1906 WiUwoH den 21. Movemöer ZZZ -i ia Ä Im Wanne des Heßeimnisses. Roman von H. v> Raesfcld. Nachdruck .....' L--* (Fortsetzung.) 49. Kapitel. Die Leiche wird gefunden. Lord Wayne schrie laut auf vor Schrecken und jäher Bestürzung, als er die weiße bewußtlose Gestalt seiner Gemahlin beim Eintritte am Boden liegen sah. Er eilte zu ihr, hob sie in seinen Armen auf. „Evelyn, mein Liebling, was gibts, was fehlt dir?" Er hatte keine Zeit, weitere Hülfe herbeizuklingeln; die wohltätige Bewußtlosigkeit war zu schnell vorüber. Beim Klange der wohlbekannten, geliebten Stimme öffnete sie die Augen, und die wilde Angst in ihren Tiefen ängstigte ihn, wie ihn nie zuvor etivas geänstigt hätte. „Ums Himmelswillen, Eve, was hast du nur angesangen? — Dies elende Fest l Du hast dich übermüdet, überanstrengtl Ich werde es mir nie vergeben, daß ich das zugelassen Habel" Sie wandte ihr Gesicht ab. O, wenn sie nur sterben könnte, ehe der volle Schlag der Entdeckung käme! „Was soll ich dir holen?" fragte er ängstlich. „Laß mich deine Zofe rufen". „Nein nein, laß mich allein bei dir, Mortimer. Allein wird mir besser werden, ich—ich war übermüdet und wurde ohnmächtig". Er legte ihren Kops an seine Brust und liebkoste sie wie ein kleines Kind. „Meine schönste, liebste Eve — mein teuerstes Weibt Weit lieber hätte ich überhaupt keine Festlichkeit wieder gegeben, als daß du so müde und angegriffen darüber werden solltest. Wenn du morgen nicht besser bist, sollst du mir nicht aufstehen — nein, nicht um alle Herzoginnen in der ganzen Grafschaft, meine liebste Eve". Die zärtlichen Worte schienen das überreizte Gehirn einzulullen. Es gab Aligenblieke, wo sie sich nicht einmal erinnern konnte, was eigentlich vorgefallen. Sie wußte nur, daß es etwas Fürchterliches war. „Mortimer", sagte sie, „liebst du mich wirklich so sehr?" „Mehr als ich dir mit Worten sagen kann, Evelyn". „So sehr wie damals, vor Jahren, wo du mich zuerst geheiratest hattest?" flüsterte sie. „Mehr, mein Liebling — mehr, zehntausend mal mehr. Damals warst du meine Braut, Evelyn, die süßeste, schönste Braut, die eS je gegeben — aber jetzt bist du mein geliebtes, verehrtes Weib — die Königin meines Herzens, die Herrin meines Hauses und die geliebte Mutter meiner Kinder; — dich Heben? wirklich, mein Liebling, ich könnte dich gar nicht mehr lieben, wenn ieh es auch wollte". Sie sah ihn nur mit unaussprechlichem Weh in den Tiefen ihrer dunkelblauen Augen an. „Du sollst mir jetzt überhaupt kein Wort mehr sprechen", sagte er zärtlich-ernst, „du mußt unbedingt rnhen, Liebling. Und erinnere dich, wenn du dich morgen früh nicht ganz gesund und kräftig fühlst, so will ich nichts davon hören, daß du aufstehst." Sie konnte sich nicht helfen. Gern hätte sie ihm noch mehr gesagt. Sie scheute sich, darnach zu fragen, wenn nun Unglück und Schmach sich ihr nahten, ob er sie auch dann noch Heben würde? Doch sie hatte nicht mehr die Kraft, noch etwas zu sagen; ein lähmender Stumpfsinn schien ihr im Kopfe zu liegen, eine düstere, schreckliche Leere sieh um sie her zu verbreiten; sie legte ihren Kopf in die Kissen; doch fein Schlummer senkte sieh auf sie herab, weder Schlaf noeh Vergessen kamen. Ein Siebet lag über ihren Gedanken; sie schloß die Augen, und das einzige, dessen sie sich bewußt war, war ein Gebet aus Heftern Herzen, daß sie sterben möge. So lag sie da bis zum langsam dämmernden Morgen, dann hörte sie den Gesang der ersten frühen Sänger draußen. Das barmherzige Dunkel und Schweigen der Stacht waren vorüber ■— der Tag, mit all seinen Schrecken, lag vor ihr. Ein goldener Sonnenstrahl brach zum Fenster, herein. Das Fest fiel ihr ein — da lag ja auch ihr prächtiges, eigens dafür gefertigtes Kostüm, — und dort, im Schrank, lag das perlgraue seidene, mit den roten Flecken. Wie würde es wohl zuerst bekannt iverden? — Wer würde die stumme regungslose Gestalt zuerst finden? — Wer zuerst Lärm schlagen, die Kunde verbreiten? — Und ivemi sie nun Hereingelansen kamen und es ihr erzählten, mie sollte sie sieh nur beherrschen, um nicht merken zu lassen, daß sie mehr wisse, wie alle anderen? Stunde ouf Stunde lag sie regungslos da und beobachtete den Sonnenstrahl, wie er zitternd auf der Tapete weiterkroch, horchte auf den Gesang der Vögel, lauschte auf das erste Wort oder den Fußtritt, der die Entdeckung an- kündigeu sollte. Es kam nicht. Lord Wayne war bereits erschienen oder hatte sich erkundigt, ob sie sich nicht besser fühle. Er war dann hinunter gegangen, um die eingelaufenen Briefe durchzusehen, und ihr Mädchen hatte ihr eine Tasse Thee gebracht. „Sie sehen sebr angegriffen aus, Mylady", hatte das Mädchen gesagt. „Wie unglücklich sich das trifft, daß heilte auch gerade das Fest sein mußt" 688 Dann kam's — ein hastiges Klopfen an der Tür, eins erregte Stimme, eine hastige Frage, ob Mylord dort fei. Dann hörte sie die Stimme ihres Gemahls, die zu ihr sprach. „Eve, mein Liebling/ sagte er, „erschrick nicht. Ich hielt es für besser, selbst zu dir zu kommen. Dienstboten übertreiben so schrecklich. Es ist ein Unglücksfall im Wäldchen draußen vorgekommen; es ist aber nichts, was dich zu ängstigen braucht." „Was ist's?" fragte sie. „Ich weiß es selbst noch nicht — vielleicht eine Schlägerei mit Wilddieben. Ich bin im Begriff hinuntcrzugehen und darnach zu sehen. ES wäre mir sehr unangenehm, wenn heute auch nur ein Wort davon bekannt würde; es würde das ganze Fest verderben." Als sie die Augen wieder öffnete, war er fort, und Marian stand vor ihr und sah verwundert und erstaunt auf daS blasse, schnierzverzogene Gesicht ihrer Schwester. „Eve, mein Liebling", rief sie höchst überrascht, „ich höre von Mortimer, daß du krank bist; mein Gott, du siehst ja halbtot aus! Was gibt es nur?" Beim Klange dieser geliebten Stimme brach der letzte Nest der Fassung der Unglücklichen zusamnien. Sie brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, das schrecklich anzuhören war. ■ „£}, Marian, Marian", rief sie dazwischen, „komm und hilf mir, tröste mich!" Und Marian nahm sie zärtlich in die Arme und suchte die krampfhaft hervorbrechenden Tränen zu hemnien. „Was gibt es denn nur eigentlich, mein Liebling? Was hast du nur?" Doch als Lady Wayne zu dem freundlichen Gesteht aufblickte, konnte sie ihr nicht sagen, daß das Geheimnis, wofür sie ihr Leben zum Pfände gesetzt, daß es sicher sei, jetzt bekannt war. Sie konnte nur rufen und schluchzen: „Tröste mich, Marian, hilf mir, Marian". Und Marian küßte sie, redete ihr beruhigend und beschwichtigend zu und streichelte die goldenen Haare. Dann kam das Mädchen herein. „O, Mylady", rief sie, „haben Sie's schon gehört, die Neuigkeit, die schreckliche Neuigkeit?" „Lady Wayne ist krank", sagte Miß West abweisend, „es ist jetzt nicht die Zeit, ihr derartige Neuigkeiten zu erzählen". Doch Lady Wayne erhob den Kopf. „Was ist's? — Sagen Sie mir's, ich möchte es wissen." „Ein Mann ist ermordet worden, im Busch beim eisernen Törchen". „Ermordet!" schrie Lady Wayne auf, und zum ersten male kehrte ihr die Erinnerung an die Schrcckensszene des verflossenen Abends mit voller Stärke zurück. „Haben Sie gesagt ermordet?" „Jawohl, Mylady; dnrch's Herz totgeschossen, sagten sie". „Hier, bei uns im Walde?" unterbrach Miß West. „Am Ende der Lindenallee haben sie ihn gefunden; neben dem kleinen Törchen hat er gelegen", fuhr das Mädchen eifrig fort, „und Mylord sagt, er wäre schon wenigstens seit ein paar Stunden tot". „Wie schrecklich I" sagte Miß West. „Jedenfalls war's ein Wildvicb, nicht? Sie werden wohl mit dem Forsthüter aneinander geraten sein". „Nein, nein", wehrte das Mädchen eifrig ab, „es ist kein Wilddieb. Mylord glaubte das auch erst, und niemand sollte den Toten anrühren oder wegschaffen, bis die Polizei käme. Es ist aber jemand, den Mylord kennt". Nunmehr sah Miß West wirklich überrascht auf. „So? Wer ist cs denn?" fragte sie gespannt. „Mylord nannte ihn Herr Jefferies", war die Antwort, „und sagte, er wäre der Brnder von Herrn Werner Jefferies, der hier vor einiger Zeit zu Besuch war". Daniit eilte das Mädchen, das sich ihrer Neuigkeit entledigt, wieder aus dem Zimmer und ließ die beiden Schwestern, die einander schreckensbleich anstacrten, allein. 50. Kapitel. Noch ein Fund. Lord Wayne war, wie wir wissen, zum Frühstücks- zimnier gegangen, um die eingegangenen Briefe durchzusehen. Er hatte Marian zugeflüstert, daß Evelyn ganz und gar nicht wohl sei. Isabel Wayne hatte mit ihren scharfen Augen auf- gesehen. „Was ist das, Mortimer? — Evelyn ermüdet? Das tut mir sehr leid. Sie sollte strahlend aussehen, und auch in strahlender Stimmung sein, beute, am Feltiage". Lord Wayne gefiel der Ton seiner Verwandten nicht. „Lady Wayne ist immer strahlend", erwiderte er kühl und abweisend. Isabel lächelte verächtlich. Es war ihr eine Erleichterung, sich an die hübsche Mrs. Playfair zu ihrer Rechten zu wenden und in halb bedauerndem Tone von Lord Waynes unwandelbarer Eingenommenheit für seine Gemahlin zu reden. „Ich versichere Sie", sagte sie, „er kann keinen Fehler an ihr finden. In seinen Augen ist sie die Volkommen- heit selbst." „So muß es auch fein", erwiderte Mrs. Playfair. „Ich hoffe wenigstens, daß mein Mann das Gleiche von mir dcnkk" „O ja, gewiß", gab Isabel zu, „aber diese außerordentlich Verliebten erschrecken mich etwas, Mrs. Playfair. Der Mensch soll sich kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anznbeten, wissen Sie. Ich wenigstens fürchte immer, es könnte mal etwas passieren, um diese Abgötterei zu bestrafen". Inzwischen war ein Diener ins Zimmer getreten und hatte eine wenige leise Worte mit Lord Wayne gewechselt. Ein ober zwei der Gäste sahen den Hausherrn jäh ausblicken, als ihm der Diener feine Mitteilung zuflüsterte. Nach einigen Minuten verließ er ruhig und gleichmütig das Gemach. Die Ruhe und der Gleichmut verschwanden aber auS seinen Zügen, als er eine kleine Gruppe Diener in der Halle zusammen stehen und plaudern sah. „Was ists?" fragte er; „was ist gefunden?" „Ein Mann, tot geschossen, Mylord; Wilson, der Förster, hat ihn vor einer halben Stunde am eisernen Törchen gefunden." „Tot?" wiederholte Lord Wayne. „Kalt und tot, feit Stunden schon, Mylord". „Schicken Sie sofort nach KenningSthorpe zur Polizei. Und daß nichts geschieht oder angerührt wird, ehe die Polizei kommt", sagte Lord Wayne. „Ist vielleicht während der Nacht wieder gewildert worden?" „Wilson weiß von nichts", war die Antwort. Und dann war Lord Wayne, da er wußte, wie nervös und leicht erschreckt feilte Gemahlin war, selbst auf ihr Zimmer gegangen, um ihr die Sache mitzuteilen, bevor irgend jemand sie erschrecken konnte. Er kleidete sich zum Ausgehen an, wollte aber nicht an Ort und Steile gehen, ehe die Polizei erschiene. Er hatte nicht lange zu warten. Sergeant Elliot erschien alsbald mit zwei seiner tätigsten und tüchtigsten Leute. Sie gingen zusammen, nebst einigen Dienern vom Schlosse. Wilson stand am Törchen, und dort, im langen Grase, sahen sie die Leiche liegen, noch unberührt. Wilson begrüßte Lord Wayne sehr ehrerbietig. „Ich kenne den Wert gerichtlicher Feststellung des Tatbestandes, Mylord", sagte er, „und wollte daher die Leiche nicht anrühren lassen, bis die Polizei käme". „Sie haben sehr recht daran getan", erwiderte Lord Wayne, „man kann in solchen Fällen nicht vorsichtig genug fein". Dann kniete Sergeant Elliot nieder, hob den Leichnam empor und drehte das Gesicht zum Lichte. „Das ist kein Wilddieb", sagte er bestimmt. „Das ist ein Mord. Der Mann ist durchs Herz geschoffen". 687 Lord Wayne beugte sich nieder und betrachtete das starre Antlitz, dann rief er laut: „Den Mann kenne ich". „Sie kennen ihn, Mylord?" .Jawohl", fuhr der Lord hastig fort; es ist der Bruder eines Herrn, der uns hier neulich besucht hat. Sein Name ist Janies Jefferies. Was mag ihn nur hierher gebracht, und wer mag ihn erschossen haben?" .Das ist's, was wir herauszukriegen haben", sagte der Sergeant. „Jawohl, es ist kein Irrtum möglich, Mylord; er muh hier bereits seit Stunden gelegen haben; der Körper ist vollständig steif und starr. Was nun?" Einer der Männer schlug vor, die Leiche solle in das nahe Försterhaus gebracht werden und dort so lange bleiben, bis die gerichtliche Untersuchung gehalten sei. Eine Tragbahre war bald zur Stelle, und darauf hoben sie die stumme Gestalt. Grosze Blutflecken waren im Grase, auf den Blättern und den wilden Waldblumen umher. „Ein fürchterlicher Schuß", bemerkte der Sergeant. Lord Wayne stand sehr ruhig und gefaßt da, doch sah er blaß und ernst aus; dieser Mord, so nahe vor den Toren seines Hauses, gefiel ihm ganz und gar nicht. „Glauben Sie, es sei vielleicht ein Raubanfall?" fragte er, „ich kann mir eine so schreckliche Tat gar nicht erklären". Sergeant Elliot untersuchte gerade die Taschen der Leiche. „Ein Raubmord kanns wohl nicht gewesen sein", sagte er bann, „hier fehlts wirklich nicht an Geld". Wirklich, es fehlte nicht an Geld. Eine große Börse war mit Goldstücken gefüllt; außerdem fand sich ein Taschen- buch mit Banknoten; die goldene Uhr und Kette waren ebenfalls unberührt; wertvolle Ringe funkelten an den starren Fingern. „Nein", wiederholte der Sergeant, „ein Raubanfall ists nicht gewesen, Mylord. Es ist ein Mord!" „Wer könnte es getan haben? Und weshalb? Ich glaube nicht, daß dieser arme Kerl auch nur einen einzigen Feind in der ganzen Welt hatte." „Wir werden das herausbringen, Mylord", erwiderte der Sergeant. Dann wandte er sich an einen seiner Leute. „Sie bleiben hier", befahl er, „Und durchsuchen das Gras und die Umgebung genau. Vielleicht finden Sie die Waffe, oder sonst etwas, das uns auf die Spur des Täters bringt". Dann bildete sich der Trauerzug, und die Leiche wurde zur Behausung des Försters gebracht. Lord Wayne stand dabei, als man die Leiche in einem Zimmer zu ebener Erde ausbahrte. „Es ist sehr traurig", sagte er, „ganz schrecklich. Der Bruder dieses unglücklichen jungen Mannes ist Lord Romsey's Sekretär. Er ist der Solln einet Witwe, die seinen Vertust äußerst schmerzlich empfinden wird. Ich kann immer noch nicht umhin, zu glauben, Elliot, daß er von einem der Forst- Hüter irrtümlich für einen Wilddieb gehalten und erschossen worden ist." „Das mag sein", war die vorsichtige Erwiderung. „Das wäre ein Unglück, höchst beklagenswert nach wie vor — aber nicht so schlimm wie Mord. Wir können hier vorläufig nichts mehr tun, Mylord. Ich werde für den Rest des Tages einen meiner Leute hier lassen". Inzwischen hatte sich der Polizist, dem anbefohlen worden, den Boden am Tatorte genau zu durchsuchen, mit größtem Eifer dieser Beschäftigung hingegeben. Er hatte erwartet, eine Pistole, einen Revolver ober ein ähnliches Morbwerkzeug zu finben, boch nichts bet Art belohnte seinen Forschungseifer. Kein Wisch Papier, kein halb zerrissenes Kuvert, kein Taschenmesser — nichts, gar nichts. Der Mann war enttäuscht; sein Vorgesetzter würde jeben- falls nicht angenehm berührt sein, wenn er nichts aufzuweisen hatte, wogegen, wenn er das Glück hatte, eine Entdeckung zu machen, ihm eine Gratifikation, vielleicht sogar Beförderung in Aussicht stand. Da, gerade, als er sein Suchen aufgeben wollte, ward sein Blick durch etwas SellimmerndeZ auf der anderen Seite des Törchens gefesselt; er eilte hin, bog das Gras auseinander und sah ein Armband am Boden liegen. Mit einem Ausruf der Ueberraschung hob er es auf. Wirklich — ein wunderschönes Armband ans mattem, reinen Gold, mit kostbaren Smaragden besetzt; das prächtigste Schmuckstück, das ihm je vor Augen gekommen. Das Schloß war offen, als ob es jemandem unbemerkt entfallen sei. Er betrachtete es genau. Unter dem Schloß war eine Feder; er berührte sie, und ein Miniaturporträt ward sichtbar. Es war ausgesucht schön und vorzüglich getroffen; er erkannte das Bild sofort — es stellte Lord Wayne vor. Er eilte mit feinem Fund zu feinem Vorgesetzten, der große Augen machte, als er sah, was es war. „Die Sache gefallt mir nicht", murmelte auch Elliot. „Da steckt mehr dahinter, als man zuerst glauben sollte. Ich will nach London telegraphieren". Und am selben Morgen noch erbat er sich einen bei tüchtigsten Geheimpolizisten. 51. Kapitel. Kenninghall in Schatten. Vor zehn Uhr morgens wußte bereits die ganze Diaity» barschaft, daß ein schrecklicher Mord auf Kenninghall vor- gekommen, ein Mann in unmittelbarer Nähe des Schlosses erschossen worden fei. Natürlich war das Fest verdorben. Gewiß, die meisten Leute haben Unterhaltung, Amüsement und Vergnügen liebet als den Ernst des Lebens, aber wenige sind herzlos genug, am frischen Grabe eines Mitmenschen zu tanzen und sich zu vergnügen. Man dachte an dem Tage auf Kenninghall seht wenig an Vergnügen. Wagen auf Wagen fuhr am stattlichen Schloßportal vor, mit Damen, die die Nachricht unterwegs vernommen, und die, als sie die Bestätigung am Tatorts selbst hörten, mit Bedauern und Schaudern erklärten, sie könnten nicht daran denken, sich Lady Wayne heute aufzudrängen, di« gewiß schrecklich angegriffen sei. Die, welche die Kunde noch vor Aufbruch hörten, kamen überhaupt nicht. Das Entsetzen und der Schrecken fliegen noch, als bekannt wurde, daß der tot gefundene junge Mann ein Bruder von dem Sekretär und Günstling Lord Romsey's sei. Somit packten die Musiker schweigend ihre Instruments wieder ein und zogen von bannen. Die Flaggen und Fahnen wehten zwar noch luftig zwischen den grünen Bäumen, doch die prächtigen Dekorationen, auf die so viel Zeit und Geld verwandt worden, waren alle nutzlos, alle Gemüter beherrschte nur ein Gedanke — die schreckliche, unter den Lindenbäumen verübte Tat. ch Ihre Durchlaucht von Chisledon fuhr als eine der Ersten vor. Mrs. Isabel Wayne empfing sie und entschuldigte in phrasenreichem Wortschwall die Herrin von Kenninghall, sie liege krank in ihrem Zimmer, es sei ihr nicht möglich, auf- zu stehen. „Ich Habs gehört," sagte die Herzogin, „eine schreckliche Geschichte. Es wundert mich nicht, daß Lady Wayne angegriffen ist, obgleich — unter uns gesagt — ich nicht geglaubt hätte, daß sie so sensitiv fei." „Es ist äußerst fatal." sagte Isabel. „Natürlich findet bas unglückliche Opfer ja unsere allgemeinste Teilnahme, aber ich kann boch nicht umhin, immer auch daran zu denken, welcher Verdruß es für Lord Wayne sein muß, der so mit Leid und Seele sich für das Fest und sein Gelingen interessiert hatte." „Aeußerst verdrießlich für ihn," stimmte bte Herzogin zu. „Habe ich vorhin recht verstanden, hütet Lady Wayne wirklich das Zimmer?" „Ganz niebergeschmettert und unfähig, aufzustehen," war bie prompte Erwiderung. „Ach je!" und die Herzogin rückte ihren Stuhl näher zu Isabel. „Finden Sie es nicht sonderbar, daß sie sich die Sache so tief zu Herzen nimmt ? Die unglückliche Person >var ihr jedoch jedenfalls vollständig fremd?" ISortfefcung folgt.) 688 Die Bedeutung der Naseuatmung. Von ärztlicher Seite wird in letzter Zeit in steigendem Maße auf eine sorgfältige Ueberwachung des Nasenrachenraumes gedrungen. In Anbetracht der überaus wichtigen Rolle, die die Nase im Atmungsprozeß spielt, müssen die Forderungen der Aerzte durchaus berechtigt erscheinen und verdienen die weitestgehende Beachtung. Es ist eine von der Wissenschaft längst anerkannte Tatsache, daß die Atmung in normaler Weise durch die Nase erfolgen muß, da dieser die wichtige Aufgabe zufällt, die Atmungsluft vorzuwärmen, ihr den nötigen Feuchtigkeitsgehalt zu verleihe« und Verunreinigungen nicht in die Luftwege gelangen zu lassen. Ist die Naseuatmung behindert und wird infolgedessen die vom Organismus benötigte Luftmenge durch den Mund zugeführt, so ist die Atmung kürzer, oberflächlicher und rascher, als bei normaler Nasenatmung. Die Folge davon ist eine geringere Duchlüftung der Lunge, sodaß der Gasaustausch in ungenügendem Maße von statten geht. Daß durch unzureichende Sauerstoffzufuhr sämtliche Organe geschädgit werden, liegt auf der Hand. Bor allen Dingen ist es das Herz, das nicht nur durch die ungenügende Sauerstoffernährung, sondern auch durch die raschen Druckschwankungen im. Brustkorb Schaden nehmen kann. Die oberflächliche Atmung wirkt aber auch aus die Lunge selbst sehr günstig ein, weil diese sich unter solchen Umstänoeu in ihren oberen Teilen nur schlecht entwickeln kann. In direkter Weise leiden durch die Mundatmung die Schleimhäute des Rachens, Kehlkopfes und der Luftröhren, denn sie werden durch die zu kalte, trockene und staubhaltige Mr'.ndatmungsluft gereizt. Die Folge hiervon sind chronische Katarrhe, die häufig die Ohren und die Augen in Mitleidenschaft ziehen. Es ist eine oft beobachtete Tatsache, daß unter dem Einfluß anhaltender nasaler Atembehinderung auch eine Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit eintritt, die sich in Unfähigkeit zur Konzentration sowie in leichter Ermüdbarkeit kund tut. In der Umschau hat Dr. Hölscher auf die außerordentlich mißlichen Folgen einer Vernachlässigung dieser Verhältnisse aufmerksam gemacht. In seiner Stellung als Militärarzt hat er Gelegenheit, zu beobachten, daß an die Leistungsfähigkeit der Soldaten immer höhere Anforderungen gestellt werden, ohne daß für die entsprechende Stählung ihrer Gesundheit irr genügender Weise Sorge getragen wird. Ein Soldat braucht vor allen Dingen gesunde Lungen und ein kräftiges Herz. Den obigen Ausführungen zufolge ist aber der normale Zustand dieser Organe sehr wesentlich durch die Beschaffenheit des Nasenluftweges bedingt. Abgesehen von der sonstigen rationellen körperlichen Ausbildung der Jugend ist demnach zu fordern, daß bei jedem eintretenden Rekruten die Nase auf ihre Luftdnrch- gängigkeit untersucht werde. Wird behinderte Nasenatmung festgestellt, so müssen die Patienten einer spezialärztlichen Behandlung zugeführt werden.. Die Tatsache, daß im Jahre 1902/03 nicht weniger als 43 361 Mann an Erkrankungen der Atmungsorgane und 1522 Mann an Erkrankungen des Herzens litten, verleiht den Forderungen Dr. Hölschers he- ionderen Nachdruck. ■ Vermi^chses. * Der Humor des Kindes. Ueber das Wesen des Humors und beit Humor des Kindes hielt, toie aus London berichtet wird, Professor Carle Barnes in der brit. Gesellschaft Mr Erforschung der Kindheit einen Vortrag. Er gab dabei auch einige interessante Beispiele dafür, wie der Humor im Kinde sich entwickelt und von Jahr zu Jahr die Ursachen wechselt. Er hat nahezu dreitausend Ansiagen erlassen, in denen er den Kindern die Frage vorlegte: „Was ist das komischste Ding, das du je gesehen oder gehört hast?" Manche merkwürdigen Antworten kamen da zum Vorschein. Ein Junge erklärt: „Ich habe eine Geschichte gelesen, da wurden den Hühnern einmal Sägespäne zu fressen gegeben. Und als die Eier ausgebrütet waren, da krochen drei Kücken heraus, die hatten hölzerne Beine, und das vierte war ein Specht." Ein anderer erzählt eine Geschichte von einem Manu, der mit einem anderen wetten wollte, daß er keine Gallone Bier trinken könne. „Warte ein Weilchen", sagte der andere, „ich will Euch dann sagen, ob ich die Wette annehme", und dann ging er fort; und als er wieder kam, trank er die Gallone Bier richtig aus. „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie das können", sagte der, der die Wette vorgeschlagen hatte, „Ich auch nicht", meinte der andere, „bis ich in Bills Schänke es erst einmal probiert hatte." Ein anderer erzählt, das Komischste, was er je gesehen, das sei ein Reger gewesen, wie er eine rote Wassermelone verzehrte. Oder wieder ein anderer erzählt von einem Mann, der sehr rasch lief. Als ihn jemand fragte, warum er liefe, antwortete er, daß er schnell nach Hause wolle, ehe er müde würde. Die ersten humoristischen Eindrücke in der Kindesseele gehen übrigens von rein körperlichen Dingen aus. Ein einjähriges Kind lacht, wenn man es in den Arm nimmt, es schaukelt, wenn man die Nase in die Schürze steckt und Buh! Buh! ruft, und über dergleichen Dinge. Nach einem Jahre beginnen die Kinder auf den Appell an ihre Fassungsgabe zu reagieren. Sie lachen, wenn man sich hinter ein Handtuch versteckt und ruft. Zwischen sechs und zwölf Jahren machen Unförmigkeiten aus das Kind den größten Eindruck, oder ein Zusammentreffen ungewöhnlicher Umstände, wie etwa ein betrunkener Mann, oder ein Zwerg, oder Tiere. Mehr als ein Drittel der gefragten Kleinen nannte als das komischste Ding den Assen. „Das lächerlichste Ding", meint ein Kind, „ist das Kaninchen, weil es auf seinen Hinterbeinen sitzt." Auch das klangliche Element, seltsame Wortkombinationen und dergleichen üben auf Kinder eine erheiternde Wirkung aus. Ein Kind sagt, das Komischste, das er je gehört, sei „Peter, Peter, punked Peter!" Hier ist es nur (im Englischen) das Klangliche, das in der kindlichen Seele widerhallt. Der Humor ist also im wesentlichen ein Abgleiten von der zweckbewußten Tätigkeit zur zweckbefreiten, oder wie Professor Barnes es nennt, zur unorganisierten. Er spricht davon, daß Männer, die sich mit außerordentlicher Energie auf ihr eigenes Handeln konzentrieren, den Einflüssen von Dingen, die außerhalb dieser Sphäre liegen, nicht zugänglich sind. Damit bleibt ihnen auch die be- fretenbe Wirkung des Humors versagt. Und als ein Beispiel dieses Typs einer Höchstkonzentration der Energie; nannte Professor Barnes Lord Kitchener, dem der Sinn für Humor völlig fehlen soll. Weihttachts-Mufik. — DongersMusikschatz. Für den Weihnachtstisch sehr geeignet ist „Tongers Musikschatz". Diese Sammlung ist mit großem Verständnis für die praktischen Bedürfnisse in der Familie zusammettgesteUt, daß sie wohl einzig in ihrer Art dasteht. „Tangers Mustkschatz" enthält das Beliebteste, was die Musikliteratur aufzuweisen vermag, und ferne 122 Salon- und Vortragsstücke, Opernmusik, Lieberfantasien, Tänze und Märsche für Klavier, ernste und heitere Lieder, Arien und Duette mit Klavierbegleitung bilden eine glänzende Perlenkette von dauerndem Wert. Originell ist die Anreihung von 52 Vaterlands-, Volks- und Studentenliedern in Form von 3 Potpourris für Klavier mit bei- gesügtem Text und den unverkürzten Melodien; bei Vereinsfestlichkeiten sind diese Lieder vorzüglich zu verwerten. Es sollte diese Sammlung auf keinem Klavier in musiklieb enden Familien fehlen, auch schon deswegen nicht, um Gästen, die gern einmal fingen und spielen wollen, was sie kennen und können, eine Freude zu bereiten. Daß das 320 Seiten Großnotenformät umfassende, in elegantem Glanzleinen gebundene Werk nur 5 Mk. kostet, verdient besonders hervorgehoben zu werden. Magisches DreieÜ. Nachdruck verboten. --- ■■» ...... — _ In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a d d h 1 1 r nun -------------—* u z derart einzutragen, daß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten Reihe« gleichlautend Folgendes bedeuten: _____ 1. Weiblichen Vornamen. 2. Afrikanisches Reich. -J 3. Stadt in Frankreich. 4, Ein Bindewort. — 5. Einen Buchstaben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Palindroms, in.,, Jger Nummer: Gitter, Rettig. Redaktion: Ernst Setz. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Unwersttäts-Buck- und Sletndruckerei. R. Lange. Siege«»