1906 BBf «MUMA MUW lMiMW Der Stern. Romail von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Und du?" wärf Lucie scheinbar harmlos ein. ciudC) \u Die Erinnerungen taten ihr offenbar wohl. Stärker als in der ganzen Zeit, wo sie mit so viel Neuem sich einzurichten hatte, waren sie heute abend in rhr erstanden. Das Winterbild, das vor ihr sich ausgetan, hatte sre geweckt, und sie entsprach den Bitten der Tante und Cousine gern, ihnen einmal von den Verhältnissen ttt Bernstadt etwas zu erzählen. „ Christine hatte den Tisch inzwischen abgeraumt. Die Kuchenüberreste und die geleerten Kaffeetassen waren entfernt worden und das Zimmer machte einen sehr traulichen Eindruck, «e der Gesellschaft zu Ehren entzündeten Nammen waren verlöscht worden. Nur die tägliche Familien lampe Brannte und strahlte unter dem grünen Schirm ihr mildes Licht über den nächsten Umkreis des. Tisches aus. Bis zum Wendbrot haben ivtr noch em Stündchen Zeit und nnn soll Dellchen uns mal was vorplaudern. Das wird ihr selbst gut tun. so in Gedanken sich wieder ganz nach Haus zu versetzen. Sag wal, Herzchen, d e Giers dorfs sind wohl überhaupt sehr herablassende Seute. Das Wort „herablassend/ machte sie stutzig. Sie hatte die Freundlichkeiten, die ihr dort erwiesen wurd-n, ganz natürlich gefunden und nie von dieser Seite anges ) ^ Lueie sah über die Häkelarbeit, die sie vorgenommen hatte, hinweg Adele mit impertinenter Neugier an. Diese bemerkte es nicht. Sie war aufs neue m Geda funken, denen sie sich entreißend sagte: M . ,-Ph, Tante, das kann man nicht so nennen. Das Schloß gehörte zu Bernstadt, und Bernstadt gehörte zum Schloß seit Menschengedenken. Die Herrschaft und die Bern st adle Leute standen immer gut miteinander, ^/h d , s mag es immer gewesen fein. Zu allen Werten, enn! so die ganz Alten im Städtchen von dem! Urgroßvater und Großvater der jetzigen Grafen erzählen, war.auch nur immer Gutes. Und die uralte Stehle weißt sch hab' sie dir mal gezeigt, tote st- vor der Tur beim Spittel saß, die Mutter Stehle, behauptet sogar, die Gräfin Hedwig Wersdorf wäre eine Heilige. ß, fe„ w „Das ist die Urgroßmutter der jetzigent ®ra|fe t.. „Ja! Sie war eine Bürgerliche undFrl Viktor yar Hans und mir einmal erzählt, fein Urgroßv ) Giraten Kämpfe zu bestehen gelMbt, bevor er sie hat e Betraten dürfen. Das sind alte Geschichten, wie man st v r Bildern in der Galerie oben zu hören bekomnit. Denn fast jedes dieser Bilder hat eine Geschickte, oft em 3 Und die jungen Grafen kennen sie aUe . . . „Und ihr wäret sehr oft oben, du und <2 jetzt?" hatte die JNstizrätiu sie ihn denn so geliebt? fl Und lich. älter ihres „Und „Sie "Ich glaube wohl!' Denn sie ist ost traurig." „Sehr oft!" Und nun erzählte sie, wie ihlre Erinnerungen von der frühesten Kindheit an mit dem Schlosse Giersdorf verwachsen waren. Die Konltesse Helene, die zehn Jahre älter war als sie, hatte sie tote ihr Spielzeug betrachtet. Die ganze Puppenherrlichkeit der jungen Komtesi e war ans sw übergegangen, als diese eingesegnet Wurde, und bet allen Ereignissen im Schlosse mußte sie immer dabei sein, bei den Geburtstagsfesten und sonstigen Feierlichkeiten. Und als die junge Gräfin heiratete, war sie auch m der Kirche, und der Papa spielte die Orgel so wunderbar fchow nw im Leben würde sie das vergessen. Das hatte auch die alte Gräfin gesagt und Graf Guido. „Wie alt ist Gräf Guido jetzt?" hatte die Justizratui sie unterbrochen. „ . „Einunddreißig Jahre. Er ist aber sehr ernst und still, denn er hat schon sehr jung große Pflichten uberiiehmer . müssen. Er war achtimdzwanzlg Jahre alt, als sein Vate^ starb und er das Majorat antrat" Hast du auch den alten Grafen gekannt?" "Natürlich, Lueie! Ich erinnere mich seiner noch gmz aut auch an sein Begräbnis. Er war gar nicht alt, als er starb, noch nicht sechzig, tmb auch die Gräfin erscheint viel als sie ist, weil sie iveiße Haare hat und feit dem Tode Mannes immer leidend ist." Mama?" r fom auch. Nur nicht so oft, es war ihr beschwer- ullv du weißt ja, Tante, sie verlaßt das Haus nicht aern Die Frau Gräfin hat Mama sehr lieb und ist ihr sehr dankbar. Sie sagte immer zu mir, Mama fet der gute Engel des Hauses gewesen, lind die Komtefie Helene habe sie unendlich lieb gehabt und bewahre ihr bis heute noch die größte Nnbänalichkeit. Im Sommer, wenn Testis da find nut den Heinen Prinzen und dem Prinzeßchen, da geht Mama eher einmal hinauf, aber im Winter hockt Mütterchen gern hmterm warmen Ofen. Und dann, sie kommen ja doch alle nut bet un§ vor, wenn sie nach Bernstadt runterkommen. So ne =nfinuüifite, wie Graf Guido sagt. ®a§ ist doch aber eigentlich sehr nett und anhänglich/ "Gewiß. Aber es ist schon eine Art Gewohnheit, und sie müssen ja bei uns vorüber, wenn sie zur Stadt kommen. ' Du mr olf» immee viel Beb« bei euch!- ja Tante! Aber doch nur zu gewissen Zeiten. Seit Graf' Alfons zum Regiment kam und Carl Victor zur Universität, waren sie immer nur wahrend der Ferien zu Hause aus Urlaub. Im Schlosse und unten tu Bernstadt wars immer still in der Zwischenzeit." „Und wo ist Hans?" 418 interessieren konnte. war? gen, kraftvollen Lebens. Adele war vorinittags ausgegangen, um das Treiben ans dein Markt und in den Straßen kennen zu lernen. I Hause war sie überflüssig bei den geheimnisvollen Vorkehrungen für den Abend. Seit gestern hatte sie Ferien. Tante und Eltern hatten nach längerer Neberlegnng beschlossen, daß sie nicht nach Hause kommen sollte, und sie hatte sich schweren Herzens gefügt. Sie war erst kurze Zeit fort, die Reise weit und kostspielig, und dann lag zur Winterszeit die Möglichkeit einer Erkältung nahe — sie müßte sich schonen, vorsichtig sein ... Ein schmerzliches Lächeln zog durch ihr vom Frost gerötetes Antlitz, als sie daran dachte. Wie oft hatte sie diese Worte in den letzten Wochen gehört: Sich schonen, vorsichtig sein — anders als andere junge Mädchen ihres Alters. Wie ein Reif war cs in den Frühling ihrer jungen Seele gefallen. Furcht und Scheu erstanden in ihren» Herzen bei dem Gedanken, daß sie ihrem Talent das Opfer bringen müsse, auf alles zu verzichten, was der Jugend freudigen Mut gibt: das Harnilose, llnbedachte, Unbekümmerte. Bei jedem Schritt mußte sie sich Rechenschaft geben, j)b sie dies oder das auch tun dürfe ohne Schaden für ihre Stimme. Ihre Sehnsucht nach Hause wäre große genug, um selbst nach kurzer Zeit und auf wenige Tage zu den Eltern heimzukehren, und sie konnte sich eigentlich gar keine rechte Vorstellung machen, wie sie getrennt von einander das heilige Fest verleben würden, aber den klugen Erwägungen gegenüber blieb sie still. Die Kosten und die Kälte und daß es besser fei, das Abschiedsweh nicht zu erneuern. Es war wohl das Richtige, was die Tante angeordnet hatte. „Der dient jetzt sein Jahr ab, dann macht er sein Staatsexamen und den Doktor." Ein eigentümliches Gefühl durchzuckte sie. Und dann war cs ihr, als hätte eine fremde Stimme dieses Intimste und Innerste, was ihre Seele bewegte, ausgesprochen. Es schien ihr, als hätte jemand eine Indiskretion an ihrem innersten Fühlen begangen. Sie schaute ganz verwirrt um sich und sank in sich zusammen. „Ach, bitte, ich habe so viel erzählt, was euch kaum Aber, als sie jetzt in der großen, fremden Stadt allein umherzog, überfiel sie ein Gefühl von Verlassenheit und Ein. samkeit. Sie nannte sich selbst töricht. Das durfte nicht sein. gerächt hat. Während dieser langen und ermüdenden Verhandlungen hat sich der Vorsitzende des Schwurgerichts unparteiisch und würdig gezeigt, und hat mit verdoppeltem Eifer nach der Wahrheit gesucht, die auf ewig begraben bleiben wird im geheimnisvollen Walde des Salario. Wir haben Gelegenheit gehabt, die politischen Taten des Herrn Savelli sehr streng zu kritisieren, aber wir anerkennen, daß er bei dieser Gelegenheit seine Pflicht als Richter und als Mensch getan hat. Santu Casanova. In „A Tramuntana" vom 18. Juni 1904. Bastia, 43 Boulevard Paoli- Ebenso widmete „Le Petit Bastiais" dem Prozeß folgende freundliche Nachschrift: Gerechtigkeit! Die Ehre unseres Landes ist soeben durch 12 rechtschaffene Bürger wiederhergestellt worden. Herrn Tiemann, wegen Raubmord verfolgt, wurde die Freiheit zurückgegeben. Während vier Tagen haben wir den Zusammensturz eener Anklage beigewohnt, die auf Fundamenten einer nnve- greiflichen Hinfälligkeit aufgerüstet War. Keine neue v ergriffen. Während noch immer das Beil des Henkers über T.'s Hals hing, mitten in all der starren Ergriffenheit und so vieler atemlos klopfender Herzen, hat die Verteidigung des jungen Roux jede, auch die ängstliche Brust, erweitert und hat im ganzen Saale etwas Heiterkeit verbreitet. Als letzter betrat der Advokat Decori die Bühne. Dieser Im I Meister des Wortes ist über alles Lob erhaben. Sein Ruhm geht vom Golo zum Liamoue! Da die entscheidende Stunde nahe war, hat Herr Decori die Geschworenen, die nach vier Schlachttagen müde wären, nur um 15 Minuten gebeten. Und seine letzten Worte voll tiefer Bewegung waren an den jungen Leutnant Meyer gerichtet, den Sohn des Ermordeten, der, indem er selbst die Unschuld T.'s proklamierte, das Gedächtnis seines verstorbenen Vaters geehrt und einen Unglücklichen, der von allen als unschuldig erkannt Ivar, Sie hatte nicht das Recht, sich sentimentalen Stimmungen hinzugeben. Ewig konnte sie doch nicht daheim bleiben. Waren nicht alle hinausgezogen, die Gefährten ihrer Jugend, ihrem Beruf folgend, ernsten, hohen Zielen entgegen? Und u.uv, ,u; - , ....... , mußte sie nicht glücklich sein daß die Ratnr ihr ein Geschenk tuiuirf. Entschuldigtl Die Rückerinnerungen verliehen, das auch ihr die Möglichkeit gab, den engen Kreis rissen mich fort. Das alles hat nur Wert und Bedeutung zu verlassen, der kleinen Welt zu entfliehen, die ihre Hemmt • 1----° (Forts, folgt.) 157 Hage korsischer Raubmörder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.) für mich, nicht für andere." „Aber, Kind, wie kannst du das nur sagen. Du hast eine glückliche, verheißungsvolle Jugend gehabt, wie selten ein Mädchen aus den Kreisen und den bescheidenen Verhältnissen deiner Eltern." „O ja! Sehr glücklich," sagte sie einfach. I ' ' (Schluß.) Sie hatte sich erhoben. I Er ist glücklich, daß die Geschlvorenen, da sie keinen „Wenn du erlaubst, liebe Tante, ich möchte vor dem I Beweis feiner Schuld hatten, ihn gleich in Freiheit gesetzt Abendbrot noch ein wenig arbeiten." I haben; wenn sie ihn verurteilt hätten, wären vielleicht „Jawohl, Herzchen! Du hast noch ein halbes Stündchen die Mörder des unglücklichen Meyer der Gucklotine zu Zeit. Willst du üben?" „Rein, einige Lieder lesen," I'u Natickien 'W’bClt bet &UCt) ,0f * Als sie das Zimmer verlassen hatte, erhob sich auch I ZA^w^ ^^schwarA Bild beenden, wollen wir Lncie schwerfällig. I unseren aufrichtigen Glückwunsch den Verteidigern aus- „Die hat sich ivas mit ihren Grafen . . . und dem ipre(fjclt und besonders dem jungen Campiglia von Ajaccio, ewigen Hans. Alles per du und beim Rufnamen! So zwischen bel. (1t ff ater Sprache voller festgefügter Argumente die Guido und Alfons und Carl Victor und zwischen Komtessen 0anje Anklage zu Boden geworfen hat, die umgefallen ist und Prinzessinnen." I wie ein faules Stück Holz, das von einem Stoß Nordwind „Sie wird einmal mehr sein, als sie alle!" sprach die umgeworfen wird. . W «*•■*** ”“f «>«"- Ä T°g- r wettet war eingetreten und geschäftig eilten die Menschen | erffUn0ett durch die Straßen, um die letzten Vorbereitungen zum Feste I Während dieser Advokat sprach, hat der Staatsanwalt zu erledigen. Eine freudige Aufregung und Spamumg lag in I öon Ajaccio, der taub ist, wie ein störrischer Maulesel, eiu- den Mienen vieler, die in Erwartung einer großen Ein- I standen, daß er über seinem kahlen und wie eine Kürbis- bescheernng dem Abend entgegensahen. Aber auch viel müde, I flasche glänzenden Kopfe die Fliegen hat schwirren hören: lcidvolle, ivehmütige Verstimmung bei den andern, die nichts I so tief und feierlich war das Schweigen. zu hoffen hatten, die nichts geben konnten und nichts em- | Nach Camptglm hat fein ckmtsbruder Roux dcw „ort pfangen würden . . . im ganzen aber war das Bild des Weihnachtsmarktes ein lebensvoll frohes. Die kalte, weiße Wintersonne bestrahlte es hell. Die Luft war rein und klar, die Kälte empfindlich. Auf allem lag ein Anhauch srcndi- - 419 — weisende Tatsache wurde bei den Verhandlungen entdeckt 20 Zeugen defilierten vor dem Gerichtshof und sprachen von allem andern als von dem furchtbaren Verbrechen Und Herr Tlemann, wie wir, erwartete Aufklärung die ausblieb. Doch ich täusche mich. Das Verfahren ergab, daß ain 30. Dezember 1903 zwei Individuen aus der Macchia hervorbrachen, verjagt von einem Hunde, der vorbeikam fiiif der nunmehr berühmten Salariostraße, in deren Nähe ein Mann lag, von Blut überströmt, das Haupt durchlöcherte Wer waren diese Individuen? Die Polizei suchte sie nicht! Aber es bedurfte eines zweiten Opfers; Herr- Meyer schlief den letzten Schlaf auf dem Kirchhofe von Ajaccio und Herr Tiemann Ivar im Kerker begraben fünf Monate lang, wie in einem Grabe. Welche gesunde Reklame für Korsika da unten in Deutschland! 250 Briefe und eine Note des Botschafters dem Gerichtshöfe zugesandt, die sämtlich die vollständige Rechtlichkeit des Angeklagten bezeugten, konnten die Behörden nicht überzeugen, vom 7. Januar bis 12. Juni hatte Herr Tiemann die Vision des Fallbeiles der Guillotine, die unsere barbarischen Einrichtungen trotz der reißend fortschreitenden Ausbreitung der Ansichten von Moral und Fortschritt ertragen. Ha! Ich verstehe den Schauder und Ekel, der den Saal bewegt, bei der Erzählung der Qualen, die der stoische Ausländer ertrug. Ich verstehe die Empörung der Herren Decori, Cam- piglia, Roux, die sich dadurch ehrten, daß sie ganz laut gegen die blinde Entfesselung heimlicher Leidenschaften protestierten. Das Urteil vom Samstag hat unser Gewissen beruhigt, Herr Tiemann ist mit Beifall begrüßt worden, wie Märtyrer begriißt werden müssen, Opfer unserer sozialen Ungerechtigkeit. Er verläßt unter dem Donner endloser Beisallsbezeugnngeu am Tage der Genugtuung die Anklagebank mit einer Stirn, die nicht zu erröten braucht. Ich komme auf diese traurige Sache zurück; sie verdient, daß mau sie bespricht und Erläuterung dafür fordert. Für jetzt begnüge ich mich, die öffentliche Bewunderung und Sympathie Herrn Tiemann auszudrückeu, der stolz nicht weinte und zu hoffen verstand. Man muß die Mörder des Professors Meyer suchen! Gerechtigkeit! Rene Sangy." Edle Worte, schöne Reden, große Gelübde! und Herr Bojanowsky, der durch den Gymnasiasten Mannei lügnerisch der versuchten Zeugenaussageubeeinflussung verdächtigt worden war, schreibt mir am 14. August 1904: „Neues ist iu der Angelegenheit nicht erfolgt", und am 4. April 1905: „Daß sonst noch etwas in Ihrer Angelegenheit geschehen wäre, ist nicht zu meiner Kenntnis gelangt, auch kaum anzunehmrn." Als ich mir am 13. Jüni auf dem Bastianer Postamt Briefmarken kaufte, stürmte das ganze Bureau an den Schalter, um mich zu scheu. Ich hätte den Beamten am liebsten versichert, daß man mich ebenso gut hätte anklagen können, nach der Kaiserkrone Frankreichs getrachtet zu haben, als nach dem Ruhme eines korsischen Banditen. Ich komme zum Schluß. Meine korsische Raubmörderschaft begann sieben Tage nach der Ermordung des Direktors M. und endete am 12. Juni 1904 mit meiner einstimmigen Freisprechung. Wenn ich ein echter korsischer Raubmörder gewesen wäre, hätte mir die Ehrenpflicht abgelegen, den Oberstaatsanwalt von Bastia, den Staatsanwalt von Ajaccio und ihre Verbündeten, die drei falschen Zeugen, die beiden Faggianellis und den Gymuasiastcu Maunei, uiederzuschießen. Zn diesem Zweck hätte ich aber erst den nie besessenen Revolver kaufen und schießen lernen müssen. Ich zog es daher vor, mir eine Fahrkarte zurück nach Magdeburg zu kaufen und meine Sache in die Hände des Auswärtigen Amtes iu Berlin zu legen. Leider ohne allen Erfolg, und ich warte noch heute selbst auf die Deckung des mir zngefügteu großen pekuniären Schadens. Milder vom 15 deutschen Wundesschießen. Von P a u l S ch >v e d e r. , München, im Juli. , Ganz München und mit ihm die in seinen Mauern ver- W'suelte deutsche Schützenschast, steht noch unter dem tiefen Eindruck des Festzuges und der politisch hochbedeutiamcn Rede oes Thronfolgers Prinzen Ludwig beim Schützensestmahl,ant der EKstensestwiese, deren Mahnung an die östreichrschen Schutzen. mk'bt vor allem gut östreichisch! als eine deutliche Absage an die alldeutschen Bestrebungen iu Wien und Deutsch-BöWcn auf- aifaßt wurde. .Der Hinweis ans das Beispiel der m der vielsprachigen Eidgenossenschaft deutsch gebliebenen Schweizer erregte lebhaften Beifall, ebenso der Wunsch des Redners, daß auch dre Reichsdeutschen untereinander einig sein möchten. An den Tischen der Oestreicher herrschte während der Rede des Prinzen Ludwig tiefes schweigen, auch die ungarischen, kroatischen, sla- vonlschen mild tschechischen Gaste enthielten sich jeder Meinungs- äußerung. Dor Hinweis des Prinzen aus die nicht ganz gleich gelegenen Verkehrs,ntercssen der verschiedenen deutschen Bundesstaaten und seine Forderung, in dieser Beziehung den einen Staat nicht zu Gunsten des anderen zu schädigens erregte bei den Bayern stürmische Zustimmung, die darin eine erneute Kund- gebung des Prinzen zugunsten des Aiusbaues der süddeutschen Wasserstraßen und der Abgabcnfteiheit erblickten. Nach Beendigung des Festmahles begann in der Schichhalle bus K o n k n r r e n z s ch i e ß e n, dessen Beginn Prinzregcnt Luit- pold, Prinz Ludwig und der ganze Kgl. Hofstaat beiuwhnte. Das schießen glich einem ununterbrocheneli Salvcnfeucr; da auf zirka 401) Standen zu gleicher Zeit geschossen nmrde. Bald hörte man auch bei den Zielern draußen die Böller knallen, ein Zeichen', daß cm Kernschuß gefallen war. In der Halle herrschte ein wrchtcrliches Gedränge, und die „Konkurrenzler" schossen mit fieberhafter Eile, um möglichst schnell die auf Stand und Feld geforderten Ringe zusammcnzubringen und damit einen der für wde «cheibe gestifteten Kvnkurrenzbeck>er für sich zu tanden. Kaum 20 Minuten hielt das Schnellfeuer an, da hatten auch schon die heiß umstrittenen Becher ihren Mann geftlnden. München, Wien und Frankfurt a. M. schnitten nm besten ab. Während brinncit die Büchsen knallten, entwickelte sich draußen auf „der Wies'u" „ ein malerisches Volkstreiben. Die Wettev- propheten, welche für den Festsonntag strömenden Regen nngekün- digt hatten, wurden gründlich ad absurdum geführt. Der Himmel hatte in den Laudessarben geflaggt und so war neben den Schützen aus aller Herren Länder auch ganz München draußen. Mehr als 100 000 Besucher wurden gezählt und ca. 5000 Schützcn- bücher ausgegeben, sodaß das Münchener Bnndesschießen die weitaus größte Beteiligung aufzuweisen hat. Die Abstinenzler, Temperenzler und sonstigen „Mkohokantiier" mögen ihr Haupt verhüllen. Was iu diesen Tagen in München ge—trunken wird, bringt den, Reiche allein an Steuern ein neues Kriegsschiff ein, das man folgerichtig mit Münchener Bier taufen sollte. Man höre die „Bierstatistik" des gestrigen Sonntags: Im Hof- bränhans 200 Hektoliter, in der Festhalle allein 150 Hektoliter „Spaten", iu der Mathäserbrauerei 270 Hektoliter. In dir „alten Liest" ans dem Schützenplatz wurden 170 Hektoliter Bier verschänkt und 14 000 Schweinswürsteln, 4000 Paar Wiener und 5000 Regensburger konsumiert. Im Bürgerbräu gelangten 100 Hektoliter zum Ausschank, 3000 Mark wurden in der Küche ver- cinnahmt. Den größten Konsum weist das Löwenbräu auf: 225 Hektoliter Bier, 15 000 Schweinswürstel, 10 000 Paar Wiener, 8 Zentner „Ripperl" und 35 Schinken imirdcn aufgeschnitten, 150 Gänse nnd 250 Hühner verzehrt. Beim Festmahl wurden 16 000 Mark in Wein un,gefetzt. Dazu kommt natürlich der Konsum bei den zahllosen kleineren Vergnügungsstätten des Festplatzes und ber in der Stadt München hinzu. Das „solide" München ist darüber mit Recht entrüstet, denn cs fürchtet, daß diese Vachanalien am Schlüsse des Jahres der Münchener Bierstatistik eingerechnet werden und München dann ivieber an her Spitze ber irinkstohen Städte marschiert. Einzigartig war der Verkehr des Hofes mit den Schützen. Da war nichts von polizeilichen Absperrungen zu merken, weder beim Festznge noch auf der Festwiese. Dagegen standen überall Feuerwehrleute und Sauitätsbeamte zu etwaigen Hilfeleistungen bereit. Der.85 jährige Prinzregent bewegte sich mit einer tln- gezwungenheit unter den Menschenmassen, die den norddeutschen Besuchern des Festes allgemein aufsiel. Er sprach mit Jedem gleich liebenswürdig nnd fteundlich, ob er nun Osfizier oder Maler, Kommerzienrat, Schauspieler oder gar — Journalist war. Den mitwirkenden Damen im Festzuge spendete er reizende kleine Geschenke und den ihm gereichten Ehrenpokal leerte er fast bis zur Neige. Als in die Hoch- und Heilrufc auch ein gilt« berlinisches „Hurra!" sich mischte, nnd die Festversammlnng fröhlich lachte, stimmte er herzhaft in die allgemeine Heiterkeit ein. Jeder militärische, höfische und sonstiger Prunk bei den Ausfahrten nsw. war vermieden worden. Nur die in ihrer lxisto-- rischen Tracht erschienenen Wackersberger Schützen, unter ihnen der stämmige Dr. Ludwig Thoma, der „Peter Schlcmihl" des Simplizissimus, in kurzen Ledcrhoseu, nackten Knieen und Wadel- strümpfen, machten am Eingang zur Festhalte mit ihren unglaublich schwerfälligen historischen Donnerbüchsen die Honneurs, wobei auf einer mehrere hundert Jahre alten unförmigen Riesen- trommcl das Spiel gerührt wurde. Das Ivar mit eine der wundervollsten Szenen des ganzen Festes. Ucbcrhaupt hatte Münchener Künstlersinn wieder einmal das Richtige für ein solches Fest getroffen. Der Wagen Fritz Erkers im Festznge war eine lebendig gewordene Zeichnung des talentierten Künstlers ans der „Jugend". Er hatte das nur in München Mögliche ocwagt und seine 'Knaben- und Männergestalten säst nackt aus Wagen und Pferde gesetzt. Die Enakssöhne des bayerischen Hochgebirges mit ihrer bronzenen Haut gaben prächtige Fahnenträger für den Wagen der Glücksgöttin ab, die eine reizende Münchener Ballctcusc in ebenfalls sehr offenherzigem Kostüm — "420 -« in. r B C Ii B c h i c a g o u 8 a g a U r e g o Dem Volke i>aä Verständnis für die Leistungen der Architektur, der ©««ntauta.il, b« tatotinen SWk Ute * «b« tarn Rätsel. Nachdruck verboten. Ich treibe Maschinen, ich spende dir Licht, Bin nützlich, ja fast unentbehrlich. Last aber die Vorsicht nie außer Acht Bei nur, sonst werd' ich gefährlich. Ein Zeichen nur seh' meinem Namen hinzu: Du heißt mich nun herzlich willkommen. Ich weile nicht lange, sogleich geh ich fort, Nachdem kurze Rast ich genommen. Auslösung in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: Künstlerische Kultur. Beit ist Geld! Ein verhängnisvolles, unsere Zeit, ihr Saften I und Wrängen charakterisierendes Schlagwort! Die moderne Parole I tut Kampf ums Dasein! Die Biedermeierzeit mit ihrer Behaglich- Teit und Beschaulichkeit ist vorüber, Zu tiefgründigen Studien, zur geistigen Vertiefung, zur „Entfaltung ms Breite , zur Universalausbildung hat niemand mehr Neigung und Muhe. Sin allgemeinen herrscht unumschränkt als Folge der erschwerten Fachausbildung die engherzige Einseitigkeit.. . Beit ist Geld! Wie viel Fachwissen und wie wenig Allgemeinbildung infolge dieses Zwanges und Dranges, rasch und früh aus seiner Zeit Geld zu machen! Das Kastenwissen prägt sich feine Menschen, die an dem kranken, an dem unsere Zeit überhaupt kankt. Und sie krankt daran, daß das bestandene Examen vielfach heute zum Freibrief für den ödesten Dilettantismus in allen anderen Dingen geworden ist. Gewiß! der Kampf ums Dasein ist harter geworden, die Be- | rufe sind überfüllt, die Konkurrenz ist oft skrupellos, entnervend, die Sorge niederdrückend. Es gibt keine Besckmiilichi- teit mehr. Der Beruf spannt alle Kräfte an. Man hat keine Zeit mehr, dickleibige Bücher zu lesen, sein Wissen zu erweitern, ht anderen Dingen mehr als Dilettant zu werden. Das wäre ^Ganz recht, aber es fragt sich doch, ob damit alles erklärt und entschuldigt ist. Der vom Hochmut des Fachwiftms getragene, urteilslose oder ungerechte Dilettantismus ist eine Gefahr Vicht nur für die Schaffenden selbst, die ein Recht auf anregendes Verständnis haben, sondern für die Kultur überhaupt. Der nörgelnde Dilettantismus, wie er sich heute durch den Werdegang in der Allgemeinheit entwickelt, der zur Ueberhebung neigt, ist eine Gefahr auch für dre Knuste Au und für sich beweist wohl der Dilettantismus, daß der Allgemeinheit gegenüber der einzelne noch andere Pflichten als Beryfspflichten hat, daß er den unbewußten Drang in sich spurt, nach besten Kräften mitzuaröeiten an der Entwicklung emer künstlerischen Kultur. Diese Erkenntnis verwechselt er aber nur ;u oft mit Verständnis, einem Ding, das dem Menschen nur m de>i seltensten Fällen angeboren ist. Nicht ledermann ist em Genie, nicht leder Künstler Meist ist dies Verständnis mühsam zu erwerben. Aber wer kann das? Wer hat noch Zeit, die Ästhetiker, die Knnst- gelehrten zu hören und ihre oft schwer verständlichen Werke zu studieren? — Die wenigsten. , Daher kommt es, daß die „Schäftenden darüber zu klagen haben, wie wenig anregendem Verständnis sie begegnen; tme sehr abseits die großen Massen stehen; wie wenig öffentliche Würdigung sie finden und wie sehr sie die Anregung emer oftent- lichen Kritik zu missen haben. In der Tat, über die Leistungen einer kleinen Schauspielerin werden Bäche von Tmte vergossen, großen Gebiet bro Ver chöner°ung seines „Milieus" zu bieten, das haben die von Strecker und Schröder m StuttgaA soeben her- ausgegebenen „Flugblätter für künstlerische K u • 1U^Der"Wert"Eses Unternehmens für die Allgemeinheit besteht darin, daß es aus berufener Feder m Form des erschöpfenden beit £aien ein^Tt tiei'e'ven (^inblitf in bic öio^e ifrVÄ --t-m unt> daß sie sich auch aus erzieherischem Wege befinden, be- eifeit die Namen seiner Mitarbeiter, aus beten 80^ wir ? irtunsp sffntnpn bervorbeben ■ Peter Behrens', Paul Ernst, Herbert Julenbem Georg Fuchs, Kornelius Gnrlitt, Karl.Hagemann, ^mnnn ^efie Konrad Lange, A. Lichtwark, Julius Meier- Itctefe, H. Muthesius, W. v. Oettingen, Olbrich, Max Osborn, Felir Boppenberg, H. van de Velde, Theodor Volbehr. Das sind Namen, die auch den ^Schaffenden manche Anregung, manche Bereicherung ihres Wissens , garantieren, denn antfi für sie gilt das brutale Schlagwort unserer Tage. „Zeck ßVtM" Das beweist z B. Prof. Dr Rse chon im ersten Heft: Ä U de7 rechten Geschmack?", indem er die Schaffenden", 6or maßloser Eitelkeit und Nichtachtung der Kritik warnend, an SDotace Bernets Worte erinnert: „Ich unterwerfe mich im voraus ber Kritik. Ich will kritisiert werden Wenn "icht kritisiert hätte, würde ich mich nicht kennen. Gerecht,l>at du Kritik mir Lehren, ungerecht hat sie mir Kräfte gegeben. W.lch S*[* b«r wneinf«m«r sFlW.LNNK'M»“ M L eßenern besonderes Interesse beanspruchen, zumal dieses I L 7L^KeatLL"L«^SSMt^ k«tar£5^ss«rM ämsä! deutschen Kunst. I *\ >«' io®" bNK Un,m!-Ln dL- -l- «n° I die Subskription warm empfehlen. , , . ., c, ■ ori । mobreud die phäiioinenalen Leistungen eine® ersten Architekten verkörperte. Um ihren luftigen 'Zrtz mit dem Blick auf 20 der | w 1 e w werden. Der Ausgleich in der Würdigung fehlt (Stier von Uri, angetan nut entern mächtigen Felle uno Musen | gevuoeten uai t „„ uiwoai 111 bieten, torner auf bem Kopfe. Die Appenzellerinnen trugen teilweise hie kleidsame Festtracht mit der „Schlappe , einem schmett^rling- ähnlichen Kopfputz, andere die roten StoppellMubchen der Wetzi- talerirtnen, wieder andere erschienen mit ihren Burschen im '^Bukette aus ^Alpenrosen und Edelweiß rierten aller Teilnehmer Hüte. Und Ivie hätte im Zuge das Festkleid der „Ober- landler", der Tiroler, der Berchtesgadener fehlen dürfen, ohne dem Bilde ein wesentliches Teil Farbe zu nehmen? Unter den Allgäuern sah man den greisen Ablerfäger D 0 rn aus Hindelang mit seinem mächtigen weißen £6nrte und unter den ^crolern entzückten ebenfalls prächtige Typeii und Eharakterkopfe. Lllles in diesen Gruppen war Leben, Bewegung und Heiterkeit. Die Inchzer schallten und wenn die „Musi" einen richtigen "Landler schmetterte, schnalzten die _ Buam, klopften auf die „Ledernen und äugten nach den bildsauberen „Dirndln iin Zuge hinüber, denen im rüstigen Marschschritt die bauschigen Röcke nm bie schönen Glieder schlugen und unter deren weißem Brustlatz und silberverschnürten Mieder ein gar heißes Herz schlug. Wie gemessen waren dagegen die vornehmen Hamburger, die in drei Jahren das IG. deutsche Bundesschießen haben werden, die stolzen Berliner, die zurückhaltenden Hannoveraner und die schwerblütigen Westfalen. Da half es nicht viel, daß Otto Julius Bierbaum im Verein mit feiner schonen FlorentineriN vor bem Rathause unausgesetzt bett Hut schwenkte, „Heil! ries und bie ernsten Festgenossen aus dem Norden mit Blumensträußen überschüttete. Hoch oben vom Rathausfenster sah auch der Rerchs- tagsabgeordnete Georg v. Bollm a r, Bayerns »ngekronter Komg dem frohen Festestreiben zu. Spater, auf dem Festplatze, taickc aber alles auf und am Abend lagen sich nord- und süddeutsche Bundesbrüder und -Schwestern in den Armen. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lanac, ‘ 6