklaverei unter den Negern abzuschaffen. — Nachdem aber dieser Zweck erreicht war, erlahmte das Interesse für die Dichtung. Gerade dann, wenn — wie hier in der neuen Ausgabe — alles Tendenziöse, also in erster Linie die Abhandlungen über das Sklavenunwesen, ausgeschieden ist, wenn man ferner von dem Roman alles abstreift, was nur zeitliches, vorübergehendes Interesse hat, zeigt es sich, welchen dauernden Wert dieses Buch hat. Mit der neuen Ausgabe dürfte demnach ein Buch entstanden sein, das jedem Kind in die Hand gegeben werden kann. (Stuttgart, Loewes Verlag Ferdinand Carl. — In bunter Rethe. 12 Künstlerzeichnungeu in Farbendruck. Quer Quart. Gediegene Ausstattung. Auf Pappe eleg. geb. 2.50 Mk. Diese prächtigen und lustigen Bilder sind für unsere Kleinsten bestimmt. Sie zeigen keine unnatürliche grelle Farbengebung und phantastische Zeichnungen, die das Empfinden verletzen und nichts weniger als kindlich sind. Sie weisen vielmehr in Zeichnung und Farbe schlicht gehaltene, künstlerische, klare und lebendige, farbig erfreuliche Bilder auf, die anmuten b auf das Kind einzuwirken imstande sind und von gediegenen, leicht verständlichen Reimen begleitet werden. (Stuttgart, Loewes Verlag Ferdinand Carl.) — Die Spielschachtel. Zwölf wirkungsvolle farbige Tafeln mit aparter Toneinlage. Leporelloalbum solid geb. 3 Mk. Ein neues Bilderalbum von eigenartigem Reiz. Diese Bilder gefallen auf den ersten Blick, und es ist eine Freude, sie zu verfolgen, Blatt für Blatt. In natürlicher tumb einfachster Art zeigen bte zwölf großen farbigen Blätter vertraute Gegenstände ans der Spielschachtel so anziehend originell, daß der erwachsene Beschauer sich selbst in die Kindheit versetzt wähnt und gern sich veranlaßt fühlt, das herrliche Buch für die Kinder- stube zu erwerben, wo es seinen Platz voll auszufüllen bestimmt ist. (Stuttgart, Loewes Verlag Ferdinand Carl.) — Napoleon vor Jena. „Die Schaubühne" (Herausgeber S. Jacobsohn, Verlag Oesterheld n. Co. in Berlin) ver- öffentlicht ein von „Fero" zum 14. Oktober 1906 nach einem französischen Bilde verfaßtes Gedicht „Napoleon vor Jena": Das flache Hügelland liegt morgenfeucht.. Talabwärts hört man die Brigaden schreiten. Ein fernes Krachen. Rauch steigt auf in Weiten. Noch hat der Tag die Schlacht nicht awgescheucht. Aw kahler Kuppe hält ein Reitersmann Aus schlankem weißen, glattgepflegten Pierde, Die linke Hand hängt lässig schwer zur Erde — Sechs Ordonnanzen jagen hügelan. Jetzt reißt der Tag sich aus der Wolken Grab, Des Reiters Linke, schließt sich jäh zusammen, Hart wie ein Schwertknauf. „Stählern zucken Flammen — Sechs Ordonnanzen jagen hügelab. Und er zerbricht das Königreich der Preußen. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 13 5 1 ein Zahlwort. 2 11 Nebenfluß der Tonüu. 3 4 8 7 ein Thier. 4 2 7 1 3 Frucht eines Obstbaumes. 5 6 5 ein Raubvogel. 6 2 5 Futtermittel. 1 2 3 4 5 6 7 ein Geschichtsforscher. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummert HULDA U R U A L U Z D A A Redaktion: Btnft freß. — Rotationsdruck und Derlaa der Brübl'Icken Univerütäts-Buch» und Sketndruckeret, R» Lange, Meße»«