Ar. 189 1906 v bL>M ÄS W »ML s W M MK W And pirn' tiitßf! Weihnachts-Erzählung von Teo von Tor n. Nackdruck verboten., ,-, -.,■ (Fortievung.) II. > „Fielen!" Keine Antwort. Nur ein verstärktes Rasseln voll Töstfen und Löffeln aus der Gegend der Küche. „Fräulein Sophia!" Das nämliche Resultat, bloß mit dem Unterschiede, daß sich in dem Ensemble von erregten Geräuschen noch ein Brummen unterscheiden ließ. Jochen Staberow kniff ein Auge zu und kraute sich bedenklich Hinterm Ohr. „Nu hat sie's 'raus", flüsterte er vor sich hin. Dann klopfte er den Schnee von seiner Baschltksmütze, hing sie an den altmodischen Garderobenständer auf der Diele und ging zur Küche. „Brumblumbrumblum", äffte er seiner Haushälterin nach, die mit der Lebhaftigkeit eines gereizten Menschen am Herde hantierte. „Sagen Sie mal, Fieken, wie kommt es, daß Sie nicht hören, wenn Ihr Herr und Gebieter Sie ruft?" Damit puffte er die lvürdige Dame in den Rücken, was mit einer heftigen Schulterbewegung abgcwehrt wurde. „Lassen Sie mir in Ruh', Herr Staberow! Ich bin tücksch wie'n Affe!" „Oha, was'n Schnack! So ein gebildetes, hübsches und gutgeartetes Mächen wie Fräulein Sophia Silbermann redet so ivas daher! Also, was hat er denn wieder angestellt, Fieken?" „Was 'n Mensch anstellt, der sich selber nicht gut ist! Ter Kram paßt mir einfach llicht mehr, Herr Staberow, und wenn mir die liebe kleine Baroneß mit ihren Muttergottesaugen nicht hinterher immer alles abbitten würde, hätte ich Ihnen wegen des ollen Brummkrisels schon längst den Dienst aufgesagt." „Machen Sie nicht so ivas, Fieken! Ich kann keinen Schreck vertragen. ES ist ja wirklich kein leichtes Auskommen mit ihm, aber man muß sich doch immer klar machen, wo- dran das liegt. Sehen Sie: erstens die Polypen! Das sind greuliche Dinger, von denen man eine, rote Nase kriegt, wenn man viel guten Portwein dazu trinkt —" „Tann wundert mich bloß, daß Sie noch keine haben!" „Tas war eine unangebrachte Einrede, Fieken, die sich mit dem schuldigen Respekt nicht verträgt. Ich red' doch vom Baron und nicht von mir. Als das immer schlimmer ivurde, ist er mal zu einem Spezialisten gegangen und der hat ihm die Dinger 'rausgezogen. Ob die sich da irgendwo fest geklammert hatten oder was — jedenfalls war er mit beit Polypen auch den Verstand los. Tenn seit der Zeit hat er ganz unvernünftig, gewirtschaftet, und dazu noch allerhand Eigensinnigkeiten gekriegt. Tas ist das eine. Zum andern ist es doch klar, daß ein Mensch, der um Haus und Hoj gekommen ist, nicht die Vergnüglichkeit eines Lämmerschwanzes haben kann. Er wird immer versuchen", sich in'die Hacken zu beißen, und wenn ihm das nicht gelingt, so wird er sich unzufrieden fühlen." „Braucht er denn in seiner Unzufriedenheit den Kuchen, den ich für unsere Baroneß zum Kaffee gekauft hab', zum Limburger unter die Käseglocke zu legen?" „Allmächtiger! Aber das ist doch ein offenbares Versehen, Fieken!" „Und mich Schreckschraube zu schimpfen?" „Tarin liegt schon mehr Ueberlegung, obwohl eine gewisse Boshaftigkeit nicht zu verkennen ist. Ich werd' mit ihm reden." Tie Wirtschafterin wandte den Kopf zur Seite und machte eine Handbewegung, welche sagte: Tat wirst lange reden, bis ihm was gefällt! Tann sah sie sich scheu um und raunte: „Cs ist auch nicht mehr geheuer im Hause, Herr StaÜe- row, seit der olle Baron da ist. Ich kann mir nicht helfen." „Nanu?" Sie zog die Augenbrauen hoch und nickte. „Gleich vom ersten Tage an hat es hier ganz eigentümlich gerochen, und das ist immer schlimmer geworden. Manchmal hör' ich auch so merkwürdige Töne —" „Meinen Sie, daß das mit dem Baron zusammenhängt. Fielen?" fragte Jochen Staberow, indem er den Zeigefinger benetzte und angelegentlich einige Kuchenkrümel vom Küchentisch aufstippte. „Der kann gar nicht so hoch piepen, wie sich das aithört. Außerdem piepte es neulich auch, als ich, mit dem , Baron sprach, und da hat er einen Kopf gekriegt, so rot wie seine Nase, und einen fürchterlichen Husten." „Tas ist ja merkwürdig. Wo piepst es denn aber?" „Ich weiß nicht, Herr Staberow. Manchmal war es wie bon Ratten, und dann wieder, als wenn ein Schwein gemarkelt wird — Sie haben ja'auch so'n fürchterlichen Husten, Herr Staberow!" „Tas geht vorüber. Fielen. Ich muß mich bloß tonn» dem, wie Sie auf so ivas kommen. Ein Schwein! Ich bitt' Sie. Da ist doch gar ntcht dran zu denken!" „In den letzten zwei Tagen habe ich auch nichts mehr gehört. Aber es ist und bleibt unheimlich, Herr Staberow. Alle Augenblicke ist meine Milch verschwunden und das Brot alte. Sogar die Kartosfelschalen, welche die Rütz'n von drüben sich sonst immer abholt, sind weg! Ich bin schon ganz verängstigt. Und was macht bloß der Baron da ganz oben in der Dachkammer, wo ihm das Steigen mit "seinem Holzbein so schwer fällt!" „Aber Fielen, das hab' ich Ihnen doch schon ausein- anderposamentiert. Ter Baron ist an einen freien, la eiten Blick gewöhnt, und da will er oben die.schöne Aussicht genießen, durch die Dachluke." Fräulein Sophia Silbermann brachte den Mund dicht an das Ohr ihres Herrn und flüsterte: „Das ist nicht wahr, Herr Staberoiv. Als ich gestern 754 abend nut den Unterboten stieg, unt mal nach den Weih- nachtsäpfeln zu sehen, habe ich ihn reden hören — oben unterm Lach — wie mit einem kranken Menschen." Sie schauderte zusammen und umklammerte seinen Arm mit beiden Händen. Die Einwendung, zu der Jochen Stabe- row tief Atem holte, erstickte sie mit einem leisen: „Ssssst! Ich hab' es ganz genau gehört. „Mein Nucke- chen", hat er gesagt, „tu mir alten Mann den Gefallen und stirb mir nicht. Es tst ja nichts mit der Stadt für dich, das seh' ich ivohl ein — unb für mich auch nicht. Aber du bist doch das einzige, Nuckechen, was mir noch geblieben ist von meinem lieben Pardubitz. So ist's recht — leg' dich aus die andere Seite — aber halt' aus, mein Nuckechen! Menn du stirbst, dann hab' ich nichts mehr von aÄem, was ich gehabt habe!" Dann hat er geschluchzt, Herr Stabe- row, daß es mir heiß und kalt geworden ist. Und da bin ich 'runtergelaufeii, was mich die Beine tragen wollten." Jochen Staberow hatte sich abgewandt und in sein Sacktuch geschneuzt. „Da müssen Sie sich nichts bei denken, Sophia, das sind alles die Polypen." „Achott, das ist mir zu unheimlich, Herr Staberow. Nu sitzt er, seit der Justizrat Abel aus Neubrandenburg dagewesen ist, wieder oben. Und das sind schon Stunden!" „Ter Justizrat war da?" ,^Jawohl, und es muß was Wichtiges gewesen sein. Ter olle Baron hat getobt wie ein wütender Waldesel und ist dann 'raufgestampft; der Justizrat aber hat noch lange mit der Baroneß gesprochen. Die arme Baroneß hat hinterher schrecklich geweint, wo ihr doch so schon die Augen wehtun von dem vielen Sticken und Häkeln für Leyser'n sein Weihnachtsausverkauf!" „Tas hätten Sie mir man gleich sagen sollen. Fielen, und nicht erst so'n dummen Schnack machen von wegen Schweine und Gespensters." Jochen Staberow verließ die Küche und ging schräg über die Tiele zur Wohnstube. Ehe er aber die Tür öffnete, wischte er mit beiden Zeigefingern in den Augenwinkeln herum _ und legte sich unter verschiedentlichen Grimassen ein Gesicht zurecht — ein möglichst harmloses und unbewußtes sozusagen. 'Tag, kleine Baroneß! Immer noch im Betrieb? Und bei dem schlechten Licht? O, und was'« seinen Long- shawl!" _ „Das wird ein Tischläufer, Onkel Staberow", ertoiberte Josefa von Knieper mit müdem Lächeln, ohne das Gesicht von der Stickerei zu erheben. „Ei der Flix! So was gibt's auch? Aber fein ist das, pukfein. Der Leyser hat gesagt, daß ihm so eine schöne Arbeit, wie du sie machst, überhaupt noch gar nicht vorgekommen wäre. Jedes Stuck geht ab wie warme Semmel. Du sollst gesund bleiben, hat er gesagt, und er würd' dir zulegen. Ja. Was ich noch sagen wollte, Baro- neßchen — oder wolltest du was sagen?" Ein leises Kopfschütteln. „Eigentlich wollt' ich auch nichts sagen. Das heißt, die Geschichte mit dem Ferkel hat Fieken nu doch bald spitz. Sie hat schon was gerochen davon und auch schon was gehört. Es kann nicht mehr lange dauern, dann wird sie was sehen „Unb bas wäre Wohl das beste, Onkel Staberow. Das Versteckenspiel — verzeih! — dünkt mich Eurer nicht ganz würdig. Außerdem ist Papa geradezu beuilruhigend in der letzten Zeit, seit das Tier krank ist. Er ist völlig zerfahren und unzugänglich. Selbst nachts höre ich ihn im Nebenzimmer von dem Ferkel sprechen." „DaS tut er am Tage auch, wie ich vorhin gehört habe. Aber du hast ganz recht, es ist im Grunde eine Schaube für so ein paar alte Knöppe, sich vor Fielen untern Dachfirst zu verkriechen. Schließlich bin ich doch Herr im Hause, Donnerlichting! Und toeuit ich mir in meiner guten Stube eine ganze Zucht von Yorkshire anlegen wollte, bann hält' mir auch keiner was reinzureden. Gleich werde ich das nachher in Ordnung bringen, wenn Fielen erst in etwas besserer Stimmung ist. Solch ein Ferkel ist doch leine Fledermaus, die unter den Dachsparren auskommt. Da muß es sich ja verkühlen und krank werden. Ich werd' es auch lieber gleich besorgen —" „Nein, bleib', Onkel Staberow, einen Augenblick." Die Baroneß ließ die Arbeit sinken und legte die Rechte für einen Au gen lick über die schmerzenden Augen. Als sie bann aufblickte, erschrak Jochen Staberow ordentlich über das blasse Leidensgesichl. „Es wird so nicht gehen", sagte sie einfach. „Ich habe eine Stelle angeboten bekommen, die ich annehmen werde." „Eine — Stelle? Du bist wohl, mit Verlaub, ein bißchen rappelig?" „Ich kann nicht anders, Onkel Staberow. Abgesehen davon, daß ich dir trotz aller Mühe immer noch aus der Tasche liegen muß mit Papa —" „Baroneßchen, der Hochmut ist das schlimmste, was du kriegen kannst!" „Nein, nein, es geht so nicht mehr, auch wenn ich deine Opferwilligkeit weiter mißbrauchen wollte. Es ist übergenug, wenn du dich noch Papas annimmst, bis ich allein für ihn sorgen kann. So lange will ich fort, weit fort!" „Aber weshalb denn, Kindchen?" „Weil ich mich sammeln und etwas in mir klaren muß, Onkel Staberow. Weil ich sonst irre werde! Ich fühle es!" Das klang wie ein Aufschrei eines gepeinigten Herzens. Sie schlug beide Hände vor das Gesicht. Dann reckte sie die Arme über den Tisch und ergriff die rauhe Hand des väterlichen Freundes in krampfhaftem Druck. „Kannst du ihm nicht sagen, daß er mir meinen Frieden lassen soll!" rief sie verzweifelt. „Den Frieden, den ich brauche in all dieser Angst und diesem Elend!" „Ich! Wem! Belästigt dich etwa jemand, Baroneß? Den frikassiert der Teufel bei lebendigem Leibe!" „Herr von Meck belästigt mich nicht. So nicht! Er ist öfters in der Stadt, und bann sehe ich ihn wohl gelegentlich. Er ist persönlich so zurückhaltend, wie ich es nur wünschen kann. Aber sonst! Ich weiß, daß alle Arbeiten, die ich abliefere, von ihm gekauft werden. Ich weiß —" „Stop mal! Weshalb soll der Wann nicht auch Long- shawls kaufen?" „Gewiß. Dabei ist an sich nichts. Auch weiß ich, daß ich wider seinen ausdrücklichen Willen davon erfahren habe. Aber verstehst du denn nicht? Ich kann und mag auch nicht indirekt für diesen Mann arbeiten, den mein Vater haßt, wie er nie zuvor einen Menschen gehaßt hat! Der, toeun Vater im Recht war heute, uns belogen und bestohlen hat! Der —" „Du mußt nicht so fix aufzählen, Baroneß. Ich kann nicht folgen. Handelt es sich um Pardubitz?" ,,xS a. „Dann ist Vater nicht im Recht. Erzähl' weiter." „Justizrat Abel war hier und teilte uns im Auftrag des Herrn von Meck mit, daß uns ans der Verrechnung noch ein Kapital von zehntausend Mark zustehen würde —" „Was hat er gesagt?" „Es ständen uns noch zehntausend Mark zu, die er auf Wunsch in eine Reute von zweitausend Mark umwan- deln wolle — aber was hasst du?" Wie sich Jochen Staberow anstellte, das nahm sich allerdings verwunderlich aus. Er hüpfte in der Stube umher wie ein wahnsinnig gewordener Schuhplattler. Erst nach völliger Erschöpfung ließ er sich in den Stuhl fallen unb fragte außer Atem: „Also deshalb Schwindler und Gauner?" „Vater vertrat den Standpunkt, daß Herr von Meck das Geld uns bisher unrechtmäßig vorenthalten habe und daß er jetzt nur deshalb etwas herausgebe, um uns wieder die Abhängigkeit von ihm fühlen zu lassen." Jochen Staberow wurde ernst. Feierlich ernst. Vielleicht klang es nur deshalb so hart, weil er noch etwas knapp an Luft war, als er sagte: „Das ist der gräulichste Unsinn, den ein krankes Hirn je ausgebrütet hat, mein Kind, und zugleich auch die blutigste Ungerechtigkeit! Wenn ich da weiter schweigen wollte, würde ich eine Hundsfötterei begehen an einem Menschen, der unter Glas und Rahmen gesetzt und mit der Unterschrift: „Eine Seele von Kerl" öffentlich ausgestellt werden müßte. Baroneß! Ich, Joachim Johannes Staberow, sage dir folgendes, unb wenn auch nur eine Silbe davon nicht stimmt, dann will ich mein Lebelang keinen Portwein mehr, sondern bloß noch verdünnte Schwefelsäure mit Glasscherben trinken: Als Pardubitz unter Sequester kam, war das Gut dermaßen verschuldet, daß Vatern nicht mehr ein Ziegel, nicht ein Strohhalm gehörte. Wer das Gut zu den Schulden übernimmt, wie das Herr Von Meck getan hat, 755 sitzt mit mindestens dreißigtausend Mart in den Nesseln. Mädchens haben ja im allgemeinen keinen Rechenverstand, aber wenn du dir nu das Exempel nicht selbst zusammen- kalmüserst —" „Barmherziger Gott! Dann hat er —" fZ92citiirlid) fjnt cx !/y „Aber weshalb?" schrie sie auf. „Ich beschwere dich, weshalb?" Jochen Staberow machte runde Augen und hob die Schultern fast bis zu den Ohren. (Schluß folgt.)' Are WeihnaÄlspaüete. Von Josela Vogt. Nachdruck verboten. Die Auswahl der Weihnachtsgeschenke ist an sich schon eine Sache, die Kopfzerbrechen niacht. Für die eigenen Fainilieninitglieder ist ja schließlich eher noch was Passendes gefunden; aber für die auswärts wohnenden Verwandten das Richtige zu treffen, dazu gehört schon eine Gabe, die nicht jedermann besitzt. In den früheren Jahren hatte ich noch immerhin Glück gehabt derart, daß ich mir wenigstens keine abfällige Kritik zngezogen hatte, aber in diesem Jahre wollte mir gar nichts Passendes einfallen. Ich grübelte und sann und sann und grübelte, — aber all das half nichts. Ich streifte Nachinittag für Nachmittag die Schaufenster ab, es war absolut nichts aufzutreiben. Da beschloß ich einen Appell an die allerletzte Instanz, an meinen Mann. «Hör' mal, Männchen," wandte ich mich eines Abends an ihn, „was meinst du denn, was wir diesmal Onkel Adolf zum Feste schenken sollen?" „Das dürfte mir so ziemlich Wurscht wie Schale sein," antwortete er ebenso grob wie brummig, denn er konnte den alten, guten, lieben, braven Onkel Adolf ganz und gar nicht leiden, „Der alte Geizkragen lässt das ganze geschlagene Jahr nichts von sich hören. Selbst das Datum deines Geburtstages vergißt er mit konstanter Bosheit, nur um den Portogroschen zu sparen." „Das ist nicht wahr," gab ich gereizt zurück. „Ich muß mir ausbitten, daß du von meinen Leuten nicht so despektierlich sprichst. Aber solche ■ alten Junggesellen sind nun einmal wunderlich und Onkel Adolf hat die Marotte, die Post nicht reich machen zu wollen." „'ne schöne Marotte das," höhnte mein Mann, „da kannst du dich ja ohne weiteres revanchieren. Schicke ihm doch das Weihnachtskistchen unfrankiert. Wir wollen die Ueberschüsse der Postverwaltung erst recht nicht ins Ungeheuerliche steigern helfen." Ich verzichtete auf eine Erwiderung, die doch nur noch mehr Oel ins Feuer gegossen haben würde, hielt es vielmehr für angezeigt, ein anderes Thema anzuschneiden und zwar ein solches, das die Familie meines Mannes betraf: „Und auch für deine Tante Jette habe ich noch keine Ausivahl treffen können," lenkte ich ein „und die ist doch für kleine Aufmerksamkeiten sehr empfänglich." „Auch für große", unterbrach mich mein Mann so eifrig, daß ich merkte, ich hatte das Nichtige getroffen, „und da es sich in diesem Falle um unsere Erbtante handelt, wäre jede Knauserei vom Uebel. Da muß ich wohl oder übel den „Schentlehmann" herausbeißen. Zu welchem Krims-Krams du den schönen Mammon anlegen wirst, darüber gedenke ich mir meinen Kopf nicht zu zerbrechen." Und damit ging er zur Jamilienkassette und entnahm derselben den erwünschten blauen Schein. Nun, — ich hatte zwar den Zweck meines Anliegens nicht erreicht, aber ich war doch mit diesem Ausgange ganz zufrieden. Für das Geld konnte ich Tante Jette ganz anständig bedenken, und daß mein alter, lieber, guter, braver, Onkel Adolf nicht zu kurz kommen sollte, dafür würde ich schon Sorge tragen. Ich begann also meine Weihnachtswanderungen von neuem. Und merkwürdig: früher, als die Preise für mich ausschlaggebend gewesen waren, erschien mir gar nichts des Kaufens wert, — jetzt aber, wo ich nicht mehr zu knavpsen und zu knausern brauchte, hätte ich am liebsten ein Schaufenster um das andere ausgekauft. Und als ich des Abends nach Hause kam, war schon alles komplett. Für Onfet Avals hatte ich erstanden: eine Biberpelzmiitze, eine in Schildpatt ausgelegte große Schnupftabaksdose, einen Stammtischhumpen mit der Inschrift: Hopsen und Malz, der Himmel erhalts, zwei Flaschen Getreidekümmel und einige Pakete Pastorentabak, weil ich wußte, daß der Onkel aus der guten allen Zeit sich seine lange Pfeife in das Jahrhundert der Zigarren und Zigarretten hinübergerettet hatte. Für Tante Jette >var bestimmt: eine große Küchenschürze mit Latz, ein Paradehandtuch, auf welches ich sticken mußte: Was bess'res gibts auf Erden nicht als Friede«: nnb ein gut Gericht, eine Düte Pralinees, ein paar Tafeln Schokolade und zwei Fläschchen Eau de Cologne. Diese Ausivahl fand ich allerliebst und den praktischen Verhältnissen sehr angemessen. Jetzt handelte cs sich nur noch darum, die Sachen in zwei Kistchen zu verstauen und diese so rechtzeitig der Post zur Beförderung zu übergeben, daß sie von den: großen Weihnachtspaket-Trubel nicht berührt wurden. Ich hatte nämlich schon einmal die traurige Erfahrung gemacht, daß die Kisten erst nach den Festtagen an- gekommen waren und deshalb nicht mehr den richtigen Weihnachts-Effekt erzielt hatten. Deshalb beschloß ich jetzt, die Kistchen schon in der ersten Hälfte des Dezember aufzugeben. Die Verpackung ging denn auch tadellos von statten. Ich füllte selbst die gelben Begleitformulare aus und war eben dabei, die Kistchen zu adressieren, da wurde unerwarteter Besuch gemeldet: Frau Hauptzollamtskasscnkontrolleurin Biedermann sprach bei mir vor, um mit mir die letzten Anordnungen für die Bescherung armer Waisenkinder zu treffen. Rasch stellte ich die Kistchen beiseite: rechts das für den Onkel, links das für die Tante bestimmte. „Also es bleibt dabei, liebste Fran Josefa", erklärte die Frau Kontrolleurin, „daß die Sache am 13. nachmittags vor sich geht." „Ganz meine Ansicht", pflichtete ich bei. „Und ivas ich noch sagen ivollte. Liebste, Beste", die Dame schien noch allerlei auf dem Herzen zu haben. „Wissen sie's denn schon, daß . . . Was, das wissen Sie nicht? Na hören Sie mal . . . Nein, da müssen Sje schon gestatten, daß ich noch ein Weilchen mich verplausche. . . . Wie, cm Täßchen Kaffee offerieren Sie mir? Ach, wie gütig. Und diesen Streußelkuchen esse ich so gern. Na, dann lassen Sie schon den Kaffeetisch decken. O, bitte, bitte, nur keine Umstände. Also, ivas ich sagen wollte . . . Ach, wenn ich nur mehr Zeit hätte, daß ich ihnen auch die Vorgeschichte erzählen könnte, — aber Sie glauben nicht, wie ich beschäftigt bin. Bei mir könnte der Tag achtundvierzig Stunden haben und da wäre er mir immer noch zu kurz. Ach bitte noch ein Tröpfchen Sahne, — oh, oh, delikat. Beziehen Sie die aus einer Molkerei? Und der Streußelkuchen — vorzüglich. Wohl selbstgebacken? Also was ich sagen ivollte . . ." Und nun ging das Erzählen los! Zuerst das arme Lieschen. Philipp! Dieser gemeine Mensch von Prokurist hatte das bedauernswerte Geschäft gerade vor Weihnachten sitzen lassen. Dann die anonymen Briefe. Nee, wenn man das Scheusal raus kriegte, das die geschrieben hat. Aufhängen, verkehrt aufhängen. Weiter der Aufwand, den dieser Richter treibt. Na, wenn den das Weihnachtsgeschäft nicht herausreißt, damr ist die pleiteste Pleite fertig. Und dann dieser Obertertianer von Beckers. Einmal ist er schon sitzen geblieben. Nun hat er schon wieder ein schlechtes Zeugnis nebst einer Sittennote. O, das konnte noch mal ein sauberes Früchtel werden! Schließlich der Unterzollamtsbeamte Loewel In einer Nacht hatte er im Schafkopsspiel 24 Pfennig verloren und drei Schnitt Löwenbräu ankreiden lassen. Avancieren konnte und durfte solch' eine Spielratte und solch' ein Saufaus nicht, gar nicht, nun und nimmer . . . Zwei Stunden lang mußte ich mir diese instruktiven Vorträge anhören. Es schien mir, als ob einige dunkle Wolken durch meinen Kopf zögxn, der mir ganz benommen vorkam. Wie durch einen dichten Nebel hörte ich endlich: 766 -< ,?Hfo es bleibt dabei, liebste, beste Frau Josefa . , / „Ganz meine Ansicht/ — das waren die einzigen Worte, die ich noch hcrvorznprcssen vermochte .... ich sah die Frau HauptzoUamtZknssenkontrolleurin in sclwachen Umrissen zur Tür hinausflattern und sank erschöpft in ein Fauteuil-- Laß ich an diesem Abend die Kistchen noch adressiert habe, ist mir in sehr unangenehme Erinnerung gebracht worden. Heute nämlich mit der ersten Post kam eine Karte vom alten, lieben, guten, braven Onkel Adolf, eine Karte natürlich nur, denn der alte Herr liebte cs nicht, die Post zu bereichern. Auf der Karte standen folgende Liebenswürdigkeiten: „Ich verbitte mir in -Zukunft Eure unreifen Großsiadt- wihe. Tas Kistchen habe ich dem alten Weiberspittel überwiesen. In Zukunft laßt in Ruhe Euren alten Onkel Adolf/ Co ganz begriffen hatte ich den Inhalt bis zur Ankunft der ziveiten Post noch nicht, und die brachte einen Brief, in dem cs hieß: „. . . . Solche Tummheitcn solltet Ihr mit einer bejahrten Frau doch nicht machen. Für Späße dieser Art müßt Ihr Euch schon jemand anders aussuchen. Das Kistchen ist ins alte Aiänncr-Sicchenhaus geivandert. Blich laßt mit Aprilschickereicn zufrieden. Tante Jette/ Jetzt dämmerte mir die Erkenntnisl Ter Redeschwall der Frau Haiiptzollaintskassenkontrollenrin hatte cs ziiwege gebracht, daß ich die Adressen der Weihnachtskisten verwechselt hatte. Onkcl Adolf hatte die Eau de Cologne gekriegt. Tante Jette war der Pastorcntabak beschert worden. Nun war die Familienursehde fertig. Weihnachten. Bon Hermine Fischer. Nachdruck verboten. Weihnachten feiern wir im dankbaren Gedenken an die Geburt des Heilands. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war nur eine rein kirchliche Festlichkeit damit verbunden, und auch diese besondere Feier verbreitete sich erst ganz allmählich im Morgenlande. Seit Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. ist Weihnachten ein Fest der allgemeinen Christenheit geworden. Damals dachte aber niemand daran, eine häusliche Feier damit zu verbinden. Die Gläubigen versammelten sich in der Kirche und wenn der Gottesdienst beendigt war, war dem religiösen Gefühle Genüge getan. Niemand kam auf den Gedanken, den Nächsten zu beschenken und solcherweise seiner Freude den besten Ausdruck zu geben. Dazu kam, daß das Weihnachtssest im engsten Zusammenhänge mit dem gewohnheitsmäßig gefeierten Feste aus der Heldenzeit, dem „Sonnenwendfeste" stand. An ihm gab man zwar in lauter Weise seiner Freude über die beginnende Neubelebimg der Natur Ausdruck und erquickte sich au der Hoffnung, daß die befreiende Sonne trotz Nebel, Kälte und Dunkelheit vom Jultage an langsam aber sicher die Herrschaft wieder antretcn würde, dabei ließ man es aber auch lange Zeit bewenden. Als das Christentum in Deutschland unter Karl dem Großen um 800 eingeführt tvurde, hielten die alten Germanen es insgeheim noch mit den ererbten Gebräuchen. Wenn sie aber das Jnlfest in gewohnter Weise feierten, gehörte unbedingt, im Norden Deutschlands wenigstens, ein mit Lichtern geschmückter Tannenbaum dazu. Dieser stammt ursprünglich aus Norwegen, wo man sich beim Schein der freundlichen Kerzen über den eisigen, langandaneruden, nordischen Winter hinwegtauschen konnte und sich bei dem Strahlenglanze auf das belebende Licht des Lenzes freute. Auf diese Weise ward der Lichterbaum auch unseru Vorfahren ein Hoff- nungssymbol, das sich auf die Nachkommen vererbt hat. Wrr g-anben, kein rechtes Weihnachtssest zu feiern, wenn uns rna-t ein Tannenbaum begrüßt. Seit Luthers Zeiten fehlt er am heiligen Abend weder in Hütte noch Palast: reich behangen und im Lichterglanze strahlend, oder ärmlich ausgeschmüüt und mit nur wenigen Lichtlein bedeckt, man findet ihn in allen Häusern, weit und breit zur lieben, schönen Weihnachtszeit! ... t ** Deutsche Weihnachtsfeier vor 300 Jahren. Als man noch nichts vom leuchtenden Christbaum wußte, da war auch noch nicht an die Bescherungen zu denken, die auf dem Tische ausgebreitet tage». Geschenke gab es wohl, zumal für die Kinder, doch hielt man alles wohl verpackt und legte diese Christbürden bescheiden der Reihe nach in eine Ecke der Stube. Nun mußte jeder seine süße Last herbeischleppen und jubelnd enthüllen. Auf dem weißgedeckten Tische prangten drei zinnerne, wohl auch silberne Leuchter mit Talglichten. Das war ein ungewohnter Festglanz! Sonst reichte ein einziges für den düsteren Winterabend. Da donnerte es an der Tür. Gefürchtete und dennoch unvermeidliche Gäste begehrten Einlaß: die „Christlarven", eine vermummte Rotte junger Burschen, die in frommer Gestalt sich durch Bettelei uno allerlei Unfug lästig machten. Ihr Christspiel, was sie aufzuführen pflegten, war ursprünglich eine Szene aus dem Leben Jesu, der auch persönlich dargestellt war, doch plapperte Knecht Ruprecht als pelzvermummter Popanz dazwischen und der heilige Josef mußte den Spaßmacher abgeben. Sie teilten auch kleine Gaben an die Kinder in den Familien aus, liegen' sich dafür natürlich befchenken und bewirten. Schließlich kehrten die 15 wilden Geister im ganzen Hause alles um und stürmten hinaus, wo sie den Kirchgängern auf dem Weg zur Christmette eine wahre Landplage wurden. Die Theologen der Universität Leipzig machten dem Unfug int -Jahre 1680 denn auch ein Ende, wenigstens schlugen sie vor, die Person Christi ganz aus dem Spiel zu lassen und den rauhen Gesellen Knecht Rupre-cht auszustoßen, der wie ein Teufel aussah und die Kinder nur entsetzte. Man sollte Engel und Apostel auftretcu lassen, um die Kleinen zu examinieren oder ernsthaft zu ermahnen, doch alles in geziemenden Schranken, „damit nicht Okkasion zu allerlei Schänd und Ueppigkeit gegeben sei". Die althergebrachten Trinkgelder sollten den Darstellern immerhin erhalten bleiben. Daß dieser heftige Angriff an Ruprechts dickem tyeu abprallen mußte, war voransznsehen. Das ganze Spiel der „Christlarven" kam schließlich in Vergessenheit. Der struppige Pelzmärtel oder der Ruprecht alias Niklas macht dre Kinder auch heute noch fürchten, toemt er sich auch sonst fern manierlich benimmt, denn unsere Hausväter sind nicht mehr so geduldig tote vor Jahrhunderten. Auch könnte ,ich der alte Graubart leicht eine Anzeige toegen groben %V9Lltltb Hausfriedensbruchs zuzieheu. Das wäre fchreck- cm sollte denn aus der Bescherung werden, wenn der Meihnachtsmann — brummt!? — - . .. Weihnachts-Literatur. m — Fritz v. Ostini, Wilhelm v. Kaulbach (Preis 4 Btt. Verlag von Velhagen u. Kiasiiig, Bielefeld und Leipzig). Bewundert und gefeiert, wie nur selten ein Künstler, kam Kaulbach schnell m Vergessenheit. Ja, es wurde Mode, über ihn und stm Schaffen den Stab zu brechen. Ostini meint nun, daß der Schöpfer der großen Monumentalgemalde im Berliner Museum, daß der Zeichner, der unsere Klassiker deutete, bemt doch „ein ganzer Kerl, war. Der Band wirkt nicht nur durch den geistreichen Text, auch durch den mit besonderer Liebe zusammengetragenen bildlichen Schmuck. Man darf wohl sagen, daß die 143 Abbild- ungen das Schaffe» Kaulbachs in allen wesentlichen Phase» getreu widerfpiegeln. ErgänzungsrkLsel. Nachdruck verboten. H . lG . s,. h . b .. . ö .. u D .. g . n, U .. b ,. f.. h . n s. j. l u .. e .. s. — U .. , a , v ., ( w .. s. .« v .. l. r .. g . n, W.n, , u »i.s .e. Z.i.e. .e,,s.l Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckratsels in voriger Nummer: Ter beste Kutscher kann umwerfm, Redaktion: Ernst Heß. — Roiattonsdruck und Vertag der BrühlZchen UnwcrstlälS-Buch. und Stemdruckereh N, Lange, Gteße«-