Samstag -en 22. September ^ZMZM L ■:- ;- I Z ' MM Im Wanne des Keßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) ..... Ihr Gemahl hörte stillentzückt zu. Wie witzig, klug und glänzend sie zii sprechen verstand! Wie glücklich war er gewesen, dies liebliche, einzige Weib zu finden, sein eigen nennen zu dürfen! Diner und Desiert waren vorüber; noch lagen die letzten goldenen Sonnenstrahlen auf dem grünen Nasen draußen. Lady Evelyn wandte sich zu ihren: Gemahl. „Von allen Stunden im Tage", sagte sie, „ist diese doch die schönste und gefällt mir am besten." „Tann sollst du sie auch genießen", gab er lächelnd zurück. „Ich will dir unsere Bäi>me hier auf Kenninghall einmal zeigen, Evelyn; so etwas findet sich wohl kaum anderswo in der Welt. Isabel, kommst du mit? — Es ist nicht kalt, Lady Beverley, wollen Sie es nicht mal versuchen, mitzukommen?" „Gewiß", versetzte letztere, „der Park und der Rasen sind mein Liebstes, Lord Wayne. Nirgendwo anders sehe ich solche Blumen und Bäume wie hier." Wenige Minuten später, und die ganze Gruppe befand sich wieder draußen im Grünen. Purpurne Wolken bedeckten jetzt den Himmel und noch immer lag das sonderbare, fahle Not auf den Linden. Die Vögel sangen ihr Abendlied; die Blumen rüsteten sich zur Nutze. Lady Evelyn stieß einen leichten Ausruf der Ueber- raschung aus, als sie die prächtigen Bäume gewahrte. Lord Mayne lächelte über ihr Entzücken. „Wie mächtig und groß sie sind", sprach sie, „und welch seltsames Licht die untergehende Sonne darauf wirft! Mortimer, bitte, laß uns die Allee hinuntergehen — es gibt nichts auf Erden, was ich so gern leiden mag wie schöne Bäume!" Sie schritten quer über den Rasen und standen jetzt unter dem kühlen Blätterdach. „Wie wird Marian dies bewundern", äußerte Lady Evelyn, „ich weiß, dies hier wird ihr Lieblingsplätzchen werden." Sie bemerkte, daß Isabels kalter Blick neugierig auf ihr rrihte, und fuhr schnell fort: „Marian ist meine Schwester, Mrs. Wayne; sie ist mir Mutter und Schwester zugleich gewesen. Sie kommt, um bei uns zu wohnen." Isabels Antlitz wurde noch kälter und blässer. „Noch ein Eindringling", dachte sie; „wieder jemand, um das zu teilen, was von Rechtswegen alles uns hätte gehören können — nein, sollen!" Sie standen in diesem Augenblick gerade an dem Eingang der Linden-Allee; ein plötzlicher, kühler Windstoß fuhr durch die Wipfel; die mächtigen Zweige bewegten sich leise, und es schien, als ob jedes Blättchen plötzlich aufschreie, da Lady Evelyn zum ersten Male darunter wandelte. Lächelnd blickte sie zu dem schimmernden, durcheinander wogenden Laubwerk empor. „Die Blätter da plaudern alle", sprach sie fröhlich; „sie murmeln: Willkommen, willkommen zu Hause!" Ihr Gemahl lachte über den allerliebsten Einfall, wie er ihn nannte; und wie er lachte, ließ ein abermaliger Windstoß die Zweige erzittern. „Ich hoffe, Lady Wayne", nahm Isabel das Wort, „daß Sie nicht zu Einbildungen neigen oder nervös sind." „Nervös bin ich nicht", versetzte sie lächelnd; „daß ich nicht zu Einbildungen neige, könnte ich jedoch nicht behaupten." „O, dann kann es hier noch ganz interessant werden. Kenninghall ist voller Geister. Ich bin nicht sicher, ob es hier in diesen: selben Lindenwäldchen nicht auch spukt." „Furcht habe ich nicht", sagte Lady Wayne. „Mrs. Wayne wandte sich mit liebenswürdigstem Lächeln an ihren adeligen Verwandten. „Lady Beverley hat uns allen heute nachmittag einen gräßlichen Schrecken eingejagt", sagte sie. „Sie will nämlich vorige Nacht das Klatschen des Regens auf der Terrasse gehört haben." Tas freundliche Lächeln erstarb auf Lord Wayne hübschen Zügen. Lady Beverley machte eine Gebärde des Schweigens, die Mrs. Wayne zu bemerken sich aber sorgfältig hütete. „Das ist auch so ein Kenninghall-Aberglaube", fuhr sie wie scherzend fort; setzte aber dann ernster werdend hinzu: „Doch wirklich, dies ist ferne müßige Sage; es ist eine wirkliche Tatsache." „Was für eine Tatsache?" fragte Lady Evelyn, von einem zum andern blickend. ,Jch kann Ihnen nicht sagen, wie weit zurück diese Sage geht", versetzte Mrs. Wayne, ihr scharfes Auge auf Lady Evelyns Züge heftend; „aber es verhält sich damit folgendermaßen: Bevor ein großes Unglück sich ereignet oder irgend ein liebet droht oder eine dunkle Wolke über Kenning- ball sieh niedcrläßt, läßt sich ein Tröpfeln wie von Regen auf der Terrasse vernehmen. Merkwürdig, nicht wahr? Nichtsdestoweniger hat es vollkommen seine Nichtigkeit damit.» „Und dies Geräusch wurde vergangene Nacht gehört?» fragte" Lady Evelyn leise. „Jawohl", versetzte Mrs. Wayne; „:etz war zuerst ganz - 558 nervös über die Tatsache; wir müssen indes hoffen, daß die I Sage, wenigstens einmal, sich nicht bewahrheitet I" I War es der Schatten der Linden, der Myladys Gesicht plötzlich so blaß erscheinen ließ? — Sogar die Lippen verloren ihre Farbe. „Vergangene Nacht", iviederholte sie, „die Nacht vor meiner Ankunft — ist es ein übles Vorzeichen? Ich fürchte mich, Mortimer." , . . Lord Wayne blickte seine redegewandte, mlliell^me Verwandte finster an, bezivang sich aber. „Es iväre rücksichtsvoller gewesen, wenn dn meiner Frau diese Geschichten nicht erzählt hättest, Isabel; em jeder ist nicht mit so starken Nerven ansgestattet, wie bu sie besitzt." Ein kleiner Frendenblitz durchfuhr Mrs. Waynes Inneres trotz der Zurechtweisung —; mit erheuchelter BesorgniMickte sie auf die blasse, junge Frau. „Ich bitte tausendmal um Vergebung, Lady Wayne. Es ist mit nicht entfernt eingefallen, Sie bange machen zu wollen. Warum sollten Sie sich denn nervös darüber fühlen? Es kann doch unmöglich eine Verbindung existieren zwischen der Warnung, die den Waynes immer zu teil wird, und Ihnen!" „Ganz gewiß nicht", sagte Lord Wayne beschwichtigend. Er merkte die Bosheit nicht. „Ich kann dich leider nicht damit trösten, Liebling, daß ich sage: Glaub' es nicht — denn das Omen hat sich unglücklicherweise stets noch als wahr erwiesen; aber, liebste Evelyn, diese Warnung betrifft dich nicht!" Sie sah ihir dankbar an; doch er bemerkte, daß ihr Antlitz noch immer blaß war. „DeineAnkunft", fuhr er fort, „ist eine Ehre, ein Ruhm für die Waynes — es kann kein Unglück damit in Verbindung stehen. Der Himmel allein weiß, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt; des einen aber bin ich sicher; sie birgt nichts, was nicht hell und schön für dich wäre, Evelyn." „Es tut mir außerordentlich leid, den Zwischenfall überhaupt erwähnt zu haben", sagte Isabel jetzt ganz zerknirscht. „Es war sehr gedankenlos von mir, und ich werde mir nicht eher vergeben, bis ich Sie wieder strahlen und lächeln sehe, Lady Wayne." Evelyn bestrebte sich sichtlich und außerordentlich, die Niedergeschlagenheit und Furcht abzuschütteln, die sie befallen. „Ich werde es nicht zugeben, bog du noch mehr Kenning- Hall-Sagen hörst", begann ihr Gemahl mit leichtem Lächeln wieder. „Du bist doch nicht tapfer genug dafür." „Sie sind aber auch so schrecklich", versetzte sie mit leichtem Schauer. „Nicht doch", fuhr er fort, „welch sanfteren Laut gibt es wohl in der Natur, als das leise Tröpfeln des Regens. Ich höre es stets mit Vergnügen." „Ausgenommen, wenn es Unglück bedeutet." „Ich meinte die spukhaften Regentropfen nicht, — die habe ich überhaupt noch nie gehört; übrigens, Evelyn, es hat oft Kummer auf Kenninghall geherrscht, tiefster, bitterster Kummer; aber ich danke Gott hier und heute an diesem Sommer-Abende unter seinem Himmel, ich danke ihm, daß Unehre und Schmach sich uns niemals genaht haben — das Wort ist bei uns nicht bekannt. — Nun komm und sieh dir unsere Farne einmal an. Meine selige Mutter, Lady Clare Wayne, hatte eine wahre Leidenschaft für diese Pflanzen hast du sie gern?" Sie bejahte und versuchte interessiert auszusehen; aber Isabel Wayne, die sie unverwandt beobachtete, sah, wie lange es dauerte, bis das liebliche Gesicht seine Farbe ivieder gewann, und daß das Interesse an den Farnen bloß eilt scheinbares war. Später am Abende fand sie Lady Wayne im Gesellschaftszimmer ganz allein. Ganz plötzlich und unerwartet auf sie zutretend sah sie, wie das schöne Antlitz der jungen Frau von Tränen naß war. 4. Kapitel. Mrs. Waynes Gedanken. „Lach' nur, Algy; natürlich, du lachst ja immer über das, was du meine Entdeckungen zu nennen beliebst. Warte und sieh. Habe ich diesmal nicht Recht, so will ich nie wieder Anspruch daraus machen, Verstand und Klugheit zu besitzen." ,, Y ,„.r „Ihr Weiber seid alle gleich," gab ihr Mann nachlasitg zurück; „könnt es nun einmal nicht lassen, Übel voneinander zu sprechen und zu denken: es scheint euch angeboren, „Ich sage nicht, daß ich Uebles von ihr denke," versetzte seine Frau schnell; du gehst zu weit. Ich sage nur, daß ich überzeugt bin, sie hat irgend ein Geheimnis, oder etwas zu verbergen." „Und wenn — was geht uns das an?" gähnte er. „Vielleicht überhaupt nichts, vielleicht aber auch so ernst- hast, daß bn doch schließlich noch erbberechtigt wirst." „Isabel, du schwatzest da Erzblödsinn," versetzte ihr Mann, nunmehr erzürnt. „Bitte, denk dir nur einmal die yo(gen, wenn Lord Wayne dich jetzt hörte!" „Wenn Lord Wayne auch nur in meiner Nähe wäre, so würde ich das Thema mit keiner Silbe erwähnen," gab sie unbeirrt zurück. „Ich spreche mit dir, Algy, und ■ magst bn auch jetzt noch so viel lachen und höhnen, wie du willst — die Zeit ivird kommen, >vo du sagst: Mein Weib hatte doch ganz Recht." Ihre Beharrlichkeit machte doch einen gewissem Eindruck auf ihn. Alles in allem genommen," sagte er sich, hatten einige der Prophezeiungen seiner Frau sich doch bereits als vollständig richtig erwiesen — warum also nicht diese?" Er hatte denn auch so ein träges, gleichgiltiges Verlangen, zu wissen, was sie zu sagen hatte. „Vielleicht hast du schließlich doch Recht, Bella. Meirichen schnell durchschauen ist meine starke Seite nicht gerade. Was also ist deine Meinung von dieser liebenswürdigen Lady?" Ein Lächeln ruhigen Triumphes zuckte um Mr. Waynes Lippen. , „Ich stimme dir bei, sie ist sehr schön und liebenswürdig; aber ich sage auch „Es ist nicht alles Gold, ivas glänzt," und trotz all ihrer Jugend, Schönheit und Anziehungskraft glaube ich fest, daß ein Geheimnis in ihrem Leben vorhanden ist." , Er sah einigermaßen erleichtert aus. „Nichts schlimmeres, als ein Geheimnis? Nun gut, Bella, sag mir, was bringt dich auf diese Idee?" „Du warst nicht bei uns, unter den Linden, als ich Mortimer erzählte, Lady Beverley habe die untrügliche Warnung gehört. Sie verstand es nicht, und ich erzählte ihr den Inhalt der Legende." „Nun?" sagte ihr Mann, als sie eine große Kunstpause machte. „Wenn mir jemand diese Geschichte so ganz unverhofft erzählt hätte, so wäre ich vielleicht etivas ungläubig, etwas beeinflußt, und ganz gewiß sehr interessiert gewesen; ganz sicher aber nicht ängstlich und erschrocken." „So? Lady war erschrocken?" fragte er. „Das war sie ganz ohne Frage; ihr Gesicht wurde ganz blaß vor Furcht, und obschon sie sich große Mühe gab, konnte sie ihre Fassung nicht ivieder gewinnen. Nun — teilnahmsvoll ivie ich mir zu sein schmeichle — stellte ich mir diese Frage: Weshalb sollte Lady Wayne sich fürchten? Wenn ihr Leben so klar ist wie ein Bächlein int Morgensonnenstrahl — wenn sie nichts zu verbergen, nichts zu befürchten hat — warum sollte sie sich fürchten, wenn so etivas erzählt wird?" „Es kann ganz einfach Nervosität und Ueberreizung gewesen sein," sagte er nachdenklich. „Unsinn, Algy. Ich weiß, was Furcht ist, und ich sah es in ihrem Gesichte. Ich irre mich nicht, es war blasse Furcht, Todesaiigst und keine Nervosität ‘ oder dergleichen. Ich sage dir, Lady Wayne hat eilt gewisses Etivas in ihrem Leben." (Fortsetzung folgt.) — 559 Saison-Eröffnung. Berliuer Plauderei. Berlin, Ende September. Schon seit einigen Wochen haben die vornehmen Häuser Berlins wieder Augen, die Jalousien sind aufgezogen und die Herbstsonne kann auf den Bezügen der damastnen Salou- möbel ihre .Lichter tanzen lassen. Nicht lange mehr und die Bezüge schwinden, die Kronleuchter flammen auf, die Traiteurwagen halten vor dem Tore und an blumengeschmückten Tafeln wird neuer Grund für die üblichen Marien- mtb Karlsbader Reisen gelegt. Aber einstweilen schwelgt mau noch in der Erinnerung des verflossenen Sommers; im Zoologischen Garten, bei „Kroll" und irrt Lass Grünewald verbringt man — man ist noch so an Luft gewöhnt — die sonnenhellen Nachmittage und erzählt sich, was man erlebte. Wie man in St. Moritz für 10 Franks auf dem Billard schlafen mußte, weil man nicht im voraus Zimmer bestellt hatte, wie ment in Interlaken Zeuge des greulichen Attentats war, bei dem ein harmloser alter Herr Müller für einen russischen Staatsminister gehalten und ermordet wurde, wie mau auf einer Tour nach Riva beinahe vor Hitze gebraten wäre, daß man in Heringsdorf mindestens dreimal am Tag Toilette machen mußte, daß dort der kleine Siegfried immer die Kabinenschlüssel an seiner Schwimmhose befestigt mit ins Wasser nehmen mußte, damit niemand Mamas Brillanten stibitze, denn schließlich, was in Ostende passiert, kann auch in Heringsdorf vorkommen; wie der Seewind auf der Strand- promenade Fräulein Carlas falschen Zopf entführte, den der reiche Dahlberg so bewundert hatte, daß man schon auf eine Verlobung wettete, die natürlich infolge des tückischen Windstoßes ausblieb; daß Salzmanns, die immer so großartig täten, in Uhlbcck, ganz abseits, wo es schon billig ist, wohnten, daß sich Hillers, trotz ihrer Millionen, in Homburg den Nachmittagskaffee selbst auf einem Spirituskocher gemacht hätten — und so weiter. Doch über diesen Sommerträumen vergißt man nicht, daß die neue Saison sich mit Riesenschritten Berlin nähert. Mm letzten Samstag, der nicht weniger als sechs Heater- Premieren auf einmal brachte, setzte sie endlich, ein. Und so jagt man nun zu Schneider und Schneiderin, zur Modistin und Friseurin. Denn gleich anfangs mit Glanz zu bestehen, ist nicht so leicht, man kennt noch nicht die neuesten Moden, man muß sich ganz darauf verlassen, was die Toilettenkünstler raten und Vorschlägen. Ja, die erften' Premieren des Winters! Da ist man im Kreuzfeuer, da nimmt einer den andern tüchtig aufs Korn, ob er dünner oder dicker, jünger oder älter, heiterer oder ernsterer erscheint als vor der Sommerkampagne, und das strahlende Publikum, das das Parkett und die Logen füllt, hat an solchen Tagen selbst Theater zu spielen und ebenso starkes Lampenfieber, wie die Schauspieler auf der Bühne. Man findet zwar zwischendurch die Sorma „süß" und Schildkraut „herb" und die Inszenierung „glänzend", aber die Leute, die mit dem' Schauspieler dort auf der Szene im tiefsten Innern initjauchzen und weinen, die sitzen verborgen hinten im zweiten Rang, oder oben auf hohem Olymp, und das sind die, die „nicht mitzählen", in der Gesellschaft nicht und auch für die Theaterkasse. Wenn man noch bis vor ganz wenigen Jahren immer wieder hören konnte, daß in keiner Großstadt uneleganteres Publikum zu finden sei als in Berlin, so ist dies jetzt zumal bei den Premieren nicht mehr im geringsten zutreffend. Zu den Premieren des Deutschen und Lessingtheaters, des Monopol- und Residenztheaters, wo Berlin W. stets vollzählig zur Stelle ist, rasseln Wagen und Wagen vor dem Portal vor und ein Aufgebot von Schutzleuten muß bet flackerndem Laternenlicht den starken Verkehr regeln. Und aus den Wagen schlüpfen in kostbare Abendmäntel und Spitzentücher gehüllte Frauengestalten, begleitet von Herren in tadellosen Fracks oder mindestens Smokings. Ueber die dicken Teppiche der Treppen huschen zierliche Halbschuhe, rascheln schwerseidene Unterkleider. Allerdings — die Garderobenverhältnisse in den Berliner Theatern, wo man vor einer ^Barriere in Reiht und Glied wartet, bis man seine Ueberkleider los wird und dafür eine dicke Pappmarke davonträgt, sind durchaus kleinstädtisch zu nennen. Es wirkt lächerlich, wenn man höchst elegante Menschen sich hier stoßen und schubsen sieht, wie die gewöhnlichen Märktleute. Kurz vor Beginn und gleich nach Schluß der Vorstellung kann matt hier beobachten, wie von den so liebenswürdig nnd so konventionell lächelnden Gesichtern auf Minuten die Maske fällt, wenn über den Demantbroschen und Perlschnüren wütende Blitze nach der langsamen Garderobenfrau. schießen, wenn man sich rücksichtslos pufft und knufft, bis man in einem Ruck, wie ein Löwe die Beute, die Ueberkleider über die Barriere zieht und damit davonstürzt — schon wieder das harmlose, gesellschaftliche Lächeln auf den Zügen. IN anderen Weltstädten nimmt das elegante Publikum die Garderobe mit ins Theater hinein, die Plätze sind dazu eingerichtet. Darum kommt dort die Eleganz des Abendmantels mehr auf ihre Kosten, und der Theaterhut spielt eine weit größere Rolle als in Berlin, wo nur den Logeninsassinuen das Aufbehalten von Hüten gestattet ist. Dafür hat man kunstvolle Frisuren und schildpattene Nadeln, Kämme und Spangen. Schleifen und Blumen im Haar sieht man sehr wenig, während sie in Loudon und Paris unbedingt zur Theatertoilette gehören, wirken sie in Berlin auffallend. Ein so ganz kleiner Hauch von Kleinstadt geht eben immer noch durch alles Berlinische. In London, Paris, Newyork fällt nichts mehr auf, in Berlin dreht man sich noch nach vielem um. Daher kommt es auch, daß man sehr wenig individuelle Toiletten zu sehen bekommt, im großen und ganzen ist die Eleganz ebenso Schablone wie die aus den Warenhäusern geholte Einfachheit des Mittelstandes. Toiletten — Chiffon — Spitzen — Täffetkleider, alles nach demselben Leisten der „neuesten Mode" gearbeitet, gleichviel, ob die Trägerinnen zu stark, zu schlank, zu lang oder zu breit für diese neueste Mode sind. Sehr wenige, die mit der kostbaren Robe verwachsen zu sein scheinen, denen die Eleganz bis in die Fingerspitzen geht. So wie die Brillanten nicht groß genug sein können, so kann der Operngucker wiederum nicht klein genug sein. Nur noch eine Miniaturausgabe seines Urahns, des Fern- guckers, muß er trotzdem scharf genug sein, nm die Be- kanttteu auf "den hintersten Logenplätzen und die Toiletten der Schauspielerinnen genau mustern zu lassen. Man sieht und will gesehen sein, und man konstatiert mit Freude, daß, von Berlins dichtendem Bürgermeister angefangeu bis herab zur jüngsten, eben der Pension entschlüpften, üppigen Koutmerzieuratstochter wieder alles beisammen ist. Man nickt, verbeugt sich, grüßt, winkt, scherzt und plaudert, sobald der Vorhang herunter ist. Und wenn man itach Beendigung der Vorstellung und glücklichem Raub! der Garderobe durch die hellerleuchtete Friedrichstraße, in der stets Tagesgewühl herrscht, einem fashionablen Restaurant zueilt, sagt man sich zufrieden, daß man die Saison eröffnen hals, man fühlt sich wieder zu Hause in Berlin. Nun können sie alle kommen, die Schlager der Saison, die Diners und Soupers mit ihrem Gefolge und Sensatiönchen und Histörchen, man ist gerüstet — man hat die Probe bestanden. Alice Verend. Vermachtes. * Ans d cm Wirken der badischen Groß herz ogin wird der „Frcib. Zig." folgendes wahre Geschichtchen cr- zähli: Vom Frauenvereiit Karlsruhe war in der Volksküche ein neues Zimmer für Frauen und Mädchen eingerichtet worden. Bei deut besonderen Interesse der Großherzogin für die Entivicklung und Verbesserungeit ivar es nichts außergewöhnliches, daß ohne lange vorherige Ansage die G-oß- herzogin im Wagen vor der Anstalt erscheint und ihre S.. sie nach dem Speisezintmer lenkt, begleitet von der Erbgroßherzogin und den Hofdamen. Bei ihrem Eintritt in den Frauenspeiseraum bemerken die Herrschaften eine alte Frau, die, eine Kartoffel in der Haitd, am Fenster steht und den Rücken gegen die Eintretettden kehrend, nach der Hofchaise vor dem Hause schaut. Freundlich wird unsere alte einfache Frau angesprochen: „Was gibts denn draußen, wonach schauen Sie?" — „Ach, i hebb cb g'ehört, d'Großherzogin werd komme; die hätt i gern mal g'sehe, i kenn se noch nich." — „Nun, dann drehen Sie sich inal um: Ihre Großherzogin steht vor Ihnen." — „Ach, des freit mi aber, daß ich Sie kenne lerne," sagte unsere Alte treuherzig, der Großherzogin die Hand schüttelnd, „des freit mi wirklich." Nun stellte die Fürstin auch ihre Schwiegertochter vor und sagte, auf die Erbgroßherzogin Hilda deutend: „Und das, liebe Frau, ist =— 560 — in. der Königin Hortense. Der König Louis empfing die Nachricht, daß Hortense in Paris einem Knaben das Leben geschenkt habe, am Ende des Monats April 1808 und weigerte sich, das Kind als das seinige anzuerkennen. Em gemessener Befehl seines mächtigen Bruders, des Kaisers Napoleon, zwang ihn ledoch hierzu. Gleichzeitig hatte Napoleon dem Grafen Bhlandt, der sich bei oer Königin Hortense in Paris befand, ausgegeben, sofort nach Holla.^ zurückznkehren. Der König Louis verbot ihm den Hos und erschien auch nicht bei dem feierlichen Te Deum, das aus «aß der Geburt des Prinzen gefeiert wurde. So erzaUt wenigstens Fürst Peter Dolgorukow, der sich, wenn er die Feder zur Hand nahm, stets als ein Schriftsteller von Geist, doch nre unparteiisch und unbefangen gezeigt hat. Er beruft sich dabei auf das Zeugnis seines Großonkels, des Fürsten Sergius Dolgorukow, und emesl russischen Diplomaten, Grafen Bludoff, die 1808 beide tm Haag anwesend waren. Man wird diesen Zeugnissen indessen weniger Gewicht beizulegen haben, als dem unwiderlegbaren Nachweise, daß König Louis und die Königin Horteiise neun Monate vor der Geburt des nachmaligen Kaisers Napoleon III. m einem Pyre- nöenbade, zwischen zwei Entfremdungen, in ehelicher Gemeinschaft einige Wochen zubrachten. Der wichtigste, der ausfthlag- geben.de Beweisgrund dafür, daß Napoleon III. wirklich der Sohn des Königs Louis gewesen ist, bleibt jedoch die zu Unrecht von dem Fürsten Dolgorukow verneinte Tatsache, daß der König ihn stets als seinen Sohn angesehen und behandelt Hat. Daran wird auch diese neue Ausgrabung nichts mehr ändern. Gras Bhlandt erlebte übrigens noch das zweite Kaiserreich. Er starb erst 1857, 83 Jahre alt, in geistiger Umnachtung, und hinterließ einen illegitimen Sohn, Karl Bhlandt, der als Osfizier in niederländischen Diensten stand und, wenn Fürst Dolgorukow Recht hätte, ein Halbbruder Kaiser Napoleons III. gewesen wäre. Auflösung des Silbenrätsels in* voriger Nummer: Kilometer — Amnlie — Kubel — Liverpool — Lwilling»; KarlZeller. Redaktion: Ernst Heß. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießm, erheblich steigen. , * Wessen Sohn war Napoleon III.? Dieie p-rage läßt neuerdings wieder einige französische Geschichtsforscher, oder, besser gesagt, Liebhaber geschichtlicher Kuriosa, Nicht zur Ruhe gelangen. Erst haben sie mit großem Eifer den Beziehungen nach- gespürt, die die Königin Hortense, die Mutter Napoleon» 111-, dem holländischen Admirale Grasen Vcrhuell verbanden, und die schon während des zweiten Kaiserreiches so bekannt toaxto, daß die Gegner Napoleons ihn unter den Spitznamen „Berhuell verhöhnten. Und jetzt wird in einer gelehrten französischen Zeuschrm darauf hingewiesen, daß der holländische Admiral nicht der einzige war, dem man ~'.t Vaterschaft Napoleons 111- zuzuerkennen verdicht hat. Es ist nicht uninteressant, sich dessen zu erinnern. Es war der Fürst Peter Dolgorukow, der m eutet längst vergessenen Schrift über „Frankreich unter der Herrschaft der Bonaparte" versicherte, er wisse ganz bestimmt, der Vater Kaiser Napoleons III. sei — ein Graf Bhlandt gewesen, der Sproß einer noch heute in vielen Zweigen und Gliedern in den Niederlanden und in Preußen blühenden Familie. Graf Bhlandt war Oberst und Wjutant des Königs Louis von Holland, des Gemahls Rätsel. Nachdruck verboten. Ei>i Freimd bin ich für Den, der seine Pflicht Stets eifrig hat erfüllt unb auch gewissenhaft; Gar häufig unter stütze ich Den nicht, Ter jede Arbeit flieht und iiiemals etwas schaßt. Zwar kann feilt Sterblicher mich immerwährend missen; Doch gern pfleg' ich von Zeit zu meiden, Wer frevelhaft befleckte sein Gewissen, Und durch mein Fernsein laß ich ihii dann lewem Auflösung in nächster Nummer.» Ähre Erbgroßherzogin, Ihre künftige Großherzogin. — -UiG Ihne kenn i schon; i bin scho uff Ihne Ihre Hochzeit gewest, arad uff'm Marktplatz bin i g'stande und hab alles ganz gut q'sehe.« Beim Verlassen des Lokals sprach die Großherzogin noch freundlich nickend: „So adieu, liebe Frau, grüßen Sie auch Ihren Mann von mir.« Drauf die Arbeiterfrau ganz entsetzt: „I' hab keinen Mann, Gott sei Dank, nicht; aber grüßen Sie den Herrn Großherzog recht lchö' von mir!« , _ . - * Eine köstliche Episode hat sich in Marienbao wenige Tage vor der Abreise des Königs Eduard abgespielt. Auf einem etwas steilen Promenadenwege, so liest man im „Fremdenblatt«, ersuchte ein voranschreitender Sicherheitsbeamter die Spaziergänger freundlich, weiter zu gehen und nicht durch unnötiges Stehenbleiben dem König die Passage zu hindern. Er traf auch auf eine sehr dicke Dame, die eben auZpustete und nach Luft schnappte. Diese Dame, eine Wienerin, fuhr den SicherheitSbeamten recht unwirsch an: „Ja, was geht denn mi Jhna König an? Ich hob mei Kurtax zahlt und kann gehn und stehn blcibn wo i wüll. UcbtigcnS cicbnS tun ci 2ttcm unb i tenn wegen inciuct nici bis nach Eger.« Mittlerweile war der König in Hörweite gekommen und winkte dem Detektiv ab. Als nun der König vor der Frau stand und lächelnd höflich den Hut zog, wurde diese blaß und stammelte verlegen: „Ah, Majestät,— nix für ungut, — i Habs net so gmant.« Mit ihrer tiefen Verbeugung brachte die zentnerschwere Dame den artigen König fast aus der Fassung, er schüttelte sich förmlich vor Lachen. Die dicke Dame aber wackelte verdutzt weiter. » Trübe Aussichten für die Raucher. Aus New- York wird berichtet: Eine der ersten Wirkungen des Aufstandes auf Kuba wird sich in den Vereinigten Staaten und in Europa auf dem Tabakmarkt fühlbar machen. Schon im letzten Jahre war die Tabakernte auf Kuba nicht gut infolge andauernden Regenwetters. Die Preise sind bereits gegenwärtig hoch, und eine neue schlechte Ernte, die durch die Unruhen' verursacht werden könnte, würde den Preis für echte Havannas außerordentlich in die Höhe treiben. Die Gegend, die von den Unruhen am stärksten betroffen ist, ist die Provinz Pinar del Rio, in der auch der feinste Tabak wächst und in der auch ausländische Gesellschaften wie der amerikanische Tabaktrust die größten Besitzungen haben. Die Jnsurgentenbanden haben allerdings das Bestreben gezeigt, die Tabakpflanzen in dieser Provinz möglichst zu schonen, trotzdem werden diese aber empsindlich leiden, tvenn der Auf- stand anhält. Jetzt ist die Zeit, in der die Aussaaten vor- genoinmen werden, und die Unruhen des Aufstandes halten die Leute von dieser Arbeit ab, abgesehen von den Besitzungen einiger sehr energischer Pflanzer, die auch jcljt die nötigen Arbeiten vornehmen lassen. So stehen die Aussichten für die Raucher nach den in New-York vorliegenden Nachrichten sehr schlecht. Ein Ausfall der kubanischen Ernte wird dazu führen, daß der Tabak von Connecticut und den anderen amerikan. Staaten als „echter Havanna« verwendet wird. Auch die Preise für guten amerikanischen Tabak werden infolgedessen — „Die Schaubühne", herausgegeben von Siegfried! Jawbsohn, enthalt in der 37. Nummer ihres zweiten Jahrgangs : DieStadttheater und dasDrama. VonPaulErnst — Fortsetzung. Von S. I. — Billetstener. Von Richard Treitel. — Carmen. Von Al. Z. Birnbaum. Kasperle-Theater^ — Rundschau. (Sommertheater — Ortrun und Jlsebftl — Das Land der Jugend — Der reiche Jüngling — „Die Schaubuime (Verlag: Oesterheld u. Co., Berlin W. 15, Lietzenburgerstr. 60), Wochenschrift für alle künstlerischen Bestrebungen des Dramas, des Theaters und der Oper, erscheint jeden Donnerstag tm Umfang von 24—32 Seiten und feitet: die Einzelnummer 20 Pf., vierteljährlich 2.50 Mark. Gesundheitspflege. — Aus Anlaß der in Stuttgart stattfiudenden 78 Versammlung Deutscher Naturforscher und Merzte hat die Direttion von Bad Mergentheim m Württemberg, eine Druckschrist herausgegeben. Das in handlichem Formal gehaltene, hübsch ausgestattete Buch, an Rem eme Reihe namhafter Gelehrter mitgearbettei hat, Bietet sowohl für dm Arzt als auch für den Badegast viel des Interessanten und Wissenswerten über das Bad, seine Einrichtungen, die geologischen s^rmationen, die Karlsquelle, die medizinischen Verhältnisse, die StadtAter- getttfyeint, ihre biele ©ebenStoütbigEcitctt uttb ttyre Veschtchre. Sie küßte mir die Augen. Uttb sprach: Nun bist du blind, Kannst nimmermehr erkennen, Wie schön die andern sind. Geh' nur aus meinen Armen, Soweit der Himmel blau, Dich treibt's doch immer wieder Zurück zu deiner Frau! Fritz K a w e r a u. ) ') Aus Fritz Kamera», Gedichte. 100 Seiten in Umschlag geheftet Mk. 1.— . Verlag von Wischan u. Burkhardt, Halle a. S.