Montag den 20. August >ZSS TKTTbFB WWW W 'Will Jer Stern. Roman von U l r i ch Fran k. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Es hat ihr aber doch bisher nichts geschadet I Nein, nein . . . das laß ich mir nicht vorreden, da steckt was anderes dahinter! Vielleicht ... ja, sieh 'mal, solange sie allein war, ging alles ganz gut! Kaum kommt die Verwandtschaft und Freundschaft dazu, geht alles schief! Dieser Doktor ist auch so einer! Wo sie war, alles klappte. Ueberall der gleiche Enthusiasmus wie hier." „Aber wie singt Dellchen auch!" „Das ist es ja eben. Man läßt so etwas nicht fallen. Das ist ja Wahnsinn! Reist nur alle wieder ab — die ganze Bernstadter Gesellschaft, du mit, lieber Schwager, und alle Grafen und Doktoren, und überlassen sie sie uns. Wir bringen sie schon wieder auf dcrr Damm. Ich konsultiere dann einen Ncrvcnprofessor, nicht diesen Doktor, und Lucie soll immer bei ihr bleiben als ihre Gesellschafterin. ES wäre nun end- lich Zeit, daß wir für die großen Opfer, die wir gebracht ..." „Ihr?" „Ja gewiß, lieber Brandt! Denkst du denn, wir haben von Zinsen gelebt während der ganzen Jahre, wo Della in Dresden bei uns war, um zu studieren? Schulden hab ich gemacht! Ich konnte cs dreist, denn ich wußte, das bringt sie tausendfach wieder ein. Und so wäre es auch gewesen ♦. . und nun kommt mit einemmal diese verrückte Geschichte 1 Es ist zum Verzweifeln . . . Ich bin ruiniert! Ich und mein armes Kind, dem ich alles versagte, damit nur Della alles habe. So eine angehende Künstlerin, wie muß die gehegt und gepflegt werden, und das ganze Haus wurde danach eingerichtet, das kostet Geld, lieber Schwager." „Ja, aber warum sagtest du nichts und schriebst . . ." „Weil ihr das doch nicht verstanden hättet, du und Berta, in euren kleinstädtischen Gewohnheiten. So ein junges Mädchen muß immer reizend gekleidet gehen und die feinsten Bissen genießen, und das ganze Haus muß einen künstlerischen Zuschnitt haben . . ." „Und das hast du getan?" Die Rührung schien ihn übermannen zu wollen. „Jawohl!" „Und hattest ... du hattest cs nicht dazu?" Sie schüttelte den Kopf. „Mein Gott, Hannchen, was bist du für eine edle Seele! Wir hielten dich immer für wohlhabend — und solche O>pflx hast du unserem Kinde gebracht? Mein Gott, mein Gott! Wie können wir dir danken? Was wird nur Bertchen sagen? Die ... die .. . und Schulden hast du gemacht? Aber das ist ja schrecklich! Und wie konntest du nur? Ist cs viel?" fragte er zaghaft. „Viel mehr, als ich zu sagen wage und zu denken." „Und Della? Wußte sie etwas?" „Ach, Della? Die! Die kümmerte sich um gar nichts. Rur ihre Studien ... bei Ranzoni und Wittclsbach brachte sie ihre Zeit zu, dazwischen üben und üben und üben. Man bringt's nicht so weit ohne tüchtige Arbeit. Aber für nichts sonst hatte sie Sinn. Sie sand natürlich, daß alles da war, was sie brauchte, und daß sie lebte, wie sie lebte. Die Tante hat's dazu, mochte sie gewiß gedacht haben, ohne zu überlegen, woher es kommt. So war's auch, als der Graf Giers- dorf damals in Dresden war und ihr anbot, alles für sie bezahlen zu wollen, da sagte sie kurz: nein." Sie hatte in ihrer Aufregung nicht bemerkt, wie er zusammenfuhr, als sie vom Grafen sprach. „Der Graf Giersdorf? Welcher denn?" fragte er mit gepreßtem Ton. „Der älteste natürlich." „Aber davon wußten wir ja gar nichts." „Sie wollte nicht, daß ihr cs erfahret. Aber ich habe ihr damals gut Bescheid gesagt und ihr erklärt, daß sie cs ohne weiteres hätte nehmen können . . ." „Sie hat recht getan . . . Wir lassen uns nichts schenken!" „So etwas kommt immer vor, daß reiche Leute pmge Talente bei ihrer Ausbildung unterstützen. Das bringt sich reichlich ein." „Du siehst ja, wie es mit solchen Berechnungen geht, liebes Hannchen! lind wenn der arme Künstler später nicht kann, wenn er krank wird, versagt . . . was dann? Welches Glück, daß wir dir wenigstens werden erstatten können, was du ausgelcgt hast. Della hat uns in den letzten Jahren viel Geld geschickt von ihren Gastspielen — es ist unberührt. In der Kreissparkasse liegt es; sobald wir in Bernstadt sind, schicke ich es dir nach Dresden. Den ganzen Betrag. Damit deckst du einen Teil deiner Auslagen. Darf ich?" „Ich ... ich, ich muß cs wohl annchmen, lieber Schwager, denn . . . denn, ivie gesagt, ich habe Schulden." Sie verschwieg in schlauer Ueberlegung, daß Della auch ihr in dieser Zeit große Beträge geschickt hatte. Sie wußte, daß diese nie davon sprechen würde. Ihre Verwandten schienen wahrhaftig nicht die Leute, Kapital zu schlagen aus dem wundervollen Material, das sie in ihrer Tochter besaßen. Das waren törichte, unpraktische Menschen damals wie heute. Sie wenigstens wollte retten, was zu retten war. „Ist es viel, lieber Schwager?" 486' — „Ich weiß eS nicht, ober hoffentlich reicht e3 nuS, um dich schadlos zu halten — bn sollst alles haben." Ihre Augen funkelten gierig, ’ „Und bald?" „Sofort nach unserer Ankunft in Bernstadt." Sie fand es nun nicht mehr nötig, ihn von seiner Absicht, - so rasch wie möglich heimzukehren, zurückzubriugen. Und schon am nächsten Tage waren alle, die das Gastspiel von Della Brandt nach Berlin geführt hatte, nach den verschiedensten Richtungen abgereis Der Künstlerin und ihrem Vater gab Doktor Hübner das Geleit in die Heimat. Er fand ihre Nerven noch nicht so beruhigt, um sie mit bem alten Herrn allein reifen zu lassen. Unter grünem Lampenschirm hervor qiwll ein sanftes Licht auf den Arbeitstisch Doktor Hans Hübners. Er saß aber nicht davor, um wie gewöhnlich seinen wissenschaftlichen Forschungen und Studien seine Aufmerksamkeit zu schenken, sondern um einen Brief zu lesen, der ihm viel Freude zu bereiten schien. Ein helles Lächeln diirch- sonute sein ernstes, männliches Antlitz und die Gedanken, die seinen Geist beschäftigten, waren offenbar sehr angenehmer Llrt. Nach einer kleinen, nachdenklichen Pause nahm er das Schreiben wieder zur Hand und las: „Bernstadt, im Dezember. „Mein lieber Freund I , Ich weiß wirklich nicht, ob die alte Jugendfreundin oder die neue Patientin an Dich schreibt. In mir ist jetzt beides vereint. Die eine, mit der treuen, anhänglichen Erinnerung mt die schönste Zeit ihres Lebens, eine Erinnerung, die hier in vollster Stärke und innigster Empfindung mich ergreift, dre andere in dem herzlichen Vertrauen, daß sie Dir die seelische und körperliche Genesung zu danken hat. Ich fühle es in frischer Kraft und frischem Lebensmut durch meine Seele gleiten, und ich weiß, daß damit zugleich auch mein Körper feine Elastizität wiedergewinnen wird. Eines war die Folge des anderen, und unter den schreckhaften, angstvollen Eindrücken, die damals auf mich einstürmten, wäre wohl auch eine Stärkere zusammengebrochen als ich. Du ober worst es, der mich stützte, ermutigte und iwr ollen Dingen mich der dumpfen, ober sage ich, sumpfigen Atmosphäre entriß, in ber ich, ohne es selbst zu wissen, seit Jahren lebte. Dieser krankhaften, überreizten, mit tauseub- fcUtigen Strömungen burchsetzten Atmosphäre, bie meiner innersten Natur fremb, mich wie mit einem ekstatischen Rausch erfüllte. Ich wäre bieser Narkose erlegen, wenn nicht Hilfe gcfommen wäre zu rechter Zeit, so tief war sie unb so lange währte sie. Du haft mir zwar verboten, bavon zu sprechen unb bnron zu benken, mein lieber Hans, um mich vor den Aufregungen der Rückerinnerung zu schützen. Aber das geht doch nicht ganz so, wie Du es wünschest und verlangst. Man kann seinen Gedanken nicht immer gebieten und den Flug, den sie nehmen, sowie die Richtung kann man nicht willkürlich bestimmen. Wenigstens nicht immer. Du kannst mir glauben, daß ich sehr folgsam bin unb in meiner Lebens- weife genau ben Anorbnungen Nachkomme, bie Du ge- gebcn, als Du mich hergebracht — matt unb mübe unb gebrochen — verzweifeln!) am Leben, an meiner Kunst unb an mit selbst! lu*e mt*rt 6uteS Mütterchen unb mein Vater barauf bebocqt sinb, baß alles geschieht, was Du angeorbnet hast, c-aw2 erst zu sagen. Ader gerobe baS ist es. >)ch bin in ber Zeit meines Hierseins genesen, ober ich fühle mut) auf bem besten Wege bozn. So viel Liebe unb Sorg» 11 *3anri die wunbervolle Ruhe, die mich umgibt, müssen das Wunder bewirken. Diese himmlische Stille, dieses friedvolle Ausruhen nach der Hetzjagd meines Lebens müßten ein Nch schon wie ein Heilmittel auf meine zerrütteten Nerven . Mit ber Wachstuben Kraft wächst aber auch ber .USiKe, sich zu betätigen, unb bas führt meine Gebauten naturgemäß zu bem zurück, was war, und erweckt in meinem Geiste die bange, zaghafte Frage, was fein wirb? Nun sitze ich hier eingeschneit in bem lieben, guten Stäbtchen. Warm, gcf- ">cn, behaglich. Nichts bringt au mein Ohr vom Lärm Außenwelt, nichts umgibt mich als ber innige Friede dieses schlichten Herdes, au dem Liebe unb Güte in Wahrheit bas heilige Feuer hüten. Nach Deinem Wiinsche habe ich einstweilen alle Verbinbung mit ber Welt, ber ich angehörte, abgebrochen. Kein Brief, keine Zeitung, kein Besuch gelangt zu mir — aber ben Gebauten kann ich ben Eingang nicht wehren — jetzt nicht mehr. Der wieber- erwachende Lebensbrong öffnet mit bem Ausblick in bie Zukunft auch ben Erinnerungen ber Vergangenheit Tür unb Tor. Ich holte mich als eine artige Patientin, bie ihrem Arzte nichts verschweigen soll, verpflichtet, Dir dos mitzuteilen. In ben vielen, vielen Stunben, bie ich einsam verbringe, kommen bie alten Geschichten unb wollen mir Gesellschaft leisten. Menschen unb Ereignisse. Ich weise sie zurück, aber sie sinb aufbringlich unb pochen immer wieber an, unb weil ich Furcht habe, mit ihnen allein zu fein, wollte ich Dich fragen, ob Du nichts bagegen hättest, wenn ich sie zu Dir brächte? Sieh einmal, Hans, das Schicksal hat es so gefügt, daß Du in der schwersten Stunde meines Lebens an meine Seite tratest. Es machte Dich zu meinem unfreiwilligen Vertrauten, willst Du jetzt freiwillig Dich dazu machen? Damals fragtest Du nicht viel und sagtest nicht viel, ich denke auch, die Situation sprach deutlich genug für sich selbst. Auch war idj wohl so schwach und erschüttert, baß ich nichts zu sogen vermocht hätte — heute kann ich es! Unb baß ich es kann, reinen Herzens, befreiten, entlasteten Gemütes, bas ist Dein Werk!. Daß Du an jenem fürchterlichen Nachmittage nichts in mir auswühltest, nicht durch Fragen, nicht durch Zuspruch — daß Du mich durch Deine Anwesenheit, Deine feste, bestimmte Zuversichtlichkeit mich beruhigtest — mich aufrichtetest und die Schrecken, das Entsetzen jener Stunde banntest, war das erste Linderungsmittel für meine kranke, tobcgwun.be Seele. Und wie Du mich dann hierher brachtest und für meine Behandlung alles fandest, was mir Wohltat, war ebenso das Werk des klugen, umsichtigen Arztes wie des Jugendfreundes, der nichts vergessen hatte von dem, was mir einst teuer und lieb war, was mir Freude und Befriedigung gewähren mußte. Das alles umgab mich, verscheuchte das Traurige, das mich gequält hatte, und ich genas. Vater und Mutter würden nicht verstehen, was in bem Leben ihres Kinbes war. Nicht bas Hohe und Niedrige, nicht bas Gute und Böse, was sich in bie Jahre meines Fernseins brnngte. Dem Himmel sei Dank! Ich möchte biese köstliche Schlichtheit, biese liebe, reine Herzenseinfalt auch nicht trüben, indem ich ihnen einen Einblick gewährte in die wunderliche Welt, in der ich lebte. Ganz allein über sie hinauszuwachsen aber fühle ich mich nicht stark genug, und so komme ich zu Dir! Willst Du mit erlauben, für Dich aufzuschreiben, was ich erlebt auf meiner Wanderschaft, in mir und neben mir? Ich denke, es wird ben Arzt interessieren, ber ja auch als ein Seelenarzt sich bewährte, unb ben Freunb. 3>n losen Blättern, jeben Tag nur ein Stündchen, werde icl) es aufzeichnen und ich denke, das wird mich zerstreuen, wird mir manche Anregung geben und endlich'wird es sich ganz und gar loslösen aus meinem Innern. So lange es unausgesprochen dort ruht, ist es wie eine Last, bie ich mit mir herumschleppe — willst Du mir gestatten, mich bavon zu befreien, willst Du mir sie tragen helfen? Deine lieben Söorte beim Abschied haben wohl darauf hingedeutet. Schon ber Entschluß macht mich mutig unb froh! Ich befinbe mich wirklich viel besser, lieber Hans, als Du vielleicht glaubst, unb bitte, sage: Ja! Erlaube, baß ich mich beschäftige, bie unruhig wandernden Gedanken festhalte und ihnen ei» bestimmtes Ziel gebe. , . Mit vielen guten Grüßen Deine im wohligsten Winterfrieden sich wärmende Della.* (Fortsetzung folgt.) 487 At And Ireuve auf Krdet,! Eine Werktagsgeschichte. Von Karl Neurath. - - Eirl schwerer Schlaf hatte mich auf mein Nachtlager gestreckt und sonnige Träume spielten mit meiner müden Seele, die tagsüber bunte Gedanken bestürmt und ermattet hatten. Ich schlief sanft und süß wie ein sorgenloses Kind und träumte von meinem trauten schönen Glück, das einsam in dem kleinen weißen Häuschen am See. wohnt,, wo die hohen dunkeln Kastanien sonnenfrohe Märchen raunen und die Liebe mit leuchtenden Augen umhergeht. Ich war glücklich in meinem Traume; so glücklich wie eine junge Mutter, die ihr erstes Kind zum erstenmale wollüstig an die weiche, schwellende Brust legt, es liebend zu nähren, auf daß es werde wie sie so schön und so stark. Mutterglück — «ein, das ist mir versagt — nur Maienlust und Jugendglück jubelten in meinem Herzen, das sich nach dem Liebesmärchen am See sehnt. Da plötzlich, als ob die Hölle einen schauerlichen Püan in meine Ohren kreische, klang das Rasseln der Weckuhr durch meinen Körper und scheuchte meine träumenden Sinne rauh und hart auf; das Bewußtsein, das wie eine Hyder an uns nagt, bis uns der Tod gütig erlöst hat, kehrte langsam wieder. Mit rosigem Finger pochte die Morgenröte an die glänzenden Fensterscheiben meines Schlafgemaches und die ersten Strahlen der Sonne brannten einen flammenden Fleck auf die Wand. Liebeleuchtende Rosen trugen mir frohen Gruß von draußen herein, Ivo der Frühling lustlachend dahineilte. Ich freute mich des Morgens und war glücklich, denn noch war ich jung und das lachende Leben wartete noch auf mich. Und es war Frühling und Freude auf Erden. Ich erinnerte mich niemer Pflicht und kleidete mich an; und wie ich an das dachte, was da kommen mußte, erbebte ich bis ins Mark. Der Kragen würgte mich, meine Pulse sausten mit wahnsinniger Hast. In den öden Straßen hallt mein Schritt klappernd wieder, und je näher ich meinem Ziele komme, desto mehr Menschen begegnen mir. Sie haben alle denselben Weg. Mühsam bahnen wir uns durch die plaudernde Masse, die sich vor dem gewaltigen Gebäude gestaut hat, und treten in die dumpfe Halle. Gendarmen halten mit gezogenen Säbeln Wache wie die, die draußen vor dem Gebäude stehen. Wie bunte Wachspuppen stehen sie, regungslos, bleich, wie ohne Leben. Wie ein Spielzeug. Aus der geruhigen Dämmerung des öden Hofes starrt das schwarze Gerüst in die Morgenluft und hebt sich scharf vom blassen Himmel ab. Oben, zwischen zwei schmalen Balken hängt das Fallbeil lüstern, als ob es sich des neuen Fraßes freue. Langsam füllt sich der Hof mit schwarzen, ernsten Gestalten. Der Uhrzeiger des Kirchturms, der schlank emporsticht, kriecht langsam dahin. Manchmal ■— wenn sich die Stimme hebt, hört man den Gesang des Pfarrers, der pflichtig seine Messe liest. Männer in langen schwarzen Amtsgewändern treten aus dem. massiven Gebäude, hinter dessen vergitterten Fenstern kahlgeschorene Menschen das Ende ihrer Entwertung erwarten oder ganz verwildern. Die Richter setzen sich um einen schwarzverhüngten Tisch, aus dem ein schwarzes Kreuz steht, und flüstern miteinander. Ein Glöcklein beginnt zu stöhnen und winselt langsam und schaurig. Aus einer schmalen Pforte führen sie einen großen starken Mann. Sein Gesicht ist tränenbleich und seine blauen Augen gehen trostlos umher bis sie starr auf das glünzeude Beil geheftet bleiben. Seine Glieder zittern fast unmerklich. Hoch aufgerichtet steht er vor dem schwarzen Tische-. Der Richter verliest mit klebenden Lippen das Urteil. Es ist das erste Todesurteil, das er vollstrecken muß, und daheim ringt sein junges Weib um ein Kind mit ihrem Leben. Ein dünnes Stäbchen kracht splitternd — und zwischen dem Mörder und der „Menschheit" ist keine Gemeinschaft mehr. Alle Beziehungen, sind gebrochen wie das hölzerne Stäbchen. Der Verurteilte steht regungslos und starrt auf das kalte, glänzende Beil; dann rafft er sich auf. und sieht uns alle der Reihe nach mit tiefen, wehmütigen Augen an, während seine schmalen Finger den langen Schnurrbart hastig in die Höhe ftreidjen.. Seine Mundwinkel klemmen sich zusammen, seine Nasenflügel zittern, seine Arme spannen sich, seine Nägel bohren in dre Handflächen. O Gott, mein Weib und meine armen, armen Kinder! schreit er plötzlich und bricht in die Knie. Sechs Hände fassen ihn, zerren ihn zu dem Gerüst hinauf. Gellend schreit. er auf in wahnsinniger Todesangst, nnd hatte nicht gezittert, als ihur im Kugelregen bei St. Privat das Blei die Brust zerfetzt hatte. , —■ — noch einmal atmet er tief, tief auf---noch einmal saugen seine Augen das glänzende Morgenlicht — Riemen knirschen — das Brett jault — ein lauter Schlag — ein gräßp- licher, gräßlicher Schrei — ein Wink — die Henkersknechte springen zuruck,— das Beil rasselt in den Eisen —. Ein dumpfes Zittern schüttelt die gesesselte Leiche. — Leise hört man das Blut verströmen; es ist als ob es weine und unt Rache schreie. Das entsetzliche Gewimmer der.Totenglocke verstummt. Der Nachrichter erstattet den Geschworenen seine Meldung. Ein fürchterlicher Ernst hat sich in unsere Gesichter gegraben und in totem Schweigen verlassen wir den Hof. Nur der Henker ist noch an schauerlicher Arbeit. Der Mord ist nun einmal sein Geschäft. Langsam gebe ich nach d em kleine« weißen Häuschen ant See, wo mein Glück in traulicher Einsamkeit wohnt und bleiche Gedanken furchen meine heiße Stirne. Fröhlich strahlt die srühlingsvolle Welt in goldigem Glanze. Von allen Seiten gehen Menschen an ihre Arbeit. Das Leben schreitet vorwärts; unaufhaltsam, rastlos vorwärts; über Leichen und über Moder vorwärts. Hinauf zum Licht? Rechte hat nur das Leben, das lachende, volle Leben! Und hier war ein Leben geschlachtet worden um einer Idee! willen. So hatten sie einst auch jenen Jesus von Nazareth hingerichtet, den sie des Hochverrats beschuldigt hvtten. Sie hatten ihn auch um einer Idee willen hingerichtet. Aber ihre Idee war schwach und zerbröckelte und der Segen des Gekreuzigten wandelte sich in Fluch und trieb sie hinaus in die Welt. Sie verhöhnten den Geist des Helden von Nazareth. Später viel später, machten sie ihn zu ihrem Götte und beteten zu ihm. — Das nennen sie Christentum und haben nichts gemein mit als das Aeußere. In seinem Namen war heute das Beil gesaust, denn er ist ja der Gott der Liebe und des Friedens auf Erden. Meine Gedanken klettern immer weiter. Blendend leuchtet die wohlige FrüMngssonne vom blanken,- goldblauen Himmel uud gleißt über das glühende Leben des Frühlings, das tausendfältig keimt und blüht. Frühling-- weiter und weiter bis zur Reife. — Dann kommt der Tod! Der Gerichtete war aber noch nicht reif gewesen. Sein Weih und seine Kinder wimmerten unter Not «nd Verzweiflung. Und es war niemand der ihnen beistand in ihrer Kümmernis. Mit dem Frühling kam ihnen auch der Tod. Der Frühling und der Tod aber sind Freunde von alters und zwischen ihnen lacht und leidet das Leben trotz aller Liebe und Freude auf Erden. VermSschSss, — Frau Lily Braun — und König Järömtz von Westfalen. In einem Frankfurter Blatte wurde kürzlich darauf hingewiesen, daß die bekannte sozial-, demokratische Schriftstellerin, Frau Lily Braun, sich in einem biographischen Lexikon selbst als eine Urenkeliw des Königs Joröme von Westfalen bezeichnet habe, Tas ist zutreffend, und es dürfte nicht uninteressant sein, die Angaben der Frau Braun in dem -fraglichen Werke etwas genauer anzusehen und. zu prüfen. An sich berührt' es ja als ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, wenn die begeisterte Anhängerin der radikalsten deutschen Partei in ihrer selbstverfaßten Lebensbeschreibung an-, scheinend Staat damit machen möchte, daß sich Baroninnen, Gräfinnen, Generale, Minister und sogar ein König, wenn auch nur der Operettenkömg „Morgen wieder lustick" unter! ihren Vorfahren befinden. Frau Braun ist eine Tochter des verstorbenen Generals der Infanterie z. D. v. Kretsche- man, aus dessen Ehe mit Jenny von Gustedt, —i hier begeht die Parteigenossin des Herrn Bebel den ersten genealogischen Irrtum, indem sie fälschlich: „Baronin" von Gustedt schreibt. Als Großeltern von mütterlicher Seite der Fran Braun ergeben sich nun: Werner von Gustedt, Landrat des Kreises Halberstadt, und dessen Gattin Jenny, die von ihrer Enkelin — zweiter Irrtum — eine „geb. Gräfin Pappenheim" mit dem Zusatze: „mit Goethe und seiner Familie befreundet" genannt wird. IN Wirkq lichkeit hieß die Großmutter Frau Jenny von Gustedt, geb'. Rabe von Pappenheim. Jetzt sind wir auf der Brücke, die uns zu der westf. Majestät hinüber hilft. Wilhelm Rabe von Pappenheim, sachsen-weimarischer Major a. D., trat in den Hofdienst des Königs Jeröme uud rückte zu seinem! ersten Kammerherrn und Oberzeremonienmeister auf. Es wird behauptet, daß er diese Ehreu der Schönheit seiner! Frau verdankte, die eine Elsässerin, eine Freiin Diana! Waldner von Freund st ein war. Sie hatte ihm schon in Weimar einen Sohn geschenkt, bescherte ihm einen zweiten nach der Uebersiedelung nach Kassel, und drei Jahre später, 1811, eine Tochter Jenny, Jerome, die spätere Frau von Gustedt. Aus der Tatsache, daß der Oberzeremonienmeister' bald darauf den westfälischen Grasenstand erhielt, zieht nun wohl Frau B. den seltsamen Schluß, daß Jdröme sich! — 488 — für den Vater der kleinen Jenny ansah. Dieser erste und einzige Graf Rabe von Pappenheim starb 1815, und seinen Nachkommen wurde die Führung des Grafentitels untersagt. Des Oberzeremonienmeisters Witwe aber schloß 1817 eine zweite Ehe mit Ernst Christian August von Gersdorff, der als weimarischer Staatsminister der Kollege Goethes war. Sie ist 1844 in Weimar gestorben. Man sieht aus dieser kleinen Darlegung, daß die Abstammung der Frau. Lily Braun von dem leichtsinnigsten der Brüder des Kaisers Napoleon höchstens vermutet werden kann. * Tennis als Spiel der Könige. Der Tennisschläger wird jetzt in den Tagen des Sommers und der Ferien wieder viel geschwungen. Da mag es angebracht sein, an die ehrwürdige historische Bedeutung und das große Alter dieses Spiels zu erinnern, das wohl als das älteste unter allen Ballspielen gelten kann und in früheren Zeiten ein besonderes Lieblingsspiel der englischen Könige und Prinzen war. So haben die Tennisbälle in der englischen Geschichte eine bisweilen verhängnisvolle Rolle gespielt. Durch einen Tennisball ist der Sohn Georgs II., Prinz Frederick von Wales, getötet worden. Er war ein leidenschaftlicher Tennisspieler und erhielt bei einem Wettspiel, bei dem er sich eifrig beteiligte, einen Ball mit voller Gewalt gegen den Kopf geschleudert. Durch den Schlag entwickelte sich ein innerer Abszeß, der immer mehr zunahm, und so gab der hoffnungsvolle junge Prinz 1751 plötzlich in den Armen des berühmten Tanzmeisters Des- noyers seinen Geist auf. Anch der Sohn Jakobs I., Prinz Heinrich, mußte seine Begeisterung für das Tennisspiel mit dem Leben bezahlen, denn eines Tages erhitzte er sich beim Spiel mit einem der Hofleute so stark, daß er sich eine schwere Erkältung zuzvg, die dann seinen Tod herbeiführte. Seine Aufregung bei dem Spiel wär so groß, daß er, wenn er verlor, sich in seiner Wut häufig zu Schlägen hinreißen ließ, die er an seine Gegner austeilte. Jakob I. von Schottland ist das dritte Opfer, das die Tennisleidenschaft unter den Königen Großbritanniens gefordert hat. Freilich war das Spiel au seinem Tode nur auf sehr indirekte Weise schuld. Ms der König im Jahre 1436 mit seinen Höflingen im Blackfriars-Kloster zu Perth bei einem Gelage saß, wurde int Empfangsraume plötzlich der Lärm nahender Feinde gehört. Ter König suchte vergeblich zu entfliehen und wurde von seinen verräterischen Gegnern getötet. Wie berichtet wird, war in dem Raume eine Oeff- nung gewesen, durch die er leicht hätte entkommen können, aber dieser Ausgang war wenige Tage vorher auf feinen eigenen Befehl hin vermauert worden, weil der Tennisplatz des Königs daneben lag und die Bälle zu häufig cmrch die Oeffnung hindurchgeflogeu waren. Heinrich VII. war ein so begeisterter Tennisspieler und gab sich dieser Beschäftigung so völlig hin, daß ihm Heinrich V. von Frankreich, als er Krieg gegen England plante, ein ironisches Geschenk Wersandte. Er schickte ihm nämlich, eine ganze Tonne voll Tennisbällen, damit er mit ihnen spielen könne, denn „zum Teunisspieleir hätte er mehr Geschick, als zum „Kriegführen". Heinrich, VIII. hatte wohl die Liebe seines Vaters §n dem Spiel, aber nicht dessen Geschicklichkeit geerbt. Er war ein sehr schlechter Spieler und verlor, da um Geld gespielt wurde, große Summen. Es wird gemeldet, daß „seine Leidenschaft von klugen Leuten ausgebeutet wurde, denn sie brachten zu ihm Franzosen und Lombarden, die mit ihm wetteten und ihm soviel Geld ab- uahmen: aber wenn er bemerkte, wie geschickt sie waren, dann mied er ihre Gesellschaft und ließ sie vom Hofe forttreiben." Wir wissen nicht, ob die „Queen Beß" ein Raquet handhabte, aber Jakob I. von England lehrte feinen Sohn Heinrich das Spiel nnd liebte es selbst sein ganzes Leben lang. Auch der elegante Karl II., der so leicht alle Vergnügungen überdrüssig hatte, bewahrte doch, für diesen unschuldigen Zeitvertreib eine besondere Vorliebe, wie >vir aus den Aufzeichnungen von Pephs wissen. , * Ballkleider aus Papier. Der Gedanke, bei dieser lommerlichen Temperatur das Vergnügen eines Balles zu ge- nietzeu, ist wohl dazu angetan, ein gelindes Entsetzen bei jedem yervorzurufen, der über das Stadium der ersten Jugend und Tanzfreudlgkeit hinausgelangte. Das mögen die Veranstalter eines Lanzsestes eingeschen haben, das vor wenigen Tagen in bcm schwetzerifchen Badeorte CHLteau-d' Oex die Gäste eines Hotels vereinigte. Sie hatten nämlich vorgcschrieben, daß jedermann, ob jung ob alt, ob Männlein oder Weiblein, in einem Kleide aus Papier erscheinen müsse. Und wie Augenzeugen versichern, sollen die auf solche Weise erzielten Toiletteneffekte sehr hübsche und amüsante gewesen sein. Mair sah alle möglichen Kostüme, teilweise in sehr geschmackvollen Farben-Nüancen, und es fehlte auch nicht an drolligen VerUeidungen aller Art, die wieder einmal bewiesen, daß das Papier sich zu vielen Zwecken verwenden läßt, für oie wir in Europa, im Gegensatz zu den Völkern des Ostens, es noch nicht zu benutzen gelernt haben. Nur die Feuergefährlichkeit der papiernen Tanzkleider läßt es uns doch einigermaßen zweifelhaft erscheinen, ob sie sich schon als nächste Wintermode in unseren Ballsälen einbürgern werden. Gesundheitspflege. * Die Ursachen des frühzeitigen ZälfnVerlust es. Die Wichtigkeit eines normalen Gebisses für die Verdannng wird immer mehr anerkannt, das Fehlen der Zähne ist die Urfache wieder Verdaunngsbeschwerden und' diese verschwinden oft von selbst, wenn der Patient, nachdem seine Zähne in Ordnung gebracht sind, wieder kauen und damit die Verdannng vorbereiten kann. Es sollte demnach als selbstverständlich betrachtet werden, daß, wenn die Zähne verloren gegangen sind, für Ersatz derselben gesorgt werden mnß. Leider wird aber der Verlust eines' oder auch mehrerer Zähne kaum beachtet, weil die schädlichen Folgen, welche durch den Verlnst auch nur weniger. Zähne entstehen, zu Wenig bekannt sind. Der Zahnersatz wird 'meist erst dann vorgenommen, wenn Schönheitsrücksichten oder Störungen in der Sprache sich bemerklich machen. In einem Vortrage in der „Bert. nteo. Gesellsch." hat jüngst Prof. Warnekros, der Direktor der Berliner zahnärztlichen Universitätsklinik, die Mähnnng ausgesprochen, daß schon beim Verlust des ersten Zahnes der Zahnersatz geboten sei. Der Verlnst einzelner Zähne ohne sofortigen Ersatz hat immer Schädigungen des ganzen Gebisses zur Folge, ja er wird znr Ursache des frühzeitigen Zähneausfalles. Denn das Gesetz, daß für ein verloren gegangenes' Organ die noch übrig gebliebenen aushelfend eintreten müssen, gilt auch für die Zähne. Bei den noch vorhandenen Zähnen tritt eine größere und ungleiche Belastung ein, sie werden überanstrengt, ihre Zahnkronen schleifen sich früher ab, einzelne Zähne verschieben sich und treten aus ihrem knöchernen Fache herans. Sie werden verlängert und schief gestellt, dadurch stellen sich die Berührungsflächen der Zähne ungünstig zu einander, sodaß leicht Zahnfraß eintritt. Außerdem wird durch Druck auf einzelne knöcherne Zahnfächer eine Lockerung der Zähne bewirkt, wodurch sowohl Ansammlung von Zahnstein als anch Infektion mit nachfolgender Eiterung der Zahnfächer sich bilden. Der Ersatz eines verloren gegangenen Zahnes ist daher das. beste Mittel, um den Zahnfraß und die Lockerung der einzelnen Zähne zu verhindern und er erhält das Gebiß bis ins späte Alter zur genügenden Zermalmung und Ein- speichelung der Speisen. Auch ist der Ersatz natürlich, viel leichter und sicherer herznftellen, je früher er vorgenommen wird, er wird dagegen sehr erschwert, wenn erst infolge; schon langen Fehlens Don Zähnen ihre Partner sich verlängert und schief gestellt haben. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer; Auster, Muster. föeöaftton: Ernst Heß. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,