1906 M. 155 Samstag den 30. Hklober Ä ffl UAM Im Wanne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Lady Wayne lächelte gleichgültig. „Es freut mich, daß du das glaubst, Marian. Ich möchte meine Schönheit auch noch nicht verlieren." „Du wirst eines Tages doch wohl abdanlen müssen, Eve, und zwar zu gunslen Elsie's. Es wird ein sehr schönes Mädchen werden; — aber wie? Ich finde bei genauerer Betrachtung, daß du deine Farbe verloren hast. Bist du krank gewesen? Du siehst nicht ganz so strahlend oder so glücklich aus." „Du hast mir gefehlt, Marian", sagte Lady Wayne und fächelte sich etivas schneller. „Was sollte ich ohne dich wohl anfangen? Ich habe dich so sehr vermißt." „Und worum nur, Liebling?" fragte die ältere Schwester, sie besorgt anblickend. „Weil ich so nervös und furchtsam geworden war —; einen ganzen Tag und eine Nacht dachte ich an nichts als an jene schreckliche Zeit in Abbotsville. Es schien mich förmlich zu verfolgen — ich konnte mein Gemüt, meine Ge- d'anken nicht davon abwenden; und dann, Marian, hatte ich noch einen so gräßlichen Traum — ich muß ihn dir erzählen — er hat mich fast wahnsinnig gemacht." „Träume sind Schäume, Liebling", sagte Miß West. „Aber dieser war so schrecklich, so gräßlich, Marian, ich muß ihn dir erzählen", und mit einem Gesicht, das immer blasser wurde, je weiter sie sprach, erzählte Lady Wayne ihren Traum. „Weißt du, Marian", sagte sie, „es niachte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich jedesmal, wenn ich seither zum Himmel empor sah, in flammenden Buchstaben „Lady Wayne's Geheimnis" daran zu lesen glaubte". „Meine liebe Eve, du bist nervös, das ist alles, und deine Nervosität zeigt sich nun in dieser Form. Es ist nicht zu verwundern, wenn du einen Tag und eine Nacht lang an nichts anderes gedacht hast. Ich riet dir stets, es zu vergessen, birg aus dem Kopf zu schlagen." „Ich konnte es nicht, es überwältigte mich", versetzte sie. „O, Marian l liebe Marian, vergieb, wenn ich deine Geduld auf die Probe stelle. Glaubst du, mein — mein Geheimnis sei sicher?" „Ja; ich weiß, daß es das ist; wenn cs das nicht wäre, so würde, so könnte ich dir nicht mit einem Lächeln ins Gesicht sehen. Ich bin ganz so besorgt um dich, wie du es selbst um dich nur sein kannst. Ich habe für dich gelebt, Eve. Ich bin dir Mutter, Schwester und Freundin gewesen. Eine dich bedrohende Gefahr muß mich zuerst treffen." Lady Wayne sah um vieles erleichterter aus. „Und du glaubst wirklich, alles ist sicher, Marian — diese ganze dunkle Vergangenheit?" „Sicher, wie im Grabe. Bedenk doch nur, ich habe keinen Schlüssel zu unserm ferneren Leben hinterlassen, als wir Bristol Tcrrace, Belgravia verließen. Niemand kann uns finden, denn cs würde keinem im Traume einfallen, dich auf Kenninghall zu suchen. MrS. Ford hielt dich für eine junge Frau, deren Mann im Auslande weile, und deren Verwandte mit der Heirat nicht ganz einverstanden gewesen. Sic kannte dich nur als Mrs. Folksivorth, und sie ist weit weg in Amerika, wahrscheinlich tot, jedenfalls ist es aber ganz unwahrscheinlich, daß sie je zurückkehrt. Und Dr. Rurke hat mir sein Stillschweigen eidlich zugesagt. Du sichst, Liebling, es kann tatsächlich nichts über die Vergangenheit bekannt werden." „Ach, ich habe beinahe verzweifelt", versetzte sie. „O, Marian, können die Blätter im Walde, oder der Gesang der Bögcl cs verkünden, wie ich geträumt habe?" Miß West lächelte. „Du erlaubst den Nerven den Vortritt vor der Klugheit", sagte sie. „Blätter plaudern nicht. Du mußt etivas gesunden Menschenverstand zu Hülfe rufen, Eve. Du kannst aber wirklich ruhig und zufrieden sein. Ich setze mein Leben zum Pfand dafür, daß dein Geheimnis sicher ist. Ich würde deine Heirat nicht zugegeben haben, wenn es sich nicht so verhalten hätte. Nun, Kopf hoch, Liebling — und sei wieder dein früheres, munteres Selbst. Lächle und sag mir, daß du dich solcher kindischen Furchtgcbilde schämst." Lady Waynes schönes Gesicht klärte sich auf. „Ich bin die letzten Jahre so sehr glücklich gewesen, Marian", sagte sie gedankenvoll; „Mortimer hat mich so lieb, und ich liebe ihn so sehr. Ich vergöttere meine Kinder; ich bin so glücklich, so geehrt, so geliebt in meinem Heim, daß es tausendmal jammerschade wäre, wenn diese schreckliche Vergangenheit jetzt ans Licht käme. O, Marian, cs wäre mein Tod ober cs würde mich zum Wahnsinn treiben." „Du weißt doch, daß eS nie sein kann, Eve. Nun schlag dirs vollständig aus dem Kopf; denke überhaupt nicht wieder daran. Bedenke, ich habe dir mein Leben als Pfand für deine Sicherheit geboten, und ich habe dir gesagt, daß das, was du nervöse Furcht nennst, nichts weiter als angegriffene Gesundheit und nervöse Einbildung ist. Nun sei auch wieder glücklich, Eve!" Lady Wayne hatte es gelernt, sich so rückhaltlos auf das Mort ihrer Schwester zu verlassen, daß der Zweifel 618 aus ihrem Gemüte schwand, die Furcht zu Boden fänk, wie der Morgennebel vor dem warmen Strahl der Sonne. „Und denke auch daran, Eve, dies soll das letzte Mal sein, daß die Sache zwischen uns erwähnt wird; und jetzt laß uns von etwas anderem sprechen. Ich hoffe, meine Liebe, wenn Raymond nach Cambridge geht, werde ich meinen Aufenthalt dort doch wohl nicht nehmen brauchen?" Miß West lachte bei diesen Worten. „Nein; das ist etwas anderes. Ich hätte Elfte nicht nach Paris schicken können, ohne das beruhigende Bewußtsein, Dich in ihrer Nähe zu wissen. Du bist mein Turm der Starke, Marian. Ich hatte die bestimmte Ueberzeugung, daß dem Kinde nichts Mißliches widerfahren könne, wenn Du in der Nähe seiest." „Und wie hast Du Dich kürzlich amüsiert, Eve? Lord Wayne sagt mir, Du wärest sehr munter und lustig gewesen." „Wir haben einen sehr angenehmen Besuch auf Down- Ham gemacht. Ich habe die Romseys so gern, Marian. Lady Romsey ist eine der liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne, und ihr Sohn, Lord St. Gilbert, ist vollständig entzückend. Er erkundigte sich sehr liebenswürdig nach Dir." „Er ist von Cambridge also wieder zurück", sagte Miß West gleichgültig. „Ja; — ä propos — ich hatte in meinen Briefen vergessen, Dir von dem Unglücksfall zu berichten, der ihm zugestoßen. Seine Mutter wird ihn jetzt sicher nie wieder äus den Augen lassen, das steht fest. Er ist, wie Du weißt, alles eher, wie stark, und nun ging er aus, rudern, Mit zweien seiner Freunde, fiel in den Fluß, und wäre ertrunken ohne den Heldenmut eines der Kollegen, der ihn rettete. Er ist wirklich so eben davvngekommen — noch eine Minute länger im Wasser, und das Leben wäre entflohen gewesen, sagten die Aerzte." „Es freut mich sehr, daß er gerettet worden; Lady Romsey würde andernfalls von diefem Schläge sich nie wieder erholt haben." „Der junge Held, der ihn gerettet hat, ist jetzt auf Downham; sie wollen ihn überhaupt nicht wieder gehen lassen; er ist dort gerade wie ihr eigenes Kind." „Sicherlich werden sie ihm äußerst dankbar sein", bemerkte Miß West zerstreut. „Heute wird aber spät gespeist, Eve." „Mortimer und ich verliebten uns beide sofort in diesen jungen Studenten, Marian; es ist mein vollkommenes verkörpertes Ideal; ist alles, was ein junger Mann sein sollte — schön, denn sein Gesicht ist so hübsch und geistvoll; begabt, etn Dichter, ein Künstler, und von so bezauberndem Ungekünstelten Wesen —" „Meine liebe Eve, Mortimer Mrd eifersüchtig werden", Unterbrach die Schwester lächelnd. „Nein, nein, Mortimer gefällt er eben fo gut Me mir; er hat ihn gebeten, nach Kenninghall herüberzukommen. Er ist keine Zwanzig", fügte sie mit einem Lächeln bei, '„sodaß wohl sehr wenig Grund zur Eifersucht vorhanden sein dürste." Miß West schien kein besonderes Interesse für den Günstling ihrer Schwester zu empfinden. „Wie heißt Dein junger Held denn?" fragte sie zerstreut, nur um etwas zu sagen. „Er hat einen sehr romantischen Namen, wenigstens Bornamen — Werner Jefferies. Marian, Märian, was gibt's?" rief sie dann plötzlich erschreckt, denn Miß West war in ihren Stuhl zurückgefallen, Todesblässe auf dem Gesicht. „Liebste Schwester", schrie Lady Wayne, „um's Himmels- willen, was gibt's?" „Nichts", erwiderte Marian und versuchte, sich mit größter Willenskraft wieder autzurichten und ihren Zügen den gewohnten gleichmütigen Ausdruck zu geben. „Sieh Nicht fo erschreckt drein, Eve; es war nur ein Schmerz, ein scharfer, stechender Schmerz, der zu Zeiten kommt und mir durchs Herz schießt." „Du solltest einen Arzt Zu Rate ziehen", sagte Lady Wahne ängstlich. „Es ist wirklich, nichts. Sieh, — jetzt ist es schon horüber."- Lady Wayne legte ihren juwelenbesetzten Fächer Hin, Lengte sich über die Schwester und küßte sie zärtlich. „Ach, die Farbe kommt in Deine Lippen zurück", sagte sie besorgt. ,,Marian, tote hast Du mich erschreckt!" „Das tut mir leid, Liebling. Siehst Du, Eve, ich werde älter und kann nicht erwarten, eine so andauernde Gesundheit zu behalten, wie ich mich ihrer bis jetzt, Gott sei Dank, erfreut habe; es kann nicht rmmer so bleiben." „Ich möchte Dir all meine Kraft geben", sagte Lady Wayne, sie liebevoll und besorgt ansehend. „Ich weiß, das würdest Du, Liebling", erwiderte Ma- rran und drückte ihr die Hand. „Aber es interessiert mich sehr, was Du mir jetzt gerade erzähltest, Eve; ich habe den Namen nicht recht verstanden — wer, sagst Du, hat Lord St. Gilbert gerettet?" 19. Kapitel. Die grünseidene Börse. Lady Wayne lächelte. „Du wirst ihn ebenso gern haben, wie Mr, wenn Du ihn siehst, Marian. Sein Name ist Werner Jefferies. Was mich als so merkwürdig frappierte, ist, daß ich den Namen Werner sicher schon früher gehört haben muß." „Sehr wahrscheinlich", sagte Miß West. Nur sie selbst wüßte, welche Anstrengung es ihr kostete, ihre steifen blassen Lippen frei und deutlich reden zu lassen. „Ich selbst habe zwei Personen des Namens Werner gekannt, sodaß es also ein wohlbekannter Name sein muß. Ich denke, er gehört irgend einer sehr feinen Familie an." „Q nein", widersprach Lady Wayne. „Ich muß Der noch sagen, weshalb Mortimer und ich ihn so gern leiden mögen. Die meisten Leute machen, wie Du weißt, das Beste aus sich selbst; versuchen sich als von besserer Herkunft hinzustellen, als es tatsächlich der Fall ist. Nun' ist er aber fo ganz anders: er erzählte uns ganz offen und frei, daß fein Water ein armer Arbeiter, ein Bahn-, Wärter gewesen, der verunglückt sei; seine Mutter sei eins biedere, gewöhnliche, hausbackene Frau; sein Heim ein sehr ärmliches. Bewunderst Du nicht den Mut des jungen Mannes, der eine derartige Geschichte vor Leuten erzählt,^ die die Welt aristokratisch nennt?" Miß West antwortete nicht sogleich. Ihre Hände hatten sich krampfhaft zusammengeballt, und ein verzweig feltes Gebet um Kraft stieg ihr auf die Lippen. Dann, sich bemühend, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen, sagte sie: ..... „Aber wie kam Dein Held auf die Unwersttat, Eve?, Bahnwärter senden ihre Söhne selten nach Cambridge." „Sein Water starb, als er noch eiri ganz kleines Kind wär, wenigstens habe ich ihn so verstanden, und seine Mutter lebt von einer kleinen Pension. Er gewann ein Stipendium! in Ferryhill bei Elton. Du hast von der Grammatikschule in Elton 'mal gehört, Märian?" „Das ist ja ein ganzer Roman", erwiderte sre, aber ihre Lippen zitterten so heftig, daß sie sich kaum enthalten konnte, 'laut aufzufchreien. „Ja", sagte Lady Wayne, erfreut darüber, däs Inter-! esse ihrer Schwester erregt zu haben; „ich habe mich sehr gut Lei ihm unterhalten. Er erzählte nnr auch, er hätte eine Fee zur Patin." „Eine Fee zur Piatin?" wiederholte Märian West stam-- melnd. „Was meinte er damit?" „Eine unbekannte Freundeshand sendet ihm' Geld und Geschenke, jedes Jahr. Er hat auch einen Talisman —■ eine grünseidene Börse." „Eine grünseidene Börse?" wiederholte Miß West äber-- mals langsam; es schien ihr, als ob ihr Herzschlag jeden Augenblick aussetzen müsse. „Jawohl", lachte Lady Wayne. „Wenn Du mich für abergläubisch hältst, Marian, so bin ich gespannt, wie Du ihn nennen Nullst. Er sagte mir, er habe so eine bestimmte Ueberzeugung, daß es ihm gelingen werde, Liesen unbei kannten freundlichen Spender vermittelst der grünseidenen Börse ausfindig zu machen." Miß West würde noch blasser; ihre Lippen zitterten. „Und Du", sagte sie — „Du hast ihn gesehen?" „Natürlich doch, Märian. Wäs für eine Frage! Ich habe während des Abends in der Hauptsache mit ihm geplaudert." ’ „Kannte er Dich, das heißt, ich meine, hatte er Von Dir gehört?" „Ich weiß nicht. Ich schien ihm sehr zu gefallen; und — Marian, ich sollte mich wirklich schämen, daß ich'S feige# aber dir kann ich's wohl sagen — weißt Du, als ich mich 619 von ihm verabschiedete, fühlte ich eine unwiderstehliche Neigung, ihn zu umarmen und zu küssen/ „Kein Wunder," dachte Marian West. „D, großer GottI Was soll ich tun? Laut fragte sie dann: „Sagtest du nicht, er habe Lord Wayne gefallen?" „Ja, sehr gut. Du kannst dir denken, Marian, wie sehr er mir gefallen, wenn ich dir sage, mein größter Herzenswunsch ist es, meinen Raymond ihm ähnlich zu sehen. Ach, — da schellts zum Diner." Und Lady Wayne, die Erregung ihrer Schwester ganz und gar nicht gewahrend, erhob sich und blieb einen Augenblick vor dem Spiegel stehen, indes sie ihre Handschuhe anzog und nach ihrem Fächer griff. „Eve," sagte ihre Schwester matt, „ich glaube nicht, daß ich heute zum Diner hinuntergehe. Ich fühle mich nicht wohl; der Schmerz von eben quält mich immer noch." Sie sehnte sich darnach, allein zu sein, um sich die schreckliche Wahrheit, diese fürchterliche Geschichte zu vergegenwärtigen; um sich im Geiste in den grellsten Farben die Tatsache auszumalen, daß ihre Schwester endlich dem Sohne, den sie tot wähnte, wieder begegnet sei; daß Mutter und Kind sich gesehen, ohne sich wiederzuerkennen. Doch Lady Wayne schlang den Arm um ihre Schwester. „Was, Marian?" sagte sie. „Mortimer wäre sehr enttäuscht. Hat er sich doch ebenso sehr wie ich nach dir gesehnt. Denk dir, ein Diner am ersten Tage deiner Wiederkehr, und du bist nicht dabei. Und wärs nur um das Vergnügen, dich anzusehen, kommen mußt du." Und Marian, die zum ersten Male seit langen: wieder ihr Selbstbewußtsein und ihre Selbstbeherrschung verloren, fühlte, es sei ihr leichter, zu gehen, als zu widerstehen. Aber das ganze Diner ging wie ein Traum an ihr vorüber. Sie sah Blumen, Lichter, Personen, alles wie durch einen Nebel. Lord Wayne versuchte mit ihr zu plaudern, vergebens; Evelyn war besser gelaunt wie seit langem; aber Marian West hatte ihren Mut, ihre Ruhe, ihre Sicherheit verloren. Auch konnte sie sich später nicht mehr besinnen, wie der lange Abend eigentlich verflossen war. Sie hörte Lady Wayne fingen und fand sich dann plötzlich an der Seite des Lords wieder, der ihr seine Meinung über die demnächstigen Parlamentswahlen auseinandersetzte. Aber sie hörte rein Wort; ihr Gemüt war in Aufruhr; ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander, ihr schwindelte, nur mühsam vermochte sie sich soweit zu bemeistern, um nicht Aufsehen zu erregen. „Bin ich nur erst einmal allein," war ihr einziger Gedanke, „so werde ich in allem schon klarer sehen." Und doch schien es ihr Jahrhunderte zu dauern, bis fie. endlich allein war. „Du siehst wirklich nicht gut aus, Marian," sagte Lord Wayne endlich. „Du sollst nicht länger mehr aufsitzen." Dann fühlte sie, daß sie Evelyn küßte und den fast unwiderstehlichen Antrieb hatte, ihr um den Hals zu fallen und laut zu rufen: „Es ist dein Sohn, Eve, — dein Sohn, den ich all diese Jahre her von dir ferngehalten, von dem ich dir erzählt, er sei tot — dein Sohn, Eve!" Doch mit eiserner Willenskraft bezwang sie diese wahnsinnige Regung und begab sich scheinbar ruhig und gefaßt wie immer auf ihr Zimmer. Dort war alle mühsame Selbstbeherrschung vorüber. Sie verschloß die Tür, stellte die Lampe auf den Tisch und starrte mit großen, wilden Blicken in das Licht. „O, HimmelI" stöhnte sie leise, „was soll ich tun — was kann ich tun? Wer hat sie zusammengeführt? Wenn ich das nur wüßte — ist es das Schicksal, der Zufall oder die Vorsehung?" Sie rang die Hände und blickte verzweiflungsvsll empor. „Warst du es, mein Gott?" rief sie angstgepreßt. Zum ersten Male in ihrem Leben fühlte sie sich unsicher, ob das, was sie getan, das Rechte gewesen. Hatte sie denn irgend ein Recht, Mutter und Kind zu trennen, sie in der Welt als sich fremd aufwachsen zu lassen, — aus eigener Machtvollkommenheit zwei Personen zu trennen, die sich gegenseitig alles in allem hätten sein sollen? Zum ersten Male hatte sie ernstliche Zweifel darüber, ob nicht die stets von ihr als löblich betrachtete Handlung am Ende verbrecherisch gewesen. Welches Recht hatte sie, das kleine, unmündige Wesen aus den Armen seiner Mutter zu reißen und es in eine ganz andere Lebenssphäre zu verpflanzen? „Ich tat es in bester Absicht," stöhnte sie. „O, mein Gott, ich bitte dich, gedenke, daß ich es in bester Absicht getan I Es geschah ihretwegen, ihrer Zukunft, ihres Glückes willen! Ich wäre für sie gestorben!" --- (Fortsetzung folgt.) Gemüse und Gesundheit. Bon Dr. med. W. Kühn, Leipzig. Ein großer Mängel für junge Leute und solche, drei feine eigene Häuslichkeit haben, sondern aus die Wirtshauskost angewiesen sind, besteht anerkanntermaßen darin, daß sie zu wenig Gemüse erhalten, wobei wir aber unter Gemüse in strengerem Sinne des Wortes Gewächse verstehen, die entweder ganz oder mit ihren Wurzeln, wie die Rüben und Möhren, oder in ihren Stengeln, wie der Kohlrabi und auch der Spargel, oder in den Blättern, wie dis Kohlarten, oder endlich in ihren Früchten und Samen/ wie die grünen Erbsen und Bohnen, zur menschlichen Nahrung Verwendung finden. Ich weiß wohl, daß in manchen Gegenden unseres Vaterlandes auch die Getreide» sorteu und die trockenen Hülsenfrüchte, sowie Kartoffeln in entsprechender Zubereitung zu dem Gemüse gerechnet werden, was aber, wenn wir die Zusammensetzung der letzteren mit der der ersteren vergleichen, falsch ist, da sich zwischen beiden große Unterschiede zeigen, namentlich in dem Gehalte an Salzen. Es ist nicht nur das Verlangen, der täglichen Kost neue Reize zu verleihen, welches die Einführung der Gemüse in die Volksernährung veranlaßt hat, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß sie in Gemeinschaft mit Obst in erster Linie Berufen sind, die Kost der ärmeren Klassen vor einer ertötenden Einseitigkeit und Reizlosigkeit zu bewahren. Ferner spielen die Gemüse und Salate, die mit hierher gehören, wenn man sie auch für die menschliche Gesundheit nicht als ganz unentbehrlich ansehen kann/ doch in dieser Beziehung eine große Rolle. Das geht am besten aus h'em Umstande hervor, daß bei der aus sMelfleisch, Zwieback und ähnlichen Konserven bestehenden einseitigen Nahrung, wie sie früher auf Schiffen allgemein gebräuchlich war und auch jetzt noch auf Segelschiffen als Schiffskost dient, eine schwer« Krankheit auftrat, nämlich der Skorbut, bei dem die Fäule des Zahnfleisches ein besonderes Kennzeichen darstellte. Er ist durch nichts zu heilen als durch frisches Gemüse, und somit dürfen wip mit Rubner wohl annehmen, daß Gemüse und Obst eine durch einseitigen Genuß von Nahrungsmitteln entstehende Schädigung des Körpers „abgleichen" und somit eine wichtige Ernährun gs aufgabe erfüllen. Ohne Zweifel finden nichr alle Pflanzen, die zum menschlichen Genüsse tauglich sind, auch wirklich Verwendung. Der Arzt kann tagtäglrch die Erfahrung machen, daß Patienten verschiedene Gemüsesorten, die er aus bestimmten Gründen empfiehlt, gar nicht kennen. Sicherlich sind die einheimischen Pflanzen längst nicht alle daraufhin geprüft/ um sie als genießbar zu schätzen. Einige müssen wir wohl in die Klasse der Genußmittel verweisen; so find Zwiebeln und Knoblauch bei uns, mit Ausnahme des berühmten Zwiebelgemüses in Sachsen, mehr Würzen, während der Italiener soviel davon ist, daß sie nährende Wirkungen entfalten. Wir sollten also die Juden wegen ihrer Vorliebe für Knoblauch nicht verspotten, ebenso wie auch Rettig, Radieschen, Meerrettig und Schnittlauch, die man ebenfalls gern mit zu den Würzmitteln rechnet, von vielen Leuten — man denke nur an Bayern! — zu Brot und Butter genoffen werden. Als Genußmittel to-fcreit diese und andere Gemüsearten deshalb, weil sie riechende und schmeckende Stoffe enthalten, die eine angenehme Abwechslung der übrigen Nähr unas lost dardieten, die Berdanungs- säste zu einer reichlichen Absonderung günstig beeinflussen. Darin besteht ebenfalls ein Unterschied zwischen Gemüsen — 620 — int engeren Sinne und den Kartoffeln, getrockneten Hülsenfrüchten und dem Getreide. Daneben haben aber auch die Gemüse den gewaltigen Vorzug, daß sie zugleich Nahrungsmittel sind- weil sie Eiweißstoffe, Kohlenhydrate und Nährsalze in nicht geringen Mengen enthalten und von den Liebhabern in solchen Quantitäten genossen werden, daß ihr Nährwert ohne Zweifel steht. Allerdings muß man ber den Salaten, aber auch bei den Gurken den außergewöhnlich hohen Wassergehalt, den diese haben, in Rücksicht ziehen. Wir können unsere Behauptung ziffernmäßig beweisen. Wenn wir nämlich einer vereinfachten Tabelle, wie sre von Geheimrat Rubner in Berlin aufgestellt ist, folgen, so enthalten 100 Teile Trockensubstanz prozentualiter berm Weizenmehl 15,7, Roggenmehl 10,5, Kochreis 8,9 und Erbsmehl 29,0 Eiweiß. .Hiervon unterscheiden sich ganz gewaltig die Gemüsesorten, von denen in 100 Teilen Trockensubstanz beim Rotkraut, Grünkohl und Weißkraut 18,9, bei Schnittbohnen, Blumenkohl und Gartenerbsen 27,01, beim Spargel, Rosenkohl und Spinat 32,6 Teile dem Eiweiß angehören. Aehnlich hohe Prozentsätze weisen die Salate aus. — Von ganz besonderer Wichtigkeit aber sind- die großen Nührsalzmengen bei den Gemüsen, der bei den letztgenannten 12,6 Teile auf 100 Teile Trockensubstanz betragt. — Bemerkenswert ist auch der hohe Gehalt an Kalk, während die sonstigen pflanzlichen Nahrungsmittel arm an Kalk und reich an Magnesia zu sein pflegen. Da wir wissen, daß der menschliche Körper zum Aufbau seines Knochengerüstes Kalksalze nötig hat, so ist uns ohne weiteres klar, welche Wichtigkeit wir ihrem Ueberwiegen in den Gemüsen und Salaten beizumessen haben. Spinat und Kopfsalat enthalten davon am meisten und zeichnen sich außerdem noch dadurch aus, daß sie einen, wenn auch geringen Prozentgehalt an Eisen besitzen, der allerdings in manchen Früchten, wie z. B. Erdbeeren, bedeutend höher ist. — Von den verschiedenen Nährsalztheorien, wie sie der verstorbene Lahmann und Hensel aufgestellt haben, ist uns die erstere die bei weitem sympathischere, weil sie doch wenigstens eine gemischte Kost in natürlicher Form berücksichtigt, sodaß uns alles andere, was wir als Bestandteile der Gemüse erkannt haben, nicht verloren geht, während uns Hensel glauben machen will, daß Uns ein Zusatz der Nährsalze seiner Konstruktion zu speisen, wie es für die verschiedenen Menschen in gleicher schablonenhafter Weise stattfindet, gesund machen soll. Wir glauben nicht daran! Auf einen Punkt zugunsten der Gemüse, der dem großen Publikum sehr wenig bekannt ist, der aber bei Krankheiten, die eine besondere Diät erfordern, nicht unwichtig ist, wird von v. Noorden aufmerksam gemacht. Es ist Uämlich erstaunlich, wieviel Fett manche Gemüse, besonders Wirsing, Krauskohl, Sauerkraut, Notkohl usw. aufnehmen, ohne daß durch Fettüberschuß Aussehen oder Geschmack benachteiligt werden. Für Kranke ist es zu empfehlen, daß man jedes Gemüse mit guter zerlassener Salzbutter durchschwankt. Zum Schluß müssen wir noch einige Worte über das Kochen des Gemüses sprechen, wodurch sich aber die Verhältnisse im großen und ganzen nicht ändern. Wirsingkohl, Weißkohl, grüne Bohnen, gelbe Rüben, Blumenkohl, Salat und Kohlrabi haben das Gemeinsame, daß sie im frischen Zustande die eingeschlossenen Zellsäfte fest zurückhalten, vorausgesetzt, daß sie beim Waschen nicht zu stark gepreßt werden, weil' dann Saft austritt. Beim Dämpfen fließt zwar auch etwas Saft aus, aber bei Blumenkohl, Salat und Kohlrabi nur sehr wenig. Beim Kochen, das wir vom Dämpfen unterscheiden, ist der Austritt ein viel bedeutender. In manchen Gegenden Deutschlands wird die austretende Flüssigkeit, namentlich bei solchen Gemüsen, die einen strengeren Geschmack haben, gern weggegossen. Das ist natürlich an und für sich falsch, da damit zugleich Eiweiß, Zucker und Salze verloren gehen. Der scharfe Geschmack läßt sich meist dadurch beseitigen, daß das Gemüse vor dem Dämpfen oder Kochen mit heißem Wasser übergossen wird. — Die Verdaulichkeit wird durch solche Zubereitung unbedingt gefördert, denn schon beim Kauen fühlt sich das weicher an. Immerhin wirkt der reichliche Gehalt verschiedener Sorten an Holzfaser (Cellulose) zweifellos ungünstig auf 'die Verdaulichkeit ein, ohne daß aber dadurch die Stellung der Gemüse als Nahrungsmittel erschüttert würde. Kunst. — ..Die Kunst." Monatshefte für freie und angewandte Kunst, 8. Jahrg., Heft 1. (München, Verlagsanstalt F. Bruckmann. Preis vierteljährlich 6 Mk.) Das erste Heft des neuen Jahrganges dieser verdienstvollen Kunstzeitschrift stellt sich als" ein stattlicher Band von 104 Seiten dar, voll anregenden Textes und geschmückt mit 142 zum Teil zweifarbigen Textillustrationen und 7 Sonderbeilagen (teils in Farben- und Kupferdruck). Aus dem reichen Inhalt erwähnen wir: „Die Münchener Jahresausstellung im Glaspalast 1906" von F. v. Ostini; „Die bayerischen Museumsverhältnisse" (anschließend an die bekannte Rede des Prinzen Rupprecht in der bayer. Reichsratskammer); „Die Ausstellung bayerischer Kunst von 1800—1850 im Glaspalast zu München" von F. v. Reber; „Ein Schlußwort zur Deutschen Jahrhundertausstellung" von Hans Rosenhagen. Das Gebiet der angewandten Kunst betritt Joy. RZe mit seinem reich illustrierten Aussatz über den Wartesaal im Nürnberger Bahnhof. Daran schließen sich zwei kleinere Aufsätze: „Das Löwenberger Rathaus" und „Aus amerikanischen'Villenstädten". Den Schluß bildet der letzte (vierte) Teil des weitausgreifenden Artikels von Erich Haenel über die Dritte Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung Dresden. — Stets Aktuelles ins Auge fassend, zeigt „Die Kunst" das Bestreben, das erreichbare Beste und Charakteristische aus dem modernen Kunstschaffen seinem Leserkreis, dem kunstinteressierten und kunstgebildeten Publikum, in guter bildlicher Wiedergabe vorzuführen. Sie erweist sich in der Tat als die führende deutsche Kunstzeitschrift und es dürfte im Ausland kein der bildenden Kunst gewidmetes Journal geben, das seiner Nation in besserer Weise eine umfassende Kenntnis vom modernen Kunstleben vermittelt. Vermachtes. — Sprachverhunzung. „Abstinenzler" — ein Wort- scheusal, gebildet von Lenken, die die „Abstinenten" nicht leiden konnten und deshalb die entschiedenen Mkoholgegner von vornherein beim Volke in ein ungünstiges Licht zu stellen suchten. Schon durch die Bezeichnung wollten sie ihre Geringschätzung, ihre Mißachtung zum Ausdruck bringen, durch die Anhängung der Silbe „ler" die Enthaltsamen verächtlich machen und das Volk gegen sie einnehmen. Daß die Wirte und andere am Alkoholhandel geschäftlich beteiligten Leute das taten, ist nicht weiter verwunderlich; aber daß Universitätsprofessoren — wie z. B. Schottelius — Merzte, Offiziere und andere gebildete Leute die Bezeichnung anwenden, befremdet doch recht sehr. Im letzten Jahre ist das Wort infolge der umfangreichen Bemühungen unserer Gegner in der Tagespresse so oft vorgekommen, daß es sich einzubürgern beginnt, und selbst in alkoholgegnerischcn Zeitschriften sieht man cs schon ohne Gänsefüßchen. Es macht den Eindruck, als habe man das Gefühl für die eigentliche Bedeutung des Wortes verloren. Freilich kann selbst ein Schimpfname zum Ehrennamen werden: hier aber wäre es einfach eine Schwache, wenn wir den mißgestalteten Fremdling widerstandslos aufkommen ließen. Da das Wort ein Ausfluß der Abneigung, des Haises ist, mögen die Brauer und ihr Anhang es weiter verwenden; gebildete Leute sollten es schon aus Unstandsrücksichten meiden. Referenzler und Korrespondcnzler sind Konkurrenzier der Abstinenzler; die Studenzler und Abonnenzler sind ihnen verwandt; die Gasthöfler ünd Skammtischler, ja sogar die Bierausschenklev stehen mit ihnen in Verbindung. Die Wirte sollten sich Payer vor den „Abstinenzlern" hüten, sonst könnten die Wirtshäusler mit den Zuchthäuslern auf eine Stnfe kommen. Auflösung in nächster Nummer. Bilderrätsel Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer r Wenn, was Gott dir zur Freude befcheert, Deine Torheit in Leid verkehrt, Wird er dich künftig der Müh' entheben Und das Leid dir schon fertig geben. E. Genu. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Ichen Univcrütäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange,