T am ßWKfe Wj^WsM^W M » II kd «II «Hßs DU Stejalycj iÄM^WW» Der Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Ahntest du es? Wußtest du cs? Ich hielt an mich, mn dich nicht zu erschrecken, um meine weiße Taube nicht scheu zu machen und mißtrauisch. Aber ungern nur ließ ich dich ziehen I Und ich konnte es nicht begreifen, weshalb du so dringend wünschtest, daß ich nicht nach Berlin käme, um Zeuge deines hiesigen Auftretens zu sein. Jetzt verstehe ich e§!" Mit einer mechanischen Handbewegung hatte sie die im Bereich ihrer Hand befindliche Schraube der elektrischen Beleuchtung aufgedreht. Hell flammte das Licht empor und warf aus bläulichen Glasglocken einen magischen Schein durch das Zimmer. Der Holzstoß im Karnin war verbrannt und sank zu ergrauendem Aschehäuslein zusammen. Ein alterndes, schläfriges, müde gewordenes Lcbens- restchen. Der Schneefall draußen wurde immer dichter und stärker. Es Ivar, als wollten weiße Vögel durch das breite Fenster ins Zimmer hineinflattern. Er trat vom Kamin fort, zog die Vorhänge zusammen und setzte sich dann in ihrer Nähe nieder. „Hörst du mich?" Der weiche Ton, mit dem er diese Frage aussprach, wirkte besänftigend auf sie. Wie hätte sie ganz und gar vergessen dürfen, was sie ihm schuldete? Heute, hier, nach den Triumphen der letzten Tage. „Ich t)öre", erwiderte sie leise. „Und willst du mich hören, Della?" Ein Flehen war in seiner Stimme. Etwas Beschwörendes, Geheimnisvolles, Trauriges. „Ja!" antwortete sie und blickte ihn an, während wiederum ein unsäglich beklemmendes Gefühl sie durchdrang. „Von jäher Unruhe erfaßt, reiste ich dir nach. Besinnungslos, nur beherrscht von meinen heißen, stürmenden, drängenden Empfindungen. Und so ließ ich mich hinreißen, dir zu schreiben — jenen Brief, dessen ich mich schäme!" Und wieder stieg in ihr der bittere Gedanke auf: „Komödiant!", wieder gab ihr dies die Selbstbeherrschung zurück. Sie fühlte, daß er lüge. Langsam schlich der Ekel durch ihre Seele, und dann erfaßte es sie mit Entsetzen, daß sie in seiner Gewalt ge- wesen, so lange, so tief, so — rettungslos l „Und nun hier! Ich war eifersüchtig, rasend, törichl fuhr er fort, „von einer Furcht erfaßt, über die ich mir Fe: Rechenschaft zu geben vermochte. Unter diesem Eindruck staV. unsere erste Begegnung in Berlin. Wie du so fremd und kühl und ruhig zu mir kamst, im väterlichen Schutz, du zu mir — der sich solange fast wie dein Vater betrachtete, bis er plötzlich gewahr wurde, daß er jung sei, o, so fürchterlich jung, so wunderbar jung!" Wie in Verzückung blickte er vor sich hin, als hätte er alles um sich her vergessen, ganz hingegebcn seinen schwärmenden Gedanken. Sie sah ihn an und fand ihn alt und schlaff, während er von seiner Jugend sprach. So fahl und verzerrt das Antlitz, die tiefen, scharfen Linien wie eingeätzt. Die Inschrift der Leidenschaften, die sein Inneres schon durchwühlt haben mochten. Früher war ihr dies nie aufgefallen. Solange er nicht mit diesen Wünschen ihr nahte, solange sie in ihm mir den Meister sah, der ihren Geist formte, ihre Anlagen aus- bildcte, den Künstler, den sie bewunderte und verehrte. — Auf der Bühne erschien er schön und heldenhaft und groß, wie er Charaktere schuf und die Gestalten der Dichter nachempfand und nachbildete bis in die letzte Faser ihres Seins Wie oft hatte sie das begeistert und hingerissen — und plötzlich wurde cs hell in ihrem Geiste, und sie erkannte, daß der Ausdruck dieser wechselnden Gefühle ihm immer zu Gebote stände und daß er ihn auch anwende um seiner persönlichen Zwecke willen. Pose, Heuchelei! Wie er dort vor ihr stand und sein Liebesleid mimte, wie er Leidenschaft tragicrte und den Schein der Jugend heuchelte und männlicher Kraft. Da trat wie mit einem Zauberschlagc die Männlichkei» vor sic hin, wie sie sie vor einigen Tagen gesehen, jung, stark, wahrhaftig. Nur einen Augenblick war es, wo sic dies empfunden hatte. Hans Hübner hatte ihr dieses Gefühl gegeben, als er ernst und würdevoll und in junger Lebenskraft vor ihr stand und sie ansah mit liefen, warmen Blicken, als wolle er ergründen, ob sie noch dieselbe sei, die er daheim gekannt hatte. Aus dem kleinen Bernstadter Kreise hatte sie einzig Hans Hübner in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen. Vielleicht war darum der Eindruck so stark, den er auf sic machte, ohne daß sie sieh dessen überhaupt bewußt war. Aber jetzt wurde es ihr klar, als der andere mit so großen Worten zu ihr sprach. Sie fühlte, daß es wirklich nicht der Worte be- — 478 — dürfe, um seine Empfindungen aiiZzubrücken — ein Blick genügte, wenn dieser Blick eine reine Seele widerspiegelte, ein wahres innerstes Gefühl. Wie ein Freudenquell sprang dieser Gedanke in ihr auf. Das gab ihr Zuversicht und Mut. Sie ivollle der peinlichen Situation ein Ende bereiten, und da. er noch immer schwieg, während diese Vorstellungen an ihr vorüberzogen mit der Schnelligkeit sich jagender und haschender Gedanken, sagte sie langsam: „Ich beivundere, daß Sie so viel Jugend sich bewahrt in einem Leben, das so schrecklich alt macht." „Della", fuhr er auf, „du verhöhnst-mich!" „Sie? Ich bin es, die sich müde fühlt! Ich gehöre ja auch dazu . . ." erwiderte sie mit schmerzlicher Bitterkeit. Ein höhnisches Lächeln zuckte durch seine Mienen. „Gottlob, ja! Das tust du, unb glaube mir nur, die Kunst läßt niemand frei, der sich ihr geweiht — niemand, mit eisernen Klammern ,hält sie ihn fest, sie hat scharfe Waffen, um den Lauen, Ziveifclsüehtigen zur Unterwerfung zu zwingen. Ehrgeiz, Eitelkeit, Streben, Begeisterung, Erfolg, Triumph —- Sieg. Das ist wie ein Rausch, wie ein Zauber, dem man nicht entrinnt — lauter starke, gewaltig gesteigerte Gefühle ■— aber sie halten, halten!" Wenn ec recht hätte? „Und wir sind gewissermaßen Verbündete. Unser beider Schicksal ist die Kunst! Wohl uns, wenn wir uns noch etwas Persönliches für einander retten." „Aber ich ivill nicht", rief sie angstvoll. „Du mußt!-" Er trat ganz dicht an sie heran und mit dem ge- däuipften Ton, der aber in leidenschaftlicher Erregung bebte,, sagte er. „Was ist über dich gekommen, Kind? Hier, wo du den Zenith deines Ruhmes erreichst, erfassen dich kleinliche Bedenken, sentimentale Regungen. Ist es die dumpfe, enge Heimatslust, die mit all dieser Gevatterschaft auf dich cin- braug? Die Familie taugt einem Künstler schlecht. Die Tanten und Basen und Jngendgespielen und alten Verehrer, die wohl sehr gern neue werden möchten." Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, mie sie ihn haßte für diese Worte, vielleicht hätte er innegehalten. Aber sie saß mit herabgeneigtem Kopf, sodaß er ihr Gesicht nicht sehen konnte imb den Ausdruck von Qual und Bitterkeit, der darin stand. Die Hände ruhten lässig ineinander gefaltet auf ihrem Schoß, und wie jemand, der ein Verhängnis nicht abivehren kann, ließ sie den Strom seiner Rede über sich hinfluten. „Solange du meinem Einfluß dich unterwarfst, meinen Rat befolgtest, stiegst du empor — aufwärts, höher, immer höher — soll jetzt der Flug erlahmen? Wenn du auf längere Zeit in dein Elternhaus zurückkehrst, so legt sich diese Engnis bedrückend auf deine Seele und bindet dir die Flügel, die dich hinauftrugen zu den Sonnenhöhen des Ruhms. Ein Künstler muß frei sein, im Sonnenschein muß er leben, Licht und Wärme müssen ihn durchgluhen. Die Schatten dürfen nicht auf seinen Weg fallen, die in engen Lebenskreisen so groß und breit werden! Du siehst es ja an dir selbst, Kind! Als ich energisch forderte, daß in den ersten Jahren deiner Künstlerlanfbahn nichts deinen Pfad kreuzen dürfe, woran dein allzu weiches Herz dich mit tausend Fäden band, da wußte ich wohl, was ich wollte. Stark wollte ich dich machen und frei von Rücksicht, die für die Herde nottut, damit sie sein beisammen bleibe und nach einer Pfeife tanze —. wir andern — wir brauchen das nicht! Wir andern — wir wenigen! Und zu ihnen sollst du gehören! Fühlst du es beim nicht in dir, jenes Göttliche der Auserwählten? Dein .einziges Talent hat dich zu uns gewiesen! Als ich dich zum ersten Male sah, damals vor der Madonna, da stieg es wie eine Vision in mir auf — das ist wie eine Begnadete, und wie ich daran glaubte — du weißt es!" Ja, sie wußte es. Wie er sie dann an sich gezogen, eingefangen, gefesselt — alles im Namen der Kunst! Und wie er sie geleitet, jeden ihrer Schritte bewacht und sie geführt hatte bis heute, bis hierher! „Aber nicht weiter . . . nicht weiter!" stöhnte es in ihrem Innern, ohne daß sie ein Wort hätte herausbringen können. „Du warst gelehrig und deine künstlerische Seele war reif für die heilige Empfängnis, so wurdest du, was. du bist — eine Madonna!" Sie schrak empor. „Lästern Sie nicht!" rief sie in heißer Empörung. „Ach, Täubchen, sei nicht so konventionell", lachte er und zeigte für einen Augenblick sein wahres Gesicht. Sie rang nach Fassung. „Diese Episode hier wird vorübergehen . . . dein Vater, deine Verwandten, deine Grafen werden zurückkehren zu den heimischen Penaten, du wirst dich wiederfinden, diesen Heim- wehdusel verschlafen und mit Hellen Augen um dich blicken. Dann lachst du selbst über diese Sentimentalität, über diesen Irrtum, der dich glauben machen wollte, deine Heimat sei in den Niederungen, im kleinen Tal, wo die Ströme des Lebens verebben und die Tümpel entstehen, in denen die Kleinlichkeit, die Vorurteile, die — Beschränktheit sumpfen mit ihren atembeklemmenden Dünsten. Dort bauen die Störche ihr Nest, du aber sollst auf den freien Höhen wohnen, unter dir all das Kleine, Dumme, unter dir die Sonne! Die Sonne, die nur uns gehört, uns Sonnenkindern des Glücks, Lieblingen der Kunst!" Es lag etwas Berauschendes in seinen Worten. (Fortsetzung solgt.) Kine SluLi-nre-se nach Trier. Von Karl Neurath. III. Ter Nachmittag des zweiten Tages galt ausschließlich der Besichtigung der reichhaltigen keramischen Abteilung des Provinzialmuseums. Die Besichtigung des Kaiserpalastes hätte sich zwar daran anschließen sollen, mußte aber wegen eines heftigen Gewitters unterbleiben, wenigstens für die Mehrheit der Reifenden. Im Provinzialmuseum hielt Prof. Fragendorff einen Vortrag über römische Keramik, der eine Fülle von Anregungen und Vergleichen brachte, und den Beweis lieferte, daß unsere heutige Töpferei kaum auf einer höheren Stufe steht, als die der alten Römer. Früchte als Messerhalter, Flaschen in Form, von Tieren, wie Kamelen, Vögeln nsw. waren den Römern ebenso gebräuchlich wie uns. Künstlerische Eßbestecke mit zierlichen Ornamenten und Figuren zierten ihre Tafel; wir haben öde Weiße Schüsseln ober vielleicht auch einmal eine Schale, die man als den Tummelplatz eines verrückt gewordenen Malerpinsels an- sehen könnte. Glücklicherweise ist das ja nur vereinzelt, aber es ist eben mit Naturnotwendigkeit vorhanden. Erst die jetzige Kunstbewegung bringt darin eine Aenderung. Allerdings gibt es noch viele Leute, die den „modernen Stil", der sich mit der Zeit Wohl zum Stil ausbilden wird, für verrückt erklären — leider. Sie übersehen dabei, daß Uebertreibungen notwendige Entwicklungserscheinungen sind, und verkennen vollständig die Bedeutung ihrer Zeit. Wir haben es ja zwar noch nicht herrlich weit gebracht, aber ein gutes Stück Weg sind wir doch vorwärts gekommen. Jeder Künstler aber ist ein Stück Kunstgeschichte für sich; für ihn spielt nur die Entwicklung seiner Kunst eine Rolle. Und wenn nun auch die Römer schon so manches hatten, was wir auch haben — so ist das doch kein Grund, der uns niederschlagen könnte. In der keramischen Abteilung finden sich auch eine Anzahl alter Gläser und Flaschen, die uns das Bild von der hohen römischen Kultur vervollständigen nnd uns auch einen Einblick in die Körper- und Schönheitspfleoe der römischen Frauen gestatten, die an Künstelei und Natur- entstellung nicht hinter der Zeit des Rokoko zurücksteht. Unter diesen „Schönheitsmultiplikatoren" kann man' auch einige hübsch verzierte Glaskugeln sehen, die eine winzige Oeffnung ausweisen, lieber ihre .Verwendung ist uns leider nichts bekannt, vielleicht enthielten sie wohl-i 479 riechende Flüssigkeiten — vielleicht hatten sie auch einen ganz anderen Zweck als den angenommenen. Des Regenwetters wegen wurde der Kaiserpalast nur von einigen Herren besuchst die allgemeine Besichtigung fand am anderen Morgen statt. Dagegen vereinigte man sich am Wend zu einem fröhlichen Kommers auf dem Weißhaus, das etwa eine halbe Stunde von Trier moselabwärts auf der Höhe liegt und einen prächtigen Fernblick bietet. Langsam versank Trier mit seinen sieben Kirchtürmen in der Abenddämmerung und nur die langen Lichterreihen der Straßen zeigten die Nähe der Stadt an. Zu dem Kommerse, der auch von wenigen Frauen besucht war, hatten die Professoren in liebenswürdigster Weise „den nötigen Stoff geschmissen", und unter der schneidigen Leitung des ältesten Semesters, Herrn Prof. Bethe, verlief er in der denkbar besten Stimmung. Spät in der Nacht erfolgte der schwankende Heimgang. — — — In der Frühe des nächsten Tages begann die Besichtigung der in der Mitte des 4. Jahrhunderts erbauten römischen Bäder, deren Grundmauern sich noch weithin ausdehnen. Der Torso einer dort aufgefundenen Amazone ist im Provinzialmuseum aufgestellt. Die Kürze der noch zur Verfügung stehenden Zeit erlaubte keinen großen Aufenthalt mehr, und so mußte die Besichtigung des stattlichen Kaiserpalastes, der Basilika und der Liebfrauenkirche in großer Eile geschehen. Ter Kaiserpalast, ein aus dem 4.-5. Jahrhundert stammender Kolossalbau, ist in seinen Fundamenten noch gut erhalten und auch ein beträchtlicher Teil der Mauern steht noch. Bis vor wenigen Jahren befand sich hier der Sitz einer Stadtzollwache und das eine Fenster diente damals als Stadttor. Durch dieses zog im Jahre 1871 Kronprinz Friedrich in Trier ein. Die Basilika stammt etwa aus dem 4. Jahrhundert und ist noch vollständig erhalten. Nur im Innern wurden Aenderungen vorgenommen, um sie als protestantische Kirche gebrauchen zu können. Die Liebfrauenkirche, das älteste gotische Bauwerk in Deutschland, ist eine der interessantesten Kirchen Deutschlands. Das Portal zeigt romanischen und gotischen Stil in seltsamer Verschmelzung. Während das Tor selbst noch rundbogig ist, tragen seine Voluten schon den Schmuck der Heiligen, die oben nahezu wagerecht mit den Köpfen zusammenstoßen. Das übrige Gebäude ist rein gotisch, der Turm wieder romanisch. Es ist möglich, daß französische Baumeister den gotischen Teil gebaut haben und später aus irgend welchen' Gründen aufhören mußten, möglich auch, daß der Bauherr wechselte, an dem gotischen Stil keinen Gefallen fand und die Kirche in seinem Geschmack vollenden ließ. Auch das Innere der Kirche, die durch die Sakristei mit dem Turm verbunden isst ist sehr sehenswert, doch mangelt es mir hier an Raum, mich näher damit zu beschäftigen. Nach dem Mittagessen versammelten wir uns, soweit eS mit unseren eigenen Reiseplänen übereinstimmte, am Bahnhof, um durch Wittlich in der Eifel zu fahren, tvo wir die Reste einer römischen Villa besichtigen wollten, lieber diese Reste, die für den Laien wenig Anziehendes bieten, kann ich schweigen — es sind ein paar Steinhaufen, die nur dem Forscher etwas sagen, und diesem nur das, was er eigentlich schon längst weiß. Auf dem Rückweg nach Wittlich — die Villa ist etwa eine Stunde davon entfernt — wurden wir von einem tüchtigen Regen überraschst der uns unsere gute Laune jedoch keineswegs verderben konnte. Nun gings zurück nach Gießen, ivo wir samt und sonders gut an kamen. ... Damit war die Studienreise, die die Professoren in nebenswürdigster Weife vorbereitet und geleitet hatten, zu ^ude gekommen und — man trennte sich> wie es in allen Vereinsberichten heißt, in dem Bewußtsein, vergnügte Tage verlebt zu haben. Settsatlonshücher. Gä gehört nicht viel Scharfblick dazu — so lesen wir im Quecken „Literarischen Echo" — um sestzustellen, welche Spezies von Buchern augenblicklich bei uns an der Oberfläche schwimmt. Zwei Gattungen machen sich das Seusatiousiniercssc streitig: ein- mal die Memoiren von allerhand Magdalenen, echten und falschen; sodann die Phantasieromane, die den deutsch-englischen Krieg der Zukunft behandeln. Die letztere Kategorie nahm vor Jahr und Tag mit August Niemanns Roman „Der Weltkrieg" ihren Anfang; dann folgte das vielbeachtete „1906" des Anonymus „Seestern"; dann erschien in London als Gegenstück dazu „Die Invasion von 1910" des Herrn William Le Queux, die uns flugs auch in deutscher Ausgabe beschert wurde. Abermals folgte ein deutsches Zukuuftskricgsbild unter dem erschri cklicheu Titel „Mene, mene tekel upharsin!" und kaum ist dieses vom Stapel gegangen, so liest man wiederum von einem englischen Werke derselben Art, „The Enemy in our Midst" von Walter Wood, der die Entdeckung gemacht hat, daß in England etwa 150 000 Deutsche leben, von denen ein großer Teil als Spione und Agenten Deutschlands tätig und im Kriegsfälle bereit ist, als eine Art Fremdenlegion auf englischem Boden in bewaffnete Aktion zu treten. John Song in London hat diese Blüte englischen Deutschenhasses verlegt. Wenn Mr. Walter Wood erst wüßte, daß Deutschland kürzlich sogar schon einige vierzig „kommandierende Generäle" in das Jnselreich entsandt hat. die sich unter der Marke simpler Journalisten von der militärischen Lage des Landes durch den Augenschein überzeugen sollten! Mittlerweile tauchen am Horizont schon wieder zwei neue deutsche Zuiunfts- lriegsgemälde auf, deren eines sich nach berühmtem Muster betitelt: „Völker Europas . . .!", während das andere („Nord- licht 1908") nach den Versicherungen des Verlegers, „wohl das gelesenste Buch der Saison" werden wird. Mau sieht: Mars regiert die Stunde. Im übrigen soll man den Nutzen dieser Art Literatur nicht unterschätzen: Revolutionen, die vorher an- gckündigt werden, pflegen Nicht auszubrechen, und Kriege, die vorher haarklein beschrieben werden, pflegen nicht geführt zu werden: sie bleiben auf dem Papier, und das Blei wird bei dieser -Kriegführung nicht in Form von todbringenden Kugeln, fonberit vor: harmlosen Lettern int Setzkasten verbraucht. — Die andere Gattung von Büchern, mit die die deutsche Nativnal- literatur sich seit einiger Znt bereichert sieht, sind die Beketiut- uisbücher von Weiblichkeiten mit mehr oder weniger — zumeist weniger — interessanter Vergangenheit, als deren Prototyp das vorjährige „Tagebuch einer Verlorenen" gelten kämt. Mit dem „Tagebuch einer anderen Verlorenen" (dem dreisten Wiederabdruck eines sechzig Jahre alten Schmökers), der „Beichte einer Gefallenen", „Beichte einer weißen Afrikanerin" usw. nahm die Reihe ihren Fortgang. Die „Memoiren einer Kellnerin" eröffnen bereits die Perspektive, daß auch andere — sagen wir, exponierte weibliche Berufsklassen sich ihrem Bekenntnisdrang hinzugeben wünschen. Inzwischen sind auch die Memoiren der wegen Gattemnordcs verurteilten Gräfin Linda Murri-Bonmartini auf den deutschen Büchermarkt gekommen, und mit der „Lebensbeichte", deren sich Fran Wanda von Sacher-Masoch kürzlich in Buchform entledigt hat, hat überdies der Name einer der widerwärtigsten Persönlichkeiten ans der Literatur des vorigen Jahrhunderts eine unrühmliche Urständ gefeiert. Leider hat sich für diese schmutzige Wäsche auch ein angesehener Verlag als Unter» tnnstsstelle gefunden; dagegen darf erfreulicherweise festgestellt werden, daß die Tagespresse, so weit wir sehen konnten, mit wenigen Ausnahmen dem Buche keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt und ihm damit nicht zu dem ersehnten Seitsntivnserfolg verholten hat. Das ist, wie gesagt, erfreulich, denn im allgemeinen übt unsere Presse, oder doch ein großer Teil davon, gerade derartigen „menschlichen Dokumenten" gegenüber (Dank, Zola, daß Du uns das Wort gelehrt!) eine oft bedauerlich weitgehende Toleranz nnd besorgt arg- und harmlos die Geschäfte buchhändlerischcr Tagesspekulation. VerMßsehtLs. * Das Villnöstal mit seiner Umgebnntz lvird in Emil „Roth's illustrierte Führer Nr. 9" in Wort und Bild geschildert. Das in dem Buche behandelte Gebiet ist ein verhältnismäßig wenig bekanntes Dolomitental bei Klausen, das fast überreich an Naturschönheiten ist und dem Sommerfrischler, Talbimimler und Spitzenfresser in gleicher Weise Erholung und hohen Genuß gewähren wird. Tas unter der Mitwirkung der Alpenvcreinssektiouen. Dresden, Regensburg und Brixen herausgegebene Handliche Buch bietet in seiner Beschränkung auf ein verhältnismäßig kleines Gebiet für dieses lveit mehr, als es die gewöhnlichen Reisehandbücher tun können und macht jedes andere Jn- formationsmittel entbehrlich. Von den größeren Abhandlungen des Führers seien erwähnt „Zugänge in das Billuös- tal" (Bon Klausen aus, Bon. Brixen aus, Vom Pustertal aus, Bon Gröden), Kleinere Touren, Größere Touren, die Regensburger Hütte, Die Franz Schlüter-Hütte und ihre Umgebung, Touren voit da aus, „Ruud um die Geisler- spitzen" usw. Auch der reichen Pflanzen- und Kleintierwelt des Tales ist in besonderen Abhandlungen gedacht. Zwei treffliche Karten erhöhen die Brauchbarkeit des Buches außerordentlich und über 50 Illustrationen vermögen auch denen, die das Villnöstal nicht besuchen können, einen Begriff von den Schönheiten geben, die dort des Besuchers harren. Hübsch ist namentlich das Titelbild, das Gusidaun 480 nach einem Aquarell von Professor Günther-Naumburg (Charlottenburg) darstellt. (Tas Original war in diesem Frühjahr im Gießener Kunstverein ausgestellt.) Der in biegsamen Leinenband gebundene Führer kostet ohne die große Spezialkarte 1 Mk. und mit dieser 1,50 Mk. * Wie resolut Bismarck sein konnte, wenn das Staatswohl es erforderte, erzählte einst der Oberhosmarschall und Berliner Schloßhauptmann v. Röder, beut die diplomatische Aufgabe zugeiallen war, den am 23. Juni 1866 verhafteten, ntehr als wunderlichen Kurfürsten Friedrich Wilhelnt von Hessen nach Stettin zu bringen. Bei diesen: Manne, der nur den Egoismus oder die Bosheit als Triebfeder kannte, hielt es Bismarck begreiflicherweise für nötig, des Kurfürsten Wunsch zu verhindern, seinen Vetter, König Wilhelm, zu sprechen, der in seiner Gutherzigkeit ihm die dringend erbetene Unterredung endlich bewilligt hatte. Bismarck gab deshalb Anweisung, sofort nach Einfahrt des Zuges auf dem Berlin-Stettiner Bahnhof die Wage», welche den Kurfürsten und sein Gefolge enthielten, abzukoppeln und nach Stettin weiterlaufen zu lassen. König Wilhelm war selbst hierüber froh, und Bismarck überzeugte den König voit der Not- wendigkeit der Maßregel; denn dieser hätte in seiner Güte vielleicht Zugeständnisse gemacht, die ihn später geteilt. Vom alten Kaiser Wilhelm hob v. Röder als Haupttugend seine ausgeprägte Wahrheitsliebe hervor; er sehnte sich sörmlich nach aufrichtigen Menschen, und das war eine der psychologischen Triebkräfte in seinem innigen Verhältnis zu Bismarck, daß dieser ost nicht bloß rückhaltlos, sondern rücksichtslos seine Meinung sagte. * Ein eigenartiges ärztliches Honorar wurde dem Medizinalrat Dr. Meißner in Leipzig einmal zuteil, nachdem er in eine ganz arme Familie an das Krankenbett einer Mutter in ihrer schweren Stunde gerufen worden war. Der berühmte At^t hat während 40 jähriger Praxis bis 1859 ntehr als 4000 aufblühende Menschenleben mit seiner ärztlichen Kunst überwacht, aber wohl nie wieder einen so wunderlichen Fall erlebt. Der Gatte und Vater war ein ehemaliger Advokat, dann Winkelschreiber und durch Trunksucht tief herabgekommen. Beim Eintritt des Doktors lag er in einem Winkel nnd schlief seinen Rausch aus, unbekümmert nm alles, was um ihn her vorgiug. Der Medizinmann fand die Stube kalt und dunkel, er mußte sich, bei den ärmlichen Nachbarn erst eine Lampe und ein Sechserlicht borgen. Nicht einmal die nötigste Wäsche war für den erwarteten Weltbürger vorhanden, auch weder Korb noch Wiege, so daß man zunächst das arme, kleine Wesen in einen offenen — Komodenkasten einlogierte. Der Arzt quartierte auch für einige Tage die drei größeren Kinder bei den Nachbarn ein, und half der unglücklichen Familie in jeder Hinsicht. Zwei Wochen lang fragte er täglich nach, ordnete ans seine Kosten umfassende Pflege an und erschien nie mit leeren Händen. Monate waren verflossen. Dr. M. dachte längst nicht mehr an den „Fall". Da tritt eines Tages der wackere Familienvater bei ihtn ein, merklich angesäuselt, aber mit Spuren einer feierlichen Kleidung. Der abgeschabte schwarze Rock war gut ausgebürstet, der runzlige Zylinder aus Urvätertagen leidlich glatt gestrichen und Halstuch und Kragen konnte man in der Dämmerung fast für weiß halten. „Herr Medizinalrat!" lallte der Besucher, „Sie haben sich damals so viel Mühe gegeben bei uns! Geld Ijnb' ich kein's, aber Sie sollen nicht sagen, daß ich schlecht bin! Hier bringe ich Ihnen das Honorar!" Und damit griff er tief in seine Rocktaschen uitb legte auf den Tisch — zwei zappelnde Meerschweinchen! Ehe der erstaunte Arzt sich vom Lachen erholte und die Annahme der „Zahlung" verweigern konnte, war der großmütige Spender im Dunkel der Nacht verschwunden. — Eisselbitten. Roman von Wilhelm Heinrich Michelis. Verlag von Georg Eichler, Berlin SO., Schmidstr. 24-25. 360 S. Preis 3.50 Mk. — Der Roman spannt die Erwartung des Lesers vor allem durch seinen eigenartigen Aufbau, der nicht zufällig gewählt ist. Die Gemütstiefe, die die originellen Charaktere auszeichnet, ließ sich nicht anders ausdrücken, als auf der sorgsam geschichteten breiten Basis. Wie sollte in einem kurzen Geplauder der Heimatszauber sich entfalten, der den Leser erwärmt, sein Gemüt bewegt? So schreibt ein Schriftsteller, der sein, Werk selbst erlebt, selbst empfunden, selbst durchrungen hat! Bei seiner Rückkehr in die heimischen Fluren, in sein Jugendleben, muß der Leser ihn begleiten, mit ihm die Agrar-Provinz Ostpreußen betreten. Der Verfasser schreibt so impulsiv, so lebendig, daß er seine Begleitung erzwingt. Je weiter er vordringt, desto fesselnder und kürzer faßt er seinen Stoff. Ja, bei dem Kriminalfalle möchte der Leser vielleicht noch detaillierter über dte Vorgänge unterrichtet werden. Die Verurteilung eines Unschuldigen ist mit zwingender Beweiskraft durchgeführt. Der Versager schildert die nationale Eigentümlichkeit der Gegend durch dte verschiedenartigsten Personen. — HeddaDroneck. Gebt u n s M a u n e s k e u s ch h e i t I Tagebuchblatter eines Mädchens. (Webels Verlag Dr. Abel u. Born, Leipzig, Brühl 13; broschiert 2.— Mk. Die Verfasserin ist durch ein großes Irren hindnrchgezogen. Sie wußte nichts von „unreinen" Männern. Ihr Glaube an Manneskeuschheit war so selbstverständlich, wie ihr Glaube an des Weibes seelische und körperliche Reinheit. Erst Monate nach ihrer Verlobung öffnet ihr ein Zufall die Augen. Sie gewinnt die Gewißheit, daß eine zwiespältige Gesellschaftsmoral dem Manne, besonders dem jungen Alamis, einen Freibrief des Lasters bereits in die Wiege legte, daß selbst die seelische Reinheit der Jungfrauenschaft heute einen starken Riß besitzt. In ihrer leidenschaftlichen Empörung erkaltet ihre große Neigung. Alles was sie in der Zeit der jähen und späteren Erkenntnis durchlebte, was sie lange Zeil noch „nach dem Ende" beschäftigte, enthielten ihre Tagebuchblätter, die gesichtet und überarbeitet, jetzt int Druck vorliegen. Das Buch ist eine mutige Tat! Mit sittlichem Ernst und klarem Blick behandelt ein kluges Weib hier sexuelle Probleme in durch uud durch taktvoller Weise^bei einer rücksichtslosen Offenheit. Dem Buch liegt jede Frivolität fern tiefernst oft bis zur Leidenschaft sich steigernd, klingt es in der Forderung nach „reinen Männern" miS. Die Reflexionen, die von dieser Grundforderung ausstrahlen, verbreiten sich über das, ivas man heute allgemein „die sexuelle Frage" nennt. — M. L o e b: „Siegfrieds Rheiufahr t." Neue Glossen aus dem Geschästsleben. Mit Illustrationen von Fritz Berqen. 06 S. 8°. In farbigem Umschlag 1 Mk. Stuttgart, Franckh'sche Verlagshandlung. — Nachdem der Verfasser mit seinem im vorigen Jahre im gleichen Verlag erschienenen Bändchen „Seine Majestät der Reisende" einen hübschen Erfolg erzielt hat, beschenkt er mm die Freunde seines Humors mit „Siegfrieds Rheinfahrt", worin naturgetreue Schilderungen des kaufmännischen Lebens und Treibens treffende Satire, frischer Humor und dramatisch lebhaft bewegte Handlung sich die Hand reichen. Es sind das mit frappierender Lebenswahrheit gezeichnete Bilder aus dem Geschäslslebeii. Diese Prinzipale, diese Reisenden, diese Buchhalter und Bureaudamen, diese Lehrlinge — lauter Moment-Ausnahmen nach dem Leben Ein neuer Kalender. — Simplizissimus-Kalender für 1907. Umschlag- zeichnung von Th. Th. Heine. Geh. 1 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Der Kalender für 1907 erscheint wieder in handlichem Format und vergrößertem Umfange. Ebenlo enthält der neue Kalender wiederum ausschließlich bisher unveröffentlichte Originalbeiträge der bekannten Simplizissimuszeichner. Längere Erzählungen haben Hermann Hesse, Gustav Meyrink, Roda Roda geliefert. Von Hermann Hesse sind auch die Monatsverse. Die Rubrik „Lieber Simplizissimus" bringt zahlreiche Anekdoten. Die Sensation des Kalenders bilden wieder Prophezeiungen für das nächste Jahr in Versen von Ludwig Thoma lind brillanten Zeichnungen von Olaf Gulbransson, die sich mit allen aktuellen Fragen der Politik in satirischer Weise beschäftigen. — Alles in allem genomnren, ist der neue Simplizissimus-Kalender eine der markantesten Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Kaleiiderlitteratur. Mode. -- Die int Verlag von Franz Lipperheide, Berlin W. 35/ erscheinende „Modenwelt" (gegründet 1865) ist das beliebteste Modenblatt, welches mit einer Fülle reizvoller Illustrationen unb klaren, textlichen Erläuterungen den Leserinnen nicht nur lede Toilettenfrage beantwortet, sondern auch in Bezug auf Handarbeiten Mustergiltiges bietet. Die Nr. 20 vom 15. Juli enthält für Erwachsene und Kinder Sommertoiletten so verschiedenster Art mit tadellosen Schnittmustern, daß jeder Geschmacksrichtung Rechnung getragen ist. Unter den Handarbeiten nehmen die so beliebten stilgerechten Typenmuster einen breiten Raum ein In emem umfangreichen Unterhaltungsteil erscheinen neben einem spannenden Roman und einem Bericht, der über den Stand der Moden orientiert, kleinere mit Illustrationen versehene Artikel von allgemeinem Interesse. Der Abonnementspreis dieser so überaus reichhaltigen Zeitung beträgt 1.25 Mk. vierteljährlich/ Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. ----- In die Felder nebenstehenden Quadrats sind die Biichstaben AAAAAABBDDELL --R R U derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes --bedeuten: _____ 1. Spanische Stadt. 2. Norwegischen Geschichtsschreiber. ----- 3. Schweres Verbrechen. 4. Kleinen Fisch. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Ruhe, Uhr. Redaktion: Ernst Heß. -Rotationsdruck und Verlag.der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindxuckerei. R. Lange. Dießen.