W Ä Mb 4 <■- Im Manne des OeheimnUes. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Tut mir leid, eine so gute Meinuug zerstören zu müssen", sagte Jack, „aber die Binde muß Ihnen von den Augen genommen werden. Ich habe es für leichter gehalten, Ihnen die Mitteilung zu machen, Lady Wayne; aber wenn ich Ihr Gesicht sehe, so kalt und stolz im Mondschein — so — wirklich — so fürchte ich mich einigermaßen." Und der Mann, der beides war, Feigling und Spion, schrak zurück vor dem klaren Blick dieser fest auf ihn gehefteten stolzen, dunkelblauen Augen. „Fahren Sie fort", sagte sie kurz. Aber sein Gesicht war blasser als das ihrige geworden. Es war nicht so leicht, in dies schöne, stolze Antlitz zu sehen und ihr zu sagen, wie außerordentlich niederträchtig, hinterlistig und gemein er sich benommen. „Vor langen Jahren", begann er endlich leise, „so lange her schon, daß Sie sich dessen jedenfalls nicht mehr erinnern werden, war Ihre Schwester in einem Orte namens Abbotsville — Sie haben den Namen vielleicht nie gehört?" Sie stand still, — regungslos, obwohl jeder Blutstropfen aus ihrem Gesichte wich, ihr Herz fast zu schlagen aufhörte. Ihre weißen Lippen öffneten sich, aber kein. Ton drang hervor, die juwelengeschmückten Hände umklammerten krampfhaft die eisernen Gitterstangen des Tores zur Stütze, aber feilt Wort entfuhr ihr. „Sie wird Ihnen wahrscheinlich nie etwas davon gesagt haben", fuhr Jack fort, „aber es ist Tatsache, sie tvar in Abbotsville, wie lange, weiß ich nicht, und bekam dort einen Sohn." „Was?" schrie eine schreckliche Stimme, die niemand als die Lady Waynes wiedererkannt hätte; „sagen Sie das noch einmal!" „Ich wiederhole, daß Ihre Schwester an diesem Orte einen Sohu bekam, und daß sie diese Tatsache als tiefes Geheimnis verbarg, daß es auch für alle Welt ein tiefes Geheimnis ist, ausgenommen für sie und für mich." Er sah das stolze Haupt langsam sinken, sah die hohe Gestalt sich neigen, bis sie kniete. Er hörte, wie Stöhnen auf Stöhnen von den weißen Lippen kam, Laute so voll von unaussprechlicher Qual, Angst und Weh, daß, so hart wie er war, sein Herz doch gerührt wurde. r „Es liegt gar kein Grund vor, daß Sie sich so ver- zwerfelt grämen", sagte er tröstend, „ich werde es niemals sagen, darauf können Sie sich verlassen." Aber sie beugte ihr goldenes Haupt nur noch tiefer. „O Gott, mein Gott", hörte er sie sagen, „Du hast Mich verlassen!" Sie weinte nicht; keine Träne stand in den Augen, die sie zu ihm erhob. ' „Sagen Sie mir", sagte sie, „wie haben Sie dies erfahren?" „St! Still!" flüsterte Jack. „War mir's doch, als hätte ich ein Geräusch gehört. Es war aber wohl nur der Wind in den Bäumen. Ich will Ihnen sagen, wie ich es erfahren habe, Lady Wayne, wenn Sie zuhören und nicht so kläglich stöhnen wollen." Er beugte sich wieder wie tröstend zu ihr hinunter/ doch sie verbarg ihr Gesicht nur umsomehr, um es seinen Blicken zu entziehen. 47. Kapitel. Endlich erkannt. „Sie können mir glauben, Lady Wayne, daß kein Grund zur Furcht vorhanden ist. Es gibt kein mensch- liches Wesen aus der ganzen weiten Welt, daß es weiß, oder je wissen wird, wenn Sie nur versprechen, mir das zu geben, was ich verlange. Ich habe die Sache mit meinen eigenen Verstandskräften herausgekriegt — dadurch, daß ich meinen Scharfsinn angestrengt habe. Seit Jahren wußte ich schon etwas davon, doch nicht alles. Sie hat die Sache sehr nett zu verbergen gewußt." Da erhob sich das verstörte Gesicht mit den wilden Augen wieder zu ihm. Eine heisere Stimme flüsterte: „Was sagen Sie da? — Seine Existenz? — Mein Gott — wollen Sie damit sagen, daß er lebt?" „Natürlich tut er das. Wenn er nicht am Leben wäre, !vie sollte ich denn überhaupt etwas von ihm wissen?" „Er lebt!" wiederholte sie. „Er lebt — jawohl", flüsterte er wieder, „und sie hat alles so nett eingefädelt, daß er bei Ihnen allen wie zu Hause ist. Glauben Sie mir, Lady Wayne, ich spreche die heilige Wahrheit. Der junge Manu, den Sie als Werner Jefferies kennen, ist in Wirklichkeit niemand anders, als der Sohn Ihrer Schwester, Marian West." Mieder ein Klagelaut — diesmal so schwach, daß er wirklich fürchtete, sie würde ohnmächtig. „Ihre Schwester hat alles sehr still und ruhig zu halten verstanden", fuhr er fort. Sie erhob den Kopf plötzlich, und sah ihn mit rock den, brennenden Augen an. „Und wer sind Sie?" ries sie, „daß Sie dies wissen? Wer sind Sie?" „Er ist mein Milchbruder; er hat immer als Sohn meiner Mutter gegolten, Kate Jefferies, wissen Sie?" „Ich habe nie von Kate Jefferies gehört — nur als von seiner Mutter — wer ist es?" „Sie wohnte in Abbotsville, als auch Ihre Schwester dort war, und vermutlich erfuhr Miß West, daß sie eine junge Witwe sei, und bat sie, das Kind zu adoptieren.. Sie hat meine Mutter seitdem stets unterhalten, und. meine Mutier, das kann ich Ihnen versichern, hat das Geheimnis sehr gut bewahrt." 682 Sie erwiderte nichts, aber er hörte sie stöhnen: „0, Marian, Marian! Alle diese Jahre hindurch habe ich meinen Liebling nicht gekannt!" Während sic dort kniete, das Haupt in tiefster Erniedrigung gebeugt, kam es wie eine Erleuchtung über sie, was die Liebe dieser Schwester gewesen, — wie sie zwischen ihr nnd jeglichem Ungemach und Harm gestanden, Ivie sie die Last und Bürde des Geheimnisses ganz allein für sich getragen, tote sie sie beschützt und beschirmt hatte. „O, Marian! meine Schwester, was hast du getan!" „Sie konnte es Ihnen ivahrscheinlich nicht mitteilen", sagte Jack tröstend. „Sie war vielleicht mit jemanden verheiratet, dessett sie sich schämte, sonst hätte sie es nicht so geheini gehalten, oder sich gefürchtet, Werner anzuerkennen. Sie müssen damals sehr jung gewesen sein — natürlich konnte sie es Ihnen doch nicht erzählen." Auch auf diese Trostrede keine Antwort. Er begann sich unbehaglich zu fühlen. Es war gerade nicht angenehm, diese stolze Gestalt hier am Boden liegen zu sehen, unter der Wucht eines Schicksalsschlages, der grausamer war wie der Tod. Wenn sie doch nur aufstehen, sich ihn: gegenüberstellen, zornig werden, kurz, irgend etwas tun wollte! Er dachte, er wolle ihr etwas Mut einsprechen. „Kommetr Sie, Lady Wayne", sagte er im gewinnendsten Tone, der ihm zu Gebote stand. „Sie machen ja noch niehr daraus, als selbst Miß West. Sie wurde nur ein paar Minuten lang etwas flau und angegriffen und blaß. Und es geht Sie ja doch nicht so an, tote Ihre Schwester." Sie sah zu ihm auf. „Sie haben also mit meiner Schwester — ntit Miß West gesprochen? Was hat sie gesagt?" „Sie faßte die Sache sehr ruhig auf, sehr verständig", erwiderte Jack. „Sie ist keine voir der Sorte Samen, die gleich in Ohnmacht fallen. Sie machte gar keinen Versuch, es abzuleugnen. Sie räuntte es vollständig ein." „Räumte es ein — sagte, daß er ihr Sohn wäre?" rief sie. „Gewiß." Und wieder begann sie zu schluchzen. „O Marian! was hast du getan?" „Mein Verdacht wurde schon vor Jahren rege", fuhr Jack fort. „Ich fand, daß meine Mutter gemächlich lebte und zwar von Geldern, »vorüber sie nie frei und offen sprechen wollte, und ich hatte mir deshalb in den Kopf gesetzt, es herauszubringen, woher dies Geld kam. Was mtch zwettens ärgerte, war, daß jedermann den Unterschied zwlschen uns beiden bemerkte. Die Leute sagten, er wäre tote ein feiner Mann, und ich gäbe einen famosen Metzger ab. Das war nicht angenehm für mich, und ich nahm toaten "l' herauszukriegen, warum wir zwei so verschieden „Aber vielleicht — vielleicht", murmelte sie, „irren Sre sich." „Nein, nein, ich irre mich nicht, nicht im geringsten", lachte er zurück, „ich habe mich sehr gut vorgesehen, ehe tch nur ein Wort davon gegen Miß West erwähnt habe. Der beste Beweis übrigens, daß ich mich nicht geirrt habe, rst der, daß Miß West nicht den geringsten Versuch machte, es zu leugnen." Marian!" stöhnte sie wieder, „Marian, meine Schwester!" „Und nicht nur gab Miß West die Wahrheit zu, sondern machte auch einen Handel mit mir, daß ich schweigen sollte. Das beweist, wie ernst es ihr mit der Sache war." „Was war der Handel?" fragte sie kaum hörbar. „Miß West versprach mir jährlich tausend Pfund, wenn tch schworen wollte, ihr Geheimnis zu bewahren, so lange tch lebte. Ich habe geschworen und habe die erste Rate in der Ta;che." „Wollen Sie ein weiteres Tausend von mir haben?" fragte sie leise. „Nein, Lady Wahne. Der Handel, den ich mit Ihnen zu machen habe, ist nicht um Geld; ich will etwas viel Kostbareres von Ihnen." „Bon mir?" wiederholte sie. Leben^hiugä^ «a$en einen Schatz, den zu besitzen ich mein Juwelen?" rief sie und griff hastig nach der Diamant-Brosche an .ihrem Halse. „Eitt unschätzbares Juwel. Ich habe in London Ihre g Tochter gesehen, Lady Wayne, und halte sie für das allerschönste Geschöpf der Welt. Wollen Sie sie mir zur Frau geben?" Sie sprang vom Boden empor; hoch aufgerichtet, stolz stand fie vor ihm. Der Schal fiel ihr von dem goldenen Haar. Ihre Augen sprühten Feuer. „Wenn ich ein Mann wäre", sagte sie, „so würde ich, Sie hier zu meinen Füßen niederschlagen dafür, daß Sie sich derartiges zu sagen erfrechen!" „Holla, sachte, Mylady — Lady Wayne, keine Beleidigungen! Wie, mich hier niederschlagen dafür, daß ich Ihnen anbiete, Ihre Tochter zu heiraten! Es ist Ihnen wohl nicht eingefallen, daß es Ihnen schwer sein dürfte, sie überhaupt zu verheiraten, wenn diese Geschichte bekannt würde? Manche Leute haben merkwürdige Ansichten über solche Sachen, wissen Sie. Es ist alles gut und wohl, mich in dieser Weise unter vier Augen anzufahren, ich sage Ihnen aber klipp und klar, daß Sie klein beigeben müssen.. Jährlich tausend Pfund sind ja recht nett, aber es hat keinen Reiz für mich, wenn ich nicht verheiratet bin, wie ich gern will. Ich brauche jemanden, der mir in der Welt voranhelfen soll, und Lord Wayne könnte das." Sie fuhr zurück; es überlief sie kalt. Ihr stolzer, hochsinniger Gemahl einem Manne wie diesem hier helfen! „Sie können übrigens tun, was Ihnen gefällt", fuhr er fort. „Wenn Sie sich weigern, werde ich zu Lord Wayne gehen und Ihre Schwester bloßstellen." „Er würde Ihnen kein Wort glaubeit", keuchte sie, hervor. „Das würde sich finden. Ich könnte ihm solche Beweise bringen, daß er mir glauben müßte. Auch würde ich mich nicht damit zufrieden geben, es ihm zu erzählen, sondern ich würde es Ihren sämtlichen hochadeligen Nachbarn zu wissen tun; und wenn Sie dann Miß West im Staube sähen, Mylady, so täte es Ihnen sicherlich bitter leid, daß Sie sich nicht mit mir geeinigt haben. Ich habe mir sagen lassen, niemand im Lande wäre so stolz wie Lord Wayne. Sie können sich also denken, tote er sich darüber freuen würde, wenn es allgemein bekannt würde, der Sohn seiner Schwägerin sei Sekretär bei Lord Romsey« „Aber", rief die unglückliche Frau ganz verwirrt, „was kann ich tun? Selbst wenn ich meine Tochter opfern wollte, — und das will ich nicht, — wissen Sie denn nicht, daß sie mit Lord St. Gilbert verlobe ist?" „Dann muß die Verlobung rückgängig gemacht werden", erwiderte er kühl. „Verlassen Sie sich darauf, Lady Wayne, wenn Lord St. Gilbert dies alles erfährt, so wird er sie nicht heiraten wollen." „Ich kann es nicht!" rief sie und rang die Hände. „O/ Himmel, hilf mir! Was soll ich tun?" , „Sie können sich! Zeit nehmen und die Sache ruhig überlegen", sagte Jack überredend, „ich will Sie nicht drängen, vorausgesetzt, daß Sie schließlich Vernunft an- nehmen.si 48. Kapitel. Blutige Rache. „Also ich will keineswegs, daß Sie Ihre Entschließung übereilen", wiederholte Jack, „überlegen Sie es sich wohl. Sie wissen ja jetzt, in welcher Richtung Ihre Sicherheit liegt. Ich kann etwas warten. Wenn es Ihnen beliebt/ will ich Sie wieder tceffem" „Nein!" rief sie, „das will ich nicht. Ich könnte nicht leben mit diesem Schwerte über meinem Haupte. Lassen Sie mich nachdenken." Sie strich das goldene Haar von der Stirn zurück, raffte den Schal wieder auf und legte den fiebernden Kopf gegen das kühle Eisengitter. „Lassen Sie mich Nachdenken. Der Kopf wirbelt mir — alle Sinne sind mir durcheinander. Sagten Sie mir nicht, daß Marian, meine Schwester, zugegeben, es sei ihr Sohn?" „Gewiß; sie machte keinen Versuch, es abzuleugnen.^ „Und sie versprach Ihnen tausend Pfund jährlich, wenn! Sie dies alles als Geheimnis bewahrten?" fuhr sie fort^ „Jaioohl; sie würde mir noch mehr gegeben haben, ivenn ich's verlangt hätte." „Machte sie keinen Versuch/ die Schuld aus jemand anders abzuwälzen?" fuhr sie eifrig fort. „Sagte sie nich,^ ste hätte das Nnd für eine andere Person in Pflege qm nvmmen?" 683 „Nein, das sagte sie nicht", unterbrach sie Jack; „sie wußte, es wäre nutzlos gewesen." „Versuchte sie atfo: nicht, irgend jemand anders die? Schuld zuzuschieben?" „Nein, weshalb hätte sie das tun sollen? Miß West hat eine gute Portion gesunden Menschenverstand." „Und nicht zufrieden mit dem, was Sie von ihr erpreßt haben, verraten Sie jetzt ihr Vertrauen so schmählich und kommen zu mir, um zu sehen, was Sie von mir noch erpressen können." „Nein", erwiderte er, „das nicht. Ich will nichts von Ihnen, als nur Ihre Tochter." „Wenn ich Ihnen jährlich zweitausend Pfund anböte?" „Es ist nicht Geld", erwiderte er mürrisch. „Ich will Ihre Tochter. Ich will nun mal Elsie zur Frau haben und Ihr Mann würde meiner Karriere in der Welt ordentlich nachhelfen." „Er würde Sie eher erschlagen", erwiderte sie stolz. Er lachte höhnisch. „Gewiß, das wäre besser um der Ehre und des hohen Namens der Familie willen, wenn ich tot wäre", sagte er; „aber ich habe noch ein ganz nettes Leben vor mir. Menn mau alles bedenkt, was vorgefallen, könnte Miß Elsie eine schlechtere Partie machen." Sie gab diesmal keine zornige Erwiderung. „Herr Jefferies", begann sie kaum hörbar, „würde es vielleicht helfen, wenn ich Sie bäte, Mitleid mit mir zu baben und Geld- Juwelen, kurz alles, was ich sonst habe, zu nehmen, aber meine Tochter zu schonen?" „Es ist hart, „nein" zu sagen, Lady Wayne, aber ich will nun einmal nichts anderes als das, was ich verlangt habe — Ihre Tochter." „Aber ich habe doch", fuhr sie fort, „ich habe doch etwas von einem jungen Mädchen gehört, bei Ihnen zu Hause, das Sie liebten und das Sie heiraten wollten?" „Ja, das habe ich mir eingebildet. Ich glaubte, ich liebte sie, bis ich Ihre Tochter sah, Lady Wayne; da entdeckte ich, daß ein dmmmes Bauernmädchen keinen Reiz für mich haben konnte." Ein ganz schwaches Rascheln im dichten Gebüsch. „Wenn Sie doch nur diese unselige Idee aufgeben wollten", begann Lady Wayne wieder, „wenn Sie doch nur wieder nach Hause gehen und dies Mädchen, von dem Sie sagen, Sie liebten es, heiraten wollten — so wollte ich Sie reich machen —" „Und wären mich mit guter Manier los", unterbrach er sie mit einem kurzen Auflachen. „Aber die Zeiten haben sich für mich geändert. Ich weiß noch nicht recht, ob mir dies Mädchen, das ich früher mal gern hatte, jetzt noch als Magd passen würde." Das waren seine letzten Worte. Klar und deutlich fielen sie in dias brütende Schweigen der lauen Nacht. Lady Wayne sah auf, um ihm zu antworten, und das Mondlicht fiel auf ihr blasses, verzweifelndes Gesicht. Doch die Antwort sollte nicht über ihre Lippen kommen. Sie hörte einen kurzen scharfen Knall, dann einen schrecklichen Schrei — warmes Blut strömte ihr über Kleider und Hände, dann schwankte Jack Jefferies einen Augenblick, strauchelte und fiel vornüber gegen sie. Zuerst war sie wie gelähmt; instinktmäßig wich sie zu- rück, und er siel, mit dem Gesicht nach vorn, schwer und dumpf in das dichte Gras; und das brütende Schweigen der Nacht sank wieder hernieder und hüllte sie ein, als sie da in Todesschrecken wie angewurzelt stand. Sie hörte nicht ein leises Geraschel in ihrer Nähe, als ob jemand im Dickicht sich bewegt habe. Sie stand gelähmt, halb bewußlos, keines Gedankens mächtig vor Schrecken. Ein leiser Schrei entfuhr ihr. „O, mein Gott/ sagte sie, „was ist das?" Sie sah ihre Hände von Blut gerötet, ihre Kleider davon befleckt, und der Anblick ließ ihr das Blut fast in den Adern erstarren. _ Sie verstand zuerst gar nicht, was vorgefallen, sie begriff nicht, daß er erschossen war. Es war wie ein fürchterlicher Traum — eine gräßliche Unwirklichkeit! Was war es? Was bedeutete dieser scharfe plötzliche Knall? Warum lag er da so still und regungslos? Sie beugte sich nieder und sprach zu ihm, — keine Ant- w ort erfolgte, Sie richtete ihm den Kopf halb auf und sah im nächtlichen Dämmerlicht ein Totengesicht, gräßlich entstellt in seiner Todesqual. Mit einem Schrei sprang sie empor und floh, floh davon durch die Lindenallee und den Rosengarten zurück in das Haus, in die sichere Zuflucht ihres eigenen Zimmers. Sie verschloß die Tür und blieb dann, nach Atem keuchend, inmitten des Zinuners stehen, wilde Blicke umherwerfend, wie ein gehetztes Tier. Tiefe Stille herrschte im Hause, nur einmal unterbrochen durch ein lautes Gelächter aus Lord Waynes Arbeitszimmer. Sie hörte es und von neuem überfiel sie tötlicher Schrecken. Sie sank erschöpft zu Boden. „Gott, mein Gott," stöhnte sie, „hilf mir, ober ich muß sterben I" Alle Kräfte des Willens und der Entschließung schienen sie verlassen zu haben und sie war wie gelähmt. Nach und nach löste sich aus dem wir en, fassungslosen Schrecken der Gedanke, daß sie vor allem jegliche Spur der Blutflecken entfernen müsse. Sie erhob sich mit zitternden Gliedern, legte den kostbaren Schmuck ab; dann ihr blutiges Oberkleid, das von perlgrauer Seide war. Hastig rollte sie es zusammen und verbarg es in der entferntesten Ecke des Kleiderschrankes; dann versuchte sie ihre Hände zu waschen, doch das Wasser war kalt, und die Flecken gingen nur langsam und unvollkommen ab. Sie schellte einem der Mädchen, um sich warmes Wasser bringen zu lassen. Das Dienstmädchen sah erstaunt auf das blasse, starre Gesicht und das lange, goldbraune Haar, das vollständig aufgelöst herniederflutete. „Wollen Sie mir etwas heißes Wasser bringen, aber schnell!" Während sie sprach, war sie aufs ängstlichste bemüht, die blutbefleckten Hände vor den Augen des Mädchens zu verbergen. Als das Mädchen zurückkehrte, sagte sie: „Setzen Sie das Wasser Sahin und gehen Sie!" Sie wagte nicht, die Hand danach auszustrecken. Das Mädchen gehorchte; aber als sie das Zimmer verließ, trug ihr Gesicht einen sonderbaren Ausdruck. Sie goß das heiße Wasser schnell ins Waschbecken und legte die Hände hinein. Beinahe wäre sie .wieder ohnmächtig geworden, als sie sah, wie das Wasser allmählich eine dunkel- blutige Färbung annahm. Nach einer Weile zog sie die Hände wieder heraus; sie waren weiß wie zuvor; sie hielt sie ans Licht — sie waren rein. Dann goß sie das blutige Wasser hastig fort ins Bassin. Die ganze Zeit über schien es ihr, als ob sie kaum atme. Ein leises Stöhnen, ein trocknes Schluchzen war alles, was über ihre Lippen kam. Stets sah sie die stille stumme Gestalt vor sich, die da draußen auf dem Gesicht im hohen Grase lag. Plötzlich gaben die überreizten Nerven nach, und Lady Wayne sank, blaß und besinnunglos, neben dem Bett auf den Teppich nieder. (Fortsetzung folgt.) Färben und Sterben der Blätter im Herbst. Im Herbst vollzieht sich mit der Verminderung der Lebenskraft der Pflanze eine Wanderung aller Stoffe, bie der Pflanze für die Zukunft noch von Nutzen fern können, von den Blättern in den Stamm. Die in den Blättern zurückbleibenden Stoffe, denen die bunten Herbstfarben hauptsächlich zuzuschreiben sind, haben eben keinen weiteren Nutzen für die Pflanze, es ist im Gegenteil ein Vorteil für sie, sich ihrer zu entledigen, doch ist noch ein anderer Grund, warum die Pflanze die Blätter schließlich ganz abwirft. Würden die Bäume auch bei uns ihre Blätter den Winter über behalten, so könnte ein starker Schnee-, fall sie in die Gefahr bringen, durch die aufliegende Last, ganze Aeste zu verlreren. Vielleicht haben auch aus diesem Grunde die immergrünenden Bäume ganz, glatte, unbehaarte Blätter, damit deren Gewicht möglichst wenig ver- 684 mehrt wird durch Körper, die daran haften wollen. Frost und Wind spielen beim Abfallen der Blätter eine weit geringere Rolle, als im allgemeinen angenommen wird. Es ist auch für den Baum weit vorteilhafter, daß das Abfallen von selbst ohne Mitwirkung des Windes geschieht, damit das Laub sich, in der Umgebung des Stammes vnsammeln kann, den Boden durch die Verwesung zu düngen. Wenn der Herbst naht, so bildet sich an der Blattbasis nahe dem Ansatz des Stieles eine Schicht von Zellen, die durch ihr Gewicht auf die Ablösung des Blattstieles hinwirkt, sodaß dieser nur noch durch eine ganz dünne Scheibe mit dem Ast zusammenhängt. Der endgiltige Riß mag dann mit Hilfe des Windes geschehen, häufiger aber jedenfalls durch das Gewicht des Blattes selbst. Endlich kann das Abbrechen der Blätter auch durch den Frost veranlaßt werden. Wenn die Temperatur unter Mill sinkt, so friert die Flüssigkeit in der erwähnten Scheibe, dehnt sich aus und trennt dadurch den Blattstiel vom Zweig. Manches an den herbstlichen Farben der Blätter kommt freilich nicht von innen heraus, sondern wird auch durch äußere Ursachen bewirkt. Die Flecken auf den Eichblättern werden durch die auf der Unterseite sitzenden rötlichen Galläpfel hervorgerufen. Eine ähnliche Erscheinung ist an den Blättern der Esche zu beobachten, die eine blassere Färbung durch verschiedene Pilze erhalten kann. Die Pilze sind überhaupt an erster Stelle zu nennen, wenn von der Zerstörung und Buntfärbung der Blätter die Rede ist. Manche Bäume beginnen mit dem Abwersen der Blätter von I»ben, andere wieder von unten. Esche und Buche färben ihre Blätter an der Spitze rot oder gelb, wenn der untere Teil noch ganz grün ist, während bei Linde und Pappel die Verfärbung von unten nach oben fortschreitet. Vermischtes. * Die Ehelotterie. Im „Corriere della Sera" liest man: Die große Mailänder Lotterie ist keine vage Legende, nicht wahr?" Um sich nun einen Begriff zu machen von den Umbildungen, denen die einfachsten, konkretesten, gewöhnlichsten Nachrichten ausgesetzt sind, wenn sie von Land zu Land wandern, lese man folgendes: „Die Post in Mailand empfängt Tausende von Briefen mit Zahlungsanweisungen, in lvelchen Lose für die große, nach Schluß der Mailänder Ausstellung stattfindenden Lotterie verlangt werden. Es handelt sich um die „Ehelotterie", die von einem Komitee von Künstlern und hochgestellten Persönlichkeiten ersonnen worden ist und einen unerhörten Erfolg hat. Die Gewinne bilden dreißig junge Damen, deren Rus und deren Schönheit nichts zu wünschen lassen. Jeder dieser dreißig lebenden Gewinne verfügt über eine ansehnliche Mitgift. Die anmutigste der dreißig Damen wird dem Besitzer des Glücksloses mit ihrer Hand eine runde Million ins Haus bringen. Die anderen Hochzeitsgaben bewegen sich von 500 000 bis herunter zu 25 000 Francs. Man kann so viele Lose kaufen als man will. Der Gewinner ist nicht verpflichtet, seinen Gewinn zu heiraten; wenn er aber auf die Heirat verzichtet, muß er die Mitgift mit der jungen Dame, zu der sie gehört,, teilen. Was die Schönen betrifft, so haben sich dieselben schriftlich verpflichten müssen, gegen etwaige Eheverweigerer keinen Prozeß anzustrengen; dagegen dürfen sie dem Manne, dem der Zufall sie in die Hand gibt, ihr eigenes Händchen nicht verweigern" . . . Und diese staunenerregende Variante der Lotterie, diese Variante, die dem Ausstellungskomitee eine so üppige Phantasie zuschreibt, ist nicht etwa in einem australischen oder japanischen Blatte Hu lesen, sondern in einem Pariser Boulevardblatte. bloß eine Maschine? Steckt in ihr etwas Seelisches? Der Verfasser zeigt zunächst, wie die Kulturmenschheit bisher über solche Fragen gedacht hat. In farbenreichen Bpdern zieht die Entwickelung des Naturbegriffes von den ältesten babylonischen Zeiten bis auf Giordano Bruno, Goethe und Darwin an uns vorüber. Dabei führt uns der Verfasser allmählich zu der Deutung des Naturwesens, die er selbst für die richtige hält. Den so oft mißverstandenen Entwickelungsbegriff erweitert und vertieft er au dem Naturgesetz, daß alle Naturvorgänge mit der Zeit von mehr chaotischen zu immer mehr geordneten kosmischen Verhältnissen übergehen. Indem er im Sinne Darwins auch den Menschen restlos in diese Natur aufnimmt und in seinen Sen Idealen auch nur einen dieser großen Wege der vom Chaos zur Ordnung und Harmonie erblickt, deutet er die gesamte Natnrentwickelung als den Prozeß einer werdenden „sittlichen Weltordnung". Stärker noch als in seinen früheren Werken tritt in dieser neuen inhaltreichen Schrift Bölsches Persönlichkeit in den Vordergrunds der es nicht bloß darauf ankommt, einfaches Tatsachenmaterial der modernen Natursorschung weiten Kreisen zugänglich zu machen, sondern die sich berufen fühlt, selbständig' mitzuurteilen über die großen Grundfragen und eine eigene Weltanschauung zu verbreiten. Der beste Stand der Landwirtsstand. Von Kammerdirektor a. D. Hosrat Karl P r e s e r. Lobsinget unserm freien Stand Beim Goldglanz voller Garben! Es bleibt der erste doch im Land; Denn lag am Pflug nicht unsre Hand, So müßten alle darben. Der Meister, der die Welt gebaut, Hat uns sein Bestes anvertraut: Die treue Mutter Erde Mit seinem Wort „Es werdet* Und legen rott in ihren Schoß Die Kerme neuen Lebens, So sprießt der Segen übergroß; Denn Segen bringen, ist das Los Der Mühen unsres Strebens. Der Meister, der die Welt ersann, Nahm uns sich zu Gehilfen an, Im Schassen und Gestalten, Die Menschheit zu erhalten. Und ob uns trifft der Sonne Glut Sturm fegt durch unsere Werke — Uns ist ein gottesweudger Mut Der Arbeit höchstes Ehrengut, Des Ringens Stolz und Stärke. Der Meister, dessen Schöpfungskraft In jeder Scholle wirkt und schafft, Der läßt, trotz Sturmeswehen, Uns nimmer untergehen. Drum füllt die Gläser bis zunt Rand! Es gilt deut besten Stande, Dem Stand, der iür das Vaterland Vom Pflug zum Schwerte führt die Hand Dem stärksten Stand int Lande l Und also falls gehalten sein: Dem besten Mann der beste Wein, Um Lust ihm zu gewähren Beim Rauschen goldner Aehren. Palindrom. I Nachdruck verboten. Voll Grimm mtb Haß verwünscht es der Verbrecher, Doch umgekehrt verzehrt es gern der Zecher. m. I ' Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Rösselsprungs aus voriger Nummert „Zwei Seiten hat ein jedes Ding* — Tu führst den Spruch im Munde, Doch achtest du ihn ost gering, Gerad in ernster Stunde. Tut dir ein Freund ein Unrecht an, So legst du ohne Schonung Auf's U n r e ch t, das er dir getan, Nicht auf den Freund Betonung. Weihnachisliteratur. — Ein Poet mit dem Wissen und der Wissenschaftlichkeit des Gelehrten, ein Gelehrter Mit dem frischen Naturempfinden und der Wärme, dem Schwung eines Poeten, darf Wilhelm Völsche immer auf unsere freudig aufhorchende Teilnahme rechnen, wenn er das Wort nimmt. Jetzt erschien, von seiner großen, wachsenden Anhängerschaft froh begrüßt, eine neue Schrift „Was ist die Natur?" (Berlin, Georg Bondt.) Ist die Natur Redaktion: Ernst Setz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Slemdruckerei, R, Lana«. Dietz««.