1906 W »NT Biui MYN>.«>W- 8L M^MZß Miiietlose Mädchen. Roman von H. Ehrhardt. (Nachdruck verboten.) Erster Teil. I. ' Suse Meridies saß auf dem großen, mit einer buntge- stickten Decke belegten Eßtisch in der Mitte des ZinnnerS und baumelte mit den Füßen. Es war dies ihre Lieblingsstellung, wenn sie schlechter Laune war. Und sie war in letzter Zeit sehr oft schlechter Laune. „Nu möchte ich blos wissen, warum ich Samstag nicht auf den Rcssourceball gehen soll!" grollte sie halb für sich, halb zu dem jüngeren Bruder gewendet, der an dein einzigen Fenster des etwas düsteren Zimmers saß und in einem Buche blätterte, „siebzehn Jahre bin ich im September gewesen — Ruth hat längst getanzt in den: Alter, und ich kann sitzen und versauern. Worauf ich wohl warten soll? Weißt Du's vielleicht, Heinz?" Der hob sein mürrisches, ungesund blasses Knabengesicht der Fragerin entgegen. Er lachte spöttisch auf, kein hübsches Lachen. „Du bist ein Schaf, Suse!" meinte er in der lünnnel- haften Art halb erwachsener Jungen, „hörst Du nicht täglich bei uns das Gejammcre über die große Misere und wunderst Dich noch, daß die Eltern eS nicht so eilig haben, Dir auch schon Ballfähnchen und all das teuere Zeug, was Ihr nun mal zum Anziehen bei einem Balle braucht, zu kaufen? — Paß auf, wenn die Ruth erst verlobt ist, kommt Du auch gleich daran." „Quatsch!" urteilte Suse und in ihren dunkelblauen Augen blitzten kleine, zornige Flämmchen auf, „was Du davon verstehst! Wir Mädels brauchen wohl alleine Geld? Das kostet wohl kein Geld, wenn Du zwei Jahre in der Klasse bleibst?" „Kräh nur nicht zu früh, Suse! Dir passiert es auch noch, daß Du sitzen bleibst." „Ich und sitzen bleiben?" Suse vergaß vor Entrüstung mit den Füßen zu baumeln, „das erlebst Du nicht, Kleiner, nicht einen — nein, zehne krieg ich, wenn ich will —" „Bravo!" klangs da von der Tür her, deren Oeffncn beide Geschwister überhört hatten, „ganz recht hast Du, Wildkatze. Wenn man so ein hübsches Mädchen ist —" Der Herr, welcher diese Worte gesprochen, ein hübscher, blonder Mensch in der Mitte der Zwanzig vielleicht, stand mit ein wenig zur Seite geneigtem Kopf, den dunklen Filzhut in der Hand, auf der Schwelle rind musterte halb amüsiert, halb bewundernd den kampflustigen Backsisch auf der Höhe des Tisches. Suse war wirklich bildhübsch. Sie schien wie ein Sonnenstrahl in dem lichtlosen Zimmer. Aus ihren: zartfarbigen Rassegesichtchen, das sehr hellblondes, krauses Haar reizvoll umgoldete, sprühten die dunkelblauen Augen wie ein paar Leuchtkugeln den: Besucher entgegen. Im nächsten Moment rvar sie von: Tisch herunter und stürzte arif den jungen Mann zu. „Hans, Du mußt mir helfen!" sprudelte sie statt zeder Begrüßung hervor, „Du kommst mir wie gerufen. Ich möchte nämlich unmenschlich gern Sonnabend auf den Ressourceball gehen nnb niemand im Hause will was davon ivissen. Rede Sn mit Ruth, sie hält viel von Dir; wenn Du sie bittest, setzt sie's schon bei den Eltern durch." Er wurde rot. So ein Backfisch war doch manchmal gräßlich indiskret. Aber Suse schien ganz unbefangen und so verbarg er seine Verlegenheit geschickt hinter einem scherzhaften Tone. „Nun, und die Belohnung, Wildkatze?" fragte er und spitzte leicht die hellroten Lippen unter dem blonden Bärtchen. Sie lachte, ihn verstehend, belustigt auf. „Nun ja, Hans, Du kriegst meinetwegen einen Kuß!" versprach sie mit der naiven Bereitwilligkeit, welche sehr junge Mädchen gegen Herren bezeigen, die für sie zun: Verlieben oder Heiraten absolut nicht in Betracht kommen. Heinz ließ von: Fenster aus einen Laut der Geringschätzung hören, zum Zeichen, daß er für eine solche Belohnung keinen Finger krümmen würde, aber der junge Mann fühlte sein Blut aufwallen beim Anblick der frischen, lachenden Mädchenlippen, die ihn: entgegenblühten. Nebermütig schlang er den Arm um die hübsche Kleine. „Am besten, Du giebst mir Vorschuß, Wildkatze!" Sie entwand sieb ihm eidechsenbaft geschwind. „Nee, is nich," 'lachte sie ausgclasicn, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das heißt, erst sprichst Du mit Ruth, — ah, da ist sie ja gerade." , , Sie wurde etwas verlegen, denn sic wußte,.Ruth billigte durchaus nicht diesen freien, burschikosen Ton im Verkehr mit einem Herrn, selbst wenn derselbe, wie in diesem Falle, ein intimer Freund des Hauses war und die kleine Suse auf den Armen gewiegt hatte. Ruth war überhaupt so ganz anders geartet, als di- lebhafte Suse. Immer gleich ruhig und freundlich, sanft, und es schien beinahe, auch leidenschaftslos, war sie über ihre Jahre hinaus ernst und streng, nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst. Nicht einmal äußerlich hatten die Schwestern etwas gemeinsam. Ruth war sehr groß, wundervoll gewachsen, hatte ein regelmäßig schönes, edles Gesicht von marmorner 162 — Blässe, durch die das Blut nur zuweilen wie ein rosiger Hauch schiinuierte, tiefdunkle Augen von rnandelförinigein Schnitt und schwarzes, schlichtes Haar, das schwer in eine klassisch niedere Stirn fiel. Ihre Bewegungen waren langsaiu und voll Grazie — sic hatte schmale Fuße und nicht zu kleine, aber schön geformte Hände. „Guten Tag, Hans!" sagte sie mit einer klangvollen Altstimme, die ihrer ganzen Erscheinung angepaßt war, „was bringen Sie uns? Warum legen Sic nicht ab?" Sie nannten sich seltsamerweise „Sie", die beiden, obgleich sie als Kinder miteinander gespielt hatten und Hans Klausen der beste Freund von Karl Mcridies ivar, des ältesten Bruders von Ruth. Unwillkürlich brachte sic mit der Erscheinung Klauseus den Gedanken an den Bruder in Verbindung, und als hätte er das erraten, befiel ihn eine leichte Verwirrung, die ihn ihrem Blick answcichen ließ. „Suse hat mir noch keine Zeit gelassen zum Ablegen," antwortete er leicht auflachend, „mich auch gar nicht dazu aufgefordcrt —" Dann wandte er sich, ernst werdend, Ruth zu und sagte halblaut: „Ich hätte ctivas mit Ihnen zu besprechen, Ruth, doch jedenfalls ohne Zeugen." Das schöne Mädchen senkte leicht die dichten Wimpern, nm den gequälten Ausdruck ihrer Augen zu verbergen. „Es handelt sich um Karl!" dachte sic beängstigt. Laut sagte sie: „Kommen Sie ins Wohnzimmer, Hans. Mama ist ausgcgangen und Papa arbeitet drüben in seinem Zimmer — wir sind ganz ungestört." Sie ivarf Suse, die neugierig zugehört hatte, einen strengtraurigen Blick zu, der die beabsichtigte naseweise Frage auf ihren Lippen zurüekhielt und schritt nach der Tür. „Vergiß mich nicht!" tuschelte die Kleine, als Hans an ihr vorüberstreiste. Und sie kniff ihn so nachdrücklich in den Arm, daß er leise aufschrie. „Du Hexe, na, ich will's versuchen." Im Wohnzimmer lag die Nachmittagssonne, grell, aufdringlich. Sie zeigte alle Schäden des mit ärmlicher Eleganz ausgestatteten Geinachs. Es war mit Möbeln, Bildern, Nippsachen überfüllt, doch die Möbel hatten ihren einstigen Glanz verloren, die Bilder waren meist billige Ocldrucke oder Photographien in schlichten schwarzen Nahmen, die Nippes wertloser Tand, wie man ihn in Bazaren für ein paar Pfennige ersteht. lieber dem grünen Plüschsofa hing von breitem Gold- rahmcn umgeben das farbenschöne Bild eines entzückenden lichtblonden Frauenkopfes, der aus wunderbaren Blauaugen und mit roten Lippen wie in lächelndem Staunen auf seine einfache Umgebung blickte--Ruths Mutter als Braut darstellend. Und lächelnd sah sie auf die Tochter herab, welche an einen der tiefen Sessel gelehnt, als müsse das Kommende sich besser stehend ertragen, beklonnnend sagte: „Es i]t nichts angenehmes, was Sie heut hersührt, Hans, ich sch's Ihnen ja an. Wie sollte uns auch etwas angenehmes kommen?" Ihr Ton endete in Bitterkeit. Es griff ihm ans Herz. Der bange- Blick ihrer schönen Sammetaugen inachte ihn ganz weich. „Gott, liebe Ruth", meinte er, innerlich diese heikle Mission verwünschend, „es handelt sich natürlich nm Karl. Sie können doch nicht im Ernst glauben, daß der arme Kerl imstande i]t, sich mit 60 Mark monatlich durch sein Frei- willigcnjahr zu schleppen, das ist purer Wahnsinn.' Ich be- Lrcffe Ihren Vater nicht. Er muß doch nicht mit der Zeit rechnen, in der er jung war und in der sich ein Mensch mit zehn Talern schon wie ein Krösus vorkam." „Er braucht also Geld?" siel sie ihm ins Wort, „hat «r deswegen an Sie geschrieben?" Eine tiefe Falte hatte sich senkrecht in ihre niedrige Sürn gegraben. War ihr Gesicht für gewöhnlich schon ernst, jetzt sah es düster, fast unjugendlich aus. - -Geschrieben? Was glauben Sie denn, Ruth? Sie kennen doch Ihren Bruder!" wehrte Hans Klausen ab, „ich war gestern drüben in W., ein bekannter Offizier hatte mich zum Liebesmahl cingeladen, da habe ich Karl natürlich be- sucht. Er hat eine recht hübsche Wohnung, das ist er seiner Stellung als Referendar und angehender Reserveoffizier schuldig — aber er selbst sicht jammervoll ans, ich glaube sicher, Ruth, er — hungert." Ein stöhnender Laut entfuhr ihren Lippen. Sie klammerte sich fester an die Stuhllene. „Er sagte, von mir gedrängt, daß er diesen Monat gerade besonders schlecht daran sei!" fuhr der junge Mann haitig fort. „Sie hatten ihm sonst stets eine Kiste Eßwaren gesandt oder der Wäsche, eine Kleinigkeit beigelegt, aber nun diesmal nichts —" r „Ich konnte nicht", murmelte sic heiser, „das Wirt- schaftsgeld ist so knapp bemessen und wir hatten ein paar mal Gäste^zu Tisch -— keinen Pfennig konnte ich entbehren — wenn Sic wüßten —" Sic brach schroff ab. Sic konnte ihm doch unmöglich sagen, daß sie schon längst Schulden inachte bei Fleischer und Bäcker und beim Kaufmann. Großer Gott, ihr wirbelte der Kopf. Ungeheuerliches schoß ihr durch den Sinn. „Wieviel braucht er denn?" stieß sie hervor. Er zögerte flüchtig. „Nun, 20 Mark würden genügen, Ruth, er bat ja noch keine Schulden, aber er sitzt seit gestern ohne einen Pfennig Bargeld, ein scheußlicher Zustand." Was er nun seinerseits verschwieg, war, daß er dem Freunde bereits gestern 30 Mark zur Tilgung einer kleinen Schuld geliehen hatte. Er ivußte, Ruth würde es nie verwinden, wenn sic cs erfuhr. Ruth hatte ein Weilchen in düsteres Nachsinnen versunken vor sich hingesiarrt, nun hob sic den Kopf und sagte rasch: „Ich werde ihm das Geld sofort schicken, Hans, es muß eben gehen. Haben Sie Dank, daß Sie sich deswegen bemühten. Sie sind und bleiben schon unser treuester Freund." Er hielt die Hand, die sic ihm cntgegenstreckte, fest. Sie bebte. Wie ein geheimnisvoller Strom flutete cs von diesen schmalen, zitternden Mädchcnfingern zu ihm hinüber. Was lauge in ihm geschlummert, drängte sich plötzlich ans Licht. „Wannn kann ich Ihnen nicht mehr sein, Ruth?" Sie starrte ihn an ans weitgeöffncten, erschreckten Augen. Der unvermittelte Uebergang von der eben besprochenen peinlichen Angelegenheit zu solch schicksalsschwerer Frage war ihr wie ein Faustschlag gegen ihr stolzes, heiß empfindendes Herz geführt. „Was soll das heißen?" stammelte sie mit blassen Lippen. Sic meinte, sie habe sich verhört, es müsse nur ein Scherz sein, über den sic Beide lachen würden. Aber das leidenschaftliche Leuchten in seinem Antlitz bestätigte die tiefe Bedeutung seiner Frage. Langsam zog er sie an den Händen naher zu sich heran. „Was das heißen soll, Ruth?" wiederholte er flüsternd, „nun, was Sie längst wissen, daß ich Sie liebe, heiß und innig liebe, daß ich Sie bitte, mein Weib zu werden. Wollen Sie es mit mir wagen, Ruth?" Schon hatte er sie dicht an seine Brust gedrückt und neigte sich über ihr schönes, weißes Gesicht, die stolzen Lippen zu küssen — da bog sie sich mit Anstrengung von ihm fort. Ein herzzerreißendes Lächeln irrte nm ihren schönen Mund. Die Augen gesenkt, sagte sie mit leiser Stimme: „Wissen Sie eigentlich, Hans, ivie alt ich bin?" Er ließ sie sofort los. Aus seinen Zügen schivand der frohsinnige, sieghafte Ausdruck. Er fühlte sich verletzt. „Eine seltsame Antwort auf meine Frage, eine Frage, die mir aus übervollem Herzen kam!" sagte er scharf. Hoch aufgerichtet, erzwungene Kühle im Blick, stand er vor ihr. Sie hielt krampfhaft die Lider gesenkt. Das rebellische Herz klopfte wild, trotzig in ihrer Brust. , „Wirf Dich an seine Brust!" lockte es, „denk einmal nur 163 —« an Dein eigenes Glück. Du hast lange genug nur für die Deinen gelebt, Dn hast Dein Anrecht an Leben und Liebe, Du hast Dir's verdient." Aber sie war zu gefestigt in sich selbst, als daß die (Stimme der Versuchung sie zu einer Schwäche verführen konnte, in der sie neben manch' schiveren Bedenken auch nicht das Glück des Mannes sah, den sie liebte. Die Schwerfälligkeit und Melancholie ihrer Natur würde unzählige Hindernisse auftürinen auf seinem bis dahin so glatten Wege und anstatt, daß er sie heraufzog in fein lichtvolles Dasein, würde sie ihn hinabzerren in das Dunkel der großen Misere, deren Schatten ihre junge Seele vergiftet hatten, seit sie zum Bewußtsein ihres Daseins crivacht war. Besser ein einziger scharfer, tötender Schnitt, als mit ansehen müssen, wie des teuersten Menschen Liebe langsam und häßlich starb unter dem Druck quälender Verhältnisse. (Forpel-.ung folgt.) Dem Waßrm, Edlen, SHönsir. Ein Großstadtroman bou Fedor b. Zabeltitz. (Nachdruck verboten.) (Sortierung.) Ihm war freier und wohler zu mute tote lange meist. Er fuhr nach Hause, verglich im Kursbuch den Abgang der Züge, ließ sich einen Handkoffer packen und sagte Elster- mann, daß er auf zwei, drei Tage verreise. Seine Rückkunft werde er telegraphisch anmelden. Noch am Abend traf er in dem Städtchen Bisingen ein. Es war zu spät, um auf dem Schlosse vorzusprechen; er mußte sich in dein kleinen Gasthof ein Zimmer geben lassen. Aber auch diese Nacht ivar schlaflos wie die vorige. Lange stand Frehlinghaus vor dem grünglasigcn Fenster in seiner niedrigen Stuße und schaute hinaus. Er kannte die Landschaft Wohl. Drüben lag das Schloß auf hohem Berge, wie ein Kastell aus der Feudalzeit, mit ungeheurem viereckigem Turin und dein endlos hohen spitzen Ziegeldach des Mitteltrakts, lieber die schwarze Nmrahmung der Tannenforst glitt silberner Mondenschein. Es begann zu dämmern, als der Graf sich auf das Bette warf. Er hatte ivieder Hoffnung geschöpft. Er ivollte ruhig und lieb mit Freda sprechen, wollte eingestehen, was er unrecht an ihr getan, sie um Verzeihung bitten und -ihr sagen, daß ein irenes Leben beginnen sollte. Daß er sich von der Prinzessin getrennt, das wußte er, würde sie freuen. Er wollte mit Freda reisen und sich dann eine .Herrschaft kaufen. Sie war ja doch eine klare rrnd verständige Frau; sie würde Einsehen haben . . . Mit Gewalt hielt er seinen Gedankengang von .Heros fern . . Die Auseinandersetzung mit ihm war schließlich Nebensache, Erst wollte er Freda sprechen . . . Am anderil Morgen schickte er den Hausdiener mit seiner Karte auf das schloß: wann er Durchlaucht die Frau Fürstitt sprechen könne. Statt der Antwort hielt eine halbe Stunde später eine große alte ungefüge Kalesche vor deiit Gasthof, mit den Grafen abzuholen. Frehlinghaus kletterte in das Geführt, vor das ein paar zwanzigjährige Per- cherons, Ungetüme von Pferden, gespaitnt waren, imb die Fahrt ging los, während sich ganz Bisingen auf der. Straße versammelte oder hinter die Fenster der Häuser trat. Der Gras wußte, es dauerte eine gute Stunde, ehe man den Serpentinenweg nach dem Schlosse zurückgelegt hatte; sie dünkte ihm eine endlose Zeit. Aber endlich fuhr die Kalesche knatternd und kreischend über das Pflaster des .Schloßhofes) m-nd ein Diener führte Frehlinghaus durch öde hallende Gänge in die Zimmer der Fürstin. Die alte Dame trat Frehlinghaus mit verweinten Augen entgegen. „Mein armer Eugen", rief sie, „großer Gott, welch ein Unglück! Ach, ich bedauernswerte Mutter! . . ." und ein Strom von Tränen ergoß sich. Der Graf küßte ihr die Hand und ließ den Schmerz auskvben. Dann begann er ruhig, sanft und eindringlich zu sprechen. Er tat so, als halte er die ganze Affäre für ein Intermezzo, das rasch und folgenlos vorübergeheu werde. Man muffe Freda wie eine arme kleine Kranke behandeln, ihr gut zureden, und alles würde sich geben. Schließlich bat er die Fürstin, Freda rufen zu lassen . „Eie^kommt nicht, lieber Sohu", sagte die alte Dame öngeiib; „zwei Zimmer von hier hat sie sich cingeschlosseu und erklärt fest und bestimmt, sie würde sich unter feinen Umständen sprechen lassen, würde unter keinen Umständen zu Ihnen zurückkehren. Ach, lieber Eugen, ich fürchte, das nimmt ein schlimmes Ende. Ich fürchte, Freda ist so nervös, daß sie nicht weiß, was sie tut . . . Als ich ihr sagte — mein Gott, man muß doch in einem solchen Falle an alles denken! — daß sie als der schuldige Teil naturgemäß auch auf keinerlei materielle Uuterstützung rechnen könne und ich sie üt das Stift schicken würde, zu ihren Schwestern, da sagte sie mir — .Barmherzigkeit, welche Idee! — sie wolle sich ausbilden lassen und zur Bühne gehen. Eugen, eine Prinzeß Arenstein, eine Frehlinghaus! Was habe ich schon in sie yineingeredet — ich kann gar nicht mehr reden — ich kann auch nicht mehr denken, Eugen . . . Sie wiederholt immer nur: sie passe nicht zu Ihnen . . . schimpft nicht etwa auf Sie, i bewahre — nein, sie wiederholt nur hundertmal: ich passe nicht zu ihm, ich liebe ihn nicht. . . Gerechter Himmel, was heißt denn Liebe? Das ist doch alles Unsinn! . . . Sie ist ganz verdreht, Eugen; Ich glaube wahrhaftig, der Theatertenfel steckt in ihr. Das war ivie bei meinem Vater selig. Der ivar Intendant unter Friedrich Wilhelm III. und hat einem Komödianten einmal eine komplett silberne Rüstung geschenkt, für dreitausend Taler, damit dieser Schmier inski in Kotzebues „Kreuzfahrern" anständig aussehe. Es ist zum Ker-, zweifeln..." Die Fürstin faltete die Hände über der Büste, die ein sogenannter Seelenwärmer aus gestrickter Wolle umschloß schüttelte den schlecht frisierten weißen Kvpf mit dem schwarzen Häubchen und seufzte tief. Frehlinghaus sagte sich, daß die wunderliche alte Dame! Freda schwerlich uunstimmen werde, daß nur er selber das könne. „Gnädigste Mama", begann er von neuem, „ich gebe d ie letzte Hoffnung noch nicht auf. Ich bitte Sie flehentlich, versuchen Sie es noch einmal bei Freda. Sagm Sie ihr, ich bäte um nichts als um zehn Minuten ruhiger Aussprache. Ich will ihr um Gottes willen keine Szene! machen, ich will sie auch nicht bestimmen, sie soll ganz frei bleiben in ihren Entschlüssen. Nur sprechen möchte ich sie noch ein einziges Mal . . Des Grafen Stimme vibrierte vor Aufregung; er bedeckte die Hände der Fürstin mit Küssen. Die alte Dame erhob sich. „Möge der Allmächtige ihren Willen lenken", sagte sie. „Ich gehe zu ihr, Engen. Wollen Sie hören, was wir verhandeln, so treten Sie in das Nebenzimmer. Hier oben in dem alten Eulennest ist alles so akustisch, daß es wie ein Kommando klingt, wenn mau nun flüstert. . ." Frehlinghaus wehrte mit diskreter Handbewegung ab'. Er blieb zurück, während die Fürstin an ihrem Krückstock davon humpelte. Er blieb mitten im Zimmer stehen. Sein Herz flog förmlich. Der- rote Kops Fredas tauchte wieder vor ihm aus. Es war ihm, als fei er blind gewesen. Es war wie ein Samum, der durch feine Seele fegte, wie das Rasen plötzlich erwachender Leidenschaft. Er vernahm Stimmen von drüben. Wer nein: er wollte nicht lauschen. Lebhafter erhoben sich die Stimmen. Die Mntter zankte, sie bat, sie schrie. „Martere mich nicht!" hörte Frehlinghans Freda rufen. Und dann noch etwas: „Nein, sage ihm nichts! ... Ja — sage ihm, daß ich ihn hasse! . . ." Da wich alles, was Leben schien, aus dem Gesicht des! Grafen. Er wankte zum Sessel und brach zusammen. Nun wußte er: sie kam nie wieder. Die Fürstin humpelte au ihn heran und legte ihre Hand auf feinen Scheitel. „Hörten Sie?" fragte sie. Er nickte. „Es ist alles vorbei", sagte er dumpf. „Eugen, Gottes Wege sind wunderbar. Was heute in ihr tobt, es kann ruhiger werden und sich ausgleicheU. Lassen Sie ihr Zeit. Ich will auch mit dem Pfarrer sprechen. Er ist ein lieber alter Herr und hat sie getauft. Vielleicht, daß sein Einfluß von Segen ist ans ihr zerstörtes Gemüt. . ." Frehlinghaus erhob sich. „Nein, Mama", antwortete er ruhig, „sprechen Sie nicht mit ihm. Es würde nutzlos fein . . . Aber — aber. . ." und es brach auf einmal durch seine Stimme ein furchtbarer Schmerz . . . „ihr sagen Sie, daß i ch ihr auch das Wort Vom Haß vergebe . . ." Wie dieser Tag vergangen war, muffte Frehlinghaus! kaum. .Er war nicht nach Berlin zurückgefahren. Er streifte 164 in der Welt umher, wie ein Trunkener. Am nächsten Abend fand er sich in Nürnberg. . Dann wurde es stiller in ihm. Er sammelte seine Gedanken. Er sagte sich: „Sie haßt mich, weil sie Aren- steiir liebt; Heros soll mir vor die Pistole. Ist sre nur nicht mehr, fein soll sie nie werden . . L Auf dem Bahnhofe erregte ein Zeitungsverkäufer ferne Aufmerksamkeit. Der Mann ging den Zug entlang urrd rief: „Reiselektüre! Neueste Zeitungen! Berliner Morgcu- blätter! Großer Krach int neuen Prinz Ferdinand- Theater! . . ." (Fortsetzung felgt.) vermischtes. * Ein masurisches Bauernpaa r im kaiserlichen Schlosse zu Berlin. Der Besitzer Peikowskr aus Pretzarreu im Kreise Auacrburg rmd seine Frau hatten das Glück, Gaste des deutschen Kaiserpaares zu sein. Als Peikowski, der in Berlin bei der Kompagnie diente, deren Chef der damalige Prinz Wu- helm war, von der Einladung der Kompaguielameraden zu den Festlichkeiten aus Anlaß der silbernen Hochzeit erfuhr, begab er sich nach Berlin. Zur festgesetzten Stunde wurden die Maturen dort vom Kaiserpaar empfangen und vom Kaiser, der sich in vorzüglicher Stimmung befand, einer längeren Unterhaltung gewürdigt. Den Landleuten leuchteten die Augen vor Freude, als sich der Monarch nach ihren Familienverhültn-.ssen, nach ihren Aeckeut, Wiesen und nach ihrer engeren Heimat, nach Masuren, erkundigte. Auf die Frage, ob sie auch schon in Rominten gewesen seien, das doch nur sechs Meilen von ihrer Besitzung entfernt sei, antwortete P. ganz naiv: „Majestät, das ist viel zu weit!" (Nach Berlin aber hatte es der Manu etwa 20 Stunden weiter! D. Red.) Nach Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt machten sich die Leute auf die Heimreise und langten wieder in ihrem Dorfe an, wo sie die Leutseligkeit und Güte des Kaisers nicht genug zu rühmen ivußten. P. ist übrigens, löie die „Königsb. Hart. Ztg." schreibt, vom Kaiser gelegentlich des Kaisermanövers, das 1890 bei Lätzen stattfand, schon einmal unter der Zuschauermenge erkannt und in ein längeres Gespräch gezogen worden. * lleber die gefürchtete Influenza, plaudert G. Dupont-Ferrier int „Journal desDsbats": „Wir wissen", schreibt er, „nur zu gut, daß die Grippe eine böse Sache ist: wahrschcin- lich wissen aber nicht alle, daß sie zu den ältesten Nebeln gehört. Zwischen 1239 und 1802 gab 'cs in Frankreich 26 verbürgte Influenza-Epidemien. Die Jahrhunderte gingen dahin, und die Grippe ist geblieben; jeden Winter sieht cs so aus, als ob sie immer jünger würde. Im 16. Jahrhundert pflegte man, wenn sie wütete, fast jede Unterhaltung mit den Worten zu eröffnen: „Na, hast du auch ein Stückchen von ihr zu kosten bekommen?" Und man sah auf den Straßen nur geschwollene Nasen und Lippen. Mit besonderer Borliebe packte sie die hübschen Frauen. Bei einer Predigt int Jahre 1427 wurde die Stimme des Priesters erstickt von dem imanständigen Niesen und dem unendlichen Husten „aller Schwestern". Im Jahre 1510 mußte man wegen der Husterei auf die gesungenen Messen verzichten. In den Gerichten mußten int Jahre 1.403 die Plaidopers unterbrochen werden, — und im Jahre 1557 machten die Richter eines Tages unter gelMtigem Schneuzen Grippeferien. „Zu Hause", so heißt cs in einem wenig appetitlichen, aber recht anschaulichen Bericht, „flössen die Rasen unaufhörlich wie eine Quelle". Die Kranken zitterten vor Fieber: eine allgemeine Mattigkeit lähmte ihre Glieder. Ihr Kopf schmerzte und ihre Brust schien bei jedem Hustenanfall auseinandcrp'latzen zu wollen. Alle Gerichte erschienen ihnen bitter. Essen, Trinken oder Schlafen wurde beinahe unmöglich. Die Epidemie führte nur in wenigen Fällen zum Tode, und ihre Dauer war verschieden: vier Tage im Jahre 1557 und vierzehn int Jahre 1427, drei Wochen int Jahre 1411 und sechs int Jahre 1510. Da die Krankheit ihre Opfer „griff", wie die Katze die aus dem Loch hervorkommende Maus greift, gab man ihr den Namen „grippe" (von „gripper", greifen). „Jnfluences" oder „influenza" nannte man sie wegen des bösen Einflusses, den gewisse Gestirne auf die armen Menschen ausübten. Man kannte sie aber noch unter vielen anderen Namen: Weil sie von Tür zu Tür eilte, Nannte man sie 1762 „petite poste" oder „Petit courrier"da sie fast keinen Menschen verschonte, hieß sie 1780 „gchisral". Um ihr neckisch plötzliches Erscheinen und ebenso plötzliches Verschwinden zu kennzeichnen, nannte man sie „galant", „follette" tobet „coquette". Die Hauptursache der Grippe schienen die „verdorbene Lust", die Regengüsse und die Nebel zu fein. Sie konnte aber auch aus „moralischen Gründen" entstehen;, int 16. Jalw- hnndert brauchte man z. B. nur ein gewisses Possenlied, das sich durch) große Frivolität auszeichnete, zu trällern, und man hatte sofort die schönste Influenza weg. Natürlich fehlte es nicht an Heilmitteln: im Jahre 1510 waren es geweihtes Kohlenwasser, Theriakwasser und Kampfer; im 18. Jahrhundert Theriak und Aderlaß. Im Jahre 1411 gaben die Aerzte in rühmenswerter Selbsterkenntnis zu, daß sie nichts wüßten. Noch rühmlicher und mutiger zeigte sich int Februar 1803 der Doktor C^nivot de Bcauchesne, der in einer Zeitung zu erklären wagte, daß cs gegen die Influenza nur ein sicheres Mittel gebe: sich aller Mittel zu enthalten. Es gab zwar ein Spezifikum', das sich bei den (Stoibernten toten 1580,1676,1703, 1732, und 1737 bewährt hatte, aber dieses Heilmittel wär nicht allen Mauken erreichbar: es bestand nämlich in einem tüchtigen Erdbeben oder einer vulkanischen Eruption. * Lichtschirme aus Blumen — das ist die neueste Mode dieser Winttrsaisvn zur Ausschmückung einer geschmackvollen Tafel. Es hat sich in den letzten Jahren eine Reaktion gegen das grelle elektrische Licht geltend gemacht, seitdem es den Reiz der Neuheit allmählich verlor. Man beleuchtet wohl beit Eßsaal von oben, vom Kronleuchter, wie von einzelnen im Plafond angebrachten Birnen aus auf elektrischem Wege, aber auf dem Tische selbst ist es in Ungnade gefallen. Das Kerzenlicht, das übrigens an den Höfen und in sehr vornehmen Privathänsern nie ganz verdrängt wurde, gelaugt jetzt zu neuen Ehren. Ohne Zweifel ist die Ursache dafür aber auch in jenem Zuge unserer Zeit zu suchen, der selbst dem Alltagsleben künstlerische Reize abgewinncn möchte und an die Stelle der bloßen Entwickelung von Pracht und Glanz leise, intime Wirkungen zu setzen bestrebt ist. Die hohen Tafelaufsätze, die riesigen Fruchlschalen, die massigen vielarmigen Kandelaber sind Verschlvnndcn, die den einander gegen- übersitzenden Personen eine Unterhaltung nur mit allerlei mehr oder weniger komplizierten Verrenkungen von Hals und Schultern erlaubten, und statt dessen hält mau das gesamte Niveau der Tafel niedriger. Die Verwendung von Blumen hat dabei als Miltel zur Verzierung des Eßtisches zugenommen. Man streut sie lose oder zu lichten Sträußchen gebunden über die ganze Flüche des Tuches, und man arrangiert sie in flachen Schalen. Aus diefen erheben sich, gleich Fackeln, einzelne Kerzen, die mit Schirmen bedeckt sind, die ein sanftes, matte» Licht tzervorbringcn. Das sind Effekte, bei denen sich eine sestfreudige Stimmung viel schneller einstellt, und die auch den Toiletten und dem Teint der meisten Frauen weit günstiger sind. Aber mau fertigt diese Schirme nicht mehr einfach aus gefärbtem Papier an, sondern man stellt sie aus einem Geflecht natürlicher oder künstlicher Blumen her. M u t t e r st o l z. D e v k l e i n e Is i d o r: „Mainaleben, der Herr Lehrer hat gesprecht sranzehsch mit mir!" — Mu tter: „Was hat er gesagt, mein Goldsohn?" Isidor: „Ich sei e Muster von Malproprethee". Mutter zum Vater: „Hast De gehert, Hersch? Der Lehrer hat hingeslellt unser Kind als'n Muster von 'em sranzesschen Fremdwort! Da, hast de e Fimwcr, mein Gold- kinb,' kaui' der was!" * Vorsichtig. D a m e, die mit einigen anberen ctitcit Ausflug macht: „Wollen wir denn von diesem Ausfluge nicht der Rätin eine Ansichtskarte schicken?!" — Eine der Damen: „O, tvozu?. . . Muß sie denn wissen, daß wir über sie gesprochen haben? 1" . Gartenbau und Blumeupflege. Für Efeu im Zimmer ist ehr schattiger Standort besser als ein sonniger und heißer, sowie int Winter cm nut s ch w a ch geheiztes Zimmer zusagenber als ein stark gehetztes. Wenn der Standort auch schattig sein soll, so ist boch damit ferne dunkle Ecke gemeint, sondern ein Platz an einem nach Norden gelegenen Fenster «der nicht weit von diesem. Sehr zweckmäßig ist es, wenn man ihn in Kästen zieht und diese mit Drahtgittcr versieht. Solcher in mit Gittern versehenen Küsten gepflanzter Efeu läßt sich im Sommer leicht ins Freie, int Winter leicht tu eii< beliebiges, wenn nötig, warmes Zimmer bringen, und anch zu allerhand Dckorationszwecken verwenden., In Töpfen gezogener nnd int Zimmer weit hingerankter Efeu läßt sich schwer art einen anderen Ort bringen, bekommt gelbe Blätter und wird art manchen Stellen kahl. Mo hübsch langgerankter Efeu tut Zimmer auch aussieht, so nnzwecknmßig erweist sich doch dies mit der Zeit, und gar manches Zimmer erfährt keine Restaurterung des" lieben Esens ivegen. Berfieck-Rütsel. Nachdruck verboten. Mau suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in „Wanderer". Heinrich — Kasperletheater — Schlingpflanze — Schinken — Ziegenleder — Banhandwerker — Geschwister — Grundbesitz— Serbien — Halsband - Sonntagsreiter — Bühnenkünstler — Tausend — Silberrnbel — Kaufmann — Bademantel — Dattelpalme — Eichenlaub. .Auflösmtg in reichster Nummer. Auflösung der Kömgspromenade in voriger Nummer: Gar lieblich ist das Lachett In Gottes schöner Welt; Doch «veil es ost uns Schwachen Zu kühn die Seele schwellt. Wird Schmerz ihm beigesellt. Fouguk. Redaktion: Ernst Heß, — Rotationsdruck und Verlas der Vrühl'schen Univerfltäts-Buch- und Stetndruckerei, R. Lange, Meßen,