1906 BjjjCT MKWW^ii i^.,Z «u f ZWW ÄrWgKZr JI|ll|«|'öa sÄi’h UDM MW WiLLellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Trauiendorf!" „Bittner!" klang cs herüber und hinüber. Tie beiden Freunde schüttelten sich kräftig die Hand. Suse stand errötet nnd lächelnd daneben. „Mein gnädiges Fräulein!" der lange Offizier neigte sich bewegt über ihre Rechte, „wie freue ich mich, Sie beide in Ihrem Glück zu sehen." Ein ganz klein wenig zitterte ihm die Stimme. Run er in das einst so heiß geliebte, süße Gesichtchen blickte, fühlte er doch, daß die alte Wunde noch immer brannte. Er gehörte zu den Männern, die nur einmal lieben können. Suse sah unbefangen zu ihm auf. „Ja, wir haben uns doch gekriegt", meinte sie übermütig, Trautendorfs Arm fest an sich drückend, „das haben wir uns damals nicht träumen lassen, als Sie mich in N. zur Bahn brachten, daß Sie mich drei Jahre später in Berlin auf der Leipzigerstraße als Trautendorfs Braut begrüßen würden, nicht wahr, Herr Oberleutnant?" Er nickte. „Das war ein böser Tag damals." Die beiden Männer tauschten einen ernsten Blick. Es gibt Stunden im Leben, die fester aneinander knüpfen als Jahre rmd die man nie vergißt. „Er hat auch sein Gutes gehabt", sagte Trautendorf, „wer weiß, wären wir heut so glücklich, wäre alles den glatten, alltäglichen Weg gegangen, hätten wir nicht so umeinander kämpfen müssen. Aber nun sag", wandte er sich lebhaft an den neben Suse herschreitenden Freund, „welcher Wind weht Dich heut nach Berlin? Ich habe seit Deinem Glückwunsch zu unserer Verlobung nichts mehr von Dir gehört — und der war noch dazu verdammt kurz." Bittner konnte eine leichte Verlegenheit nicht ganz verbergen. Er wich dem offenen Frageblick des Freundes aus. „Verzeih' noch nachträglich. Ich stand gerade im Begriff damals, einen längeren Urlaub anzutreten, da ich an den Folgen einer hartnäckigen Influenza laborierte, von der ich mich in Italien befreien wollte. So wie ich hier bin, komme ich aus Rapallo bei Genua — habe dort ein wundervolle Zeit verlebt und wie das so ist — die Welt ist klein ich befreundete mich dort mit mit einem Maler, der sich merkwürdigerweise als guter Freund eines lieben, alten Bekannten von der Kriegsschule her entpuppte. Du mußt doch den Günther Bohlen von den 41. Artilleristen auch kennen, der unter die Maler gegangen ist/ „Natürlich, so ein kleiner blonder Kerl, immer wie aus dem Ei gepellt." „Derselbe!" bestätigte Bittner, „ich hatte seit fünf Jahren nichts mehr von ihm gehört und Dich wußte ich auch hiev in Berlin, da ließ ich mich denn zum Schluß des Urlaubs von Hammer hierher lootsen." Suscs Köpfchen fuhr wie elektrisiert herum. „Hammer? Ist der jetzt auch wieder hier?" Wenn Ruth das wüßte! Vielleicht nahm sie ihre Malstunden wieder auf — vielleicht konnte sie auch noch glücklich werden. Im tollen Wirbel giugs durch ihren Sinn, allerlei Möglichkeiten, wie sie Ruth zu dem Manu, den sie doch sicher noch immer liebte, verhelfen könnte. Unterdes antwortete der rotblonde Offizier leicht erstaunt: „Gewiß ist er wieder hier. Wir kamen gestern abend zusammen und ich war eben auf dem Wege zu ihm, da ich Sic traf. Gnädiges Fräulein kennen ihn persönlich?" „Rur flüchtig! öieine Schwester hatte Malstunden bei ihm, deshalb interessiert mich seine Rückkehr. Wollen Sie ihn, bitte, von mir grüßen." „Gern, gnädiges Fräulein, er scheint mir zwar fern Frauenliebhaber zu sein —" ,,©oo?" meinte Suse langgedehnt, „ich habe gerade immer das Gegenteil von ihm gehört." „Ich auch!" warf Trautendorf, dem Suscs Interesse an dem Maler aufzusallen begann, ein, „er hieß nur der .tolle Hammer'. Ich selbst habe ihn nie gesehen, aber er ist fa berühmt genug, daß man von ihm sprechen hört." Oberleutnant Bittner blickte ehrlich erstaunt. „Mir machte er immer einen sehr ernsten, ja fast düsteren Eindruck, ich habe ihn kaum je lustig, geschweige denn toll gesehen. Die schönen Italienerinnen existierten nicht für ihn. Er malte nach dem Gedächtnis ein wunderschönes Bild, das et in die Kunstausstellung hier bringen wird — das müssen 'Sie sich ansehen, gnädiges Fräulein. Ich will nicht indiskret sein, aber gerade weil er die Frauen nicht beachtet, vermute ich, er krankt an der Liebe zu einer einzigen." „Ach, Herr Bittner", Suse legte ihre kleine Hand bittend auf seinen Arm, „verschaffen Sic doch Fritz und mir unauffällig eine Bcgegmmg mit dem Maler. Ich interessiere mich fa für ihn — ich möchte gern später mit seiner Berühmtheit in meinem Salon Staat machen — wir könnten uns viel- leicht zufällig in der Ausstellung bei Schulte treffen — aber dann richten Sie ihm lieber meinen Gruß nicht aus — sonst merkt er's." „Wenn sich's irgend machen läßt, gnädiges Fräulein, natürlich tue ich Ihnen mit Vergnügen den Gefallen — ober 858 wird Fritz mir nicht die Augen auskratzen? Ist er gar nicht eifersüchtig?* „Ach", Suse lachte über das ganze reizende Gesicht, „der ist meiner leider viel zu sicher — uicht, Du Liebster?" Er drückte den weichen Arm in dem seinen fester an sich. Seine Augen leuchteten zärtlich zu ihr nieder. „Ja, gewiß, mein Süßes, wir wissen beide, daß uns niemand zu trennen vermag." Um die schmalen Lippen ihres Begleiters zuckte ein wehes Lächeln. Sein Blick glitt trübe von bem glücklichen Paare hinweg, als sähe er eine öde, dunkle Zukunft. Er vermochte nicht länger den Unbefangenen zu spielen. Nachdem er dem Freunde noch sein Hotel genannt hatte, empfahl er sich mit auffallender Hast. Trautendorf, der wohl fühlte, was in ihm vorging, war zu zartfühlend, cs zu bemerken und Suse beschäftigte sich nur mit der Nachricht, die sie über Hammer erhalten hatte. Kaum war der lange Offizier außer Hörweite, als sie auch schon hervorsprudelte: „Die beiden dummen Menschen lieben sich so sicher wie zwei mal zwei vier ist — die Ruth und den Maler meine ich — sieh doch nicht so erstaunt, Fritz — und können sich nicht finden. Weiß nicht, was der Ruth eigentlich passiert ist, damals, daß sie plötzlich so tat, als ob sie sich nichts mehr aus ihm machte — aber gemerkt hab' ich's doch, wie nahe ihr das gegangen ist, als ich ihr aus der Zeitung vorlas, daß Willy Hammer eine mehrmonatliche Studienreise nach Italien angetreten habe — und das sieht man ihr doch an, daß sie sich mit einem großen Kummer schleppt —" Trautendorf stimmte lebhaft bei. Wie oft hatte er über den Grund von Ruths Schwermut vergeblich nachgegrübelt. Nun ward ihm die Lösung. „Wenn man ihr wirklich helfen könnte, es wäre famos, Kind. Aber wie denkst Du Dir das eigentlich? Was willst Du tun?" Suse hob zuversichtlich den hübschen Kopf höher. (Fortsetzung folgt.) 157 Hage korsischer Aauöuiörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Wie die Verhältnisse int Hotel Suisse lagen, erhellt am besten aus dem Briefe vom 6. Juli 1904, den litte Fräulein M. schrieb, das dritte Kleeblatt unserer allabendlichen Whistpartie, die wir um die Ehre, also ohne Einsatz spielten. Sie hätte meinen Charakter besser eingeschätzt, als die lieben Landsleute. Sie schreibt verdeutscht ungefähr wie folgt: „Ich fand es häßlich und außerdem ganz lächerlich, daß die deutschen Herren sich so ganz von Ihnen zurückgezogen, bis die Polizei Sonntag oder Montag sagen ließ, daß sie den Verdacht gegen Sie nicht mehr hegte. Als ich Donnerstag, den 7. Januar, abends die Siegel der Polizei au Ihrer Tür fand, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Die ganze Nacht waren Sie und der arme Herr aus München, der ganz mutterseelenallein und verlassen in der Nacht vorher gestorben war, in meinen Gedanken. Ich fand es schrecklich, daß Sie, der seiner Erholung wegen und um neuen Lebensmut zu schöpfen, int Süden weilte, jetzt im eiskalten Gefängnis saßen. Am nächsten Morgen sagte mau uns, alle Zweifel wären vorüber, die Polizei hätte gleich eine Vermutung über Ihre Schuld gehabt, wagte aber nicht, einen Ausländer zu verhaften, bis sie ganz sichere, zahlreiche und überzeugende Beweise gegen Sie gehabt hätte. Wir wurden