Mr. 156 906 fflBf IQghy WonLüg den 22. Gktoöer M IgfaTui Am Manne des Heßeimmsses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten., (Fortsetzung.) Dann, nach und nach, als ein gewisser Grad von ruhiger Ucberlcgung zurückkehrte, begann sie zu denken, daß noch nicht alles verloren sei. Gewiß, sie waren einander wieder begegnet, diese Mutter, dies Kind, die so lange getrennt gewesen, doch ihr Geheimnis war gesichert, als ob sie sich nie gesehen. Ter junge Mann konnte niemals, auf keine Art und Weise, entdecken, daß die glänzende und schöne Herrin von Kenninghall seine Mnttcr war, ebensowenig konnte Lady Wayne jemals erfahren, daß der Held, den sie so sehr bewunderte, ihr eigener Sohn war. Wer sollte es ihnen sagen? Selbst wenn Kate Jefferies und Lady Wayne sich je treffen sollten, so konnten sie sich nicht wieder erkennen. Kate hatte ihre Schwester nur ein einziges Mal gesehen, und damals war obendrein das schöne Gesicht durch die Krankheit und den Kummer entstellt und verändert gewesen. Lady Wayne ihrerseits hatte die Witwe überhaupt niemals gesehen, noch ihren Rainen gehört. Sie brauchte also noch gar nicht verzweifeln. Es war ein furchtbarer Schrecken für sie gewesen; aber sie begann jetzt klarer zu sehen — das Geheimnis war so sicher wie je. Keine Furcht vor irgend welcher fatalen Enthüllung, keine Furcht vor Entdeckung; und Marian West stieß einen langen tiefen Seufzer der Erleichterung ans, als sic in ihrem Gcdankcngange so weit gekommen. P" y schoß ihr durch den Sinn, was ihre Schwester von _ grünseidenen Börse gesagt, und dieser Gedanke ließ ihr wie vorhin das Herz fast stillstehen. Evelyn selbst hatte diese Börse angefertigt und sie ihr vor langen Jahren einmal geschenkt, und sie hatte sie stets sehr geschätzt. Wie hatte sie nur so blind sein und diese Börse schicken können? Was für ein verhängnisvoller Mißgriff — welch äußerst unglückseliger Irrtum! Und, um sie noch mehr zu erschrecken, kam ihr die Erinnerung an ein altes Sprüch- wort: „Wen Gott verderben will, den schlägt er zuvor mit B.ndheit." War. sie denn mtt Blindheit geschlagen gewesen, als sie diese Börse geschickt hatte? Evelyn brauchte sie nur einmal zu sehen, um sie sofort wieder zu kennen. „Ich muß sie also wiederbekommen", sagte sie sich, „einerlei, wie. Ich muß sie haben, und dann ist mein Liebling wieder einmal sicher." 20. Kapitel. Regentropfen auf der Terrasse. Eine heitere Familicngruppe ist im Frühstückszimmer auf Kenninghall versammelt; Lady Wayne, die sehr schön und anmutig in ihrer Morgentoilette von blaß hcliotropfarbener Seide aussicht; Miß West, nicht ganz so zufrieden und ruhig blickend wie gewöhnlich; Lord Wayne, in seinen Stuhl zurück- gelchnt und in die „Times" vertieft. Dann und wann unterbricht er seine Lektüre, um über die tollen Einfälle seiner Tochter mitzulachcn und ein heiteres Wort dazwischen zu werfen. Elsie Wayne ist in bester Stimmung; sie ist beinahe sechzehn, und das schreckliche Pensionat liegt endlich hinter ihr. Wirklich, Lady Wayne hat vorhin gerade gesagt, daß sie Musik- und Zeichen-Unterricht so lange haben kann, wie sie will, daß sie aber nicht mehr zur Schule zurückbraucht. „Ist meine Erziehung beendet, Mama?" fragte Elsie. Und Lady Wayne lächelte ihr betrübtes Lächeln. „Mein Liebling", sagte sie, „im eigentlichen Sinne des Wortes hat sie kauin erst begonnen." „Was, Mama?" rief Elsie überrascht; „ich will nicht prahlen, aber ich kann deutsch, französisch rind italienisch gut sprechen — flüssig, sagten meine Lehrer — und ich bin mit meiner Musik und nieinem Zeichnen auch nicht zurückgeblieben." Lady Wayne lächelte wieder über das beküunncrtc Gesicht ihrer Tochter. „Das sind Talente und Fertigkeiten, Elsie", versetzte sie; „Erziehung liegt viel, viel tiefer." Doch Elsie hat bald shre Munterkeit wiedcrgewonnen und sitzt schäkernd, lachend, voll tausenderlei bunter Einfälle am Frühstücksiisch, das schönste Bild jugendlicher Schönheit und jugendlichen Liebreizes. Sic erbt ihrer Mutter strahlende Schönheit, dasselbe reiche goldigbraunc Haar, lachende dunkelblaue Augen, süße, volle Lippen und die schlanke graziöse Gestalt. Lord Wayne liebt seine Tochter sehr iind ist anßcrordentlich stolz auf sie. Sie ist keineswegs übermäßig reserviert iind achtungsvoll in ihrem Benehmen gegen die Eltern, sondern plaiidcrt mit ihnen, als ob sie ihnen vollständig gleich stände. „Wenn Du gerade aus einem Pariser Pensionats nach Hanse zurückgekehrt wärest, Papa", sagte sie, „würdest Dir Dein Frühstück höher schätzen als Deine Zeitung/< „Warum, Elsie?" fragt Lord Wayne. Stelle Dir bloß den Unterschied vor zwischen einer Tasse schwarzen Kaffee mit einer trockenen kleinen Semmel und diesem üppigen Frühstück; wie Dee schmeckte, hatte ich überhaupt ganz vergessend „Ich bin überzeugt, Elsie", versetzte Miß West, „daß Madame Grignaud einen ausgezeichneten Tisch führte." „In seiner Art, Tantchen; Du besitzest in hohem Grade das, was Monsieur Dubois die Kunst der Beschränkung der Rede zu nennen pflegte." Miß West war a.n den Konversationston ihrer Nichte vollständig gewöhnt. „Du wirst heute morgen ausfayren wie gewöhnlich, Evelyn, nicht wahr?" erkundigte sich Lord Mayne inzwischen. Elsie blickte durchs Fenster auf die blühenden Blumen und grünen Bäume. „Mama", sagte sie plötzlich dazwischen, „da wir erst so spät angekommen sind, ist noch keine Zeit gewesen, über meine Zimmer zu bestimmen. Ich mag das, was ich jetzt habe, nicht leiden." „Warum nicht?" fragte Lady Wahne. „Mir gefällt Süden am besten; die Aussicht von den Fenstern ist viel hübscher als von den meinigen." Aber Elsie hatte schon wieder einen anderen Gedanken. „Ich glaubte schon, heute wäre es mit dem Ausfahren nichts gewesen", sagte sie. „Ich bin die halbe Nacht von dem Regenplätschern wach gehalten worden; ich dachte die Welt halb überschwemmt zu finden." „Was Regenplätschern", bemerkte Lord Wayne mit einem halben Blick über leine Zeitung. „Gestern haben die Gärtner noch alles begossen, und heute morgen war schon wieder alles trocken. Ich glaube, seit wenigstens zwei Wochen ist kein Tropfen mehr gefallen. Du hast geträumt." „Nein, nein, Papa, wirklich nicht; ich hörte ganz deutlich, wie die Tropfen gegen das Fenster und auf die harten Steine der Terrasse schlugen?" „Wo schläfst Du?" fragte der Lord, die Zeitung hinlegend und seinen Blick auf sie richtend. „Im westlichen Flügel, in einem der großen Zimmer, die auf die Terrasse gehen." „Dann, Elsie, hast Du den Geist von Kenninghall gehört." „Wirklich, ja?" rief sie und klatschte in die Hände, „o wie reizend!" Aber Lady Wayne wär sehr blaß geworden, und Miß West war e§ augenscheinlich unbehaglich. „Bevor irgend ein Unglück, Kummer oder dergleichen den Waynes droht", sagte Lord Wayne, der eher Stolz als etwas anderes über die Familien-Sage empfand, „läßt sich dies Geräusch ähnlich wie fallende Regentropfen vernehmen." „Ich mag nicht davon hören", sagte Lady Wayne abwehrend. „Lady Beverley erklärte vor Jahren, als ich hierherkam, sie Habe es gehört; es ist. über damals kein Unglück gefolgt, Mortimer." „Keins, von dem wir wissen, allerdings; aber die Sage ist seit vielen Jahren in der Familie." Da Lord Wayne bemerkte, daß es seiner Gattin