Samstag den 23. Juili t WM ZN 1906 — Wr- 91 ^WWW^W MWMW 5Sri slSiil [InEI Mittellos- Mädchen. Roman von H. E h r Hard t. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Das laß nur meine Sorge sein, Schatzl So genau weiß ich natürlich noch nicht, wie ich's anstelle, daß muß die Situation ergeben — Du mußt mir nut behilflich sein, daß ich möglichst bald zu Anfang ein paar Minuten mit ihm allein sprechen kann, ohne daß die anderen uns zuhören. Und dann will ich nicht Suse heißen, wenn ich die Sache nicht nach Wunsch deichsele." „Nun, das bezweifle ich keinen Moment!" lachte Trauten- dorf, „wenn Du erst Deine lleberredungskunst aufwendest, ergibt sich der arme Mann auf Gnade und llngnade!" „Daß Du mich auch immer ärgern mußt!" schmollte Suse, ihm ihren Arm entziehend, „warte, Du bekommst heut keinen Kuß mehr." Er zwinkerte spitzbübisch mit den Augen. „Da mach' ich bei Schulte nicht mit!" trotzte er wie ein ungezogener Junge. „Denn nicht, ich helfe mir auch allein." „Ich crlaub's einfach nicht, daß Du Dir das Rendezvous mit dem Maler gibst." Sie funkelte ihn kampflustig an. „Oho, Tyrannengelüste! Tas laß Dir nur nicht einfallen." Sie sah so bildhübsch ans mit ihren geröteten Wangen und den blitzenden Augen, daß der junge Offizier, sich in sie einhängend, leise bettelte: „Schatz, wieder gut sein — ich will ja alles tun, was Du ivillst und alles lassen, was Tu nicht leiden magst", er seufzte auf, „Du hast mich ja jetzt schon unter dem Pantoffel, Du Süßes." Ta war Suse so völlig versöhnt, daß sie ihm schon im Flur ihres Hauses, vor dem sie eben angelangt waren, um den Hals fiel und nun ihrerseits demütig versprach: „Du sollst ja gar kein Pantoffelheld werben, sondern immer der Herr im Hause bleiben, mein Herzensmann. Ich will auch ganz gewiß immer Deine folgsame, kleine Frau sein." Unb beglückt küßte er die ihm willig gebotenen, rosigen Lippen, von denen die Worte so innig und ernsthaft geflossen. In der Stunde zwischen drei und vier Uhr pflegte cs in der Gemäldeausstellung bei Schulte nie sehr belebt zu sein, besonders dann nicht, wenn draußen eine warme Aprilsonne Frühlingsverheißungen vom zartblauen Himmel herab- lächclte. Willy Hammer war ein wenig erstaunt über die plötzliche Laune seiner beiden Freunde, die ihn nach einem guten Diner durchaus zu Schulte schleppen wollten, weil Günther Bohlen behauptete, sein Freuud Bittner müsse sich notgedrungen ein dort hängendes Bild von ihm ansehen. Früher hätte er wahrscheinlich herrisch erklärt, das sei ihm zu langweilig, ivenn es durchaus sein müßte, sollten sie allein gehen, heut wanderte er, wenn auch widerwillig, mit. Er war sehr viel nachgiebiger geworden, seit sein Wille sich an dem heißesten seiner Lebenswünsche wie an einem steinernen Felsen hatte brechen müssen. Seine Bekannten behaupteten, er sei nicht wieder zu erkennen. Ziemlich teiluahmlos schlenderte er von Bild zu Bild, nur zuweilen ein vernichtendes Urteil fällend. Auch die beiden anderen Herren schienen nicht ganz bei der Sache und erst, als int Nebenzimmer ein Säbel flirrte und eine lachende Mädchenstimme sich in das Rauschen von Frauenkleibern mischte, vertieften sie sich merkwürdig interessiert in ein Landschaftsbild eines Worpsweder Malers. Willy Hammer jedoch wandte flüchtig den Kopf nach den soeben eintretenden neuen 9(ntöinmlingen und ein kaum merkbares Not huschte über sein Gesicht. Er hatte Sttse Meriedics sofort wieder erkannt. Sie jedoch erschrak förmlich bei seinem Anblick. Er schien ihr sehr alt geworden, trotzdem die italienische Sonne seine Haut gesund gebräunt hatte. Aber er war mager geworden, die Singen lagen tief mit ernstem Blick, um den Mund sand sich ein bitterer, all machender Zug. Die geheuchelte Ueberraschung gelang ihr daher besser, als sie kurz vorher in ihrer Erregung geglaubt hatte — sie streckte dem Maler, nachdem sie erst, ais sei sie ihrer Sache nicht ganz sicher, seinen Gruß abgewartet