1906 ■K A il K I srf stdlte » MAW Jem Wahren- Gdten, Schönen. Ein Großstabtroman von Fedor v. Zobeltip. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 5. Der Baunicister hatte auf - der Straße seinen Wagen stehen. Seit die Angelegenheit des Thcaterbaucs in Ftüß gekommen war, hielt er sich eine Equipage, oder vielmehr, er hatte sich aus dem Tattersall eine solche gemietet, die ihm nunmehr täglich zur Verfügung stand. Bei der Eigenart seiner Rechenkunst hielt er das für eine große Ersparnis. Urban Hammer mar der Sohn eines Offiziers, der 1870 gefallen mar. Während sein älterer Bruder die KarriLre seines Vaters einschlug und gegenwärtig Oberst im Generalstabe mar, mollte Urban Maler merden, sattelte aber noch rechtzeitig um und mar heute der am meisten genannte und überall bekannte Architekt Berlins. Er mar sozusagen berühmt. Was ihn berühmt gemacht hatte, mar sein un- rrschrockener Bruch mit der Ueberlieferung: seine Stillosigkeit. Er halte bem dicken Fridolin — das mar der Geheimrat Meyer, der Chef der großen Speditionsfirma Vahlen Söhne — eine Villa gebaut, über die man sieh zuerst vor Lachen ausschütten mollte; dann murde man aufinerlsamer, dann fand man sie höchst originell, dann entdeckte man große künstlerische Einzelheiten, und schließlich murde sie ein Triumph der modernen Architektur. Es mar die „Villa der Zukunft", ein boshafter Mensch nannte sic die „Uebervilla". Es war ein sonderbarer Bau, der ganz gewiß kein Vorbild besaß. Man konnte ebensogut an ein schottisches Kastell denken wie cm eine italienische Fcudalburg, an ein Alt-Danziger Patrizier- Haus, wie auch an ein Lustschlößchen au§ dem Barock; c§ kam nur darauf an, von welcher Seite man die Villa betrachtete und wie man sie auf sich wirken ließ. Eins stand fest: sie war praktisch gebaut und präsentierte sich ungemein malerisch. DaS Malerische in der Architektur war die Force Hammers. Er wurde im Umsehen berühmt. Er wurde Mode. Und er besaß in der Tat eine geniale Hand. Bei dem SB er s'(- schen Warenhause verstand er cs mit großem Geschmack und feinem Kunstgefühl, Eisen- und Stcinbau zu einem wirksamen harmonischen Ganzen zu verbinden. Einer Brücke im Zentrum von Alt-Berlin gab er durch Anbau eines Wächterhäuschens und ihren absichtlichen Mangel an Monumentalität ein gewissermaßen volkstümliches Gepräge, das hierher, in das Herz von Kölln an der Spree, zu gehören schien. Selbst bei seinen Mietshäusern verleugnete er das Prinzip der Individualität nicht. Die Fassaden wirkten immer durch ihre lebhafte Farbengebung nnb das Malerische der Anlage. Und auch da, wo Hammer gelegentlich auf überlieferte Formen zurückgriff, tränkte er sic mit neuem Geiste und umkleidete sie mit Eigenem. Aber innerlich kam er nicht vonvärts. So behauptete er. Wie die meisten bedeutenden Künstlernaturen war er nie zufrieden mit dem Geschaffenen. Er entwarf Riesenbauten auf dem Papier: Kirchen, Geschäftshäuser, Theater und Schlösser; er baute im Geiste mit ungezählten Millionen. Er baute nie unpraktisch, aber immer luxuriös, wenn man ihm nicht von vornherein Hemmschuhe anlegte. Er war eine ausgesprochene Mäcenatcnnatur nnd als solche auch ein Verschwender. Er verdiente viel nnb kam eigentlich selten aus seinen finanziellen Bedrängnissen heraus. Mit den letzten paar hundert Mark in seinem Portefeuille konnte er eine kostbare Truhe kaufen, die ihm gerade gefiel. Es ging ein dualistischer Zug durch sein Wesen. Sein frisches, freies Künstlcrherz schäumte oft über; aber er sah ängstlich auf Formen imb Etikette und würde nie eine genähte Krawatte oder lockere Manschetten getragen haben. Er war liberal in seiner Weltanschauung und fuhr ungern auf der Pferdebahn, weil ihm diese „demokratischen Vehikel" unangenehm waren. Bei alledem war er außerordentlich gutmütig, gastfreundlich und liebenswürdig, besaß einen sehr großen Bekanntenkreis und nicht viele Freunde. Aber alle Welt sagte gleichmäßig, er sei ein „netter Mensch" ..." Nun fuhr er zu Priestap. Er steckte sich eine Zigarette an und blies den Rauch bitrdi die Nase. Er war recht zufrieden. Alles wickelte sich erstaunlich glatt ab. Das rote Gold floß ihm plötzlich in Strömen zu. Priestaps mußte unermeßlich reich sein; er hatte nnr das eine Wort: „Bauen Sie nach Ihrem Geschmack; die Kosten sind Nebeu-- sache." Daß sie nicht Nebensache, fühlte Hcmrmer wohl. Aber daß sie nicht schwerwiegend in das Gewicht fielen, freute ihn üon Herzen. Endlich einmal ein Bau, bei dem nicht geknausert zu werden brauchte! — Er warf seinen Zigarettenrest mrs bem Fenster. Ter Wagen hielt, nnd Hammer stieg aus. Ein Diener in Grün und Gold öffnete ihm bei Priestap die Tür; ein zweiter Diener in Frack und Escürpins hielt sich im Hintergründe der Entree. Ter Herr Baron seien im Stall, sagte der Grüngoldene, und der in Esearpins führte Hammer dorthin, die Treppe hinab unb quer über den Hof. Es war nicht der Renustalll Priestaps, sondern der „Privatstall", mit drei Boxen für die Wagenpferde nnb ein Reitpferd. Auf dem Reitpferde, das mit dem Kopfe nach bem Stallgange angeriemt war, saß Priestap in vollem Dreß nnb lockerte dem Gaul durch, Anziehen und Nachlassen der Zügel die Gamaschen. „Guten Morgen, lieber Baumeister", rief er von hohen«! Roß herab; „Donnerwetter, das hätte ich beinahe vergessen. daß Sie mich besuchen wollen! Warten Sie einen Augenblick — ich klett're schon herunter. Fritz, helfen Sie mn ein bißchen!" Ter Stallknecht sprang herbei und hielt den Bügel fest. Tann ging cs wieder in die Wohnung zurück. Tie Herren traten in Priestaps Arbeitszimmer, in dein noch me gearbeitet worden war. Toch sah der Rauin mit seinen schönen Boiserien, den dunllen Ledertapeten darüber und dem schweren Mobiliar würdig und gediegen aus. Priestap ließ Zigarren und Liköre bringen. Er war nicht mehr so blaß und schien auch heiterer zu sein als neulich. „Also wann sangen wir an, Herr Baumeister?" fragte er, sich in einem Sessel streckend. „Können Sie es so gar nicht erwarten?" fragte Hammer lächelnd zurück. „Kaum, lieber Freund. Es ist ein Vermächtnis, das ich ausführen will. Tas drängt mich. Sind die Vorbereitungen denn noch nicht erledigt?" „Doch, Herr von Priestap. Bis auf eine Kleinigkeit. Tie Darmstädter Bank will sich mit anderthalb Millionen beteiligen. Doch nur an erster Stelle. An ziveiter steht Berndäl. Wollen Sie mit Ihrer Million hinter ihn treten? Es ist viel verlangt und doch auch wieder nicht. An einen Ausfall ist, selbst ivenn das schlimmste eintreten sollte, nicht zu denken. Tas nackte Grundstück ist zwei iinb eine halbe Million wert." „Darnach frage ich gar nicht", antwortete Priestap. „Tie Million, die ich zeichne, betrachte ich nicht als mein Geld. Lassen Sie sie eintragen, wo sie wollen . . ." Ein leichtes Lächeln glitt über seine hübschen Züge. „Ach, Liebster, dieses ekelhafte Geld! Mein Bankier laßt mir keine Ruhe mehr mit seinen Anfragen. Wie das angelegt werden solle und tote das; 'mal warnt er, und 'mal rät er. Ich weiß doch erst recht nicht Bescheid! Lieber Ban- meister, es ist ein elendes Leben." „Aber immerhin erträglich",sagte Hammer und musterte prüfend den eleganten Raum. „Nein!" rief Priestap, „durchaus nicht! . . . Wer so reich ist wie ich, darf nicht das Unglück haben, bedürfnislos zu sein. Ter muß zu leben verstehen. Tas verstehe ich nicht. Ich esse, es ist schrecklich, ein Beefsteak mit Bratkartoffeln lieber als alle Delitatessen der Saison. Und ein Schluck Porter oder Kulmbacher schmeckt mir besser als Pommery Greno. Wenn ich mit meinen vornehmen Freunden vom Rennplatz zusammen bin, ist das für mich eine förmliche Quälerei. Bei jedem Tiner verderbe ich mir den Magen. Manchmal schleiche ich mich ganz heimlich, damit es meine Diener nicht sehen, nebenan in ein kleines Restaurant und delektiere mich aus meine Weise. Ich bin kein Genußkünstler, Baumeister — gar nicht." „Vielleicht würden Sie es werden, wenn Sie als Gegengewicht die Arbeit hätten, Herr von Priestap." Der junge Mann schüttelte energisch den Kopf. „I Gott bewahre! Es ist noch ein Glück, daß ich faul bin. Wollte ich Arbeiten, dann würde sich mein Geld ja noch vermehren. Außerdem kann ich nicht arbeiten. Ich habe es nicht gelernt; ich glaube, ich vertrage es gar nicht. . ." Er klirrte mit seinen Sporen. . . „Es ist ein heilloser Zustand. Da hab' ich mich nun dem Sport in die Arme geworfen, um wenigstens etwas zu tun. Aber es langweilt mich auch. Ich bin zu gar nichts nütze." „Heiraten Sie", sagte Hammer. „Baumeister, ich würde eine Frau nur unglücklich, machen. Ich würde ein jammervoller Ehemann Jetti. Ich kann mich nicht einmal kräftig verlieben. Ich habe nur ein einziges Mal —" Er brach ab und sprang auf. Jetzt stand wieder der Zug schwarzer Melancholie auf seinem Gesicht. Er trat an das Fenster, schaute hinaus und sagte mit müder Stimme: „Zur Sache, Baumeister. Das ist wenigstens etwas, das mich interessiert. Sie wollten noch einiges an den Plänen ändern. Sind Sie nun fertig?" „Ja, Herr von Priestap, und ich möchte Sie bitten, sich morgen in mein Bureau zu bemühen und sie sich anzusehen. Ich behalte mir nur noch in den Reliefs kleine Menderungen vor. Tie Bauerlaubnis soll nach Möglichkeit beschleunigt werden; ich war gestern selbst auf dem Polizeipräsidium und habe mit dem Dezernenten gesprochen. . ." In der Entree ertönte die Klingel. Ter Diener brachte zwei Karten. „In den Salon", befahl Priestap und warf Hammer einen befremdeten Blick zu. „Hoher Besuch, Herr Baumeister. Aber ich taxiere, es gilt weniger mir als unserem! Theater. Prinz Arenstein und der Hofmarschall Graf Freh- linghaus. . ." Ter Diener hatte auch die Tür zwischen Herrenzimmer und Salon geöffnet, und sofort wurde die krähende Stimme des Hofmarschalls hörbar: „Was seh' ich!? Ist das nicht unser Baumeister?! Prinz, unser Baumeister ist auch zur Hand. Da können wir also doppelt Aufklärung. erhalten . . ." Ter Prinz war mit Priestap von der Rennbahn und dem Klub her bekannt. Er war ein hübscher und stattlicher Herr gegen Treißig mit feinem und klugem, ein wenig abgespanntem brünettem Gesicht. Prinz Heros Arenstein trug Zivil; er hatte im vergangenen Jahr seinen Abschied genommen, weil er sich persönlich mehr um seine Güter zu bekümmern gedachte, als ihm dtes bisher möglich gewesen ioar. Nun ivar er auch für das Herrenhaus präsentiert worden und hatte seine erste Session mit einer glänzenden Jungfernrede beendet. Aber er blieb noch ein paar Wochen in Berlin. Tie allgemeine Begrüßung ivar verbindlich reserviert. „Mein lieber Herr Baron Priestap", sagte per Prinz, „wir müssen um Entschuldigung bitten, daß wir so saus fayon Ihre Wohnung stürmen — aber es handelt sich um das neue Theater, dem ich ja auch ein wenig meine Patenschaft geben will. Und da ist es in der Tat gut, daß wir zugleich den Bauherrn bei uns haben. Ich hätte mich auch an Sie wenden können, verehrter Herr Baumeister; aber Baron Priestap ist mir zufällig persönlich bekannt und —" Nun deutete Priestap auf die mit altem Gobelinstoff überzogenen Sessel, und die Herren nahmen Platz. Graf Frehlinghaus hatte mit leichter Handbewegung seinen Begleiter unterbrochen. „Pardon, lieber Arenstein", begann er, „Tu greifst, meine ich, unnötig iveit aus. Meine Herren, ich habe auf Anregung des Prinzen zugesagt, in den Aufsichtsrat der neuen Theatergesellschast zu treten. Ja, ich habe zugesagt, weil neben Genealogie, Heraldik und Adelsgeschichte merkwürdigerweise — ich sage merkwürdigerweise, wegen der Verschiedenheit der Interessen, — weil neben Genealogie, Heraldik und Adelsgeschichte —" „Ter Satz wird zu lang, Frehlinghaus", warf der Prinz trocken ein. Ein Lächeln zuckte um den Mund des Baumeisters, während Priestap mit großer Ehrfurcht zuhörte und der Graf, ohne sich stören zu lassen, sortfuhr: eben auch das Theater von jeher einen großen Reiz auf mich ausgeübt hat. Meine Herren, ich bin ein Theaterfreund; ja, das bin ich. Aber ich bin ein Feind jener entsittlichenden, den guten Geschmack verderbenden Literatur, die sich gegenwärtig auf unseren Bühueu breit macht. Ich bin ein Feind der dramatisierten Zote, wie sie uns aus Paris überkommen ist, und sehe das Heil unserer deutschen Bühnen nur in einer Rückkehr zur Sittlichkeit —" „Amen", sagte der Prinz. Dann lachte er uitb fügte hinzu: „Entschuldige, Frehlinghaus, das sollte feine Blasphemie sein. Es kam mir unwillkürlich heraus. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung." Ter Graf machte eine unmutige Kopfbewegung und erhob dann, gleichwie beschwörend, den Zeigefinger seiner rechten. Hand, an dem ein ar ßerordentlich langer, rosa polierter Nagel schimmerte. „Meine Herren, ich sage es nitumwunden", sprach er weiter, „daß es mir eine besondere Freude sein würde, als Mitglied des ANfsichtsrats auch einen gewissen Einfluß auf das Repertoir ausüben zu dürfen. Ich lasse die Oper außerm Spiel; mit Offenbach!«den wird man dem Pu-, blikum ja wohl nicht kommen. Ich spreche vom Schauspiel, Es ist selbstverständlich, daß man die moderne Produktion nicht ohne weiteres beiseite schieben kann. Aber befreien Sie sich doch von den Schmutzwühlern, von jenen Talenten — meinetwegen Talenten ■— die ihre Stoffe mit Vorliebe in den Armenhäusern, in den Höhlen des Elends suchen, oder die, wenn fie. wirklich einmal höher stehende Kreise schildern, solche mit geflissentlicher Absicht als innerlich faul, ja zuweilen als völlig demoralisiert darstellen. Das Theater soll ein Tempel der Erziehung sein. Erzieherisch! wirken aber kann die Bühne nur, wenn uns von dort die schöne Weihe einer geläuterten Lebensauffassung ent-, neaenjvefit: wenn, ich möchte sagen der Hauch reiner Ghtt- 35 lichkeit aus den Kulissen emporsteigt. Meine Herren, dieses neue Haus kann eine große Mission erfüllen. Es kann Reformen anbahnen; es kann die unreinen Geister aus der dramatischen Literatur unserer Zeit vertreiben helfen; es tarnt, um mich so auszuoructen, die Kunst wieder rein waschen. Und dies tut not. Stirb Sie von solchen Idealen erfüllt, meine Herren, dann bin ich gern der Ihre. Wer das uruß ich wissen, ehe ich mich endgiltig entscheide. Und nun geben Sie mir die Wahrheit. . Er ließ seine graublonoen Favoris durch die Finger fließen und nickte mehrfach mit dem Kopfe, als sei er mit sich selbst zufrieden. Priestap sah verlegen aus und bat zunächst mit ängstlicher Stimme um Vergebung, daß er im Reitkostüm sei. Ter Baumeister schwankte und suchte nach einer diplomatisch gewundenen Antwort, als der Prinz plötzlich aufstand und das Mort nahm. „Richtig, Frehlinghaus", sagte er, „sehr richtig. Auch ich werde mich erst entscheiden, wenn ich die Gewißheit habe, daß das neue Theater der reinen Kunst dienen soll, die nackt wie die Wahrheit ist: nicht der Prüderie, die gottergeben mit den Augen klappert, itadj jeder runden Mädchenbrust schielt und nach der Polizei schreit, wenn der Ausschnitt zu tief ist. Richt den kleingeistigen nnb engherzigen Moralforschern, die bei jedent freieren Wort in Krämpfe verfallen und die Muse nur im Mantel der Tugend sehen wollen. Wenn unser neues Theater ohne Rücksicht auf Gunst von oben und unten, auf Parteigezeter und gefaltete Hände sich wirklich nur dem Wahren, Edlen und Schönen widmen will, dann bin ich Ihr Mann, meine Herren .Und insofern gehe ich mit meinem Freunde Freh- lmghaus konform. Ja, Frehlinghaus, wir haben Dich verstanden. Erlaube, daß ich Dir die Hand drücke!" (Fortsetzung folgt.) Benjamin Imnkün. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburtstages, 17. Januar 1706. Von Tr. R. Strecker. Ein ungemein vielseitiger Mensch und zugleich ein rechter Vertreter seines Jahrhunderts in praktischer, wissenschaftlicher, politischer und religiös philosophischer Hinsicht war der Amerikaner Benjamin Franklin. Die Lektüre seiner von ihm selbst verfaßten Lebensbeschreibung wiegt in der Tat, lute einer seiner Freunde schreibt, die Lektüre aller plutarchtschen Lebensbeschreibungen auf. (In Reklams Universalbibliothek für 40 Psg. erhältlich.) Er schildert hier sein Emporkommen aus beit kleinsten Verhältnissen, so recht das, was der Engländer einen Self-made man (ein Mann, der nur seiner eigenen Kraft seine ganze Existenz, verdankt) nennt. Als Sohn eines Seifensieders in Boston bei New- York mußte er zunächst seinem Vater beim Lichterziehen helfen, bis er seiner Neigung zu den Büchern entsprechend, zu seinem Bruder, einem Buchdrucker, in die Lehre kam. Schon hier zeigten sich die Eigenschaften, die ihn später so groß machen sollten, sein Fleiß, seine Sparsamkeit, seine Mäßigkeit. Er ließ sich sogar statt des Mittagessens Geld geben, um einen Teil davon für Bücher verwenden zit können . Gleichzeitig regte sich aber auch sein starkes Selb- standrgkettsgefühl. Als sein Bruder ihn unwürdig hart behandelte, ging er ihm und den Eltern durch nach Phila- delphta. Hier trat er bei einem Buchdrucker Keimer in T-tenst, und es ist eine ganz interessante Schilderung, wie er es fertig brachte, neben dtesem und noch einem zweiten Trucker der Stadt sieh selbständig zu machen. Alle seine Bekannten hatten den Versuch für aussichtslos gehalten, zumal die eine Druckerei durch staatliche Aufträge ver- schtedener Art sehr im Vorteil war. Franklin aber hatte etwas anderes in die Wagschale zu werfen, wodurch er Jene 6erben anderen weit lstnier sich ließ, feinen Geist. ett fortzubilden war er auch stets unermüdlich tätig. Bet allen Gelegenheiten und von allen Menschen suchte er zu lernen. Tas machte ihn schließlich zu dem großen Gelehrten, der auch ohne höhere Schulbildung die wichtigsten Entdeckungen machen konnte. Er erkannte die Wescns- gleichheit des Blitzes mit der elektrischen Kraft und konnte so den Blitzableiter erfinden. Mehrere Universitäten ver- "bheu ihm daraufhin später ehrenhalber den Toktortitel, nachdem die Gelehrtenwelt ihn erst eine zeitlang nicht hatte ernst nehmen wollen. Dieser emsigen Arbeit an sich selbst entsprach auf der anderen Seite das edle Streben- auch tf andere erzieherisch einzuwirkeu. Schon bei einem vorübergehenden Aufenthalt in London hatten seine englischen btetruikenden Buchdruckerkollegen von dem „amerikanischen Wassermann", wie sie ihn nannten, manches lernen können In Philadelphia gründete er mit seinen Freunden eine Gesellschaft, die sich „Junta" nannte. Sie tauschten Gedanken und Bücher miteinander aus, übten in Rede und Schrift ihren Stil und verbreiteten, je' größer die Mitgliederzahl wurde, Aufklärung und Verständnis für viele Tinge in der Stadt. Um letzteres zu erreichen, wußte Franklin aber auch alle anberen Hebel in Bewegung zu setzen. Sein Haupt- Werkzeug war naturgemäß seine Zeitung, durch welche er die Stimmung für alle öffentlichen Unternehmungen vor- zubereiten wußte. Dem gleichen Zweck diente aber auch der Volkskalender, den er alljährlich herausgab, und noch mehr die öffentliche Leihbibliothek, die geradezu feine Er- findnitg ist und von deren Wirkung er selbst schreibt: „Binnen weniger Jahre wurde eS' den Fremden bemerkbar, daß wir besser unterrichtet und einsichtsvoller waren, als gewöhnlich Leute von demselben Stande in anderen Ländern sind." Seine physikalischen Experimente machte er auch alle öffentlich, um durch sie gleichfalls zur Verbreitung von Bildung beizutragen. Neben der geistigen Förderung seiner Mitmenschen war er auch ebenso sehr auf ihre alltäglich praktische bedacht. Tie Ordnung des Nachtwächterdieustes, die Einrichtung der Feuerwehr, die Einführung der Straßenreinigung und -Beleuchtung, die Begründung einer höheren Lehranstalt und so manches andere geht auf seine alleinige Anregung zurück! Diese feine geistige und moralische Tüchtigkeit, verbunden mit feinem ausgeprägten gemeinnützigen Sinn, machten ihn naturgemäß für die verschiedensten" öffentlichen Aemter berufen. So wurde er bald in den Stadtrat gewählt, kam dreißigjährig bereits als Schriftführer in die General- versammluug von Pennsylvanien und wurde später darin selbst Abgeordneter für Philadelphia. Hier hatte er wiederholt Gelegenheit, seinen Ueberzeugungsmut und seinen Gerechtigkeitssinn zu bewähren. Pennsylvanien war nämlich gleich bett übrigen nordamerikauischen Kolonien Eigentum von Privaten (der Familie Penn, daher der Name zu deutsch: Penns-Waldland). Diese Eigentümer suchten sich auf Grund ihrer alten Freibriefe jeder Besteuerung zu entziehen, fodaß die Abgeordneten der Kolonie mit ihnen einen ewigen Kampf zu kämpfen hatten. Franklin mußte sogar einmal selbst nach Loudon, um dort dem Herrn Penn gegenüber die Rechte der Kolonie zu verteidigen. Tie Hauptaufgaben seines Lebens aber traten an Franklin heran, als die nord amerikanischen Staaten sich gegen die Tyrannei des Mutterlandes, insbesondere gegen die Georgs III. von England erhoben. Längst hatte Franklin dies Ereignis vorausgesehen und zum Teil sogar vorbereitet. So hatte er z. B. in Phialdslphia gegen den Widerstand der Quäker (eine religiöse Sekte, welche dort vorherrschte und das Kriegshandwerk als Sünde betrachtete) die Landesverteidigung organisiert, Befestigungen und eine Miliz geschaffen. Wie dann in dem großen Unabhängigkeitskampfe Washington die kriegerischen Operationen leitete, so Franklin die politischen. Es war von ausschlaggebender Bedeutung, daß er vor allem Frankreich, wohin er persönlich reiste, zur Unterstützung Amerikas gewann, denn erst die Truppen und das Geld der Franzosen ermöglichten die Abwehr der Engländer. Bei der Begründung der neuen amerikanischen Macht, die sich nun als „Vereinigte Staaten" selbständig, hinstellte, war auch Franklins Geist in erster Linie mitbeteiligt. Manche der hier verwirklichten Grundsätze trugen dann ihrerseits viel zur Förderung der französischen Revolution bei, und so stellt der in Paris weilende Franklin gewissermaßen die Vermittlung zwischen den beiden großen Volksbewegungen westlich und östlich des Atlantischen Ozeans dar. Kein Wunder daher, daß er trotz all seiner Bedeutung auch seine strengen Verurteiler fand, während ihn dis für den Freiheitsgedanken empfängliche Menschheit mit dem Verse feierte: „Er entriß dem Himmel den Blitz, dem- Thrannen sein Szepter." Kurz und treffend ist in diesen Worten seine gemeinnützige wissenschaftliche und politische Bedeutung gekennzeichnet. Nicht lange, nachdem die Verfassung der Verein. Staaten begründet war, ist Franklin am 17. April 1790 gestorben, bis zuletzt im Sinne edelster Menschlichkeit wirkend, und daher mit Recht von Herder als Hauptyex- -L- M 'S- tretet des Htmtänitätsideals gefeiert. So toirkte er «och in den letzten Jahren in zwei Gesellschaften, m der emen für die Erleichterung des Elends in den Gefängnissen, in der ändern für die Aufhebung der Sklaverei. Nicht nur das eigene Volk fühlte den unersetzlichen Verlust, selbst m Frankreich wurde eine dreitägige Natronaltrauer rhm AU Ehren beschlossen. Der sittlich religiöse Grund, aus dem ferne Größe sich entwickelte, war der des „Tersmus , das ist eine in seinem Jahrhundert wertverbreitete liberale Weltanschauung, die frei von aller dogmatischen Rech - Haberei das Wesen der Religion nur darrn erkannte, den Mitmenschen Gutes zu erweisen. Tas sind Franklins eigen.. Worte, das ist der Geist, der uns aus redew Blatte ferner Selbstbioacaphie entgegenweht. Mag er deshalb auch ru manchen Minen B in seiner fast völligen Gleichsetzung von" Tugenouno äußer em Glück, die in unserer Welt der Trauerspiele doch leider gar ost nicht stimmt), die Schranken verraten, die diesem ganzen Zeitalter cuchastmi, so wird das seinem Charakterbilde in der Gesamtwrrkung iv^urg Abdruck; tun. Tenn, als Menschen smd wrr ja alle mehr oder weniger vom Geiste unserer Zeit abhängig. — Und bet Franklin trägt seine Bescheidenhert und fern lrebenswur- diger Humor noch besonders viel dazu 6et, seine kleinen Schwächen erträglich zu machen. Man lese nur die Grabschrist, die er sich noch selbst verfaßte: „Ter Herb Bensamrn Franklins, eines Druckers, lieot hier als Sperse für Würmer, wie der Einband eines alten Buches, woraus der Inhalt gerissen, Aufschrift und Vergoldung abgegriffen. Aber das Werk lvird nicht verloren gehen; denn eS wrrd (tote er Maubte) wieder erscheinen, in einer neuen, zierlicheren 'Auflage, durchgesehen und verbessert vom Verfasser." Nietzsches Wahttfin». Das Januarheft der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischer, Bcrlag) bringt aus dem Nachlaß des Baseler Professors Franz Overbeck dre von diesem Freunde Nietzsches in den Jahren 1889 und 1890 au Peter Gast Heinrich Kösclitz) geschriebenen Briese, in denen u. a. zum ersten Male ein Nahestehender (O. leitet den Transport Nietzsches von Turcn nach Basch die Kraulheit Nietzsches und seine Unterbringung in eine Anstalt schildert. Die Briefe das Zeugnis eines edlen Freundes, sind ein äußerst wichtiger Beitrag zur Nietzschckunde. Wir entnehmen dem zweiten Brief, vom 15 Januar 1889, die erschütternde Schilderung der ersten Begegnung OverbcäS mit dem in Wahnsinn verfallenen Nietzsche. Overbeck war, nachdem er sich aus Briefen Nietzsches von dem Ausbruch der Krankheit hatte überzeugen müssen, gerade noch rechtzeitig nach Turin gekommen, der Haiiswirt Nietzsches war ebeii ans der Polizei und beim deutschen Konsul, ^Nietzsche", berichtet Overbeck, „der schon tagS vorher auf der Straße gefallen und anfgelesen worden, war nun davon bedroht, alsbald in ein privates Mamcoimo zu aeravn und eben daran, von Abenteurern umgebei- zu werden, die sich m Italien bei solcher Gelegenheit rascher alS anderswo zusammensinden mögen. Es war der letzte Moment, wo seine Fvrtscl assung ohne besondere Hindermsie außer feinem eigenen Zustande noch möglich wak. Ich übergcye die rührenden Verhältnisse, in denen ich Nietzsche als Psleg.mg seiner Wcris- teure — Inhaber eines Zeitungskioskes auf der Via Carlo Alberto fand, auch sie mögen für Italien bezeichnend sein. Mtt dem fürchterlichen Moment, wo ich Nietzsche wiedersah, bin ich wieder bei der Hauptsache, in ganz einziger Weise ein fürchterlicher Moment und ganz anders als alles folgende.' Ich erblicke Nietzsche in einer Sosaecke kauernd und lesend .— wie sich daun ergab, die letzte Korrektur von Nietzsche contra Wagner entsetzlich verfallen anssehend, er mich und stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig, mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus, sinkt dann in Zuckungen auss Sofa zurück, ich bin auch vor Erschütterungnicht imstande, aus den Beinen zu bleiben. Hat ihm sich in diesem Augenblick der >>b- arund anfaetan, an dem er steht oder in den er vielmehr gestürzt ist < Jedenfalls hat sich nichts derart wiederholt. Zugegen war die ganze Familie Fino. Kaum lag Nietzsche stöhnend und zuckend wieder da, alv mau ihm das auf dem Tisch stehende Bromwasser zu lchhnkm gab. Lnge,i- blickiich trat Beruhigung ein, und lachend begann Nietzsche vom großen Empkaug zu reden, der für den Abend vorbereitet sei. . Damit war er nu Kreist der Wahnvorstellungen, aus dem er daun, bis ich ihn aus den Aitgcu verloren, nicht wieder getreten ist, über mich und uberhanvt^dle Personen anderer stets klar, über sich in völliger Nacht befangen. Afc’ heißt, es kam vor, daß er in lauten Gesängen und Nasereleil, am «lavier sich maßlos steigernd, Fetzen aus der Gedankenwelt, in der er zuletzt gelebt hat, hervorstieß und, dabei auch in kurzen mit einem unbeschreiblich gedämpften Tone vorgebrachteu Sätzen sublime, wunderbar hellsicyüge und unsäglich schauerliche Dinge über sich als den Nachfolger des toten Gottes vernehmen ließ, das Ganze auf dem Klavier gleichsam interpunltierend, worauf wieder Konvulfionm und Ausbrüche eines unsäglichen Leidens erfolgten, doch, wie gesagt, das kam nur vor in wenigen flüchtigen Momenten, soweit ich dabei gewesen, im ganzen überwogen die Aeußerungen des Berufs, den er sich selbst zuschreibt, der Possenreißer der neuen Ewigkeiten zu sein, und er, der unvergleichliche Meister des Ausdrucks, war außerstande, selbst die Entzückiiugen seiner Fröhlichkeit anders als in den trivialsten Ausdrücken oder durch skurriles Tanzen und Springen wiederzngeben. Dabei die kindlichste Harmlosigkeit, die ihn auch in den drei Rächten, in denen et schon tobend den ganzen Haushalt tvach erhalten hatte, nie verlassen hatte, nnb eben diese Harmlosigkeit und die fast unbedingte Lenksamkeit, sobald man auf seine Ideen von königlichen Empsängen und Einzügen, Fest- musikcn usw. einging, machte wenigstens für den Reisebegleiter, den ich ans WilleS strenge Anweisungen in Turin gesucht und mitgenommen, bett Transport hierher zum Kinderspiel." — Dir. Heinrich, Jlgenstein und Dr. Albert Kalthoff geben int Vertriebe der „Concordia" (Deutsche Verlagsanskalt, Hermann. Ehbock, Berlin W. 50) eine neue Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst, „Das Blaubuch" heraus, deren erste Nummer uns vorliegt. Aus dem Einleitungsartikel von A;. Kalthoff geht die Richtung dieser Zeitschrift hervor, ioelche eist freies, aber kein Partei-Organ sein will. Aus dem Inhalt der ersten Nummer heben mir bdtt Artikel: „M ajestäts> beleidigungen" von Tr. Robert Richter hervor, durch bett ein frischer, gesunder Hauch geht' ferner ein Gespräch Frist Mauthners „Bismarck" betitelt, eine köstliche Satyre auf das heutige Preußentum. Ein aktneller Beitrag des Privatbozenten Dr. Hug» Preuß „Kampf um die Schule?" deckt die Unterström- ungeit aller inobernen Schulkämpfe unb pädagogischen Bewegungen auf. Hans Ostwald ist mit einer kleinen psychologischen^ Erzählung „Und das Volk kam zu ihnen. . ." vertreten. Interesse werden wohl die Rubriken: „Umschau", „Freie Aeußerung „Kritik" und „Neue Bücher" erwecken. Die Ausstattung ist geschmackvoll, der Preis beträgt 3,50 Mk. pro Quartal, 30 Pf. pro Heft. ____________ Die Herren dev Welt, lieber die Erde ragen zwei Zinnen der höhuenben Hölle, gleißend wie Königssessel iiebeneinaubergestellt: da? sind die Throne der Welti Da glanzt bas Gold — protzend mit Pracht und allem Geschmeib, bmnit der Tyrann die törichten Wkenschen trngvoll verzaubert, baß sie ihm schenken ihr Blut — um gülbenes Blech. Neben ihm thront die Würgerin Furcht, die Menschen zwingend mit bannendem Blick, daß sie nicht wagen srohsrei zu ivaudeln, daß sie verhandeln eigenes Glück um fremden Schein. Zn diesen gleißenden glänzenden Thronen wallet die Menschheit, opsernd ihr Blnl. Und ihrer lachet das lüsterne Paar, die Pracht und das Geld, die Herren der Welt! Darmstadt. Dr. D. Greiner. Logogviph. Nachdruck verboten. Echtes Bier und feinsten Wein. Und noch And'rcs schließ' ich ein. Acnderft du mir aber ein Zeichen, Kannst du getrost nach dein Ausland eulweichen. m. Äiiflösung in nächster Nummer. Aiiflösniig des liiggischen Quadrats in vor. Nr.t G 0 L 1) 0 B E R L E v A v R A ü Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gieße«.