Mittwoch den 17. Mioöcr Dr,. 153 1906 0 H El 8|iy WLs M Im Banne des Heßemmisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Es traf sich, daß der Earl ihn noch einige Minuten lang aufhielt, so daß er, als er sich ins Gesellschaftszimmer begab, die meisten Gäste bereits dort versammelt fand. Lady Romsey kam auf ihn zu. „Nun, Werner", sagte sie lächelnd, „will ich Sie Lady Wayne vorstellen". Er folgte der Herrin von Downham, und dann fielen seine entzückten Blicke auf ein Bild, das ihm nie wieder entschwand. „Die lieblichste Frau in EnglandI" ■— Schöner, dachte er bei sich, als Venus, die Königin der Schönheit. Er sah eine Tanie in anmutiger Haltung auf einem kleinen Sofa sitzen, reich in blauen Sammet gekleidet, der ihre schlanke, ebenmäßige Gestalt auf das Vorteilhafteste zur Geltung brachte und sie in Falten umfloß, deren Wiedergabe einen Bildhauer hätte verzweifeln lassen können. Wolken feinster, weißer Spitze schienen sich auf ihre Arme und den schneeigen Hals niedergelassen zu haben — Wolken, so zart und duftig, daß man hätte glauben können, sie mit einem Hauch hinwegblasen zu können. Was ihn aber anzog und seine Blicke mit magischer Gewalt fesselte, das war die vollendete Schönheit des wunder- baren Antlitzes und das edle Profil des königlichen Hauptes. Nie, selbst im Traume nicht, hatte er etwas Aehnliches gesehen. Das üppige, goldigbraune Haar ließ die edle weiße Stirn frei, auf der er eine goldene Krone zu sehen vermeinte. Die dunkelbraunen Augen waren strahlend, klar und doch träumerisch — zärtlich, sanft und doch wieder stolz — sie hatten Tiefen, in die niemand hinabblickte, Geheimnisse, die niemand las. Die langen, seidenen Wimperm lagen wie zarte Fransen auf der sanftgerötcten Wange. „Lady Wayne", sagte die Gräfin, „Sie haben mich bereits von dem jungen Helden reden hören, der meinem Sohne das Leben gerettet; erlauben Sie mir jetzt, ihn Ihnen vorzustellen. Lady Wayne — Herr Werner Jefferies." Und sie erhob ihre strahlenden Augen zu den {einigen. Er wußte nicht, was ihn in diesem Augenblick überkam — welche seltsame Erregung — welcher jähe Impuls, ihr zu Füßen zu fallen und die schönen weißen Hände zu küssen. Ihre Augen schienen ihm das Gehirn in Flammen zu setzen, und doch wußte er weder warum, noch wie. „Es freut mich außerordentlich, Sie zu sehen, Herr Jefferies", sagte sie, und der süße Klang der silberklaren Stimme ließ sein Herz erzittern. . Wie alle Frauen, so war auch sie von der Schönheff seines Gesichts und dem vergeistigten Ausdruck desselben hiw. gerissen; ihre Augen blieben darauf haften. Sielprach wiedes mit ihm und schob die reichen Falten ihres Kostüms beiseite) um ihn neben sich Platz nehmen zu lassen, indes ihre Augen fortwährend an ihm hingen. Ach! wie wenig wußte, wie wenig ahnte sie, daß er vor zwanzig Jahren in ihren Armen, sein Gesichtchen an dem ihrigen, gelegen hatte; wie wenig ahnte sie, daß er der Kleine war, dessen vermeintem einsamen Grabe sie zuweilen jetzt noch eine stille heiße Träne weihte l — Sie war entzückt von ihm und seinem Wesen, und als Lord Romsey kam, um sie zur Tafel zu geleiten, sagte sie zu ihm: „Ich hoffe, daß Herr Jefferies in unserer Nähe bleiben wird. Ich habe mehr als Gefallen an ihm." llnd der Earl, dem jeder Wunsch der schönen Dame Befehl war, richtete es dementsprechend ein. 16. Kapitel. Das Diner ans Downham. Der Gesellschafts-Abend auf Doivnham war ein großer Erfolg. Lady Wayne war die schönste Frau dabei, und sie unterschied sich von anderen Schönheiten auch darin, daß ihr Geist und Gemüt dem Aeußern gleichkamem Sie war sehr verständig, von großer FassungSkrast rmd geistreich; niemand verstand es, ein Gespräch mit größerer Leichtigkeit und Grazie in so stetem Fluß zu halten. Lord Wayne war vor allem auf sein unvergleichliches Weib stolz. Sie hatte sein Leben mit Liebe, Schönheit und Ehre gekrönt. Rückblickend auf die langen Ahnenreihen der Waynes fand er keine, die die Ehre des Namens zrr solchem Glanze, solcher Höhe gebracht, wie sie; keine so schön, keine so unvergleichlich, keine so stolz. Werner Jefferies war entzückt, bezaubert, hingerissen von ihr; nie in seinem ganzen Leben hätte er sich träumen lassen, daß es so schöne iind anmutige Frauen gäbe, >vie diese hier. Lady Romsey war ihm wie eine Enthüllung von etwas Schönem, bisher ganz Unbekanntem gewesen, wegen ihrer feinen Bildung, Anmut, Vornehmheit und Eleganz. Hatte er doch seither nur Frauen, wie Kate Jefferies kennen gelernt — hausbacken, ungebildet, sich quälend und plackend, zwar voll Gutmütigkeit und Freundlichkeit, aber doch bar aller Reize, die eine Frau so bezaubernd machen. — Und nun gar erst Lady Wayne! Kein Wunder, daß die Dichter aller Zeiten das Lob der Fraiien so begeistert gesungen! Nie zuvor hatte er die Liebe Dantes zu Beatrice, die Petrarcas zu Laura so recht verstanden; aber jetzt war 610 ihm alles klar. Frauen, wie Lady Wayne waren geschaffen, um als Herrinnen und Königinnen verehrt und bewundert, — nicht wie andere Sterbliche in der gewöhnlichen Weise geliebt zu ivecden. Ec konnte seine Gefühle nicht ganz begreifen; stundenlang hätte er mit Freuden still und stumm besitzen mögen, um bloß das Gesicht da anzusehen, seine Schönheit zu bewundern, allerlei phantastischen Gedanken und Träumereien nachzuhängen. Es war nicht Liebeszauber, was ihn ergriffen und gefangen hielt, sondern eine tiefere, ehrfurchtsvollere Verehrung, die 15)1» selbst rätselhaft war. Er schien aus einem schönen Traume aufzufahren, als die Damen sich endlich erhoben, um sich ins Gesellschaftszimmer znrückzubcgeben; sein Ideal verschwand mit ihnen und eine öde Leere schien sich vor ihm auszubreiten. Wie im Traume hörte er, daß Lord Romsey ihn anredete. „9hm, Mr. Jefferies, ganz geistesabwesend?" Er fuhr zusammen, dann sammelte er seine widerspenstigen Gedanken, wandte sie von der Schönheit, die alle poetischen Gefühle und Ideen in ihm wachgerufen, und stürzte sich in den Strom der animierten Unterhaltung. „Genie schafft sich Bahn". Glicht lange, und die Aeltesten an dieser gastlichen Tafel lauschten überrascht und vergnügt auf die Ausführungen des jungen Sekretärs. Seine Lippen schienen wie von Feuer berührt; jedes Thema, an dessen Erörterung er im Laufe des Gespräches teilnahm, gewann ein neues Licht durch seine Anschauungsweise — alles war so durchaus frisch und ursprünglich, seine Gedanken und Ideen waren so schön und wahr. „Es ist wirklich ganz jammerschade," sagte Lord Romsey leise zu seinem Nachbar, „daß dieser junge Feuerkopf nicht ins Parlament kommen kann; man braucht dort einige gute Redner, und er hat wirklich das Zeug dazu, — zu einem großen Redner sogar — Feuer, Leidenschaft, Genie, Macht, Kraft und Beredsamkeit. Wir müssen ihn weiter bringen." Entzückter von ihm jedoch wie alle anderen war wohl unstreitig Lord Wayne. Beim Verlassen des Speisesaals schritt er auf ihn zu und sagte: „Es freut mich außerordentlich, Sie kennen gelernt zu haben, Mr. Jefferies. Ich prophezeie Ihnen eine große Zukunft. Wollen Sie nicht 'mal nach Kenninghall herüberkommen? Ich bin überzeugt, Lady Wayne wird cs ebenso sehr freuen, wie mich. Sie einmal bei uns zu sehen." Werner dankte ihm herzlich. Es war sehr angenehm, solche Güte zu finden, solche herzlichen Beweise von Wohlwollen und Freundlichkeit zu erhalten. „Das Beste dabei ist noch," dachte er bei sich, „man kennt mich als das, was ich bin; es ist also wohl keinerlei Prätcnsion meinerseits dabei zu unterschieben; jeder weiß, daß ich der Sohn eines armen Arbeitsmannes bin." Dann betraten sie wieder das Gesellschaftszimmer, und er glaubte ein Lächeln in Lady Wayne's Augen zu erblicken, das ihn ermutigte, einen Sitz neben ihr einzu- nehmen. Wirklich, das liebliche Gesicht lächelte ihn an; sie schob ihre kostbare Toilette etwas bei Seite, um Platz für ihn zu machen. „Das ist recht, Mr. Jefferies," sagte sie. „Ich hoffte noch einige Minuten länger mit Ihnen zu plaudern. Ich höre, Sie sind ein Dichter, — bin ich recht berichtet?" „Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll," versetzte er. „Soll ich sagen, ich hoffe, daß es so ist?" Sein schönes jugendliches Gesicht rötete sich, und ein begeistertes Licht brach aus seinen Augen, als er fortfuhr: „Wenn Dichter sein heißt: alles Schöne und Gute liebeu, und darüber tausend und abertausend Gedanken zu haben, die sich in Worten Luft machen müssen, — dann, Lady Wayne, glaube ich, bin ich einer." Ihre Augen wurden eigentümlich feucht, als sie ihn an» sah. „Ihre Mutter muß sehr stolz auf Sie sein," sagte sie sanft und leise. Werner lachte; ein fröhliches, klares Lachen, das jeder gern hörte. »Ich wüßte nicht," versetzte er heiter. „Meine Mutter ist eine liebe, herzensgute, häusliche Frau, der alle Bücher — ihr Gebetbuch ausgenommen — eine fremde, unbekannte Welt sind. Ich glaube, sie ist viel stolzer auf meinen Bruder Jack, der sechs Fuß hoch und so stark wie Goliath ist." „Sie müssen aber doch auch stark sein; ich schließe das aus der Art und Weise, wie Sie Lord St. Gilbert aus dein Wasser gerettet." „Gott sei Dank, fehlt es meinem Arm allerdings nicht an Nerven- und Muskelkraft, Lady Wayne." Ihr Blick hatte während dieser Unterhaltung aufmerksam auf seinen Zügen geruht. „Ich habe Sie doch nie früher irgendwo gesehen," sprach sie dann nachdenklich, „und doch hat Ihr Gesicht etwas ganz Bekanntes für mich, — was, könnte ich aber nicht sagen." (Fortsetzung folgt.) Uaul Arudks Iorfchungeu. Nachdruck verboten. Der so siäh, mitten im fruchtbarsten Schaffen aus dem Leben geschiedene Professor Drude hatte sich als Arbeitsgebiet ein Feld gewählt, das an die Forschergabe die höchsten Ansprüche stellt, das aber durch den Scharfsinn, mit dem hier recht verschiedenartige Gebiete der Physik miteinander in Verbindung gebracht werden, auch das Interesse der Laien in Anspruch nehmen darf. Wenn wir einen Lichtstrahl durch eilt Glasprima fallen lassen, so löst er sich in das schöne Farbenbild auf, das" der Reihe nach rot, orange, gelb, grün, blau, indigo, violett zeigt und Spektrum genannt ivird. Die Farben unterscheiden sich objektiv und sachlich dadurch voneinander, daß- der Aether, dessen Schwingungen auf unser Auge den Eindruck des Lichts Hervorrufen, bei rotem Licht 400 Billionen Schwingungen in der Sekunde macht, bei violettem da-, gegen 800 Billionen; je mehr Schwingungen also einer, gewissen Farbe entsprechen, umsomehr wird die Aether- schwingung beim Durchgang durch das Glasprima von ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt, sodaß eben violett mit den meisten Schwingungen auch am weitesten entfernt wird. Diese grundsätzliche Regel hat aber auch Ausnahmen. Es gibt Körper, die das Licht anders zerstreuen als das Glas; wenn das Licht durch solche Körper geht, so ist die Farbenfolge nicht die des gewöhnlichen Spektrums, sondern zunächst steht das sonst entfernteste Violett, danach folgt in den: sonst farbigen Band ein dunkler Raum, uud dahinter erblickt man in der gewöhnlichen Reihenfolge rot, orange, gelb und grün. Diese ungewöhnliche Lichtzersetzung, mit dem wissenschaftlichen Namen anomale Dispersion genannt, sucht man sich dadurch zu erklären, daß man annahm, die Moleküle der Körper, bei denen die Erscheinung auftritt, absorbieren gewisse Lichtstrahlen, das heißt durch die Achterschwingungen werden die Körpermoleküle so angestoßen, daß sie selbst schwingen, wobei aber der Aether zu schwingen aufho'rt. Es geht also hier etwas Aehnliches vor sich, wie man es manchmal bei Billardbällen betrachten kann, wo der eine den anderen anstößt, aber dabei selbst znr Ruhe kommt. Das solchergestalt in Bewegung gesetzte Körpermoleküle versucht nun seinerseits, die in seiner Umgebung befindlichen Aetherteilchen anzustoßen; das gelingt auch, aber die so entstandene Art der Aetherbewegyng ist ganz anders geartet, als sie es gewesen wäre, wenn die körperliche Bewegung der Moleküle nicht ins Spital getreten wäre; die blauen Aetherwellen. fehlen ganz — daher die Lücke im Spektrum —, und die violetten Aetherschwingüngen werden weniger von ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt, als die roten, sodaß jene vor diesen, den roten, erscheinen. Die Prüfung dieser Annahme stieß aber aus große Schwierigkeiten, weil die Aetherschwingüngen, um die es sich hier handelt, außerordentlich klein sind; bei Lichtwellen beträgt eine Wellenlänge, das heißt die Entfernung eines Wellenrückens vom nächsten Wellenrücken, etwa den zweitausendsten Teil eines Millimeters. Drude machte nun 6en Versuch, statt der kleinen Lichtwellen diejenigen Aetherschwingüngen zu betrachten, die sich, wie der geniale Heinrich Hertz nach den Berechnungen von Maxwell experimentell nachgewiesen hatte, als Leitung der Elektrizität bemerklich machen; solche elektrische Wellen sind viel größer als Lichtwellen. Die von Drude benutzten 611 hatten eine Länge von 70 Zentimetern. Die Feststellung der Bewegungsrichtung! bei elektrischen Wellen läßt sich natürlich nicht wie bei Lichtwellen mit dem Auge wahr- nehmen, sondern man stellt sie fest, indem man untersucht, Nn welcher Stelle sich elektrische Funken zeigen; dies muß der Weg der elektrischen Welle sein. Bei elektrischen Wellen lassen sich dann dse Beobachtungen mit viel größerer prüft! bfrfoTctPtt Nun hatte man schon lange die Lehre aufgestellt, daß in den Körpern, die man sonst als Nichtleiter oder schlechte Leiter der Elektrizität bezeichnet hatte, wenn man durch sie einen elektrischen Strom sendet, die einzelnen Molekülen eine bestimmte Richtung annehmen, etwa so, wie ein Stück Eisen eine bestimmte Richtung annimmt, wenn es dem Einfluß eines Magneten unterworfen wird. Die Richtung der Körpermoleküle des von Elektrizität durch- strömten, früher als Nichtleider bezeichneten Körpers geht so vonstatten: jedes dieser Moleküle hat ein elektropositives Ende, und jedes von ihnen ein elektro-negatives, gerade wie jeder Magnet einen Nord- und einen Südpol hat, und wenn der Körper vom elektrischen Strom durchflossen wird, stellen sich alle elektropositiven Enden der Moleküle nach der einen Seite, etwa nach der linken, und alle elektronegativen nach der anderen, dann also nach der Rechten. Also die früher als Mchtleitcr bezeichneten Körper muß matt nunmehr eigentlich für gute Leiter erkläre«, und in der Tat lassen sie die elektrischen Lichtwellen viel weniger geschwärzt durch als die unter dem Namen Leiter der Elektrizität bekannten Körper, zum Beispiel als Metalle. Die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit, mit der sich die Richtirng des Moleküle vollzieht, ist aber bei verschiedenen Körpern recht verschiedenartig. Bei manchen Körpern ist diese Richtkraft — man bezeichnet sie als Dielektrizitätskonstante — direkt proportional der Zahl, die man erhält, wenn man die Lichtbrechungsfähigkeit des Körpers mit sich selbst multipliziert, das heißt also, bei diesen Körpern steht die Dielektrizitätskonstante im Verhältnis zum Quadrat der lichtbrechenden Kraft. Bei anderen Körpern besteht eine solche Beziehung nicht, und man konnte aus anderen Beziehungen, zum Beispiel aus der Leichtigkeit, mit der sich solche Körper auflösen, berechnen, daß bei ihnen die Eigenschwingungen der Moleküle viel langsamer sich vollziehen als bei denen, wö die gedachte Gesetzesmäßigkeit besteht. Denn schließlich befinden sich ja bei allen Körpern, bei festen, tropfbarflüssigen und bei gasförmigen, die Moleküle stets in schwingender Bewegung, bei einzelnen in schnellerer, bei anderen in langsamerer. Bei manchen Körpern vollziehen sich die Schwingungen der Moleküle etwa ebenso schnell wie die des zwischen ihnen befindlichen Aethers, bei anderen viel langsamer. Drude ließ nun seine elektrischen Wellen durch solche Körper wandern, bei denen man aus der Größe der Dielektrizitätskonstante bestimmt hatte, daß die Schwingung ihrer Körpermoleküle viel langsamer ist als die der Aether- teilchen; und gerade bei diesen Körperteilchen zeigte sich anomale Dispersion, das heißt die Aetherwellen werden nicht um so stärker von der ursprünglichen Richtung abgelenkt, je kleiner sie find, wie es bei der gewöhnlichen farbigen Zerstreuung der kleinen, als Lichtwellen bekannten Metherschwingungen der Fall ist. Drudes geniale Arbeiten haben also erwiesen, daß in der Tat die anomale Dis- petsion durch die Art der Schwingung der Körpermoleküle bedingt ist. Drude ging aber noch weiter. Er untersuchte zunächst Körper, deren Moleküle aus nicht sehr vielen Atomen von Elementen zusammengesetzt sind, zum Beispiel gewöhnlichen Alkohol. Dieser besteht aus zwei Atomen Kohlenstoff, sechs Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff; dann untersuchte Drude Körper, deren Moleküle aus mehr Atomen bestehen, zum Beispiel eine Art Alkohol, der in Fuselölen stark enthalten ist und übrigens in der Parfümsabrikation Und zu Laken vielfache Verwendung findet. Man nennt ihn jn der Wissenschaft Amylalkohol, und er besteht aus fünf Atomen Kohlenstoff, zwölf Atomen Wasserstoff und allerdings auch nur einem Atom Sauerstoff (Sauerstoff ist iu allen Alkoholen nur durch ein Atom vertreten). Bei diesen Untersuchungen fand sich, daß die Dispersion um so anomaler ist, das heißt von der zum Beispiel beim Gas auftretenden Gesetzmäßigkeit umsomehr abweicht, je komplizierter gebaut ein Molekül ist, je mehr Atome es enthält. Man kann sich in der Tat von Hause aus vorftellen, und die exakte Forschung hat es bestätigt, daß ein Molekül um so langsamer schwingt, je umfangreicher, je zusammengesetzter es ist. Aus solchen seinen, aber höchst anziehenden und anregenden Arbeiten heraus wurde Paul Drude ab-- berufen — ein schwerer Verlust für die Wissenschaft! Dr. H. G. VeVmrfchtsK. * Ein Maler der Tiefsee, und noch dazu einer, der unter Wasser malt, mit dieser Sensation ist die neueste Phase iu der Entwicklung der amerikanischen Kunst fe- zeichnet. Der „American" veröffentlicht Reproduktionen von Bildern mit dem Titel „Eine unterseeische Schlucht", „Ein Kristallpalast, von deren Entstehung er folgendes berichtet: Walter H. M. Pritchard, der sein Leben der „unterseeischen" Malerei gewidmet hat, arbeitet gegenwärtig in den kalifornischen Gewässern. Pritchard hielt es für unmöglich, die Farben und den Charakter der unterseeischen Szenerien von der Meeresoberfläche aus sesthalten zu können, selbst wenn die störende Brechnng des Lichts durch Benutzung von Booten mit Glasböden ausgeschlossen würde. Entschlossen, wie die Amerikaner immer sind, kam er also auf den Gedanken, unter Wasser zu tauche«, um die Motive, die er suchte, mit möglichster Treue wiederzugeben. Er schasste sich eine Garnitur von Tauchapparaten an und malt gegenwärtig nur noch auf den: Meeresgruude. Damit seine Geräte in der Tiefe verbleiben, verwendet er eine Staffelet und eine Palette aus Eisen, und auch seine Pinsel und Stifte stecken in schweren Eisenhülsen. Die Leinwand, der er seine Schöpfungen anvertraut, ist eigens präpariert, um nicht von dem Meerwasser angegriffen zu werden; ebenso sind es die Farben. Zwanzig Minuten bringt er jedesmal in emsiger Arbeit in der Tiefe zu, und dann läßt er sich für zehn Minuten au die Oberfläche ziehen, um frische Luft zu schöpfen. Pritchard hat so Szenen gemalt, tote sie bisher noch keines Künstlers Auge sah. Haie, Tunfische und Krebse tummelten sich um ihn herum. Die Tiere zeigten keine Furcht, und hielten in seiner Nähe förmliche Jagden ab. Es ist lein Wunder, daß die Arbeiten Pritchards einen bizarren und mysteriösen Charakter tragen, tote kein anderes Werk. . . * Wie sn alten Papyrusrollen vor deM Alkohol g ew arn t w ird, wird von einem hervorragenden Forscher berichtet: In einem Papyrus des Britische« Museums schreibt eüt Lehrer an seinen Schüler: Mau sagt mir: Du verläßt die Bücher, Du gibst Dich dem Vergnügen hin, Du gehst von Straße zu Straße; Der Biergeruch allabendlich, Der Biergeruch scheucht die Menschen von Dir, Er richtet Deine Seele zugrunde. Du bist wie ein gebrochenes Ruder, Das nach keiner Seite hin gehorcht. Du bist wie ein Tempel ohne seinen Gott, Wie ein Haus ohne Brot. Man trifft Dich, wie Du auf die Mauer steigst Und das Brett zerschlägst, Die Leute fliehen vor Dir, Und Du schlägst ihnen Wunden. O, daß Du wüßtest, daß der Wein ein Greuel ist, Und daß Du dent Schedehtrank abschwörtest" usw. Jn einem anderen Papyrus gibt der weise 'Ency die Mahnung: „Uebernimm Dich nicht in dem Hause, wo mau berauschende Getränke trinkt. Das Wort, das die Gehmmuisfe Deines Nächsten verrät, kommt aus Deinem Munde, und Du möchtest es nicht gesprochen haben. Du fällst hin und zerbrichst Dir die Glieder, nud keiner reicht Dir die Hand. Deine Genössen trinken weiter, und wenn sie aufachten fagen sie: Fort mit Dir, der getrunken hat. Wenn man kommt und Dich sucht, uiit über Deine Angelegenheiten mit Dir zu reden, findet man Dich auf der Erde liegen tote ein kleines Kind." * Ein Abonnent vor hundert Jahren. Der sonderbarste Zeitungsleser, der jemals ein „Leibblatt" gelesen hat, mag wohl der Festungskommaitdant der Norwegischen Insel Vardö gewesen fein. Die Befestigung dieses Hafens am i irdischen Eismeer ist zugleich die nördlichste Festung der Welt; sie wurde schon 1300 angelegt und war für das Fischerstädtchen, das heute kaum 2500 Seelen zählt, ehedem im Handel mit — 612 -* Emile bliothek Band Bücher und Schrrsten. (Besprechung einzelner Werke Vorbehalten. Rücksendung findet in keinem Falle statt.) a, Ein Leben in Liebe. Novellen Kleine Bi- Berlag von Albert Langen tn München. (Brosch. Wohin? Du fragst: Wohin der Weg? - nicht kann ich Dir das nennen! Denn Weg und Ziel muh doch ein Jeder für sich kennen I Nie liegt der Weg frei da: ein Jeder muß ihn schaffen I Der breite Weg — so nah, er ist doch nur für Lassen. Tn mußt Dir Deinen Pfad durch mildes Dickicht hauen und ohne Hilf und Gnad ganz Deiner Kraft vertrauen. Denn unbetretnes, Land das wollen mir erkämpfen und drum des Geistes Brand durch nichts uns lassen dämpfen! Und millst Du selbst mir nach so mußt Tu Dich bereiten auf Schmerzen und aus Schmach auf Oed und Einsamkeiten 1 Knodt Bensheim a. d. Bergstr. K a r l E r n st K n o d t. Zar nicht fuhr." _ r * Der künftige Dorfheld auf der Schurban k. In dem cmhaltischen Dorfe G. besucht der^Ortv- pfarrer — so erzählt man — zum ersten Male näcy dem Osterfeste die Schule, um die neu ausgenommenen Kmder kennen zu lernen. Dabei streicht er einem pausbackigen Bauernjungen, dem das Stillesitzen sichtlich sehr schwer wird, über die roten, von Gesundheit strotzenden Wangen mit der freundlichen Frage: „Nun, wein lieber Junge, fürchtest Du Dich denn auch?" Ein lautes „Wa?" erinnert den Herrn Ortsschulinspektor daran, daß dem Knaben da» gebildete Hochdeutsch noch eine fremde Sprache rst, dre er in der Schule erst lernen soll; er wiederholt deshalb ferne Frage in der Dorfsprache: „Na, Kleener, farchst en Dich doch?", worauf die prompte, mit blitzenden Augen und geballten Fäustchen gegebene Antwort erfolgt: „Bor wen denne?^ Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universtiäts°Buch- und Steindruckerei, R. Lange, ssi BeAagvon Georg Wigand, Leiwia und Berlin. ________ Versteck-Rätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, rote feie Silbe „an tn „Wanderer. Kalmücken - Mäßigkeit - Ganges - Jonrnatts - Hal^ kette — Müllerbnrfche — Weinglas — Buttervennmyen Spanferkel — Finkenfang. (Auflösung in nächster Nummer.s Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Beinah' schießt keinen Rehbock. — Berthold Haendcke. Deutsche Kultur im Zeitalter des dreißigjährigen Krieges. Ver- lag von E. A. Seemann, Leipzig. Preis geb. Mk. 7.50, — Die Veranlassung zu diesem Werke waren die kunsthistorischen Studien des Verfassers, die, ihn auf die Lebensanschauungen des deutschen Volkes im 17. Jahrhundert geführt hatten. Durch endlose blutige Kämpfe war dw deutsche Kultur bis ins Mark erschüttert und die verheerenden Stürme brachten Deutschland um den größten Teil der Früchte, die das 16. Jahrhundert mit ferner reichen kraftvollen Blüte verheißen hatte. Was in solchen Stürmen stand hielt, mußte sehr tiesgewurzelt, sehr lebensstark fern. Von der schaffenden Kraft, die im Marke des deutschen Volkes trotz allen Ungemachs unverwüstlich lebte, erzählt das Buch des Königsberger Gelehrten. Er ist, ähnlich wie Jakob Burckhardt, in den meisterhasten Schilderungen der Kultur der Renaissance den einzelnen Eleinenten nachge- aange«, die die Bahn des flutenden Lebens bestimmen und beeinflussen. Haendcke zeigt das innere Uhrwerk der Staatsmächte, schildert die Energien, welche das Getriebe tit Um- chwung versetzen, läßt erkennen, welche Einwirkungen von außen hemmend oder beschleunigend wirkten und runder das Ganze durch eine zahllose Menge systematisch geordneter Einzelheiten kunstvoll ab. Alle Figuren, die damal» auf dem ereignisreichen Welttheater eine Rolle von Bedeutung spielten, werden charakterisiert, alle merkwürdigen Erscheinungen des an Ueberraschungen reichen Zeitalters beleuchtet. Die Ausstattung des Werkes ist vortrefflich. 1 Var im Gorki, Spleen. Erzählung. Deutsch von Kor- fiz Holm. Kleine Bibliothek Band 88. Verlag von Albert Langen in 3^g*ar i e^®ie französische Revolution. , Wtxierte Kttqafe mit faft £00' Rußland immerhin von größerer Bedeutung als heute. Dre ^fostverhältnisse waren vor hundert Jahren noch recht, priMtttve, fort oben am Barangerstord horten )ie beinahe ganz auf. Gleichwohl mochte der Herr Festungskommandant auch rm hohen Norden von FinnmaAen sein „Leib- und Magenblatt" nicht vermissen Er las cs pünktlich in der Woche, aber — und kommt das an bet Suc&e — et las jebe Nummer genau ^>ayt später, als sie erschienen war. Das Frachtschiff brachte wfoliw nur einmal den ganzen Zeitungsballen aller verflossenen Mo- . nate. Und diese Makulatur stellte in der Eiswuste der nordischen ] Winternacht für die Herren Artillerie-Offiziere das „Neunte । bar. Nun darf man aber nicht etwa glauben, daß der Herr ! Kommandant und seine Leser über die geistige Jtahrung wsort bei' d'ren Ankunft mit Heißhunger yersielen. O nein, dort oben in Wardöhus" (feem „Warteyaus") hatte die Besatzimg kaltes Blut' Man hatte warten gelernt! Der Kanzleifoener schaffte den ganzen Sack voll Neuigkeiten ms Mchw und legte dem Chef der Zitadelle alle Wochen zweimal die Nummern nnt dem entsprechenden Datum vor, so bildeten also m Vardohus immer die Ereignisse das Tagesgespräch, welcye für die übrige Welt seit 12 Monaten glücklich abgetan waren. Umd das fot eigentlich auch seinen Nutzen. Aufregung blieb, den Herren Offizieren von Vardöhus gewiß erspart. Die heutige Lesewelt wäre nicht mehr erbaut von solchen „ollen Kamellen . Wehe der Zeitungsträgerin, die sich verspätet und wäre e» auch „nur ein V??Z?r"und Sibirien. Im „Century Magazine" veröffentlicht die amerikanische Miniaturmalerin Amalia Küssner Couderk Erinnernngen an einen Aufenthalt in St. Petersburg iw Jahre 1899, während dessen fte den Zaren und die Zarin im Winterpalais malen durste. Bei den Sitzungen unterhielt sich der Zar liebenswürdig und freimütig mit ihr. Wir entnehmen folgende interessante Stelle ihrer Erzählung: „Nur ein einziges Mal, würde ich bei einer Gelegenheit daran erinnert, daß dieser so liebenswürdige und kluge Plauderer der große weiße Zar aller Reußen war. Durch eine unglückliche Gedankenlosigkeit erwähnte ich Sibirien mit dem gleichen Tone des Schauders, mit dem wir Amerikaner gewöhnlich von diesem Lande des Schreckens sprechen, und fügte noch hastig hinzu, daß es doch ein sehr trauriges Land sein müßte, weil es so kalt und ode sei. Der Kaiser antwortete mir daraus schneller und, erregter als gewöhnlich, daß Sibirien im Gegenteil em schone» « tuuimerre Ausgaoe nm nm fruchtbares Land sei, grünend und blühend im Sommer, \ katuren. und Auwgraphem Isbrausmgeüe^v^Thwdor^Re^wGH. mit unergründlichen Schätzen von Gold und Durkisen unter dem reichen Boden. Ich sprach nicht weiter von dem Gegenstände, aber ich hörte nachher in der Gesellschaft, daß der Zar das Verschicken von Gefangenen nach Sibirien immer streng getadelt hatte. Man sagte mir, er sei,, der Ansicht, daß es ein großes Unrecht gegen em so schönes Land wäre, feinen Namen lediglich mit Verbrechern und Martern zu verknüpfen. Ich zweifle nicht an der Wahrheit dieser Aeußerungen, wenn ich mich daran ermnere, was er zu mir sagte. . . Eine andere wohlverburgte Geschichte, die ich am Hofe hörte,, war die, daß der Zar auf 'einer feiner Wagensahrten, die er ohne große Begleit- img und jeden Prunk früher gern unternahm, auf der Straße einer Schar von Studenten ansichtig wurde, die auf dem Wege nach Sibirien an ihm vorbeimarychierten, und sogleich die Freilassung der Studenten anordnete. Nachher, erzählte man mir flüsternd, ließ die Polizei ihre Gefangenen nur noch auf Straßen marschieren, durch ote der Neue