hatte, die Hand entgegen und rief erstaunt: „Sie wieder im Lande, Herr Hammer? Wir haben uns lange nicht gesehen. Unterdes hab ich mich verlobt — hier, mein Bräutigam, Oberleutnant Trautendorf." Bei der Nennung dieses Namens hallen auch die beiden anderen ihr Studium unterbrochen und kamen nun näher. Die Herren beweisen wieder einmal, wie viel schlechter es um ihre Schauspielkunst bestellt war, als um die der Damen. Günther Bohlen war lange nicht überrascht genug, hierzu fällig einem alten Bekannten gegenüberzustehen und Bittner, der aus seiner früheren Begegnung mit dem Brautpaar unmöglich einen Hehl machen konnte, machte einen sichtlich verlegenen Eindruck, 362 Willy Hammer war nicht harmlos genug, um nicht sofort zu merken, daß diese zufällige Begegnung eine abgekartete Sache war. Die Entdeckung bereitete ihm keinen Nerger, nein, eine jähe Hoffnung durchflutete ihn heiss und drängend. Tiefaufatinend sah er sich mit Suse allein, während die drei Herren, in alten Erinnerungen versunken, plaudernd weitergeschritten waren. Er hatte einen Glückwunsch gemurmelt und sich höflich gegen den hübschen schlanken Offizier verneigt — nun stand er stumm neben dem harmlos plaudernden jungen Mädchen, das ihm van ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit erzählte und endlich neckend sagte: „Sie haben schlecht Wart gehalten, Herr Hammer! Wo bleiben die Einladungen zu den exquisiten Diners bei Ihnen?" Er unterbrach sie stirnrunzelnd. „Sic waren nur in Voraussetzung meiner Verheiratung ergangen!" erwiderte er, sich gewaltsam äußere Haltung gebend, da ihn die Erinnerung an jenen letzten Glückstag seiner Liebe zu überwältigen drohte, '„und da muß ich sie heut ein für allemal zurücknehmen. Ich werde mich nie verheiraten." Suse lachte schelmisch und silberhell. „Verzeihen Sie nur, Herr Hammer!" bat sie, das zornige Aufleuchten seiner Augen voll Befriedigung bemerkend, „aber es ist zu drollig. Genau dasselbe habe ich nämlich, genau so ernsthaft auch einmal ausgesprochen und eine Stunde darauf war ich verlobt. Deshalb muß ich jetzt jedem Menschen ins Gesicht lachen, der so tragisch behauptet: ich werde niemals heiraten! Der wird gewöhnlich Lügen gestraft." Noch immer strahlte ihr hübsches Gesicht ihm in übermütiger Heiterkeit entgegen. Lag's in den blauen Augen nicht wie eine schelmische Glücksverheißung? Zuckte es nicht förm- lich ungeduldig tun die frischen Lippen, als hielten sie gewaltsam eine Freudenbotschaft zurück? Aber was konnte dieser junge Tollkopf von seiner Liebe wissen? Er traute ihr schließlich zu, daß sie ihn nur foppte! Aber diese Begegnung, die so nach Verabredung aussah? Das heiße Blut begann in seinem Kopfe zu hämmern. Warum quälte er sich so? Warum fragte er nicht ganz einfach nach Ruth, wo doch jetzt, da er vor der Schwester stand, jede Fiber an ihm sich danach sehnte, etwas von ihr zu erfahren? Er richtete sich in einem plötzlichen Entschluß hoch auf. War er nicht Mann genug, sein Urteil zu hören? „Lassen wir das Heiratsthema, Fräulein Meridies. Ich möchte lieber von Ihnen erfahren, wie es Ihrer Fräulein Schwester geht? Malt sie noch fleißig?" Es war heraus und er wunderte sich, wie ruhig er gesprochen. Sie barg das Triumphblitzen ihrer Augen rasch unter gesenkten Lidern. Ihre Finger nestelten an dem Veilchenstranß zwischen den Knöpfen ihrer schwarzen Tuchjacke. „Ach, Ruth macht uns großen Kummer!" sagte sie, das rosige Gesicht in ernste Falten legend, „sie sieht elend aus, so mager und blaß wie ein Hauch — und das Malen — Du lieber Gott — wenn's nicht um den Verdienst ginge — hätte sie's wohl längst ganz aufgegeben." Sie sah den Mann vor sich nicht an, sondern mühte sich jetzt mit dem Druckknopf ihres Handschuhs ab, der nicht schließen wollte. Er stand mit zusammengebissenen Zähnen. Man merkte ihm an, welche Erregung er in sich verarbeitete. Wäre es möglich, daß Ruth seinetwegen? Aber warum dann die erkältende Abwehr? Einen Moment war cs still zwischen den beiden. Aus den Nebenräumen klang das Murmeln menschlicher Stimmen, von draußen das vielfältige Geräusch der Straße. „Was ist mit ihr?" fragte Willy Hammer endlich. Es kam aus trockener Kehle. (Fortsetzung folgt.) 157 Hage korsischer Flaukmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Ti em an n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Die beiden Wärter stürzten sich auf mich und durchsuchten mich bis auf deil Leib. As man mich in die gemeinsame Zelle bringen wollte, verbat ich mir dies mit aller Energie. Ich denke noch jetzt mit Schauder daran, wie ich dort hineinblickte, und die Einaesperrten ihr Taschentuch vom Gesicht aözogen und mich anstarrten. „Ah, vous voulez Payer!" und gegen 10 Frcs. monatliches Pistol (Miete) erhielt ich eine eiskalte Zelle, 2 Meter breit und 3 Meter lang, mit einem in Ketten hängenden Fenster, ein Meter im Quadrat, oben an der Wand ; das Jirventar: 1 Nachtschränkchen, 2 Stühle, 1 Tisch und die niedrige Eisenbettstelle, auf welcher 2 Wollmatratzen lagen, füllten den Raum, in dem ich unter Ausnutzung aller Winkel und Ecken 20 Schrittchen machen konnte. Alm 8. oder 9. Januar war meine erste Vernehmung. Ich protestierte gegen meine Festnahme und gab 7 bis 8 Herren aus ersten Magdeburger Familien auf, die, evtl, aus meine Kosten telegraphisch befragt, über mich befriedigende Auskunft erteilen würden. Der Richter wunderte sich, daß ich von ihnen genaue Titel, Straßen und Hausnummern angeben konnte. Gegen den 16. Januar schrieb ich nach Magdeburg: „. . . Man hat mich auf dem Gefängnishofe viermal photographiert und alles nach Deutschland geschickt. Wenn doch erst alles vorüber wäre! Hier im Gefängnis ist es fürchterlich: Dazu bin ich nach dem Süden gereist, um mich zu erholen und neues zu sehen! Obwohl ich nichts zu fürchten habe, bin ich von der ganzen Sache doch so mitgenommen und heruntergekommen und nervös, daß ich an den Wänden hochgehen könnte." Am 17. Januar, vom Richter abgesandt am 21.: „Am Dienstag voriger Woche war großes Verhör, und habe ich alle Punkte widerlegen können. Wenn die Sache nicht so bitter und ernst wäre und mich 14 Tage meines Lebus schon gekostet hätte, müßte ich über sie herzlich lachen. (Ich hatte wütend geantwortet, an der ganzen Anklage interessierte mich nur das Wort „aus dem Hinterhalt" hinter assassinat: die Vokabel wäre mir neu!) Was mußte mich aber auch der Teufel reiten, nach Ajaccio zu gehen. Heute, Sonntag, habe ich mein ganzes Zeug zur chemischen Untersuchung abliefern müssen, und überzeugt man sich endgiltig, daß ich mit dem blutigen Raubmorde nichts zu tun habe. H. R. hat sich sofort auf eine Zeitungsmeldung hin an den Sohn des Ermordeten gewendet, da ich auf dessen Veranlassung hin inhaftiert worden sei. Ich kann daran nicht glauben, da ich von Frau Direktor M. und ihrem Bruder, Herrn Generalsuperintendenten W., sehr herz- liche Dankeszuschristen auf meinen Kondolenzbrief Yin bekommen habe. Hier in Ajaccio hat man immer noch den Hafenarbeiterstreik, was auch nicht zur allgemeinen Sicherheit beiträgt." Am selben Tage schrieb ich nach Siegen: „Die Sache ist einfach furchtbar, und hatte mich die Ermordung des Direktors schon in riesige Aufregung versetzt, da man wegen des hier schon über eine Woche dauernden Hafenarbeiterstreikes sowieso sich unsicher fühlte und nirgends allein spazieren zu gehen wägte. Glücklicherweise habe ich meinen. Winterüberzieher mit in das Gefängnis genommen, ebenso doppelte Röcke, letz- ters infolge des Umstandes, daß es im Hotelspeisesaal immer so kalt war, daß ich daselbst zum Essen doppelte Röcke trug, sodaß ich einigermaßen gegen weitere Erkältung geschützt bin. Ich sitze nun schon 10 Tage im Gefängnis und will zu Gott hoffen, daß dies nun bald ein Ende hat, da ich die ganze Zeit ungewaschen bin, die Kleider nicht ablegen und auch die Wäsche nicht wechseln konnte. Da mir natürlich die Gesellschaft nicht behagt, beschränke ich meine Spaziergänge auf dem übelriechenden Gefängnishofe auf das Aleräußerste." : Der Hafenarbeiterstreik ncchin so wilde Gestalt an, daß. man die Haupträdelsführer in das Gefängnis stecken mußten< Darauf zog die ganze Rotte vor das.Gefängnis und versuchte, es mit wütendem Gebrüll zu stürmen. Mehrere Fenster wurden eingeworfen und Militär mit scharfgeladenen Gewehren zur Verteidigung des Gefängnisses in dasselbe 363 legt. Man denke sich, wie fürchterlich dieser wüste Wf» ruhrstnmult rund um die Mauern auf meine Nerven wirkte! Auf vorstehender Karte fand auch die unglaubliche, von allen Zeitungen begierig aufgenommene Schauermär von dem fortgeworfenen Jackett die allereinfachste Erklärung. Auf meinem Leibe befindlich, war es am 8. Jan. von dem Ajaccioer Untersuchungsrichter auf meinem Hotelzimmer unter meiner Garderobe vergeblich gesucht worden. Am 23. Januar schrieb ich: „Mir geht es so leidlich. Ich habe mich nun nach 16 Tagen ziemlich in dies traurige Gefängnisleben gefügt." (Die böswilligen Verfolgungen, in denen man mich wie ein wildes Tier vor meiner Inhaftierung hetzte, hatten bewirkt, daß ich mich schließlich im Gefängnis gleichsam in Sicherheit fühlte.) Mein einziges augenblickliches Sehnen ist, daß ich aus dem Hotel meine Sachen bekomme, damit ich die Wäsche, die ich schon 20 Tage zirka auf dem Leibe habe, wechseln kann, sowie auch meine Reisedecke, meine Schlafdecke und mein Plümeau, damit ich nicht länger angezogen, wie ich seit meiner Verhaftung gehe, unter die mir gestellten Schlafdecken zu kriechen brauche. Sobald ich meine Sachen habe, erbitte ich mir auch Waschwasser: Welche Freude dann, mich nach 17 Tagen wieder einmal waschen zu dürfen. Die Nächte sind in den kalten Steinzellen infam kalt und besonders vor Sonnenaufgang wird es bitter kalt. Außer den Gefängnisfuppeu nähre ich mich meistens von diversen Beefsteaks. Man weiß nicht, was man sich hier bestellen soll. Mir grault vor allem, was man hier ißt." Am 26. Januuar: „Gott sei Dank, habe ich letzten Samstag (23. Januar) auch meine Sachen bekommen, die Wäsche wechseln, mich waschen, rasieren und kämmen können. Meine Wäsche und Haare waren einfach furchtbar. Ein wahrer Trost ist es, daß ich geradezu mit Briefen und Beileidsbezeugungen von Magdeburg usw. überhäuft bin. Wenn ich doch erst allen die Hand drücken kann. Die Leute hier müssen nach Erhalt der Unterlagen sehen, daß ein Irrtum vorliegt, denn zum Spaß ermordet man doch keinen. Fast hätte ich gewünscht, daß nach meiner Festnahme noch ein Mord vorgekommen wäre." Ain 27. Januar: „Es wurden mir außer Euren Briefen eine Anzahl Karten von . . . gesandt, alles liebe, gütige Zeichen freundlichen Gedenkens, die mir Einsamen ein reicher Trost tonten. Die Anstrengungen, die Magdeburg für mich macht, und das Interesse, das man meiner Sache entgegenbringt, sind rührend. Mir stehen die Tränen in den Augen über all die Güte und Freundlichkeit. Man merkt erst, mit wie starken Wurzeln man sich an unser gutes altes Nest aukrampft, und wie man mit allen Herzensfasern sich danach sehnt, dort in einen stillen Hafen einzulaufen. Jedenfalls werde ich hier den Kelch bis zur Hefe austrinken müssen. Gott gebe mir Kraft dazu. Die ewigen Msregungen find furchtbar," Am 20. Februar: „Heute habe ich an. . . geschrieben, daß er seinen Bruder, der Redakteur in Berlin an einer vielgelesenen Zeitung ist, auch mobil macht. Es muß doch endlich auch einmal energisch vorgegangen werden, damit der Mörder gefunden wird. Alle Untersuchungen gegen mich find und bleiben nur leeres Strohdreschen. Wenn Pariser Detektivs die Sache vor nun 52 Tagen in die Hände genommen hatten, wäre in dem kleinen Ajaccio schon längst der Richtige entdeckt worden, aber mir scheint, als wenn man es nicht wägte. Seit gestern erhalte ich aus einem Restaurant Essen. Man fühlt sich dadurch mehr Mensch. Leider regnet und gewittert es hier fast jeden Tag, sodaß ich wenig auf den kleinen Gefängnishof hinauskomme und, auf dem Bette liegend, mich mit Lektüre beschäftigen muß." Am 25. Februar: „Heute werden es glücklich 7 Wochen, daß ich dank der Aussage eines Bengels, der schon zweimal wegen Diebstahls bestraft ist, im Gefängnis sitze, trotzdem sonst nicht das Geringste gegen mich vorliegt und unzählige Ehrenleute erster Familien ihre Ehre für mich verpfändet haben. So wird die ganze Sache hingezogen und man hofft durch das Hinziehen Zeit zu gewinnen, und die Sache zum Einschlafen zu bringen. Damit dies nicht geschehen kann, bitte ich Euch, weiter energischst durch die Presse tätig zu sein." (Fortsetzung folgt.) Gilt Bolt ohne Jahrzahlen waren die indianischen Ureinwohner von Mexiko. Ihr Kalender ist einer der absonderlichsten, den Menschen jemals ersinnen konnten. Die Eroberer des uralten Tolteken-Reiches waren die „Azteka" (d. h. Männer vom Lande „Aztlan", dem Lande „des weißen Reihers"). Man darf sich die Azteken also nicht als kleinschädelige, blödsinnige Mißgeburten denken, wofür sie so gern gehalten werden und bei Schaubudenbesitzern gezeigt werden. An Kultur der Religionsbegriffe, Kunstschöpsimgen und des Städtebaues, namentlich aber in ihrem geregelten Staatswesen und Gesetzesüberlieferungen sind die Azteken und ihre nahe- verwandten Nachbarstämme ungefähr den Babyloniern und Assyrern an die Seite zu stellen. Ihre Kultur reicht loeiter. als fünf Jahrtausende zurück. Gleichwohl fehlt der aztekischen Zeitrechnung der Begriff „Jahreszahl" vollständig. Sie rechnen nach einer Periode von 52 Jahren, die in vier Abschnitte von je 13 Jahren geteilt sind. Diese 13 sind mit Ordnungszahlen bezeichnet, das einzige, was in ihrer Chronowgie gezählt wird. Neben den viermal wiederholten 13 Zahlen wird hinter jede Jahresbezeichnung eins der vier göttlichen Symbole: Teepatl (Fels), Calli (Haus), Tochtli (Kaninchen und Akatl (Rohr) gefügt. Die vier Symbole kehren in 52 Jahren der Reihe nach 13 mal wieder. Wenn also der Azteke sagt: „Es war ini Jahre Macuilli. Tochtli, d. h. im 5. Jahre mit dem Kaninchen, so ist es für ihn ohne weiteres klar, daß dies das 31. unter den 52 bedeutet. Der ganze Zyklus hieß „Umlauf" (2 Umläufe waren gleich einem „Alter"). Die Kalendersteine waren kreisrund in 52 Teile eingeteilt. Eine Schlange, bie sich in den Schweif biß, umringelte die Peripherie und wand sich viermal um die Stellen, die je 13 Abschnitte umfaßten. Dies Kalendarium galt aber nicht, wie man vermuten könnte, für vier Jahreszeiten und 52 Wochen des römischen Kalenders, fon- dern für 52 Jahre. Der Tag wurde in vier gleiche Abschnitte geteilt, diese halbierte mit in Gedanken, ein exaktes Maß für diese kleineren Zeitteile bestand nicht. Die Frage „Wie spät ist es?" mag mir beantwortet worden sein durch die Angabe „Die Sonne steht über den westlichen Bergen". Das aber sah wohl jeder auch selbst. Zur Nachtzeit verkündeten Hornsignale der Tempelpriester den Zeitpunkt nach dem Stand der Gestirne. Das aztekische Jahr besaß zwar auch 365 Tage, aber in seltsamer Einteilung. Man hatte 18 Monate zu je 20 Tagen, diese zerfielen in 4 Wochen, die Woche war also mit 5 Tagen etwas knapp abgefnnden. Diese 72 Wochen oder 360 Tage füllten das Jahr nicht ganz aus. Die letzten fünf waren merkwürdigerweise keine Woche, sondern unglückbringende „Niemandstage" (Nemontemi) oder Freitage. Kein wichtiges Geschäft wurde in dieser verhängnisvollen Zeit abgeschlossen, kein Handwerkszeug und keine Waffe berührt. Alle andern Tage im Jahre waren beschützt von mächtigen Dämonen, es gab (wie unsere Kalenderheiligen) bei den Azteken sogar 18 Beherrscher des Tages und 9 Beherrscher der Nacht, neben 20 Beherrschern der Woche, die sich in laufender! Reihenfolge des Menschengeschlechtes erbarmten, je nachdem sie „du jour" im Aztekenkalender standen. Nur für die unseligen fünf Freitage war kein Schützer vorhanden. Die Kinder, welche an diesen fünf Tagen geboren wurden, erhielten beit traurigen Beinamen „Nemoquichtli" (Unglücksknabe) oder „Necuihuatl" (Unglücksmädchen). Das deckt sich vollkommen mit unserem Begriff „Pechvogel", und solchen amten Uitgluckswurmchen wtrd wohl auch beizeiten klar geworden sein, was es heißt, fluchbelastet imbi ohne Hoffnungsstrahl durch das Leben zu wandern, wetl sich die Protektion der Götter und der Menschen von ihnen abwandte. VerinrschteS. * Ein gesetzlicher Schutz für die Wasserkräfte! wird jetzt in der Schweiz geplant. Der Prometheus berichtet darüber: Mit der fortschreiteitden Entwicklung der Elektrizitäts!- industrie hat auch die Umwandlung natürlicher Wasserkräfte in elektrische Energie einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Möglichkeit dieser Umwandlung ließ erst bett vollen, ungeheuren Wert bei Wasserkräfte klar erkennen, einen Wert, dessen Aus- nutzuitg noch einer gewissen Erweiterung fähig ist. Diese Erkenntnis vom Werte der Wasserkräfte veranlaßt nun bett schweizerischen Bundesrat, der Bunbesversanimlung Vorschläge für einen gesetzlichen Sckfutz dieser Kräfte zu unterbreiten, die gerade in der S"" irgigcn Schweiz mit ihren vielen Wasferläufen von ftarkem älle einen recht erheblichen Teil des Nationalvermögens ausmachen. In dem Entwurf wirb besonders darauf hingewiesen, daß durch die rationelle Ausnutzung der verfügbaren Wniier- kräfte die Krafterzeugung der Schweiz sich in hohem Grade von der aus dem Auslände kommenden Kohle unabhängig machen könne, wodurch einerseits bcm Nationalvermögen alljährlich große Summen erhalten bleiben würden, und was andererseits auch für die Konkurrenzfähigkeit unb bie Entwicklung der schweizerischen Industrie und für bie geplante Elektrisierung ber Staatsbahnen von größter Wichtigkeit wäre. Es handelt sich deshalb vor allein darum, die schweizerischen Wassert'räfte dem einheimifchen Kraftbedarf nutzbar zu machen, und zwar in einer Weise, bie nach Möglichkeit dem Volksganzen zu Gute kommt. Das soll erreicht werden durch ein Gesetz, nach dem elektrische Energie, die ganz — 364 — oder teifiwife ans schweizerischen Wasserkräften stammt, nach dem Auslande nur mit besonderer Genehmigung der Regierung abgeleitet werden darf, welche letztere aber nur widerruflich und Nur dann erteilt wird, wenn für die Verwertung der betreffenden Wasserkraft im Inland« kein Bedarf vorliegt und durch die Verwertung im Auslande die schweizerische Industrie nicht geschädigt wird. * lleber Manuskripte. Der Schrecken der Setzer waren einst Balzacs Manuskripte. Der berühmte Romandichter hatte nämlich^, die Gewohnheit, so umfangreiche Korrekturen vorzu- nehmen, daß seine Korrekturbogen, sowohl die geschriebenen wie die gedruckten, lute vollständige Umarbeitungen ausfahen. Der ursprüngliche Text war manchmal in den kunterbunt darnnter- und darübergeschriebenen Zeilen vom ersten bis zum letzten Buchstaben geändert, so daß die Arbeiter in den Druckereien oft voll Entsetzen ausriefen: „Diese Korrekturen machen? Da setzen wir lieber das Ganze noch einmal, das geht schneller!" Eine wahre Erholung nach einer aufreibenden Arbeit dieser Art war für die Setzer das Setzen der Manuskripte des älteren Dumas und des Historikers Louis Blanc. ES war ein wahres Fest in den Arbeilsräumen, wenn ein Manuskript eines der beiden gebracht wurde. Dumas' Schrift war groß und lute gestochen; sie hätte von Kalligraphen mit Erfolg als Reklame zur Anlockung neuer Schüler benutzt werden können. Louis Blaues Schrift war von einer geradezu blendenden Klarheit nud Sauberkeit. Wenn man ihm aber wegen seiner wunderbaren Handschrift Kom- plimente machte, gestand Väterchen Blanc mit seiner perlenklaren Stimme — er sprach die Worte nämlich ebenso deutlich aus, wie er sie schrieb — seinen geheimen Kummer mit folgenden Worten: „Sie glauben, liebes Kind (er nannte alle ,liebes Kind', deshalb nannten ■ sie ihn alle ,Väterchen'), das; der Setzer mit meinem Manuskript weniger Mühe hat als mit Balzacs Handschrift? Nun, Sic täuschen sich, täuschen sich sehr. Die Arbeiter selbst haben mir den Schlüssel dieses Geheimnisses gegeben: meine Handschrift ist so klar, so deutlich, das; man sie nur mit einem Auge liest, und daß man Zeit hat, beim Setzen an seine eigenen Angelegenheiten zu denken. Diese Ablenkungen rufen Fehler hervor, liebes Kind, Fehler, sage ich Ihnen! Ach! Was für Fehler!" Sprach's und holte mit wichtiger Miene einen Probeabzug hervor, wo. ein einziges Komma für einen Strichpunkt gesetzt war. „Sehen Sie, solche Fehler!" wiederholte er, noch mehrere Male seufzend, und rief auch beim Abschied dem Besucher den verhängnisvollen Strichpunkt ins Gedächtnis. * Anzeigen wesen i n Amerika. Welchen Wert der amerikanische Geschäftsmann dem Inserieren beimißt, erhellt aus der Tatsache, daß in Amerika jährlich mehr als eine Milliarde für Anzeigen verausgabt wird. Die geschickt abgefaßte Anzeige ist die Seele des Detailhandels und erweist sich immer als gewinnbringend. Der Erfolg der Anzeigen hat nun dahin geführt, daß sehr viele schwindelhafte Ankündigungen mit unterlaufen. Dieser Uebelstand scheint aber sehr weit um sich gegriffen zu haben, denn die amerikanische Postverwaltung hat beschlossen, eine Zensur aller Zeitungsanzeigen durchzuführen. Sie schreitet rücksichtslos gegen alle schwindelhaften nud unsittlichen Ankündigungen ein und erreicht ihren Zweck durch das allerdings sehr radikale Verfahren, daß sie Zeitungen, die derartige Anzeigen enthalten, einfach von der Beförderung ausschließt. Ein besonders scharfes Augenmerk wird dabei auf Inserate pharmazeutischer Präparate bezw. Heilmittel gerichtet. Diese müssen zuvor durch Zeugnis eines öffentlichen chemischen Laboratoriums Beschaffenheit und Wirkung ihrer Ankündigungen beglaubigen lassen. Daß amerikanische Zeitungen Lottericanzeigen oder solche mit Vorzugsangeboten nicht enthalten dürfen, ist wohl allgemein bekannt, ebenso unterliegen ausländische in Amerika zum Vertrieb kommende Journale diesen Mstinrnrnngen. * DieKaiserinMaria Theresia gegen die Tier- guälerei. Im Jahre 1750 wurde in Oesterreich ein Kaiserliches Dekret gegeben, das gegen die Reisenden gerichtet ist, die Postknechte und Pferde mit der Peitsche traktieren. Der Wortlaut dieses kulturgeschichtlich bemerkenswerten Erlasses ist folgender: „Wir Maria Theresia von Gottes Gnaden Römische Kaiserin usw. Entbieten allen und jeden Unseren treu gehorsamsten Ständen, Jnnwohnern, und Unterthanen, was Würde, Standes, Amts oder Weesens die in Unseren gejammten Teuischen Erblanden seynd, Unsere Kayserl. Königl. Gnade, und alles Gutes, und geben Münniglich hiermit gnädigst zu vernehmen, welchergestalten Uns zu Unserem größten Mißfallen abermalcn die bcschwärsame Anzeige beschehen, daß ohngehindert in der den 1.4. Decembris des abgewichenen 1748 sten Jahres pnblicirten Post-Ordnnng § 10. die Führung deren Peitschen auf denen Post-Reisen gäntzlich vcr- botten worden, dannach dieselbe, zuwider Unseres ausdrücklichen Berbotts wiederumcn gantz ohnegcschenet gebrauchet, und mit diesen, von denen auf dem Gutscher-Sitz sitzenden Bedienten, auf die Pferdt, und den Knecht also scharff, und ohne Unterlaß zugehauen, daß. hierdurch, sonderlich bei großer Hitz, und auf Bergig- oder Steinigen Meegen, oder wann die Wägen schwär, auch mit Bagage, und aufsitzenden Versöhnen allzusehr überladen seynd, dieselbe aus dein Athent gejaget, und dergestalten zu Schanden geritten werden, daß, solche entweder gleich, oder in wenig Stunden darnach, ait, der Stelle bleiben, oder völlig stropirt nach Haust kommen, also, daß män sie entweder gar nicht mehr, oder erst nach langer Zeit zu einem Post-Ritt gebrauchen könne. Gleichwie Wir nun dieses übermäßige Fahren, und Ueber- treibung deren Post-Pferden, weitershin zu gestatten, Allergnädigst nicht gemehnet sehnd: Als wird allen und jeden Post-Reisenden, wer die auch seynd, hiermit ernstlich, und bei Unserer Ungnad anbesohlen, daß sie die Post-Pferd über die Kräfsten, und Billigkeit nicht übertreiben, sich auch der Führung deren Peitschen alsogewiß enthalten, wie im widrigen einem solchen weder auf der ersten Station, wo er aufsitzen will, weder von denen unterweegs Postmeistern, wenn man auf der Poststation die Peitschen verbergen, und sich dercnselben auf dem Weeg erst gebrauchen wolte, einige Post-Pferd, so lang sie nicht die Peitschen zuruck lassen, ge- geebn, auch denen Post-Knechten, wann man auf der Straße aus sie und die Pferd zupeitschen wurde, mitten auf dem Weeg die Pferd auszuspannen, und nach Haus; zu rcutten erlaubet, wesseut- wegen auch jedes Orths Obrigkeit, bey ansonst auf sich ladender schwüren Verantwortung, hinlängliche Ässistence zu leisten schuldig und verbunden sehn solle. „Wornach sich jederman zu richten, und für Schaden zn hüten wissen wird. Geben in Unserer Kayserl. Königl. Hanpt- und Residentz Stadt Jnsbrugg, den 25. Monats-Tag Septembris im Siebenzehen hnndert funfftzigsten, Unserer Reiche im Zehenden Jahr." * Die Kraft e i ne s C h a m pi g n o n. Ein wahrer Athlet muß der Champignon (gemeint ist der Pilz Psallioia campestris) sein, von dem das Bulletin de la Socisto mycologigue berichtet, daß er, unter einem seit Jahresfrist liegenden Asphalt-Trottoir wachsend, den Asphalt gehoben und schließlich gesprengt habe, um sich seinen Platz an der Sonne zu sichern. Möglich, daß die bei der Entwicklung des Champignon austretende Wärme den Asphalt schon stark erweicht hat: immerhin glaubt Professor Vuilleniin, Nancy, daß der von dem Champignon ansgeübte Druck gegen den Asphalt einige Dutzend von Kilogramm betragen habe. Eine gebildete Köchin. Dame: „Ich würde Sie ganz gern engagieren, wenn ich wüßte, daß Sie auch kochen können." — Mädchen: „Aber Madainecken, wovor halten Sie mir denn? Ick bin een jebildetet Mädchen, ick werde doch Koch'n kennen, der die Backzillen erfunden Hai!" Bekanntmachung: „Derjenige, der den Täter, derben Pfahl, der an der Brücke, die an dem Wege, der nach Lindenthal führt, liegt, steht, umgeworfen hat, anzeigt, erhält 10 Mark Belohnung." ____________ Kunst. — „D i e Kunst" Monatshefte für freie und angewandte Kunst. Juniheft. (München, Brnckmann.) Die ehemaligen und jetzigen Schüler der Münchener „Lehr- und Vcrsnch-Ateliers für angewandte und freie Kunst, Wilhelm von Debschitz" bilden schon heute nach vierjährigem Bestehen der Schule eine vielhnndert- köpfige Künstlergruppe, die es' wagen konnte, auf der Bayerischen Jubiläums-Landesausstellung zu Nürnberg mit einem eigenen Raum und einer besonderen Abteilung in der Friedhofsanlage zu debütieren. Wie vielseitig der Lehrplan ist und zu welcher künstlerischen Reife sich die Mitglieder dieser „Gruppe" entwickelt haben, davon legen die im vorliegenden Hefte veröffentlichten 75 Abbildungen von Ausstellungsarbeiten: Möbel, Lenchtkvrper, Teppiche, Tapeten, Grabkrenze und -steine, Metallarbeiten, Schmucksachen, Gläser, Bucheinbände, Stoffe, Webereien und Stickereien jeder Art ein glänzendes Zeugnis ab. Ans dein übrigen gleich interessanten Inhalt des Heftes wären noch besonders hervorzuheben die prächtig illustrierten Aufsätze über die diesjährigen Ausstellungen der Wiener und Berliner Sezession. Das Heft enthält nicht weniger als 194 Abbildungen und drei Sonderkunstbeilagen und beweist von neuem die unerreichte Reichhaltigkeit der Zeitschrift. Logogriph. Nachdruck verboten. Wird cs besucht mit „B", Sieht man viel Glanz und Putz. Schreibt man statt „B" ein „W", Gewährt es sichern Schutz. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: F A A Feldmaus e 1 s t d t r A in s t e rdam ä r c u d h Ast racha n e m u Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'scken Universitäts-Buch- und Steindruckeret» R, Lange» Gieße«»