Mittwoch den 18. Juki 2-ivn'-"- j-V p WU H7MW ilM WU 4 MMA Der SLerzr. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Während die Mütter drinn' sich mit Tella Brandt beschäftigten, hatten die beiden jungen Mädchen auch von ihr gesprochen. „Deine Cousine ist wohl sehr stolz?" hatte Therese gefragt. „Ach, stolz? Nein, sie ist nur still. . . und dann so viel üben und arbeiten und das nicht . . . und jenes nicht ♦ ♦ . Maina macht riesig mit ihr her." „Ja, wenn mein Talent hat!" „Ach Gott, weißt du, mir wärs direkt langweilig. Bei allem, was man tut, nur daran denken zu muffen." „Lut sie das?" „Muß ja. Immer bedacht sein, daß der Stimme nichts schade ... die Mama ist darin geradezu eklig. Wenns ginge, sperrte sie sie in 'nen Glasschrank. Ich glaube, es ist ihr selber unangenehm!" „War sic immer so still und zurückhaltend?" „Ach, in Bernstadt gar nicht. Da war sie furchtbar lustig. Bis daun die Mama sie auf ihre ,höhere Mission' aufmerksam machte." „Du, das ist aber kolossal interessant." „Ja, und dann die Grafen GierSbcrg." „Wirkliche Grafen?" Höchste Neugier und Bewunderung drückte sich in der Frage aus. „Na, und ob? Ganz waschecht! Majoratsherr sogar!" „lind auch die andern beiden, Alfons und Karl Viktor ... sie waren auf Urlaub. Der eine Gardedragoncr, der zweite gerade nach dem Referendar. Und wie die bei Onkels eilt und ausgingen! Bald vorgefahren, bald vorgeritten! Und sie auch oft ins Schloß hinauf zur alten Gräfin. Gott, ich sage dir, feudal!" Lucie hatte das nach und nach erzählt. Anfangs in der trägen, schleppenden Manier, in der sie sich zu sprechen angewöhnt. Erst als sie die Erregung bemerkte, in die ihre Mitteilungen Therese versetzten, wurde auch sie etwas lebhafter. „Nein, weißt du, das ist ja einfach pyramidal! Drei Grafen l" „Ja, aber es sind doch Brüder." „Gott, für den Anfang ist das mehr als genug. Em Majoratsherr, ein Leutnant, ein Referendar, na hör mal, der liegt später mal der ganze Adel zu Füßen." „Glaubst du wirklich?" Lucies Phlegma schien er- schlittert. „Natürlicki! Laß sic erst mal öffentlich siuaen! Sich dir doch mal die Elton an . . . was hat die für Verhältnisse." „Pst . . . du ... ja ..." Beide blickten sich erschrocken an, dann aber lachten sie verschmitzt. „Du, meine Cousine, nee, die ist so zimperlich und..." „Das gibt sich!" „Meinst du wirklich?" „Ich wünschte, ich hätte ein Talent! Und wer weiß..." ihre Stimme sank zum Flüstern herab . . . „wer weiß, vielleicht gehe ich doch noch zum Theater." In diesem Augenblick waren die Mädchen abgerusen worden.. * Della Brandt war aus der Stunde heimgekehrt, die sie am Spätnachmittag beim Professor Ranzoni hatte. Unbekümmert um die eisige Luft und den Wind, der ihr die Schneekristalle ins Gesicht trieb, war sie vorwärts geschritten. Furchtlos durcheilte sie den einsamen Großen Garten, der so völlig verschneit war, daß man Weg und Steg kaum erkannte. Es machte ihr Vergnügen, über die blendend weißen Flüchen einherzuschrciten, auf denen die Eindrücke ihres Fußes sichtbar wurden, um rasch wieder verweht zu werden. Und so weich war der Pfad, als ginge man auf Eiderdaunen spazieren. Sic lachtc leise vor sich hin. Das kannte sic, das war ihr vertraut. So schneite es in ihrem heimatlichen Gebirgs- städtchcn. Sic hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß c8 auch in den Großstädten einen so schneeweißen, reinen, tüchtigen Winter geben könne. „Wie dumm von mir," schalt sie sich selbst. „Merkwürdig, daß ich mir einen Zu- sammenhang der Großstadt mit echter, unverfälschter Natur gar nicht recht denken kann." Und dann fragte sie sich im stillen, ob sie in den Wochen, in denen sie hier war, dies bemerkt habe, und halblaut murmelte sic vor sich hin: „Ach ja!" Plötzlich fiel ihr ein, daß sie in der kalten Luft nicht sprechen solle. Der Professor hatte es gesagt. Unwillkürlich hielt sic ihren Muff vor den Mund. Der Wind blies gar zu heftig und der Schleier hing voll kleiner, spitzer Cis-, körnchen. Das stach und pickte und blendete die Augen. Es war ihr aber nicht lästig, und wie in heiterem Erinnern zogen die heimatlichen Wintertage an ihr vorüber. Da scheute mau nicht zurück vor dem Schneewehen und dem lustigen, flockigen Treiben und tummelte sich jauchzend und Schneebälle werfend aut den Straßen umher oder lief hinaus aufs Feld. Hier traute sich niemand ins Freie. Ganz einsam und menschenleer war der Park, und sie merkte auch nicht, daß jemand hinter ihr her ging. Die dichte Schneedecke fing den Schall der Tritte auf wie ein weicher Teppich. Es war eine hohe Männergestalt, tief in einen Velz gehüllt, dessen Kragen ausgeschlaaen war. Der Hut 414 War schützend in die Stirn gezogen. Man konnte das Gesicht kaum sehen. An einer Biegung des Weges beschlen- nigte er seinen Schritt nnd beim Dnrchqneren eines Weges wurde sie ihn gewahr. Die Gestalt schien ihr bekannt. Einen Augenblick befiel es sie in leichtem Schrecken, aber sie war im Grunde ihres Herzens mutig. Air die Groß- stadtgefahren dachte sie nicht, weil sie sie nicht kannte. Doch ging sie jetzt rascher. Es war nun doch Zeit, nach Hause zu kommen. Und dann flößte es ihr wieder ein eigentümliches Gefühl ein, jemand so in der Nähe zu wissen, der lautlos hinter ihr Herzog wie ein — Gespenst. Sie lächelte, als ihr das durch den Sinn fuhr. Am Ende würde sie noch das Gruseln lernen. Und nun suchte sie eiliger vorwärts zu kommen. Die Erscheiitung machte feinen Versuch, sich ihr zu nähern. „Wie töricht, so davonzulaufen", sprach sie zu sich. „Die Wege gehören allen, merkwürdig genug, daß niemand sich in das Wetter hinauswagt. Der Garten ist auch im Winter entzückend, wie er da liegt in jung- fräulicher Reinheit." Diese Vorstellung weckte einen bestimmten Ideen gang in ihr. „Die Großstädter haben kein rechtes Gefühl für die Natur, aber sie haben dafür ihre Kunst." Und nun sah sie plötzlich die „Sixtina" vor sich, heilig und tein und mild, und jetzt wußte sie, wo sie die Gestalt schon gesehen, die ganz lantlos, wie schwebend ans weißen Federwolken hinter ihr Herzog. In atemloser Hast legte sie jetzt die Strecke zurück, die sie von ihrem Ziele trennte. Fast laufend langte sie an der Haustür an. Sie hatte nicht gewagt, rückwärts zu fchaueu. Nur, jetzt schon int Eingang der Tür stehend, blickte sie sich um. Niemand war zu sehen. Die Luft schien weiß. Immer dichter sank der Schnee herab. Lautlos! Als Adele eben aukam, öffnete Lueie ihr die Entreetür. „Na, du siehst ja wie ein Schneemamt aus!" Sie schüttelte die Flocken von sich ab, ehe sie den Paletot anszog und die Pelzkappe abnaym. „Kommst du von Ranzmii?" ",Die Stunde hat aber sehr lauge gedauert. Schade, daß du nicht früher kamst. Therese Streitmanu war da und auch sonst großer Kaffeeklatsch!" „Ich bin zu Fuß nach Haus gekommen." Sie waren bei diesen Worten ins Zimmer getreten. „Um des Himmels willen, bei dem Wetter, Kind!" „Ach, es war himmlisch, Tante! Wie bei uns daheim! Die hohen verschneiten Türme und Dächer . . . man konnte an die winterlichen Hügel denken, die Bernstadt umgeben, so aus der Entfernung. Der Garten sah aus wie in ein großes Leichentuch gehüllt, ganz feierlich und tot, aber nicht traurig." „Aber, Della, wie kannst du jetzt in den Abendstunden allein durch den Garten gehen? Wenn es auch noch nicht spät ist, es ist doch völlig dunkel. Das ist unpassend, und daun, wie leicht kannst du dich erkälten! Ich habe dir so oft gesagt, du sollst mit der Pferdebahn fahren. Die hält fast vor Ranzonis Haus und fährt bis cm unsere Straßenecke. Ich werde dich in Zukunft von Christine ab- holeu lassen, wenn du nicht folgst." Der Tadel klang recht liebevoll und war voll zärtlicher Besorgnis. „O, es war so schön, Taute, die weiße, stille Welt!" „Willst du Tee oder Kaffee? Du mußt etwas Warmes nehmen." „Mir ist gar nicht kalt. Im Gegenteil, sehr heiß ist mir!" Besorgt trat die Tante näher, sah ihr in das erglühte Gesicht und fragte: „Dellchen, du fieberst doch nicht etwa?" Sie ergriff ihre Hand. „Bewahre, Tantchen. Das kommt von der scharfen Luft. Das kenn' ich. In Bernstadt hatten wir immer ganz rote Köpfe,, wenn wir von draußen kamen." „Wer?" fragte Lueie. „Ich und Hans Hübner und Graf Viktor . . ." sie hielt plötzlich inne. „Wenn wir von der Eisbahn kamen oder von den beschneiten Feldern und..." „Haben beim Hübners auch int Schlosse Zutritt?" Sie sah die Fragende mit großen, verwunderten Blicken an, dann ließ sie sich am Tische nieder, an dem auch Mutter und Tochter während des Gespräches ihre Plätze wieder eingenommen hatten. „Zutritt, Tante?! Onkel Kreisphysikus war Hausarzt oben, und die liebe, güte Fran Doktorin und Hans, das waren gern gesehene Gäste. Grad so wie wir. Und Hans nnd Karl Viktor waren auf dem Gymnasium zusammen uub dann in Heidelberg während der Studienzeit, und wenn sie zu den Ferien nach Hause kamen, im Sommer oder Weihnachten, waren sie immer nnzertrennlich. Und Hans war so fleißig und tüchtig und ernst und hat aus Karl Viktor den besten Einfluß gehabt. Das hat die Frau Gräfin immer gesagt. Die beiden gehören zusammen." (Forts, f.) 157 Hage korsischer Wauömöcder. Erinnerungen an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.) Der Gerichtspräsident fixierte dann alles. Die Geschworenen zogen sich zurück, und auch ich mußte den Saal auf kurze Zeit verlassen. Dann wurde in meiner Abwesenheit die Entscheidung der Geschworenen verkündigt, und als ich den Saal wieder betrat, schoß es wie ein Kreuzfeuer von allen Ecken und Orten mit „ncquitte" mir zu, sodaß der Präsident, als ich aus der Anklagebank wieder Platz genommen hatte, zu seiner Umgebung trostlos sagte: „Er weiß ja schon alles". Daun wurde das Urteil verlesen, von dem ich nicht viel verstand, beim mit einem Male brachen brei Bänke mit furchtbarem Donnergetöse zu- sainmeu. Vollgestopft, wie ber Saal schon war, wollte jeder dem Schlußakte — meine Sache war auch die letzte der Schwurgerichtsperiode — beiwohnen. Alle Welt 6er Hinteren Reihen war deshalb auf die Bänke geklettert. Dann löste sich alles in Wohlgefallen auf. Der erste, der mir gratulierte, war der Hauptmann der Gendarmerie, und bcinii konnte ich mich vor. Händeschütteln und Gratulieren burch bett ganzen Saal kaum retten, trotzdem! der Gerichtspräsident, 'der eine stürmische Ovation fürchtete, verküitdet hatte, daß jeder, und wenn es die feinste Dame wäre, bei irgend welchen Beifallsäußerungen unweigerlich sofort eingesteckt würde. Auf deu Terrassen vor dem Palais de Justier standen Kopf an Kopf Tausende von Menschen, die ihren Beifall laut kundgaben; Soldaten mußten mir mit ihren Gewehrkolben Durchgang verschaffen, damit ich zu meinem Wagen, der unten auf mich wartete, zu einer letzten kürzen Wiederkehr ins Gefängnis gelangen konnte. §ier stopfte ich, so gut ober so schlecht es gehen wollte, alles in meinen Koffer, ber gepreßt und gebrückt sich enb- lich zuschließen ließ, unterschrieb schnellstens noch bie Konto- abrechnungeu, ohne sie zu prüfen, unb baükte bent Ches bes Gefängnisses mit einem Händebruck, baß er stets nett mit mir gewesen war. Er, auch erfreut über meine eub- liche Befreiung, wünschte mir glückstrahlend ein „A revoir!" bas ich natürlich nicht akzeptierte. Mein Bruber sagte mir später, ich hätte ihm bar auf entgegnen sollen „ä Berlin". Ich wollte aber bett Teufel nicht an die Wand malen. Dann ging es birekt ins Hotel be Franee, wo meine Brüber, meine Rechtsanwälte, de» Redakteur ber einzigeit freien korsischen Zeitung „A Trautuiitaita Jresea e Sana", bie als Wahlspruch „Pugno pro patria" führt, Sanlu Casanova, unb mich ein Abendessen vereinte. Tags darauf fand ich von einem Geschworeneu eine Gratulation vor: „Pierre Poletti, Professeur au Lyeße de Bastia est heureux d'avoir pn, d'aecord avee tous ses eolleques du jury, vous renbre votre libertä, votre famille et votre Patrie." Während das „Bastia Journal" mich noch mit Schmutz bewarf, und das berüchtigte Hetzblatt „Petit parisien" einen entstellenden Artikel brachte, berichtet Santu Casanova ab- schließeud am 18. Juni in seiner Zeitung wie folgt: „Die Geschworenen."*) Wir haben immer viel Vertrauen zur französischen Magistratur gehabt und insbesondere zur korsischen, da diese ja in einer von Salzwasser umspülten Insel lebt unb, wenn bas Salz totes Fleisch unversehrt erhält, so konserviert es noch besser lebeubes Fleisch. Nichtsbestoweniger hat ein Teil unserer Illusionen neulich Schiffbruch gelitten angesichts ber Szenen bes Schwurgerichtshofes nt ber Affäre Tiemanu. Dieser war angeklagt, am letzten 30. Dezember ut Ajacico einen Landsmann, Namens M., einen pensionierten Schulprofessor, ermordet zu haben. *) liebersetzt von Herrn Bojanowski. Ajaccio. 415 Die Anklageschrift enthält keinen einzigen ernsten Be- weksgrnnd gegen den Angeklagten. Es ist ein wahres Meisterwerk, dieses Schriftstück, das so zusammenhanglos ist, daß es nicht einmal dazu dienen könnte, die Unterhosen des Staatsanwalts von Ajaccio zu binden. Die Gründe, die den Schuldbeweis gegen T. erbringen sollten, sind die allermerkwürdigsten. 1. Am Abend des Mordes ist der Angeklagte die Treppe des Hotels etwas rasch heraufgestiegen. Das ist ein furchtbarer Beweis, der ihn auch ohne Prozeß verurteilt. 2. Während das Gericht den Tod Meyers einem Selbstmord zuschob, hat der Angeklagte das Gegenteil behauptet. Das ist ein anderer, ebenso wichtiger Beweis wie der erste. 3. T. ist der erste gewesen, der der Fran M. den tragischen Tod ihres Gemahls angezeigt hat. — Das ist ein anderes schweres Verbreche»! 4. Als der Polizeikommissar nach dem Hospice gegangen ist, um die Leiche in Augenschein zu nehmen, hat T. diesen Beamten begleitet, als er aber in die Gegen- tvart der Leiche gelangt ivar, ist er so bewegt gewesen, das; er angesichts des vom Blei zersetzten Gesichtes den Kopf abgewandt hat. Wenn auch er in Lachen ausgebrochen wäre, wie der Polizeikommifsar, so wäre seine Unschuld vielleicht ipso facto proklamiert worden! Aber eine solche Bewegtheit ist mehr als genügend, um den Gerichtshof zu, überzeugen! ' 5. Am 30. Dezember ist der Angeklagte nicht zum Frühstück gekommen. Das ist auch wieder ein Hauptbeweis. Allerdings hatte er den Abend vorher der Besitzerin des Hotels gesagt, er werde auf dem Lande frühstücken und hatte sich ein kaltes Dsjeuner bereiten lassen. Aber die Staatsanwaltschaft von Ajaccio hat diese Entschuldigung noch magerer befunden, wie sein Frühstück. 6. Der Angeklagte hat auf Französisch die Besitzerin des Hotels gefragt, ob sie Briefmarken habe. Diese hat die Frage aus Deutsch beantwortet. Daraufhin ist T. in sein Zimmer gegangen, ohne Briefmarken gekauft zu haben Vielleicht, wenn er welche gekauft hätte, wer weiß... 7. Ein- oder zweimal' hat der Angeklagte mit dem Ermordeten und Frl. 9)1. eine Partie Whist gespielt. Das genügt, um den Richtern die Ueberzeugung von seinen verbrecherischen Absichten zu geben! 8. Ain Abend des Mordes ist T. gegen 5 Uhr nach Hanse gekommen in einem zugeknöpften Ueberzieher. Wenn wir mitten im August gewesen wären, so tväre das- ganz natürlich gewesen. Eine solche Vorsicht aber, mitten im Winter, hat die Aufmerksamkeit des Herrn Hofer, des Hotelbesitzers, eriveckt. 9. Eines Tages hatte der Ermordete zu T. gesagt, einer seiner Freunde, Besitzer einer Kohlengrube, wäre vom Kaiser geadelt worden. Da also der Angeklagte wußte, daß Meyer mit so reichen Leuten in Verbindung stand, habe er ihn ermordet, überzeugt, bei ihm eine Börse voller Goldstücke zu finden! Das sind alles Belastungsgründe, die diesen Mann fast unter das Fallbeil Deiblcrs gebracht haben. Nach der Lektüre der Anklageschrift und nach den nichtssagenden Aussagen so vieler Zeugen, dachte man allgemein, der Staatsanwalt habe auf die Anklage verzichtet. Im Gegenteil hat aber Herr Angelt fortgefahren, seine blutdürstigen Katzenaugen auf die Maus zu heften, die vor Angst in der Mäuse- fallc hin und her sprang. Mit Talent und Energie von drei Advokaten verteidigt- ist der arme T. durch ein Wunder gerettet worden. (Schluß folgt.) Zur Kisenöayn-Kygiene. Von San.-Rat Dr. Hager, Bahnarzt in Magdeburg. (Nach einem Vortrag.) Zur Hygiene der Eisenbahnen gehört die Hygiene des Reisens; und ein Teil der Hygiene des Reisens ist das der Hygiene entsprechende Verhalten des Reisenden selbst mährend der Fahrt., Das Ideal aller der Veranstaltungen, welche lediglich die Fortbewegung der Menschen von einem Ort zum andern zum «weck haben, würde das sein, dem Fortzuschaffenden alle Be- auemlichkeiten eines Aufenthalts in einer hygienisch einwand- freien Häuslichkeit zuteil werden zu lassen. Von diesem Ideal bleibt, wie das ja in der Natur des Ideals liegt, die .Wirklichkeit auch beim Eisenbahnfähren immer in einer gewissen Entkernung; indessen auch ohiie daß man auf die Beschwerlichkeit der Reisen m früheren Jahrhunderten hinzuweisen braucht, ivird icder, welcher auf eine längere Spanne Lebenszeit zurückzuschaucn vermag, ohne weiteres zugeben, daß wir uns dem Ideal beträchtlich genähert haben und anerkennen, wie ungleich angenehmer und hygienischer das Reisen namentlich auf längeren Strecken sich gegen früher gestaltet hat. .... Ich möchte. die ärztliche Aufmerksamkeit heute auf einen untergeordneten Punkt des Verhaltens in den Eisenbahnwagen lenken, der, ich möchte sagen, mehr zu der feineren persönlichen Hygiene des Reisenden gehört. In dem Augenblick, wo der Reisende seinen Wagen besteigt und sich einen möglichst passenden Platz gesichert hat, pflegt bet vielen, die eine längere Reise machen, die nächste Sorge zu jein: „Wie kommst du am besten und leichtesten über diese Zeit der unfreiwilligen Ruhe nnb Arbeitslosigkeit in sitzender Stellung hinweg?" Und naturgemäß ist daun die Anschaffung einer passenden Reiselektüre das erste. In der besten Weise ist heute für eine solche an großen und sogar an manchen kleineren Stationen gesorgt: jedermann findet nicht nur seine Liebliugs- zeitung, an welche er sich gewöhnt hat; er findet auch andere passende und im Gegensatz zu früheren 'Zeiten auch immer eine in moralischer Beziehung einwandfreie Lektüre angeboteu. Ich .'sage „einwandfreie" nnd erkenne damit ausdrücklich an, daß die Eisenbahnbehörde in dieser Beziehung ihre Fürsorge walten läßt. Trotzdem ist der Punkt „Eisenbahn-Lektüre" derjenige, an welchen die kleine hygienische Bemerkung, die ich zu machen habe, anknüpft. Ist das anhaltende Lesen während einer Eisenbahnfahrt gesund? Wir dürfen anuehmen, daß die nicht vermeidlichen Schwankungen des Wagens während der Fährt immer minimale Schwankungen der zu lesenden Buchstaben mit sich bringen, und daß dies etwa denselben Effekt hat, als wenn man eine Zeitung liest, welche beim Druck sich verschoben hat, sodaß die Lettern durcheinander geraten und unleserlich geworden sind. Vielleicht sprechen bei normalsichtigen Individuen auch noch kleine Schwankungen der Akkomodatioustätigkeit des Auges auf die zu lesenden Buchstaben mit. Dementsprechend ermüdet das längere Lesen in der Eisenbahn die Augen mehr, als ein Lesen int Zimmer. Manche Reifende behaupten, überhaupt auf einer Fahrt nicht anhaltend lesen zu können. Ihnen allen werden ältere Kollegen, die Landärzte waren, bekannt fein, welche angaben, daß sie sich ihre Augen durch vieles Lesen im Fahren verdorben haben. Manche Eisenbahn-Reisende ziehen deshalb eine llnterhaltung mit ihren Gedanken oder auch mit ihren Mitreisenden vor; aber in letzterer Beziehung sind nur wenige so vom Glück begünstigt, daß sich ein geeigneter Gesprächsstoff findet, welcher alle Insassen oder wenigstens mehrere des Wagenabteils zu einer dauernden und angenehmen llnterhaltung veranlaßt. Es bleibt demnach immer für eine ganze Anzahl der Reisenden die Lektüre als ein Notbehelf. Vorteilhaft würde eine Lektüre erscheinen, welche eine häufigere Unterbrechung — gewisse Pausen — des Lesens erfordert und den Augen vom Buche hinweg eine andere Richtung zu geben geeignet ist, bei welcher auch die für Normalsichtige anzuuehmeuden kleinen Schwankungen int Akkomodationsapparat verbunden wären oder abwechselten mit einer zeitweisen Entspannung der Mkomodatiousäpparate durch Sehen in die Ferne. Dieser Ausgabe entspricht in glücklichster Weise, namentlich für längere Reisen und bei Tage, eine Art von Lektüre, die sich eine gründliche Beschreibung der durchzusährenden Gegenden nach geographischen, landschaftlichen, historischen und nationalökonomi- schen Gesichtspunkten zum Ziele gesetzt hat. Es sind die jüngst int Versag von Justus Perthes in Gotha erschienenen Bücher: „Rechts und links der Eisenbahn, neue Führer auf den Haupt- bahuen im Deutschen Reiche".*) Im Gegensatz zu größeren Reisebüchern legen diese Bücher den Hauptnachdruck auf die Beschreib- uug der durchfahrenen Strecke. Tie Reisewege bieten in unserem an landschaftlichen Mannigfaltigkeiten und geschichtlichen Teuk- würdigkeiteu glücklicherweise so reichen Vaterlande eine Fülle von Anregungen, und immer wieder ist der Lesende veranlaßt, für kürzere oder längere Zeit die Lektüre zu unterlassen, das Gelesene zu erwägen, seinen Gedanken oder seinen geschichtlichen Reminiszenzen, so weit dieselben reichen, Audienz zu geben, vor *) 65 Hefte mit je 2 Karten. Jedes Heft 50 Pf. Hcraus- gcgebcn von Prof. Paul Langhans unter Mitwirkung von H. Fischer-Berlin, Prof. Dr. Hahn-Königsberg i. Pr, Prof. Dr. Halbfaß-Neuhaldensleben, Prof. Dr. Hansen-Oldesloe, Dr. Lampe- Berlin, Prof. Dr. Langeubeck-Straßburg i. E, Dr. Leutz-Char- lottenburg, Prof. Dr. Ncnmnnn-Freiburg i. B, Pros. Dr. Oehl- maun-Linden, Geh. Reg.-Rat Pros. Dr Partsch-Leipzig, Prof. Dr. Regel-Würzburg, Dr. Schjeruiiig-Krotoschin, Prof. Dr Sievers-Gießen, Prof. Dr. Mc-Hallc und Dr. Zemnnuch- Plauen i. V. „Tie beigegebene Reisekarte (nach Vogels Meistcr- karte des Deutschen Reiches im Maßstab von 1:500 000) veranschaulicht die kräftig hcrvortreteude Bahulinie nebst ihren Anschlüssen und die Haltestellen der Schnell- und Peksouenzüge, zu beiden Seiten der Bahn das vom Wteilfenster ans sichtbare Gelände mit seiner Waldbedeckuiig. Eine besondere Karte de-- natürlichen Landschaften Deutschlands zeigt in großen Zügen die Eingliederung der Landschaft in die typischen Oberflächenformen unseres Vaterlandes." — 416 — allen Dingen auch die durchfahrene Strecke einer sorgfältigen Beobachtung zu unterziehen. Erfüllt somit keine Lektüre in so einfacher Weise wie diese das Postulat, die in Ermüdung begriffenen Augen z-u schonen und bei Normalsichtigen einer wechselnden Abspannung der Akkomodation der Augen zu dienen, so sind noch höher einzuschätzenl die ethischen Vorzüge, denen das Lesen dieser Bücher dient. Auf diese seien alle diejenigen verwiesen, die den ausgeführtcn oph- thalmohygienischen Gesichtspunkten keine größere Bedeutung beimessen möchten. Gehört doch die Ethik int weitesten Sinne auch zur Hygiene. An der Hand solcher Führer wird niemand in Zukunft blind durch unser schönes deutsches Vaterland reisen. Es wird nicht mehr vorkommen können, daß von allen Insassen eines Wagen- Abteils kein einziger weiß, wie der Fluß heißt, welcher uns fast eine Stunde lang auf unserer Fahrt begleitet; ob das Quellgebiet, welches wir soeben in großen Kurven und Tunnels passieren, zur Saale oder zum Main sein Wasser sendet; ob der Höhenrücken, den wir eben passieren, die Wasserscheide zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meere bildet; welche Rolle in der deutschen Geschichte jene Burg, deren Trümmerrestc von steilem Felsenhange auf uns herniederschauen, einst gespielt hat. Auch über Landbau, Industrie, alles geographisch, geologisch und volkswissenschaftlich Wissenswerte unterrichten uns dies: Bücher, und so geben sie auch dem Kreise der Insassen, die nicht gerade so glücklich sind, sich an der Lektüre zu beteiligen, oft ein willkommenes, anregendes und belehrendes Gesprächsthema. Unser deutsches Vaterland mit seiner so ruhmreichen und manchmal so verhängnisvollen Geschichte, seiner so verzwickten Staatenbildung beansprucht schon ein gewisses Sichhineinlebeu, um alles Gewordene richtig zu deuten und zu verstehen. Und derjenige, welcher seine Geschichte versteht, wird es um so mehr schätzen und lieben lernen. So dienen diese Bücher der Liebe zu deutschem Wesen, der Liebe zu unferm Vaterlande, welche eine Quelle alles Edlen und Guten ist. Wir Bahnärzte haben wahrlich allen Grund, so viel es uns niöglich ist, vom hygienischen und ethischen Standpunkt diese Bücher als Lektüre zu empfehlen, und so oft wir eine längere Reise machen, zunächst den anderen Mitreisenden mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Eisenbahnbuchhändler haben an der Verbreitung der Hefte kein allzugroßes Interesse, da sie an manchen andern Büchern und Zeitungen, die sie absetzen, wohl bessere Geschäfte machen Mögen. ___________ Diplomaten im Unterrock. Unter diesem Titel bespricht ein amerikanischer Schriftsteller in einer Zeitschrift die Rolle, die die Frauen in der Politik und insbesondere in der Diplomatie gespielt haben. Da sind zunächst jene Frauen von Diplomaten zu betrachten — sie sind gar nicht so selten, wie man glauben sollte — die, wie sie das Regiment im Hause führen, von ihren Gatten auch in deren Geschäfte eingeweiht und so ihre Mitwisserinnen und Mitarbeiterinnen werden. Man weih von Beispielen zu erzählen, wo die Frau Botschafterin in Wirklichkeit der eigentliche Botschafter war bezw. ist, und ein klassisches Beispiel aus der Vergangenheit ist in dieser Reihe das der Fürstin Dorothee Lieven, die für ihren Mann die Berichte schrieb, als er russischer Botschafter in London war. Ueber die Wirksamkeit dieser Frau ist allmählich eine ganze Literatur erstanden. Der Fürstin Lieven schrieb man einen Teil der Schuld an der Besiegung der Russen im Krimfeldzuge zu, weil sie den Zaren Nikolaus L, mit dem sie ständig korrespondierte, in dem Glauben bestärkt hatte, Napoleon III. werde es niemals zum Kriege kommen lassen. Sehr viel bedeutender ist die Einwirkung einer Anzahl gekrönter Frauen Europas auf den Gang der Politik während des letzten Jahrhunderts gewesen. Die Königinnen Viktoria von England, Luise von Dänemark, Sophie der Niederlande, die Kaiserin Eugense, die Zarin-Mutter von Rußland wären hier neben Anderen zu nennen, aber noch entziehen sich zu allermeist die von ihnen am Webstuhl der Geschichte gesponnenen Fäden der Erforschung. Much der Prinzessin Clementine von Kobnrg müßte unter dieser Rubrik gedacht werden, — die den bulgarischen Thron ihres Sohnes Ferdinand errichten und befestigen half. Daß es in Berlin nicht an Salons,fehlt, wo man des Nachmittags, zwischen zwei Tassen Tee,. politisiert und diplomatisiert, das kam jüngst bei der Verabschiedung des Herrn von Holstein zur Frage, dessen „Egeria" die Geheimrätin von Lebbin, namentlich von den ausländischen Diplomaten und von der, guter „Tips" bedürftigen Haute- Finance wie eine Herrscherin umschmeichelt wurde. Seit Gam- betta dem Salon der klugen, aber verschrobenen Madame Juliette Adam durch seine Anwesenheit die Weihe gab, bat man in Paris nichts mehr von einem politischen Salon von wirklicher Bedeutung, gehört. Dagegen ist es kein Geheimnis, daß an der Themse seit. der Thronbesteigung König Edwards VII. in den Hausern einiger, sehr vornehmer Damen, wie der Herzogin von D eponshire und derMarchioneßofLansdowne an entern Wende oft mehr Realpolitik getrieben wird, als in zehn Parlamentssitzungen. Ein weiteres amüsantes, stellenweise vielleicht auch ein Ivenig schlüpfriges Kapitel wäre schließlich den oft sehr verführerischen und von Haus aus auch sehr vor- uehmen Abenteuerinnen zu widmen, die als Spioninnen ihre Kräfte in den Dienst eines Staates stellen, um den Würdenträgern eines anderen Landes ihre Geheimnisse mit List und Liebe zu entlocken. Hier würde es am schwierigsten sein Märchen und Wahrheit zu entwirren. Was besonders in Frankreich über angebliche Spioninnen erzählt und geglaubt word.-n ist, die Bisinarck vor und nach dem Kriege in Paris unterhalben habe, gehört gewiß durchweg ins Reich der Fabel. Ungeheures Aufsehen erregte um 1880 der Fall des franz. Kriegsministers Generals de Cissey, der in die Netze einer solchen politischen Sirene, der Baronin von Kaulla, geriet. Aber daß diese skrupellose Schöne im Solde des vielgefürchteten Monsieur de Bismarck gestanden hätte, wie auch jener eingangs erwähnte amerikanische Autor jetzt den Franzosen nachschwätzt, ist niemals erwiesen worden. „Die russisch-b altisch e Fr ag e". Unter den jüngsten revolutionären Bewegungen in Rußland nehmen die Ereignisse in den russischen Ostseeprovinzen, neben denen in Polen, eine eigenartige Stellung ein: es treten hauptsächlich nationale Beweggründe in die Erscheinung. Ein Kenner der Verhältnisse, F. v. Wrangell, prüft nun im Juliheft von „Nord und Süd" (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt v. S. Schottlaenderh worauf diese Vorgänge zurückzuführen seien, indem er den Vorwurf, daß die deutschen Herren durch ihr Verhalten gegenüber der eingeborenen Bevölkerung die Schuld trügen, auf das richtige Maß beschränkt. Die Bedeutung der Deutschen in den baltischen Provinzen als Träger und Vermittler der Kultur ist vor allem im AUge zu behalten. — In demselben Hefte von „Nord und Süd" findet sich unter dem Titel: „Die zukünftige Entwicklung der Mittel- und Kleinstaaten im Deutschen R e i ch" ein Vorschlag, um die kleinsten Staatengcbilde des Deutschen Reiches durch Zusammenfassung in staats- und bet» waltungsrechtlicher Beziehung zu einer Anzahl größerer Gruppen zu, vereinigen und somit die bundesstaatliche Gliederung des Reiches zu vereinfachen. Das Heft ist mit dem Bildnisse „Gustaf af Geijerstams" geschmückt, und Kurt Walter Goldschmidt entwirft hierzu das literarische Charakterbild dieses skandinavischen Schriftstellers. Eine der stärksten Seiten Geijerstams bildet die Schilderung des Bauerncharakters; daneben hat er eine besonder: Vorliebe für die Darstellung von Kindern und Kinderszenen. —• Aus den „Handzeichnungen auf der deutschen Jahrhundert- Ausstellung" weiß Rudolf Klein manche interessanten Ergänzungen und vor allem auch Berichtigungen zu den kunstgeschichtlichen Ergebnissen der Hauptausstellung selbst zu gewinnen. —i Paul Zschorlich beschreibt die Eindrücke einer Reise „Auf Kor- s i k a", zunächst „in den Städten" (Ajaccio und Corte), dann „auf dem Lande". Der „Polit. Monatsbericht" ist wieder von dem Reichstagsabg. Dr. Hugo Böttger verfaßt. — „Das goldene Kalb", Verlag „Harmonie", Berlin W. 35, Preis brosch. 2 Mk. Bon diesem erfolgreichen Schauspiel des Franzosen Emile Fabre liegt heute die deutsche Buchausgabe vor. In großen Zügen gezeichnet gibt das Werk eine Schilderung des Tanzes um das goldene Kalb und zeigt die Gründung einer Hnndert-Millionen-Gesellschaft und deren Zusammenbruch. Mit ungewöhnlicher Kraft hat der Autor verstanden alle Personm des Stückes lebenswahr zu gestalten und so Bühnenwirkungen von außerordentlicher Plastik erreicht. Dmmantriitsel. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a bbeeceg'gg-hliiiioor r s n u derart einzutragcn, daß die ivagerechten Reihen Folgendes bedeuten : 1. Einen Buchstaben. 2. Einen Raubvogel. 3. Seeinäuische Bezeichnung. 4. Stadt in Amerika. 5. Nordische Gottheit. 6. Türkischen Ehrentitel. 7. Einen Buchstaben. Die senkrechte und ivagerechte Mittelreihe ergeben das Gleiche. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Alte Bäume lassen sich nicht biegen. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversitätS-Buck» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,