Mittwoch den 22. August 1906 — Ur. 123 ■ E DM BMW lL! Der Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Hans sann lange vor sich her. Er war zu gewissenhaft, um den liebenswürdigen Eindruck, den dieser Brief auf ihn machte, sofort bestimmend auf sich wirken zn lassen. Was ihm als Mensch Wohltat, mußte er als Arzt trotzdem bedenken und reiflich überlegen. War sie wirklich so weit, ivie sie wähnte? Durfte er ihrem Wunsche entsprechen? Jetzt schon entsprechen? Alles in ihm rief jauchzend: „Ja!" Wie hatte er das zurückweisen können? Sic zurückweiscn? Das wäre ja unmöglich! Das wäre grausam! Uno doch! Er durfte sie solcher Anstrengung noch nicht aussetzen. Geistig und körperlich nicht. Es war unmöglich, daß sie in den wenigen Wochen sich schon so weit erholt haben sollte. Am liebsten wäre er hingeslogen, um sich selbst davon zu überzeugen. Aber er fühlte, das durfte nicht sein! Das am allerwenigsten! Eine heiße Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. Es war ihm, als erröte er vor sich selbst und seinen rebellierenden Gedanken, die des Mannes heißes Begehren und die Pflicht des Arztes gegeneinander abwogen. Della! Die lachende, jubilierende Freude seiner Knabenzeit! Der Traum seiner Jünglingsjahre l Ter Schmerz seines Mannesalters — und dieser/Brief kam von ihr! Und dann hatte er ihn nochmals gelesen, schob die Lampe näher heran und schrieb mit fester Hand die Antwort: „Meine liebe Patientin und Freundin! Du darfst mir nicht zürnen, wenn ich heute noch die Patientin vor die Freundin stelle, und mißverstehen darfst Du es schon garnicht. Tätest Du cs, dann wäre es das sicherste Zeichen, daß ich recht habe und Du unrecht. Denn Empfindlichkeit ist einer jener seelischen Schwächezustände, über die wirklich gesunde Naturen hinauskommen müssen, und zu einer solchen will ich Dich machen, eine solche sollst Du werden. Wenn Du es also ohne jede Kränkung und jede Verstimmung aufnimmst, daß ich mich mit Deiner Absicht nicht einverstanden erklären kann, Deine Erinnerungen aufzuschreiben, dann werde ich die Ueberzcugung gewinnen, daß Du wirklich auf dem Wege der Besserung Dich befindest. Vorläufig aber halte ich es noch nicht für so weit, um Dir schon eine Tätigkeit gestatten zu können, die größere Anforderungen an Dich stellen würde, als Du vermeinst. Ich muß auch heute noch streng daran festhalten, daß Du in völligem Nichtstun die Zeit verbringst und jenem allmählichen Erwachen, jenem Hineindämmern des neuen Tages nicht sofort mit allen sich regenden Kräften zueilst. Du mußt noch ausruhen, liebe Della, und erst nach und nach darfst Du wieder Deine Kräfte erproben. Zunächst aber noch nicht, indem Du eine bestimmte Arbeit Dir vornimmst. Aendcre nichts in Deiner Lebenshaltung, beobachte die Vorschriften, die ich gab, und fache solche Stimmungen zu beherrschen, wie sie in Deinem Briefe sich kundgeben. Herrschaft über sich zu gewinnen, ist ebenfalls eine der Phasen, die Du durchmachen mußt, um Dein seelisches Gleichgewicht ganz wieder zu gewinnen, sodaß Du es niemals wieder verlierst. Der Weg ist lang, aber ich kann es Dir nicht ersparen, daß Du ihn gehst. Nur langsam und vorsichtig sollst Du ihn zurücklegen. Wäre ich nicht sehr beschäftigt, dann hätte ich es nicht unterlassen, mich persönlich davon zu überzeugen, wie es Dir ergeht und ob die Fortschritte, von denen Du mir berichtest, wirklich so große sind. Ich hoffe es — und darum wollen wir ihnen Zeit geben, diese nachhaltig zu befestigen. Mit vielen Grüßen an Dich, Deine Eltern und das liebe Heimatsnest Dein Hans Hübner/' Der ruhige, allzu sachliche Ton des Briefes war ihm sehr schwer geworden. Aber über sein persönliches Empfinden stellte er seine wissenschaftlichen Ueberzeugungen. Und er sagte sich, daß er, um keinerlei neue Unruhe in ihre Seele zu tragen, auch nicht einmal den leisesten Laut anklingen lassen dürfe von dem, was ihn in dieser Zeit bestürmt mit tausend süßen und bangen Fragen. Nicht ihrer Schwäche und Hilflosigkeit hätte er einmal eine Entscheidung danken wollen, wenn er sie fragen würde ... In diesem Augenblick überfiel es ihn, den Starken, selbst in zager Furcht. Und dennoch, ganz gesund, stark, groß, fähig, ihre ruhmreiche, künstlerische Laufbahn wieder fortzusetzen, sollte sie sein, mußte er sie machen. Dann! — Nach einigen Tagen erhielt er einen Brief, der nur wenige Worte enthielt: „Ich danke Dir, lieber Arzt und Freund, Du hast recht, wie immer! Della!" * „Draußen ruht die Welt im tiefen Winterschlaf. Eine große, unendliche Ruhe ist in mir. Ich weiß nicht, ob diese Blätter je in Deine Hände kommen werden. Aber ich fühle, daß ich stark und mutig genug bin, um vor meinem geistigen Auge die Vergangenheit auferstchen zu lassen. Ehe ich es versuchen will, weiter auszuschreiten, muß ich mir Rechenschaft geben über das, was hinter mir liegt. Weihnachten ist nun auch vorüber. Still und traulich war das selige Fest in innerster Fröhlichkeit. Die lieben, gütigen Eltern waren so glücklich, mich wieder bet sich zu • K6 Unten in dem tiefen Keller — etwas Selbstverständliches! Das wundervolle Selbste „ *1 Aus „Die Diva und Andere" von Rudolf Presber, Berlin W. Concordia, Deutsche Verlagsanstalt. Hermann Ehbock. um bei Pelikan Sänger: immer an den seines Lebens gänzlich verändert. Den weniger im Anblick der dira necessitas ein ein latenter Grimm, daß das nun heiteres Wesen, als ob sie zum Tanze Kampfesfrohen gibt gerade gewisser Galgenhumor oder alles so kommen mußte, ein gingen; gibt ihnen eine Kelderr der Meurieren.*) Von Rudolf Presber. erprobte, vielbegehrte Frau Wehinut ist schou eingetrosfm, Knoppens zu bebienen und der vortreffliche Doktor hat sich auf den Weg gemacht. Und dann singt der O, was hat in diesen Stunden Knopp für Sorgen durchempfunden I Rauchen ist ihm ganz zuwider. Seine Pfeife legt er nieder. Ganz vergebens tief im Pult Sucht er Tröstung und Geduld, Oben auf dem hohen Söller — haben. Und so zarifühlend und rücksichtsvoll. Nicht mit einem Wort, einer Miene streiften sie die Zeit, die ich fern von ihnen verlebt. Fremd und einsam in dem großen Gewühl, das mich umtobte. Jetzt weiß ich erst, daß nicht die Fülle der Ereigniffe, nicht die sich andrängenden Gestalten unserem Leben den Inhalt geben. Solange das nur äußerlich ist, den innersten Kern unseres Daseins nicht trifft, kann im lebhaftesten Treiben um uns her uns alles öde bleiben. Ich habe so viel erlebt, aber in mir blieb es leer und die große Herzenscinsanckeit wurde ich nicht los mitten in den widerstreitcndsten und vielfältigsten Erregungen, die meine Laufbahn mit sich brachten. Ob die Welt, die ein Weib in sich trägt, von einem anderen Punkte aus nur in Bewegung zu setzen ist? Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht. Jedenfalls genügen die Hebel, die dem Wesen des Mannes Schwung verleihen, allein nicht, um in der Seele der Frau dauernde Befriedigung hervorzubringen. Da ist neben all den großen, erhabenen Ideen, neben den der Allgemeinheit zugewandten Bestrebungen, neben den Empfindungen der Pflicht, dem Ehrgeiz, dem Beruf, der Gemeinnützigkeit, noch ein Etwas, unausgesprochen, in ahnungsvollem Dämmern, ein intuitives Glücksverlangen, das ganz unabhängig ist von äußeren Erfolgen. Was es sein mag? So viel habe ich von der Liebe gehört, so oft hat man von ihr zu mir gesprochen — auch das nicht. Mit grausem Schrecken erfüllt mich der Gedanke, wie die Liebe vor mir stand und mich hinstreekte an jenem Tage. Wenn das ihr Antlitz ist, dann wäre es besser, sie nie wieder zu schauen! Manchmal dachte ich, sie sei reich und stark und innig und warm — ich soll nicht so viel denken! Diese erste Stunde hat mich doch mehr vielleicht als mir gut tut, aufgeregt/ hörte — ich glaube, ich habe viel gelitten! Mehr als ich wußte! Nun weiß ich es! Und dabei habe ich den Winter lieb! So wie er jetzt ist, friedlich und still in unendlicher Ruhe. Das Menschenherz ist so töricht! Vielleicht ist der Winter nicht das Ende meines Lebens — sondern sein Anfang! Und vielleicht regt unter der weißen, kalten Decke sich auch für mich künftige Lebensschönheit. Frühlingsahnen I Ich bin mutig heute und hoffnungsvoll, und diese Aufzeichnungen strengen mich gar nicht an." (Fortsetzung folgt.) Wo er sich auch hinverfüge, Angst verkläret seine Züge. . . . . . Ich weiß nicht, warum, aber ich habe guten Herrn Knopp und an das wichtige Kapitel denken müssen, das sein Biograph überschreibt: .... ... . ,, . „ Aengstlicher Uebergang und friedlicher Schluß"; wenn ich nämlich vor oder Ende Februar. „Drei Wochen sind vergangen, ehe ich mich wieder zu meinen Betrachtungen zurückfand. Die Tage iverden schon etwas länger und wie ein Frühlingsahnen geht es über die verschneite Erde. Dort unter der weißen Decke regt sich sicherlich schon das künftige Leben. Und es wird Frühling werden! Die Blüten werden sprießen und junge Lenzesschön- heit wird die Erde schmücken. Dann kommt der Sommer mit seiuem'Heißen, bunten Blumenleben, mit den gaukelnden Faltern und der reifenden Frucht ... des Herbstes segen- spendende Fülle und endlich wieder ... der Winter! Wie merkwürdig! Mein Leben fing mit dem Winter an! Was an starken Eindrücken und Stimmungen auf mich wirkte, war winterlich! Hing mit dem Winter zusammen, mit grauen Nebeltagen, dämmerndem Licht, mit lautlosem Flockentanz und weißem, weichem Schnee! Alle bedeutsamen Ereignisse meines Lebens fallen in den Winter! Was dazwischen liegt, ist wie ein Traum, an den nur ein dunkles Erinnern in mir ist. Wo ist mein Frühling? Wo mein Sommer? Das Leben ist sie mir schuldig geblieben! Ich will nicht undankbar meiner lieben, lieben Jugendzeit vergessen! Aber ich meine jetzt nicht diese. Was sie mir Schönes und Gutes brachte, habe ich hingenommen, genossen, wie üt ihren Premieren befreundete oder auch weniger befreundete Autoren umherwandeln sah. Ein älter Oberst, der die zwer letzten Kriege mitgemacht, hat mir mal erzählt, es sei außerordentlich merkwürdig, wie verschieden sich bei den Soldaten die Gefühle äußerten, wenn sie zum erstenmal ins Feuer kämen. Ohne daß ein einziger unter ihnen vielleicht einen feigen Gedanken Haben oder auch nur mit der Idee spiele, daß es jetzt an jedem anderen Punkt der un= bewohnten Erde gemütlicher zugehe, als hier, wären sie doch alle, die einen nur für den scharfblickenden Menschenkenner wahrnehmbar, die anderen für jedes aufmerksame Kind^leicht durchschaubar, in ihrem Wesen verständliche im Leben der Kindheit. Das ist ein köstliches Gut dieser Lebensphase, wenn sie im behütenden Schutz der Elternliebe sich vollzieht. Nein! Ich meine meinen Frühling! Den Frühling meines Herzens! Meinen Sommer! Den Sommer meiner Seele! Den eigensten Besitz meines Lebens. Wie leicht mag man dann den Herbst ertragen, mit seiner leisen Wehmut und seiner sanften Trauer — und auch den Winter! Aber so in wehmutsvollen Schauern sein Leben beginnen und es bann in kalter, strenger Winterstimmung fortführen — mein eigenstes Leben, das mir ganz allein ge„ . _. . unnatürliche Lustigkeit, eine grausame, krampfhafte Fröhlichkeit, die vor sich selbst einen guten Eindruck machen möchte. Die ernsthaften, festen Charaktere, die sich hrmdertmal ganz ruhig, ja mit einer gewissen Freudigkeit in Gedanken mit dem Schrecken dieser Stunde beschäftigt haben, werden noch ernster. Der Frivole hat 'eine sentimentale Anwandlung, gibt einem Kameraden für alle Fälle einen letzten Anftrag, der zeigt, daß der Mann doch hat, was er so ost, so hartnäckig verleugnen zu müssen glaubte — ein Herz. Und dem Sentimentalen, der sonst bei dem slackernden Feuer des Biwaks vergilbte Bilder betrachtete und Briefe las, in denen getrocknete Blumen verdächtig knisterten, kommt ein derbes Wort, ein zynischer Spaß auf die Lippen. . Wenn die Herren Dichter in ihre Schlachten gehen, die sie freilich hinter der Front mitmachen müssen — wenn fie's nicht gerade vorziehen, selbst im eigenen Stücke als strebsamer Akteur mitzuwirken —- dann geht es ihnen, wie den Soldaten, von denen der alte Oberst erzählte. Einige davon sind ja, obschon sie niemals geschminkt und verkleidet auftreten, im Laufe der Zeit und der Premieren recht gute Schauspieler geworden, die sich selbst, ihr Mienenspiel und ihre Worte auch, am heißen Abend der Schlacht durchaus in der Anwalt haben. Aber die meisten sind doch dm allzu menschlichen Schwingen in solchen Stunden stark unterworfen; und der brave Herr Knopp hat sich damals, als — an den Füßen milde Schuhe — die gute Frau Wehmut und der bedächtige Doktor Pelckan leise in der ehelichen Kammer des Knoppschm Hauses verschwanden, kaum beweglicher gezeigt und unzweckmäßiger be- nommcn, als die meisten Autoren das tun in der sorgenvollen Geburtsstunde ihres Werkes. .Nomina sunt odiosa; aber ich will, ohne Namen zu ver- Beim Ehepaare Knopp, dessen Leiden und Freuden uns Wilhelm Busch in so köstlichen Versen geschildert und mit gar herrlichen Bildern unserm Verständnis und Mitgefühl näher gebracht hat, ist ein freudiges Familienereignis zu erwarten. Die oft 491 — t it t t ) t ) r t e e r s Stichwort aügeeilt. nicht gewirkt. Kulisse den heftig seines Versprechens „Jean" mit einem Der Dichter ist voller Zuversicht. Natürlich geht nichts. Die Schwiegermutter ist auf ihr altes Sogar besonders rasch, denn die Szene hat Der verwirrte Bonvivant sieht in der gestikulierenden Dichter stehen und ruft, sich erinnernd, dem verblüfften Blümke, der als Tablett kommt, entgegen: „Ich werde in Ihnen immer die Frau meiner Mutter achten, die die Frau meiner Kinder ist!" Das Stück ist nicht mehr zu retten. Der Dichter aber wurde von einem Theaterarbeiter, der ihm zufällig nahe stand, als der unglückliche Bonvivant dem zu früh erschienenen Jean mit Pathos seine unklaren Familienverhalt- nssse vorwarf- später wegen Körperverletzung verklagt. Trauriger hat einer meiner Freunde sich vor Jahren ein Trauerspiel selbst „geschmissen". Durch seine Nervosität. ' Heute ist er nicht mehr nervös und schreibt keine Trauer- piele mehr. Das erste ist für ihn, das zweite für das Publikum thr angenehm. Es spielte, glaub' ich, zur Zeit des Königs Alboin, da aber die ' kleine Stadttheatcrbühne, an der es zur „überhaupt allerersten" Aufführung gelangte, keine Kostüme hatte, wie sie die Longobarden im sechsten Jahrhundert etwa getragen, so spielte man das Stück . im Kostüm des Don Carlos, was den fünffüßigen Jamben nichts von ihrer Länge nahnr. Es war ein Dreiakter. In den ersten beiden Akten passierte nichts. _ Ober es passierten nur fünffüßige Jamben, in die der Verfasser etwas lehrhaft seine nicht außergewöhnlichen Gedanken über die Notwendigkeit der Liebe und die Ueberflüssigkeit der Eifersucht niedergelegt hatte. Im dritten Akte aber wurde die Sache tragisch, äußerst tragisch. Die Heldin verteidigt im Zelt des Vasallen, dem sie der König als Dank für geleistete Dienste geschickt, ihre Mädchenehre. Sie verteidigt dieses kostbare Gut sehr wirksam mit einem Dolch, den im zweiten Akt ihr Vater mit vielen fünffüßigen Jamben neben das fellüberdeckte Ruhebett niedergelegt hat. , Die Sache erinnert ein bißchen an das Schicksal der ij-amme Galotti auf dem Lustschloß Dosalo. Aber was tut das. Und dann: der Ausgang brachte eine überraschende Wendung. Die Heldin ersticht nämlich den verhaßten Longobarden mit dem bewußten Dolch und spricht noch einige gute Worte über das Recht der Unschuld, auch durch eine Bluttat die Tugend zn be- wahren.^ zweiten Akt hatte ein Herr im Parkett geLatscht. Der Dichter, mit dem ich in der Pause auf der leeren Bühne stand — die Darsteller mieden ihn wie einen Leprakranken — sah darin ein günstiges Zeichen. „ „ c „Du wirst sehen", sagte er, „der letzte Akt schlägt em. Und der Endeindruck ist bestimmend. Es ist — ich gebe das zu — zuviel schwere Gedankenfracht in den beiden ersten Akten. Das Publikum will das nicht. Aber das erhöht gerade die dra- matische Wucht dieses Schlusses. Es waltet eine eigenartige Oekonomie in meinen Werken. Aber du wirst sehen, ich habe recht: ich zwinge auch noch die Kühlen. Sie luerbeu alle klatschen, wie der dicke Herr — hast du ihn gesehen? Es muß ein hochgebildeter Mann sein. Ich sah, welchen Eindrnck gerade die besten Verse auf ihn machten!" . . . Und während er so sprach, hatte der Dichter, einer nervisten Gewohnheit folgend, den Dolch ergriffen, der seine Hoffnung war, und zog ihn spielend immer wieder aus der Scheide, ihn mit den Augen liebkosend. Der Inspizient gab das Klingelzeichen. Aus der Garderobe rauschte die Longobardenjungfrau im Eboli- kostüm. Auch der Held, der sterben sollte, war schon da. „Bühne frei!" . Der Dichter zog mich erregt in die Seitenkunsie, wo wir auf der Pappüank „von Stein", auf der Teil gestern den Geßler in' der hohlen Gasse erwartete, dem Verlauf des letzten Aktes folgtert.^ |m AMsftngang der andern Selie der Intrigant. Er war bereits vor fünfzehn Minuteii als Opfer der eigenen Verruchtheit vergiftet worden und sah nun wieder als ganz gewöhnlicher Mitteleuropäer unserer Tage mit seinem grämlichen alten Komödiantengesicht voller Runen und Falten dem letzten Akt zu, den er nicht kannte. Dabei stützte er sich auf seinen schlechtgewickelten Regenschirm. Die Vorgänge auf der Bühne belebten sich. Es wurden immer heftigere Jamben gesprochen. Lier Mond viel außerordentlich grün durch die Zeltwand. Das" Lagergctose in der Entfernung, an dem sich auch die zur Abrechnung erschienene Kassiererin lebhaft beteiligte, war sehr stimmungsvoll. . Jetzt kam der große Moment. Der Longobarde reckte sich: Der König hat dich mir geschenkt, o Weib! lind sie darauf: Der König kann dir Ring unb Krone schenken Und Reich und Land — doch meine Ehre nicht! Sehr gut! lobte der Dichter, dem seine Verse fast immer ge- fielen Aber was war das denn nur?,. . . Diese Pause_ . .. Dieses angstvolle Suchen der Augen . . . Dieses Bucken, Umhnnaufen . . . Das verdarb ja die ganze Szene! Und es kamen keine $ant$Um™(ät'te§ willen, was ist das?" fragte ich den Dichter leise, „was sucht sie denn nur?" „Den Dolch — den Dolch st . , „Himmel, den Dolch — den hast du;a in der Hand Der nervöse Dichter hatte den ganzen letzten Akt in der Seiteniülisse mit dem Requisit gespielt, das sein stuck retten sollte. . .! ■ r Das Stück war verloren. Es fiel durch h Sogar der dicke Herr im Parkett verließ mürrisch fernen sch. Er hatte sich das anders gedacht. . . Wie und mit was die Longobardenjungfrau eigentlich den Verhaßten umgebracht hrtz das ahüen wer heute "och Nicht. M ber Stadt gingen allerlei sonderbare Gerüchte darüber. Die raten, ein paar Geschichtchen erzählen, die charakteristisch sind für das gestörte Seelenleben solcher dramatischer Wöchner. So hat mir die Gattin eines bekannten, namentlich in beit achtziger Jahren viel gespielten Dramatikers seufzend erzählt, daß ihr Mann am Premiereabend eine Droschke nehme und fortgesetzt zwischen dem Hotel, in dem er abgestiegen, und dem Theater, in dem sein Werk gespielt werde, hin und her fahre. Ganz zwecklos natürlich. „ , t , Zn Beginn ist er im Theater, wirft noch einen Blick durch das Guckloch, ob auch alle da sind, die ihn nicht leiden können, drückt innig die Hände einiger geschminkter Menschen, die ganz unwesentliche Rollen spielen, stürzt an seiner Heldin, von der das Schicksal des Abends abhüngt, vorbei, ohne sie zu erkennen, stellt sich neben den Feuerwehrmann in die rechte Seitenkulisse, sieht von hier aus den Vorhang hochgehen und — flieht in die Droschke. Er fährt ins Hotel, stürzt aus den Portier zu, als erwarte er die Nachricht, daß er in den zwanzig Minuten seiner Abwesenheit einen Vanderbilt beerbt habe oder zum Kaiser von Abessinien ausgerufen sei. „Briefe da?" „Ein Telegramm, bitt' schön." Er erbricht's mit zitternden Händen und liest: „Alles Gute! Fritz, Susanne, Hans. . ." Ja, wer ist das? Woher kommt das? Er ahnt's im Augenblick nicht. Vielleicht seine Kinder, vielleicht unbekannte Gönner. Er ist schon wieder in der Droschke: „Kutscher, Stadt- Iheater!" „ ■ , Er kommt gerade zurecht zur großen, wichtigsten Expositionsszene des ersten Aktes. Das Publikum muß sich jetzt klar werden über die verwickelten Familienverhältnisse. Ein Mann steht neben ihm in der Seitenkulisse, die Hand auf einen überaus schmutzigen Vogelkäsig gestützt, in dem ein unglaublich ausgestopfter Vogel sitzt, der später „Stimmung" in den dritten Akt bringen soll. Der Mann sagt etwas zu ihm. Der Dichter hört nicht, er ahnt nicht. Er hört nur, daß Fräulein Wanda da vorn auf der Bühne einen ganzen Satz hat fallen lassen. Den wichtigsten! Gerade den einzigen Satz, aus dem hervorgeht, daß der alte Herr, die sie in unedler Absicht verfolgt, der Vormund des jungen Menschen ist, mit dem ihre Schwester später durchgeht. Nun versteht das kein Mensch mehr! ... Der Dichter ist schon wieder draußen, schon bei der Droschke. „Kutscher, zum Hotel!" _ So geht das hin und her. Wenn er in ber Seitenkultsse steht, hat ber Arme glühende Sehnsucht nach ber Portierloge, unb wenn er in einer hastigen Unterredung von 30 Sekunden den Portier nervös macht, möchte er schon wieder im Theater sein. Einmal, ist's ihm passiert, baß er mitten im vorletzten Akt rasch unb leise aus dem eisernen Türchen kam, das vom Garderobenraume ber Zuschauer birekt nach ber Bühne führt. Ein gemütlicher alter Herr zieht sich gerade Pelz unb Gummischuhe an unb läßt beit Dichter, den er natürlich nicht kennt, vorbei mit den drastischen Worten: „Na, Sie geh'n wohl auch? S'is auch zu dumm!" Der Dichter ist dann gleich im Hotel geblieben. . * Unbequemer für die Darsteller, die an solchem Abend ihre ganze Ruhe und Selbstbeherrschung brauchen, ist ber „Dichter mit bem Tätigkeitstrieb". Ihm ist immer noch etwas eingefallen. Sogar heute nacht noch etwas. , „Könnten Sie nicht", sagt er zum Bonvivant, „in ber Szene mit Ihrer Schwiegermutter noch etwas einschieben?. Wissen Sie nach den Worten: .Gehen ,Sie, Mabame'. Da müssen Sie noch sagen: Lch werde in Ihnen immer die Mutter der Frau achten, die die Mutter meiner Kinder ist, aber —' und dann bezeichnende Handbewegung. Das ganze,aber' muß in dieser Handbewegung liegen." „Hören Sie, lieber Meister, das ist aber surchtbar schwer jetzt noch — — Wie war's: Die Mutter ber Frau, bie bie Mutter meiner Kinder ist . . .?" Wenn ich mich da nur nicht verheddere. Und dann ändert sich das Stichwort für Blümke, der den Jean spielt. Der hat doch "sofort mit dem Tablett zu kommen: . „Herr Baron, eine Dame" . . . „Das geht alles noch. Ich spreche mit dem Souffleur. Es geht noch." 492 einen behaupten, sie hätte ihn mit einem Regenschirm erschlagen, den sie einem Kollegen in der Seitenkulisse entrissen hätte. , Andere wieder behaupteten, der Dichter selbst sei vorgestürmt und habe ihr vor aller Augen den Morostahl in die Hand gedrückt. Ich weiß nicht, wer recht hat. Ich war damals so ausgeregt, als wärs ein Stück von mir. Aber alle Longobardendramen sind mir tiesverhaßt geblieben seit jener furchtbaren Stunde. . . Vermischtes. * Ein M annWeib. Die Tochter des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, Elisabeth Charlotte, die Ge- mählin des Herzogs von Orleans, die 1722 starb war ein Mannweib in des Wortes verwegenster Bedeutung. Ihre eigenen Briefe geben für diese Behauptung den besten Beweis.' So enthält einer derselben die nachfolgende Stelle: „Ich bin mein Lebtag lieber mit Degen und Flinte umgegangen als mit Puppen und wäre gar zu gern ein Junge gewesen." Ihr Aeußeres beschreibt sie selbst mit folgenden Worten: „Ich must wohl mehr wie ein Mannsbild aussehen und gar häßlich sein. Ich habe kleine Augen, dicke Nase, platte, lange- Lippen, das kein Gesicht formiert; große hängende Backen, ein groß Gesicht, Summa Summarum: ich bin ein gar häßlich Schätzchen. Hätte ich kein ’ gut Gemüt, könnte man mich nirgends leiden." Ihre Lebensweise, die einen Kontrast zu dem am Pariser Hofe herrschenden Luxus gebildet haben mag, schildert sie ebenfalls selbst und zwar in folgender Weise: „Niemand ist verwundert, daß ich die Mettwürste gern esse, ick) habe auch hier den rohen Schinken in Mode gebracht und viel von unser« teutschen Essen, als Sauer- und Süßkraut, Krautsalat mit Speck, das alles habe ich ä la mode gebracht, und Pfannkuchen mit Bückling dem guten (Ludwig XIV.) essen gelehrt. Ich bin in allem ganz auf den teutschen Schlag. Alles fremde Zeug kann ich weder leiden noch vertragen, nehme weder Schokolade, Kaffee, noch Tee, alles dieses ist mir zuwider. Ich esse keine Suppe als Milch- fr ppe, Biersuppe und Weinsuppe; kann gar keine Fleisch- b'ühe vertragen; Schinken uno Knackwurst richtet mir den A agen wieder ein. * Wenn ich Millionär wäre! Die Pariser Zeit- u:g „Gaulvis" hat die sommerlich stille Zeit dazu benutzt, n n eine eigenartige „Enquete" zu veranstalten. Das genannte Blatt hat nämlich seine Leser gefragt, was die einzelnen tun würden, wenn ihnen die Millionen eines Roc Pfeiler plötzlich zur Verfügung ständen. Ebenso originell, wie die Anfrage ist, sind zum Teil auch die Antworten au- zefallcn, von denen wir einige an dieser Stelle wieder- geb m wollen. Ein Pariser ist entschieden ein sehr bescheiden :r Mann, wenn er antwortet: „Hätte ich Rockefellers Vermögen, würde ich mir Pferd und Wagen kaufen, damit ich nicht an jedem Morgen mit der Droschke in das Geschäft zu fahren und mich jeden Morgen über die hohe Taxe zu ärgern brauchte." Ein eigenartiger Kauz scheint auch der zu sein, der die Erklärung abgab: „Wenn ich Millionär wäre, würde ich alle Jahre einen Preis von 10 000 Franks stiften, damit alle über 50 Jahre alten Leute, die noch niemals ein — Kabarett besucht haben, endlich dieses Vergnügens teilhaftig werden können." Ein Menschenfreund denkt auch an Rockefeller selbst, dessen Millionen ihm gehören sollen, und meint: „Ich würde einen hohen Preis dem zuerkennen, der die Magenkrankheit von Rockefeller zu heilen imstande wäre." Neigung zur Wohltätigkeit spricht aus zwei anderen Antworten; die eine lautet: „Wenn ich Millionär wäre, würde ich mich freuen an der Freude anderer, denen ich täglich größere Geldsummen zum Geschenk machte." Der zweite aber will ein Pensionat für junge, 'arme Mädchen einrichten, in dem diese bis zur Verheiratung erhalten und dann reich ausgestattet werden sollen. Den Geizhals dagegen verrät entschieden der, welcher antwortete: „Ich würde die Millionen nicht verbringen, sondern dafür sorgen, daß zu den Millionen wieder neue kommen." An die hohe Politik endlich denkt jener, der da meint: „Ich würde einen Preis von 300 000 Franks strften, um alle diejenigen Minister zu unterstützen, die arm geblieben sind." m,.,*, ®j.n ueuer Tee gegen Husten. Die zahlreichen Mittel, die dem Arzt zur Behandlung des Hustens zur Ver- Redaktionr Ernst Heß. — Rotationsdruck und Vertag der Br sügung stehen, zerfallen in drei Klassen. Die einen sind die aus- wiirfbefördernden Mittel (wie z. B. der Salmiak), die dadurch wirken, daß sie die stockende Absonderung in besseren Gang bringen und den Auswurf lösen. Ist der Katarrh schon älter, so wendet man Mittel an, die nicht nur die Absonderung vermehren, sondern auch zum Husten zur Herausbeförderung reizen sollen. Die bekanntesten dieser Mittel sind der Anis und der Fenchel. Eine zweite Gruppe von Hustenmitteln sind die örtlich wirkenden schleimigen Mittel, die einhüllend auf die wunde Luftröhrenschleimhant wirken und damit den Hustenreiz mildern. In diese Gruppe gehören die Eibischwurzel, das isländische Moos und der Huflattich. Gelingt es mit oiefett Mitteln nicht, den Hustenreiz zu bekämpfen, daun muß man oft zu narkotischen Mitteln, zum Morphium oder zu Bittermandelwasser greifen. Die zahlreichen heilkräftigen Kräuter haben vielfach chemischen Reindarstellungen der wirksamen Substanz tveichen müssen, im Volksgebrauch haben sie sich dagegen als Hausmittel gegen Husten vielfach erhalten. Nenerdings hat Dr. Bergmann in Berlin den natürlichen Pflanzenstoffen Ivieder das Wort geredet, er meint, daß die Pflanze in ihrer Gesamtheit ganz anders wirke, wie das chemische Produkt, das erst nach der Zerstörung des natürlichen Zusammenhanges künstlich aus ihr gewonnen wird. Bergmann setzte daher gegen Husten einen Tee zusammen, der aus Isländisch Moos, Fenchel, Anis, Huflattich, Lakriz, Kreuzblumenkraut und Hohlzahn besteht. Jedes einzelne dieser Mittel soll von schwacher und unsicherer Wirkung sein, zusammen aber wirken sie auf den Husten lindernd oder sogar heilend. Mit Erfolg wurde der Tee angewendet beim Husten Dec Schwindsüchtigen, Reizhusten, Influenza, Bronchial- und Kehlkopfkatarrh. Litseamschss. Soeben erschien der erste Band des neuen 31. Jahrgangs 1907 der „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens". Der Roman „Warenhaus Groß u. Komp." von Aug. Groncr weiht uns in die intimsten Vorgänge in einem Weltgeschäft ein, in das eine Aristokratin als Verkäuferin verschlagen wurde: die Novelle „Fort Esterou" von F. O. Kühne schildert, wie ein italienischer Offizier sich der geheimen Pläne eines französischen Alpensorts bemächtigt, und aus dem übrigen Inhalt wollen wir nur noch folgende Beiträge anführen: „Dornröschen", Novelle von Ida Bock; „Liebeserklärungen", Bilder aus des Lebens Maienzeit von A. Cormans (11 Illustrationen); „Die Schnecke als Leckerbissen" von R. Zollinger (7 Illustrationen); „Mein Reformkleid", Humoreske von P. Graßberger; „In einem englischen Militürgefängnis" von E. E. Weber (8 Illustrationen) usw. Der ganze Band (240 Seiten) kostet nur 75 Pf. — Max Hesses Volksbücherei. Nr. 316—327. Leipzig, Max Hesses Verlag. Die neue Reihe dieser rüstig sortgeführ- ten Sammlung bringt wiederum Erscheinungen von Wert. Johannes Scherr, der knorrige Schwabe, dessen literar- und kulturhistorische Werke bekannter sind als seine dichterischen, ist mit der umfangreichen Novelle „Nemesis" (386 S., Preis 1 Mk.) vertreten —• eine neue. Gelegenheit, den Verfasser des „Michel" auch als Poeten kennen zu lernen. Arthur Achleitner hat einen Kreis von Freunden, denen seine inhaltreiche Tiroler Novelle „Angela" (20 Pf.) willkommen sein wird. Auch August Niemanns Novelle „Frauenliebe" (20 Pf., geb. 60 Pf.), wird Viele erfreuen. Von Anton Frhrn. v. P e r f a l l wird die oberbayrische Erzählung „Die Landstreicherin" gebracht. Die Berechtigung einer billigen Ausgabe von I. P. Hebels „Alemannischen Gedichten" (mit Hebels Porträt, 60 Pf.) nachzuweisen erübrigt sich. Den Reigen moderner Novellisten, die in der neuen Reihe vertreten sind, schließt August Trinius, der acht Erzählungen nnterm Titel „Heimatzauber" (20 Pf.) vereinigt fyat. Silbenrätsel. (Nachdruck verboten.) a, ab, ar, ch, ch, ehr, en, ist, land, man, mo, na, os, rat, ri, tal, ur, zee, zi. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen sieben Wörter gebildet und derart unter einander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben von oben nach unten, und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, ein Sprichwort ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter Folgenoes: 1. Niederländische Provinz. 2. Türkischen Sultan. 3. Figur aus einer Wagner'schen Oper. 4. Britische Kolonie. 5. Biblischen Namen. 6. Ein Gebirge. 7. Stadt in England. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Glück macht verwegen. h l'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen, 1 1 i s ( ( 3 c t s i i t i l . i i i 3 t k ( ( k 1 3