augenscheinlich unangenehm war, das Thema weiter zu erörtern, änderte er das Gespräch. „Wir werden einige unserer altmodischen Gewohnheiten wohl ausgeben müssen", lächelte er und blinzelte Elsie zu. „Unser Töchterchen wird Bälle, Partien und Föten haben wollen." „Wir erwarten einige Besuche für heute", versetzte Lady Wayne. „Du wirst Dich erinnern, Mortimer, Lord St. Gilbert und sein Freund — der junge Herr Werner, der Dir so gut gefällt" „Heute?" wiederholte er, sich entsinnend; — „richtig! Ich hatte jo, eine Ahnung, es wäre nächste Woche. Hast Du irgend jemanden mit ihnen eingeladen?" , „Mrs. Gizzard hat versprochen, Alice und Claire atif eine Woche zu bringen." „Gut, gut, sie werden Elsie gefallen."- „Mir gefallen alle Leute, Papa; aber einige natürlich besser wie andere." — o s. Frühstück wär vorüber; Lord Wayne entfernte sich. Lady Wayne erinnerte sich, daß sie noch einige Einladungs- Breschen zu schreiben hatte. Elsie eilte hinaus in den Ao Brenen und Schmetterlinge den Sonnenschein nach Kräften benutzten. Marian West blieb allein. Es war ein Glück für sie, daß niemand in der Nähe tviar, der ihre Aufregung und ihre Blässe bemerkte. murmelte Jie vor sich hin, „und piese gersterhafte Warnung wiederholt sich zum zweiten- male. O, mein Gott, was bedeutet es? Was soll ich tun? soll ich es überleben, ihn hier im Hause seiner Mütter und die beiden sich als Fremde begegnen zu sehen? Ich wollte, ich wäre tot! Ich wollte, ich könnte sterben!" Ein ungewöhnlicher Wunsch für eine so tapfere und mutige Natur wie Marian West! „Es nutzt nichts, der Sache aus dem Wege zu gehen",- dachte sie dann; „ich muß mich stählen, allem Kommenden entgegenzusehen und alles zu ertragen. Großer Gott, was sollte daraus werden, wenn ich nachgäbe, unterläge? Wie viele Leben scheine ich in meiner Hand zu halten? Ach, wenn mir jemand nur sagen wollte, ob es Vorsehung oder Zufall ist, was ihn hierherführt!" Sie versuchte sich ruhig und gefaßt zu benehmen, zu bewegen; sie hielt die Hand empor, um zu sehen, ob sie zitterte. Sie ging zum Spiegel und betrachtete ihr Gesicht,- ruhig, wie sie das eines anderen betrachtet haben würdet „Glücklicherweise", sagte sie sich, „wird nicht viel Zeit vorhanden sein, um von mir Notiz zu nehmen." Ihre Lippen zitterten sonderbar, als sie auf und ab zu gehen versuchte. „Er kommt heuste; Mütter und Sohn Werden heute zusammen sein!" Diese Worte zuckten ihr immer und immer wieder durchs Gehirn. „Er gleicht ihr, hat ihr Haar und ihre schönen, dunkelblauen Augen. Ob jemand das bemerken wird? Ob sich wohl jemand wundern wird,- wie das kommt?" So Lachte und dachte sie, während die wenigen! Stunden dahinrollten, die Vögel und Bienen im Sonnenschein sangen und summten, und der Blumendust wie eine weiche, süße Wolke durch die geöffneten Fenster hereindrang. Sie sah den Gärtner über den Rasen schreiten; einmal vernahm sie auch Elsies süße klare Stimme zwischen! den Blumen und Gebüschen im Parke. Die ganze Helle,- die ganze Musik, die ganze duftige Lieblichkeit des Spät^ sommer-Morgens umgab sie, und trotzdem fragte sie sich,- ob Wohl in der ganzen weiten Welt jemand so verlassen,- so elend sei, wie sie. „Wenn mich doch nur ein Mensch tröstete, wie ich Eve tröste", dächte sie, und sie erinnerte sich, wie sie sie zuletzt getröstet Hatte. „Ich sagte ihr, ihr Geheimnis und die Vergangenheit seien tot und begraben. Warum kann ich' nicht dasselbe glauben? Nicht lernen, ihn wie jeden andern! Fremden zu betrachten? Wer lebt denn auf der ganzen weiten Welt, der zu mir sagen kann: „Es ist Eve's Sohn!"- Dann fuhr sie jäh zusammen; ein liebender Arm nm- schlang sie, und Lady Waynes Stimme, so süß und weich wie immer, sagte: „Du bist noch hier, Marian? Ich glaube, Du hast' dies Zimmer seit dem Frühstück nicht verlassen. Was hast Du nur getan?" „Die Blumen angesehen und geträumt", erwiderte sitz und versuchte jede Spur von Sorge von ihrem Gesicht- zu bannen. „Marian", sagte Lady Wayne sanft, „weißt Du auch, daß weder Mortimer noch ich ganz zufrieden Deinetwegen sind? Du siehst nicht gut ans; Du scheinst nicht glücklich: Ist Dir etwas Huer gegangen, liebe Schwester?" Marian dachte einen Augenblick nach, bevor sie ant-. wortete. Sie sehnte sich, die Frage mit lachendem Munde abzutun, wie sie es so viele andere getan, doch ihre Lippen waren steif und wollten sich nicht zum Lächeln verziehen.- „Nichts, Eve", erwiderte sie endlich, „das Dich besorgt zu machen braucht. Ich bin nicht wohl — ich bin seit einiger Zeit gar nicht gut, nicht wie sonst gewesen; aber Du mußt Dich meinetwegen nicht sorgen — wenn Du das tust, wirst Du mich einfach schlimmer damit machen." „Dann wollen wir unser Bestes tun. Dich auszuheitern",- sagte Lady Wayne. „Und jetzt komm mit mir, Marian, und hilf mir nette Zimmer aussuchen für die Jungens, die kommen." - „Dre Jungens!" rief Miß West, und Lady Wahne lachte laut auf. „Ich weine Lord St. Gilbert ünd Herrn Werner^ Marian. Ich nenne sie Jungens, weil ich, wie du weißte Lord St. Gilbert immer gut habe leiden können, und meist ganzes Herz erwärmt sich für diesen jungen Herrn Werner.- Was, Marian, Hist du schwindelig? Du streckst ja die Hand asts,- als PH Hü nicht sehen könnt,eU- t ' V ’ * t 623 Die Schwestern stimmten in ihrer Zimmer-Auswahl nicht ganz überein. Mr Lord St. Gilbert wählten sie eines der alten Prunk-Schlafgemächer — ein großartiges, prächtiges Zimmer; aber für Herrn Werner wünschte Marian ein hübsches freundliches modernes Zimmer nahe bei dem ihrigen. ,/Ob er nicht lieber nahe bei seinem Freunde ist?" fragte Lady Wayne zweifelhaft. „Ich bin überzeugt, dies Zimmer wird ihm am besten gefallen", sagte Miß West; und tote üblich gab die jüngere Schwester dem Wunsche der älteren nach. „Sein Zimmer ist nahe bei meutern, und wenn er aus ist", dachte Marian West, „so kann ich, die grünseidene Börse wegnehmen." - 21. Kapitel. B esuch aus Keuninghall. Ein herrlicher Spätsommer-Nachmittag, sö boll Blüte, Duft, Glanz und Schönheit, daß kein Verweilen in den Mauern möglich. Elsie Wayne hat es tatsächlich versucht, „ordentlich" zu sein. Sie weiß, es kommt Besuch; und dem Besuch zu Ehren trägt sie eure blaßrosa seidene Toilette, mit einer Perlen-Broche und Perlen-Armbändern. Dem Besuch zu Ehren trägt sie zierliche Roseuknöspchen in dem flutenden goldbraunen Haar, und hat sich bemüht, im Staat im Gesellschaftszimmer ruhig und gesittet sitzen zu bleiben Und den Besuch zu erwarten. Was kann sie tun — der Gesang der Vögel lenkt die Gedanken so ab! „Sind sie alle in einander verliebt, daß sie so süß fingen?" denkt sie heimlich bei sich. Dann sieht Elfte, die eine ganz künstlerische Liebe für Farben hat, einen Falter mit purpurnen Flügeln in den Kelch einer Lilie schlüpfen; sie sieht die geschäftigen Bienen emsig an den dunkelroten Nelken an der Arbeit — wie sie die Nektarien ihres süßen Inhalts berauben. Wie kann sie nur steif da im Gesellschaftszimmer sitzen: wie soll es sie nicht verlangen, im Sonnenschein zu sein? Sie Macht sich also sachte aus und davon ins Meie. „Ich werde es schon hören, wenn zum Diner geläutet wird", sagte sie sich und dann voll Dank, daß sie wieder draußen mitten im Duft und Blütenschimmer ist, eilt sie hinunter ,tn den Garten, wo die schönsten und dustendsten Rosen wachsen. Inzwischen macht Lady Wayne Toilette, fast etwas erstaunt darüber, daß ihr der Gedanke, jene jungen Memden wiederzusehen, so angenehm ist. Zu Ehren ihrer Gäste trägt sie eine jener prächtigen Toiletten, die ihr so gut stehen — schillernde pfirsichfarbene Seide, und dazu einige der weltberühmten Kenninghall-Dtamanten. Sie betrachtet sich; der große Trumeau spiegelt ein königlich schönes Weib wieder, von Diamanten gekrönt. „Werde ich wohl je alt werden?" denkt sie und lächelt. „Mein Gesicht hat sich, soweit ich sehen kann, während der letzten zwanzig Jahre nicht im mindesten zu meinem Nachteil verändert." Sie schwebt hinunter ins Gesellschaftszimmer, so bezaubernd, liebreizend, majestätisch wie immer. Die beiden Herren von Downham haben versprochen, rechtzeitig zum Diner auf Kennmghall einzutreffen, und sie wundert sich, wo Elsie ist — Elsie, die ebenfalls in großem Staat dort sein sollte. Dann zogen der Sonnenschein und die blühende Macht draußen sie gleichfalls unwiderstehlich an; sie ging zum Fenster, und wie sie so dastand, umhüllt von der Weißen Spitzen-Draperie des Bogenfensters, sah sie schön genug aus, um sich in ihr eines jener idealen Wesen zu denken, die die Menschen huldigend verehren. Mrs. Gizzard und ihre beiden Töchter wären kurz vorher angekommen und hatten ihre Ankleidezimmer noch nicht verlassen. Miß West wär, — wie es nun einmal die Gewohnheit älterer Schwestern ist, sich um alles und jedes zu kümmern — eifrig damit beschäftigt, überall nach dem Rechten zu sehen und darauf zu achten, daß alle Wünsche Nnd Anordnungen Lord Waynes auch zur Ausführung gelangten. — „Rosen, Rosen, blühende Rosen, könntet ihr sprechen. Was würdet ihr sagen?" sang Miß Wayne mit leiser Stimme vor sich hin. Sie hatte sich über einen Moosrosenstrauch gebeugt und hielt ein liebliches Knöspchen zwischen den schlanken Mngern. „Ich dächte, Knöspchen würde sagen: „pflück mich sticht. sonst muß ich klagen", lachte eine ftemde Stimme ganz ist ihrer Nähe. Elsie wandte sich hastig um und sah zwei junge Männer, die sich verbeugten und sie mit bewundernden Blicken betrachteten. „Miß Wayne, Sie haben mich doch sicher nicht vergessen? Ich erinnere mich Ihrer so gut, als ob wir erst gestern von einander Abschied genommen." Die offenen, lieben Augen erhoben sich zu den {einigen. (Fortsetzung folgt.) Krauß. . Dem kürzlich in Berlin verstorbenen Schriftsteller Hans Krauß, dem Redakteur der feuilletonistischen Beilage des „B o r w ä r t s", widmet Clara V i e b t g im „Literarischen E ch o" folgenden Nachruf: „Noch nicht fünfundvierzig Jahre alt, ist hoch oben im Norden Berlins in seiner JunggeseNenwohnung der Dichter Hans Nikolaus Krauß gestorben. Er, der wie kaum ein anderer vor -ihm in und mit dem Walde lebte — im Steinmeer Berlins! Er, der ein Frauenschicksal und einen Frauencharakter zu schaffen wußte, wie sie kaum ein anderer Mann je geschaffen hat — als Junggeselle! Ich empsinde tiefen Schmerz über seinen Tod, über diesen Tod. Zwar habe ich ihn nicht gekannt, niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber seit Beginn meiner literarischen Tätigkeit verband mich eine ganz seltsame Freund- schaft mit ihm, eine Freundschaft, in der er immer der Gebende, ich die dankbar Empfangende war. Er las eine Novelle von mir in irgend einer Zeitschrift, damit fing es an. „Sag'ns bloß", mit diesen Worten kam er zu einem mir Nahestehenden, „Ivie hät die .Viebig die zwei Schlußzeilen schreiben können?! Ich laß schön grüßen und sitz sollt' sie wegstreichen!" Er war damals ganz unbekannt/ außer einigen Skizzen war nichts von ihm erschienen. Seins Botschaft kam mir erst komisch vor, denn gerade in den' Schlußzeilen, die er rügte, glaubte ich die notwendige Pointtz meiner Novelle gegeben zu haben. Nach kurzer Ueberlegung aber ging mir plötzlich das Licht seiner Erkenntnis aufl Ich strich die Zeilen, und habe durch die künstlerische Anschauung. die aus seinem Rar sprach, unendlich viel gelernt. Seitdem verfolgte er alles,' was von mir in Zeitschriften gedruckt wurde, mit Liebe und Strenge, und ost, namentlich wenn es sich um Bäume und Felder, um Vögel und anderes Getier handelte, sandte er mir Botschaft, daß ich mich da und dort geirrt. Er kontrollierte meine Natur- schilderungen mit dem Auge des Försters und des Land- manus, — und immer mit denen des Dichters. Denn das war er, — der Lene-Krauß, wie ich ihn immer nannte/ nachdem er seine prächtige „Lene" zum erstenmal uns verlebendigt hatte. Diese Lene ist mir seit Jahren ans Herz gewachsen, wie sie ihm, dem Toten, ans Herz gewachsen war, da er sie durch Freud und Leid eines einfachen und doch innerlich so bewegten Lebens führte. Ich habe immer die Empfindung gehabt, daß er diese Lene von frühester Kindheit an unendlich geliebt, daß diese lebenslange, nie getrübte Liebe dem Männe die Dichterkraft verlieben, wie sie wohl einst dem Kinde und dem Knaben mit nimmermüder Arbeit und Sorge den schweren Lebensweg bereitet hat. Denn diese Lene — es- war seine Mutter! Ich habe es nie gehört, aber ich weiß es, ich fühle es! Sein Roman von der Lene ist das Werk dankbarer Sohnesliebe! Darum ist es so rein, so keusch, so wahr! Und darum' ist es so ganz erfüllt von Heimatliebe und Jugendsehnen; und darum konnte der alternde Junggeselle int Häusermeer von Berlins Norden es schaffen, als säße er noch im Försterhaus, von gutem kraftvollen Mauenhänden geführt und gepflegt, daheim im! Böhmerwald. — Ich traure dem Verewigten nach von ganzem Herzen, und mit mir werden alle die um ihn trauern, die feinen Heimatromäu gelesen haben und lesen. Denn sie alle werden dankbaren Herzens das Andenken bewahren an den — Lene-Krauß. Vermischte». * Zeitungslesen als vorbeugendes Mittel gegen geistige Erschöpfung empfahl der Vorsitzende der Vereinigung der engt. Sanitätsinspektoren, Sir James Erich- ton Bromne, in einer Ansprache, die er in einer Versammlung der Vereinigung in Blackpool hielt. Bor allen Dingen soll das Zeitungslestn gegen die typische moderne Krankheit, die nervöse Müdigkeit, helfen. Sir James sagte darüber: „Ich sage eS mit Voller Ueberlegnng, daß die Zeitung mit allen ihren Fehlern eines der Bollwerke zur Erhaltung unserer Gesundheit in der gegenwärtigen Zeit ist. Es bildet das Gegenmittel gegen die nervenaufreibende Arbeit zu selbstsüchtigen Zwecken; es gibt den Blödsichtigen einen weltweiten Horizont ... Es ist in seiner Tragik und in seiner Komik wahr und wirklich, während der Roman nur Vortäuschung ist. Es bringt uns kurze Abrisse des Lebens in Form von Plaudereien. Es liefert Helden dutzendweise. Es gibt uns leicht verdauliche geistige Nahrung... So mancher Mann ist vor Schwermut und Trübsinn nur durch seine Zeitung gerettet worden. Wollte man die Zeitungen abschaffen, so müßte man gleichzeitig die Irrenhäuser vergrößern." Die englische Presse stellt sich natürlich spröde und tut so, als ob sie dieses Lob . . . nicht in seinem vollen Umfang, annehmen könnte, verbreitet sich dann aber tiefgründlich in Einzelheiten, um zu beweisen, daß Sir James doch Recht hat. Beispielsweise, so wird ausgcführt, wenn der ermüdete Städter, der sonst in seiner Beschäftigung aufgeht, und sich dabei aufreibt, in den Ferien an die See reist, nimmt er aus Langeweile ein Zeitungsblatt zur Hand, das er dann sorgfältig durchzustudieren Zeit hat, und dabei erhält er so viel Anregungen, daß er von sich und seinen kleinen Sorgen völlig abgelenkt wird. Jeden Tag entrollt seine Zeitung ein neues, und manchmal sogar ein interessantes Weltbild vor ihm und vertritt auf diese Weise an ihm die Stelle des Geistes- und Seelenarztes, der den müden, gehetzten, modernen Menschen Schritt um Schritt der Gesundung entgegenführt. * Die Eisen st ange und die Tiger. Im „Türmet (Herausgeber Jeannot Einil Freiherr v. Grotthuß, Verlag von Greiner und Pfeiffer in Stuttgart) veröffentlicht Hermann Löns folgende nachdenkliche Parabel: „Bor dem Tigerkäfig des Zoologischen Gartens stand ein Mann. Es war Fnttcrungszeit. Die beiden Tiger wanden sich in geschmeidigen Achterfignren aneinander vorbei, und jedesmal, wenn sie sich begegneten, schnaubten sie und schlugen mit den Pranken nach einander. Der Wärter kam mit einem eisernen Kasten voller Fleischstücke auf der Schulter. Er warf jedem Tiger einen riesigen Brocken zu, und jeder von ihnen riß sein Stück im Sprunge an sich, fauchte und prustete und stürzte sich mit offenem Rachen und hervorgestreckten Krallen auf den andern, um ihm sein Stück zu entreißen. Längere Zeit schlugen sie auf einander los, zerrissen sich die Nasen und Lefzen, daß ihr rotes Blut den Boden des Käfigs färbte. Zuletzt nahm der Wärter eine Eisenstange und stieß sie durch das Gitter zwischen die Tiger. Da sprang jeder in seine Ecke und fraß seinen Fleischbrocken, ohne sich um den andern zu kümmern. Der Mann lachte und sagte zu dem Wärter: „Es ist unglaublich, wie dumm doch im Grunds diese Bestien sind. Sie benehmen sich, als wäre die Eisenstange ein unübersteigliches Hindernis." Als er nach Hause ging, begnete ihm ein Mann, mit dem er lange Jahre eng befreundet gewesen war. Beiden zuckte die Hand nach dem Hute, aber sie bezwangen sich und sahen mit kalten Augen an einander vorbei. Denn der Freund des Mannes war vor kurzem zu einem anderen politischen Glauben übergetreten." — Das Lied der Studentinnen. Der Internationale Studentinnenverein in Zürich, in dem sich vor mehr als einein Dezennium deutsche Studentinnen znsaininenschlosse», um durch zahlreiche Petitionen das akaden>ische Bürgerrecht zu erhalten, hat nun, nachdem der Sieg errungen, ruhigere Bahnen eingeschlagen. Traten die Studentinnen damals zusammen, um Feldzugspläne zu besprechen, so vereinigten sie sich jetzt zu fröhlicher Zusammenkunft, und in dicsein irohcn Kreise sang Fräulein cand. med. Josefine Hob er das „Lied der Studentinnen", dem wir folgende Strophen entnehmen: Keine Männer woll'n wir sein, Sonder» freie Frauen; Hoch sei uns das Ziel gc steckt, Nun, da uns das Ich geiveckt, :/: Woll'n wir auf uns bauen. :/: Die Theologie studiert Wohl sobald noch keine; „Muller“ — noch Bedeutung hat „In ecelesia taceat'1, :/: Doch man drum nicht weine. :/: Jus studieret manche Frau, Stellt der Ford'rung viele: Kinderschutz und Vormundschaft, Wahrspruch und die Mutterschaft. :/: Vivant diese Ziele. :/: Auch in Philosophicis Manche sich erquicken, In Psych- und Philologie, Mathematik und Chemie, :/: Mög' es ihnen glücken. :/: Schülerinnen Aeskulaps Soll es viele geben, Das, was sie der Menschheit leisten, Schätzen alle doch am meisten; :/; Hoch soll'» sie drum leben. :/: Wer die Allgemeinheit liebt, Liebt das Einzelwesen, Und ein großes Freudigsein Kehrt in uns're Reihen ein: :/: Vivat alma water. :/: — MariezurMegede: UnterMasken. Romarfl — Verlag von F. Fontane u. Co., Berlin. Preis Mk. 5.—■.< Das Milien dieses Romans bildet hauptsächlich das Hofy und Gesellschaftsleben einer kleinen Residenz. Es ist eigent°i lich die Lebens- und Liebesgeschichte des schönen, aber armen Fräulein von Wessenhoven. Carla von Wessenhvvech findet den Mann, den sie in ihrer ersten Jugend geliebt, und durch den sie die erste herbe Enttäuschung erlitt, nach: sechs Jahren als Adjutanten am Hofe der Erbprinzessin. Marie Renate von Weilburg wieder, bei welcher sie selbst die Stelle einer Hofdame bekleidet. Die beiden M'enschen,- die in den verborgensten Tiefen ihrer Herzen einander; lieben, kommen sich nicht näher, da Carla in ihrem nach' Rache dürstenden gekränkten Mädchenstolze den Mann zu.' hassen glaubt, den sie liebt und der andere bei seiner Schmetterlingsnatur über seine eigenen innersten Empfindungen im Unklaren bleibt. Durch tausend Mißverständnisse reizen sie sich auf und bringen sich auseinander, ohne: daß das erlösende Wort gesprochen wird. Carla, verfolgt von Kränkungen und Nadelstichen der launischen Prinzessin,^ die sich lebhaft für Zweistetten, den schönen jungen Kavalier, interessiert, wirft sich in die Arme eines väterlichen: Freundes, dem sie eine pflichttreue Gattin, seinem Kinde eine liebevolle Mutter wird. Noch einmal steigt wie eine: Fata Morgana das Glück, das sie verloren, vor ihr auf. In einer einzigen kurzen Begegnung mit dem Geliebten,- der inzwischen gleichfalls Gatte und Vater geworden ifi> kommt es zu einer Aussprache. Die beiden, die nie aufgehört haben sich zu lieben, planen über alle Hemmnisse hinweg eine endliche Vereinigung. Aber was in ihren leidenschaftlichen Träumen ein leicht Ueberwindliches war, in der lebendigen Wirklichkeit wird es zu einem Unaus^- führbaren. Niemals wird Carla ihrem Gatten, dem liebevollen, vornehm henkenden Mann, die Geschichte ihrer ersten einzigen Neigung beichten können. Sie wird an seiner Seite weiterleben in freiwilligem Verzicht auf das Glück einer: leidenschaftlichen Liebe, wird einen Ersatz dafür suchen und vielleicht auch finden in hingebender treuer Pflichterfüllung. Die spannende Handlung, die flüssige Schreibweise, die fein durchgeführte Charakterzeichnung, all' die scharf beobachteten, teilweise humoristischen Typen der Kleinstadt gestalten die Lektüre des Buches hochinteressant und sichern' ihm einen weiten Leserkreis. — Von Hendels Bibliothek der Gesamtliteratur, die bekanntlich den Zweck verfolgt, das Beste aller Literaturen in billigen Ausgaben dem Volke zngängig zu machen, ist wieder eine neue Serie erschienen. Sie beginnt mit einer. Uebersetzung von George Sands „T e u f e l s s u m p f" (brosch. 0.25 Mk.) in einer B a u e r n g e s ch i ch t e. — Als nächstes Bändchen folgt Gustav Raeders „Flick und Flock", Zauberposse mit Gesang und Tanz in 4 Akten (brosch. 0,25 Mk.), in einer Neuausgabe, die ebenso wie desselben Verfassers vielgcgebene Posse „Robert und Bertram" willkommen sein wird. — Das Polnische Novellenbuch, Band 5 (brosch. 0,75 Mk.), bildet den nächsten Band, der Serie und enthält 14 Novellen polnischer Autoren, in deutschem Gewände von Albert Weiß. —■ Bon Schwabs deutschen Volksbüchern erschienen ferner die Bündchen 6—9. — Die Schlußnummer der Serie bildet das 12. Bändchen von Roderich Bcne- dix' Haustheater (brosch. 0,25 Mk.). Rätsel. Nachdruck verboten'. Herrliche Töne vermag der Künstler mir zu entlocken; Aenderst ba meinen Kopf, wird ans mir eine Frucht, m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer: Entbehre gern, was du nicht hast. Redaküon: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen«