1906 Samstag den 17. Wovember BUüi DWA «™l™ Zm Aanne des Heheinmiffes. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) »Es handelt sich nm das Fest, Kind. Du weißt gar nicht, Elsie, wie sehr dein Papa wünscht, daß alles gut, nein, vorzüglich arrangiert wird und ausfällt. Ich bin nun •— wie und warum iveiß ich nicht, — diesmal gar nicht disponiert. Es muß etwas nicht stimmen mit mir. Sonst und im all- gcmeincn fällt mir schnell etwas ein, komme ich schnell auf was Neues,' und ich habe ja bei allen unseren Gesellschaftsfesten noch etwas Originelles, Neues, Fesselndes erfinden können, was dieselben berühmt gemacht; aber heute scheint wir der Kopf wie leer. Ich habe mich vor dem Frühstück auch sehr erschreckt". „Worüber, Mama?" fragte Elsie und strich kosend über die weiche, weiße Hand. „Natürlich weiß ich, woher es gekommen, es kam jedenfalls von einem leichten, nervösen Kopfschmerz, der mich schon feit einigen Tagen belästigt; aber weißt du Elsie, alles Weiße, worauf ich sah, schien einen großen, roten Flecken in der Mitte zu haben I Zuerst war ich ganz bestürzt, nachher fiel mir aber ein, daß solche Täuschungen gewöhnlich von nervösen Kopfschmerzen berrühren". „Aber, liebste Mama," flüsterte Elsie zärtlich, „wenn du du dich nicht wohl fühlst, so sag' das Papa doch; laß Fest Fest sein; du weißt doch, daß ihm nichts auf Erden so teuer ist, wie du". „Wir müssen es doch nun einmal durchmachen; außerdem, krank bin ich gar nicht, Elsie; nur diese merkwürdige Benommenheit, dieser Truck, der mir ordentlich das klare Tenken zu lähmen scheint. Kannst du etwas angcben, Elsie, was unseren Gästen vielleicht noch von besonderem Reiz sein könnte?" „Ich bitte dich, Mama — Sonnenschein, Blumen, unser schöner Park und die Gärten und die köstliche, frische Frühlingsluft draußen — ist das denn noch nicht entzückend und reizend genug?" Mylady lächelte. „Dein Papa dachte an ein kleines Schützenfest mit Preisverteilung vor dem Diner, und nachher natürlich Ball". „O, das wäre entzückend, Mama! Wie kannst du denn nur noch da sitzen und dir den Kopf zerbrechen, wenn bereits ein so großartig schönes Programm aufgestellt ist! Tu wirst weiter gar keine Extra-Anmsements nötig haben, davon bin ich überzeugt". „Die Herzogin ist so wählerisch und anspruchsvoll", seufzte Mylady noch unschlüssig. „Tas bist du auch, Mama; was dir gefällt, muß ihr gefallen, darüber sei nur ganz ruhig", eiferte Elsie. Lady Waynes gespanntes Gesicht klärte sich auf. Im selben Augenblick klopfte es, rmd Myladys Zofe trat ein, einen silbernen Präsentierteller in der Hand. Ein Brief, etwas unsauber und zerknüllt aussehend, lag darauf' „Ein junger Mann hat dies vorhin abgegeben, Mylady; er wünschte, es möchte Ihnen sofort übergeben werden". Lady Wayne nahm das Schreiben mit leichtem Achselzucken über sein unsauberes Aeußere entgegen und legte es neben sich auf den prächtigen Toilettentisch. Kaum, daß sie nachher noch einmal daran dachte; es war jedenfalls von irgend einem Kaufmann, oder ein Bettelbrief, glaubte sie. Sic wollte es nachher erledigen. Eine andere Zofe erschien und meldete, die Pferde warteten, und Lord St. Gilbert ließe sich empfehlen und wünsche Nachricht, ob Miß Wayne vielleicht heute Morgen ausrciten wolle. Elsie sprang ganz bekümmert empor. „Ach, Mama, jetzt habe ich über unserm Beratschlagen ganz vergessen, daß Bald auf mich wartete; was soll ich tun?" „Mach schnell Toilette und sag ihm, es wäre alles nur meine Schuld", sagte Lady Wayne lächelnd und küßte ihre Tochter zum Abschiede auf die Stirn. Ein Lächeln — ach! schier das letzte in ihren: Leben, ein Lächeln, das ihre lieblichen Lippen halb öffnete und das Licht in ihren stolzen Augen vertiefte. Dann nahm sie ihre Grübelei wieder auf. Ja, ein Schützenfest, das war etwas ganz Neues. Sie wollte einen Preis stiften, und die jungen Damen sollten sämtlich eine nette Uniform tragen. Das würde sehr anziehend sein; es konnte gar nicht fehlen, der Erfolg war sicher. Dann erhob sich Mylady und betrachtete ihr schönes Gesicht im Spiegel. „Ich will eine Toilette von weißem Antique Moirö nehmen", sagte sie sich, „weiß, mit Gold". Ihr Blick fiel auf den unsaubern Brief; zum ersten male bemerkte sie, daß er einen starken Moschnsgeruch ausströmte, und wenn sic ein Parfüm mehr als ein anderes nicht leiden konnte, so war dies Moschus. Sie öffnete das Schreiben gleichgültig, sorglos. Es war der letzte sorgenlose Augenblick ihres Lebens. Sie las wie folgt: „Mylady Wayne! Vielleicht sind Sie erstaunt darüber, wer Ihnen schreibt. Es ist Jack Jefferies, und was ich Ihnen zu sagen habe, geht keinen Menschen an wie Sie. Ich muß Sie sehen, und zwar allein sehen. Nur, Mylady, bei allem, was Ihnen lieb — 678 ist, sagen Sie Miß West hiervon nichts. Die Sache, weswegen ich Sie sehen will, betrifft nämlich sie, »nd Sie würden es bis zmn letzten Augenblick Ihres Lebens bereuen, wenn Sie ihr etwas sagten — selbst wenn Sie nur andeuteten, daß Sie von mir gehört hätten. Wenn Sie Ihre Schwester lieben, oder ihr guter Name Ihnen lieb und wert ist, so schweigen Sie hierüber ganz still. Ich muß Sie allein sprechen, sofort; und da Ihr Haus, wie ich höre, voller Besuch ist, wäre es wohl besser, wir sprächen uns draußen. Vielleicht wird es Ihnen abends am besten passen. Ich schlage deshalb, wenn es Ihnen recht ist, vor, Sie an dein eisernen Törchen, das zu dem Busch führt, zu treffen, heute abend, kurz nach 10 Uhr. Verlassen Sie sich darauf, Mylady Wayne, kommen Sie nicht, so werden Sie es bereuen, so lange Sie leben, und andere werden Grund haben, es nach Ihrem Tode noch zu beklagen. Ihr untertänigster Diener Jack Jefferies." 45. Kapitel. Ein verhängnisvolles Geschenk. Die Vorbereitungen zu dem Feste aus Kenninghall waren vorüber, und sogar Lady Wayne mußte gestehen, daß alles vorzüglich gelungen war und einen großen Erfolg versprach. Isabel betrachtete alles mit aus Haß und Neid gemischten Gefühlen. Das Fest sollte am Mittwoch stattfinden und am Dienstag hatte Lady Wayne den bereits erwähnten Brief von Jack Jefferies erhalten, worin sie ersucht wurde, ihn an dem Türchen, das zum Busch führte, nach 10 Uhr abends zu treffen. Ihr Schrecken bei Empfang dieses Briefes läßt fich besser denken als beschreiben. Keine Ahnung des wahren Sachverhalts dämmerte ihr auf; sie hatte auch nicht den leisesten Verdacht, daß ihre Schwester sie getäuscht hatte. Von dem, was Marion für sie gelitten und ausgestau.den, daß sie seit langen Jahren die schwere Bürde allein getragen, wußte sie auch nicht das Mindeste. Sie sah aber klar genug, daß irgend etwas vorliegen müsse; kannte sie doch die menschliche Natur zur Genüge, unr bestimmt zu wissen, daß Jack Jefferies es nie gewagt hätte, in dieser Weise an sie zu schreiben, wenn er sich seiner Macht nicht vollständig bewußt und sicher gefühlt hätte. Hatte er doch beinahe vor ihr gezittert, war er doch linkisch, verlegen und scheu gewesen, fast zu blöde, um sie anzusprechen, und jetzt, in diesem Briefe, bat er nicht, nein, er befahl ihr fast, ihm ein Stelldichein zu bewilligen, und zwar zu einer Stunde, wo ein Dienstmädchen eine solche Aufforderung als Beleidigung ablehnen würde. Sie gab sich in dieser Beziehung also keinerlei Illusionen hin; sie betrachtete den Brief nicht als ein Produkt der Dummheit oder Anmaßung, wie andere vielleicht getan hätten; sie wußte, der Mann, der ihn geschrieben, hatte die Macht in seiner Hand und beabsichtigte auch, Gebrauch davon zu machen. Aber rätselhaft blieb die Sache doch. Ein Geheimnis, das Marian betraf! Marian, ihre liebevolle, mütterliche Schwester, deren Leben wie ein aufgeschlagenes Buch vor jedem lag — was konnte es nur sein? Nichts Unrechtes, des war sie sicher; die Schwester, die sie gerettet und beschirmt, die die ganze Last ihres Kummers auf sich genommen und getragen, hatte selbst keine solche Bürde. Konnte es sich um Geldangelegenheiten handeln? Marian hatte keinerlei geheimnisvolle Geld-Anlagen, aber selbst wenn dies doch der Fall wäre, was sollte Jack Jefferies davon wissen, und inwiefern gingen sie ihn an? Lady Wayne mochte denken und grübeln, was und wie sie wollte; sie konnte das. Geheimnis nicht enträtseln, sie fühlte nur, daß eine finstere, unheimliche Ahnung sie bedrückte, ein scharfer, fast unerträglicher Schmerz, ein Gefühl kommenden Unheils, das sich durch nichts verscheuchen ließ. „Ich muß hingehen", sagte sie sich. „Ich weiß nicht, wie es ist, aber Kch fürchte mich, abzulehnen. Ich muß hingehen." Ein oder zwei Mal kam ihr ein leichter Verdacht, daß vielleicht das Geheimnis von Abbotsville aus irgend welche merkwürdige Weise ans Licht gekommen sei. Sie entließ aber diesen Gedanken sofort wieder als Unwahrscheinlich; hatte denn nicht Marian, die die Wahrheit selbst war, ihr Leben als Pfand gesetzt, daß es sicher geborgen? Aber als Lady Wayne an diesem Abend sich zum Diner hinunterbegab, lag etwas in ihrem sonst so strahlenden Gesicht, das sehr ungewöhnlich war. Ihr Gemahl glaubte, daß die Vorbereitungen zu dem Feste sie ermüdet hätten. Marian glaubte, sie sei nicht recht in Stimmung — die Wahrheit erriet kein Mensch. Elfte war äußerst lustig und in bester Laune. Lord Wahne sah voll Stolz aus das schöne jugendliche Gesicht; mit freudigem Wohlgefallen lauschte er der klangvollen, biegsamen, frischen Stimme; seine Tochter war sein Abgott, sein alles, nächst seinem Weibe. Als das Diner vorüber und die ganze Familie sich im Gesellschaftszimmer versammelt hatte, sagte Mylord lächelnd: „Heute abend dulde ich kein langes Ausbleiben, wir müssen morgen llar und srisch aus den Augen sehen; niemand soll mir müde aussehen. Morgen ist für uns alle ein geschäftiger Tag." Elsie Wayne saß am Piano. Sie wandte nur lächelnd das Köpfchen zu ihrem Vater, um anzudeuten, daß sie recht gut früh aufstehen könne, wenn sie nur wolle. Algernon Wahne und Miß West waren eifrig bei einer Partie Schach, Lord und Lady Wayne saßen an einem großen Mitteltisch, worauf einige selten schöne Kupferstiche und Photographien lagen. Plötzlich erinnerte sich Lord Wayne, daß er etwas vergessen habe. Er erhob sich lächelnd, schritt hinaus und kehrte alsbald mit einem Maroquin-Kästchen in der Hand zurück. „Evelyn", sagte er, „hier habe ich ein Geschenk für dich; es ist schon heute morgen angekommen, aber ich habe es vergessen." „Du machst mir doch immer Geschenke", erwiderte fie,: „du bist ganz verschwenderisch darin, Mortimer. Sieh nur, Elsie sieht ordentlich eifersüchtig auf mich aus." Aber Elsie lächelte nur, als ob sie hätte sagen wollen, sie kenne jemanden, der ihr ebenfalls fortwährend mit Fremden Geschenke mache. Lord Wayne überreichte seiner Gemahlin das Kästchen; es trug den Namen eines bekannten Londoner Juweliers. „Hoffentlich gefällt es dir, Evelyn", sagte er; „es ist nach meiner eigenen Zeichnung und Idee gearbeitet." Cie öffnete es lächelnd und mit dem Gedanken, toie. gut und liebevoll er doch gegen sie sei. Dann stieß sie einen leisen Rus des Entzückens aus, denn es enthielt eins der schönsten Armbänder, die sie je gesehen. Es war aus mattem,: reinem Gold gemacht und mit wunderbar schönen Smaragden besetzt. Das Schloß war außerordentlich kunstvoll verziert, ein Meisterstück der Goldschmiedekunst, und darunter befand sich, sehr geschickt verborgen, ein lleines, ausgezeichnetes Porträt von Lord Wayne selbst. „Verstehst du das Geheimnis dieses Schlößchens anch, Evelyn?" fragte er, und sie verneinte lächelnd. Er beugte sich vor und drückte aus die kleine Feder daran. Es flog offen, und sie sah nun das Porträt, das tatsächlich ein Kunstwerk allerersten Ranges war. „O, Mortimer", rief sie, „wie schön, tote ähnlich!" „Es freut mich, daß ich schön bin in deinen Augen, Evelyn", erwiderte er lächelnd, denn trotzdem er bereits so lange verheiratet, hatte seine Liebe zu ihr nichts von der anfänglichen Zärtlichkeit und Innigkeit verloren. Er nahm ihr das Schmuckstück aus der Hand und befestigte es an ihrem Arme. „Laß mich sehen, wie es sich macht." Und dann küßte er den schönen, ihm entgegengestreckten Arm, aus dem das matte Gold sich vorzüglich abhob. „Dachte ich doch, es würde dir stehen", sagte er befriedigt. „Trage es heute abend, Evelyne, es gefällt mir sehr gut." „Algy", sagte Lady Wayne, „bitte, sieh dir dies kleine Porträt einmal an. Ich nenne es einfach vollendet." Algernon Wayne und Miß West erhoben sich beide vom Schachtisch und kamen heran, das Armband in Augenschein zu nehmen. Marians scharfe Augen bemerkten unter dem Porträt in kleinen Buchstcrben die Worte: „Derjenigen, die ich liebe."« und sie lächelte, als sie sie gewahrte. „Roch immer verliebt, Mortimer?" sagte sie. „Das bleibe ichp so lange ich lebe", erwiderte er Mit einem innigen Blick auf seine Gemahlin. Gefahr auch scheinen mochte, ach, wenn Marian sie doch nur könnte, wenn sie sie doch nur teilen könnte! Das kleine Tor, das zum Wäldchen führte, war am äußersten Ende der Lindenallee; zwei düstere Fohren standen wie Schildwachen an jeder Seite, und dort, sich räkelnd, eine Zigarre im Munde, stand Jack Jefferies. Er sah lächelnd, aber mit einem Grinsen unverschämten Triumphes auf, als die dunkle Gestalt auf ihn zuschritt. Das stolze Blut stieg Mylady heiß ins Gesicht, als sie diesen Blick sah und bemerkte, daß er keine Miene machte, den Hut zu lüsten oder die Zigarre zu entfernen. „Guten abend, Mylady", begann er ohne weiteres; „es freut mich, daß Sie gekommen sind — und zwar pünktlich, das muh ich sagen." „Sie sagten, die Angelegenheit, deretwillen Sie mich zu sprechen wünschten, sei von Wichtigkeit. Ich bin hier, um Ihre Mitteilungen anzuhören." „Das Klügste, was Sie tun konnten. Es geht Sie zwar nicht direkt an, aber Sie werden ebenfalls damit zu tun haben. Also, ich weiß ein Geheimnis, Lady Wayne, und dies Geheimnis betrifft Ihre Schwester." „Sie können nichts wissen, was zu ihren Ungunsten spräche", erwiderte sie stolz. „Ich kann mir gar nicht denken, wie Sie sich haben herausnehmen können, mich hierher zu bestellen, um über die Angelegenheiten meiner Schwester zu sprechen." Er lachte. „Ich habe bereits meinen Handel mit Ihrer Schwester gemacht, jetzt habe ich noch einen mit Ihnen zu machen." In ihren Augen lag die ganze Verachtung, die ihr Mund verschwieg. Sie löste den Schal, den sie um ihr Haupt geschlungen, um leichter die frische Nachtluft einatmen zu können; bei dieser Bewegung sah er ihre kostbaren Juwelen schimmern, sah den Glanz des smaragdbesetzten Armbands. „Wenn Sie klug sind", sagte er langsam, „und alles das, was Ihnen jetzt gehört, auch fernerhin genießen wollen, so werden Sie das, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, anhören —' anhören und beachten." Mieder stieg Lady Wayne das Blut heiß ins Gesicht über diese Unverschämtheit; sie beherrschte sich jedoch mit mächtiger Willenskrast und blieb ruhig und unbeweglich stehen. „Ich muß Sie ersuchen, Ihre Ausdrucksweise besser zu wählen; ich bin eine derartige Sprache nicht gewöhnt", sagte Lady Wayne stolz. 1 „Solche Neuigkeiten aber jedenfalls auch nicht", gab Jack zurück. „Ich habe Sie ersucht, Lady Wayne, hierhin zu kommen, weil ich dachte. Sie würden vielleicht laut schreien, wenn Sie hörten, was ich zu sagen habe; das würde Aussehen erregt haben, und das wollen <Äe vielleicht vermeiden." „Es kann mich doch nicht betreffen", erwiderte sie mit einen: unbehaglichen Gesühl der Verwunderung, was es wohl sein könnte. Jack senkte den Kops. Er besaß sogar die Höslichkeit, seinen Zigarrenstummel wegzuwerfen, jetzt, wo die Unterhaltung ernsthast geworden war. „Erschrecken Sie nur nicht", sagte er mit mehr lieber» leguug, als man ihm hätte zutrauen sollen. „Solche Sachen kommen massenhaft genug vor; nur Damen tote Sie wissen nichts davon. Wenden Sie sich nicht von mir weg, Mylady, als ob alle meine Worte Gift wären. Sie werden finden, daß ich wirklich tote ein guter Freund gegen Sie und die Ihrigen handele." „Ich wünsche", sagte sie stolz, „Sie kämen zur Sache und sagten mtr, warum Sie hier sind." „Das kann mit wenigen Worten geschehen", gab er zurück. „Es geschieht nur Ihretwegen, wenn ich sage, „kommen Sie näher und hören Sie zu. Ich glaube, Sie wollten nicht mal die Bäume und Vögel das hören lassen, was ich zu sagen habe." Sie vergaß ihren Stolz und beugte das goldschlim? mernde Haupt, um ihren Todesstreich zu erhalten. „Sie sind viele Jahre jünger wie Ihre Schwester", begann er zögernd, „und es läßt sich annehmen, daß Sie von den Geheimnissen ihres früheren Lebens nichts wissen.^ „Sie hat keine", war die ruhige Antwort. (Fortsetzung folgt). So kam es, daß jeder der im Ziminer Anwesenden das Armband sah und sich darüber äußerte — das verhängnisvolle Geschenk, das ein so unglückliches Glied in der großen Kette bilden sollte. Isabel Wayne selbst! drückte dte Feder wteder zu, als Lady Wayne das kostbare Kleinod wieder anlegte. Dann sah Mylady auf die kleine, juwelengeschmückte Uhr an ihrer Seite. Es fehlten nur noch fünf Minuten bis dem gegebenen Befehle nicht ungehorsam sein", sagte sie. „Ich habe noch mehrere Kleinigkeiten, die mich in Anspruch nehmen. Ich will jetzt gehen, Mortimer." t Als Lady Wayne sich erhob, war es das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch der Gesellschaft. „Algy raucht noch eine Zigarre bei mtr", sagte Lord Wayne; „aber wir werden nicht lange säumen. Evelyn, ich wüßte die Zeit nicht, wo du so blaß ausgesehen, tote heute abend, Liebste. Du mußt dich unbedingt schonen." Die Blässe war erklärlich, denn jetzt, wo die Stunde des Stelldicheins gekommen, empfand Mylady die tätlichste Angst vor den kommenden Enthüllungen. Sie verließ das warme, duftige Gesellschaftszimmer, wo Gemahl, Kinder und Freunde sie umgaben, und ging hinaus, um den Mann zu treffen, der seit Jahren alles daran gesetzt, ihr Geheimnis zu ergründen. 46. Kapitel. Die Zusammenkunft. Kenninghalls Linden standen still und stumm im blassen Mondlicht; jedes Blatt glänzte tote Silber, kein Zweig rührte sich. Die Vögel, die ihre Nester mitten in das grüne Gezweig gebaut, waren sämtlich verstummt — kein Gezwitscher, kein Laut war zu hören. Die Bäume bildeten einen Teil von Kenninghall, sie gehörten dazu, sie hatten seit langen Jahren dagestanden gleich riesigen Wächtern, dte Ehre des Hauses bewachend uttd schirmend. Hatte das Mondlicht sie verzaubert, daß sie so still und schweigsam dastanden, ohne das leiseste Geraschel in ihrem üppigen Blätterschmucke, als die stolze Gestalt jener schönen Frau unter ihnen daherschritt? Hatten sie Leben, Instinkt, Sinn, Verstand? Wußten sie, was diese Nacht dem großen Hause da bringen sollte, dem stolzen alten Adelssitze, den sie so gut, so still, so ernst und ungebeugt bewahrt und gehütet? Wer hätte es sagen können? Silbern überflutete sie das Mondlicht, bis sie aussahen, tote Bäume aus einem Zauberlande. Mylady hatte das Haus mit Furcht und Zittern verlassen. Sie hatte weder Zeit gehabt, die blitzenden Juwelen abzulegen, noch auch die reiche Abendtoilette zu wechseln. Sie hatte einfach einen schwarzen Schal über das K, goldig schimmernde Haupt geworfen und war durch tttge Glas-Galerie geeilt, die von ihren Zimmern zum Rosengarten führte. Zuerst war sie in ihr Kabinett gegangen, wo ihre Kammerzofe sie erwartete. Jeanette hatte sich darüber gewundert, warum ihre Herrin um diese Zeit an den Schrank gegangen und einen einfachen schwarzen Schal daraus genommen hatte. Dann fiel ihr ein, daß Lady Wayne aller Wahrscheinlichkeit nach sich noch einige der Vorbereitungen zum Feste draußen ansehen wolle. Sie begab sich also des weiteren Nachdenkens und nahm ihren französischen Roman wieder aus, worin sie durch das Erscheinen ihrer Dame unterbrochen worden war. Später, als auch die geringfügigste ihrer Handlungen bedeutungsvoll ward, erinnerten sich einige Dienstboten, der Herrin aus der Treppe begegnet zu sein, und sich noch darüber gewundert zu haben. Als sie die Glastür hinter sich schloß und auf den Rasen hinausschritt, bemächtigte sich der schönen Frau eine düstere Ahnung kommenden Unheils. Es schien ihr, als ob sie alles verlasse, was behaglich, sicher und treu tvar, Und etwas Schrecklichem entgegengehe. Sie sah zu den Fenstern des Hauses empor. Aus einigen strahlte warmes, helles Licht, andere waren in Dunkelheit gehüllt. Aus dem Fenster von Marians Zimmer kam ein stetiges, helles Licht, und ihr Herz sehnte sich schmerzlich dahin. Wie geringfügig diese unbekannte — K80 — Greta Bickelhaupt, Rege un Snnneschot. Gedichte und Geschichten aus dem Odenwald. Gießen, Verlag von Emil Roth, 1906. kl. 6°, 153 Seiten. Br, Mk. 1, eleg. geb. Mk. 1.50. Mit einem wahren Schatzkästlein mundartlicher Erzeugnisse hat uns Fräulein Greta Bickelhaupt, Jnstitutsvor- steherin in Erbach i. O., durch obiges Buch beschenkt, an dem sich jung und alt erfreuen wird. Selbst eine Oden- wülderin, beherrscht die Verfasserin die Sprache des Volkes mit großer Gewandtheit und dank ihrer feinen Beobachtungsgabe läßt sie in ihren Gedichten und Prosastücken klare Blicke in das Odenwälder Volksleben tun. Das Denken, Fühlen und Treiben eines biederen Volkes wird uns in anschaulicher Weise vor die Augen geführt. Und was uns erzählt wird, stützt sich meist auf wirkliche, teilweise selbsterlebte Vorkommnisse, wodurch dem Büchelchen ein eigener Wert zukommt. Lebenswahre, greifbare Gestalten treten uns in den männlichen und weiblichen Charakteren entgegen, die die Verfasserin in seltener Weise zu zeichnen versteht, und gerade hierin liegt ihre Hauptstärke. — Echte Heimatliebe drückt sich in dem hübschen Gedichte „Erbach" aus. Eine Reihe von Gedichten bergen in echtem Volkston geschrieben den köstlichsten Humor. Einige wenige mögen angeführt werden: „'s Echo", „Falsche Berechnung", „Der widder- gfuune Aeisel", „Noutfchrai", „St. Amorsbrunn", „'s Fuhrwerk", „Die schwarz Kranket" und „Wie em Jergpäider soi Fraa e Gräfin gspielt hot." In ihnen ist so recht der volkstümliche Ton getroffen. Ungezwungene Heiterkeit bewirken falsch verstandene Wörter in den originellen Stücken „Die Kieh-Lung", „Dito", „Die net Kur" und „Fremdwörter". Bäuerlichen Geiz geißelt „E nowler Freund". Ergötzliche Schulerlebnisse werden in einigen Gedichten festgehalten, von denen eines hier Platz finden möge: Mausoleum. „Wer kann mer wott noch sage, Was Mansoleum is?" Son sroegl heil der Herr Lehrer. „Ehr wißt's doch all gewiß? No Hannes, do sag dn mer'st Du streckscht jo immerfort." „ „For ansgestoppde Stere E Uffbewahrungsort."" „Bewahre," risst der Lehrer. „Sou schmäh doch koa dumm Zeig! Ich habb's Eich doch erkleert ghatt. No, waaß es kaans vun Eich?" „ „E Mausolemn heeßt maa"" Ter Michele nimmt's Wort, „ „For ausgestoppde Kaiser En Uffbewahrungsort."" In einem Kreife froher Freunde hatte ich jüngst Gelegenheit, einige der genannten Gedichte von zwei allerliebsten Kindern eines alten Freundes vortragen zu hören, und ich muß sagen, der Vortrag wie Inhalt der Gedichte verfehlten ihre Wirkung nicht; sie fanden die freundlichste Ausnahme und erzielten große Heiterkeit. Ein jeder, der Sinn für das Volksleben hat, wird obige Sammlung von Odenwälder Gedichten und Geschichten mit Befriedigung lesen und der Verfasserin gewiß den verdienten Dank zollen. Eine weitere Sammlung würde daher wohl von jedem Dialektfreunde mit Freude begrüßt werden. Straßburg (Elsaß). Dr. W. List, Universitäts-Professor. Literarisches. — Schulze, Dr. E., Geh. Reg-Rat, Ghmnasialdirektor. Die römischen Grenzanlagen in Deutschland und das Limeskastell Saat bürg. (36. Heft der Gymnasial-Bibliothek, herausgegeben von Prof. H. Hoffmann.) Zweite verbesserte Auflage. Mit 23 Abbildungen und 4 Karten. Preis 1,80 Mk. — Das interessante Buch gibt im ersten Teil nach der Einleitung über die Limesforschung eine übersichtliche Darstellung der Geschichte des Limes. Der zweite Teil enthält die eingehende Beschreibung des wiederaufgebauten Kastells Saalburg. Ein historischer Ueber- blick geht voran und eine Bemerkung über die Feierlichkeit bei der Grundsteinlegung zum Wiederaufbau des Prätoriums schließt diesen Teil. An passender Stelle eingeschobene kulturhistorische Skizzen gewähren ein anschauliches Bild römischen LebenL. DaS schöne Heft wird jedem gebildeten Laien großen Nutzen bringen und manche genußreiche Stunde bereiten. Eingegangene Bücher. (Besprechung erfolgt nach Ausivahl. Eine Verpflichtung zur Besprechung und zur Aufbewahrung unverlangt eingesandter Bücher wird nicht übernommen.) Das Gold. Trauerspiel in vier Aufzügen von Paul Ernst. Verlag von Julius Bart, Berlin 1907. Der Hulla. Lustspiel in vier Aufzügen von Paul Ernst. Verlag von Julius Bard, Berlin 1907. Das Blaubuch. Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst. Begründet von Albert Kalthoff. Herausg. von H. Jlgenstein und Kienzl. Verlag von Hermann Ehbock, Berlin W. 50. Meine Freundin von nebenan. Skizzen von Manuel und Käte Schnitzer. Verlag von Dr. P. Langenscheidt, Grpß-Lichterfelde-Ost. Tragödie. Berliner Skizzen von Dorothee Goebler. Verlag von Dr. P. Langenscheidt, Groß-Lichterfelde-Ost. Kling, Klang, Gloria. Skizzen von Else Krafft. Verlag von Dr. P. Langenscheidt, Groß-Lichterfelde-Ost. Arntesünder. Skizzen von Hans Hayn. Verlag von Dr. P. Langenscheidt, Groß-Lichterfelde-Ost. Backer, Oswald, „Ter ehrbare Kaufmann und sein Atu» sehen". Preis 3 Mk. Dresden, 1906. Verlag von Stein* kopff u. Springer. Herthel, Betty, „Klein-Elsbeth und die Welt". Geschichten aus einem Kinderleben für solche, die Kinder lieb haben. Mit Buchschmuck von Franz Hein. Preis geschmackvoll gebunden 2 Mk. Leipzig 1906. Verlag von B. G. Teubner. Rid d er ho ff, Kuno, „Seine Filia ho spitalis". Drama in vier Akten aus einer kleinen Universitätsstadt. Preis 1,2Q Mark. Göttingen 1906. Hermann Peters Verlag. Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Von Eduard Engel. 1. Band: Von den Anfängen bis Goethe. 2. Band: Von Goethe bis in die Gegenwart. Verlag von G. Freytag, Leipzig, nutz F. Tempsky, Wien. Spiel. Eilt töricht Weseit dünkt mich der Mensch, Treibt dahin aus den Wogen der Zeit, Endlos geschleudert aus und nieder, Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht, Gebildet von Schlamin und stockendem Moor Und der Verwesung grimlichein Dioder, Ruft er: Land! und rudert draus hin, Und besteigts — und sinkt — und sinkt — Und wird nicht mehr geseh'n. Grillparzer. Rösselsprung. Nachdruck verbotet aus io Mund« ost an Schon ihn den ein im ohne nicht legst jedes ton- doch gering hat recht ung du das tut Freund ung Spruch tan du Ding Be- achtest ein ten gerad aus's Un- er dir recht Stunde den zwei ge- Un- du Freund Sei- in ein dir ernster führst Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummerr Um eines Wortes willen Kannst du sür weise gelten; Um eines Wortes willen Wird man dich töricht schellen. Chinesisch. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Untversitäts-Buch- und Stetndruckerei, R. Lange, Gieße«,