Mittwoch den 19. September 1906 ,pl W M 8ZRMLW WsSALZ! W % t" A rau s Im Manne des Keßeimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verbotet. (Fortsetzung.) 1. Kapitel. K e n n i n g h a l l. Konnten alle Superlative der englischen Sprache einem Fremden einen Begriff geben von der Größe der Waynes von Kenninghall, ihrer langen Ahnenreihe, ihrem historischen Namen, von dem Ruhm der Männer, der Schönheit der Frauen, von dem Reichtum an Geld und Gütern, dem Nimbus, der sie umgab und der sie von der gewöhnlichen Menge zu trennen schien? •— Und jeder, der sie kannte, hätte entschieden nein darauf antworten müssen. Die Waynes von Kenninghall waren zunächst ein altadeliges Geschlecht. Sie waren nicht mit Wilhelin dem Eroberer herübergekommen, denn sie hatten sich bereits einen Namen in Englands Geschichte gemacht, als diese berühmte P^sönlichkeit den biederen .Sachsen normannische Kultur brachte. Sie gehörten zu der großen, alten Sachsen-Raffe; sie besaßen Sachsen-Tugenden und Sachsen-Fehler. Sie besahen sächsiche Treue; treu waren sie ihrem Gott, ihrem Könige, ihrem Vaterlande. Sie besaßen sächsische Geradheit und Offenheit, haßten Falschheit, verachteten Gemeinheit und niedrigen Sinn und spotteten über hohlen Dünkel; sie besaßen sächsische Ehre und Ehrenhaftigkeit, waren treueste Freunde und edle, achtungswerte Feinde; sie besaßen endlich die markige Sprache und Ausdrucksweise ihrer germanischen Ahnen, sodaß das Wort eines Wayne in Ansehen rind Achtung stand, wie ein Eid von einem anderen. Die Waynes rühmten sich eigener, besonderer Vorzüge. Sic konnten eine lange, lange Familien-Gcschichte aufwcisen, ohne daß darin ein Mann als unehrenhaft, ein Weib als leichtsinnig oder falsch hätte gebrandmarkt werden müssen. „So treu wie eine Wayne" war schier sprüchwörtlich geworden. Ihre Familien-Chroniken kündeten von tapferen Männern, die im Kampfe für Thron und Vaterland gefallen, von tapferen Frauen, ebenso makellos wie schön, die in Kriegs- und Verfolgungs-Zeiten Dynastie und Land gute Dienste geleistet. Es gab Leute, die so weit gingen, zu behaupten, daß England sich keines besseren Namens rühmen könnte, wie des ihrigen, und doch hatten die Waynes ihre Fehler. Sie waren stolz,' hochmütig, verschlossen und zurückhaltend; besonders unduldsam gegen alle Willensschwäche — ein Wayne hätte eine tätliche Beleidigung leichter, tausendmal leichter vergeben, als eine Lüge oder einen kleinen Betrug gegen ihn. Einen Wayne täuschen, betrügen, war gleichbedeutend mit dem Verluste seiner Freundschaft. Es war eine ganz unverzeihliche Sünde. Bittere, derbe Wahrheit ließen sie sich gefallen, soweit sie begründet war, ohne dem Offenherzigen etwas nachzutragen. Es war ein sehr abergläubisches Geschlecht; endlos war die Zahl der Sagen und Geschichten, die sich an ihren Namen knüpften. Kenninghall, ihr Stammsitz, war namentlich voll davon; jeder Turm, jeder alte Baum hatte seine Geschichte; jedes dunkle Gemach und jede Wendeltreppe ihren Geist. Ihre Neigung, an Vorzeichen und Vorgeschichten zu glauben, war ganz auffallend. Den westlichen Schloßflügel entlang lief eine große, schöne Terrasse, und jeder Wayne glaubte steif und fest, daß, wenn irgend ein schreckliches Unheil der Familie bevorstehe, vorher ein Klatschen wie von Regentropfen auf derselben sich hörbar mache. Sie glaubten daran so aufrichtig, wie wir daran glauben, daß die Sonne auf- und niedergeht. Ein solcher Aberglaube im neunzehnten Jahrhundert — und doch trug er dazu bei, die Waynes mehr denn je berühmt zu machen. Kenninghall war in ununterbrochener Erbfolge von Vater auf Sohn übergcgangen. Die WayNes heirateten sämtlich früh; sie heirateten alle gute und schöne Frauen, unbekümmert um Vermögen; das einzige, worin sie eigen waren und worauf sie Wert legten, waren gute Herkunft und makelloser Ruf. Kein Wayne heiratete eine Kokette oder dergleichen; ihre Frauen hätten sämtlich Mütter eines Heldengeschlechts sein können. Mortimer Lord Wayne, der gegenwärtige Herr von Kenninghall, war in einer von diesen Beziehungen von der Regel seiner Vorväter abgewichen; er hatte nicht jung gefreit. Er stand jetzt int vierunddreißigsten Lebensjahre und kehrte eben erst von der Hochzeitsreise zurück. Lord Wayne besaß eine verheiratete Schwester, die Gräfin von Riseholme, eine sehr schöne und in jeder Be" ziehnng vollendete Frau. Seine beiden jüngeren Brüder waren tot; sein Vetter, Algernon Wayne, war somit nächstberechtigter Erbe. Algernon Wayne hatte die ehrgeizigste und ränkesüchtigste Frau von ganz England geheiratet. MrS. Wayne, die sich augenblicklich mit ihrem Gatten zu Besuch auf Kenninghall befand, konnte auf Schönheit nicht sonderlich Anspruch machen; sie war schlau, hatte schlaue, kluge Leute gern, war so stolz und ehrgeizig wie Luzifer, und nichtsdestoweniger sehr in ihren etwas beschränkten, gutmütig-bequemen Gemahl verliebt. Sie hatte höchst unsinniger Weise eine schwache Hoffnung genährt, Lord Wayne würde niemals heiraten, und 550 dann würde ihrem Manne das Erbe zufallen. Alle Waynes heirateten ja vor fünfundzwanzig Jahren; hatte er also überhaupt heiraten wollen, so folgerte sie, so hätte er es dann getan, wo auch die anderen geheiratet hatten. Als ^zahr auf Jahr verfloß, wuchsen ihre Hoffnungen fast zur positiven Gewißheit. Es war also eine schwere Enttäuschung für sie, als Mortimer Lord Wayne in seinem vierunddreißigsten Jahr seine Heirat mit einer jungen und sehr schönen Dame ankündigte. „Wer hätte gedacht, daß eilt Mann ivie Mortimer die Schwachheit der Waynes für Schönheit haben würde ?" sagte Isabel zu ihrem Gatten. „Ich weiß ja, daß es sein gute» Recht ist, nach seinem eigenen Geschmack zu wählen, aber was mich betrifft, so iveiß ich von vornherein, daß ich die Iran nicht werde leiden können." Worauf Algernon lachte und erwiderte, er glaube, daß sie sehr gut hassen könne, ido sie es wolle; imb auf welches zweifelhafte Kompliment Mrs. Wayne versetzte, daß . sie es jedenfalls wollen iverde. — Es ist ein herrlicher Juni-Abend, an dem unsere Erzählung beginnt. Die Flagge weht von Kenninghalls Turm, denn Lord Wayne und seine junge Gattin werden erwartet. Ein wundervoller Abend I Ter Himmel ist voller rosig leuchtender Wolken; die Sonnenstrahlen waren lange nicht so warm und hell gewesen — und sie sielen auf den ruhigen tiefen See, wo die Wasser-Lilien schliefen, bis die Oberfläche wie geschmolzenes Gold erglänzte; sie fielen auf die prächtigen Springbrunnen, die ihre funkelnden Strahlen hoch in die helle Luft schleuderten; auf die tausend Blumen, die die Düfte fast jedes Klimas hauchten; auf die großartigen Gärten und Plätze, auf den smaragdgrünen, saminetweichen Rasen; auf die mächtigen alten Cedern, die wie stets auf der Wacht stehende Riesen erschienen, auf die Magnolia-Bäume, deren große, weiße Blumen die Luft mit reichem und fast über- süsem Duft schwängerten, sie fielen endlich auf das mächtige alte Herrenhaus Kenninghall selbst. Es war eins der stolzesten, großartigsten Schlösser, die England nur aufznweisen hatte. Ein Heim für Könige oder Fürsten, mächtig, großartig und doch schön und reizvoll — alt, doch in nichts des modernen Luxus ermangelnd. Es bildete einen Vorwurf, eines Malers und Dichters würdig, mit seinen epheuberankten hohen Türmen und zierlichen Türmchen, seinen tiefnischigen, ivundervoll geschwungenen gothischen Fenstern, seinem fürstlichen Portikus mit den schlanken Säulen aus reinstem Marmor. Noch jetzt schien der Nimbus ritterlicher Zeiten darüber zu schweben, war es doch zu einer Zeit erbaut worden, wo man die Ban- kiinst als eine unsterbliche, hehre Kunst betrachtete, und nicht lediglich als einen Kontrakt zwischen Baumeister und Ziegellieferanten. Reisende und Touristen kommen aus allen Teilen Englands, um Kenninghall zu sehen, und kehren voll Begeisterung für die Vergangenheit und mit leichter Verachtung für die unkünstlerische, Geld zusammenscharrende Gegenwart wieder heim. Man hat heutzutage keine Zeit mehr für solche Gebäude wie Kenninghall, die mit ihren wunderbaren Verhältnissen, ihrer reichen und doch geschmackvoll einfachen Linien- führung, mit ihrer vollendeten Symmetrie bei aller Größe des Ganzen immer wieder das Auge aufs neue fesseln und entzücken. Das Gerücht will wissen, daß Lord Wayne beinahe ein kleines Vermögen darauf verwendet habe, Kenninghall für sein schönes junges Weib wieder vollständig in Stand setzen und ausschmücken zu lassen; das Gerücht sagt aber auch, daß nichts zu schön fein könne für Mylady Wayne, deren ruhige, königliche Schönheit unübertroffen ist. — Auf dem smaragdgrünen Sammetrafen ist eine kleine C cuppe versammelt — Algernon Wayne und seine Gattin Isabel, Lady Beverley, eine alte Dame und entfernte Verwandte der Waynes, und Se. Ehrwürden Mr. Sheldon, Vikar von Kenningsthorpe — alle auf Lord Waynes Einladung zum Empfang der Braut erschienen. Lord Wayne hatte selbst an Mrs. Wayne geschrieben und sie um die besondere Liebenswürdigkeit ersucht, alle Vorbereitungen zum Empfang Lady Waynes zu überwachen. „Ich weiß, Kenninghall hat sein bestes Aussehen" schrieb er, „und freue mich darüber, denn ich möchte, daß es einen günstigen Eindruck auf sie macht". Diesen Passus hatte Isabel ihrem Manne vorgelesen, nicht ohne hämische Glossen. „Sie muß in der Tat „jemand" sein, wenn Kenninghall ihr nicht imponiert", hatte sie gesagt. Und jetzt, wo sie auf dem Rasen saßen, kam ihr derselbe Gedanke. „Mylady Wayne muß Kenninghall gefallen", sagte sie; „ich erinnere mich nicht, es jemals in größerer Schönheit gesehen zu haben". Lady Beverley sah auf und rings umher. „Zweifellos, es ist ein allerliebster Ort: ich sage immer, es ist der schönste Ort und Aufenthalt in ganz England. Wie warm und geschützt dieser Rasen doch ist! Ich hatte nicht erwartet, das Gras heute so gänzlich trocken zu finden." „Warum nicht?" fragte Mrs. Wayne, mit einem halben Lächeln; „die Zeitungen fangen schon an, von öffentlichen Gebeten um Regen zu reden." Lady Beverley sah ihn mit verblüffter Miene au. „Wie? Mein Gott, Mr. Wayne, Sie müssen doch diese Nacht den Regen gehört haben; ich bin von dem Tröpfeln auf der Terrasse ein paar mal aufgewacht. Ich war dem Himmel ordentlich dankbar, als ich es hörte." Algernon Wayne unb seine Gattin sahen sich etwas betroffen an. „Sie hörten, daß Regentropfen auf die Terrasse sielen, Lady Beverley, diese Nacht?" fragte Isabel Wayne. „Gewiß, unb jebermann sonst doch wohl auch", war die prompte Antwort. „Ihre Zimmer gehen doch auf die sogenannte Mylady's Terrasse?" fragte Mr. Wayne, und wieder blickten Mann und Frau sich dabei an. „Sie erinnern sich wohl nicht der Familiensage von Kenninghall", fuhr Isabel in sanftestem Tone fort, „daß, bevor die Familie von irgend einem großen Unheil betroffen wird, ein Familien-Angehöriger das Klatschen von Regentropfen auf der Terrasse hört? Kein Unglück hat sich je den Waynes genaht ohne diese Warnung". Lady Beverley sah sehr bestürzt drein. „Meine liebe Isabel, Sie wollten doch nicht von Unglück reden gerade heute, wo Mylord seine junge Gattin heimbringt." Isabel zuckte vielsagend die Achseln. „Ich bin nicht verantwortlich für die Familiensagen," versetzte sie, „und kann auch nicht umhin, daran zu glauben. Es ist wirklich fatal, daß Sie von allen Nächten im Jahr gerade diese Nacht das Tröpfeln gehört haben." (Fortsetzung folgt.) Wie Kcdcrn vor 100 Jahren Hessisch wurde, (Original-Artikel der Gießener Familienblätter.) 1 Nachdruck verboten. Die Rheinbundsakte vom 12. Juli 1806 hatte dem Groß- Herzog von Hessen die Hoheitsrechte über die stolbergische! Herrschaft Gedern zugesprocheu. Es dauerte noch bis zum 14. September, bis die tatsächliche „Okkupation der Souveränitätsrechte" erfolgte. Der letzte Regierungsdirektor des Ländchens, Zimmermann, gibt in einer,Denkschrift eine, anschauliche Schilderung des Vorgangs. Sie lautet in den' wesentlichen Teilen: Gedern, den 14. September 1806. Gestern gegen Abend trafen die beiden Kommissarien, nämlich französischerseits M. de Mathion und von GroMrzoglicher Seite oer Geheimrath von Grolmann aus Gießen, nebst ihren Sekretarien hier ein. Heute morgen um Halb neun Uhr verfügten sich dieselben auf die Regierungssitzungsstube, wo sich der Unterzeichnete nebst dem Regierungsrat Preu scheu und Rath Lynker, deßgleichen die Ortenbergischen Bevollmächtigten, Regierungsrath Ra defeld, Canzleyrath Rullmann und Rath Thon, einfanden. Hier eröffnete der französische General-. Commissarius den Act durch eine kurze französische Ansprache. Darauf verlas sein Sekretär das die Uebergabe der Grafschaft Gedern enthaltende Schriftstück (in französischer Sprache verfaßt). Ä51 Der Großh. Kommissar acceptierte die Hebergabe mit folgenden an den französischen Generalkommissar gerichteten Worten: „Mon General! J'accepte au nom du grand Duc de Hesse, mon maitre, la remise que Vous venez de me faire." Der Sekretär verlas die Großh. Vollmacht, welche den Auftrag zur Besitzergreifung der obersten Hoheitsrechte über sämtliche durch den Bundesvertrag vom 12. Juli d. I. unter die Souveränität des Herren Groß- herzogs gefallenen Länder enthielt. Hierauf geschähe von gedachtem Herrn Comnnssario folgender Vortrag an die Versammelten: (im Auszug wiedergegeben) „Hochgeehrte Herrn, werthe Freunde! Auf die von dem Kayserlich Königlich Französischen Herrn General-Commissaire in Folge des am 12 ten Juli d. I. abgeschlossenen Bundesvertrag mir als von Sr. K. H. dem Großherzog von Hessen guädigst bevollmächtigten geschehene Uebergabe erkläre ich hiermit kraft von Höchstdcmselben mir erteilter Vollmacht, daß Höchstgcdacht Jhro Königliche Hoheit nunmehr die Regierung der höchst Ihrer Oberhoheit untergebenen sämtlich Gräflich Stolbergischeu Besitzungen in der Wetterau nebst Zubehörden antretteu. Im Vertrauen daß der Herren Grafen von Stolberg Excellenzien die Verhältnisse und Verbindungen gegen Allerhöchst dieselben als nunmehrigen Sonverain besagten sämtlichen Gräslich Stolbergischen Besitzungen in der Wetterau (die Herrschafteu Gedern und Ortenberg sind gemeint) aufs vollständigste zu beobachten und zu erfüllen nicht ermangeln werden, find Höchstgedacht Ihre Königliche .Hoheit gesonnen, dieselben wie auch dero Diener und Unterthanen in Folge des Bundesvertrags und dessen weiterer Bestimmung sowie nach Billigkeit zu behandeln und keine Beeinträchtigung der den Herren Grasen von Stolberg Excellenzien verbleibenden Gerechtsamen zu gestatten ..... Indem nun des Großherzogs von Hessen Königliche Hoheit hiermit den Besitz von denen Höchstdenselben zukommenden Souvcränitätsrechten ergreife::, so fordere ich kraft von Sr. Königl. Hoheit mir erteilten Gewalts Sie, geehrte Herren und werthe Freunde, auf, mir durch Handschlag an Ehdesstatt an- zugelobeu, Jhro Königl. Hoheit treu hold und gewärtig zu sein, in allen die Gesetzgebung, oberste Gerichtsbarkeit, Oberpolizeh, Militärhoheit, Steuern und Abgaben betreffenden von Höchst dero Souverenitg angehenden Befehlen, Verordnungen und Anstalten den gebührenden Gehorsam zu leisten, und nichts zu unternehmen oder geschehen zu lassen, was denen Souveränitäts-Rechten zu irgeud einem Nachteil gereiche» könne." Ich erklärte ganz kurz, daß mein gnädigster Herr der Graf, irr vollem Vertrauerr auf die Großnruth und Gerechtigkeitsliebe Sr. K. Hoh. des Herrn Großherzogs mich und meine Kollegen angewiesen hätte, uns der gegenwärtigen Occupation der Souverräni- täts-Rechte zu fügen, und daß ich bereit sei, den geforderten Handschlag zu leisten; welcher auch vou mir uud meinen Kollegen geschähe. Damit war der Act geschlossen, und es wurden nun am äußersten Thore zum Schloßhof und an der Eingangsthüre zum Canzleygebäude und an dem gemeinen Wirtshaus die Großherzoglichen Wappen nebst der Inschrift „Confsdsration du Rhin — Rheinischer Staatenbund" angeschlagen, worauf die Comiuissarien nach eingenommenem Frühstück abreisten." Soweit die Denkschrift. Daß es auch an der entsprechenden szenischen Ausstattung des Vorgangs nicht fehlte, beweist der Zusatz des Berichtes. „Tie Suppression geschah unter offenbarer Gewalt und sozusagen unter den Bajonetten ; denn ein Teil der hiesigen französischen Besatzung war heute Morgen wirklich en Parade aufgezogen." ° F. G>. MöeriHer cSagetfeßeit. DcS Sommerlentuartts Lust und Leid. I m Septembe r. Der Fremdling, der leichtbeschwingten Fußes auf der Berlin- Hamburger Chaussee über Spandau gen Westen strebt, sieht staunenden Auges, wie sich dicht hinter dem harmlosen Dörfchen Dallgow urplötzlich ein mächtiges Feldlager aus der bescheidenen märkischen Landschaft abhebt. Stein- und Wellblechbaracken folgen da in anmutiger Reihenfolge auf einander, überragt .von dem mächtigen Wasserturme. Hier sind endlose Reihen von Pferdeställen, dort Beschlagschmieden, Küchen, Schuppen und Vorratsräume — alles ausgefüllt von einem bunten militärischen Gewimmel. Das ist Döberih, von dem der Leutnant singt: ; „Gott schuf den Donner und den Blitz , Und das verdammte Döberitz!" wo gegenwärtig, während des Manövers, ein besonders zusammengestelltes Garde-Reserve-Regiment untergebracht ist und seine Hebungen abhält. Seit einem Jahrzehnt spielt nun Döberih in der militärischen Ausbildung der Truppen des Gardekorps eine höchst bedeutsame Rolle. Finden doch in Döberitz nicht nur die gefechtsmäßigen Scharfschießen der Infanterie und Artillerie, sondern auch militärische Exerzitien und Hebungen aller Art statt, selbst in großen Verbänden, wozu das wechselvolle Gelände des ausgedehnten Platzes sich trefflich eignet. Der „Sonunerleutnant", der eben erst sein Corpus juris sorgsam .verschlossen oder sich in ermahnenden und beweglichen Worten von seiner Schülerschar verabschiedet hat, um, mit der Löwenhaut bekleidet, dem Rufe zu den Waffen zu folgen, wird hier an der Seite seiner Berufskameradeu in alle Finessen der Kriegskunst eingeführt. Hat er nun erst einige Male im Burenangriff den Dhrotzer Schafstall erobert oder auf japanische Weise den alten Mühlenberg oder den Jnngsernberg gestürmt, dann sieht er die mühsam gehegte Pracht seines Bäuchleins dahinschwinden und nicht ohne Wehmut muß er bereits in den ersten drei Tagen seine Feldbinde drei Löcher enger schnallen. Ja, hier lernt er den tiefen Sinn der Worte kennen: „Soldatenleben, ja, das heißt lustig sein!" Früh gehts täglich los. Schon bei nachtschlafender Zeit, wenn der friedliche Bürger sich noch mindestens dreimal auf die andere Seite legt, ist im Lager bereits alles auf den Beinen, und gleich beginnt ein munteres uud bewegtes Treiben. In den Wellblechbaracken hört man lautes Getrampel, auch wohl mitunter eine oratorische Kraftleistung, die im „Knigge" nicht ihre Heimstätte hat, und vou den Ställen wiehern die Pferde einem den guten Morgen zu. Bald sammeln sich die Kompagnien. Prüfenden Auges überfliegt der Korporalschaftsführer — Sergeant Stramm — die Reihen seiner Pflegebefohlenen, eindringliche Ermahnungen an fein Schmerzenskind, den Grenadier Schmierfink, richtend. Alsdann erscheinen nach und nach die Herren Offiziere und als Krone der Schöpfung der gestrenge Herr Hauptmann, der, wenn er angenehm geschlafen hat, die Kompagnie, mit einem lauten „Guten Morgen, Grenadiere!" begrüßt, was pflichtschuldig und exerziergemäß eingeübt, erwidert wird. „Maulsalve" nennen das boshafte Menschen. Darauf wird abgerückt und int Gelände „rumgetobt", wie der Leutnant sagt. Der Nachmittag wird mit Scharfschießen ober Einzeldienst zweckmäßig und genußreich ausgefüllt. Aber nun treten mildere Gefühle in ihre Rechte. Die Mannschaften haben Tische und Stühle zwischen die Baracken gestellt und beschäftigen sich damit, ihre Sachen für den nächsten Tag in Stand zu setzen. Allenthalben hört man die schönen, tiefgründigen Soldatenlieder, wie: „Was nützet mir ein schönes Mädchen, „Wenn andere mit spazieren gehn, „Uni) küssen ihr die Schönheit ab, „Woran ich meine Freude hab." ober: „Und wenn ich heute sterbe, „So bin ich morgen tot. „Dann begraben mich die Leute „Ums Morgenrot!" Die Offiziere aber eilen mit trockener Kehle und langen Schritten in das im nördlichen Ende des Lagers gelegene Offiziers-Kasino, um des Tages Sorgen und Mühen mit einem kühlen Trünke hinabzuspülen. Man kann sich ein Bild machen von dem im Döberitzer Kasino herrschenden Leben, wenn man hort, daß hier in den Sommermonaten täglich 250—300 Offiziere gemeinsam in dem großen Speisesaale beköstigt werden. An langen Tafeln sitzen da die durstigen Krieger bei einer sachverständig gebrauten Bowle, und Heiterkeit und Frohsinn regieren. Vergessen ist alles Ungemach, und je länger die Sitzung dauert, umso gehobeuer wird die Stimmung. Wehe aber dem Unglücklichen, der vorzeitig sich vom Kame- radcukreise drückt, um sich in seiner Koje weichlicher Ruhe hinzugeben. Es könnte ihm leicht passieren, daß er die Geheimnisse des nächtlichen Barackenzaubers kennen lernt. Um die Geisterstunde nahen sich unheimlich vermummte Gestalten dem ahnungslos Schlummernden, urplötzlich ist er in sein Bettlaken eingewickelt und wird trotz heftigen Sträubens an eine entlegene Stelle des Lagers transportiert oder gar in den nahe gelegenen' Schwanenteich eingetnnkt. Auch sonst treibt der Barackenteufcl häufig sein loses Spiel, versetzt die Einrichtung eines Leutnantszimmers urplötzlich auf das Dach der Baracke, erschreckt ängstliche Gemüter durch diabolischen Lärm — und was dergleichen Scherze mehr sind. Hals einer je übel genommen? Ich denke nein. Doch sollte jemand für das übermütige Lagerleben gar zu fei» besaitet feilt, so mag er sich damit trösten, daß der Barackenteufel in der Auswahl seiner Opfer nicht engherzig ist, und er sich heute diesen, morgen jenen zum Spielbali seiner Laune kürt. Doch am nächsten Morgen beim Antreten ist wieder alles frisch im Dienst, und nur bann uud wann zeigt eilt verstohlenes Augenzwinkern ein geheimnisvolles Einverständnis an. So geht zwischen Ernst und Spiel die Döberitzer Zeit schnell herum, und bald ist der Augenblick da, wo der geplagte Sommev- leutnant — nunmehr schlank wie eine Pinie — in die Arme feiner besorgten Gattin und der Kinder zurückkehrt. Getrosten Mutes kamt er nun feiner erschauernden Obertertia von unerhörten Heldentaten berichten, die er in frischem Wagemut auf Döberitzer Fluren vollführt hat. Aber ich wette» er fügt hinzu: Schön wars doch! — .......E, R. 652 — Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der BrühI'fchen Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießerr, Bersteck-Rätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Ingermanland — Solling — Jndasbanm — Kindergarten — Vergißmeinnicht — Heilmittel — Demosthenes — Achsel- bank — Redefreiheit — Fanflrecht — Schützenfest — Gutenberg. 'Auflösung in nächster Nummer.' Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Elise, Liszt. Musik. — Musik für Alle. Das im Verlage von Ullstein u. Co.,- Berlin, zum Preise von 50 Pf. erschienene Heft 24 der bekannten Notenbibliothek bringt einen rassigen polnischen Tanz von Mo- niuszko, der zwar nicht an die Größe und Vornehmheit Chopins heranreicht, ihn aber an Kraft und Wirksamkeit fast übertrefft. Daran schliesst sich Brüll, der Komponist des goldenen Kreuzes, mit einem Siebe „Meiner Mutter ihr Spinnrad", das in feiner einfachen Melodik aufs beste sich dem stimmungsvolleu Gedicht von Klaus Groth auschließt. Auch Karl Klingler trifft mit seinem heiteren Liede „Der Diebstahl" glücklich den Volkston. Das Ca- prieeietto von Gernsheim bietet ein Klavierstück von feinen und intimen Reize. Paul Liucke steuert ein zartes Walzerlied bei. An Linckes musikalische Eigenart gemahnt auch die frische Polka „Gut gelaunt", die Robert Klaas versaßt hat. Von den Klassikern ist Händel mit einer Arie ans seinem Meisteroratorium „Der Messias" vertreten, Stuber Mit einer anmutigen Szene aus tfra Diavolo. __ — Heinz Tovote: Hilde Vangerow und ihre Schwester. Roman. — Verlag von F. Fontane u. Co., Berlin. — Preis: geh. 4 Mk. — Der neue Roman Heinz Tovotes schildert den Lebensgang zweier Offizierstöchter, die als modern empfindende Mädchen sich von hergebrachten Vorurteilen freimachen und selbständig den Kampf mit dein Leben aufnehmen. Kühl und herb geht Hilde, die Aeltere, als gefeierte Landschaftsmalerin auf ihr künstlerifches Ziel zu. In einem erwachenden ' Einsamkeitsgefühl läßt sie sich von einem kalten Streber, einem einflußreichen Kunstfchriststeller fesseln, der sie, künstlerisch entdeckt hat und in ausfälliger Weise in seiner Zeitschrift für sie eintritt. Getrieben von Sympathie und Dankbarkeit heiratet sie ihn; er nimmt ihr anfangs alle geschäftlichen Sorgen ab, sodaß sie ganz ihrem Schassen leben kann. Nach kurzem Gluck aber sieht er in ihr nur noch die von ihm berühmt gemachte Malerin, deren gut bezahlte Bilder er auf die vorteilhafteste Art für sich und seine wachsenden Nebenluteressen verhandelt, während sie selbst, nicht ohne eigene Schuld, ihm gleichgültig wird, sodaß er bald sein Glück bei anderen Frauen sucht und findet. So hat denn Hilde Vangerow in ihrer freudlosen Ehe keine Zufriedenheit gesunden und muß bald um ihre Freiheit als Fran und Künstlerin ringen und kämpfen. Susi, ihre leichtherzige jüngere Schwester ist dagegen von anderer Art. Aus der Arbeit ihres chemischen Laboratoriums heraus sehnt Jte sich leidenschaftlich nach Lebenslust und Lebensfreude. Durch inter- effallt geschilderte Verwicklungen verknüpft sich nun das Schicksal beider Schwestern, bei aller Verschiedenartigkeit der Charaktere, am Ende mit demselben Manne, an dem sie beide,. rede in ihrer Art, mit ihrem Suchen nach Glück scheitern. Die Wiedergabe dieser spannenden Verwicklungen ist reich an wechselvoller Stimmung; und der Parallelismus in den Empfindungen der beiden eigenartigen Schwestern ist voll intimer psychologischer Reize. Die ruhig einsetzende Handlung des Romans, die sich gegen den Schluß immer dramatischer steigert, hebt sich von der reichen Landschaftsschilderung einer interessanten Mälerkolome ab. Dieses bunte Leben und Treiben und die endliche Umwandlung und Entwickelung aus einem einfachen kleinen Fischerdorfe mit seinen strohbedeckteu Hütten zu einem großen Modebadeorte erleben wir in anschaulicher Weise, vor allem an bem eigenartigen Künstlerheim Hilde Vangerows mit, das sie sich in dem entzückend geschildertem Strauddorfe Sandhoop geschaffen hat. — Die französische Revolution von Thomas C arlyle. Neue illustrierte Ausgabe in 40 Lieferungen a50 Pf. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. Lieferung 6—13 einschließlich. Verlag von Georg Wigand, Leipzig. — Die vorliegende Folge der Lieferungen 6—13 beschließt den ersten Band des großen Carlyle-Werkes und umfaßt den Zeitraum von den Wahlen zur ersten Nationalversammlung bis zum Weiberausstand von Versailles, der bekanntlich mit der völligen Niederlage des 'Königtums endete. Mit großer Meisterschaft hat Thomas Carlyle das gewaltige Stosfgebiet, das in diesem ersten Bande vorliegt, behandelt. „Seit langer Zeit", rüst John Stuart Mill begeistert aus, „ist kein genialeres Buch geschrieben worden, weder vom historischen, noch vom poetischen Gesichtspunkte aus!" Und Sir William Hamilton, der Philosoph, ward so gesesselt von der Lektüre des Werkes, daß er die drei Bände in einem Zuge „von 3 Uhr nachmittags bis 4 Uhr morgens durchlas": Charles« Dickens pflegte das Werk jährlich zweimal zu lesen. Heute darf man getrost sagen, daß ein gleichwertiges, kongeniales Geschichtswerk über jenen merkwürdigen Zeitabschnitt nicht existiert! Besonders in dieser neuen illustrierten Ausgabe verdient das Carlyle- Werk eine neue, allseitige Beachtung der Gebildeten. Dieser erste Baud des Werkes enthält 187 Abbildungen. Das Carlyle- Werk sei daher in dieser neuen Ausgabe als ein hochinteressantes, vornehm ausgestattetes und reich illustriertes Monument der Geschichtsschreibung zur Anschaffung empfohlen. — Seit Jahren bringen sich Velhagen u. Klasings Mo natshefte, wenn im September der neue Jahrgang beginnt, durch Werbemittel in Erinnerung, die mit Papa Usus und Mama Schema nichts zu tun haben, sich vielmehr durch eine originelle Idee und durch geschmackvolle Ausstattung auszeichnen. Diesmal erschienen sie gleich mit zwei verschiedenen Gaben auf dem Plan: einmal mit einem Prospekt, her verkündet, was der neue Jahrgang bringen soll und, der iusofern eigenartig ist, als er in einer Reihe von Photographien darüber berichtet, tote die Monatshefte bei unfern Landsleuten im Auslande aufgenommen werden; dann mit einem zierlichen Kuvertchen, das eine AnzaU hübscher und origineller „Postkarten von Velhagen und Klasings Monatsheften" birgt. Leider gibt uns der genannte Verlag keine Gelegenheit, über die Zeitschrift selber zu unseren Lesern zu sprechen. VsvmkschLsr. * 'Tierpäntomimen im Mönchskloster zu Hern is in Tibet werden alljährlich zweimal aufgeführt anläßlich der Wallfahrten, welche die Bevölkerung nn Umkreise von mehr als hundert Meilen nach diesem buddhistischen Kloster unternimmt, das in der Nähe von Kaschmir ancher gmßen, Indien mit China verbindenden Karawanenstraße liegt. Eine solche interessante, zweifellos auf jahrtausendealter Ueberlieferung beruhende Tierpantomime zu sehen, ist bet dem bekannten Fanatismus der Buddhapriester für den Europäer fast eine Unmöglichkeit, dennoch ist dies einem französischen Reisenden unter der stutzenden Verkleidung als tibetanischer Wallfahrer gelungen, und»eine farbenprächtige Darstellung einer solchen religiösen Pantomime veröffentlicht nunmehr das neue, hopusur-wisienschaftliche +>ii4t- werk von Hans Kraemer „Der Mensch nnd die Erde (Deutsches Verlagshaus Vong u. Co , Berlin W. 57), von^ dem gerade jetzt die dritte Lieferung (60 Pf.) zur llusgabe getaugt ist Jultus Hart fetzt in derselben fetne geistvolle, gründliche Wissenschaftlichkeit 'mit gemeinverständlicher Darstellungswelfe in glücklichster Weife verbindende Abhandlung über „ Tierkultus und Tierfabel" fort, die ein ganz neues-Licht auf viele bisher unverständlich gebliebene mystische Vorgänge und Slnschauungen bei den Natur- und zum Teil auch bei den Kultur-Volkern wirft. Auch diese Lieferung ist wieder in glänzender Weise illustriert. Außer der genannten Darstellung heben wir aus den zahlreichen Illustrationen nur noch ein interessantes farbiges Blatt aus dem berühmten „Breviariuni Grimani" der Biblwtheea Mar- eiana zu Venedig aus dem Jahre 1475 hervor, das eine Wild- schweinshatz schildert, und eine wertvolle Farbentafel von Prof. Dr. Karl Eckstein, die für Naturfreunde gerade in dieser Jahreszeit von besonderem Interesse sein dürste, da sie die Beschadig- ung von Blättern und Nadeln durch Insekten vorführt, die der Waldbesucher an der Hand dieser Tafel nunmehr unterscheiden Aerjit. Kunst. — Ostasiatische Kunst und ihr Einfluß auf Europa. Von Professor Dr. Richard Graul, Direktor des Kunst- gewerbe-Museums in Leipzig. Mit 49 Abbildungen im Text und auf einer Doppeltafel. („Aus Natur und Geisteswelt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 87. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. (VI u. 88 S.) 8. Geb. 1.2.) Mark. Im 17. und 18. Jahrhundert hat em durchdringender Einfluß namentlich! Chinas auf das europäische Kunstgewerbe stattgefunden. Aus einer dekorativen Mode wurde die Chineserei zu einem Entwickler der zum Rokoko drängenden freien Richtungen in der dekorativen Kunst des 18. Jahrhunderts. Jrn 19. Jahrhundert überwiegt der Einfluß Japans auf die Kunst Europas in den Beziehungen der Malerei und Farbendruckkunst Japans zum Jmpresfionismus der modernen europäischen Kunst und in den japanischen Anregungen, aus denen die ganze moderne Eiitwick- lung unserer Keramik fußt. Die Erörterung der vielfachen Wechselbeziehungen gibt Veranlassung zur Hervorhebung der Verscyiedeii- heiten in der Kunstauffafiung Ostasiens und des Abendlandes und bietet zugleich eine erste Anleitung zur Würdigung ostastatiicher Kunst. So kann das mit zahlreichen Abbildungen geschmückte Buch bestens empfohlen iverbert.