1906. - WL fliOiaOB &Nra&i$aaM M | 1 LWMv jWB illil Jem Wahren, ßdken, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Graf hatte sich in die Wagenecke gesetzt und verzog das Gesicht. „Lieber Heros," entgegnete er, „ich habe nichts dagegen, wenn Du einmal mit meiner Frau in irgend ein Theater gehst. Ich gönne ihr das von Herzen — und mich selber nimmt der Hofdienst so in Anspruch, daß ich über meine Zeit nicht zu verfügen vermag. Also wie gesagt: dagegen habe ich gar nichts. Ich drücke selbst beim Residenztheater ein Auge zu, obwohl — na . . . Aber, Heros, diese inodernen Kabaretts sind doch nichts weiter als verwilderte Ableger der Tingeltangel! Es soll da fürchterlich zugehen — über alle Beschreibung —" „Asyle zur Bewahrung der Sittenreinheit sind sie natür» lieh nicht," warf Arenstein ein, und der Graf zuckte mit den Achseln. „Das ist so eins Deiner spöttischen Schlagivorte," erwiderte er. „Aber es irritiert mich nicht. Du hast auch vorhin meine Bemerkungen mit allerhand Glossen versehen. Wäre ich eine empfindliche Natur, so würde ich mir Deine ganze Art und Weise mir gegenüber längst verbeten haben. Doch ich kenne Dich, Heros. Zu ändern bist Tu nicht mehr; nicht einmal zu belehren — und den Ton überlegener Cchnoddrigkeit, verzeihe den Ausdruck, aber er klappt, den nehme ich Dir nicht weiter übel. Wir schauen beiderseits die Welt mit grundverschiedenen Augen an. Ich streite mit Dir nicht darüber, ob Du oder ich —* „Pardon," fiel der Prinz von neuem ein, „es scheint niir doch, als ob Du streiten wolltest, vielgcbietender Hofmarschall. Immerhin irrst Du vom Thema ab. Wir sprachen davon, ob Freda einmal in meiner Gesellschaft und sozusagen in tiefstem Inkognito ein Kabarett besuchen dürfe. Ich hätte bejahendenfalls den „Karrierten August" oder den „Drei- beinigen Pegasus" vorgcschlagen." „Was das schon für greuelvolle Namen sind!" rief Graf Frehlinghaus und breitete seine von einem Windzug zerzausten Favoris wieder vorsichtig über dem Paletot aus. „Sie sind charakteristisch für die Afterliiteratur, der man dort Unterschlupf gewährt! . . . Also, Arenstein, ich sage nein, ich muß bedauernd nein sagen. So tief herabsteigen lasse ich Freda nicht!" Er legte den Ton auf das „nicht" und fuhr zur Bekräftigung mit der rechten Hand durch die Luft, eine unsichtbare Linie zeichnend, gewissermaßen die Grenzlinie gesellschaftlicher Möglichkeiten, die unbedingt innegehalten werden müsse. Prinz Heros nickte. „Na, da ist es ja gut,* erwiderte er. „Lieber Eugen, Freda verliert an diesen Künstlerkneipen nichts, wenigstens nicht viel. Es wird da doch nur ein schwach gesalzener Aufguß der Montmartrckunst verzapft. Aber vielleicht hätte sie sich trotzdem amüsiert, Nichts anderes wollte ich, Sie fühlt sich ein wenig einsam, taxier' ich . Das Gesicht des Grafen verfiiisterte sich. Er sah in Momenten des Aergers mit den etwas hervortretenden wässerigen Augen, den großen Zähnen des Oberkiefers und den hängenden Barlflossen wie die ins Menschliche übertragene Karrikatur eines Walrosses aus. „Taxierst Tu", wiederholte er. „Na, lieber Freund, laß das nur meine Sache sein! . . ." Er drückte sich tiefer in die Polster, brummte etwas Unverständliches in sich hinein und fuhr dann eifriger fort: „Warum fühlt sie sich einsam? Es ist ihre eigene Schuld. Wer die Hofluft nicht vertragen kann, der soll sich freilich fernhalten. Aber das hätte sich Freda früher überlegen sollen. Ms lvir uns Verlobten, hatte ich bereits meinen Abschied eingereicht — eben um die Hofkarriere zu ergreifen. Und sie war einverstanden !" „Weil sie es mußte, Eugen. Tein Wille stand fest; da hätte ein Widerstand schwerlich etwas genützt." „Nichts, sage ich Dir! Es :st noch ein Glück, daß ich einigermaßen Willenskraft besitze —" „Nur daheim, mein Lieber. Sonst nicht. Sonst hast Tu einen recht flexibel» Rücken und spielst auch den Verschrobenheiten Deiner Prinzessin gegenüber alleweile den Nachgiebigen, statt ihr einmal ehrlich die Wahrheit zu sagen. . ." Jetzt wurde der Graf oiftiK „Donnerwetter", fluchte er, „nun hör' endlich auf mit Deiner Bevormundung! Tie Stelle als Hofchef bei der Prinzeß Luise ist mir angeboten worden, und ick) habe sie gern übernommen und fühle mich glücklich in den Diensten einer Fran, an deren seelische Größe Deine spottende Skepsis nicht heranreicht." „Allerhauo Achtung", sagte der Prinz lachend, „nun hast Tu es mir aber ordentlich gegeben. Daß Du Dich als Oberlakai so übermäßig glücklich fühlst — siehst Tur das verstehe ich eben nicht recht. Tas versteht, glaube ich, auch Seine Freda nicht . Die Geschmäcker sind ja verschieden. Wie aber ein Edelmann aus gutem altem Hause, den sein Reichtum völlig unabhängig macht, sich dazu verstehen kann, die Schranze einer kleinen Prinzessin zu werden, die —" In diesem Augenblick stieß Graf Frehlinghaus geräuschvoll den Wagenschlag auf und fuhr den Diener an, weil dieser nicht rechtzeitig genug vom Bock gesprungen war. Er war wütend. Aber er fürchtete Arenstein; er hatte eine eigentümliche Scheu vor ihm. Nun suchte, er nach einer; 42 Ablenkung für seinen Aerger. Nach dem Diener kam der Kutscher an die Reihe. Er wurde gerüffelt, weil der Silber- besailag der Geschirre nicht dell genug glänzte. „Bummel- Wirtschaft!" schimpfte er. „B.chen müssen , die Beschlüge! Grappenthien, ich bitte mir uns — bitte mir aus, daß das nicht wieder vorkommt! . . ." „Befehlen, Herr Graf", sagte der Kutscher, ohne eine Miene zu verziehen, und griff an den Hutrand. Ter Graf ließ die rollenden Augen noch einmal über Gesparln und Wagen schweifen, streichelte seine Favoris und wandte sich der Haustür zu, an der Prinz Ärenstein auf ihn wartete. Heros schmunzelte. G. Tie beiden Herren schritten anfänglich schweigend nebeneinander die Treppe hinauf. Ter Graf brummte wieder vor sich hin und zupfte an seinen Bartspitzen. Auf dem ersten Podest blieb er stehen. „Tu weißt ja doch nun Bescheid", sagte er; „ich wünsche nicht, daß Freda diese ekelhaften.Spelunken besucht." „Schön, schön", antwortete Ärenstein ruhig und ging weiter. „Was willst Der denn da noch bei Freda?" fragte Frehlinghaus. ll ihr Deinen Wunsch mitteilen, sanfter Eugen." „Tas kann ich allein!" „Ta würde sie erschrecken. Ich mache das betulicher. Ich möchte auch ein Butterbrot bet Euch essen, Hofmarschall; vielleicht kriege ich ein Glas Sherry dazu. Und dann eine Zigarette. Bon den Morris-Papyros Deiner Frau. Tie rauch' ich am liebsten. Und dann möchte ich eine Viertelstunde mit Freda plaudern. Du brauchst nicht dabei zu sein, wenn Tu nicht willst..." Der Graf sagte kein Wort weiter; er stieß nur ein leises Grunzen aus. Seine Ankunft war Pont Portier aus bereits in die Dienerstube telephoniert worden. Oben stand ein Galo- nierter und hatte die Tür geöffnet. „Was neues?" fragte Frehlinghaus. Ter Diener nahm sofort eine militärische Haltung ein. „'fehlen, Herr Graf. Herr Kammerherr Freiherr von Stenzmer haben den Entwurf wegen der Reisedispositionen Ihrer Hoheit geschickt. Tann war eine Ordonnanz aus der Kabinettskanzlei hier und hat ein Paket abgegeben. Es ist auch Besuch da." „Wer — ?" „Herr und Frau von Seeben." ,,'Aeh! . . ." machte der Graf. Es klang halb ärgerlich, halb verächtlich Tie beiden Herren lteßen sich die Paletos abnehmen, und der Diener öffnete die Salontür. In di s Augenblick flüsterte Frehlinghaus dem Prinzen zu: .ipauderöser Kerl, der Seeben — ich weiß gar nicht, was er bei mir will. . ." und dann trat er ein und schritt mit ausgestreckten Händen dem Besucher entgegen und sagte: „Mein lieber Herr von Seeben — das freut mich aber wahrhaftig ... es ist ewig lange her, daß wir uns nicht gesehen haben! . . ." Herr von Seeben war ein schon älterer Herr: klein, sehr zierlich gebaut, mit fast haarlosem, blank poliertem Schädel und einem spitzgedrehlen pechschwarzen Schnurrbart in dem faltenzerÜtitterten geistreichen Jntriganten- gesicht. Er hatte eine merkwürdige Karriere gemacht. Er war einst ein flotter Husarenosfizier gewesen, und als solcher ohne Glanz und Glorie, aber unter lebhafter Anteilnahme seiner Gläubiger zusammengekracht. Tann ließ er seine hübsche, wenn auch nicht bedeutende Stimme aus- bilden und gmg zum Entsetzert seiner Familie zur Oper. Aber das Entsetzen störte ihn nicht. Ta er von seinem Water mit Wut und Fluch enterbt worden war, so machte er sich den Spaß, die Kantmerzofe seiner Mutter zu bei» taten. Bei einem Besuch in Monte-Carlo hatte er oas Glück, sich binnen drei Tagen ein Vermögen zu erspielen; nun ließ er sich scheiden, söhnte sich mit seiner Familie wieder aus und wurde auf allerhand Protektionswegen Tirektor der Stuttgarter Oper. Tort heiratete er ein Hof- främein, von deren Vater er sich allerhöchste Verbindungen versprach und intrigierte nun frisch drauf los, um sich den Jntendanteuposten zu verschaffen. Dabei scheiterte er aber, mußte Stuttgart verlassen und begann ein ziemlich regelloses Abenteurerleben. Er führte eine Operntournee durch Rußland, gründete eut neues Theater in Cincinnati, richtete ein Festspielhaus für Wagneraufsührungen in Palermo ein, führte auch einmal die Opernregie in Stockholm und kam schließlich nach Dresden, wo für ihn, wieder durch Vermittlung höfischer Freunde, die besondere Stellung eines Tirektionsrats geschaffen wurde. Aber auch hier hielt er nicht allzu Lange aus. Bet einer verunglückten Orchesterprobe warf er dem Kapellmeister eine gewichtige Siegfried- Partitur an den Kopf, sodaß der arme Teufel ms Krankenhaus geschafft werden mutzte. Seeben aber wurde an gehalten, freundlichst seinen Abschied zu erbitten und bekam! ihn auch ohne den mildernden Trost eines Ordens, dtun zog er nach Berlin, wo er in allen Kreisen verkehrte und! gelegentlich auch einmal zu Ho,e gezogen wurde. Ter Einfluß seiner Verwandten und der seiner Frau reichten noch immer weit. ,9Jlein verehrter Herr Hofmarschall*, sagte er, die Hände des Grafen schüttelnd, „ah — voyons — Prinz Aren- steinl . . . Ganz gehorsamst, meine verehrte Durchlaucht —• wieder einer von meinein alten Regiment! Aber auch bürgerlich geworden, wie ich höre — ich hatte noch den Tncksen als Kommandeur — das ist ein halbes Menschenleben her, und Tncksen kommandiert längst eine Eskadron himmlischer Heerscharen ... Sie kennen meine Frau, Prinz Ärenstein?" . . . Gräfin Freda Frehliitghaus hatte bereits die Vorstellung übernommen. Fran von Seeben war lang und hager und hatte ein gelbes, verwittertes, glückloses Gesicht, auf das selten ein Lächeln trat. Im Gegensatz zu ihr wirkte die Gräfin wie Frührotschein. Ihre ganze Erscheinung stand sozusagen unter dem Einfluß ihres köstlichen tizianroten Haares, das ihren hübschen Kopf wie mit einem Leuchtfeuer umkleidete. Der Rotkopf machte sie auffallend. Es paßten dazu die von Temperament und Leben sprühenden grünen Augen und auch der Schnitt des Profils, dem jede Schönheitslinie fehlte und das als Ganzes doch reizend war. Sie war eine Kusine des Prinzen Heros, eine geborene Prinzeß Arenilein- Bisingen; aber ihr Gemahl meinte zuweilen, man könne glauben, daß sie Soubrette bei Wallner gewesen sei. — Die Herren hatten Platz genommen. Herrn von SeebenS schmalschultrige Gestalt versank beinahe in den Polstern des Fauteuils, und seine rosige Glatze hob sich schimmernd ab von dem Dunkelgrün des Ueoerzugs. Während seine Gattin mit der Gräfin über ein Frühlingsfest sprach, das zum Besten der Volkskinderküchen int Zoologischen Garten stattfinden sollte, schnitt Seeben sofort das Thema des neuen Theaters an. ES schien, als sei er nur hierher gekommen, um den Hofmarschall für seine Interessen zu gewinnen. „Ich bin außerordentlich glücklich, mein verehrter Herr Graf", sagte er, „daß auch Sie dem Aufsichtsrat beigetreten sind. Ich hoffe, Sie werden so eine Art Gegengewicht bilden, damit die ultramodernen Strömungen nicht gar zu sehr an Boden gewinnen. Herr Graf, ich habe akzeptiert; ich will die Direktion übernehmen; ich bin inst ßeib und Seele bei der Sache. Aber ich fühle schon heute, daß meine Stellung nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehören wird. Denken Sie, es ist nicht zu glauben, da hat man mir zu Zivecken der Organisation einen verbummelten früheren Opernsänger an die Seite gegeben, einen gewissen Imhoff, der mit mir zusammen die Engagementsverträge abschließen soll. Nun frage ich Sie, Graf Frehlinghaus — ich frage Sie: die Gewinnung eines geeigneten Personals, ist das nicht lediglich Direktionssache?" „Es werden viele Fehler gemacht", erwiderte der Graf» „sehr viele — schon jetzt." Dazu nickte er, und seine FavoriS zitterten wie in leiser Erregung. „Ich fürchte, es geschieht manches Unverantwortliche — ja, das fürchte ich. Die Leitung des Schauspiels ist dem dicken Giesecke übertragen ivorden. Haben Herr Graf den Namen je gehört —?" „Nie, Herr von Seeben." „Na, sehen Sie. Giesecke war zuletzt Regisseur in Chemnitz. Ich sage nichts gegen Chemnitz. Aber wer an die Spitze eines Berliner Schauspiels treten will, darf sich nicht nur auf provinzielle Erfahrung berufen. Er bringt eine gewisse Tora Held als erste Liebhaberin mit — mit einem 43 Bombengehalt. Das ist' — Seoben warf einen raschen Seitenblick auf die beiden Damen und dämpfte seine Stimme — »das ist seine Gemahlin linker Hand". (Fortsetzung folgt.) Ei« Tag im ElyfSe. Da§ Tagewerk des französischen Präsidenten. Es heißt, Herr Emile Loubet habe, als man ihn fragte, ob er eine Wiederwahl annehmen würde, die kurze und bündige 'Antwort gegeben: „Lieber Sechstmord!" — In der Tat steht der oberste Machthaber des französischen Freiheitsstaates kaum weniger unter dem Zwang emes fest gefügten Zeremoniells und einer unerbittlichen Etikette, wie irgend ein gekrönter Monarch. Und ein Mann von dem einfachen Herkommen und den bescheidenen Lebensgewohn- heilen Loubets konnte sich daher wohl nach sieben Jahren zu seiner früheren Freiheit und seinen alten Taseins-- gewohnheiten zurücksehnen. Tabei hat gerade Emile Loubet es mehr verstanden als irgend einer seiner Vorgänger, sich diesen Zwang so erträglich als möglich zu gestalten, indem er stets eine strenge Unterscherdungslinie zog zwischen Loubet, dem Präsidenten der Republik, und Loubet, dem Privatmenschen. So wich denn auch seine Tageseinteilung in einigen Punkten nicht unerheblich von der seines unmittelbaren Vorläufers Felix Faure ab, dem allgemach seine eigene Größe etwas zu Kopf gestiegen war und der sich nur allzu häufig in den Allüren eines Souveräns von Gottes Gnaden verfiel, wie er denn auch den kleinsten Verstoß gegen die ihm geschuldete Achtung sehr übel aufzunehmen pflegte. Es bleibt abzuwarten, welchem von diesen beiden Vorbildern sich der neugewählle Präsident mehr nähern wird, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Tageseinteilung im Elysse im großen und ganzen die gleiche bleiben dürfte, wie sie bis jetzt gewesen ist. Betritt man durch das hohe Straßenportal den Ehrenhof der Residenz des französischen Staatschefs, so fällt einem zunächst die Wache auf, die an Kopfzahl stärker ist wie die der meisten europäischen Königs- und Kaiserschlösser. Sie besteht aus einem ganzen Jnfanteriebatarllon, und wenn der Präsident seinen Palast verläßt oder nach ihm heimkehrt, so'nimmt diese Truppe feierliche Paradeaufstellung mit einem Fahnenträger auf dem rechten Flügel, und der Klang der Trommeln begrüßt ihn auf kriegerische Weise. Ist doch auch in der nächsten Umgebung des Präsidenten das militärische Element stärker vertreten als das bürgerliche. Sie setzt sich zwar aus einem „Militär-General-Sekre- tariat und Militär-Haushall" und einem „Zivil-General- Sekretariat und Zivil-Haushalt" zusammen, aber der erste ist viel größer als der zweite uub in seinen Händen ruhen in Wirklichkeit die meisten Funktionen innerhalb der vier Wände des Elysses, wie überall da, wo der Präsident sich gerade aufhält. An der Spitze des militärischen Haushaltes befindet sich ein Tivisions-General, zurzeit der General Tnbois, und diesem stehen nicht weniger als acht höhere Offiziere der Armee und Marine als Adjutanten zur Seite. Ter Zivil-Haushalt ist dagegen nur aus dem Ehrenpräfekten Combarieu und dem Privatsekretär Poulet, sowie einigen Unterbeamten gebildet. Ter eigentliche und gefürchtete Zeremonienmeister des Elysöe ist indessen der Chef des sogenannten „Protocole", zugleich Einführer'des diplomatischen Korps, Herr Mollard, der mit großer Gewissenhaftigkeit und Strenge über der strikten Innehaltung des vorgeschriebenen Reglements wacht. Ms Bauernsohn war Loubet ein Frühaufsteher, gewohnt um sechs Uhr morgens, Winter und Sommer, an seinem Arbeitstische zu sitzen, wo ihn ein frugales Frühstück, bestehend aus Kaffee und einem Hörnchen, erwartete. Nachdem er dann die Zeitung gelesen hatte, unternahm er oft schon um acht Uhr früh mit Herrn Combarieu oder Herrn Poulet einen Morgenspaziergang, auf dem der kleine unscheinbare graubärtige Herr meist unerkannt blieb, Bedeutet doch für Paris, wenigstens für die eleganten Pariser und Pariserinnen, die achte Morgenstunde eigentlich noch die reine Nacht. In dieser Beziehung dürfte also vielleicht eine Aenderung eintreten und den Elysse-Bewohnern jetzt eine verlängerte Nachtruhe vergönnt werden. Das übrige Tagesprogramm wird aber jedenfalls das gleiche bleiben. Es umfaßt bis um die Mittagsstunde die Erteilung von Audienzen. Ta kommen Generäle, Präfekten, Gerichtspräsidenten aus der Provinz, um sich zu melden, oder fremde Diplomaten machen ihre Aufwartung. Punkt zwölf Uhr erfolgt im kleinen Speisesaal des Palastes das Frühstück, das alle Präsidenten bisher int Kreise ihrer Familie, einiger Personen ihrer Umgebung und einiger geladener Freunde einzunehmen pflegten. Tiese Mahlzeit beansprucht nur wenig Zeit, und es schließen sich an sie eine Tasse Kaffe« und eine Zigarre im Rauchzimmer. Loubet wie Faure waren leidenschaftliche Raucher. Tie nächste Stunde ist wieder der Arbeit gewidmet und zwischen zwei und drei wird eine Spazierfahrt ins Bois unternommen. Nach der Rückkehr empfängt der Präsident dann diesen oder jenen Minister zum Vortrag, und auch die Führer der Parteien des Parlaments, die sich mit ihm zu besprechen wünschen. Pünktlich um sieben Uhr ist das Tiner serviert, zu dem saft täglich eine Anzahl von Gästen zugezogen wird. Dann plaudert man noch eine Weile, aber spätestens um zehn Uhr zieht der Präsident sich zurück, und es ist noch längst nicht Mitternacht, wenn, mitten in dem vergnügungsreichstcn und tollsten Teile von Paris, schon im Elysöe-Palaste alles zur Ruhe gegangen ist und die Lichter erlöschen. Natürlich erfährt dieses normale Programm beständige Abweichungen und Unterbrechungen, denn die Last der Repräsentation, die auf den Schultern des Präsidenten ruht, ist recht bedeutend . Kleinere und größere Tiners, Soireen und Bälle setzen namentlich des Winters einen viel größeren Apparat in Szene und bringen die Entfaltung eines Glanzes mit sich, der kaum einen Vergleich mit der Pracht monarchischer Höfe zu fürchten braucht. Auf diesem Felde ist das Debüt für das neue Staatsoberhaupt vielleicht am wenigsten angenehm, da es ihn den nicht immer wohlwollenden Blicken und Kritiken so Vieler aussetzt. Man erzählt auch, daß sogar Herr Loubet, der doch einen recht ausgeprägten eigenen Willen besaß, sich inbezug auf sein Auftreten bei diesen Gelegenheiten, wenn auch mit Widerstreben, vom Chef des Protocole sozusagen erst anlernen lassen inußte. Und das erste, was damals Herr Crozier, der Vorgänger Mollards, au ihm bemängelte, war — fein Frack, den er einfach für „unmöglich" erklärte. Herrn Loubet blieb schließlich nichts anderes übrig, als seinem alten Kleiderlieseranten nach dreißig Jahren die Freundschaft zu kündigen und die Tienste eines weltberühmten Schneiders anzunehmen, der einst — ein amüsantes Zusammentreffen — die Ehre hatte, dem Kaiser Napoleon III. die Garderobe anzufertigen. . . . Man sieht, so ganz leicht ist es selbst in einer Republik nicht, sozusagen von heute auf morgen das Oberhaupt eines großen und mächtigen Staatswesens zu spielen. N. G. C. Das preußische Heer vor 100 Fahren. In diesem Jahre werden 100 Jahre verflossen sein, daß Preußens siegesstolzes Heer bei Jena den Regimentern und dem Feld- herrngenie eines Bonaparte unterlag. Um den damaligen furchtbaren Zusammenbruch der preußischen Armee ganz zu verstehen, ist es nötig, sich ihre Organisation vor Jena einmal zu vergegenwärtigen. Wie von der Goltz in der Januarnummer der „Deutschen Revue" ausführlich darlegt, beruhte die Organisation des preußischen Heeres auch vor der Katastrophe von Jena theoretisch schon auf ber Wehrpflicht der Landeskinder, aber leider nur theoretisch. Tatsächlich gebrauchte das verhältnismäßig noch kleine und arme Preußen sein Meuschenmaterial noch zu anderen Ztvecken, weshalb das Gesetz über die Wehrpflicht durch zahllose Ausnahmen gn Gunsten von Städten, Landstrichen, Gesellschaftsklassen ufw. durchbrochen werden mußte; nur auf dem ärmsten Teil der Bevölkerung blieb die Wehrpflicht lasten, eo mußte denn als Ersatz, nm die Reihen zu füllen, die ausländische Werbung hinzutreten. Die meist lebenslänglich Angeworbenen bildeten die eigentliche stehende Armee, die etwa ein Drittel der mobilen Armee ausmachte. Aus Sparsamkeitsrücksichten hielt man aber diesen Teil der Armee nicht dauernd unter den Wasten. Für gewöhnlich blieben nur ganz schwache Stämme zusammen, bet der Infanterie Wachtkommandos, bei der Reiterei Pserdepflcge- truppen Die ausgehobenen Landeskinder, die Kantonisten, deren Dienstzeit etwa 20 Jahre währte, verbrachten nur einen sehr geringen Bruchteil dieser Zeit wirklich im Dienst, sie machten zu ihrer Ausbildung eine einiährige Rekrutenzcit durch und wurden dann beurlaubt, um nur in jedem Frühiahr zu einer b Wochen dauernden Ererzierzeit wieder eingezogen zu werden Aber auch aus dem Rekrutenjahr wurden meistens nur drei Monate und die Einziehung zur Exerzierzeit erfolgte statt mhrlich nur alle 2 Jahre Bei diesen Einrichtungen war den Offizieren natürlich nur äußerst weiiig Gelegenheit zu größeren kriegsmäßigen Ueb- ungen geboten, hauptsächlich mußten sie sich auf eine theoretische Vorbildung für ihren Beruf beschränken, vorausgesetzt, daß sie es auch wirklich taten. — Und ebenso unheilvoll, tote bei der Kriegsausbildung des Heeres, wirkte das Sparsystem bei der 44 Ausrüstung der Armee mit Material und Kistegsgerät. Zwar lag jeder Nagel und jeder Strick, der bei der Mobilmachung gebraucht wurde, bis auf den letzten bereit, aber der eine war verrostet, der andere durch Mter mürbe geworben. Auch die Invaliden wurden nicht in dem Matze, wie es nötig gewesen wäre, aus dem Heere entfernt, viele mußten bleiben, obgleich sie feld- dienstuntauglich waren, weil die Stellen in den Jnvaliden- kompagnien die vorgeschriebene Zahl nicht überschreiten dursten. Unter den Offizieren, namentlich unter den höheren Offizieren, waren ebenfalls viele, die den Anforderungen des Dienstes nicht mehr gewachsen waren. So krankte das preußische Heer, das bei seinen Revuen und Parademanövern die Bewunderung Europas bildete, an seiner inneren Organisation. Es mußte zusammenbrechen, als es den beweglichen, besser bewaffneten, bester ausgebildeten und moderner ausgerüsteten Armeen Napoleons gegenübertrat. (Nachdruck verboten.) Das Gießer Jrtiekliaertzblatt. In diesen Tagen der „Fleischnot" und Lebensmittelteuerung erinnere ich mich eines alten Zeitungsblättchens, das mir vor Jahren der Zufall in die Hände gespielt hat; es ist das „Gießer Siitelliaenzblatt" vom 20. Juli 1799, in welchem ein iuteresfantes erzeichnes der „Gießer Bietnalien-Markt-Preise" enthalten ist. Ich lasse dasselbe itachstehend folgen, möchte jedoch zuvor etwas naher auf Form und Inhalt des Jntelligenzblattes selbst ein» gehen. Das Format des Blattes ist etwa dasjenige unserer Schulhefte. Das mir vorliegende Blatt trägt die Nummer XIXX; die Zeitung erschien demnach wöchentlich. Sie war „für 45 Kreuzer in der Krieger'schen Buchhandlung gegen Vorauszahlung zu haben." Nahezu drei Seiten des überhaupt nur vier Seiten umfassenden Blattes nehmen die „Allgemeinen Bauern- und Witterungs-Regeln" ein, deren jede mit einer längeren „Anmerkung des Herausgebers" versehen ist. Nunmehr folgt eine Bekanntmachung des Fürst!. Hess. Justizamts Langgöns „betr.: den Verkauf des den von Atzenhcimischen Erben an dem von Ludolphi- schen Zehnden in Allendorf zustehenden Antheil." — Hieran schließt sich, die Bekanntgabe des Gottesdienstes am 21. Juli, und zwar in der St. Pankatriuskirche — der jetzigen Stadtkirche — uitb in der „Burgkirche", die in der Nähe des alten Schlosses gestanden hat. , Schließlich interessiert es uns noch, daß am 21. Juli „das Frischbacken der Bäckermeister L ö b e r in der Wallthorstraße" hat. Es treten uns ferner noch wohlbekannte Gießener Namen entgegen in der Mitteilung, daß am 11. Juli „dem Burger und Eisenhändler Ludwig Konrad SUett ein Sohn, Namens Johann Wilhelm Balthasar". getauft worden ist. Und nunmehr kommen wir auch zum „Gießer Victnalien- und Marktpreis". Es kostet hiernach u. a.: 1 Pfund Ochsenfleisch .... 9 Kreuzer. 1 „ Kuhfleisch . i- . . 8 „ 1 „ Rindfleisch . .. . 7 1 „ Kalbfleisch .... 6 „ j 1 „ Schweinefleisch ... 9 „ 1 „ frischer Butter , ; . 14 „ und so fort. Vielleicht findet dieses Verzeichnis Nachahmer, vielleicht auch nicht. Rieder-Olm. Otto Sch rüder. Vermochte». „ Ein 75 jähriger Gedenktag ist der 21'. Januar. An dtesem Tage starb im Jahre 1831 auf seinem Gute Wiepers-- dorf bei Dahme in der Mart.der Hauptvertreter der jüngeren Romantik, Ludwig Achim von Arnim, der zusammen mit feinem Freunde Clemens Brentano unter dem Sammelnamen „Des Knaben Wunderhorn" jene Sammlung von alten deutschen Volksliedern herausgab, durch die sich das deutsche Volkslied für immer einen Platz in der Literatur und im Herzen des Volkes erobert hat. Selbständig hat er eine ganze Reihe von Dichtungen veröffentlicht, die alle von Vaterlandsliebe durch- glüht waren und einen frommen christlichen Sinn bekundeten. Im Gegensatz zu den übrigen Romantikern war Arnim eine durchaus gesunde Natur. Von seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen war das bedeutendste Werk der tiefsinnige Roman „Armut, Reichtum, Schuld und Butze der Gräfin Dolores". Auch mehrere Dramen hat er verfaßt, darunter das wunderliche barocke Schauspiel „Hölle und Jerusalem". Heute werden von seinen Werken nur hin und wieder noch einige Novellen gelesen. Arnim starb im 50. Lebensjahre — er war am 26. Juni 1781 geboren —, nefbetrauert von seiner Gattin Bettina, der Schwester seines Freundes Brentano, die sich gleichfalls einen dauernden Namen in der deutlchen Literatur gesichert hat. , .Jd°ethe und Napoleon. In der Pariser „Liberts" berichtet Robert de Flers nach jüngst aufgefundenen Aufzeichnungen eines Augen- und Ohrenzeugen über die berühmte Unterredung, die im September 1808 in Erfurt zwischen Goethe und Napoleon stattfand Der Augenzeuge, offenbar ein Offizier ans ber Umgebung des Kaisers, schildert die Szene im wesentlichen folgen dermaßen: Der Kaiser, der von einer großen Truppenschau zurück- kehrte, wurde bis zu den Toren des Erfurter Schlosses vom 103. Infanterieregiment begleitet. Mitten unter den Offizieren bemerkte man einen etwa fünfzig Jahre alten Mann in bürgerlicher Kleidung, der mit dem Marschall Lannes sprach. Oben auf der Treppe stellt Lannes seinen Begleiter dem Kämmerherm von! Dienst vor. „Aus des Kaisers Befehl", sagt er, „v. Goethe". Goethe ivird in einen großen Saal geführt. Der Kaiser sitzt nnt Tisch und frühstückt. „Ihr Name ist Goethe?" fragt der Kaiser, ohne auszublicken. — „Ja, Majestät." — „Wie alt sind ©ter „«echzig Jahre, Majestät." — „Was für Tragödienl haben-sie geschrieben?"— „Iphigenie, Egmont, Torquato Tasso." — „Haben Sie mein Theater gesehen? Wie finden Sie meine Schauspieler?" — „Ausgezeichnet, Majestät." — „Es freut mich, daß meine Schauspieler in Deutschland gefallen. „Mahomet" ist gut gespielt worden, aber das Stück ist schlecht." — „Ich habe es übersetzt, Majestät." — „Wirklich?" Das beweist, daß Sie anders urteilen als ich. Ich habe Ihren „Werther" gelesen. Sie sind der Direktor des Theaters von Weimar?" — „Ja, Majestät." — „Ich möchte gern einmal deutsche Schauspieler spielen sehen. Uebermorgen will ich mit dem Kaiser von Rußland das Schlachtfeld von Jena besichtigen; von dort will ich nach Weimar! kommen. Sagen Sie dem Grotzherzog, daß ich sein Theater sehen möchte. Was halten Sie von Talma?" — „Er ist ein hervorragender Künstler, die verkörperte Tragödie." — „Wollen Sie seine Bekanntschaft machen?" — „Ich wäre glücklich darüber und . . „Warten Sie . . . Talma kommt jeden Tag nach dem Frühstück zu mir." Tallehrand tritt ein. „Ah! Sie. Kommen Sie her. Ich habe von Fauche einen Bericht erhalten, der durchaus nicht für Sie spricht." Der Kaiser springt auf, führt Talleyrand in eine Ecke und spricht lebhaft auf ihn ein. Ein Kammerherr meldet: „Der König von Württemberg!^ Der Kaiser dreht sich um und sagt mit gelangweilter Miene: „I ch habe zu tun; dringende Geschäfte. Es wird mich freuen, den König abends im Theater zu sehe n." Der Kämmerherr geht ab. Der Kaiser nimmt die Unterhaltung wieder auf, aber der Kammerberr erscheint von neuem: „Majestät, der Schauspieler Talma." — „Soll kommen. Talma, was für ein Programm haben wir heute?" — „Cinna", oder „Androniache", oder „Britannicus". Majestät brauchen nur zu wählen, zu befehlen." — „Gut, dann will ich „Cösars Tod". Einen Augenblick noch . . . Herr von Goethe . . . Talma. . . Guten Tag, meine Herren, ich muß eine Viertelstunde schlafen.. Humoristisches. * I rn Jnristenverein sollte ein kleines Theaterstück zur Aufführung gebracht werden; ein eben ernannter Referendar wurde gebeten, darin die Rolle eines Kammerdienerszu übernehmen. — „Hm —", meinte er bedenklich, „mit meiner Stellung als Referendar würde ich's ja zur Not vereinbaren können.. Aber — aber ich bin doch ^auch Reserveoffizier!" * D a S s e ch s jährigeSöhnchen einesGymnasial- professors stand im Hofe und pfiff. Plötzlich öffnete sich droben ein Fenster, das finstere Gesicht des Vaters erschien, und eine strenge Stimme rief: „Fritz! Nicht pfeifen! Denken!" (Aus dem „Simpliziffimus") * Der Pikkolo hat vom Wirt den Auftrag erhalten, nur ja recht auf den Herrn Professor zu sehen, denn dieser sei manchmal arg zerstreut. Nach einer Weile ruft der Herr Professor: „Pikkolo, dies ist also ein Rostbraten a la Mannheim?" „Gewiß, Herr Professor, und dies sind geröstete Kartoffeln dies ein Glas Bier und das hier ein sogenanntes Hausbrot." Gitterriitsel. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind di, Buchstaben a a a a a a a aaaddddeeeeee gghiilllllmmn nopppprrrrs« derart emzutraqen, daß die senkrechlen und wage- rechtenReihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Eine Pflanze. 2. Frauengestalt aus der griechischen Sage. 3. Einen Komponisten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteck-Rätsels in voriger Nummer'; Ein böses Maul ist schärfer denn ein Schwert. Redaktion. Ernst Heß, Rotationsdruck und Verlag der Brübriehen Unwersttäts-Bucb» und Stemdruckerei, R. Lange. Gießea»