Samstag den 18. August Wr. 121 1906 ijvpTti Im ZsZM M Der §fern. vornan von Ulri ch Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Vor einigen Tagen noch — hätten sie vielleicht auf sie gewirkt, wie so oft früher, wenn er rote ein Priester vor ihr stand und von der Weihe ihres Berufes, von der Erhabenheit ihrer Mission sprach. Sie hatte ihm so gern geglaubt War cs doch das einzige, rooran sie sich anklammerte in der Herzenseinsamkeit, die sie nm sich fühlte, seit sie in die Frentde gegangen. Damals gab er ihr damit etroas, einen Zweck, ein Ziel, eine Hoffnung. Und je mehr sie wuchs und sich entfaltete, desto heißer und inniger griff sie danach und versuchte sich von dem zu befreien, was der Grundton ihres Wesens ivar, bis das kleine, versunkene Glöckchen in ihrem Herzen keinen Latch mehr von sich gab. Sie wähnte cs stumm und still, übertönt von den schrillen, grellen Klängen des gcroaUigen Lebens; von den gellenden Posaunentönen des Erfolges! Aber heut' mitten hinein in diese aufrauschendcn Melodien, in diesen Jubelhymnus des Triumphes, die gerade in diescit Tagen sie umbrausten, klang plötzlich ganz leise das kleine Glöckchen an. Silbern und weich und rührend, und während er zu ihr redete in eindringlich betörenden Worten, ertönte cs deutlich und vernehmbar in ihr tviedcr, „Glaub' ihm nicht, es ist nicht wahr, es ist nicht wahr." Tas ivar die Heimat. Ein kleines, graziöses Liedchen, das sie gesungen, zu Hause, als von Bühne und Kunst und all dem großen Zauber noch nicht die Rede war. Es ivar das Lieblingslied von Karl Viktor itnb Hans Hübner. Niemals wurden sie müde, es ztt hören; und rocntt sie ihnen eine besondere Belohnung für einen ritterlichen Dienst zu eriveisen hatte, in denen die beiden Gefährten sich nicht genug tun konnten, und sie bann nachmittags ober abends bei Kantors waren und baten: „Sing’ ein Lied, Drlla!" da klang es süß und schelmisch: „Glaub' ihm nicht, es ist nicht wahr, cs ist nicht wahr ..." Sie lauschte. Silbern, weich, rührend — und eine unsägliche Wehmut beschlich ihre Seele. Das wollte er ihr rauben ? Sie lächelte, als sie daran dachte, mitleidig beinahe. Dcr Tor! Mochte er reden. Es war gut so. Einmal mußte doch alles gesagt werden, und so verharrte sie schweigend, ohne von ihren Gedanken etwas zu verraten. Und er sprach weiter: „Frei sollst du sein! Nicht eingeengt durch Familien- bände, wie immer sie seien, dir allein sollst du gehören! Aber mir, mir sollst du aus der Fülle deines Reichtums schenken, wonach ich dürste, wonach ich lechze — dich! Frei sollst du sein und doch — mir gehören! Jedesmal aufs neue dich mir weihen, jebesmal aufs neue das Göttergeschenk mir barbringen. Ein freies, befreites Gebundensein, wie cs denen zicmt, die auf einem Lager von Rosen und Lorbeeren die göttlichen Glieder hinbchncn und, wenn sie aufrecht stehen, mit ihren Stirnen die Himmelspforten berühren." Ein mtheimliches Feuer loderte in seinen Blicken. Ihr graute. Sie war emporgcsprungen und hielt die Hände wie abwehrend von sich gestreckt, als er an sie noch näher hercm- ztttretett versuchte. In seinen Augen lauerte etwas Fürchterliches, und ein irres Lächeln zuckte um seine Lippen. „In Freiheit sollst du mein fein, Della! Hörst du! Solange es uns freut. Nicht durch ein sakramentales Musi gebunden — Madonna!" Sie machte unwillkürlich eilte gebieterische Hcmdbewegung. Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu, sic fühlte mit grauenvoller Klarheit, daß der Wahnsinn aus ihm spreche. Dcr Wahnsinn, dcr die Menschen befällt, die in dünkelhafter Ucber- hcbung Maß und Nichtschnur verlieren für das, was in der Natur der Erdgeborenen ihr sterblich Teil ist. Einen Uebcr» menschen dünkte er sich. Sie hatte das Wort ost von ihm gehört, mit vernichtendem Hochmut angcroenbet. Damals hatte sie seinen Worten gelauscht wie Offenbarungen und sich ihnen gebeugt in willenloser Schwäche. — Das war die faszinierende Macht, die er über sie hatte, die Suggestion, der sie unterlegen — ein Angstschrei entrang sich ihren Lippen, da lag er vor ihr auf dem Teppich, hatte ihr Gewand umklammert und winselte, heulte und ächzte. Wie ein Hund — der Held. Tahin also führte es. Und bis ganz dicht an den Abgrund hatte er auch sie geschleppt! Wenn das kleine Lied in ihr nicht ertönt wäre zu rechter Zeit? Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. Wie jammervoll, wie erniedrigend war sein Los! Sie ivagte nicht, sich zu rühren; sie war ganz allein mit ihm, niemand in dcr Nähe. Einige bange Augenblicke vergingen. Dann erhob er sein Haupt und sah sie an. Was er in ihren Mienen gefunden, hätte ihn ernüchtern müssen. Mitleid und Abschctt l Aber er ivar von Sinnen, sprang empor und umklammerte ihre Hand mit eisernem Griff. 482 „Della", keuchte er, „Della Brandt, du cntkouimst mir nicht! Und wenn du mich schwach gesehen — diese wahnsinnige Liebe zu dir hat mich soweit gebracht." Er versuchte, sie an sich zu reißen. In diesem Augenblick wurde leise an die Tür gepocht. Er zuckte zusammen, dann — wie in einem letzten Liest von Selbstbeherrschung — trat er einen Schritt zurück und nahm eine ruhige Haltung an. Blitzschnell vollzog sich dieser Vorgang. Ein verächtlicher Blitz streifte ibn. „Komödiant!" stieg eZ wieder in ihr auf, ehe sie mit lauter Stimme rief: „Herein!" Der Zimmerkellner meldete den Besuch des Herrn Doktor Hübner. „Ich lasse bitten", das waren die letzten Worte, die sie noch mit einiger Fassung hervorzubringen vermochte. Mit einer tiefen Verbeugung verabschiedete sich WittelS- bach. Sein Bück suchte den ihren. Vergebens. Ohne ein Wort iveiter zu sprechen, war er gegangen und hatte den: anderen Platz gemacht. In der Tür hatten sie sich fast gestreift. Sie kannten sich beide nicht. Kaum halte aber Wittelsbach das Zimmer verlassen, als Adele laut anfweinend zusammcnbrach. * Ilm Vormittag des nächsten Tages hatte die Frau Justizrat Handtke eine Auseinandersetzung mit dem Kantor Brandt. „Ihr seid wohl toll geworden?" fragte sie ihn, „jetzt, wo Della auf der Höhe des Ruhmes angelangt, eine monatelange Unterbrechung eintreten zu lassen. So etwas muß man ausnulzen! Wegen des bißchen Nervosität ... die hat jeder Künstler; gerade das ist unerläßlich! Ich verstehe Euch nicht. Was denkt Ihr eigentlich? Glück und Eriolg sind launenhaft, und wenn man sie nicht festhält, entfliehen sie." „Ja, aber der Arzt meint doch, liebe Schwägerin . . ." „Der Arzt, der Arzt — welcher Arzt? Habt ihr eine große Autorität zu Nate gezogen . . . konnnt da so ein erster, bester, junger Doktor und sagt, sie solle vorläufig nicht mehr singen, und natürlich glaub! man's. Lächerlich'! Der Arzt . . ." „Doktor Hübner ist ein sehr tüchtiger Arzt! Wir kennen ihn von Jugend auf, und sein Vater, der Kreisphysikus, ist in der ganzen Gegend bekannt und verehrt." „Natürlich! Da hat man's. Von Jugend auf! Diese Jugend ist ihr Unglück." „Ich mnß doch bitten, liebes Hannchen", sagte er verletzt. „Lieber Himmel, Schwager, Ihr seid eben Kleinstädter, versteht nichts von der Welt und solltet Gott danken, daß Ihr mich habt! Eine Seele, die bei Eureln Idealismus auch ans Praktische denkt. Stelle dir doch vor, wenn man so etwas nicht ansnutzt ... du hast es doch selbst mit angesehen, diese Begeisterung, und man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Gestern den ganzen Tag und heute schon in aller Frühe ... die Füße laufen sich die Agenten bei mir ab ... . einer wartet immer auf den