1906 - Nr 26 M-AL Al Dem Wahrem, Gdlm, Schönen. Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Ihr kleiner Finger streifte ganz leise seine Hand. „Seros, wir sind Blutsverwandte, sind Kinder freu« de, wir haben nns herzlich lieb. Er ist kein Narr. Er weiß, wie wir zueinander stehen; er weiß, welchen Weg ich gehe. Ich lebe noch zurückgezogener als früher; ich bin gottlob völlig mit der Prinzessin zerfallen; er läßt mich schalten. Weiter will ich nichts. Mer das Alleinsein ist nicht immer gut. Wir sind früher so harmlos zusammen gewesen; wir besuchten die Theater; wir plauderten stundenlang bei einer Tasse Tee. Warum hat das anfgehort? Lasest Tu das Nein irr meinem Auge, so ist Dir die Richtung gewiesen. Mein Frerrnd kannst Tu bleiben. Willst Tu wiederkommen?" „Ja", sagte er rnit raschem Atemzuge und beugte sich eilt wenig auf die neben ihm liegende kleine Hand herab, über die sein warmer Odem wie kosend glitt. „Mein Gott, ich will ja. Und wenn er — wenn er. . ." Ta brach er ab. Er war unvorsichtig gewesen. Sein Blick flog hinüber zu Frehlinghaus. Der schaute auf ihn, und sein snhles Gesicht wurde auf einmal blutrot. ES war Ivie einer Flamme Widerschein, die darüber hinweg- strich. Dann lehnte der .Hofmarschall sich gemächlich in seinen Stuhl zurück und seine Finger glitten durch die beiden Favoris. Er entfärbte sich langsam und wandte sich seiner Nachbarin zu: „Sind die Gnädigste musikalisch, wenn ich fragen darf? . . ." Klingkling. TaS war der Kultusminister. Fridolin Meyer freute sich. Er hatte die Exzellenz gebeten, ein Hoch auf Hammer und feine neueste Schöpfung auszubringen, und gutmütig hatte der Minister zngcsagt. Der Geheimrat gab dem Haushofmeister einen Wink. ?llle Diener standen wie eingewurzelt. Tic Exzellenz räusperte sich und begann. Es war eine Rede, wie hundert andere: wohlmeinend, freundlich und liebenswürdig, mit kleinen Witzchen vermischt, die heitere Ausnahme sanden; eine Rede ohne große Gesichtspunkte, auch nicht zu lang, doch hübsch stilisiert, wohlgesetzt und gut gesprochen. Der Minister legte den Ton auf den starken Aufschwung in der Architektur Berlins während des letzten Jahrzehnts, der zugleich eine Förderung aller übrigen Künste nach sich gezogen habe, und erinnerte an ein Wort Ruskins, des künstlerischen Apostels Albions: die Architektur müsse der Anfang aller Kunst fein, und die anderen Künste müßten ihr folgen nach Zeit und Ordnung. Er sprach auch von dem Individualismus der modernen Knnstauffassung, von dem Bestreben, an die Stelle des Symmetrischen das Malerische und des Pathetischen das Zweckmäßige zu setzen, und feierte die neue Kunst, die sich unabhängig gemacht habe von der formalen Schablone und mehr auf das Charakteristische hinziele, zugleich als einen Triumph des germanischen Elements. Hammer sei der ersts Vorkämpfer dieses Germanismus in der Baukunst gewesen, der die alte Innerlichkeit der Empfindung neu geweckt und das Gedankenreiche und Gemütsttefe über die Vorliebe für den Formalismus der klassischen Linie gestellt habe. Dann kam der Minister auf einzelne Bauten HammerSi und schließlich auf das Prinz Ferdinand-Theater und schloß mit einem Hurra auf den Banmeister und sein neues Haus, Er ging selbst zu Hammer und stieß mit ihm au. Tas war der sogenannte offizielle Toast, der der .Languste gefolgt war. Run wußte man, daß noch etwas kommen würde. Geheimrat Fridolin wurde plötzlich stiller, und seins Nachbarinnen hüteten sich, ihn in seiner Gedankenarbeit zu stören, lieber das kluge Vitellinsgesicht glitt ein sinnender Ernst; er schaute auf seinen Teller, zog die Stirn in Falten und die Brauen zusammen und nahm seinen goldenen Eislöffel, nm an das Glas zu klopfen. Aha! Das hatte man erwartet. Der Kammerdiener hinter dem Geheimrat faßte an die Stuhllehne, und Fridolin wuchtete sich schwerfällig in die Höhe. Er schaute nach links und nach rechts, stützte die Hände aus den Tisch und sprach. . . Hammer faß unbeweglich auf seinem Platze. Seine Gedanke» führten ihn ein paar Stunden zurück, unter die Arbeiter in der Friedrichslädtischen Brauerei. Das, was er jetzt vernahm, war wie ein Widerhall jener Worte, die der schlichte Maurer an ihn, den Menschen, gerichtet hatte: und doch klang es anders. Vom Menschen sprach der Geheimrat nicht, aber von dem viellieben Freunde und vortrefflichen Gesellschafter, der überall gern gesehen sei, der sich die Herzen erschlösse, wo er hinküme, und dessen natürliche Liebenswürdigkeit alle Welt gefangen nähme. Er hätte auch sagen können: dessen anständiger Charakter, dessen Lauterkeit der Gesinnung und ehrliches Wollen überall Anerkennung finde; aber das tat er nicht. Er blieb, wenn auch ohne Absicht, bei der Beurteilung des Oberflächlichen; er sprach immer wieder von dem entzückenden Gesellschafter, dem charmanten Plauderer, dem auch die Frauenherzen lebhaft entgegeuschlügen, und leerte sein Glas „auf den Hammer, der selbst in erzener Brust das Gold der Freundschaft löse". Die Schlußwendung klang freilich nach Phrase; aber sie schlug mächlig ein, Wieder tönten die Gläser zusammen, und der Baumeister mußte sich dankend verneigen. Er empfand, daß es schicklich sein würde, seinen Dank auch in Worte zu kleiden. Aber es war merkwürdig: er kannte die rechte Ausdrucksform nicht finden. Er grübelte und grübelte und immer wieder zersiatterten seine Gedanken. Was sollte er sagen? — Er sah die lange Tafel vor sich, von der Vlütenduft aufstieg, und den Gleiß von Silber und Gold, das Schimmern des Kristalls, das Leuchten der Gläser mit ihren rubinroten, bernsteinfarbenen und sattgelben Weinresten. 102 Er sah überall bekannte Gesichter, die ihin doch merkwürdig fremd vorkamen. Er rang nach Worten. Eine nichtssagende, liebenswürdige Wendung sand er sonst schnell. Er nahm schon sein SD ie ff er, um an daS Glas zu klopfen. Aber er zögerte wieder. Er wollte einen herzlicheren Ausdruck für seinen Dank finden. Und das war schwer. Er fühlte plötzlich, daß er nicht herzlich fein konnte. Warum nicht? Das wußte er nicht. Er war hier nicht der Arbeitgeber wie unter seinen Leuten; war auch nicht im Kreise gleichgesinnter künst- ierischer Freunde. Es ivar ein Geschästsdiner. Die um ihn saßen, erwarteten viel von ihm: Gehälter, Bestellungen, Tantiemen und Dividende». Es gab nur wenige an der Tafel, die auch im tiefsten Innern mit ihm fühlten ... Er schüttelte den Kopf. Er meinte, er fei ungerecht. Er wollte ausstehen und beginnen „Meine Damen und Herren, so alück- iiclj bin ich noch nie gewesen ..." Aber nein. Das war Unsinn und Lüge. Er war gar nicht glücklich. ES strich wie der Flug eines Nachtvogels über ihn. Ein schwarzer Gedanke stieg mählich in ihm auf. Er malte sich aus, wie die Gesichter ringsum sich wandeln würden, wenn eine große Enttäuschung hereinbräche; wenn die Bestellungen nicht honoriert werden könnten, wenn die Gehälter gekürzt werden müßten, wenn statt der erhofften Tantiemen und Neberschüsse das Gespenst des Defizits ans den öden Kaffen auftauchen würde. Und es kroch eisig über seinen Nacken . . . Sein Mund blieb verschlossen; hastig leerte er fein Glas . . . Eii, großes Geräusch: der Geheimrat hob die Tafel auf. Die Gesellschaft verteilte sich in den Salons; Gruppen bildeten sich, während der Kaffee und die Liköre gereicht wurden. Eine Anzahl Herren zog sich sofort in das Rauchzimmer zurück. Imhoff, der sich über die Oede des Pflichtbesuchs zu einer fröhlicheren Weltanschauung emporgekneipt hatte, faßte Priestap um die Taille und sagte mit schwankender Stimme: „Liebster Baron Priestap, was haben Sie nur gegen mich? Setzen wir uns in einen Rauchwinkel, und dann erklären Sie mir: was haben Sie gegen mich? ..." Er sagte noch dreimal: „Was haben Sie gegen mich?" — steckte sich eine dicke Havanna an und zog Priestap zu einem Fauteuil, Harry zuckte mit den Schultern. „Nichts, mein Lieber. Wie konuHen Sie darauf?" antwortete er gleichmütig. „Wie ich darauf komme? Na, hören Sie mal: früher waren wir ein Herz und eine Seele, und jetzt kennen Sie mich kaum noch. Sie verschwinden sans adieu. Sie schreiben «icht. Ich höre nur, daß Sie hier und da sind, daß Sie krank waren, daß Sie Gottseidank Ihre Genesung wieder gefunden haben. Sie kehren zurück und lassen sich nicht sehen. Sie kommen nicht einmal aus das Bureau — und man könnte doch gerade bei Ihnen ein gewisses Interesse für die Entwickelung unseres Unternehmens voraussetzen. Also was haben Sie gegen mich? , . Priestap hielt seine Zigarette zwischen den weißen, schmalen, blutleeren Fingern und schaute auf die feine, gerade Rauchlinie des verbrennenden Tabaks. Er zuckte wiederholt mit den Achseln. „Nichts, mein Lieber, gar nichts . . . Kam ich nicht zu Ihnen, so hatte ich eben anderes zu hm . . ." Jnihoff räusperte sich spöttisch. „Es ist ja richtig", meinte er, „Ihre Zeit ist kolossal in Anspruch genommen. Aber trotzdem ... Es ist jetzt recht nett bei mir. Sie missen, daß ich meine letzte Frau wieder zu mir genommen habe — Laura Lobedanz, unsere erste Ansiandsdame. Das bezeichnet nur ihr Rollenfach; aber sie ist eS auch im Leben. 6ie ist eine hervorragende Frau. Ich bin erst wieder Mensch geworden, seit sie zurück ist. Wir führen ein behagliches HauS, haben öfters einmal Freunde bei uns, leben so ganz «v» amore. Ich fange an, Philister zu werden — sozusagen; ich habe das Bohämedasein satt. Es führt zu nichts; es ruiniert nur. Spüren Sie denn nicht auch manchmal Sehnsucht nach einem ruhigeren Leben, Herr von Priestap?" „O ja", versetzte dieser und ließ den müden Blick zerstreut über die Gesellschaft schweifen, „so dann nnd wann .. »Sie sind heute merkwürdig einsilbig. Ich kann mir nicht helfen: Sie haben etwas gegen mich. Lieber Baron, ich bitte Sie aufrichtig, besuchen Sie uns einmal. Sie finden bei uns Ruhe und Frieden und ein gemütliches Heim. Sie sehen — nehmen Sie mirs nicht übel — Sie sehen so ein bißchen verbummelt aus. Ich möchte die Freude an der Häuslichkeit in Ihnen erwecken. Sie wiffen, wie zugetan ich Ihnen bin. Auch meine Frau fragt oft nach Ihnen, obwohl sie Sie gar nicht kennt. Aber Ihr Name ist unö geläufig; Nina spricht viel von Ihnen.. . ." Der schlaue alte Komödiant schaute in diesem Augenblick anscheinend aufmerksam auf die Aschenbildung seiner Afrikana; aber er merkte doch sehr wohl, wie Priestap nervös zusammenzuckte und seine Wangen sich röteten. „Wie geht es ihr? . . ." „Wem?" fragte Imhoff. „Ihrer — Ihrer Tochter?" „Ah —- der Nina! O gut, Herr von Priestap — Gott sei Dank gut. Auch um ihretwillen bin ich froh, daß mein Hauswesen wieder regelrecht geleitet wird. Sie hat die Mutter doch recht entbehrt. Sie ist die beste und bravste Tochter unter der Sonne. Und wie hält sie sich! Na, da hab ich auch die Augen auf! Aber eS wär nicht nötig, weiß Gott nicht; sie hat einen brillanten Fond. Bloß — sie ängstigt sich schrecklich vor ihrem ersten Auftreten. DaS Hilst nichts; das muß überwunden werden ..." Priestap wurde lebhafter. Er fragte nach vielerlei.; nach der Eröffnungsoper, nach der Nolle Ninas, und ob sie ihr zusage, nach den Kostümen und der Musik; fein Interesse mar auf einmal erwacht. Imhoff setzte sich behaglich neben ihn und begann zu klatschen. Diese Oper Rafaälis ivar weder Fisch noch Fleisch: eine Art Melodram mit schrecklich viel Sentimentalität und einigen ganz netten Arien. Aber der große Zug fehle; nichts Packendes, nichts Fortreißendes. Nina war die Soubrettenpartie zugedacht worden: die Rolle einer kleinen, ewig verliebten Putzmacherin. Die Oper spielte nämlich in der Gegenwart, in dem Stndentenviertel irgend einer ungenannten Großstadt. Uedrigens fehlten immer noch die letzten Szenen. Mit den: Finale würde Rafatzli nie fertig werden. Ein greulicher Mensch dieser Rafaöli: eingebildet, großmäulig und immer wie ein geheizter Ofen. Ueberhanpt: ein schreckliches Leben auf dein Bureau und ein höchst unangenehmer Verkehr mit den Kollegen. Der Seeben ein aufgeblasener Patron, arrogant und hochmütig, und der dicke Giesecke ein vollendeter Esel. „Ein kompletter Esel," wiederholte Imhoff, „er kaust lauter alte Stücke, Herr von Priestap, und damit will er die Leute ins Haus locken. Ich habe ihm gesagt, er solle selber einmal bei unseren erfolgreichen Autoren herumgehen nnd ihnen seine Aufwartung machen, nach ihren neuen Dramen fragen, mein Gott, wie inan eS so macht. Aber er meint, das könne er nicht; schon bei dem Gedanken fange er an zu schwitzen. Er schwitzt immer. Das ist seine Haupttätigkeit. Er ist ein kolossales Rindvieh. Wie es mit dem Schauspiel werden soll, weiß ich gar nicht. Er sagt, er hätte was in petto; da tut er furchtbar geheimnisvoll, als ob es ein Wildenbruch oder Sudermann wäre . . . warten wirs ab! In einem halben Jahre soll das Hau8 eröffnet werden — und noch kein festes Programm. Aber ein hübsches Ballet haben wir — das wird ziehen! ..." (Fortsetzung folgt.) Kkinrich Keine. Zu seinem 50. Todestage, (f am 17. Februar 1856.) Von Haus Ludwig L i n k e n b a ch. (Nachdruck verboten.) „Ter Tod zeigte sich gerecht gegen den, der ihn liebte; ähnlich der herrlichen Gestalt, welche er in der „Wallfahrt nach Kevlaar" gezeichnet hatte, lenkte der Tod, der große Tröster, seine Schritte des Morgens nach dem Bette des Kranken, um seinen Leiden ein Ende zu machen." — Soj erzählt „Tie Mouche", jenes Rätselwesen, das gleich einer gütigen Fee an den: Sterbelager eines der größten Dichter aller Zeiten anstauchte, um seine letzten Tage zn verklären. .So spricht sie von denn, der da „geliebt, gehaßt und ger — 103 litten" hatte und nun in der Nebelsrühe jenes Februarmorgens dalag, „gleich einer antiken Maske, über welche die Ruhe des Todes die Eisschicht einer stolzen Gleichgiltigkeit gelegt hatte". — Heinrich Heine, der Vielgeliebte und Vielgeschmähte, schloß vor nunmehr 50 Jahren nach grauenvollen, schrecklichen .Leiden die Augen für immer. Was er geschaffen, was er uns in verschwenderischer Weise gespendet hat, ist Gemeingut aller geworden. Seine Dichtungen leben und dauern fort, wenn auch auf den Sänger selbst das Schillersche Wort paßt: „Bon der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." — Gewiß, Heine war keine Edelnatur, sein ost krasser Egoismus, sein beißender Spott, seine Zügellosigkeit lassen ihn als Mensch nicht gerade verehrungswürdig erscheinen; aber dieser Mensch mit all seinen Schwächen und Fehlern war em Dichter, ein Künder und Bringer der Schönheit wie wenige vor ihm, wie keiner noch nach ihm. Und das allein darf für uns maßgebend, für die Würdigung Heines bestimmend sein; denn was häßlich und klein war an ihm, das hat der Tod gesühnt, aber was groß und schon und herrlich aus seinem Herzen quolf, das ist unsterblich. Heines Stärke liegt auf den Gebieten der Lyrik und der Satire; und es ist schwer zu sagen, welchem von beiden seine wertvollsten Gaben entstammten. Tas aber ist gewiß: Ms Satiriker steht er einzig, unerreicht da, während ihm den Kranz der Lyrik ein anderer streitig macht, Goethe. Und dieser war der Größere. Man hat sich vielfach daran gewöhnt, Heines Poesie mit dem Schlagwort „Weltschmerz- dichtung" abzutun. Wie haltlos, wie wenig treffend jene Bezeichnung ist, wird jeder einsehen, der sich einmal in die Schriften des Dichters versenkte. Wer natürlich nur ,,Tas Buch der Lieder" liest und nach dessen Lektüre glaubt, Heine würdigen oder bekritteln zu müssen, ist jenem Engländer vergleichbar, der in Deutschland zufällig von einem rothaarigen, sommersprossigen Kellner bedient ivurde und darauf in sein Tagebuch schrieb: „Die Deutschen haben rote Haare nnb Sommersprossen." Auch als Erzähler und Plauderer nimmt Heine eine Sonderstellung in der deutschen Literatur ein. Er gehört zu jenen wenigen Schriftstellern, die eigentlich nie etwas Langweiliges geschrieben haben. An welcher Stelle man anch seine Werke aufschlügt, auf jeder Seite lacht uns sein unerschöpflicher Humor entgegen, kichert der Schalk nnb enthüllt uns spielend eine ewige Weisheit. Fünfzig Jahre ruht der Dichter nun schon in fremder Erde, aus dem Friedhof „der Verbannten und Geächteten" zu Paris; und immer noch wütet der Streit um seine Person; immer noch versagt man von gewisser Seite dem „Richtpatrioten" die Ehrung, die ihm gebührt. Aber die Zeit wird kommen, die den Dichter recht zu würdigen versteht, die mit freudigem Stolz auf das hin- Llicken wird, was ihr der große Romantiker zurückgelassen hat. Tann werden die Verse Betätigung finden: „Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, So wird auch der meine genannt." Kenia Are. Mast schreibt uns: Im 6. Band von „Buhne und Welt" findet sich ein längerer Artikel von Paul Rache über das Hamburger Thalia-Theater, der die Geschichte dieses Theaters enthält und von den bedeutenden Kräften erzählt, die zeitweilig an ihm wirkten. Es wird hier weiter ausgeführt, daß dasjenige, >vas schon zu den Zeiten des Begründers Chäri Maurice einen Hauptvorzug des Thalia-Theaters gebildet hatte, nämlich eiu harmonisch abgerundetes, intim wirkendes, fein eingespieltes Ensemble, auch heute Noch bei diesem Theater zu finden ist. Als den charakteristischen Vertreter der' traditionellen Salonspielkunst des Thalia-Theaters Nennt der Verfasser sodann Albert Bozenhard und fährt fort: „Eine in ihrer Art Bozenhard kongeniale Künstlerin ist Ceuta Bro, der einstige Liebling der Münchener, das unübertroffene Meuuchen in der „Jugend", die rührend zarte Orti in Keyser- kings „Frühliugsopfer", die ergreifend einfache Mali in Bernsteins' gleichnamigem Stück und die Darstellerin so mancher ähu- kichen Mädchenrolle." Irl. Brä's Orti haben wir im vergangenen Winter hier gesehen und bewundert, au ihrer Mali gedenken wir uns nm nächsten Dienstag zu erfreuen. DM alt, das vieraktige Schauspiel von Max Bernstein, Ivurde zuerst in Berlin gegeben, die Titelrolle spielte Irene Triesch. Es wird in ihm, wie Heinrich Stümcke schreibt, das alte Lied vom Verhältnis zwischen dem reichen jungen Mann und dem armen hübschen Mädel, von der Unvereinbarkeit der Gegensätze zwischen Vorder- und Hinterhaus variiert mit diskret abgetönten theatralischen Mitteln, einer Dosis Gemüt und nicht ohne überlegene Ironie in den Szenen, in denen die Gegensätze der Klassen und der Weltanschauungen auf einander prallen. Infolge des geschickten Ausbaus und der gewandten, weltmännischen und psychologisch richtigen Behandlung des Themas zählt das Stück zu den bemerkenswertesten deutschen Bühnenwerken der letzten Jahre. Das Stück spielt in München während der Faschingszeit, und im Mittelpunkt steht ein einfaches Münchener Bürgermädel, die Mali. Man begreift, daß Frb. Br«, die das Münchener Leben nicht nur von ihrem dortigen Engagement her kennt, sondern in München ausgewachsen ist, sich gerade D'Mali zu ihrem Benesiz in Hamburg gewählt hatte. Die Hamburger Kritik war nach dieser Vorstellung darüber einig, daß cs für Rollen, wie die der Mali, gegenwärtig in Deutschland nur wenige Künstlerinnen geben dürfte, die sie mit derselben vollendeten Natürlichkeit des Spiels und Herzenstiefe darzustellen vermögen, wie Fräulein Brs. — Da in einem lustigen Einakter von Anders „V i e (l i e b - ch e n" Frl. Brö jüngst einen großen Erfolg hatte, so soll er den Schluß des Gießener Gastspielabends bilden. Geistiges Leben auf dem Lande. Mit Recht wird über die Landflucht geklagt; sie ist eines der volksverheerendsteu liebel unserer Zeit. Der Gründe dieses Uebels find viele: wirtschaftliche, soziale und auch, um- das Wort zu brauchen, ästhetische; d. h. der Landbewohner träumt von Genüssen, von Unterhaltung, die die Stadt ihm gewähren werde, deren er draußen entbehren muß. Und gewiß, die Stadt bietet mehr Freuden und geistige Anregung. Auf die Einbildung kommt es an; sie hat die gleiche Wirkung, rvie echte Gründe. Die Briefe aus der Stadt, die Erzählungen derer, die dort leben und gelebt haben, z. B. der Soldaten, gelegentliche Besuche in der Stadt, all das verleiht dieser beit. Schein der Bevorzugung, des schöneren, fröhlicheren Lebens. Was bietet dagegen das Dorf? Die Wirtshäuser, der Tanzboden, die Kegelbahn, die Familien-Dimpelei ohne rechten Inhalt, gelegentlich ein Fest, alles nur ein Abklatsch des städtischen Streift ens'. Das' brauchte nicht so sein: leider aber ist es zumeist so. Hier muß eingcgrifscn worden• dem Ländler muß i c tit Leben reicher ansge stattet, voller gestaltet werden; und das ist nicht gar schwer. Der Mensch lebt nicht vom! Brot allein. Es ist nicht genug, das; die Landleute, ob nun Besitzer oder Arbeiter, sich ausreichend nähren, gleichsam als Arbeitstiere erster Klasse. Auch für ihren Geist, ihr Gemüt, ihren Schönheitssinn muß "etwas getail iverden; jetzt liegen diese Gaben, die auch in dem einfachen Menschen vorhanden sind, brach. Niemand entwickelt, befruchtet sie recht, daher die Dumpfheit und Langeweile des Landlebens im großen ganzen. Auch hier kann die erfreuliche Ausnahme die Regel nur be- krästen. . „ , Mit Warnungen vor dem Stadtleben, mit Zetern und Klagen kann der Landflucht nicht abgeholfen werden; es gilt, dem Landleben mehr Inhalt zu gehen. Es dürfte keine Gememde ohne einen Verein zur A n r e g u n g u n d N n t e r h a l t u n g des geistigen Lebens geben. Dort wird durch V o r t rä g c pir Belehrung gesorgt, und Belehrung über die zunächst liegenden Fragen des wirklichen Lebens, über die Begebenheiten der Zeck, über staatliche Verhältnisse, über neue Entdeckung e n und Erst n d u u gen, über G e s u n d h c i t s w e > e u, die beste Lebens- und Nährweise usw. . , Solche Vorträge dürfen weder akademisch, noch langweilig sem ; sie müssen der einfachen Fasfnngskraft entgegenkommen und jeder muß fich aus ihnen etwas mit nach Hause nehmen Auch hier höhlt der stete Tropfen den Stein; das Rechte und Wichtige kann nicht ost genug wiederholt, nicht stark genug betont werden, damit man daran glaube. Das alles natürlich nur lachlrch belehrend, ohne allen Beigeschmack einer Bekehrung statt der Belehrung, nach der man verlangt. Sodann die Heimatkunde. Sie vor allem soll gepflegt werden durch Borträge, Vorlesungen, durch Wort und Bild. Mit Kleinem fängt man auch hier an, mit gemeinsamen Ausflügen unter kundiger Führung, mit Besuchen in der Nachbarschaft; um weiterhin auch einmal, falls die Mittel reichen, größere Gesellschaftsreisen zu Dafür bedürfen wir billigster Fahrprepe. Auch m .y e n c u- Preußen sollte eingeführt werden, was man in Württemberg, in der Schweiz, in einigen Kronläuderu Oesterreichs hat: billigste Fahrkarten zn beliebigem Gebrauch aut 10—15 T a g e. Und für so kurze Zeit muß jeder einmal tm Jahre, wes Standes und Berufes, sich freimachen können oder freigemacht werden. Es gilt ferner, dem Volke Unterhaltung zu bieten, fei es dadurch, das; ihm Werke der Kunst vorgesühtt werden in Wort und Ton und Bild, sei es dadurch, daß der,in ihn, schlummernde Simfttrieb entwickelt wird. Edelste, dabei ein* 101 — fache, leicht Verständliche, nicht langweilige Unterhaltung, erbaulicher und beschaulicher Art. Je nach der Mundart mögen Bolksschriftsteller, wie Reuter und Rosegger, Bock und Holzamer, vorgelesen werden, schlichte weltliche und Kirchenmusik wird aufgesührt, möglichst von heimischen Kräften, desgl. Schauspiele. Auch einen Dorf ho in er kann ich mir denken, der, wenn auch ohne Harfe, die . alten Dinge und Taten erzählt und das Herz der Zuhörer mit Heimatstolz erfiillt. Ist dieser Stolz erst erwacht, dann ist alles gut. Mit ihm erwacht auch die Hingabe und der Opsersinn, erwacht auch der selbstschaffende Geist. Und mit solchem frischen, fröhlichen Geistes!- und Geschmacksleben drängen wir die schlechten Einflüsse zurück, die jetzt alles in Grund und Boden verwüsten: die Einwirkung schlechter Bücher und Zeitungen, schlechter Musik, schlechter Geselligkeit. Eine gutgewählte Bücherei must zu jedermanns Verfügung stehen. Das Volk wird wieder selbst singen, ja dichten und neue Weisen finden, wie einst; und jene greuliche mechanische Groschenmusik wird verschwinden, die den BolWgesaug nachgerade zum Verstummen bringt; geschweige die gemeinen Gassenhauer, die Musik der Tingeltangel und dergleichen. Ihtb wenn alles höher und höher blüht, so werden auch, seien cs örtliche oder landschaftliche Feste mit dichterischem, musikalischen! und leiblichem Wettbewerb abgehalten werden können, gleichsam olympische spiele im kleinen oder die „jochS florals" der Provenzalen und Katalanen. . Wer aber soll alle diese geistigen Anregungen geben, diese Anstalten leiten? In erster Linie die hoher entwickelten geistigen strafte: Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Amtspersonen. Zu ihnen würden sich aber bald viele mehr finden, brächten sie zuerst auch nur ihren gesunden Menschenverstand, ihren Mutterwitz, ihren unverfälschten Geschmack mit. Der Lohn für solche Hingabe an eine wichtige öffentliche Ausgabe liegt in dem eigenen Bewusttseiu der Erfüllung einer schönen Pflicht gegen Volk und Vaterland, in der Freude an dem immer sich mehrenden Gelingen. Und mit solcher Ausstattung des Landlebens wird der ungesunde Trieb in die Stadt ahnehmen und aufhvreu; zu den übrigen Vorteilen des Land- lebens kommt nun auch noch hinzu, iw rum inan sonst meinte, den Städter beneiden zu müssen. Und auch die soziale Bedeutung solches alle Stände und Berufe verbindenden gemeinsamen Lebens springt in die Augen; es wird der Versöhnung in hohem Maste dienen. Ans Werk denn, Pfleger der Heimat und der VolMvvhlfahrt! Prof. Dr. F. Alleine prakSische Ratschläge. . ** Der Karpfen besitzt in vielen Fällen bekanntlich einen eigentümlichen Schlammgeruch und Geschmack. Diesen kann man leucht beseitige,!, wenn man beim Kochen dem Wasser ein nußgrostcs Stuck Holzkohle hinzufügt. Die Kohle must ohne Hinzutun von Stein- oder Braunkohlcnrust geglüht sein, möglichst frisch, darf aber rncht mehr glühen rind Heist sein. Die Holzkohle nimmt den laden Modergeruch auch von anderen Fischgerichten, z. B. vom Stockstich oder Leberdan. Eine Heute-Nummer haben die .Lustigen Blatter" in Berlin fertiggestellt. Eine Anzahl unserer vmncln stcn Dichter und Cchrüstiester, unserer hervorragendsten Zeichner haben sich zu einer Jubelhmnne für Heine zusan inenaeiunden. Richard Tehniel, Detlev v. Lilicncron, Ernst v. Walzercn, Georg Reiche, Hugo Callis ufro. besingen den Dichter, besten Todestag sch heute zu,,, fünfzigsten Male jährt, Gustav Larpeles, der Heine-Biograph stellt aus Heines Gedichten seine irertvalle poetische Autobiographie zusammen. Ltu's Gerate- n>o»l in die plille der Gaben hmcingrciscnd, geben wir hier einige Proben wieder: Den Heine-Verächtern. Kunst ist ein Kind der Sinne! Ihr glaubt es freilich nicht, Euch ist nur niedre Minne, Was bnrd) die Sinne spricht» Ihr wollt Moralen haben, Das „Edle" nur ist grast, Ter Sinne bunte Gaben Sind Euch ein Blendwerk blost. Co habt Ihr Sinn-Berächler Den Heine uns vertleint, Den Nachruhm der Geschlechter Zn schmäler» ihm gemeint. Vergebliches Beginnen! Tie Welt geht drüber hm: .richt bei des Lebens Sinnen «wnd stets des Lebens Sinn. Georg Reiche. Ich halte Heinrich Heine slir einen der grbstten Lyriker, die je gelebt haben, Alt-Rahlstedt, den 4. 1. 1906. Detlev v. Liliencvon» * Buch der Lieder, nachgedichtct von unseren Modernen. Gerhart Hauptmann. Ich grulle ui! „u host'S amol gehärt. 44! biss ja, »recht >ner svrecha, gor ni ivectl As»,eene iS mer zu schlecht dahie, Nu jemersch ok, „tt ne, ich grulle nie! Zch häng mich ni derwegenS uf; tut bak § i§ mt ni andersch l itze weest mer'sch jL Har uf mit dam Gewerge, härschte Du? Ich grulle ni! was prillste denn asu? » Hugo von H ofinannstha l. Ich weiß nicht, was soll eS bedeuten: Der Slbler, das Lamm und der Pfau, Der Erbe und das Salböl Der toten alten Frau. Der Erbe verschwendet das Salböl Mit Adler, Pfau und Lamm, Und der Leser verschwendet Gehirnschmalz: ■ Wie reimt sich das zusamm? * Otto Julius Bierban in. DaS Meer erglänzte weit hinaus — Laridahl Wir tanzten um das FifcherhauS — Laridah! Ter Nebel stieg, das Wasser schwoll — Laridaht Sie sprach zu mir bedeutungsvoll: Laridah! Ich wußte, was dies Wort verriet: Laridah Und machte draus ein Brettl°Lied — Laridahl Das.singt sie mm im Kabarett — Laridahl Und eine Mark kost't das Billet — Laridah! * Detlev von Liliencron. Du bist wie eine Blume, Trutz, blanke Hans! Stürmt König Ragnar Lodbrok Einst Deines Herzens Schanz? Ach nein, ein Herr Hauptmann, Und daun die LentenanlS, Und dann die Grenadiere. Trutz, blanke Hans! Peter Altenberg. Leise zieht durch mein Gemüt Dust von Tamarinden; Sennesblätter soll mein Lied Um Rhabarber winden. Liebchen, laß zum Hochzeitsschmaus Uns Püree genießen; Wannst' Hunyado Janosch schaust, Sag, ich laß ihn grüßen! Scherzrätfel. Nachdruck verboten. Rezept zu einem Maskeu-Kostüm für Herren» Ein wichtiges Teilchen der Nähmaschinen Und von einem Besen ein tüchtiges' Stück, Tie können als Tracht für den Maskenball dienen. Euch blüht dann bei sämtlichen Damen das Glitch Nur mögt Ihr nicht Locken verschenken vom Hauple, Sonst wär' cs gescheh'» nm die herrlichste Zier. Ihr könnt's nicht ertragen, ivenn man sie Euch raubte. So geht eS mitunter den Leuten aiich hier. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Königsproinenadc in voriger Nummert Wahre Freunde nennt man solche, Die vom Bösen fern uns halten, Aber mit bedächt'gem Sinne Für des Freundes Vorteil wallen; Das Geheimniß treu verbergen, Nur das Gute laut verkünden, Wenn eS Zeit ist, gerne helfen. Und im Unglück nicht verschwinden. Höfe«« Redalnon. Ernst Heß» — Rotattonsdruck und Verlag der Brühl'scheu UnwersttätS-Buch. und Stemdruckeret. Si. Lange, Metze«.