sämtlich verhört. Mich fragte man über alles, was Sie getan und gesagt hatten. Vieroder fünfmal war ich in der Vernehütung, das eine Mal nur, um zu erfahren, ob Sie nicht mit mir von dem Tagebuche des Direktors M. gesprochen hätten. Das wär mir alles sehr zuwider und peinlich. Ich konnte nicht glauben, daß Sie der Mörder sein sollten; ich fand es so unglaublich und ganz und gar unmöglich nach dem Eindrücke, den ich von Ihnen in der Zeit, in welcher ich Sie täglich sah, empfangen hatte. Und, wenn man mir sagte: Die Polizei hätte sichere Beweise gegen Sie, antwortete ich: dann muß er es int Wahnsinn getan haben... Ich habe vor mehr als 14 Tagen an die Redaktion der „L'Union Republicaine" geschrieben und alle JUni-Num- mern verlangt, weil ich dachte, darin müßten die Berichte über die Schwurgerichtsverhandlungen stehen. Ich habe aber weder Zeitungen noch Antwort erhalten, noch einen Brief 'von Mademoiselle Ruby (der Besitzerin des Hotels Suisse)." Ich hatte daraufhin Fräulein M. die Zeitungsberichte mit meinen Bemerkungen eingeschickt und dabei verschiedene Fragen gestellt. Aus ihrer Antwort vom 15. August 1904 erwähne ich folgendes: „Sie verstehen, daß beim Dejeuner nach Ihrer Verhaftung (8. Januar 1904) sehr lebhaft über die Mordgeschichte gesprochen wurde. Ich hatte den Eindruck, daß alle sehr erstaunt über Ihre Verhaftung waren. Die Behauptung des Procureur-General „Ce u'est Pas le paryuet ou la Police qui out d'abord soupyounö Tiemaun, ce sont les pensiouaires de l'hvtel Suisse, tous ötrangers" ist nach meiner Meinung ganz falsch . . ." Vorgeworfen hat man mir mein Benehmen nm Grabe des Toten. Einen Tag nach der Bestattung des Direktors M. hatte ich mit Frl. M. das Grab ihres in Ajaccio verstorbenen Bruders neu bepflanzt. Als wir forigeheu wollten, suchten wir das Grab des Direktors M. auf. Fräulein M. fragte hierbei die daran Arbeitenden kritisierend nach dem Staude der Arbeiten. Da ich fürchtete, daß sie schroffe Antworten bekommen würde, drängte ich von jenem Grabe fort. Fräulein M. hatte mir vorher von dem furchtbaren Jähzorn der Korsen gesprochen, dem ihr kranker Bruder einmal fast zum Opfer gefallen wäre, wenn nicht ein Priester die Hand, die das Stilett jählings zog, mit eisernem Griffe gehemmt hätte. Ferner war mir die übergroße Beschleunigung der Arbeiten, die unsere Ausschmückung des Grabes, welche mehr als zwei Stunden erfordert hatte, sofort wieder zerstört hatte, und die §a[t, den Toten unter Stein und Einfassung zu bringen, dannt alles schnellstens vergessen werden könnte, unsympathisch. Wie mir mein Advokat Campiglia, dessen Familie gegenüber eine Grabkapelle besitzt, sagte, machte das Grab des Direktors schon Mitte Februar einen sehr vergessenen Eindruck. Die Ehrenpflicht, von der der Sohn des so jäh Dahingeschiedenen sprach, das Grab in Ordnung zu halten, schien die Stadt Ajaccio nicht erfüllt zu haben. Der Vollständigkeit wegen will ich noch eine Episode erwähnen ans der Zeit vor meiner Verhaftung, die mir vom Sohn des Ermordeten in der Schwurgerichtsverhandlung zum Nachteil ausgelegt wurde. Eines Tages saß der Sohn int Lesezimmer und stellte seine Rückfahrt aus den Fahrplänen zusammen. Wenn auch schweres Unglück durch den furchtbaren Tod des Baiers über die Familie gekommen war, so kehrte er doch in sichere, geordnete Verhältnisse, zu leinen Freunden und Bekannten und zu regelmäßiger Arbeit zurück, während ich, nachdem ich so Furchtbares durchgemacht hatte, nach Sizilien Weiterreisen wollte. Es war daher wohl verzeihlich, wenn ich etwas zu emphatisch zu ihm sagte: „Sie Glücklicher, daß Sie in die Heimat zurückkehren, während ich mich hier im Süden noch herum drücken muß." Konnte mir doch in Sizilien in wenigen Tagen dasselbe wie seinem Vater zu- stoßen. Als ich daun den Sohn bat, wegen meiner Abreise mit dem Untersuchungsrichter zu sprechen, konnte ersterer nicht wissen, daß durch den traurigen Zwischenfall mein Aufenthalt in Ajaccio schon um acht Tage verlängert worden war. Der Untersuchungsrichter hatte mich gebeten, noch in Ajaccio zu bleiben, da meine Aussagen und Hilfe von großem Werte für die Sache wäre. Als ich diese Er- klärung vor deut Gerichtshöfe in Bastia abgab, lachte mein Verteidiger Decori verständnisinnig und fragte mich: „Das hat wohl der efte . . . zu Ihnen gesagt?" Der Sohn ai> beitete sehr t mit den Behörden zusammen und hätte fast jeden Tag Verhandlungen. Meine Bitte wär daher kaum absonderlich. Er antwortete mir auf meine Bitte verwundert: „Sprechen Sie doch selbst mit dem Untersuchungsrichter. Sie verstehen ja besser Französisch, als ich." Er wollte mich eben nicht verstehen. Einige Tage vorher hatte ich unvorsichtigerweise dem französischen Pensionär Geiger gegen? über, als dieser seine Entrüstung darüber kundgab, daß — 359 durch die Zeitungen die lügnerische Selbstmordnachricht verbreitet würde, daß ich sofort nach meiner Ankunft in Livorno über die ganze Sache ausführlich an die deutschen Zeitmigen schreiben würde, was wahrscheinlich den Behörden verraten würde; man mußte also den Unbequemen, koste es, was es koste, feschalten. Schließlich erklärte ich dem Untersuchungsrichter ganz kurz, daß mir die Sache zu langweilig wurde und ich auch wegen der Unsicherheit nicht allein größere Ausflüge machen mochte, daß ich am Freitag, dem 9. Januar 1904, über Bizzavona nach Bastia abreisen ivollte. In Bizzavona wollte ich bis Sonntag früh mit dem italienischen Dampfer nach Livorno fahren. Gern würde ich ihm jedesmal meinen veränderten Aufenthaltsort mit» teilen, für den Fall, daß er auf irgettb eine Frage Antwort wünschte. Dies hätte ich ihm am 7. Januar gegen 6 Uhr am Schlüsse eines Verhörs gesagt, um 8 Uhr nach dem Abendessen wurde ich herausgerufen und ittir mein Verhaftbefehl überreicht. Er mußte schon längst nngefertigt bereit gelegen haben. Ich hätte ihn in meiner Wut nm liebsten zerrissen imb so quittiert, da ich nie einen Revolver besessen habe und meinem Charakter nach vollständig unfähig für die furchtbare Tat bin. Ja, ich nahm sogar an, man wollte mich durch die Aufregung und Hetzjagd wahnsinnig machen, um eine willenlose, knetbare Masse zu gewinnen. Vielleicht schmeichelte man sich, daß meine Gesundheit bald ruiniert wäre, ich also nie Ivieder heimkehren würde, um als Ankläger gegen sie aufzutreteu. — „Je l'ai attendue" wär meine einzige Antwort, nämlich cette bstise, wie ich in der Schwnr- gerichtssitzung erläuternd zufügte, diesmal auch mit dem Beifall des Rechtsanwalts Decori, welcher mich wiederholt vor dem Gebrauch dieses Wortes gewarnt hatte, das sonst meine Rechtsanwälte ständig im Munde führten. Von den Beamten auf mein Zimmer begleitet, schrieb ich rasch ein Telegramm au nteilte Brüder: „Lächerlicherweise des Raubmordes angeklagt, bitte ich Euch, sofort Auswärtiges Amt Berlin lvegen Schutz zu depeschieren!" und hoffte, daß nun endlich die Mine in Berlin explodieren würde, da inan einen unbescholtenen Deutschen, der seinem Charakter und seinen Verhältnissen nach für jene fürchterliche Tat gar nicht in Frage kommen konnte, nicht ganz nach Belieben einstecken und festhalten durfte. Nun, ich habe es in den 157 Tagen verstehen gelernt. Als meine Brüder mir später schrieben, ob sie meine Sache nicht dem Präsidenten Lonbet unterbreiten sollte, bat ich sie dringend, hiervon abzusehen, da ich dann sicher erwarten konnte daß aus ihr eine Dreyfusiade machen wurde. Bemerken will ich hier nochmals ausdrücklich, daß der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter mehrere Tage vor meiner Verhaftung meine Papiere, darunter auch meinen, auf meinen Namen lautenden Kreditbrief, in den Händen gehabt und mit aller Müße und Ruhe geprüft haben. Sie hatten Zeit genug, sich vor jenem Schritte nach mir, der in den besten Magdeburger Kreisen bekannt ist, erschöpfend zu erkundigen. Wenn sie dies nicht taten, machten fie sich einer unverzeihlichen Nachlässigkeit schuldig — eines Seitenstückes zu dein unglaublichen Verfahren nach Entdeckung des Mordes. Der Einzug ins Gefängnis war fürchterlich. (Fortsetzung folgt.) Are Krönung des norwegischen Königspaares. Nachdruck verboten. D r o n t h e i m, Mitte Juni. Die große Woche ist da — die Woche der Feierlichkeiten, mit denen Norwegen feine vor Jahresfrist errungene Selbständigkeit besiegelt. Dank des norwegischen Grundgesetzes wird der alte, kleine Bischofssitz noch einmal Zeuge der Salbung eines norwegischen Königs. Seit der letzten Krönung in Drontheims tausendjährigem Dom ist ein drittel Jahrhundert verstossen; eine Spanne Zeit, länger als die Regierungszeit der meisten Herrscher und doch nicht lange genug, um zu verhindern, daß der damals Dort „Gottes Gnaden" gekrönte König die Salbung seines Nachfolgers miterleben muß. Aber vielleicht wird die Krönung des jungen Dänenprinzen zum König von Norwegen auch die letzte Zeremonie dieser Art in der Geschichte Norwegens — waren doch die Stimmen, die sich einer modernen Zeitanschau- nttg folgend gegen sie erhoben, weit zahlreicher als die, welche für eine freiere Staatssorm abgegeben wurden. Diesen Eindruck wirb man nicht los, wenn man den Vorbereitungen zur Krönuugsfeierlichkeit an Ort und Stelle beinahe zu briugen. , Das letzte Stück Weges wird über die See gehen. Und der Empfang des Kvnigspaares in der Krönungsstadt mit seinen pompösen Zcrcinonicn, die natürlich in altherkömmlicher Weise ausgeführt werden, tvird im großen Gegensatz zu den schlichten Huldigungen in den Bauernhütten, mit ihrer anspruchslosen naiven Ausschmückung, stehen. Hier in Drontheim bereiten seit mehr als einem Monat tausend Hände den würdigen Empfang und die kirchliche Feier vor. Schon der Hafen ist sich nicht mehr ähnlich, neue Ankunftsstegc reihen sich bis in den Fluß hinauf, und am Strande erheben sich die Tribüne» in farbenreichem Schmuck und alles- überragend der große Empfangs- pavillon. über dessen grüner Zeltwand mit dem reichhaltigen Schmuck der Nationalfarben sich die Königskrone zwischen vier Ecktürmen- erhebt. Nach dem feierlichen Empfange geht die Fahrt vom Hafen aus durch die Stadt, unter Guirlanden und Ehrenpforten, durch dichte Meen von Fahnenstangen mit bunten Flaggen und Wimpeln hindurch an den dekorierten Häusern vorbei, der Kirche entgegen. Wie reichlich bunt diese Ausschmückung wirkt, wird man verstehen, wenn man erfährt, daß überall die norwegischen, dänischen und englischen — aber auch nur diese — Farben vertreten sind. Am ehrwürdigen Dom, >vv der Zug Halt macht, ist die Wirkung des Festprunkes eine nicht allzu harmonische. Die für Tausende von Menschen berechnete Tribüne und der große, rote Königspavtllon mit ihrem modernen Anstrich passen nicht recht zu den grauen würdigen Mauern des Ehrfurcht heischenden Domes. Hier wird das Königs- paar durch das, zum ersten Male seit hunderten von Jähren geöfsnetc Hauptportal die Kirche betreten. Mut «tannen wird jeder, dem dieses architektonische Meisterwerk eilte Quelle des stets erneuten Kunstgenusses geworden ist, den unerwarteten Fortschritt der Wiederherstellung, aber auch die fremd anmuteude Festtracht bemerken. Nicht nur die unvollendeten Teilender Kirche, sondern auch die Tribünen sind mit einem gelben «toff der von dem grauen Ton des Sandsteins eigentum- ilberzo^cn^ Js^E' der Rahmen glänzend und farbenprächtig, so wird das Schauspiel, das sich hier abspielen wird, nicht weniger leuchtend und prächtig sein. Der feierlichen Handlung werden Repräsentanten sämtlicher europäischer Staaten beiwohnen, nut Ausnahme der Schweiz, der Türkei und Schwedens. Aber Niemand wird sich darüber wundern, da,; König Oskar bei der Krönung seines Nachfolgers sich nicht repräsentieren laßt. Als Vertreter des- deutschen Reiches erscheint Prinz Heinrich,. Außerdein wird Herzog Karl Eduard von Sach, en Kvburg-Gotha der Feierlichkeit beiwohuen. Das Vaterland der Konigtti lntzt sich durch das Prinzenpaar von Wales vertreten. Danenlarr sendet den Bruder des Königs, Kronprinz Christian und Gemahlin, während Rußland durch den Bruder des Zaren, Großfürst Michael repräsentiert wird. O. C. wohnt. Hier am historischen Platz der traditionellen Feier merkt man nichts von dem Fieber, das sich des Volkes in den großen Augenblicken seiner Geschichte bemächtigt. Wohl ist man auf die nahen bevorstehenden Begebenheiten gespannt, aber die Neugier, sowie tausend Nebeuiuteresseu spielen dabei mit und von einem wirklichen Pathos ist absolut nichts zu spüren. Der große Ton findet sich nur in einigen loyalen Hauptstadtblättern. Man bemüht sich, eine künstliche Feststimmung heraufzubeschwören, indem mau die natürlichen Alltäglichkeiten aus dem Leben des Königspaares mit geschichtlicher Glorie zu umgeben versucht und in den Festberichten, ivie bei der Einrichtung der neuen Krönungsschlösser mehr die Stimmung des 12. als die des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck dringt. Man treibt diesen Kultus sogar so weit, daß nicht mal die Namen verschont werden. Die Hauptstadt Norwegens heißt seit vierzehn Tagen nicht mehr Christiania sonderii „Oslo", die Kröntingsstadt kann sich nicht mehr mit dem Namen Drontheim begnügen, sondern schmückt sich mit der pompösen Bezeichnung Nidaros. Doch die Gemüter des Volkes sind von all diesem Gefühlsschwall unberührt; einfach, ja sogar schroff, wie diese Menschen alltags sind, treten sie ihrem neuen Herrscherpaare natürlich und ungeschminkt entgegen. Das erfährt König Haakon ganz besonders in diesen Tagen, wo er mit der Königin und dem populären kleinen Kronprinzen feine „Eriksstraße" durch Norwegen macht. Von Ort zu Ort geht es in altertümlicher Fahrt, mit Pferden vor dem Wagen, von Gasthof zu Gasthof. Ost wird in einem der geschmückten Bauernhöfe Aufenthalt genommen; man improvisiert ein Frühstück in der Tiefe eines ftühliugsgrünen Waldes, oder man ruht itt brennender Sonnenglut am Fuße eines schmee- bcdcckten Berges. Das sonnenverbrannte Königspaar und der kleine Kronprinz, der braun wie ein Indianer aussieht und so gut gediehen ist, daß fein Vater scherzhaft meint, er müsse wohl drei Pferde, statt eines vor sein Kariol bekommen, werden von der Bauernbevölkerung mit einfachen, aber herzlichen Worten und kräftigen Händedruck begrüßt. Was das Fürstenpaar aber auf dieser Fahrt gesehen hat, nicht allem von der Herzlichkeit der Bevölkerung, sondern auch von der Schönheit der großzügigen Landschaft in ihrer bezaubernden Frühlingspracht, das ist wohl geeignet, ihm Land und Leute 860 Au alle Besucher des Waldes. Viele tausende ziehen jetzt wieder an den Sonntagen hinaus den Wald, diese Stätte der Erfrischung und des Natur-- «enusses, die fidj. einer besonderen Pflege seitens der Forstverwalt- ung erfreut. Soll aber der Wald dauernd seine große Ausgabe erfüllen, so bedarf er des Schutzes, nicht allein des Schutzes durch besonders dafür bestellte Beamte, sondern. des Schutzes durch die Gesamtheit. Schutz der Heimat! Mächtig ist tue Be- wegnng, die endlich — nach langer Gedankenlosigkeit — das deutsche Volk erfaßt hat und durch alle Gaue des deutschen Vaterlandes zieht. Ist der Wald nicht auch ein Stiick unserer Heimat? Und er, der uns am nächsten liegt, der nns am meisten an das Herz gewachsen ist, entbehrt sehr des Schutzes! „Gut guter Mensch beschädigt keinen Baum", so lasen war emmal ans >>iner am Stamui eiltet schönen Eiche angebrachten Tafel. Mahnt dieses zuversichtliche Wort nicht eindrucksvoller als em drohendes Verbot? Wer tnöchte nicht gern ein guter Mensch sein? Manche Handlungen — mögen sie, von einzelnen Waldbesuchern vorgenommen, auch durchaus unschädlich und harmlos crscyemen — können, wenn sie in großer Zahl ausgeübt werden, nicht allein störend, sondern auf die Dauer selbst zerstörend wirken. Wie oft wird das grünende Unterholz roh aller Zweige beraubt. zerzaust und zerrissen stehen die Bäumchen da: mit knapper Not ist die Krone der Unvernunft der zerstüreilden Menschenhand entgangen, und anllagend erhebt der verbliebene Baiinr- sturnpf den dürftigen Rest seiner Zweige in die Höhe. Nicht besser ist es oft dein Buchenjungwuchs ergangen, auch er tragt überall die Spuren des ihm zugefügten Leids. Möge daher jeder einzelne Waldbcsucher, um der Gesamtheit das schöne Waldbild, den ungestörten Naturgenuß zu erhalten, seinen eigenen Wünschen und Gelüsten — soweit sie störend wirken können — Zugel (iTtlcncii. Folgende Grundsätze sollte jeder Waldbesucher stets beachten: 1. Laßt den Gewächsen des Waldes ihre Zweige, Blätter und Blüten': sie sind der Schmuck des Waldes, sie sollen noch Viele erfreuen und neues Leben bilden. Abgerissen welketi sie rasch, dienen niemand mehr zur Freude, werden meist bald weggeworsen, das beschädigte Gewächs aber verkümmert. 2. Betritt keine jungen Anpflanzungen, locken dich auch die schönsten Beeren und Blumen, denn dn siehst die jungen Pflanzen nicht, die zu Bäumen heranwachsen sotten. Die Zerstörung, die dein Fuß dort anrichtet, ist noch nach Jahren kenntlich, 3. Lasse Zeitungen, Fruhstncks- papicre und sonstige Abfälle nicht auf Wegen und Ruheplätzen Herumliegen; balle sie zusammen und wirf sie in Dickungen oder vergrabe sie in Moos und Laub; zerschlage auch keine ans- getrnnkeuen Flaschen, sondern lege sie beiseite in den Wald. Denn was ist häßlicher, als wenn einzelne Stellen int Waloc aussehen wie Sammelplätze für Abfälle. 4. Gehe mit Feuer und Zigarren recht vorsichtig um. Bei trockenem Wetter kann jede brennend weggeworfene Zigarre und jedes glimmende Stretchholz einen Waldbrand vertirsachen. 5. Störe die Tiere be§ Waldes nicht; alle fürchten den Menschen als ihren größten Feind. Die Berührung durch Menschenhand kann die Mutter veranlassen, ihr Junges oder ihre Eier zu verlassen und so dem Verderben zn weihen. Nimm deshalb auch deinen Hund an die Leine, wenn du nicht ganz sicher bist, daß er keinerlei Jagdlust hat. — Nur wenn die waldbesuchende Bevölkerung diese Regeln beobachtet und sich so auf einen sich selbst beschränkenden höheren sittlichen Standpunkt stellt, kann der Wald auch bei dem Besuch von Tausenden diesen großen Menschenmassen wirklichen Naturgenutz, die in ihm gesuchten Fretiden, die Ablenkung vom Getriebe des Alltagslebens bieten. Der Waldeigentümer und die Forstverwalt- ung aber wird in dsiesem Falle gern daraus verzichten, in enteilt großen Teil der Waldbcsucher zugleich Waldzerstörer zu sehen. Strenge Maßregeln zum Schutze des Waldes, die dann schuldige wie Unschuldige treffen, werden unterbleiben. Das deutsche Volk sollte reif genug fein, feinen Wald selbst zu schützen. Vermischtes. * D ie jungen amerikanischen Million äre — nnd ihre Schneider. Das Land der unbegrenzten Möglich- Teiteit leidet an einem Mangel: es produziert keine guten Herrenschneider. Das heißt, — diese Ansicht lebt nur in den Kopsen der jungen Söhne der Millionäre _unb Milliardäre, deren Totlettenbudget sich jährlich auf fünf- und sechsstellige summen beläuft. In den Kreisen dieser beneidenswerten Jeunesse dorse gilt es als eine ausgemachte Sache, daß, wer etwas aus sich hält, mir einen der großen Londoner Modeschneider mit der ehrenvollen Mission betrauen darf, ihn zn bekleiden. Nun wäre es allerdings etwas unbequem, zu jeder Bestellung oder Anprobe erst über den großen Teich nach England gottbent zu mutten, i Und die Londoner Schneider nehmen daher den jungen Herren diese Mühe ab, — sie reifen selbst nach Amerika. Erst jetzt wieder, da der Frühling und mit ihm allerhand neue Moden sicy an- kündigeu, haben etwa ein Dutzend der Eigentümer der erstell Londoner Schueidersirmen den Dampfer bestiegen, um ihre Kunden in Newhork zu besuchen. Und sie erklären, daß sie wahrend ihres kurzen Aufenthaltes dort drüben bessere Geschäfte machen, als während des ganzen übrigen Jahres in ihrem Vaterlande. Da den Amerikanern nun einmal nichts anderes imponiert als Geld, so dürfen sie selbst dabei nicht sparen. Sie bewohnen in den ersten Hotels eine Flucht von Zimmern und treten in jeder Beziehung so nobel als möglich ans und ein großer, höchst eleganter Salon dient ihnen dazu, ihre Stoffe und Muster aus- zulegen. Es kommt bem' jungen Amerikaner nicht barauf an, sich Anzüge im Werte von vier bis fünftausend Mark auf einmal anfertigen zu lassen, und ist er zu bequem, um den Schneider selbst aufzusuchen, so gibt er seine Kommissionen wohl telegraphisch auf Einer der bekanntesten Londoner Schneider telephonierte am Morgen nach seiner Ankunft dem Sohne eines der Newhorker Krösusse, um ihm seine Anwesenheit mitznteileit. Die Antwort lautete aber sehr ungnädig, denn der Jnügliug war erst spät nach Haus gekommen, hatte einen ordentlichen Katzenjammer und erklärte, er brauche nichts. Höchstens, setzte er dann aber hinzu, „drei Straßenanzüge, zwei TenniA-Kostüme, einen Smoking" — und so siel ihm eins nach dem anderen ein, bt§ er schließlich für mehr als 10 000 Mark bestellt hatte, worauf er friedlich weiter schlummerte. — Da der Zoll aus fertige Kleiderwaren in den Bereinigten Staaten sehr beträchtlich ist, so sind die Schneiderpreise dort auch viel höher als in Europa. Unter 200 Mark bekommt man kaum einen „anständigen" Alltagsanzug, und 400 Mark ist das mindeste, was man für einen passablen Frack au- legeii muß. „ ®ute Ausrede.. D i e Gnädige: „Aber Jette, Sie tollten doch einen Aal ans der Markthalle initbringen !" — I e t t e: ‘„Sötte doch, jnäd'ge Frau, bet jlitschrije Vieh is mich ganz aus bet JedächtniS jeschlüpst!" Kunst. — Meister de r F a r b e. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig. 3. Jahrg. Lieferung 4 und ü. Das 4. Heft dieser Sammlung vermittelt die Bekanntschaft mit einigen in Deusich- land noch weniger gekannten ausländischen Künstlern, unter deneil man an erster Stelle Ilja Repin, den man den Contbet Rußlands genannt hat, mit einem in seiner malerischen Geschlossenheit groß angelegten Bildnis notieren muß. Von Santiago Russinol, einem Spanier, der sich besonders der Malerei alter Gärten zugewandt hat, ist eine Probe dieses Genres reproduziert, während der Böhme Wenzel Jansa als Landschafter des alten Prag und seiner malerischen Reize mit emem „Dämmerstunde" genannten Bild hervortritt. Er ist tu gewisser Hinsicht un ernt Gotthard Kuehl verwandt, von dem das Heft ebenfalls eine wohlgelungene Reproduktion bringt. Endlich sind noch der Engländer Grosvenor Thomas und die liebenswürdige Wienerin Hilde Lot zn nennen. Von dem ersteren ist ein in seinen Tonwerten durchaus impressionistisch wiedergegebenes Bild „Abend tut Dorsi, von der letzteren ein charakteristisches Madchenbildnis mit ,,König Drosselbart" reproduziert. In der Textbeilage erzähl Karl Engen Schmidt eine köstliche Geschichte von deut Palettenputzer Contures — Heft 5 erscheint als Sonderheft der Münchener Kunst mit Werken von Stadler, Kirchner, Geffcken, samberger. Schleich und Hengeler, während der literarische Teil zum erstenmal einen hochinteressanten Briefwechsel zwischen Spitzweg und feinem Freunde Pecht publiziert. Von Geffaen ttt ein „Fruhlingssied genanntes Bild, von Stadler eine sehr charakteristische Landschaft, von Kirchner ein für ben_ Humor des Künstlers^ bczeichnenbes Stück, Serenissimus im Exil darstellend, von samberger ein malerisch feilt empfundenes Selbstportral, von Schleich eine in Originalgröße reproduzierte „Heuernte und endlich von dem fröhlichen Hengeler ein Putto mit einem mächtigen Blumenstrauß als „Grattilant" publiziert. Gitterrätsel. Nachdruck verboten. In die Felder vorstehen- ber Figur sind die Buchstaben aaaaaaa, ää, c c, d d d d, e e e e, ff, h h, 1 1, ni m m m, n n, r r r r, s s s s, t t t t, n tt derart einzutragen, daß die ------1—--1 senkrechten und die ivage- rechteu Reihen gleichlautend " • Folgendes ergeben: — — 1. Schädliche Tiere. 2. Stadt in den Niederlanden. -------3. Russisches Gouverne- ___ ment. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Spargel (spar, gel, Geld). Redaktion: Erntt Seh. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckeret. R. Lanae. GietzeNk