anderen, die größten Impresarios, und was sie Della für Anerbietungen machen und was sie mir bieten ..." »Dir, Hannchen?" fragte er ganz erstaunt. „Natürlich! Provision für die Verniittlung I Sie missen doch alle, daß sie bei mir im Hanse war, und denken: Gott weiß, was ich drcinzureden habe — wie sichs auch gehörte, wenn man jahrelang solche Opfer bringt . . . und nun ..." Ihre Stimme klang fast weinerlich und sie tat ihm leid, obwohl er sie eigentlich nicht ganz verstand. Er versilchte daher, sie zu beruhigen: „Wenn sie nun aber nicht soll, Hannchen?" „Wer sagt das?" fuhr sie auf. „Nun eben der Doktor! Ec sagt, ihr Nervensystem sei ganz zerrüttet, sie brauche unbedingt Schonung . . ." „Ach, Unsinn! Uebertriebcne Besorgnis. Sie kann doch nicht zetzt gerade zur Saisyn, in der sie Hunderttausende hätte : verdienen können, sich zurückziehen. So etivas ist unerhört, sie macht sich unmöglich für immer; ist erst das Interesse geschwunden, so ist es sehr schiver, es ivieder zu ivecken." „Aber warum nicht?" „Das verstehst du nicht! Anderes, Neues tritt an ihre Stelle. Wer sich selbst aufgibt, dem trauern die anderen nicht nach." „Was soll danii aber geschehen?" rief er, ganz ein» geschüchtert durch ihre Erregtheit. „Singen soll sie . . . auftrcten ... die glänzenden, grandiosen Engagements annehmen, die man ihr bietet. Ich iveiß nicht, Schwager, ivas Ihr Euch denkt . . ." „Ich denke mir, man muß tun, ivas der Arzt rät, und ihre Gesundheit ist die Hauptsache." „Und was sagt dann Della?" „Gar nichts sagt sie. Das ist cs ja eben. Als ich gestern abend nach Hause kam, nachdem ich mich von dir und Lucie getrennt hatte, iveil ihr noch zu Luciens Freundin ginget, fand ich das arme Dellchcn auf dem Ruhebett totenblaß und mit gefetteten Händen daliegen wie ein müdes, krankes Kind. Ich erschrak fürchterlich. Ich hatte sie ganz ivohl verlassen und konnte die Veränderung gar nicht begreifen. Zum Glück ivar Doktor Hübner da, der sagte, sie bedürfe der absoluten Ruhe. Ich solle gar nicht mit ihr sprechen; sie hätte eine heftige Gemütsbewegung gehabt, auch die Aufregungen und Anstrengungen der letzten Tage hätten ivohl ihre Kräfte über- ftiegen, und so sei dieser Zustand zu erklären. Sie würde sich wieder erholen, aber zunächst sei gar nicht daran zu denken, daß sie wieder aliftreien könne, noch überhaupt irgend einer Beunruhigung ausgesetzt werden dürfe. Sie solle auch niemand sprechen, nnd das Beste wäre, so schnell ivic möglich abzureisen." „Und — und . . . was werdet ihr tun?" „Was er rät! Ach, hätte ich sie mir erst daheim in Bernstadt. In Mutters Pflege ivird sie sich schon erholen. DaS ist ja kein Wunder, daß sie zusammenbrach; das hält ja kein Mensch aus." (Fortsetzung folgt.) Mainz und der Nicht viele Gegenden wird es in Deutschland geben, in denen der verschlungene Gang der Geschichte eine solche Menge von Spuren und Denkmalen hinterlassen hat, lute in der unsrigen. Mag man an dre zahllosen Grabhügel im Umkreis von Gießen denken, an die großen Ringwälle des Tüus- bergg ober an die großen Bauwerke aus dem Mittelalter, wie Arnsburg, Münzenberg und die Dome von Wetzlar und Marburg. Eiu Denkmal jedoch können wir aufweisen, das zwar nicht durch romantische Schönheit die Augen des Durchreisenden auf sich zieht, sondern nur dem spähenden Blick des Heimatkundigen sich zeigt, und das vielleicht doch das gewaltigste und wnuderbarste ist in unserm Land, ich meine den Limes, den Pfahlgraben. Seit ungefähr einem Jahrzehnt hat man von reichswegen die Erforschung dieses römischen Grenzwalles energisch in Angriff genommen, und ein Sohu unserer Gegend, Professor Jabrieius-Freiburg (sein Vater war Amtmann in Arnsburg) steht mit an der Spitze der Arbeiten der Reichslimes- komrnission. Was sie in jahrelangen Ausgrabungen und Forschungen gewonnen, hat für die Geschichte der römischen Grenze in Mittel- und Süddeutschland, das hat Fabricius kürzlich in einem zu Mainz gehaltenen Vortrage übersicht- llch dargestellt. Die Anlage des Limes ist, so führte der Redner ans, nur zu verstehen, wem: wir sie von Mainz aus betrachten, dem Mittelpunkt der Herrschaft der Römer in Deutschland. Von Mainz aus haben sie das rechtsrheinische Land erobert, von dort aus haben sie den Limes gebaut, dort lag die Generalreserve für die Kastelle des Okkupationsgebietes. D:e Lnnesanlagö ist nur zu begreifen, wenn man errät, was die Oberbefehlshaber der obergermanischen Truppen bannt gewollt haben. Die Arbeit, bie die Soldaten mit ber Erbauung der Straßen nnb ber Aufführung ber Grenz- befesngnngen geleistet haben, ist eine gewaltige; verbient "ber auch ber Plan ber Strategen, bie sie veranlaßten, innere Bewunberung? Wenn bie Römer gerabe Mainz zum' 1 i 1 s j i ( t 5 S ii b 6 ü Q d L b 1 6 b L Ö b 9 g v ‘3 L b n G <5 b 3 st d tt Ii 21 K 6 n ft z> w 483 Hauptwaffenplatz von Obergermanien gemacht haben, so muß dies darin seinen Grund haben, daß die einheimische Stedelung von Moguntiacum, die sie bei der Besetzung des Landes vorfanden, besonders zweckmäßig gewesen ist. Ties war offenbar schon früher die Stelle engster Berührung zwischen Galliern und Germanen. Ein uralter Weg führt von der Weser über Gießen, Butzbach und den Taunus nach dem Untermaintal, dort sich vereinigend mit der Straße, die von Thüringen her zwischen Rhön und Vogelsberg über Marköbel dem Rhein zuzieht, zwei Linien, denen die beiden Schienenstrecken Kassel—Frankfurt und Bebra—Frankfurt annähernd entsprechen. Jene genannten Wege also fanden die Römer vor und nur sie konnteu ihnen für ihre Operationen gegen die Chatten dienen. Fabricius unterscheidet in der Geschichte des röm. Mainz 3 Perioden, und zwar nach Maßgabe davon, ob sich das Reich bis zum Rhein oder darüber hinaus erstreckte: In der 1. Periode nach den: Scheitern des Vorstoßes bis zur Elbe bilden Rhein und Donau die Grenze von 9 n. Chr. bis zirka 70. Auf diese ist das Reich in der 3. Periode wiederum beschränkt; dagegen geht es in der 2. (Zeit der Flavier bis Gallienus 70—256) bis an den Limes, also bis tief nach Deutschland hinein. Während der 1. Periode bildeten 2 Legionen (12 000 Mann) und etwas Reiterei, dazu Hilfstruppen aus Nichtrömern, zusammen etwa 15 000 Mann, die Besatzung von Mainz; dazu kam dann noch eine Abteilung der Rheinflotte. Die südlichen Teile der obergermanischen Provinz deckten damals je 1 Legion in Straßburg und in Windisch (Schweiz). Zwischen diesen Hauptwaffenplätzen und bis zur Grenze von Obergermauieu am Vinxtbach (rheinabwärts von Andernach) waren Auxiliarabtcilungen in kleineren Kastellen untergebracht; so in Worms, Bingen, Andernach und anderen Lagern, deren Zahl und Lage nicht immer dieselbe war, da die Bewohner des rechten Rheinufers, gegen die sic errichtet waren, noch nicht durchweg seßhaft waren und ihre Sitze wechselten. Auf dem rechtsrheinischen Gebiet saßen fast nur Germanen. Einst gab es in Oberdeutschland blühende keltische Siedelungen, jetzt war das Land öde und verlassen. Daher kommt es, daß das Straßburger Lager lange unbesetzt blieb. Anders stand es mit unserer Gegend, wo die Mattiaker und Chatten die gefährlichsten Feinde der Römer waren. So wurde denn gegen sie die Grenze gegenüber dem Mainzer Legionslager über den Rhein hinübergeschoben bis Wiesbaden, Hofheim, Heddernheim als Außenposten der großen Festung, in und bei der während der ersten Periode die Hälfte des ober- germanischen Heeres lagen. Die Erfahrungen des Jahres 70, in dem die Chatten die Kastelle Wiesbaden und Hofheim zerstörten, über den Rhein drangen und Maiuz belagerten, veranlaßten eine Neuordnung des Grenzschutzes. Damals wurde die Straße vou Straßburg nach Rottweil a. Neckar gezogen, um die Truppenlager ont Rhein mit denen an der Donau zu verbinden; eine neue Legion in Straßbing und Kastelle deckten diese Linie. In den achtziger Jahren würde dann Mainz nut Augsburg direkt in Verbindung gesetzt durch eine Etappenstraße. — Eine solche Militürstraße nannten die Römer mit dem Fachausdruck „Limes —; diese tief vou Kastel aus über Kostheim, Groß-Gerau, Heidelberg, Cannstatt entsprechend der heutigen Bahnlinie über Göppingen, Urspring, Heidenheim nach Jaimingen an der Donau. Bon' den die Straße schützenden Forts war Groß-Gerau in dieser Periode besonders wichtig. Bedeutungsvoll für unsere Gegend war das Jahr 83, wo der Kaiser Domitian, der damals selber einen großen Feldzug gegen die Chatten stihrte, die Grenze vom Taunus hinüberverlegte bis zu den Vorhohen des Vogelsbergs und sie durch Erdkastelle und Wachtturme sichern ließ. Wie nämlich der Militärschriftsteller Frontin berichtet, griffen die Chatten zu Beginn dieses Krieges die römischen Truppen von ihren Schlupfwinkeln im Gebirge unversehens an, um sich ebeuso plötzlich und ungehindert wieder zurückzuziehen. Durch die Anlage von 180 Meilen „Limites" machte nun der römische Kaiser biefe germanischen Ueberfälle unmöglich und entblößte ihre Zufluchtsstätten. Auch hier sind unter Limites wiederum Militürstraßen zu verstehen, die sich strahlenförmig nach dem feindlichen Gebiet hin auseinanderzweigten. Was wir über die ältesten Wege unserer Gegend wissen, verdanken w.ix meist der Inn gen Forscherarbeit des Professors Wolff in Frairkfurt. Dieser hat drei verschiedene Straßensysteme in- und übereinander gefunden. Da ist 1. ein vorrömisches Wegenetz, dessen Hauptlinien schon erwähnt wurden, 2. ein frührömisches, das nur die strategischen Punkte, die Kastelle, verbindet, und 3. das spätere römische, das auf die inzwischen aufgeblühten bürgerlichen Niederlassungen Rücksicht nimmt. Die älteren Römerstraßen schließen sich an die Kiesstraße an, die von Kastel her parallel dein Taunus nach Butzbach zieht. Während aber der vorrömische Weg unmittelbar am Fuß des Taunus her läuft, führten die Römer den ihrigen mitten durch die Wetterau, weil die alte Völkerstraße vou den Taunushöhen beherrscht und daher durch die Germanen bedroht war. Die neue Straße würbe gedeckt durch die Kastelle Heddernheim, Okarben, Friedberg, vielleicht auch Arnsburg; von diesen Punkten gingen wiederum Seitenstraßen aus. Tie Anlage dieser großen Chaussee samt deu Kastellen erforderte die Heranziehung ungewöhnlich starker militärischer Kräfte, aber nur so konnte man hoffen, die Rheingrenze dauernd zu sichern. Dazu gehörte aber noch außerdem, daß man die Pässe. des Taunus besetzte, befestigte, mit Feldwachen belegte und untereinander verband. Nach Beendigung des Krieges überlieh man das besetzte Gebiet mit seinen Kastellen der Bewachung durch Auxiliartruppen. Sie waren gewissermaßen nur die Feldwachen, denen erforderlichenfalls mit größter Schnelligkeit die Linien- truppen der Mainzer Garnison auf den angelegten Limites zu Hülfe kommen konnten. In der gesicherten Verbindung von Mainz mit jeder Stelle des rechtsrheinischen Okku- pationsgebiet lag eben dessen wirksamster Schutz. Ob man damals schon die Grenzlinie selbst als Limes bezeichnete, ist nicht ausgemacht, später tat man es jeden-, falls. War so durch die Okkupation der Wetterau deck Chatten die Möglichkeit genommen, unversehens die Rheinlinie zu überschreiten und Mainz zu bedrohen, so galt es auch weiter flußabwärts durch Besetzung des rechten Users die Germanen von: Strom feruzuhalten. Deshalb biegt der Limes, nachdem er etwa vom Winterstein an ungefähr in südwestlicher Richtung über die Höhen des Taunus hingelaufen ist, bei Langenschwalbach nach Südwesten nnt und steigt, das Aar- und das Mühltal schneidend, die westlichen Taunusabhänge hinab zur Lahn, die er ein Stück oberhalb Ems trifft. Freilich au diesem Abschnitt ist nichts vou einer Reihe von stark befestigten Kastellen und von einem weitverzweigten römischen Straßennetz zu bemerken; ein Kastell, Marienfels, genügte in der domitianisch-Lrajauischen Zeit und was die Wege anlangt, so benutzten die Römer die Vorgefundenen, die sie höchstens stellenweise etwas ausführten. Der Rhein von Mainz bis Koblenz war nämlich von Natur vor Uebcrfüllen der Germanen von Norden her ziemlich sicher. Denn die zahlreichen, tiefeiugeschnittenen! Seitentäler, die von der Höhe des Taunus kommend die Abhänge in der Richtung nach Nordwesten durchschneiden, machen den Anmarsch an dieser Seite des Gebirges entlang fast unmöglich, und die hohen Talwände des Rheines in dein Abschnitt zwischen Mainz und Koblenz erschweren das Uebersetzen über bei: Flnß. Dazu kam, daß die von Nordosten nach Südwesten marschierenden Germanen von der Mainzer Garnison in der Flanke bedroht waren und von ihrer Rttckzugslinie abgeschnitten werden konnten. Umsomehr mußten aber die Römer ihre Aufmerksamkeit dem Grenzabschnitt nördlich der Lahnmündung zu- wendeu. Bon Koblenz ab nämlich weitet sich das vorher so enge Rheintal zu einer geräumigen Ebene, dem sog. Neuwieder Becken ititb die Legionen hatten, um vou Mainz hierher zu kommen, im Falle eines feindlichen Angriffes vier Tagemärsche zurückzulegen und zwar auf bem linken User, an bem allein eine römische Chaussee hcrlief, sodaß es leicht vorkommen konnte, daß sie den Rhein angesichts der Feinde überschreiten mußten. Gerade im Neuwieder Becken aber waren germanische Einfälle zu gewärtigen, in das aus dem inneren Deutschland uralte Völkerwege eiu- münden und Wo ein Uebergang über den Fluß leichter war. Nirgend sind daher die Auxiliarkastelle dichter gedrängt als hier. Mle jedoch hat man möglichst nahe am Rhein angelegt, um so im Falle der Gefahr die Vereinigung mit den Mainzer Legionen zu erleichtern. Die Grenze selbst wurde aber so gezogeu, daß alle Niedergänge vom Westerwald zum Rhein (Wiedtal, Sayntal usw.) gesperrt wurden; 484 von den Grenztürmen aus konnten durch Signale die Truppen der Kastelle benachrichtigt werden. War so die Provinz Obergermanien durch den Limes vom Main bis zur Nordgrenze am Vinxtbach hin nach Möglichkeit gesichert, so wurde noch am Ende desselben Jahrhunderts die Mainlinie von Großkrotzenburg (südlich von Hanau) bis Miltenberg durch die Neckarkastelle mit der Donaulinie verbunden. Alle diese Grenzfestnngen stützten sich auf Mainz und Straßburg als Hauplwaffenplätze. Tas ganze Erenzland stand unter der straff zentralisierten Mili- tärverwaliung, die der Höchstkommandierende in Mainz (legatus Augusti pro praetbre) leitete. Ihm persönlich war die Feldgendarmerie unterstellt, die sich aus besonders zuverlässigen Legionären zusammensetzte und ihre Stationen an den wichtigsten Straßenkreuzungen und an den aus dem feindlichen Land in das Reich einmüudenden Wegen hatte und u. a. auch die Besatzungen an der Grenze überwachte. Im zweiten und dritten Jahrhundert lockerte sich das enge Verhältnis von Mainz zuni Limes mehr und mehr. Dieses hatte unter Domitian und Trajan ausschließlich militärischen Zwecken gedient. Unter Hadrian wurde das anders. Auf ausdrücklichen Befehl dieses Kaisers wurden die großen Kastelle des Binnenlandes (Hofheim, Heddern- heini, Okarben, Friedberg) aufgegeben, dagegen die Cweuz- kastelle, die bisher nur aus Erdumwallungen bestanden, irr Stein aufgeführt, so z. B. die Saalburg, Marköbel, Großkrotzenburg. Der Limes hatte eben nicht mehr seine alte militärische Aufgabe; das zeigt sich auch an der Limesstrecke Miltenberg—Walldürn—Haghof (schwäbische Alb), die der Kaiser Antonius Pius als kerzengerade Linie, ohne Rücksicht auf das Gelände zu nehmen, ausführen ließ, indem er so eine neue Verbindung zwischen Main und Donau schuf. Hadrian aber hat außerdem „die ganze Reichsgrenze, wo sie nicht durch Flußufer, sondern durch Limites abgeschlossen war, mit Holzpallissaden gesperrt". Wodurch rechtfertigte sich denn nun diese Umgestaltung des Grenzschutzes? Die Germanen waren durch das seitherige Systemtat- süchlich der großen Angriffe entwöhnt worden; dieses also hatte seine Aufgabe durchaus erfüllt. Schon unter Hadrian scheinen nur noch kleinere Räubereien und Grenzverletzungen vorgekommen zu sein, und diesen sollte die Neuordnung der Verhältnisse abhelfen; es war weniger eine Grenz- verteid'rung an unserm Limes, als vielmehr eine Grenzpolizei. Eine Linie von ungeheurer Ausdehnung wurde überwacht von einem ganz auseinandergezogenen Truppenkordon, der wenig tatsächliche Widerstandskraft besaß. Auch " in dieser Zeit waren doch die Festungen Mainz und Straßburg der unentbehrliche Rückhalt, ohne sie hätte der Limes nicht lange gehalten werden können. Als im dritten Jahrhundert unter schwachen Kaisern die Wehrkraft des Reiches erlahmte, da drängten die germanischen Scharen zuerst in Raetien und dann auch in Obergermanien immer wieder über den. Limes. Was half es da, daß man in Raetien die Pallissaden durch eine Steinmauern ersetzte, daß man in Obergermanien hinter den llissaden her einen Spitzgraben legte (daher der Name , . fahlgraben"), daß man die Grenzbevölkerung militärisch organisierte, die Kastelle vermehrte und verstärkte? Auch einzelne Vorstöße, wie der des Kaisers Caracalla, vermochten die Germanen nicht zurückzuhalten und so wurde unter Gallienns' Regierung der obergermanische Limes gebrochen, fortan war wieder der Rhein die Grenze des Reiches. ___________ H. S. Für die Hausfrau. — Nene Sa late. Ebenso wie die „Künstler" und „Künstlerinnen", die für die mehr oder weniger geschmackvolle Entwickelung der Mode verantwortlich sind, geivöhnlich keine leichte Ausgabe haben, wenn es gilt, etwas Neues zu erfinden, so tostet cs Von „Chefs" in den fashionablen Hotels des Londoner Westendcs manchmal böse Kopfschmerzen, bis cs ihnen gelingt, den Gästen ein neues Gericht vorzusetzen, das allseitig Anklang findet, und das muh unbedingt geschehen, wenn der Name eines Nestauranls nicht verlieren soll. Die Leute müssen wissen, daß sie diese oder jene neue Speise nur da oder dort zu essen bekonnnen, denn sonst kommen sie nicht. In der gegenwärtigen warme» Sommcrperiode essen die meisten Menschen gern Salat, und das ist das Gebiet, auf welchem sich die Chefs der berühmten Restaurants und Hotels zurzeit den Rang abzulausen suchen. Ans den mcrkivürdigsten Dingen werden dieselben hergesteNt, denn den gewöhnlichen grünen Salat mag niemand mehr, den bekommt inan ja schließlich auch in jedem billigen Restaurant. In den vornehmen Hotels ißt man nur noch Bluinen- und Fruchtsalat. Der erstere wird aus den Blütenblättern der verschiedensten Blumenarteir gemacht und der andere aus Bananen, Orangen, Johannisbeeren und Erdbeeren. Die letzteren essen besonders die Amerikaner gern. Tann ist zurzeit ein japanischer Salat sehr beliebt, der unter dein Namen Salade Mikado in London sehr schnell bekannt geworden ist. Derselbe wird aus den Blättern von Roseuknospen gemacht und zwar werden diselben mit den Btütenblättern der weißen Nelke gemischt. Tie Blumen- und Fruchtsalale werden nicht mit Essig angemacht, sondern mit einer Kapernsauce, in die etwas Zitronensaft gemengt wird. Im Savoyhotel bekommt man einen Salat, der aus iveißen Herzkirschen bereitet wird, oder Salade d'amour, der aus Schlotter- äpseln gemacht ivird, dann Salade Jndienne, der bcsoiiders aus Reis besteht, rind Salade coloniale oder Salade savourite, aus Ananas, bezw. Bananen. VeVMZschltss. * Die Zahl der Selbstmörder belief sich nach der amtlichen „Etat. Korresp." im preußischen Staate wahrend des Jahres 1904 auf 7290, und zwar 5652 Manner und 1638 Frauen. Von 1900 bis 1904 schwankte die jährliche Zahl der Selbstmordfälle, auf 100 000 Lebende berechnet, insgesamt zwischen 20 und 21. Bei den Männern betrug sie 32—34, bei den Frauen zwischen 8 und 9. Der Selbstmord kommt also bei den Männern fast viermal so häufig vor, als bei den Frauen. Ueber die Beweggründe ist ermittelt worden, daß unzweifelhaft bei 1810 Selbstmördern, also bei mehr als einem Viertel, Geisteskrankheit vorlag. Als fernere Ursachen werden angegeben: Nervenkrankheit (190 Fälle), Geistesschwäche (79), Leidenschaften (222), Trauer und Kummer (775), Reue und Scham, Gewissensbisse (505), Aerger und Streit (132), körperliche Leiden (689), Alkoholismus (697). Unter den Fällen, in welchen der Alkoholismus als Ursache aufgeführt wird, sind diejenigen zufammengestellt, bei denen der Trunk nachweislich, direkt und hauptsächlich die Ursache bildete. Unter den übrigen aufgeführten Fällen, in welchen andere Ursachen genannt werden, spielt, wie eingehende Untersuchungen ergeben haben, der Mißbrauch geistiger Getränke als indirekte oder mitwirkende Ursache seine Rolle. Dies gilt besonders für die Geisteskrankheiten. Die Zahl der Selbstmorde, welche auf das Schuldkonto des Alkohols zu setzen sind, dürfte etwa ein Drittel betragen. * Ein Fliegen forscher will durch lange und mühevolle Versuche allen Ernstes folgendes statistische Faktum hcrausgefnn- den haben: Er sperrte 3000 Fliegen in ein Zimmer, in dem sich nichts Anknabberungsmögliches befand als ein Hut Zucker. Innerhalb sechs Tagen war keine Spur mehr von dem Zucker vorhanden. Danach kommt, sagt der große Gelehrte, auf eine Fliege dreizehn Hundertstel Pfund Zucker in vier Wochen, ungefähr 8 Pfg. Wert. In einem Hotel, fährt nun der Fliegenforscher fort, verkehrten in einer Saison ca. 13 Millionen Fliegen (Mahlzeit!). Auf jede Fliege kommen dabei 20 Pfg. Nahrung, also hatte er während des Sommers ca. 261000 Mark für Fliegenfutter auf sein Unkosten-Konto zu schreiben! — Dieser höchst komische Ernst scheint uns die beste Erklärung für die wahrhaft unverschämte» Preise mancher Hotels zu sein. LrLevKL'isches. — Die bei der Teutjche» BerlagS-Anstalt in Stuttgart in Lieferungen erscheinende Illustrierte Volksausgabe von S ch i l l e rs W c r k c n nähert sich ihrem Abschluß; die Lieferungen 47—52 enthalten die erste Hälfte des 4. (Schluß-)Bandcs, in dem die historischen Arbeiten vereinigt sind, und zivar finden ivir von diesen hier die „Geschichte des Abfalles der Niederlande", die dem jungen Dichter die Berufung an die Jenaer Universität eintrug und ihm die Anregung zu dem „Don Carlos" gab. Die Illustrationen rühren größtenteils von H. Knackfuß her. Logogriph. Nachdruck verboten. Feinschmecker lieben mich zärtlich, im Meere ist meine Heimat; Aenderst ein Zeichen du nur, sichst du bei Reisenden mich. M. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung dcs magischen Quadrats in voriger Nummer: A | D | R j A D | A | A j L R | A | ü | B A | L | B | E Redaktion: Ern» L>eß. — .Rotationsdruck und Verlag der Brühs'fchen Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen«