1906 BBST W 4 M Im Nauue des Keöeinmtsses. Noinan von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten/ (Schluß.) 79. Kapitel. Herr Sinclair im Unrecht. Endlich, endlich in London! Werner wußte tatsächlich nicht, was er zunächst tun, wohin er sich wenden sollte; er war ungewiß, welchen Weg er in dieser Angelegenheit ein« Zuschlägen hätte. Endlich entschloß er sich, direkt zu Lord Waynes Stadtwohnung zu gehen. Der Wagen hielt vor dein großen stattlichen Tore. Der öffnende Diener war nicht wenig überrascht, als er Mr. Jefferies und bei ihm eine Dame in der Kutsche erblickte. Werner fragte sofort nach Lord Wayne. „Mylord ist zu Hause," versetzte der Mann, „aber er empfängt niemanden." „Er wirb mich empfangen," sagte Werner, „wenn Sie ihm sagen, daß ich hier bin und Neuigkeiten mitgebracht Als er nach Verlauf einiger Minuten in die Bibliothek gewiesen wurde, wo Lord Wayne allein und brütend saß, erkannte Werner ihn kaum wieder. Er sah auf, als Werner ins Zimmer trat, aber kein Lächeln kam in seine verstörten Züge. „Ich habe gute Neuigkeiten für Sie, Lord Wayne," begann Werner. „Lady Waynes guter Name ist gerettet!" „Es ist zu spät, als daß irgend etwas den guten Namen der Waynes noch retten könnte; es gibt keine Zeitung in London, die nicht irgend eine wahre oder falsche Mitteilung über diese Sache enthält. Ich bin bei jedem Advokaten von lsikr gewesen, aber keiner gibt mir auch nur die geringste Hoffnung, meine Gemahlin von dieser Anklage entlastei/zu können." „Sic wird entlastet werden, und zwar vollständig; denn ich habe die Person, die die Tat begangen hat, hier bei mir, hier im Hause!" Lord Wayne sprang empor. „Jst's wahr? Kanns wahr sein? O, Gott sei gelobt und gepriesen! Die Person, die die Tat begangen? ' Wer ist's? Sagen Sie mir's schnell — schnell — ich kann die Ungewißheit schlecht ertragen'" „Es ist ein junges Mädchen — um das Jack Jefferies gefreit, der er die Ehe versprochen, und die er dann ver- loffeii hat. Sie müssen Mitleid mit ihr haben, Lord Wayne; sie liebte ihn so sehr, daß sie, glaube ich, fast den Verstand verloren hat, als er sie verließ." „Nein, nein, icb kann ihr das Unrecht, das sic auf mich und die Meinen hat kommen lassen, nie verzeihen. Wo ist sie? Lassen Sie mich sie sehen." Werner öffnete die Tür des Vorzimmers, wo Betsy mittlerweile gewartet hatte. Doch kein Wort des Vorwurfes kam über Lord Waynes Lippen, als er das totblasse, verzweifelte Gesicht sah, dessen Jugendlichkeit und wilde Schönheit den Kontrast nur erhöhte. Sie sah auf, als er das Zimmer betrat. „Ich habe Jack Jefferies erschossen!" sagte sic einfach. „Armes Kind," murmelte er vor sich hin, „armes, unglückliches ftinb! Von Liebe zur Verzweiflung, von Verzweiflung zu Raserei tuib Morb getrieben!" „Ich hoffe, man wirb mich nicht lange mehr leben lasten," sagte sie leise, „ich bin bes Lebens inüdc." „Ist es Ihr Wunsch, sich als biefeS Mordes schuldig anzugeben?" fragte Lord Wayne ergriffen. . „Ja. Sie werden besser wissen, wie ich, was deshalb zu tun ist," erwiderte sie, „ich möchte nur, es iväre alles vorüber und ich wäre tot." Nach diesen wenigen Worten sprach sie nicht mehr. Still und regungslos saß sie da, unterdes Lord Wayne in aller Eile Herrn Sinclair holen ließ. Es würbe Lorb Wayne schwer, ganz und gar das Gefühl des Triumphes über den Geheimpolizisten zu unterdrücken. »Ich sagte Ihnen stets, Sie wären auf der falschen Spur, Herr Sinclair," sagte er stolz, als Werner seinen Bericht beendigt hatte, „aber Sir wollten mir nicht glauben» Ich sollte doch meinen, wenn jemand auch nur etwas ge- sunden Menschenverstand hätte, so hätte er einen derartigen Mißgriff nicht gemacht. Lady Wayne hätte ebensogut des Diebstahls wie eines Mordes angeklagt werden können." „Nun, nun, Mylord," unterbrach Herr Sinclair, „bei/ Schein war doch sehr stark gegen sie." „Ein geschickter Detektiv, meine ich, läßt sich nicht vom Scheine leiten," sagte Lord Wayne scharf. „Ich wenigstens werde nie etwas auf derartige Wahrscheinlichkeiten geben." „Ich auch nicht," dachte Herr Sinclair; „hätte ich doch schwören können, daß Mylady schuldig sei." Er war keineswegs boshaft und freute sich im Grunde genommen; aber der Umstand, daß er mit seinem berufsmäßigen Instinkt daneben gegriffen, machte ihn nicht gerade liebenswürdiger gegen seine junge Gefangene. „Wer erhebt diese Anklage gegen (Sie?" fragte er. „Niemand, ich bezichtige mich selbst," war die Erwiderung, und sie wiederholte ihm jede der uns bereits bekannten Einzelheiten des blutigen Dramas. „Sie scheinen sich nicht davor zu fürchten, schuldig befunden zu werden." bemerkte öerr Sinclair. — 742 — „Nein, ich möchte nur sterben, nicht leben,' erwiderte sie. »Der Wunsch wird Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach »rflillt werden können, Sie haben den richtigen Weg dafür ringeschlagen. Nur zu denken/ fügte er bedauernd bei, „daß der Revolver in Creeks Teich war, ungefähr das einzige Gewässer, das wir nicht durchsucht haben." Es war nicht schwierig, das Verfahren gegen Betsy Fenton rinzuleiten. Die Mordivaffe ivurde an der Stelle gefunden, die sie bezeichnet hatte, die Leute, die ihn ihr verkauft hatten, erkannten ihn wieder und bestätigten ihre Angaben, der Beweggrund der Tat war leicht verständlich — Eifersucht und Rache. Ebensowenig Schwierigkeiten bereitete es, Lady Waynes Freilassung zu bewirken. Lord Wayne bestand darauf, daß Werner ihr die Kunde ihrer Befreiung überbringen solle. „Es ist alles dein Werk," sagte er tiefgerührt. „Du hast den Faden aus diescin Labyrinth gefunden, hast die Frau, stie ich Gattin und du Mutter nennst, vor Schmach und Erniedrigung gerettet, hast sie in Wahrheit und Wirklichkeit vom Tode errettet!" Und zur Belohnung dafür sollte Werner ihr verkünden dürfen, daß das anscheinend so unwiderstehliche Beweismaterial gegen sie salsckDsei, daß sie frei sei. Wie sie ihm weinend um den Hals fiel, wie sie ihm dankte, das alles läßt sich besser denken als beschreiben. „Ach, wenn ich bedenke, daß du, mein Sohu, mich retten solltest!" rief sie ein über das andere Mal. „Du, den ich (o viele Jahre lang als tot betrauert habe!" — Herr Sinclair stand im Vorzimmer und machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er ehrerbietig bei Seite trat, um Lady Wayne vorbei zu lassen. „Ich bitte sehr um Entschuldigung, Mylady," sagte er; „es war ein berufsmäßiger Irrtum." „Hoffentlich nehmen Sie sich eine gute Lehre daraus," erwiderte sie, „im übrigen haben Sie Ihre Pflicht getan — dafür kann ich nieniandcn tadeln."-- Diesen selben Abend verbrachte Lady Wayne wieder in ihrem prächtigen Heiin in Gesellschaft ihres Gemahls und ihres Sohnes. Betsy Fenton brachte ihn schon in der Gefängniszelle zu. Sie sprachen viel über sie, sowohl vor, wie nach dem Verhöre. Sie war so jung, ihre Schönheit so wild, ihr ganzes Wesen so eigentümlich, ungezähmt und ursprünglich, und dabei war ihre Liebe zum Leben so ganz und gar geschwunden, ihr Verlangen nach dem Tode so groß und stark. „Jack ilt tot!" Das schien ihr Grund genug, sich auch den Tod zu wünschen. Die Verhandlung gegen Betsy Fenton wegen des vorsätzlichen Mordes au Jack Jefferies erregte Aufsehen., Es war wie ein merkwürdiger Roman — es fehlte an keinem der Elemente zu einer großen Tragödie. Das Einzige, was das große Publikum nicht verstand, war, wie nur Lady Wayne daran beteiligt war, warum man sie für schuldig gehalten, und ivas sie mit Jack Jefferies zu tun gehabt hatte. Es geschah im übrigen alles, was sich tun ließ, um Betsy zu retten. Der erste Advokat des Landes übernahm ihre Verteidigung. Ihre Unschuld beweisen zu wollen, war nutzlos — dafür war keine Aussicht vorhanden, ihr Schuldbekenntnis war zu deutlich gewesen. Ec tat also, was manche klugen Leute unter solchen Umständen tun, er stellte sie als geistesgestört hin. Es fanden sich Nachbarn in Menge, die, beeidigen konnten, daß sie immer ganz anders gewesen, wie andere Leute — wild, hitzig, rachsüchtig. Wieder andere beeidigten mancherlei Einzelheiten über ihre Mutter, und daß die Tochter einer solchen Halbwilden notwendig anders sein müsse, wie normale Menschen. Vielleicht auch rührten ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Verzweiflung; der Richter wenigstens resümierte nach den Plaidoyers sichtlich zu ihren Gunsten, und die Geschworenen erklärten sie für geistig gestört. Geistesgestört allerdings, wenn Eifersucht, wenn glühender Haß, wenn wildes Verlangen nach Rache, wenn vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Leben anderer geistige Störung genannt werden kann. Urteil: Lebenslänglicher Kerker. Alles war damit einverstanden. Niemand konnte sich denken, das Mädchen sei ganz bei Sinnen, und wenn es wirklich jemand dachte, so agte man doch nichts, was ein Mädchen von Neunzehn aus's Schaffott hätte bringen können. 80. Kapitel. Aylesford Manor. Die schreckliche Prüfung mar vorüber, und wieder war Lady Wayne daheim auf Kenninghall. Was mar der Preis, den sie für ihre Torheit und ihr Geheimnis bezahlte? An ihren Namen knüpfte sich, so lange sie lebte — und eine lange Reihe von Jahren mar ihr noch beschieden , eneS geheimnisvolle, nngreifbare Etwas, das man als Gerücht kennt. „Lady Wayne — ah! jawohl — ich erinnere mich. Man erzählte sich seinerzeit mal sehr Sonderbares von ihr; was mar es doch nur gleich?" Und die Antwort war dann: Es war so etwas von einem Morde; aber was e3 eigentlich war, ist mir nie so recht klar geworden. Niemand erfuhr überhaupt die ganze Geschichte. Es war eine Enttäuschung für Ihre Durchlaucht von Chisledon und Mistreß Isabel Wayne, als Lord und Lady Wayne zusammen nach Kenninghall zurückkehrten. , „Es kann doch wohl nicht wahr sein, daß sie^ wirklich des Mordes angeklagt gewesen ist," meinte die Herzogin; „sonst wäre sie doch sicher jetzt nicht wieder hier?" . Doch Mistreß Isabel versicherte ihr hoch und heilig, sie ei tatsächlich des Mordes an Jack Jefferies beschuldigt geivesen. , , „ , Dann, als die Geschichte von Betsy Fenton bekannt ward, teilte sich die Grafschaft in zwei Parteien — die eine erklärte, die ganze Geschichte mit Lady Wayne beruhe nur auf einem durch die Ungeschicklichkeit der Detektivs herbcr- geführten Irrtum, die andere Hälfte erklärte, daß gute Gründe für alle Gerüchte vorgelegen hätten, daß die ganze Geschichte aber vertuscht worden sei, >vie Geld, Rang und Einfluß eben alles vertuschen könnten. Das war der Preis, den Lady Wayne für ihr Geheimnis zahlte. Doch es war noch nicht alles. Ihr Gemahl, der sie so hingebend iiiid über alles geliebt imd ihr so unbeschränkt vertraut hatte, liebte sie zwar immer noch, vielleicht auch noch ebenso wie früher, aber ein Schatten war auf sein Leben gefallen, den keinerlei Bemühungen von ihr je völlig zu vertreiben vermochten. Er machte ihr nie auch nur den geringsten Vorivurf. Er gab nicht zu, daß das iinglückselige Thema in ihrer Gegenwart auch nur erwähnt wurde, er bezeigte ihr die aufrichtigste und ritterlichste Verehrung und Achtung, aber — der Schatten mar da. Zum ersten Male ruhte ein Makel auf dem Namen Wayne — ein Schatten lag zwischen Mann und Frau, den nichts jemals völlig verscheuchte. Und nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Mutter und Kindern. Sie bewahrten den liebend- sten Glauben, die größte Verehrung für sie; sie waren stolz auf sie; — aber dasselbe ungreifbare, undefinierbare Etwas verfolgte sie auch hier. Dann hatte sie noch das Spießriitenlaufen des Staiinens bei sämtlichen guten Freunden und Bekannten durchzumachen, denn Lord Wayne wollte von weiterer Verheimlichung und Verbergerei nichts inehr wissen. ' Im Verlauf einiger Wochen machte ein Artikel dis Riinde diirch die Zeitungen, worin in höchst diplomatischen Ausdrücken initgeteilt wurde, es sei noch nicht allgemein bekannt, daß der seinerzeit so tief betrauerte Staatsmann Edward Aylesford eine Witwe und einen Sohn hinterlassen, daß seine Witwe Lord Wayne auf Kenninghall geheiratet habe, und daß sein Sohn in aller Bälde die Aylesford'scheu Güter übernehmen würde. Sie hatte alles anzuhören, was jeder dazu sagte, hatte 743 — t dan ich mich nicht dichter zu ihrem Erben zu erklären. I, oaß M) micy NIchl üfiprrnirM. sie hr Sie war überrascht, als sie von der Verehelichung die Gräfin zu ihrem Gemahl gesagt, über Kenninghall gefallen, „natür- Elsies Glück zu sichern, Nomscy demütigen und mußte. „Natürlich," hatte als der Schatten zuerst lich, wenn sich wirklich etwas tatsächlich Unangenehmes Herausstellen sollte, so müssen wir Bald überreden, die Verlobung aufzuheben. Ich könnte nie meine Zustimmung dazu gebens daß er die Tochter einer Frau heiratet, die eine sogenannte Vergangenheit hat. Die Romseys müssen über jeden Makel, jeden Tadel erhaben dastehen." Und der Graf, obwohl er sehr ungewiß darüber war, wie sein Sohn unter solchen Umständen sich verhalten würde, stimmte doch seiner Gemahlin darin bei, daß in solchem Falle die Verlobung rückgängig gemacht werden ihres Bruders hörte. „Und doch and) wieder nicht überrascht", äußerte sie gegen Lady Wahne, „mein Bruder deutete etwas Derartiges rn seinem letzten Briefe an mich an. Jetzt verstehe ich, was er damals meinte." Werner Aylesford verließ Downham und siedelte nach Aylesford Manor als dessen zukünftiger Erbe und Herr über. Alles vollzog sich so natürlich und selbstverständlich, daß es keinerlei Skandal gab. Alles war sich darüber einig, daß Fortuna diesmal ausnahmsweise bei der Verteilung ihrer Gaben gerecht und klug zu Werke gegangen sei, 81. Kapitel. Licht und Schatten. Wer von uns kann sich, wenn er auf ein Leben von zwanzig, dreißig, vMzig, oder noch mehr Jahren zurückblickt, sagen, wir haben kein Leid, keinen Kummer gehabt? Denen, die dir und mir am liebsten, läutete vielleicht die Totenglocke. Krankheit, Kümmer und Verluste haben uns heimgesncht. Wir haben weinend ein stilles blasses Gesicht geküßt und haben gefühlt, daß der Sargdeckel, deF es uns auf immer verbarg, gleichzeitig auch den hellsten Sonnenschein unseres Lebens verdüsterte. Früher oder später müssen Leiden kommen. Die Seele ist kein Schmetterling, geschaffen, in Wärme und Tust einherzugaukeln, dann zu sterben, — durch Leiden, durch Ertragen gelangt sie zur Vollendung. Ebensowenig aber können wir bei einem Rückblick auch fernen, das Leben habe uns keine Freude geboten. Fröhlich haben die Glocken geläutet; wir haben den Myrthenkranz getragen, helläugige Kinder haben uns den Eltern-Namen gestammelt; Frieden und Glück haben wir im trauten Kreise unserer Häuslichkeit gesunden. Wenn wir uns den hohen Pforten der Ewigkeit nähern, so blicken wir auf abwechselnd Licht und Schatten zurück. So war es auch bei Lady Wayne. Ihr Geheimnis war nicht so schrecklich und verhängnisvoll in seinen Folgen, wie es hatte sein können. Ebensowenig entging sie aber auch den Folgen, wie sie einst gehofft hatte, es zu können. Ihr Leben war nicht ganz vernichtet, wie sie früher gefürchtet hatte, gleichwohl hatte sie einen hohen Preis für ihre Schwäche und Torheit zu zahlen. Wenn Lady Wayne, im vollen Glanz ihrer königlichen Schönheit, zu Bällen, Opern oder Festlichkeiten ging, so sagten die Leute: „Sie ist wunderbar schön, aber ihr Antlitz sieht traurig aus. Was war das doch mal für eine traurige, sonderbare Geschichte mit ihr?" Nicht länger war sie mehr Königin der Gesellschaft; ore Durchlaucht von Chisledon behauptete sich wieder siegreich auf ihrem Platze, und Lady Wayne gab nach. Sie konnte sich gegen eine Frau, auf deren gutem Rufe nie der Schatten gelastet, nicht fürder behaupten. Es kam noch ein Tag großen Glückes für sie, als ganz England, wie von Zaubermacht ergriffen, sich erhob, um ihrem Sohne, Werner Aylesford, Huldigung und Verehrung darzubringen; wo seine dichterischen Werke aus königlichem Munde höchstes Lob und Anerkennung erfuhren, wo alles mit einander wetteiferte, ihn zu ehren, wo englische Herzen ihn als König der lebenden Dichter proklamierten, — und seine Mutter war stolz auf ihn und sonnte sich in seinem Ruhme. < Es kam ein anderer Tag, voll Trauer und Kummer, wo sie mit Marian West an Kate Jefferies Sterbelager stand und Kate zu ihr sagte: „Ihr Geheimnis hat überaus schwer auf mir gelastet. Stur Gott, in den Tiefen Seiner Allwissenheit und Allbarmherzigkeit weiß, warum ich für das Unrecht, das Sie getan, so schwer habe leiden müssen. Ihr Geheimnis hat meinem einzigen Sohn das Leben gekostet — es hat mich auch meins gekostet —, aber ich will mich jetzt nicht darüber beklagen. Ich falte meine Hände und denke, was ich in dieser Welt nicht verstehe, das wird Gott mir in der andern klar machen." Tief beugte sich das goldene Haupt über das blasse Gesicht. Lady Wayne drückte ihre stolzen Lippen auf ine > weiße, feuchte Stirn. Sie waren die Güte selbst gegen Elsie während der wenigen Tage, die sie dort bei ihnen verweilte, aber sie machten Balduin gegenüber kein Hehl aus ihrem entschiedenen Wunsche, die Verlobung sofort aufgehoben zu sehen, falls wirklich etwas Unvorhergesehenes über die Waynes zutage käme. Es läßt sich denken, daß Lord St. Gilbert äußerst un- gkücklich war. Er lieble seine Eltern zärtlich, nie in feinem Leben hatte er ihren Wünschen zuwider gehandelt. Ter Gedanke, ihnen Kümmer zu bereiten, war ihm unerträglich; ebensowenig wußte er aber auch, wie er ohne Elsie leben sollte. , „ c Endlich faßte er sich Mut, ging geradeswegs zu Lord Mayne und schüttete ihm sein Herz aus. Lord Wayne hatte infolgedessen eine längere Unterredung mit seiner Gemahlin, die merkwürdig sanft und demütig geworden war. „Ich glaube", sagte er zum Schlüsse, „du solltest es tun, Evelyn. Ich sage nicht, du mußt es, aber ich meine, es ist nur billig und recht, daß du es tust." Welches Zwiegespräch zur Folge hatte, daß Lady Wayne anspannen ließ, nach Downham hinüberfuhr und eine lange Unterredung mit dem Grafen und der Gräfin hatte. Es wäre unrichtig, wollten wir sagen, daß sie sofort nachgegeben hätten. Sie hörten ihre Mitteilungen an und erwogen alles sehr ruhige Lord Romsey selbst war's, der die Frage entschied. „Tie Ehe war gültig", sagte er, „zwar unklug, heimlich, nichtsdestoweniger aber gültig. Bezüglich der Zweckmäßigkeit und Klugheit Ihres Verhaltens habe ich meine eigene Meinung, die zu äußern nicht meines Amtes ist. Jedenfalls ruht auf allem kein Makel, und ich bin somit Nicht berechtigt, der Heirat zwischen meinem Sohne und Ihrer Tochter meine Zustimmung zu versagen." Mit dieser zögernden Zustimmung mußte sie sich zufrieden geben. Es war eine große Demütigung für sie, aber das goldene Haupt, das sie einstens so hoch und stolz getragen, beugte sich jetzt ost. Hatte sie noch einen weiteren Preis zu zahlen? — Ten Noch, — daß sie nie wieder dasselbe Lächeln vollkommener Liebe, vollkommener Zufriedenheit und vollkommenen Glückes wie früher aus Marians Gesicht gewahrte. Marians Liebe hörte nie auf; doch das Vertrauen, die liebende Zufriedenheit waren daraus entschwunden, und Evelyn Lady Mayne wußte auch, warum; sie wußte, daß sie mit der Enthüllung ihrer ersten Heirat Marians Herzen eine unheilbare Wunde geschlagen. Es kostete keine große Mühe, Werners Ansprüche auf bie Aylesfordschen Güter zu begründen. Lord Wayne selbst tat die erforderlichen gesetzlichen Schritte. ,oe'"Ä I SÄ Äh».?“' - etwas nicht mit ihr, und du siehst nun, .... geirrt habe," pflegte letztere Dame triumphierend zu sagen. „Die ganze Wahrheit werden wir ja nie erfahren; aber für nichts und wieder nichts ist Mortimer's Haar nicht so grau und sein Gesicht nicht so ernst gegen früher geworden." Alles dies hatte Lady Wayne zu ertragen, und sie mußte eingestehen, daß ihre Strafe gerecht und verdient sei. Sie hatte die neugierigen und verwunderten Blicke einzustecken, die sie begrüßten, >vo und wann sie nur immer erschien; das schwerste jedoch von allem war, als sie, um sich vor dem Earl und vor der Gräfin diesen alles noch einmal erzählen — '744 — „Kate", Mmnelte sie kaum hörbar, „wollen Sie uiie vergeben'?" „Won ganzem Herzen", war dis Erwiderung. „A-ch ich habe Sie um Vergebung zu bitten. Ich habe Sie verraten, aber der Verlust meiues! cmziigen Sohnes hatte mich von Sinnen gebracht." Und die beiden Frauen küßten sich wie ihresgleichen int Angesichte des Allversöhners Tod. — Kate Jefferies liegt neben ihrem Sohne auf dem stillen Kirchhofe in Kenningsthorpe; das nette Häuschen und Gärtchen in Elton ist in andere Hände übergegangen, und das Andenken an die einfache Frau, die so viel erduldet, erlischt mehr und mehr. Und noch ein Tag höchsten, innigsten und strahlendsten Glückes kam für Lady Wayne, als sie ihre einzige Tochter mit Lord St. Gilbert, und ihren erstgeborenen Sohn, Werner Aylesford, mit Lilly Gizzard trauen sah. Bis zur Stunde erzählt man noch auf Kenninghall von dem Glanze dieser Doppel-Hochzeit — wie die Glocken festlich Und freudig von Kenningsthorpes Kirchturm läuteten; wie die Vögel' im Sonnenschein sangen, und die ganze Natur ihr fröhlichstes und festlichstes Gewand trug; wie großartig und prachtvoll das Schloß geschmückt war, und tote' vornehm die Trau-Gesellschaft war, die die alte Kirche füllte. Da stand Lord Wayne, ritterlich und stattlich; man sah in seinen freudestrahlenden Zügen keine Spur des vergangenen Kummers, nur leichte Silberfäden in dem vollen Haar kündeten den Eingeweihten davon. Da waren auch Lord Romfey und Geinahlin, beide gerührt und glücklich über das Glück ihres Sohnes. Da war auch Marian West, einfach und vornehm wie immer; ihr liebes gutes Gesicht trug noch Spuren von allem, was sie erduldet, und doch war es auch wieder das ruhige, zusiiedene Gesicht Eurer, die nach langen schweren Kämpfen Ruhe und Frieden gefunden hat. Lady Wayne hatte nie schöner ausgesehen, als am Tage dieser Doppelhochzeit ihrer Kinder. Ihr schönes Antlitz war ruhig, friedvoll urrd heiter, ihr edles goldenes Haupt hielt sie halbgesenkt in süßer, anmutvoller Demut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war ergreifend; ein Menschenkenner hätte eine ganze Geschichte darin gelesen. Die Bräute waren reizend und hold wie der Traum eines Dichters; und was ihre Erwählten betrifft, so wäre es wohl schwierig gewesen, ein Paar hübschere Männer zu finden, wie Lord St. Gilbert und Werner Aylesford —, jeder in seiner Art und Weise — waren. So — unter dem Schatten der Myrten und Rosen — wollen wir sie nunmehr verlassen. Für de» Weihnachtstisch. — Künstlerische Bilderbücher. Die graphischen Künste haben in den letzten Jahrzehnten ganz außerordentliches geleistet, um den Geschmack des Volkes zu heben. Aber auch „die Kunst int Leben des Kindes" ist nicht vernachlässigt worden. Ein rechter Pfadfinder auf diesem so nngentein wichtigen Gebiete wurde die Bilderbnchsirnra Jos. Scholz in Mainz. Sie hat in ihrer Art das ihre getan, dem alten Vorort dev „schwarzen Kunst", Mainz, zu neuem Ansehen zu verhelfen. Sie brach mit der alten Praktik, die den handwerksmäßigen Litho- grapheu als ausreichenden Künstler für die Bilderbücher der Kleinsten anfah und stellte mit großen Opfern eine Reihe der angesehensten Meister deS Pinsels und des Zeichenstifts in den Dienst der größeren Babys und der ABC-Schützen, treu der Uebcrzeugung, daß das Beste gerade genug sei für unsere Jugend. Auch die Bücher und Hefte, die sie diesmal wieder auf bett Weih- nachtsbüchermarkt bringt, beweisen, daß sie rüstig fortschreitet auf dem betretenen Wege und den Kindern wieder das zu bieten sucht, was ihretn Berstättdnis nahe liegt und dabei ihren Sinn für das Schölte fördert und etckwickelt. Wie prächtig, wie zweckentsprechend ist beispielAweise ihr Bilderbuch: „Backe, backe K u ch e n", Liebe Kinderreime mit Zeichnungen von Franz Jüttner, das in zwiefacher Ausstattung vorliegt, eütmal unzerreißbar auf Pappe (3 Mk.) für die Kleiitsten und dann auch auf Papier (ebenfalls 3 Mk.) für Kinder, bereit Händchen man schon eher ein Buch anvertrauen darf. — Als etwas ganz besonders Schönes und Eigenartiges begrüßen wir auch eine Folge von Kinderliedern unter dem Titel: „Kinbersang — Heimatklang". Die Serie ist vorzüglich und geschmackvoll ausgestattet, Titel und Vorsatzpapier sehr schön und wirksam. Aber der Wert dieses Buches wird gleich deutlich durch die Tatsache, daß Ern ft Liehe r m a n n, der ausgezeichnete, von echt deutschem Empfinden beseelte Zeichner, der besonders für' die Regungen der Kinber- seele ein feines Verständnis offenbart, den Bilderschmuck schuf, während Meister BernhardScholz, der hervorragende Frankfurter Tonkünstler, den Tonsatz nach dem alten, lieben Melodien lieferte. Es liegen zwei Bücher dieser Serie (jedes Buch 1 Mk.) vor, die auch in einem vereint (2 Mk.) zu haben sind. Von den beliebten Kvlorierbilderbüchern (jedes Heft 50 Psg.) sind auch wieder mehrere erschienen. Da ist ein Heft „Haustiere" von RichardScholz und dann sind zwei neue Landschaftsmalbücher .und ein Postkartenmalbuch von Altmeister Hans Thoma da. Wo ein deutscher Künstler dieses Ranges sich der Jugend widmet, da kann nur Gutes entstehen. I r e n e Ä r a u n ist die Zeichnerin zweier neuer Hefte, deren Eigenart darin besteht, daß die Gruppierung der Figuren und Gegenstände auf den aus- zumalenden Bildern anders ist, wie auf den sehr leicht gehaltenen Vorlagen, somit die kleinen Künstler auch noch Anregung zum Nachdenken finden. Die Scholz'schen Bilderbücher und Malhefte seien der Aufmerksamkeit aller Eltern bestens empfohlen. Weihnachtsliteratnr. ■— Kant und Goethe von Georg S i m m e l. (Die Kultur, hcrausgegeben von Cornelius Gurlitt. Band 10.) Mit 12 Vollbildern in Tonätzung. In Originaleinband 1,50 Mk. Verlag von Bard, Marquardt u. Co. in. Berlin W. 50. In Kant und Goethe werden die größten Träger der beider. Tendenzen gezeichnet, in die die Differenzierung der Nenze., die ursprüngliche Einheit des Lebens auseinandergelegt hat, d' wissenschaftliche und die künstlerische. Beide suchen jene Ein heit wiederzugewinnen, der eine durch Analyse und Grenzbcstir mung der Elemente von Welt und Seele, der andere dur die künstlerische Gestaltung, die in aller Erscheinung umnittelba allen Sinn und Wert des Daseins anschaulich macht. Ar. diesem Gegensatz werden die Einzelheiten der beiden Weltar schauungen und die Bedeutung entwickelt, die sie und ihre gegen, fettige Ergänzung ebenso für die Innerlichkeit des Lebens toi: für die objektive geistige Kultur besitzen. — Larsen, Karl, Poetische Reisen. Leipzig, Insel Verlag. 2 Bände ä 3,50 Mk. — Das erste Bändchen enthält Reisen in Deutschland und Rußland, das zweite solche in Spanien und Portugal. Wenn das Wort feinsinnig von den Grobsinuigen nicht so mißbraucht würde, so läge kein anderes zur Charakterisierung dieser Bücher näher. Sie verdanken ihre Entstehung den feinen Sinnen eines geistreia>eu Mannes, der überdies ein Dichter und begabter Künstler des Wortes ist. Karl Larsen gehört zu den Poeten, die in die Dinge mit verhaltenem Atem hineiulauschen, und. da gewinnt das Al! - täglichste, Vertrauteste und Bekamtteste wieder ein ganz neues und eigenartiges Aussehen, und es scheint, als wenn immer wieder eine neue Welt geboren würde. Der Jnselverlag hat die Bücher sehr geschmackvoll ausgestattet. — Eduard u n d T h e o d o r,_ die Geschichte zweier Buben in lustigen Versen erzählt von Carl Schüler, illustriert von Rud. Brauu. Verlag: D, Dreher & Co., Berlin L>W. 48 Preis 3 Mark. — Bor mir liegt ein Buch, dessen lustige^Verse und nicht minder lustige Bilder mir manches behagliche schmunzeln und manches lustige Lachen entlockt hat. Das Buch ist gleich „Max und Moritz" ein Kinderbuch, aber ich möchte den Erwachsenen sehen, auf den es nicht denselben vergnüglichen Einfluß ausübt, den ich an mir erprobt habe. „Eduard und Theodor" wird überall mit Jubel begrüßt werden. Rösselsprung. Nachdruck verbotcn. Auflösung in nächster Nummer. >>es man men nur len frönt Ivo nicht den inen von spricht ner nie ei schen stört ehe front mit ivor inig de ivert wer mensch ten freu da fei der freit de fit ist feit Auflösung des Arithmogriphs in voriger Stummer: Uelle, Elfer, Luise, Sulla, Ille, Ui, Saul, Ule, Eaul, Saale, AM, Luffa, Ast; Celsius, Upsala. Redaktion: Ernst Hetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unwersttäts-Buch- und Eteindruckeret. !R» Lange, Gießen,