Areitag den 19. MLoöer W W 4 jx p'iyGw® ÄMf EÄi ZZZ^W WI UW-UMW faSSS SV Im AanAe des Geheimnisses. Romcin von H. v, Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Ich habe Sie bestinnnt früher nie gesehen, Lady Wayne", sagte er. „Ich würde mich an Ihr Gesicht wieder erinnert haben; ich werde jetzt daran denken bis zum Tode." Er sprach so ernsthaft, daß sie wohl sah, er denke nicht entfernt daran, ihr zu schmeicheln. „Sie sind auf bestem Wege, ein Höfling zu werden," scherzte sie mit einem Lächeln. „Verzeihung, Lady Wayne, ein Höfling werde ich nie werden. Ich habe eine verhängnisvolle Fertigkeit darin, das zu sagen, was ich denke, und den Leuten die Wahrheit zu sagen. Diese Gewohnheit wäre doch etwas sehr Mißliches bei einem Hofmann." „Wo sind Sie zu Hause?" fragte sie; „wo wohnt Ihre Mutter?" „In Elton", versetzte er; „wir haben stets dort gewohnt, wenigstens so weit ich mich erinnern kann." „Das ist also da, wo die berühmte Grammatik-Schule ist, nicht wahr?" „Jawohl," erwiderte er, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen. „Wie sonderbar, daß Sie das wissen, Lady Wayne. Dr. Cloth ist der Direktor, und ich möchte glauben, er ist der beüe seines Fachs in ganz England." „Sie wissen nicht, welchen Ruf Elton hat, sonst würden Sie nicht darüber erstaunt sein, daß ich von der Existenz dieses Oertchens weiß. Ich vermute, Sie haben das Stipendium gewonnen und sind auf diese Weise nach Cambridge gekommen." „So ists," versetzte er;— „wie gütig von Ihnen, Lady Wayne, sich so für meine bescheidenen Angelegenheiten zu interessieren." „Sie interessieren mich," sagte sie, und dieselbe sanfte Anmut milderte wieder ihr stolzes Gesicht. „Sie interessieren mich in merkwürdiger Weise." „Dann bin ich sehr glücklich", war seine Antwort, und er sah allerdings auch sehr glücklich aus. Gerade kam Lady Romsey auf sie zu, mit einer Mappe voll Kupferstiche in der Hand, die sie öffnete und vor ihnen vusbreitete. „Einige davon sind sehr schön", sagte sie. „Ich bin überzeugt, sie werden Ihnen gefallen, Lady Wayne; Sie sehen gute Stiche ja so gern". Sie beugten sich zusammen über die Mappe; sie hätten I allerdings kaum etwas zu ihrer Unterhaltung bedurft, so sehr I interessierten sie sich für einander. Dann, als ihre Köpfe sich i gesenkt, war es ganz merkwürdig anzusehen, wie dieselben sich ähnelten — dasselbe anmutige ideale Profil, dieselbe schöne feine Stirn. Ein leichter Ausruf der Ueberraschung entfuhr Lady Romsey, und Lady Wayne blickte auf, als ob sie nach dem Grunde dafür fragen wolle. „Sie werden mich für sehr unhöflich halten, Lady Wayne," sagte sie; „aber ich habe Ihr Haar stets von eigenartigerer und schönerer FarAe gehalten als alles, was ich bisher gesehen. Sie müssen mich schon entschuldigen, wenn ich jetzt diesen Glauben fallen lasse; aber sehen Sie selbst, Mr. Jefferies hat genau dasselbe." Lady Wayne sah auf den edelgcsormten Jünglingskopf neben ihr, mit seinen goldigbrauncn Locken. Sie lachte. „Sie haben ganz Recht, Lady Romsey; bitte, keine Entschuldigungen l Hoffentlich haben Sie mein Haar nicht ge- stöhlen, Mr. Jefferies?" „Das nicht, aber ich werde meines jetzt schätzen; blsher habe ich das nicht getan." „Ich wiederhole, Ihre Mutter muß stolz auf Sie sein, Mr. Jefferies. Entschuldigen Sie, habe ich recht gehört, als Lord St. Gilbert Sie' vorhin als Werner anredete?" „Jawohl," gab er zurück, „das ist mein Name. Ich habe mich oft geivundert, wo wohl meine gute Mutter, die doch sonst ihren Flug nie in die Gefilde der Romantik nimmt, diesen Namen aufgetan hat." „Ich habe ihn entweder früher gehört oder geträumt", sagte Lady Wayne halb für sich und murmelte noch einige Male leise vor sich hin: „Werner? Werner?" „Es muß jemand meine Mutter darauf gebracht haben", fuhr er lächelnd fort. „Sie ist ganz und gar nicht imstande, denselben selbst zu erfinden. Man pflegte mich daheim oft zu necken und sagte, ich hätte eine Fee zur Patin." „Wirklich?" sagte Mylady und sah in sein hübsches, lächelndes Gesicht. „Wieso? warum?" 17. Kapitel. Lady Wayktes Trau in. „Warum?" wiederholte Lady Wayne, „eine Fee als Patin ist etwas Ungewöhnliches in diesem prosaischen neunzehnten Jahrhundert." „Ich weiß nicht, ob ,ch Sie nut einem solchen Unsinn behelligen darf", erwiderte Werner; „aber es ist Tatsache, daß, nachdem ich das Stipendium erhalten und im Begriff stand, nach Cambridge zu gehen, mir so viele und so wertvolle Geschenke zugingen, daß wir nur annehmen konnten, eine Fee sei im Spiele. Unter anderm war auch eine kleine Börse aus grüner Seide dabei, die ich sorgfältig aufgehoben habe, in der Hoffnung, eines Tages den Eigentümer zu ermitteln.'1 614 „Wirklich, das ist ja der reinste Roman/ sagte Lady Wayne erstaunt; „und fährt die Fee bciita noch immer mit ihren Zlttvendungen fort?" „Gewiß, jedes Jahr", versetzte er; „Bücher und Geld, denn ich hatte von Haus aus kein Geld. Sollte ich meinen edelmütigen Wohltäter je ausfindig machen, so werde ich ihm meine Dankbarkeit zu bezeugen wissen." „Haben Sie denn tatsächlich gar keine Idee, wer sich in so merkivücdig freundlicher Weise für Sie interessiert?" forschte Lady Wayne. „Ich schäme mich fast zu gestehen, daß ich soviel Zeit auf das Studium und meine Bücher verivandt, daß ich nur wenig daran gedacht habe. Höchstwahrscheinlich ist es einer von den Herren, die der Prüfung beigewohnt haben; sie waren jämtlich sehr freundlich gegen mich." jtoelji- wahrscheinlich", sagte Lady Wayne. „Ich werde die kleine grünseidene Börse jedenfalls stets wie einen Talisman aufheben", fuhr er fort, „denn ich habe so eine merkwürdige Art Ueberzeugung oder Ahnung, daß sie mir eines Tages noch sehr nützlich sein wird. — Aber, Lady Wayne, Ihre Güte macht mich selbstsüchtig, sehen Sie nur, wie lange ich Sie mit meinem Geplauder über diese eine Nichtigkeit schon hingehalten habe." „Es interessiert mich", sagte sie mit ihrem annmtig ernsten Lächeln, dem niemand widerstehen konnte. Lord Wayne näherte sich in diesem Augenblick den beiden. „Evelyn", sagte er, „hast du Mr. Jefferies gebeten, uns einige Tage auf Kenninghall zu schenken? Lord St. Gilbert hat versprochen 51t kommen." „Ich hoffe auch, Sie werden kommen, Mr. Jefferies", sagte sie, „Kenninghall ist eine wahre Heimat des Poetischen und Romantischen. Wir haben einen wirklichen Geist, der auf der Terrasse erscheint; jeder Stein, jeder Baum hat seine Sage. Kenninghall würde Ihnen sicher gefallen. Versprechen Sie mir, daß Sie sich dem Besuche Lord St. Gilberts anschließen werden." „Es wird mir eins der größten Vergnügen meines Lebens sein," erwiderte er ernsthaft; und sie lachte über die Wärme seines Tons und seiner Worte. „Lord St. Gilbert hat sich noch für keinen bestimniten Zeitpunkt entschieden", fuhr Lord Wayne fort; „er hat jedoch versprochen, daß es nächsten Monat sein soll." Dann wurde Lady Waynes Aufmerksamkeit auf ein paar junge Dainen gelenkt, die großen Wert darauf legten, einen möglichst vorteilhaften Eindruck auf die Herrin von Kenninghall zu machen, wobei sie eine Einladung zu den demnächst dort stattfindenden Bällen und Gesellschaften im Auge hatten. Werner ward von Lady Romsey gebeten, Kapitän Hawk zu unterhalten, einen Goliath von einen, jungen Dragoner, der mit den Aycliffes eingeladen worden war. Sein Schicksal wollte es dann, daß er Ohrenzeuge folgender Unterrebung zwischen Sir John Thurston und Major Cranley, zweien der Gäste, wurde. „Was für ein wunderbar schönes Weib Lady Wayne doch ist", sagte der Major. „Ich kenne alle Schönheiten des Tages, aber ich glaube tatsächlich, sie übertrifft sie alle." „Ja," stiuunte Sir John in außerordentlich gedämpften, Flüsterton, den er für etwas ganz Feines und Diplomatisches hielt, zu; „es ist eine liebenswürdige Frau — ebenso stolz wie schön; und an der Frau gefällt mir Stolz, er hält sie strack und gerade, mein Bester — strack und gerade." „Mein lieber Sir John", sagte der Major trocken, „Frauen wie Lady Wayne, sind immer das, was Sie strack und gerade nennen; sie gehen nie vom Wege." „Ich möchte wohl wissen, wie alt sie ist", murmelte der Baronet; „wenn ich raten sollte, könnte ich auf alles zwischen 25 und 35 raten." „Sie ist eine von denen", sagte der Major mit einer gewissen Feierlichkeit, „die niemals alt werden; wenn sie vierzig ist, wird sie auf dem Gipfel und in der vollen Reife ihrer Schönheit stehen; es dauert sehr lange, ehe das Alter ein Gesicht wie das ihrige auch nur berührt. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, die beide auch schon heranwachsen — ich sollte meinen, sie wäre reichlich sechsunddreißig — und doch — wo fänden Sie ein junges Mädchen mit dieser Frische, dieser Anmut?" „Ich halte nicht so sehr viel von Jugend", äußerte der Baronet; „ich finde junge Mädchen sehr — sehr — hm — fade — ja, fade finde ich sie. Mir gefällt eine Frau von stolzer und stattlicher Erscheinung, von graziösem, anmutigem Wesen — so eine wie Lady Wayne. Was ist sie für eine Geborene — wissen Sie's vielleicht?" „Nein, ich hab's gehört, kann mich aber nicht entsinnen — eine gute, alte, engliche Familie, glaube ich. Die Waynes, wissen Sie, sind das »011 plus ultra von eigen. Ich glaube nicht, daß einer von ihnen eine Königin heiraten würde, wenn sie einen Makel auf ihrer Ahnentafel hätte. Sie können sich darauf verlassen, daß eine Frau, die den Namen „Wayne" trägt, auch alles ist, was man von einer Fran verlangen kann." „Sie kennen die Familie gut, wir mir scheint?" „Jawohl", versetzte der Major; „ein Verwandter des gegenwärtigen Lord Wayne, Algernon Wayne, ist mein bester Freund. Rede mir einer von der Eifersucht der Weibel —■ ich bin überzeugt, seine Frau, Mrs. Isabel Wayne, verabscheut die schöne Herrin von Kenninghall." Sir John lachte; etwas Derartiges aus der „Chronigue scandaleuse" machte ihm stets außerordentliches Vergnügen. Lord und Lady Wayne blieben den ganzen Abend über, und Werner ivar glücklicher, als er je zuvor in seinem Leben gewesen. Sein Gefühl für diese schöne Frau glich einiger- maßen der. Verehrung für ein höheres Wesen. „Leben Sie wohl, Mr. Jefferies, sagte sie beim Abschied; „ich hoffe, daß ich Sie wiedersehe, und zwar bald." Sie verstand das merkwürdige Verlangen nicht, das sie darnach empfand, ihn zu umarmen und sein schönes Jünglings-Antlitz zu küssen. Was zog sie nur in solchem Maße zu ihm hin? Es war nichts Gekünsteltes, nichts von Koketterie irgendwelcher Art in dem Wohlgefallen, das ihr Herz, jedesnial, wenn sie ihn nur ansah, erwärmte und erfreute. Sie dachte an ihn, als sie heilnfuhren, stellte sich noch einmal den edlen Kopf, das lockige Haar, die schönen, seelenvollen Augen vor und lächelte still im Gedanken daran, daß Lady Romsey gesagt, das goldbraune Haar gleiche dem ihrigen so außerordentlich. Wie war es nur, daß den ganzen Tag ihre Gedanken zu dem kleinen Grabe nach Abbotsville zurückwanderien, das sie nie gesehen? Es war doch so viele Jahre her, und sie hatte doch nie auch nur ein einziges Mal das dort in die Erde gesenkte Kindergesichtchen gesehen, und doch dachte sie so lange und so nachhaltig daran. Ob es wohl noch andere so einsame, kleine Gräber gab ■— Kinder, die nie eine Mutter geküßt, die gekommen und gegangen, wie eine Frühlingsblume sprießt und stirbt? „Wenn er am Leben geblieben wäre" — spann sie dann ihre Gedanken weiter, — „mein Kleiner, mein Erstgeborner wäre er jetzt zwanzig, beinahe ein Mann, und wie anders wäre mein Leben dann gewesen I Ich würde dann nie Mortimer geheiratet haben. Ach! was mich das kleine Leben gekostet! —• Wie komme ich nur dazu, heute so viel daran zu denken?" wunderte sie sich dann selber über ihre Gedanken. Und dann kam ihr eine Art Vision des letzten und schrecklichsten, des jüngsten Tages, wo die Gräber aller Menschen sich öffnen würden. Auch der Kleine würde auferstehen, was sie sich in seiner kindlichen Gestalt so rührend schön ausmalte. Sie würde ihr Kind zum ersten Male im großen Licht der Ewigkeit sehen. „Mein Geheimnis wird dann bekannt werden", sagte sie sich. Dann wunderte sie sich, was wohl über sie gekommen, was wohl dies Grübeln und Träumen zu bedeuten habe. — 615 — Sie stand auf und ergriff ein Buch, m der Hoffnung, durch die Lektüre auf andere Gedanken zu kommen. „Seit Jahren bin ich ja nicht mehr so nervös gewesen", dachte sie. „Ich begreife nicht, was mit mir vorgefallen sein kann." Indes die Gedanken, die sie belagert hielten, verloren sich nicht bei der Lektüre; mehr als einmal ertappte sie sich wieder auf ihren alten Ideen; schließlich warf sie das Buch beiseite und begab sich in die Bibliothek zu ihrem Gemahl, dir dort schrieb. „Du siehst angegriffen aus, Liebste", sagte Lord Wayne, „was ßibt’S?" „Ich glaube, ich bin nervös," sagte sie mit mattem Lächeln, „ich bin zu dir gekommen, Mortimer, um mich etivas aufzuheitern." Er liebte sie so zärtlich, daß er nicht den geringsten Schatten auf ihren: lieblichen Gesicht ertragen konnte. Er schob seine Briefe bei Seite und befahl den Wagen zu einer Ausfahrt. „Nichts Besseres gibt's, um sein Gemüt aufzuheitern, als frische Lutt und Sonnenschein," sagte er lächelnd und zog sie an sich; und in kurzem hatte Lady Wayne alles in der Welt vergessen, ausgenommen, daß ihr Gemahl der beste, zärtlichste Mann war und sie geradezu vergötterte. Dieselbe Nacht jedoch hatte sie einen schrecklichen Traun: — einen jener Träume, die zu Zeiten wie eine Warnung vor künftigem Unheil kommen. Ihr träumte, sie wandelte einen hohen steilen Pfad entlang und trug ein weißes Kleid, wenigstens sollte es weiß sein, — als sie es aber näher betrachtete, sah sie einige schreckliche Flecken darauf — dunkle, geheimnisvolle Flecken — die sie mit Schauder und Furcht erfüllten. Aber glücklicherweise sah sie jetzt gerade einen Wald, und um sich vor aller Beobachtung zu verbergen, ging sie in denselben hinein. Ein sonderbares Licht lag auf bei: Bäumen. Sie blickte empor, um zu sehen, woher es käme, und — siehe — da oben, quer am Himmel, stand eine Reihe feuriger Buchstaben. „Lady Wayne's GeheimnisI" las sie, dann stieß sie einen schrecklichen Schrei aus. Die Blätter aller Bäume des Waldes bewegten sich im Winde; sie sah hin und las in feurigen Buchstaben auf jedem Blatt wieder dieselben Worte: „Lady Wayne's GeheimnisI" Zu Tode erschreckt stand sie still. Tausende fröhlicher Vogelstimmen waren bisher hörbar gewesen, aber jetzt kam mit einem Male ein schreckliches, furchtbares, verwirrtes Geschrei; es schien, als ob jede Vogelstimme laut singe, zwitschere, pfeife, krächzte: „Lady Wayne's GeheimnisI" Dam: erschütterte das Hohngelächter vieler, vieler Menschenstimmen die Waldesriesen bis in ihre Wipfel, und sie erwachte; das Herz schlug ihr so stark, daß sie nut mit Mühe zu atmen vermochte. Ein tödlicher Schrecken überfiel sie, als sie bei wachen Sinnen sich diesen Traum nochmals vergegenwärtigte. „Allmächtiger Himmel," murmelte sie, „laß mich diesen schrecklichen Traum vergessen I" Doch die Worte klangen ihr noch in den Ohren: „Lady Wayne's Geheimnis! Lady Wayne's Geheimnis!" Sie sprang auf und weckte ihren Gemahl. „Mortimer, Mortimer!" schrie sie, „wach auf, wach auf! Sprich mit mir, oder ich komme von Sinnen!" Doch alles, was sie ihn: zu sagen vermochte, als er endlich aufwachte, war, daß sie einen schrecklichen Traum gehabt hätte. 18. Kapitel. Miß West kehrt zurück. Eine Woche war verflossen, und Lady Wayne sah noch immer angegriffen und nicht wie sonst aus. Sie hatte ihr Gemüt nicht dadurch erleichtern können, daß sie über ihre Be- ftirchtnngen mit jemand anders sprach; und jener Traum war eine fürchterliche Erschütterung für sie gewesen. Jetzt aber fühlte sie sich etwas erleichtert, denn Marian war zurück- gekehrt, und in Marian's Nähe herrschte stets eine gewisse Atmosphäre der Kraft und Ruhe. Die beiden Schwestern saßen jetzt in dem luxuriösen Ankleidezimmer Lady Wayne's — einem Raum, der an Pracht, Luxus und Eleganz nicht zu überbieten war. Evelyn saß neben dem kostbaren Toilettentisch; die Tafelglocke war noch nicht ertönt, aber sie war bereits fertig angekleidet und hatte ihre Zofe entlassen, um noch einige Minuten allein und ungestört mit der Schwester zu plaudern. Marian's Augen ruhten bewundernd auf dem lieblichen Gesicht vor ihr. „Eve," sagte sie, „ich will dir nicht schmeicheln, aber ich glaube, du wirst jeden Tag schöner." Das, was sie sagte, war einigermaßen begründet. Lady Wayne's Diner-Toilette bestand aus reicher bernsteinfarbiger Seide, der schöne Nacken und die Arme schimmerten wie weißer, mattpolierter Marmor daraus hervor, sie trug ein kostbares Perlenhalsband mit einem kleinen Rubinkreuz; ein Perlenarmband schlang sich auch um einen schönen Arm, die goldigbrannen Haarmassen wurden durch einen kleinen Perlenkamm festgehalten; in der Hand hielt sie einen reich mit Juwelen besetzten Fächer, den sie zerstreut hin und her bewegte — die Bewegung schien die duftgetränkte Luft noch mehr mit Duft zu sättigen. (Forts, folgt.) Mrerholz. (Original-Artikel der Gießener Fanrilienblätter.) Da, wo die nördlichen Höhen des Spessarts und die südlichen Ausläufer des Vogelsberges von den Ufern der Kinzig zurücktreten, unweit der alten Reichsstadt Gelnhausen, liegt Schloß und Flecken Meerholz, Residenz des Grafen Gustav zu Isenburg und Büdingen, des Inhabers der Standesherrschaft Isenburg-Meerholz. Diese Büdinger Linie wurde mit den anderen, nämlich Wächtersbach und Büdingen, im Jahre 1806 mediatisiert und ihr Gebiet dem' Fürstentum Isenburg (Linie Osfenbach-Birstein), einem Rhernbundsürstentum, einverleibt. Durch die Wiener Kongreßakte wurde das Fürstentum Isenburg mediatisiert auf Drängen des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußell, da Fürst Karl zu Isenburg ans preußischen Deserteuren und Vagabunden ein französisches Regiment gebildet hatte. Tas Fürstentum, speziell das Gebiet der Linie Isenburg- Meerholz, kam unter die Souveränität des Kurfürsten und des Großherzogs von Hessen. Eine herrliche Aussicht genießt man von dem Schlosse. Ein schönes, ausgedehntes' Wresental, von der Kinzig durchschlängelt, teilweise mit Wald bedeckt, an beiden Seiten mit fruchtbarem Ackerland oder waldigen Anhöhen begrenzt, bietet dem Auge die größte Mannigfaltigkeit dar. In der Ferne winkt die einstige „Freistätte des Glaubens", die Ronneburg, herüber und direkt vor dem Beschauer liegt das malerisch aufgebaute Gelnhausen mit der herrlichen Marienkirche und der stausischen Kaiserpfalz auf der Kinziginsel. — Ueberall historische Stätten. Daß diese Kaiserpfalz, die bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein als all-, gememer Steinbruch benutzt wurde, überhaupt noch existiert, daß sie, in der eine Reihe glänzender Versammlungen deutscher Fürsten und 1207 die Vermählung der Tochter Kaiser Philipps von Schwaben mit Herzog Heinrich von Brabant stattfand, in der die Kaiser Friedrich I., Heinrich VI., Philipp von Schwaben und alle der Reihe nach bis auf Ludwig den Bayer öfters und länger residierten, nicht gänzlich von dem Erdboden verschwunden, das ist das Verdienst des Vaters des jetzigen Standesherrn, des am 30. März 1900 verstorbenen edlen Grafen Karl zu Nsenkmrg und Büdingen (geboren 1819). Im Jahre 1845 gelegentlich eines Aufenthaltes auf Schloß Wilhelmshöhe sprach Graf Karl sich dem damaligen Kurprinzen und Mitregentew von Hessen, dem späteren Kurfürsten Friedrich Wilhelm !., gegenüber, ob der Verwüstung der Kaiserpfalz, der architektonisch schönsten deutschen Berg, mit einem schonungslosen Freimute ans, der an dem Hofe unfaßbar schien. Die Folge war, daß die Regierung in Hanau nunmehr nachdrücklichst der Verwüstung Einhalt gebot. Der Haupt- zerstorer der Pfalz, dieses Juwels der romanischen Baukunst, der Quadern, auch prächtige Kapitäle und Gesimse' wegschleppen und sich im nahen Altenhaßlau von dem „Material" ein komfortables Landhaus erbauen ließ, war der durch seine Wuchergeschäfte bekannte Günstlin g des Kurfürsten Wilhelm I. von Sejfeuv Buderus 616 von Carlshausen. Er war der Sohn des Dorfschulmeisters Buderus in Niederrodenbach bei Hanau, hatte mit der einfachen Schreiberkarriere begonnen, durch die Protektion der bekannten Frau von Lindenthal-Haynau in hohe Aemter gelangt — war schließlich kurhessischer Gesandter am Bundestage in Frankfurt a. M. — und unter dem Namen „von Carlshausen" mit dem Adelsprädikat In der Nähe von Meerholz gehen die alten Verkehrswege, die Weinstraße, die von Frankfurt durch den Bü- dinger Wald, den alten Reichsforst, in das östliche Deutschland, und der Frankenweg, der von Gelnhausen durch den Spessart in das Land der Franken führt, vorüber. Auch die große Leipzig-Frankfurter Handelsstraße zieht jenseits der Kinzig hin. Auf ihr strömte nach der Leipziger Schlacht im Oktober 1813 das geschlagene Heer der Franzosen, an der Spitze Napoleon, zurück und passierte am 29. Oktober die Meerholzer Gegend, sie benutzte Erzherzog Johann von Oesterreich 1848 zu seiner Reise nach Frankfurt, um die Geschäfte als deutscher Reichsverweser zu übernehmen. fieberkranken Königin Luise über die Mrische Nehrung während der Schneestürme der ersten Januartage; Georg Koch hat mehrere Zeichnungen zu dieser Erzählung beigesteuert. Won Luise Glaß, Ilse Frapan-Akunian und andern Erzählern bringt der Daheim-Kalender gleichfalls in sich abgeschlossene, zum Teil illustrierte Erzählungen. Mit populären Aufsätzen aus den Gebieten der Kunstgeschichte, der Volkswirtschaft, des Heerwesens und der Flotte, des. Sammlersports und des Kunstgewerbes sind Männer wie Hanns von Zobeltitz, Dr. C. R. Kreuschner u. a. vertreten. Einen reich illustrierten Artikel über Ehr. Rauch hat Dr.) Max Osborn beigetragen. Schließlich ist eine reiche Auswahl formvollendeter Gedichte von Hugo Salus, Lulu von Strauß und Torney, Frida Schanz, Gertrud Freiin Le Fort u. a. und eine Fülle von Rebussen usw. der unterhaltendem Lektüre gelpidmet. Dje Mannigfaltigkeit des Inhalts, vor allem aber die deutsche Art und der gemütvolle Ton des Daheim-Kalenders werden zu den treuen alten Freunden auch diesmal wieder zweifellos zahlreiche neue gewinnen. Der Preis des stattlichen Bandes ist 2 Mk. VerMschSss. * Neues vom Haärmarkt. Wenn auf einem Gebiete des Handels die Produktion abnimmt, die Nachfrage dagegen wächst, so ist immer das zahlende Publikum der leidende dritte Teil. Das trifft jetzt auf den Handel mit Frauenhaar zu. Schönes, feines, namentlich blondes Frauenhaar ist von Jahr zu Jahr seltener geworden. Das beste lieferten immer noch gewisse französische Gegenden, die Bretagne, die Normandie, die Auvergne, und in Limoges, der Hauptstadt des Limousin, wird jährlich einmal ein richtiger Haarmarkt abgehalten. Diesmal lauten die Nachrichten trauriger von ihm als sonst. Der Umsatz war nicht mehr so groß wie früher, wo er rund eine Million Franken zu betragen pflegte. Dabei ist noch nie das Verlangen nach Haar so groß gewesen. Es gibt Leute, die in ihrem grimmigen Hasse gegen das Automobil diesem alles Schlechte auf die Rechnung setzen möchten, und die behaupten, das Haar gehe den Frauen, die den Auw-Sport betreiben, allmählich aus — als eine natürliche Folge des Staubes und sonstiger unerfreulicher Dinge, die sich bei der Fahrt im Auto auf dem menschlichen Kopse festsetzen. Das ist, angeblich, ein Grund der erhöhten Nachfrage nach Haar aus den vornehmen und reichen Kreisen. Wir meinen, größere Schuld trägt die gegenwärtig herrschende Mode übertrieben hoher, balwnartig über die Stirn hinausragender Frisuren. Eine Mode, nebenbei bemerkt, die von Amerika zu uns gekommen ist. Seitdem gibt es viele Frauen, die von der Natur mit ganz normalem Haarwuchse bedacht sind, und trotzdem das Bedürfnis verspüren, ihn noch auf künstlichem Wege zu vermehren. Nun macht sich aber unter den hübschen Bäuerinnen jener Provinzen mehr und mehr eine Strömung gegen den Verkauf ihres Haares geltend, und wenn sie sich durch die Beredtsamkeit der „Reisenden in Haaren" schließlich doch dazu bestimmen lassen, so verlangen sie ganz phantastische Preise. Zu all dein Unglück kommt noch die Vertreibung der geistlichen Orden. Die Klöster Frankreichs lieferten bisher einen großen Teil von Haar für alle Länder Europas, und so ist mit ihnen eine wertvolle Bezugsquelle verschwunden. An schwarzem Haare wird sobald kein Mangel sein; es ist in Italien übergenug davon zu erhalten. Mit blondem ivird jedoch in Zukunft — China noch mehr aushelfen müssen, als dies schon geschieht. Manche elegante Dame, die auf den künstlichen Turmbau über ihrem Haupte nicht wenig stolz ist, würde vielleicht ein Gefühl des Widerwillens nicht überwinden können, wenn sie wüßte, daß dieser Haarschmuck einst den wenig gepflegten Kopf einer schlitzäugigen Bewohnerin des Reiches des Himmels zierte. Neue Kalender. — Daheim-Kalender für 190 7. Dem stattlichen Band hat der Verlag von Belhagen u. Klasing wiederum eine vornehme, künstlerische Ausstattung gegeben. Gemälde von Professor Georg Koch u. a. sind dem Buche in drei- farbigeu Reproduktionen einverleibt. Auch ein Aufsatz von Dr. Edmund v. Freyhold: „Der Ziergarten am Hause" enthält mehrfarbige Abbildungen, Gartenpläne, Blumenbilder, dankbare Stauden, Zierpflanzen usw. Das erschöpfende statistische Material des Kalenders — Genealogie, Totenschau, Astronomie, Gebnrts- und Gedenktage — nebst splendidem Kalendarium, ist auch für das neue Jahr beibehalten worden. Der lehrreiche und künstlerische Teil des Buches hat eine bedeutende Bereicherung erfahren. Im Vordergründe steht diesmal die Jährhunderterinnerung an das schicksalsschwere Jahr 1806/07, eine Novelle „Fluch t- lmge" von Heinz Grevenstett behandelt die Flucht der Für Mütter. — D a s Ki n d. Monatsschrift für Kinderpflege, Jugenderziehung und Frauenwohl. 1. Jahrg. (Okt. 1906 bis Sept. 1907), Nr. 1. Hannover, Verlag" von Otto Tobies. Preis des Jahrgangs (12 Hefte) 3.50 Mk. Die unter Mitwirkung von Aerzten, Pädagogen und Frauen von Kinderarzt Dr. Neter (Mannheim) herausgegebene Zeitschrift wendet sich an die Eltern, besonders an die Mütter. Sie will ihnen bei dem schwierigen Werke der Kinderpflege und Erziehung beratend zur Seite stehen und ihnen die Beantwortung der vielen, vom Tage der Geburt des Kindes bis zu seinem Eintritt ins praktische Leben an sie herantretenden Fragen erleichtern, sie will die Kinder zu glücklichen und gesunden Menschen erziehen Helsen. — Nummer 1 enthält nach kurzer Einführung, die das Programm der neuen Zeitschrift wieder gibt, sehr lesenswerte Artikel. Zunächst den Aufsatz „Warum unterlassen so viele Mütter das Stillen?" von Kinderarzt Dr. Neter, sodann „Rückgratverkrümmung und ihre Verhütung" von Professor Dr. Vulpius, „Ein ärztliches Wort über Zensuren und Plätze in den Schulzeugnissen" von Dr. I. Moses, „Ueber die Notwendigkeit einer Umgestaltung der bisherigen Frauenkleidung" von Frau E. C., „Briefe aus der Kinderstube, I" von Dr. Phil. Otto Driesen usw. Die nächsten Nummern bringen nach einer Voranzeige u. a. folgende Aufsätze: „Erziehung ohne Schläge" von I. Borchardt, „Aberglauben bei der Erziehung der Säug-, linge" von Dr. Effler, „Ueber Kinderspiele und Kinderspielzeug" von Hauptlehrer Enderlin, „Die Erziehung während der Pubertät" von Professor Gerstner, „Korsett oder Leibchen" von Anna Kühn, „Die Hausaufgaben unserer Schulkinder" von G. Schanz, „Kind und Alko- hol" von Dr. Mann, „Mädchenerziehung" von Professor; Dr. Zimmer. — Der Inhalt der neuen Monatsschrift, die schöner klarer Druck und gutes Papier auch äußerlich vorteilhaft auszeichnen, ist also sehr'abwechslungsreich. Rösselsprung. zur in er geben Freude kehrt Müh' wenn ser- heit dich Leid ent- dir Leid wird der dir tig Thor- ver- be- heben schon was deine das küns- Gott scheert und tig Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen.