MU I"! M Montag den 18. Iu.nr ,$3ic im Glückseligkeit, strahlenden Men- e§, darin werden liebt nnd vertrau Und nun fort mi bist nun doch mein Sohn." „Meine liebe Mutter." darf, der auch aufgestandcn war, und zog herbei, bezaubernd in ihrer überströmenden Und Meta legte die Hände der beiden 1906 -' Bk. 88 Mittellose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. O (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er sagte denn auch, Mctas Verschwinden dankbar bemerkend: , . ,,®S wird nichts von alledem nötig sein, mein Kleines — aber ehe ich Dir das erkläre, möchte ich mir's doch etwas bequem machen." , Er mies lachend aus den Mantel, den er noch immer an hatte, und während er ihn ablegte, gewahrte Suse mit Schrecken, daß sie noch immer die Aermel hochgestreift hatte und die Spuren ihrer mehlbestaubten Arme sich deutlich auf dem roten Offizierskragen fanden. . Verlegen wollte sie ihren Anzug m Ordnung bringen, aber Trautcndorf duldete es nicht, sondern küßte ganz entzückt von diesem Zeugnis ihrer hausfraulichen Tätigkeit das letzte Stäubchen Mehl von den runden, rosigen Armen. Aiif deni kleinen lauschigen Ecksopha saßen fic dicht aneinander geschmiegt und der junge Offizier erzählte dem atemlos lauschenden Mädchen, daß sie über Nacht eine reiche Erbin geworden war und wie dieses Wunder sich zu- getragen. Und Suse flüsterte ein über das andere Mal: Er ivollte sich über ihre Hand neigen, aber sie nahm einen dunklen Kopf in ihre Hände und küßte ihn auf die Stirn. ,. In Siises Köpfchen war unterdes der Gedanke an die Schwester aiifgctaucht, die ahnungslos zu Hause ihren traurigen Grübeleien nachhing. Wie gab man ihr aui schnellsten Nachricht? Ach, Suse hätte Flügel haben mögen, um möglichst rasch an der Schwester Brust ihr Glück jubeln zn können. „Ruth! Was wird Ruth sagen?" Sie hing schon wieder am Arm des Geliebten und rieb wie ein schmeichelndes Kätzchen ihren Blondkopf an seincin Nockärmel. „Wollen wir zu ihr fahren, Liebstes?" „Ja, ach ja, das wäre zu schön — Muttchen, wir dürfen doch?" t v . Es kam so reizend zärtlich und kindlich aus dem jungen Munde, daß Frau von Brockhaus erschauernd in einem unbekannten Gefühl mütterlicher Wonne das liebliche Geschöpf m ihre Arme schloß. , Ja, Ihr dürft. Wir haben noch eine Siunde Zest bis zu Tisch — da könnt Ihr ganz bequem Ruth und die Bruder hierher holen — wir feiern dann die Verlobung tüchtig lauf, Sus, und zieh Dich rasch um." Das Mädchen flog zur Tür hinaus, jedoch nicht sofort in ihr Zimmer. Erst stürmte sie wie ein Wirbelwind in die Küche, faßte die erschrockene Ida um die dicke Taille und tanzte ein paarmal mit ihr herum. , „Jdachen, sehen Sie mich gilt an, so sieht eine Braut aus, eine rasend glückliche Braiik, und den Bräiitigam dürfen Sie sich dann auch ansehen. Sie werden Augen machen , schrie sie der etwas Schwerhörigen in die Ohren und diese sank, nachdem Snse sie freigelassen, nach Atem ringend, auf einen Küchenstuhl iind begann natürlich vor Rührung zu roLtn®§ ist gewiß der hübsche schwarze Oberleutnant, Fräulein Suse I" vermutete sie schluchzend, „von dem die Betty mw in N. schon erzählte, daß er hinter dem gnädigen Fraulem her wäre — wie ich den hier wiedersah, da hab' ich gleich an Sie gedacht, Fräulein Suse." Sie sind eine famose Person, Ida — Sie haben recht geraten, es ist wirklich der hübsche schwarze Oberleutnant." Ich ivünsch' auch viel, viel Glück, gnädiges Fraulem V sagte "die dicke Küchenfee, die Augen mit der blauen Schürze trocknend, „ich freu' mich ja schrecklich mit Ihnen — was ür ein hübsches Paar Sie sein werden. Sie so blond und er so schwarz — da werden Sie reizende Kinderchen haben." schen ineinander und sagte fast feierlich: „Werdet glücklich, Kinder, und bleibt wir unseren schönsten Lohn finden — und uns immer, was Euch auch treffen möge. der rührseligen Stimmung. Meine gute Mutter verzeiht nur s, wenn ich heute so recht von Herzen fröhlich mit Euch tun. Und nenne mich nicht länger mit dem steifen Sie, Fritz, Du Märchen, wie im Märchen I" Und dazwischen küßten sie sich. , Als die Tür sich endlich vorsichtig öffnete und Frau von Brockhaus lächelnd und bewegt eintrat, stürzte Suse auf sie zu und fiel ihr ungestüm um den Hals. Einzige, goldene Meta oder darf ich Muttchen zu Dir sagen? Was tut Ihr an mir? Das verdiene ich ja gar nicht. Aber ich will Dir's gewiß danken, so gut ich kann, wir ivollen Euch gute, folgsame Kinder sein und Euch so lieb haben, so lieb — nicht wahr, Fritz?" ... ~ Und von der Cousine hinweg eilte sie wieder zu Trauten- ihn an der Hand — 350 — »Aber Jda!" Erglühend ergriff Suse die Flucht, aber böse war sie der dicken Prophetin nicht. Eine Zukunft voll ungeahnten Glückes tat sich vor ihr auf. Sie schwindelte. Sie mußte sich in ihrem Zimmer einen Augenblick setzen, um sich zu fassen. Es waren dieselben Möbel, die damals in N. den Zusammenbruch ihres Glücks mit angesehen hatten, die hier noch Zeuge vieler heimlicher Tränen gewesen waren — Zeugen auch ihres trotzigen, zuversichtlichen Kämpfens ums Glück. Nun ihr die kräftigen kleinen Hände mutlos und matt in den Schoß gesunken waren, war ihr der Siegespreis mühelos zugefallen. Aber vielleicht wogen diese Monate müder Resignation schwerer als der tändelnde Kampf vorher, da sie ihres Glückes sicher. Nun war sie am Ziel. Ein heißes Dankgebet gegen Gott stieg aus ihrem jungen seligen Herzen. Dann kleidete sie sich rasch um. Bildhübsch in dem knappen, schwarzen Tuchkostüm, das Meta ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, stieg sie eine Viertelstunde darauf mit dem Geliebten in einen Wagen. Seine Blicke ließen denn auch nicht von ihr und manch Vorübergehender sah lächelnd auf das in ihr Glück versunkene Pärchen und dachte bei sich: „das ist gewiß ein zurückgekehrtcr Chinakrieger." Ganz verblüfft fuhren sie auf, als der Wagen vor dem wohlbekannten hohen Mietshause hielt. Die Fahrt war ihnen wie im Fluge vergangen. Ruth selbst öffnete auf ihr Klingeln die Tür. Sie erschrak so, daß ihre Hand nach dein kleinen Tischchen im Entree tastete, um sich daran festzuhalten. Im Moment konnte sie sich die Situation überhaupt nicht erklären — sie sah nur zerstört, was sie mühselig aufgebaut. „Oh Gott, Suse!" wär alles, was sich zur Begrüßung Wer ihre weißgewordenen Lippen rang. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie ans Suses konfusen Erklärungen, dre sie in abgebrochenen, sich überstürzenden Worten, am Halse der Schwester hängend, hervor- sprndelte, klug wurde. Trautendorf mischte sich schließlich lachend hinein. „Du bringst Deine Schwester ja um, Tollkops! IHv Muß ja hören und sehen vergehen bei dem, was Du alles in sie hineinschreist. Laß sie doch wenigstens los." Suse gehorchte, jedoch nur, um sich stürmisch an seine Brust zu werfen. „Du bist ja bloß eifersüchtig, Schatz' — ich darf nicht mal mehr meine Schwester umarmen — aber warte r— weißt Du noch, Ruth, wie ich früher mal behauptete, ich küßte meinen einstigen Bräutigam mal tot vor Liebe." Ruth nickte zustimmend. Sie erinnerte sich noch so gut enes Ausspruchs und des Abends, an dem er gefallen — ■ enes elenden peinvollen Abends. Wie die Leiertone win- elten: „Nur einmal blüht im Jahr der NW, nur einmal im Leben die Liebe." Es war nicht wahr. Ein Herz konnte noch eine zweite, schönere Blüte treiben, wenn die erste welken mußte. Aber warum konnte diese zweite nicht auch sterben? Warum quälte die Sehnsucht noch immer, die zermürbende, un? gestillte Sehnsucht? Warum mußte sie die Lippen fest zusammenbeißen, um einen neibvollen Schmerzensschrei zu ersticken, als der hübsche schlanke Offizier sich nun zu der Schwester niederbog und neckisch forderte: „Nun, Du kannst mit dem Totküssen immerhin anfanaen, Liebling", als sie mit ansehen Mußte, wie die Lippen der beiden sich fanden? Sie machte sich etwas an dem kleinen Schreibtisch zu schaffen, schob ein loses Blatt in die darauf liegende Leder- Mappe, um unauffällig ihren Mienen äußere Fassung, freudige Teilnahme aufzuzwingen. Sie hatte sich nie so vettelarm gefühlt tote in dieser Stunde. Das Kommen der beiden Brüder erlöste sie aus einer quälenden Situation. (Fortsetzung.)' 157 Hage korsischer Raubmörder. Eriimernngrn an Korsika. Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Na..,-nick erwünscht.) (Fortsetzung.) Ich bezweifle, daß der Raubmörder dort heräbge- kommen und die Salariostraße aufwärts gegangen ist. Wahrscheinlich wird er nicht die breite Fahrstraße gewählt haben, die, wie er wissen mußte, ihn an den Malern, die immer an derselben Stelle malten, vorbeiführte und häufig begangen wurde. Er konnte viel leichter über den einsamen Berg, von niemand gesehen, ivenn auch anfangs durch dick und dünn, nach „Frredrichsbrunn" resp. „Stecklenbergs entkommen. Der Sohn des Ermordeten, der schließlich in dep Schwurgcrichtssitzung erklärte, daß er mich nicht mehr für schuldig hielte, da ja kein Motiv vorläge, fügte hinzu, daß er dennoch Klaubte, daß ich in der Nähe gewesen wäre und seinen Vater aus Furcht vor der korsischen Bendettaj in Stich gelassen hätte. Er bedachte hierbei nicht, daß 1., wenn jemand in der Nähe gewesen wäre, der räuberische Anfall nicht gewagt worden wäre; 2. hätte ich sicher Hilfe herbeigerufen, wenn ich nicht gewagt hätte, selbst eiuzu- greifen; 3. wäre es wohl bequemer gewesen, das zu erzählen, was man gesehen hätte, als 157 Tage abzusitzen, um schließlich vielleicht zu lebenslänglicher Galeerenstrafej verurteilt zu werden; 4. würde ich kaum noch den Mut besessen haben, mit 500 Lire und einem Kreditbrief von 4500 Fr. bei mir eine Tour oben über die Berge zu machen/ denn, wäre ich dort überfallen, hätte kein "Hahn jemals nach mir gekräht. Ich wiederhole hier nochmals ausdrücklich, daß ich 1. überhaupt nicht gewußt habe, daß Direktor M. sich dort oben oder in der Gegend befand; 2. das Stöhnen oder Seufzen nicht gehört habe, andernfalls wären wir vielleicht weiter mit der Entdeckung des oder der Mörder und mir wäre die furchtbare 157tägige Gefangenschaft erspart geblieben. Interessant ist das Erlebnis des Barons V. h. L. an dem schrecklichen Tage. Er dürfte, sagen wir, 1/4 Stunde vor dem Direktor M. weggegangen sein. Vielleicht gegen 10 Uhr wurde der Baron in der Nähe der Kapelle Peraldt von einem Fremden von langer, hagerer Gestalt nach der Zeit gefragt. Der Baron trat einige Schritte zurück, zog seine Uhr und nannte die Zeit, um sich dann wieder umzukehren und weiter zu gehen. Er hörte den Fremden' folgen. Der Baron drehte sich wieder nm. Ter Fremde begann van dem schönen Wetter, dem milden Klima usw. zu sprechen. Der Baron bejahte dies kuH abfertigend, drehte sich wieder um und ging weiter. ’?('(§ er fernerhin die Schritte des Fremden hinter sich vernahm, wandte der Baron siH nochmals um, dit der Frage, ob man noch etwas von ihm Wunsche. Als er sich kurz nachher noch einmal wieder herumdrehte, wär der Fremde spurlos verschwunden. Das war um'10 Uhr und ungefähr um IO1/4, Uhr und bis 10.20 Vm. ist Direktor M. oben über der Kapelle Peraldt ermordet tvorden. Als um %11 Uhr der Sohn eines Villenbesitzers am großen Knick der Salariostraße mit seinem Hunde durch' den Garten ging, fuhr der Hund« am Ende des letzteren wie wild auf ein Gebüsch los, aus dem zwei Menschen schimpfend davonliefen. Diesen jungen Mann aus ganz unbedenklicher Familie hat der Untersuchungsrichter von 'Ajaccio mehrere Tage einsperren lassen. Ob Direktor M. auch von dem Fremden angeredet Wörden ist, ob letzterer ihn eingeladen hat, mit ihm den Berg hinaufzusteigen, oder Direktor M. gefolgt ist und ihn mit seinem Gespräche immer weiter hin auf gedrängt hat/ wird nie aufgeklärt werden. Wie ich hörte, ist in der Näh« des Toten sein ausgeschlagenes deutsch-französisches Taschenwörterbuch gefunden worden. Dies legt die Vermutung nahe, daß es ein französisch Sprechender war, mit dem er sich zN verständigen hatte. Vielleicht hat Direktor M. seinerzeit mein Tischgespräch mit dem Baron v. d. L. mit angehört, daß ich keme Lust hätte, mit dem Gymnasiasten Mannet spazieren zu gehen, da dieser einen Revolver, ich aber kein« Waffe trüge. Der Baron hatte darauf erwidert, der jung« Mann wäre ganz harmlos. Hierdurch, wie durch die Bemerkung im Bädecker, daß die öffentliche Sicherheit in Korsika für Fremde nirgends zu wünschen übrig lasse, hat 351 — sich der Direktor vielleicht bewogen gefühlt, um sich in der französischen Sprache sortzubilden, sich mit dem Fremden in eine Unterhaltung einzulassen. Die Gattin des Ermordeten hatte ihren Gemahl gewarnt, um keinen Preis in 'Ajaccio allein spazieren zu gehen, damit er nicht unter die Räuber fiele. Leider ist dieser Brief erst nach der Ermordung in Ajaccio eingetroffen. Ms ich am 30. Dezember gegen Va—3/i4 Uhr nachmittags in das Hotel Suisse zurückkehrte, fragte mich der Portier, ein netter Deutsch-Schweizer, ob ich Direktor M. nicht gesehen Hätte. Da ich infolge meiner Tagestour nicht wußte, daß der Direktor Zum Mittagessen nicht heimgekehrt War, maß ich der kurzen Anfrage keine große Bedeutung bei, sondern holte mir von meinem Zimmer Schreibgerät herunter, um unten im Lesezimmer an meinen Freund Hans Reidemeister des längeren unter Benutzung eines für andere ausgesetzten Brrefkonzeptes zu schreiben. Von der herrlichen Tour noch ganz entzückt, war ich in der angenehmsten Stimmung. Jenes Konzept handelte besonders von unserer Weihnachtsfeier und dem alten Herrn. Ws btiittt der Portier in das Lesezimmer trat und wieder nach ihm fragte, käM Mir diese wiederholte Frage eigentümlich vor, da ich noch immer nicht wußte, daß der Schuldirektor nicht zu 'mittag zurückgekommen war. Wie ich später aus den Verhören erfuhr, war diese zweite Anfrage im Auftrage des dänischen Fräulein M. erfolgt, welche, wenn ich nicht irre, von einem Spaziergang heimgekehrt war. IM übrigen Waren wir drei stets erst um 6 lthr zusammengekommen. Da der alte Herr vielleicht in der Stadt den längst gesuchten Schachpartner gefunden und sich mit ihm in eine Schachpartie verbissen hatte, so schmeichelte ich mir, daß er zum Abendessen, dem Diner, bestimmt wieder im Hotel sein würde. Ich hatte für ihn einen Zweig von einem Erd- beerbaum mitgebracht, den ich wegen seiner empfindlichen Früchte stundenlang sehr sorgfältig tragen mußte. Der Schuldirektor sollte letztere kosten. Meine erste Frage lvar daher, als der Platz des alten lieben Herrn beim Wendessen unbesetzt blieb, wo letzterer bliebe. Wenn er bereits am Mittage gefehlt hatte, so hätte man doch sofort nach ihm suchen müssen, denn selbst wenn er sich den Fuß verkippt oder gebrochen oder sich verletzt hatte, daß er nicht heimwärts kommen konnte, hätte man nicht darauf warten dürfen, bis ein Zufall half. Endlich rückte der Direktor des Hotels damit heraus, daß oben im Städtwaldchen ein Ausländer blutüberströmt tot aufgefunden wäre. Wir waren über diese Nachricht entsetzt. Man erging sich in allen Möglichen und unmöglichen Möglichkeiten, „Selbstmord" oder, ob der Schuldirektor einen Blutsturz bekommen hatte. Wer so schwer krank war er gar nicht. Ob er versucht hätte, eine Klippe Kl erklettern, dabei ab gerutscht wäre ,ünd sich die Schläfe durchschlagen hätte. Aber dort oben war nur die abgebrö'ckelte Mauer, die selbst ich nur Mit Hilfe des Gymnasiasten Manne:, der mich hochgezogen hatte, erklimmen konnte. Es blieb dairn nur die einzige Möglichkeit übrig, besonders nach der Schilderung des französischen Herrn Geiger, wie er den Toten ausgefunden hatte. Es mußte sich um einen Word handeln. Ich hcktte die traurige Kühnheit, das auszusprechen, was alle im tiefsten Innern fürchteten. Nun rückte der Baron auch mit feinem Erlebnis heraus und sagte, wenn es sich tatsächlich um einen Mord handelte, würde er sein Begegnis zu Protokoll geben. So gern man sich fite jede andere Möglichkeit auszusprechen suchte, was lag schließlich näher, als ein Raubmord. Wütendster Streit tobte tagelang, die letzten Tage auch stürmisches Wetter, sodaß die Fischer nicht ausfahren konnten; was Wunder, wenn einer von den vielen, die schon täglich von der Hand in den Münd lebten, jetzt jeden Erwerbes beraubt, sich auf diese Weise Brot verschafft hatte. Trotz allem wollte ich dennoch nicht an das Fürchterliche glauben, hieß es doch, daß wir Fremden nichts von Banditen zu fürchten hätten, wenn man in Korsika auch allgemein annimmt, daß die Fremden stets sehr reich sind. Ich bat den Polizeikommissar, dex nach der Tafel in das Hotel gekommen war, mit in das Hospice Eugenie gehen zu. dürfen, um glauben zu lernen, daß der liebe Gott es zugelassen hatte, daß diese lautere Christenseele auf so furchtbare Weise umaekommen war. Wegen meiner großen Kurzsichtigkeit hatte rch Doppelgläser, Klemmer und Brills aufgesetzt. In der Leichenkammer des Hospice stellte ich fest, daß an den Schuhsohlen nicht die geringsten Schrammen zu bemerken waren, eine Kletterpartie hatte Direktor M also nicht unternommen und war bei derselben nicht verunglückt. Ich bemerkte unten vorn am Halse eine rötliche Stelle und seitlich rechts an der Wange eine Blutstelle. Sollte der Unglücklich« vielleicht niedergeworfen, gewürgt und ihm mit einem Schüsse der Rest gegeben worden sein? Ich weiß nicht mehr, ob ich schon an jenem 'Wend, wo wir alle vor Schrecken ohne Besinnung waren, von den drei Schüssen sprach, die ich gehört hatte. Waren jene zwei roten Marken Schußwunden, so sehlte mir immer noch die Erklärung für den dritten Schuß. Ich habe erst später bei den Verhören als Zeuge vor dem Untersuchungsrichter gehört, wie sich wahrscheinlich der furchtbare Akt abgespielt hat. Mein Kondolenzbrief an die Witwe spricht nur von zwei Schüssen. Da ich nicht Sachverständiger tvar, diente mir die Besichtigung der Leiche zu nichts. Ich wünschte, daß sich der traurige Vorfall noch besiiedigend erklären würde. Da aber die Beamten geheimnisvollst hinter verschlossener Tür berieten und sich weigerten, mir, der ich wiederholt daraus drang, daß sofort die Familie Mi benachrichtigt würde, Genaueres mitMteilen, fürchtete ich, daß es sich doch um einen Mord handelte. Als auch der Hoteldirektor an letztere nicht sofort depeschieren wollte, und die Behörden bemerkten, dazu wäre morgen noch Zeit genug, beschloß ich, als meine Pflicht gegen den Landsmann, unter Zustimmung des dänischen Fräuleins M. und des Barons, selbst sofort, wenn auch' wider den Willen der Ajaccioer Behörden, das Nötige zu tun. Ich wußte, daß ich dadurch den Haß letzterer auf mich laden und, wie mir aus einer Schilderung: La chasse a l'homme. Policiers franyais et dötectives anglais (Biblio- thoque universelle et Revue Suisse 1899) von früher her bekannt war, mich durch die Benachrichtigung verdächtig' machen würde. Weder von Marseille, noch von Nizza- noch von Livorno gehen täglich Dampfer nach Korsika. Deshalb mußte die Familie schon jene Nacht Nachricht erhalten, damit ihre Wgesandteu Sonntag eintreffen konnten. Ich überlegte hin und her, Ivie bas Telegramm abgefaßt werden sollte, „Gemahl tödlich erkrankt" oder dergleichen wäre schlimmer als die direkte Todesnachricht gewesen, da ein Schwanken Krischen Hoffen und Wünschen fürchterlicher ist, als die fürchterlichste Nachricht. Unter das unabänderlich« Geschick beugt sich der Mensch, wenn auch gebrochenen Herzens. Fräulein M. regte an, daß ich auch der Witwe' ausführlicher schreiben mußte, da von den anwesenden Deutschen ich am längsten mit den Toten bekannt gewesen wäre und seinen liebevollen Charakter am besten kennen gelernt hätte. (Fortsetzung folgt.) Der Rasi-Rnmmel in Trapani. Um den wegen zahlreicher Unredlichkeiten im Amte verfolgten italienischen E^minister Nunzio Nasi hat inzwischen das gesamte von ihm verhätschelte und begünstigte Gesindel seiner Heimat und seines Wahlortes Trapani — und zum Gesindel gehören dort auch die Stadt- und Provinzvertreter, die sogenannten führenden Klassen, die Geschäftsleute, Advokaten und Cavalieri della Corona d'Jtalia — ihm zu Liebe eine unerhörte antinationale, aniimonarchischs und geradezu rebellische Kundgebung veranstaltet. Man beachte: Der oberste Gerichtshof hat, den klaren Vorschriften der Prozeßordnung gehorchend, die Erörterung des Kompetenzkonfliktes nur abgelehnt, weil der Angeklagte auf flüchtigem Fuße ist. Und deswegen ist ganz Trapani aus Rand und Band, beschimpft die Negierung und den König, besudelt die nationalen Fahnen und Wappenschilder, singt republikanische und anarchistische Lieder und bringt Hochrufe — — auf die Franzosen aus. Wenn man nicht an einen Massenwahnsinn glauben will, so muß man die Trapanesen in Masse für die be- sinnungs-, ehr- und gesetzlosesten Wichte Italiens halten. Man höre, was aus dieser Stadt, die den angeklagten Minister neuerdings fast einstimmig ins Parlament geschickt hat, berichtet wird: Am 7. d. Mts. zogen große Volkshaufen die Straßen unter Absingung der Anarchistenhymne und eines geschmacklosen Hymnus auf Nasi, sowie unter Pereatrufen gegen Giolitti, den Ministerpräsidenten, den Kassationshof, bfe — 352 — „Verfolger unsere« Deputierten' usw. Wo die johlenden Massen vorbeizogen, mußten die Laden geschlossen werden und inan zwang viele Personen, sich dem Zuge anzuschließen. Die Ortspresse, die im Solde Nasis war und jetzt in dem seiner Partei ist, hatte schon tags zuvor verlangt, daß der Gcincinderat zum Zeichen des Protestes zurücktrete. Dies wurde in einer Gemeindcratssitzung nach sehr heftigen streben beschlossen; das in Masse anwesende, sich wie unsinnig ge- bcrdende Publikum spendete lärmenden Beifall, verbrannte ein Bildnis des Königs (!) und nötigte den Magistrat, dessen Brozenbüste im Nathanssaale durch eine solche Nasis zu ersetzen. Eigenmächtig zerschlug inzwischen der Pöbel die Tafeln mit den Straßennamen „Vittorio Emcmuele", „Regina Elena«, „Prinzipessa Jolanda«, und taufte diese Straßen in „Via Nunzio Nasi«, „Emma Nasi", „Eimlw Nasi" um. Eine junge Eiche, die zur Erinnerung an die Geburt der ältesten Tochter des Königspaares gepflanzt war, wurde ausgerisscn und ins Meer geworfen. Warum auch die Via Torrcarsa ihren Namen wechseln mußte und zwar in den eines „Via Francese" (Französ. Straße") hätte die hirnlose Menge wohl selber nicht zu sagen gewußt. Auf die Mauern und die Bürgersteige dieser Straße wurde zu Dutzenden von Malen geschrieben: „Es lebe die französische RepublikI" Doch auch dies war den Querköpfen nicht genug. Wo man ein königliches Wappen erblickte: über den Regieläden, an den Amtsgebäuden, den Briefkästen usw., wurde es mit Kot beworfen und mit Kohle besudcldt. Dann zog ein Volkshaufe nach dem Hafen und erzivang die Nicderholung der dreifarbigen Flaggen auf den Schiffen. Der Kommandant eines Torpedobootes, an den man unter Geschrei und Drohungen das gleiche Ansinnen stellte, entschloß sich, die Taue loszumachcn und sich vom Kai zu entfernen. Nach dem Rücktritt der Stadtverordneten haben auch die sämtlichen Mitglieder der Handelskammer ihr Amt niedcrgelegt; die Provinzräte wollen angeblich dasselbe tun, die Inhaber von Orden und Ehrenzeichen ihre Dekorationen zurück- schicken (wird schwerlich ausgeführt werden, da der Italiener zum mindesten „Cavaliere" sein muß, um sich selbst zu achten). Es hat sich ein Ausschuß „hervorragender Bürger" alias Gauner in Glacä-Handschuhcn) gebildet, „um die Bewegung lebendig zu erhalten, bis Trapani Genugtuung empfängt". Ob man erwartet, daß die Regierung den Kassationshof hcimschickt, einen neuen, aus „hervorragenden Bürgen:" von Trapani bildet und ihm den Prozeß gegen den Exnunister anvcrtraut? Vermischtes. * Die Korktanne, das einzige Beispiel einer Konifere mit ausgesprochener Sorfrtttbe beginnt in Deutschland heimisch zu werden. Der bekannte deutsche Botaniker, C. A. Pur- pus, entdeckte diesen wuiiderbaren Baum —• eine Tanne nut silberweißer Bcoradelung, deren Stainm mid Neste mit schneeweißer bis rahmfarbiger Korkrinde bedeckt sind — nachdem er kurz ■ vorher auch von dem Amerikaner, Professor Hart Merriam bemerkt worden war, im Jahre 1900 im nördlichen Arizona in den San Francisco Mountains. Die charakteristische Rinde zeigt sich erst bei 1—2 Meter hohen Exemplaren: an jüngeren Bäumen sieht sie aus wie die Haut einer Schlange. Ain schönsteil ist sie an solchen Exemplaren, die Licht und Luft haben; bei alten hundertjährigen Bäumen wird die Rinde rissig und dunkelgrün. Dre Korktanue bevorzugt etwas feuchte Standorte und nndet sich hauptsächlich in den Schluchten auf der Nord- und Ostseite der Bergabhänge: sie geht bis zur alpinen Region, die bei etwa 3000 Meter liegt. In Deutschland wurde diese eigenartige Tanne zum ersten Male int Jahre 1900 durch ein von dem Botaniker Purpus mitgebrachtes Exemplar, sowie durch ebenfalls von ihm mitgcbrachten und an den botanisch cit Gartenin Darm - stadt gesandten Samen, verbreitet. Dort befindet fich noch das größte, etwa 1.50 Meter hohe, importierte Exemplar, das bereits die charakteristische Rinde zeigt. — Inzwischen hat die Taiine aber auch Eingang in die besseren Baumschulen gefunden, wo sie durch junge Pflanzen vertreten ist. Sie gedeiht bei uns vortrefflich, ohne an die Behandlung besondere Ansprüche zu stellen. Leider hat sie aber als Hochgebirgsraum die unangenehme Eigenschaft, in der Ebene zu früh auszutreiben, und infvlge- desseit werden nicht selten die jungen Triebe durch Spätfröste zerstört. Sie ist deshalb am geeignetsten für rauhere oder höher gelegene Gegenden mit nicht allzufrüh eintretender Vegetation. Die Rinde, welche die in Deutschland gezogenen Korktannen haben, ist vorläufig noch dünn und daher bis auf weiteres technisch von keiner besonderen Bedeutung. Sie wird bis jetzt meistens zur Herstellung von Schmuckgegenständen benutzt, für die sie sich allerdings als sehr wertvoll erweist. — Es dürfte sich aber doch lohnen, die Kultur der Korktanne auszudehnen und zu erweiterit, denn manche importierte Pflanze, die anfangs größere Schwierigkeiten bereitete, als die Korktanne, hat später außerordentlich lohnende Resultate geliefert. * Eine Familien-Chronik anzulegen, ist ein schöner und nachahmenswerter Brauch, denn ein derartiges Buch ist nur zu wohl geeignet, den Familiensinn, der ein kostbares! Gut unserer Nation bildet, zu pflegen und zu fördern. Es wäre sehr wünschenswert, wenn, wie schon die Adelsgeschlechter, so auch unsere bürgerlichen Familien aller wichtigsten Ereignisse im Familienkreise mit einigen Zeilen gedenken würden.. Welche unschätzbaren Fundgruben wären diese Familien-Chronikcn für kommende Geschlechter, die dadurch über ihre Vorfahren besser unterrichtet sind als wir, die nur selten Angaben über Angehörige weiter als bis auf den Großvater hinaus machen können. Solch eine Chronik hat auch einen hohen erzieherischen Wert, denn wohl jeder Sohn oder Enkel tvird mit Rühruitg in den vom Schimmer der Vergangenheit verklärten Aufzeichnungen blättern nnb kann daraus oft Lcbenserfahrttng, neuen Mut und neue Hofftrung zur Stärkung im Ringen ums Dasein schöpfen. Niemand sollte daher die geringe Mühe scheuen, die die Führung eines Familienbuches erfordert, beim da sich die Aufzeichnungen über viele Jahre erstrecken, erfordern sie im einzelnen nur eine ganz geringe Zeit, meistens nur einige Minuten. Selbst schon seit Jahrzehnten bestehende Familien müßten noch eine derartige Chronik anlegen, die mit etwaigen kleinen Lücken immer noch besser ist, als wenn gar keine Aufzeichnungen gemacht werden. Ne wh o r k, 15. Juni. Präsident R ooseve l t, der gegenwärtig ein Jahresgehalt von 50 000 Dollars bezieht, soll eine Zulage von 25 000 Dollars zur Bestreitung seiner Reiseunkosten erhalten. Der Präsident empfing im Weißen Hause eine Anzahl Zeitungsvertreter und legte ihnen dar, daß 25 000 Dollars nur gerade die Kosten seiner Reisen decken würden. Ter Präsident ist genötigt, auf jeder Reise zwei Detektivs, drei Vertreter der Preßvcrbände, einen Sekretär und einen Stenographen Mitzunehmen. Ferner ist es althergebrachte Sitte, daß im Wagen des Präsidenten Vorsorge für Besuche von Beamten und Zettungsberichterstattern getroffen ist. Teilweise werden die Kosten der Reisen des Präsidenten von Instituten bestritten, die ihn zu Besuchen einladen, wie beispielsweise das Carnegie- Institut in Pittsbnrg. Andere Institute jedoch, die den Besuch des Präsidenten erbitten, sind nicht in der Lage, die Kosten zu tragen und müssen deshalb vorläufig verzichten. Diesem unerfreulichen Zustand soll die Aufbesserung des Gehalts des Prast- denten abhelfen. Mnsiknrappe. — Das Geheimnis, weshalb R. W o hl f a hr t, N eue E lein e n t a r - K l a v i e r s ch u l e, op. 222, (Verlag von P. I. Tonger- Köln), einen nie dagewesenen Erfolg erzielte, beruht darin, daß der Verfasser, gleichbewährt als Fachmann wie als Pädagoge, noch dem Urteil hervorragender Klavierlehrer cs verstanden Hat, allen Anforderungen gerecht zu werden, d. h. jeder Lernende, ob er nun eine künstlerische Ausbildung erstrebt oder die zu erwerbende Fertigkeit in den Dienst der Hausmusik stellen will, findet eilte bis zur Mittelstufe führende solide musikalische, wie technische Grundlage. Vor einem Jahr erschien die 14. umgearbeitete und verbesserte Auflage (158 Seiten Großnotenformat, großer klarer Stich, holzfreies Papier, 4 Bünde je 1 Mk., m 1 Band broschiert 3 Mk., in Halbleder gebunden 4 Mk., tit Leinwand gebunden 4.50 Mk.). Im Sommer wurde bereits die 15. und im Herbst die 16. Auflage nötig. Gelegentlich der soeben zur Ausgabe gelangten 17. Auflage verfehlen wir nicht, alle Musikfreunde auf dieses Denkmal deutschen Fleißes und deutscher Gründlichkeit aufmerksam zu machen. Versteck-Rätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprickftvort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Edelstein — Kaffeebohnen — Angenärzte — Kriegerverei» - Reisetasche — Znndercrz — Dpcrusänger — Theekanue Bielhnser — Geldbörse — Assessor — Handarbeit — Heinrich — Botenfrau. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilder-Rätsels in voriger Nummer; Zorn ohne Macht wird verlacht. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Derlaa der Brübl'kcken Universitäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lange. Gießen.