Montag den 17. SepLemöer 1906 E 8KR' »UM in« - i ■ I t Ml 9E WUMM Im Wanne des Geheimnisses. Roman von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Spurlos verschwunden. Einige Tage später sagten die beiden Schwestern dem Mühlenhofe Lebewohl. Sie wären noch etwas länger geblieben, aber die Besitzerin, die alte Mrs. Ford, war ungeduldig, abzureisen. Die Einrichtung und alles sollte verkauft werden und dann wollte sie zu ihrem Sohne absegeln, dem in der neuen Welt, wie nie zuvor in der alten, das Glück hold gewesen war. Marian West war die schnelle Abreise jedoch keineswegs unwillkommen. Alles paßte in den Plan, den sie entworfen. „Hat sie erst England verlassen," dachte sie, „und sind auch wir abgereist, so ist diese unglückselige Vergangenheit abgetan und zu Ende; dann haben wir nichts mehr zu befürchten." Dr. Rurke hatte erklärt, Evelyn setz vollständig soweit genesen, daß der Abreise nichts im Wege stehe. Als er kam, uni sich zu verabschieden, war Evelyn ausgegangcn, um zum ersten Male einen langsamen Spaziergang durch die duftigen Wiesen zu machen, die das Gut rings umgaben. Die frische, sommerliche Luft und die mäßige Bewegung hatten eine sanfte Röte auf ihre Wangen gebracht; als sie ins Zimmer trat, sah sie so lieblich und zart in ihrem duftigen Sommerkleide aus, daß der gute Doktor schier erstaunt auffuhr. Sie errötete und wurde gleich darauf sehr blaß. „Ich wollte Ihnen Adieu sagen, und finde zu meiner herzlichen Freude, daß Sie jetzt ganz und gar ohne mich fertig werden können," sagte er lächelnd. „Sie find so sehr gut gegen mich gewesen," versetzte sie, „so gut, daß ich Ihnen nie genug dafür danken kann; ich verdanke Ihnen mehr als das Leben. Ich habe nicht gewußt, daß es so freundliche und gute Menschen wie Sie überhaupt in der Welt gäbe." Er sah ihr bewegt in die schönen, dunkelblauen Aucfen. Tausend Worte drängten sich ihm auf die Lippen; aber er äußerte kein einziges. Es verlangte ihn darnach, sie zu warnen, sie zu ermahnen, auf ihrer Hut zu fein, ihr zu raten, sich ihrer Schwester anzuvertrauen; und doch, gleich vielen anderen, die tief und warm fühlen, war er nicht imstande, auch nur ein Wort herauszubringen. So schüttelten sie sich nur die Hände und sagten sich stumm und schweigend Lebewohl mit den Blicken. Marian begleitete ihn zur Tür; dort wandte_ er sich nochmals und zögerte einen Augenblick. „Ich habe ja Ihre Adresse: 42 Bristol Terrace, Belgravia, nicht wahr? — Ich hoffe von Ihnen zu hören, daß Sie wohlbehalten wieder tn Ihrem Heim angelangt sind." „Ich werde nicht verfehlen, Ihnen zu schreiben," versetzte Miß West, und dann trennten sie sich. „Marian," sagte Evelyn, als sie zurückkehrte, „Du hast Dein Wort nicht gehalten; Du wolltest mir doch noch das Grab meines kleinen Toten zeigen. Oder gehen wir heute nachmittag noch hin?" Es war wohl nur vom Bücken, daß Marian, die gerade vor einem Koffer niedergekniet war und einpacken wollte, eine solche Röte ins Gesicht stieg. Jedensalls bemerkte Evelyn, deren Blick träumerisch durchs Fenster schweifte, nichts davon. „Richt jetzt," versetzte sie dann rasch. „Du bist noch nicht wieder stark genug, um Aufregung und Gemütsbewegungen zu ertragen. Der Arzt hat das auch noch soeben gesagt. Eines Tages kehren wir vielleicht wieder zurück, und dann sollst Du es sehen. Vertraue mir, Eve: ich habe nur Dein Bestes im Auge." Am nächsten Morgen verließen sie Abbotsvllle. Unverwandt haftete Evelyn's Blick auf dem alten spitzen Kirchturm und den grünen Bäuinen, bis sie in der blaiien Ferne verschivanden. „Marian," flüsterte sie, „ich erinnere nuch, diesen Kirchturm gesehen zu haben, als lvir mit dem Zuge ankamen lind als — ach! — mein Herz bis zum Tode betrübt war. Ich weiß noch, ich betete, daß ich sterben möge; ich hatte keinen anderen Wunsch mehr auf der Welt." Marians Stirn faltete sich streng. „Das ist das letzte Mal, daß Du diese kummervolle Vergangenheit erwähnst, hörst Du? Es soll ein weißes Blatt im Buche Deines Lebens werden, worauf nicht einmal die Erinnerung ein Wort lesen kann. Verabschiede diese Gedanken ein für alle Mal l Ich werde nie wieder ein Wort darüber erwähnenI" Und sie hielt Wort. Der Name Abboisville oder Dr. Rurke kam nicht mehr über ihre Lippen; es war, als ob nv» etwas von allem vorgefallen wäre« * Herzlich und warm wurden die Schwestern ,nieder zu K>ause begrüßt; doch mit großem Erstaunen vernahmen Wcst's alte Bekannten und Freunde alsbald, daß Marian ihr Haus zu verkaufen und London zu verlassen beabsichtige. Alle neu« gierigen Erkundigungen schnitt sie damit ab, daß sie angab, die schwächliche Gesundheit und Nervosität ihrer Schwester verlange ein mildes Klima und Wechsel der Umgebung. Ihr Plan stand fest, und um ihn.durchzuführen, mußte sie jegliche Spiir ihres früheren Lebens verwischen, das neue Leben vollständig von dem alten, von der Vergangenheit trennen und 546 keinen Schlüssel zu diesen Vorgängen Hinterlogen. Wenngleich sie Evelyn versprochen, nicht wieder über ihre unglückliche Heirot Fragen stellen und Klarheit über alles verlangen zu wollen, so beschäftigten ihre Gedanken sich doch in stillen Augenblicken noch unausgesetzt mit diesem rätselhaften Geheimnis. Aber bei allem Nachdenken über das Vorleben ihrer Schwester hatte sie auch nicht den geringsten Anhalts-' punkt für eine Erklärung dieser geheinmisvollen Ehe, die sie so sehr verblüfft, in Erstaunen gesetzt und alle ihre, früheren Zukunftspläne durchkreuzt und vereitelt hatte, zu finden vermocht. Eines Umstandes nur glaubte sie sicher zu.sein: — wie auch immer die näheren llinstände sein mochten die Sache mußte in London ihren Anfang genommen haben, denn Evelyn war bis zu einem kurzen Besuche im Norden des Landes kaum auf nennensiverte Zeit aus der Stadt gekommen. Sie erinnerte sich bei diesen Nückblicken auch, daß ihre cschwestcr eine große Neigung zu einsamen Spaziergängen gezeigt hatte; sie erinnerte sich vieler Fälle, wo Evelyn früh aufgestanden und in den Garten oder den Park gegangen war, und wo sie __ Marian — ahnungslos ihre Vorliebe für frische Luft und Morgenspaziergänge belächelt hatte. Wie die Sache also auch liegen mochte — jedenfalls war es, bis Evelyn ihr alles anvcrtraut haben würde, am besten und klügsten, sie sorgfältig im Auge zu behalten, so lange sie in London waren, rind im übrigen sie sobald ivie möglich sortzuschasfen. Vielleicht bemerkte Evelyn, beiß sie jetzt unter beständiger Aufsicht seitens ihrer älteren Schivester stand; doch machte sie keinerlei Bemerkung darüber. Als Marian sie ins Vertrauen zog und ihr mitteilte, daß sie das Haus verkauft habe und dec Abwechselung halber umherzureisen beabsichtige, erwiderte sie kaum etwas darauf. Eine Gleichgiltigkeit und Teilnahins- losigkeit, die durch nichts zu erschüttern schien, ivar über sie gekommen. Alles schien zu glücken, ivie Miß West es ivünschte und hoffte. Sie verkaufte ihr Besitztunr günstig, niachte einen Teil ihres Kapitals flüssig und begab sich mit ihrer Schwester auf den Kontinent. Von einem fashionablcn Badeorte gingen sie zum andern, und Marian beobachtete mit steigender Selbstzufriedenheit, wie ihre geliebte junge Schwester Gesundheit und Schönheit in höherem Maße beim zuvor wiebergewann. Heimlich sagte sie sich iviederholt: „Jetzt sinb ivir sicher, ganz sicher; Gott sei Dank! Mrs. Ford ist in Amerika; der Arzt hat mir sein eidliches Versprechen gegeben — und selbst wenn er cs versiichen wollte, die Bekanntschaft z>l erneuern und mir wieder mit unbequemen und unverlangten Ratschlägen zu kommen, so ivird er finden, daß ivir unser altes Heim verlassen haben, und wird seine Idee wohl oder übel auf- gebcn. Wegen alles übrigen kann ich ruhig sein. Jetzt kann ich ruhen, (Sott sei Dank I Wir sind in Sicherheit; die Ehre unserer Familie ist gerettet, dies dunkele Geheimnis ist tot imb begraben, und Evelyn wird aller Voraussicht nach noch ein glänzendes Los zuteil werden!" Einige Wochen waren vergangen, nachdem Dr. Rucke sich von den Schivestern verabschiedet hatte. Er hatte kaum Zeit gefunden, daran zurückzudenken, beim er war bet gesuchteste imb beliebteste Arzt von AbbotSville, und eine bösartig anftretende Epidemie im Städtchen nahm seine Zeit und Aufmerksamkeit Tag und Nacht in Anspruch. Endlich aber, als sein Weg ihn eines Morgens durch die Ripleystraße führte, ivo Mrs. Jefferies in einem netten, reinlichen Häuschen wohnte, erinnerte er sich plötzlich jener langen Unler- redung mit Miß West und seiner Absicht, nach dem Kinde zu sehen. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er das kleine Haus verschlossen und alles leer fand? Ec erkundigte sich bei den Nachbarn und erfuhr zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß Mrs. Jefferies Abbotsville verlassen habe. „Wie lange ist sie schon fort?" „Etivas über drei Wochen", war die Erwiderung. „Genau eine Woche nach der Abreise von Miß West", dachte der Arzt. Dann fragte er, wohin sie gegangen. Das ivußte niemand. Sie habe sich bei keinem ihrer Nachbarn oder sonstigen Bekannten verabschiedet. Eines Tages sei sie zu einem Althändler gegangen, habe alle ihre Möbel und Habseligkeiten verkauft, ihre paar Schulden bezahlt, und am nächsten Tage sei sie fort gewesen. Er fragte, ob vielleicht irgend welche Fremden sie besucht hätten; doch der Bescheid lautete auch hierauf verneinend. Es war nutzlos, weitere Fragen zu stellen; keiner ihrer Nachbarn oder Bekannten wußte etivas über ihren Verbleib. Dr. Nurke vergaß seiner Patientin in dec Ripleystraße und eilte zur Eisenbahnstation. Er wußte, Nirs. Jefferies ivar die junge Witwe eines Bahmväcters, der kurz vor An- kunft der beiden Schestern in Abbotsville verunglückt war und seine Frau mit einem ganz unmündigen Kinde zurück- gelassen hatte. Aus Mitleid und weil ihm die Witwe als herzensgut unb brav bekannt war, hatte er sie Marian West als Pflegerin für Evelyns Kiiid empfohlen; beim Evelyn hatte tagelang zwischen Tod und Leben geschwebt, soday man gezwungen gewesen war, das Kind einer Pflegerin und Amme zu übergeben. Alles dies stieg wieder mit greifbarer Deutlichkeit in der Erinnerung des Arztes auf, als er jetzt beflügelten Schrittes zum Bahnhofe eilte. Lange erkundigte er sich überall vergebens; endlich fand er einen Bekannten des verstorbenen Bahnwärters, der die Witwe hatte abfahren sehen, aber wohin, das wußte er nicht, und Dr. Rurkes weitere Bemühungen, es in Erfahrung zu bringen, waren sämtlich vergebens. „Das hat Miß West getan und niemand anders", murmelte der Arzt, als er langsam die Station verließ. Ec schrieb am selben Tage noch an die ihm ansgegebene Adresse in London, von wo aus Marian West ihm kurz und höflich, ihrem Versprechen gemäß, ihre glückliche Ankunft mitgeteilt hatte, erhielt aber nach wenigen Tagen seinen Brief als unbestellbar zurück mit dem Vermerk: „Verzogen von 42 Bristol Terraee, Belgravia, wohin unbekannt". Ec erfuhr auch nichts weiter mehr über den Verbleib der beiden Schwestern; sie waren so vollständig und spurlos von seinem Lebenswege verschwunden, als ob sie ihn nie gekreuzt hätten; und'cs gab später Augenblicke, wo ec sich versucht fühlte, zu fragen, ob nicht alles ein Traum gewesen. Unterdes frohlockte Marian West über den Erfolg ihres Planes und sagte sich wohl hundertmal des Tages mit Befriedigung, daß sie sicher seien. — Und Monde und Jahre rollten dahin, und die Erinnerung an die Vergangenheit verblich und entschwand im Strome der Zeit. — Ende der Einleitung. (Fortsetzung folgt.) Kus deutschen Aeitschrifie». Mis dem „Kriegstag ebnch e des General- leutnants Kurt vvn Eins iedel" bringt das August- heft von „Nord und Süd" (Breslau, Verlag von S. Schottlaeuder) einen weiteren Abschnitt „Bor Paris", der die Zeit von Anfang. Dezember 1870 bis Anfang Januar 1871 schildert. An dieser Stelle wurde schon einmal auf die anschauliche Kraft und eindringliche Schlichtheit dieser Kriegstaaebuchblätter hingewiesen. Einsiedel schildert nicht nur als Militär, sondern auch als Zuschauer und Mit- erleber von rein menschlichem Standpunkte. Das erhöht das Interesse. Wie. lebendig zeichnet er z. B. seine Erlebnisse in Noisy-le-grand: „Es war Nacht — etwa 7 Uhr —> als wir hinter Noisy-le-grand anlangten, welches von uns besetzt werden sollte. Bor dem Dorfe wurde aufmarschiert und" unbedingte Ruhe und Stille anbesohlen, selbst das AUzünden von Schwefelhölzern verboten, da der Ort des Nachmittags vom Avron lebhaft beschossen worden war und die feindlichen Vorposten in der nächsten Nähe standen... Ich beobachtete die Lage eine Zeitlang von der Gartenterrasse des Schlößchens ans, welches die Offiziere des Repli in Beschlag nahmen, und entdeckte hierbei, daß dieser baumarme Garten, der die Rückfront des Gebäudes gegen den Adron vollständig! frei ließ, eine große Zahl Granatlöcher aufwies, die sich bis an das Haus erstreckten, —। — 547 — i l uns Deutschen eine künstlerische Tradition fehlt. Wie anders ist das in Frankreichs in England, in Holland und auch in dem kleinen Dänemark! Da gibt es kein Herumtasten, kein Experimentieren, kein unsicheres Suchen und keine so stillosen Entgleisungen, wie wir in der deutschen Kunst ihnen gar so häufig begegnen. Ter ununterbrochene Entwicklung^, sträng einer alten Kultur hgt Len Franzosen und Engländers vor allem eine stupende, eine nie schwankende Sicherheit in Geschmacksfragen übermittelt. So waren und find Frankreich und England uns vornehmlich durch die Gleichmäßigkeit ihrer künstlerischen Kultur überlegen. Diese Gleicch niäßigkeit in der kulturellen Entwicklung hat das hohe Geschmacksniveau bestimmt, das wir nicht nur unter den Schaffenden, sondern auch unter den Genießenden wahrnehmen. Ein Blick auf die Bücherproduktion und in die Sammlungen der Bibliophilen dieser Länder liefert uns den Beweis für diese Behauptung." Einen rapiden Aufschwung hat aber der deutsche Buchschmuck in den letzten 6—8 Jahren genommen. Schulz, Rezniceck, Georgi, Münzer, Thoeny, Heine, Bruno Paul u. a. haben Schule gemacht, und Buchumschläge, wie sie jetzt die Verleger Albert Langen, Schuster u. Löffler, S. Fischer, Fontane u. Co., Egon Fletschet u. Co., Eugen Tiederichs, der Jnselverlag u. a. herausbringen, können an Charakteristik oder Schönheit wohl mit Ehren neben fremdländischen Erscheinungen bestehen. ein Zeichen, däß es ivohl üur ast der mstngelnden Uebung gelegen hatte, wenn das' letztere nicht schon gestern der Zerstörung verfallen war . . . Aw 5. Dezember begann der Tag kaum zu grauen, als plötzlich eine furchtbare Explosion erfolgte, die das Haus in seinen Grundfesten erschütterte, — die erste Granate von Ävron, welche die Mauer des Hauses auf der Gartenseite durchschlug. Eben sprachen wir uns darüber aus, daß es notwendig werden würde, unseren Aufenthalt zu verlassen, als ein zweites Geschoß durch den Nebenraum fuhr, in dem ich mich befand) und mit solcher Gewalt krepierte, daß alle Fenster des Hauses in tausend Stücke flogen. Nun sprangen auch die letzten jungen Schläfer auf und es ging an ein schnelles A!uf- brechen und Räumen . . . Den Franzosen war es offenbar geglückt, unser als Ziel genommenes Schlößchen nunmehr sicher zu fassen. In dieser Voraussetzung war bereits ein guter Keller für unseren etwaigen Rückzug ausgewählt worben, den wir jetzt aufsuchten . . . Der Umzug war kaum bewerkstelligt, als das soeben verlassene Schlößchen Feuer fing und die Flammen hoch emporschlngen und sich weiter zu verbreiten drohten. Ich beobachtete den Brand, als Unteroffizier Junge, mein Bataillonsschreiber, von dem Hause herkaiu und einen Soldaten mitbrachte, welcher am Kopfe verwundet war. Ich hieß ihn, sich in Sicherheit zu bringen und den Verwundeten vonl Arzte, der sich bei mir befand, verbinden zu lassen. Dies geschaht — als ich jedoch kurz darauf mit Adjutant Baumann in den Flur trat, stand Junge und der ebenfalls ins Bataillonsbureau konimandierte Gefreite Neumerkel im Begriff, das Haus wieder zu verlassen. Ich befahl ihnen, zu bleiben und in den Keller zu gehen. Ist demselben Augenblicke erfolgte eine ungeheure Detouation, Schuttmassen stürzten herab, und ein undurchdringlicher Kalkstaub und Qualm erfüllten den Hausgang. Selbst zurückprallend, sah ich nur noch meinen Adjutanten zur Seite springen. Wie wir dann hinzueilten, erblickten wir in der langsam sich erhebenden Rauchwolke zwei" Gestalten am Boden liegen: Junge regungslos, Neumerkel sich wieder emporwindcnd. Dr. Franke erklärte, daß der erstere, dem der Hinterkopf eingcschlagen War, nur noch wenige Minuten zu atmen habe. Neumerkel hatte nur Kontusionen erlitten und wurde in den Keller geschafft. Ich bedauerte diesen Tod besonders um deswillen, weil Junge, der mir persönlich sehr ergeben war, sowie der Wirtschaftsfurier Sergeant Liebscher, als Leute der Feder, welche ihren im Felde oft schwierigen Dienst mit größter Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit versahen, stets von mir außerhalb des Feuers gehalten worden Waren. Daß sie sich jetzt bei mir befanden, verschuldete das außergewöhnliche, unvorhergesehene Verhältnis. Jstnge hatte sicher eine Unvorsichtigkeit begangen, die ihm verderblich wurde; andererseits mußte ich mir aber sagen, daß ihn dieses Schicksal vielleicht nicht ereilt haben würde, wenn ich ihn nicht angehalten hätte, sondern dahin gehen lassen, wohin er wollte. — Die Granate — eine viernndzwanzigpfündige — war in einem sehr steilen Bogen durch die Decke der Hausflur geschlagen und hierbei explodiert. Mehrere heiße Stücke lagen noch umher; es war Bestimmung gewesen, daß sie nicht mich oder Baumann getroffen hatten. — Junge wurde beiseite gelegt und starb in wenigen Minuten. Das „Gewand des Buches" betitelt sich ein illustrierter Astfsatz vou Otto Grautoff im neuesten Heft des „Literarischen Echo" (Verlag Egon Fleische! ii. Co., Berlin). Es ist eine bekannte Tatsache, daß der deutsche Buchhändler viel später als. seine ausländischen Kollegen zu der Einsicht kam, daß es denn doch nicht gleichgültig sei, in welchem äußeren Gewände man ein Buch „auf den Markt wirft". Man vergleiche nur die nüchterne, ja geschmacklose Ausstattung der Umschläge der deutschen Bücher bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein mit den gleichzeitig erschienenen Bänden französischer oder englischer Verleger. Erst in dieses Jahrzehnt fallen die ersten Versuche deutscher Herausgeber, auch deutschen Büchern ein geschmackvolleres Gewand zu geben. Die eigentliche Reformbewegung nach dieser Richtung aber setzte erst vor ungefähr 12 Jahren ein. ,,'Astf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 wurde zum ersteumale ein Ueberblick über die moderne deutsche Buchkunst gegeben, und gleichzeitig hatte man dort Gelegenheit, die deutschen Leistungen an denen des Auslandes zu messen. Wie auf allen Gebieten der bildenden Künste nahin man auch im Buchgewerbe währ, wie sehr Aufgaben des modernen Theaters. Unter diesem Titel ist die n e u e st e Arbeit von T^. Karl Hage mann als 17. Band der von ihm im Verlag Schuster und Löffler, Berlin, herausgegebenen Monogra- phiensamMlung „Das Theater" erschienen. In Kürze, die nicht ohne Würze ist, gibt Dr. Hagemanst die Quintessenz seiner Dramaturgie. Er zeigt zuerst das Theater im ganzen Bereich der Kunst, dann int Verhältnis zu den anderen Küsten. Seine Kunstanschauung ist, wie man weiß, vornehmlich aus Schopenhauer-Wagners Werk erwachsen. Mit diesem fordert er: Durch Kunst zunr Leben, zu einem höheren, würdigen, menschenwürdigen Leben und für diese Aufgabe so recht passend, als die höchste, weiteste' und allgemeinste Machtsphäre des schaffenden Künstlers erscheint ihm das Theater. Das Pandämonium der Bühne überschätzt Hagemann aber nicht. Er gibt die herbe Kritik der deutschen Schau- bühne, wie sie heute im Durchschnitt ist, und charakterisiert sie als Kulturmacht: die Bühne „für das Spiel und Widerspiel menschlicher Leidenschaften, für das Austragen mensch- lich bedeutsamer Probleme." Daß es heute so zum besten mit dem Theater steht („auf der Bühne und im Parterre Kulturmenschen, besser: Zeitmenschen"), glaubt auch Hagemann nicht. Im Gegenteil. Er hebt ihre wirtschaftlichen und ästhetischen Mängel nochmals hervor und bemerkt nebenbei: der Theaternarren sind Legion. Danach schließt er dies programmatische Kapitel: das moderne Theater kann heute gewiß nicht als der Kulturmittelpunkt bezeichnet werden, aber es bedeutet doch eine nicht ohne weiteres weg zu denkende Macht, die man „mit etwas Beharrlichkeit und viel Energie, mit etwas diplomatischem Geschick und viel gutem Willen, besonders aber mit organisatorischem Talent und einer verzweigten Kenntnis des künstlerischen und geschäftlichen Betriebes, mit etwas historisch geschulter und kulturfroher Einsicht und viel Selbstlosigkeit unschwer in den Dienst wahrer Kultur stellen könnte." „Ich jedenfalls glaube sicher an die Möglichkeit einer Theaterreform'. Sie kostet allerdings Schweiß — aber sie scheint mir des Schweißes wert". Diese Gedanken haben heute alle Besseren; diese Intentionen aber hat ein Intendant. * Man erkennt, wie Hagenrann das Wesen der ernsten Schaubühite auffaßt. Er will dem Volk die künstlerische Unterhaltung und das Theater als Zeitvertreib absolut nicht nehmen. Aber der Geschmack der Menge — die Schrift wendet sich mit einem samosen Enthusiasmus gegen die „Philister", die in unseren Kritiken als kompakte Masse eine bekannte und geschätzte Rolle spielen, und proklamiert mit schönem Eifer, herrschen aber inuß auf der Bühne eine künstlerische Persönlichkeit. Er wünscht nun diesem Leiter seines modernen Theaters als Prinzip der Reform: „Die ernste Bühne der --- 648 — Stadl nmß ihren reine n Geschäftscharakter verlieren, das heißt, sie muß tatsächlich zu einer städtischen Schaubühne werden. Die Reform des modernen Theaters sollte deshalb überall' damit beginnen, daß die Gemeinde alleinige Besitzerin des Dheatergebäudes und des gesamten Fundus wird und einen gut besoldeten, künstlerisch gebildeten und damit dann verantwortlichen Leiter des städtischen Theaterwesens als Intendanten bestellt, der die nötigen Bühneukräfte im Namen der Stadt zu verpflichten hat." Auf diesem Grund will Dr. Hagemann bas deutsche Nationaltheater („national" kulturell verstanden) aufführen. Seine Aufgabe ist: die gesamte Bühnenkunst zur Darstellung von rein menschlich bedeutsamen Kunstwerken heranzuziehen. Und was soll dargesteilt werden? „Was wir brauchen und wünschen, ist eine Bühne der Lebendigen. Das moderne Theater soll uns die Meisterwerke aller Zeiten und Völker darstellen — natürlich in einer für jede Spielzeit folgerichtig angelegten geschmackvollen Auswahl. Es soll aber ferner auch eine Bühne der Lebenden sein und damit die -Möglichkeit bieten, daß schon die Mitwelt bis zu gewissem Grade erkennen kann, was von den Schöpfungen der Gegenwart voraussichtlich Anspruch hat, dermaleinst zu den lebendigen Werken mll Ewigkeitswert und Ewigkeitsdauer zu gehören. Das moderne Theater muß Platz für die Kunst und für das Kunstwollen der Werdenden, Ringenden haben. Es muß regelmäßige Versuche anstellen und somit ein Stiick freie Bühne sein. Denn es erreicht dann gleich Dreierlei: es verschafft den Dichtern Gelegenheit, ihre Werke zu sehen und an ihren Fehlern zu lernen — es gibt dem Publikum Aufschluß über die künstlerischen Absichten der Zukunftsfrohen — und es stellt den Bühnenkünstlern neue Aufgaben und damit die nötigen Bedingungen zu neuen Taten." VesmiMLes. * Handelsgeschäfte mit Negern. Mit Ausnahme der zivilisatorisch wvhl am höchsten stehenden Kolonie Tentsch-Ostafrika herrscht in unseren afrikanischen Besitzteilen noch immer der Tauschhandel vor. Die deutsche Negierung hat zwar, erzählt D. Kürchhoff in einem -lesenswerten Aufsatz über „Das Geld in den deutsche-afrikanischen Kolonien" in der Leipziger Wochenschrift „Welt und Haus", schon im Jahre 1884 mit der Einführung der deutschen Reichswährung begonnen, aber das Geld hat sich noch nicht recht einzubürgern vermocht. Darüber wenigstens haben sich beide Teile — die Eingeborenen, wie die kolonisierenden Gesellschaften — längst geeinigt, daß bei der Mannigfaltig-- kett der europäischen Tauschgegenstände ein bestimmter Wertmesser nötig sei, und ein solcher Wertmesser ist das Kru geworden. 'Ein gewisses Gewicht Elfenbein und ein gewisses Maß Palmöl, etwa 40 Kilogramm betragend, wird als Kru gerechnet, und diesem entspricht wieder ein Kru Waren, deren Wert ungefähr 20 Mark Verkaufspreis an Ort und Stelle, tatsächlich also etwa 13 Mk. beträgt. Ter Inbegriff der Waren, aus denen sich ein Kru zusammensetzt, ist je nach den Gegenden und dem Gegenstände des Kaufes usw. verschieden. Hauptsächlich kommen als Waren in Betracht: Stoffe von den feinsten bis zu den elendsten bedrrickten Kattunen, Messingringe, Rasiermesser; sehr viel verlangt wird Salz und Tabak, besonders langblättriger Kentuckytabak. Da dieser als Schnupftabak benutzt wird, so dürfen Schnupftabakdosen nicht fehlen, uitb für diese hat sich bereits eine ganz bestimmte Form eingebürgert: Keine runde Dosen, ähnlich unseren Nellendosen, deren Teckel aber -den Kopf der Königin Viktoria zeigen muß. Ferner werden von den Eingeborenen genommen Glasperlen der verschiedensten Farben und Größe, sowie falsche Schmuck- gegenstände. Man darf aber nun nicht glauben, daß die Neger sich ohne weiteres irgend etwas anhängen lassen; sie wissen sehr gilt, was für sie reellen Benutzungswert hat, und wenn sie sich gelegentliche einigen Tand kaufen, so geschieht dieses nur mit der Absicht, durch Geschenke die Gunst ihrer Schönen zu erlangen. Tie Möglichkeit, einen gewinnbringenden Handel abzuschließen, besteht für den Europäer nun darin, daß der die einzelnen Kru zusammensetzende Kaufmann unter Berücksichtigung der verschiedenen Marktverhältnisse, der Preisschwankungen usw. draußen und in der Heimat ihm möglichst billig zustehende Knt zusa'mmensucht'. D-ab'ei ist aber zu berücksichtigen, daß der Neger lange feilscht und sehr viel Schlauheit entwickelt, uni einen möglichst hohen Preis zu bekommen. Hat map sich nach langem Feilschen aus eine bestimmte Anzahl Kru für die gelieferten Produkte geeinigt, so geht es an das Aussuchen der Waren. Da gefällt nun bald dieses, bald jenes Muster dem Neger nicht, bald jene Farbe in den- Baumw-ollenstoffen; hat er zuerst Zeug genommen, so will er nachher Eisenwaren. Später möchte er letztere wieder durch Tabak oder Perlen ersetzen. Alles wird aus das Genaueste untersucht, und auch nicht der geringste Makel wird- übersehen. * „Die Bauern", sagte die holde Besucherin aus der Stadt/ „sind genau so unehrlich wie die Milchleute in der Stadt". —: „Wie kommen Sie auf den Gedanken?" fragte ihr Wirt. — „Nun, ich sah, wie Ihr Knecht heute morgen allen Kühen erst Wasser zu faufen gab, ehe er sie molk." (Cleveland Plain Dealer.) —• Eine neue Reihe interessanter Erscheinungen bietet die Juli-Serie der bekannten Bibliothek der Gesamtliteratur (Verlag von Otw Hendel, Halle a. S.), die diesmal mit einem Lustspiel des dänischen Dichters Ludwig Freiherrn v. Holberg und. zwar mit seinem fünfaktigen, von Dr. G. Herberich übersetzten „Politischen Kannegießer" (brosch. 25 Pf.) beginnt. Das mit scharfer Satire das wichtigtuende Bierbankpolitikertum geißelnde Stück steht den bekannten modernen Lustspielen ist nichts nach. — Dem Dänen schließt sich der englische Romantiker. Thomas Moore mit seiner besten poetischen Schöpfung „Lallst Rukh" (brosch. 75 Pf.) an. Kein zweiter Dichter hat uns so. intim vertraut gemacht mit der bunten, schillernden Märchenwelt des Orients, mit dem farbenprächtigen Traumreich der! Romantiker, wie Moore. Der quellende Reichtum der Phantasie, die weiche, poetische Schönheit der Berssprache in der formvollendeten Uebersetzung de la Motte Fouquss wird der poesievollen Dichtung auch in unserer Zeit wieder die Anerkennung verschaffen, die ihr gebührt. — Weiterhin folgen: Gustav. Schwabs Deutsche Volksbücher, Band 3: „Die vier Heymonskinder"; Band 4: „Die schöne Melusina"; Band 5: „Herzog Ernst" — „Die schone Magelone" (sämtlich pro Band brosch. 25 Pf.) und als Schluß eine farbenprächtige, glühende Schilderung amerikanischen Lebens, die manche Streiflichter auf politische und soziale Zustände der großen, transatlantischen Republik fallen läßt, nämlich Charles Sealsfields „Nathan, Der Squatter-Regulator" (brosch. 75 Pf), eine sich durch Feinheit und Schärfe in der Charakteristik auszeichnende Erzählung, die gerade in unseren Tagen besonders interessieren dürfte. Musik. — Musik für Alle. Das im Verlage von Ullstein u. Co. Berlin, zum Preise von 50 Pf. erschienene Heft 23 der bekannten Notenbibliothek beginnt mit einer Flöten so nate Friedrichs des Großen, die sowohl durch ihren originellen musikalischen Gehalt, als auch durch die Persönlichkeit des Komponisten besonderes Interesse erregen dürfte. An den großen. Preußenkönig schließt sich ein lebender Hohenzollernprinz an/ der eine beachtenswerte musikalische Begabung zeigt, Prinz Joachim Albrecht mit einem Menuett aus dem Ballett „Im Manöver". Den wundersamen Eindruck einer mondbestrahlten Sommernacht im deutschen Walde, all das geheimnisvolle Runen und Flüstern schildert Mendelssohns „Notturno" aus dem Sommernachtstraum. Georg Schumann, der Dirigent der Berliner Singakademie, ist mit einem anmutigen Lied „Vergißmeinnicht" vertreten, Gustav Lazarus, der Leiter des Bres- lauerschen Konservatoriums, mit einem an Chvpinsche Art gemahnenden „Präludium". Leichte, gefällige Musik bietet das kleine Klavierstück „Froher Sinn" von Fnhrmeister und die „Luella Tirolienne" von W. Mletter. In die Blütezeit der Cabarets führt Georg .David. Schulz mit seinem. Lied, vom „Meißner Figürchen"» _'4_j _i_j j Rätsel. Nachdruck verboten. Nimm einem Mädchen den Kopf und setz' statt des Fußes zwei Zeichen: Meister der Töne bin ich, in Ungarn stand meine Wiege. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer: E G G E G L A 8 G A N 8 E 8 8 E Redaktion: Ernst ße6. — Rotationsdruck und 23erlern der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Dießen»