Zrniag den 16. Uovemöer 1906 Ur. 169 MU ffl H li W WWW ■ ffl Zm Banne des Heijemlnisses. Roincin von H. v. Raesfeld. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) Kein Gedanke, daß er durch sein Versprechen ihr gegenüber gebunden war, daß er alles aufgeboten, um sie zu gewinnen r kein Gedanke, daß er Ehrenhalber gebunden war, daß sein Wortbruch ihr Kummer und Gram verursachen könnte; — nein, er hatte nur einen einzigen Gedanken, und das war: „Ich, Ich, Ich". Kein anderes Gefühl, keine andere Neigung hatte in seinem engen Herzen mehr Platz. Er hielt cs für sehr wahrscheinlich, daß sie zornig sein würde — kannte er doch die Herkunft ihrer Mutter; doch ihr Zorn, ihre Wut sollten ihn wenig kümmern. Jack hielt im allgemeinen nicht viel von dem schwächeren Geschlecht. Schwach, leicht betrogen, stets bereit, zu klagen, leicht zu leiten, das waren nach seinem Dafürhalten die Fehler der Frauen in seiner Klasse. Vor solchen, wie Elsie Wayne, empfand er Respekt, und — sogar Verehrung; das waren Geschöpfe aus einer andern Welt. Er hätte zwanzig Betsys unter die Füße getreten, doch vor einer Elsie Wayne würde er voll Ehrfurcht und knicschlotternd dagestnnden haben. Der jähe Abbruch allen und jeden Verkehrs mit Kenning- hall House war ihm nicht ganz recht gewesen. Er hatte Miß West bei ihrem Advokaten getroffen, und nachdem die Urkunde ausgefertigt war und er seine erste Rate in der Tasche gehabt, hatte er einen familiären Ton ihr gegenüber anzu- schlagcn versucht, was sie sehr entschieden zurückgewiesen hatte. „Sie dürfen nicht vergrssen, Herr Jefferies", hatte sie mit unnahbarer Külte und Verachtung gesagt, „daß, wenn es Ihnen auch gelungen ist, durch Ihre listigen Praktiken Geld von mir zu erpressen, Sie doch keine Duldung von mir erkaufen können." Und vor dem Zorncsblitz aus ihren Augen war er wie ein Hund, der einen Peitschenhieb erhält, zurückgewichen. — Werner besuchte ihn am folgenden Tage und teilte ihm mit, daß sie London direkt verlassen würden. „Reisen die Waynes auch ab?" fragte Jack, ärgerlicher, als er eingesiehen wollte. „Ja, ich denke es mir wenigstens; ganz sicher weiß ich es noch nicht." „Na, auch gut!" sagte Jack, nicht sehr erbaut über diese Mitteilung, „vielleicht kann ich ja mal nach Downham runterrutschen und dich da besuchen, Werner". Werner erinnerte ihn so schonend wie möglich daran, daß jedenfalls doch eine Einladung vorhergehen müsse, bevor er etwas Derartiges unternehme. Jack lachte laut. „Wenn ich mal komme, so komme ich auch als feiner Mann, pitfein, darauf kannst du Gift nehmen. Ich habe eine sehr glückliche Spekulation gemacht, Werner; brauchst nicht fragen, was oder worin, denn ich sags doch nicht. Aber du bist nicht der einzigste Glückspilz auf der Welt. Ich hab soviel, daß ich mein Leben lang nicht mehr arbeiten brauch! Na, was sagst du dazu?" Werner sah seinen Bruder in fassungslosem Staunen an. Was meinte er? „Wie, du hast Geld genug verdient, um davon leben zu können, Jack?" wiederholte er; „ganz unmöglich!" „Was ich dir sage, es ist wahr — ich kann nicht bloß leben, sondern gut leben. Ich könnte dir sogar helfen, aber", fügte er schnell bei, „du hast ja einstweilen alles, was du brauchst. Aber wegen der Waynes, Werner; laß mich wissen, lucnn du heute vielleicht noch ctivas darüber hören solltest — ob sie London verlassen oder nicht". Werner hielt es für müßige Neugier und legte weiter keinen sonderlichen Wert auf Jacks Interesse für die Waynes. Abends jedoch, als er Lady Romsey sagen hörte, daß die Waynes ebenfalls nach Kenninghall zurückkehrten, fiel ihm Jacks Neugier wieder ein und er sandte ihm ein paar Zeilen mit der gewünschten Nachricht. Damit wußte Jack, daß seine Geschäfte in London zu Ende waren; er brauchte also von seiner kostbaren Zeit hier nichts mehr zu vergeuden, von dem (Selbe, das so wohl verwahrt in seiner Börse lag, hier nichts mehr auszugeben. Er ivollte eine Zeit lang nach Hause gehen und sich dann entscheiden, welche Schritte er zuerst tun wollte, um Miß Waynes Hand zu crobrrn. Zunächst und vor allem, sagte er sich, mußte er Betsy (o§ sein — wenn nötig, ihr mit dürren Worten erklären, daß er gar nicht die Absicht habe, sie zu heiraten, — machte sie dann ihr Schlimmstes tun. Somit kehrte Jack nach Elton zurück, um zunächst diesen Entschluß auszuführen» 43. Kapitell Die Wolke ballt sich zusammen. ' Wie die meisten Mahler, so war auch Jack Jefferies von Haus aus ein Feigling. Bevor er London verlassen, war er zu einem berühmten Westend-Schneider gegangen und hatte sich von dem Ergebnis dieses Besuches mehr als befriedigt gefühlt. Er hatte eine umfangreiche und wundervolle Kollektion der allerrnodernsten Anzüge mit allem Zubehör gekauft. Angetan mit einem der ausgesucht modernsten Kostüme bereitete er jetzt, wie er sich ausdrückte^ den Einwohnern Eltons ein Fressen, das heißt, er schien- 674 bette langsam und stolz in voller Majestät die Hauptstraße des Dörfchens hinunter, sodaß alle ihn recht bewundern tonnten. > Ganz plötzlich, vollständig unerwartet, sah er sich Ange in Auge mit Farmer Fenton, und der Blick, der ihm von diesem zugeworfen wurde, gefiel Jack ganz und gar nicht. Zwar stand er seine sechs Schuh hoch in den Stiefeln und besaß kräftige Knochen, aber bei alledem wäre ein Schlag von der derben Faust des Furniers doch nicht nach seinem Geschmack geivesen, und eben diese Faust wurde ihm jetzt auch mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit unter die Nase gehalten. „Wenn Ihr meine Tochter au der Nase herumführen wollt", sagte der Farmer drohend, „so schlage ich Euch die Knochen im Leibe zu Brei; das merkt Euch!" „Halt, einen Augenblick!" rief Jack, als er sich von seiner ersten Bestürzung erholt; aber der Farmer war mit einem unterdrückten Fluch schon iveiter gegangen und sah" sich nicht mehr um. DaS war am Tag nach dem Zwiegespräch zwischen Betsy und ihrem Vater. Nach diesem unerwarteten Zusammentreffen hielt der schlaue Politiker es doch für geratener, die Sache irgendwie gütlich beizulegen und selbst zur Farm zu gehen. Anfangs hatte er, feige wie er war, allen Verkehr einfach abbrechen und das Endergebnis dann abwarten ivollen. Aber es ging doch jetzt, wo er ein vornehmer Mann war, nicht an, sich sein hübsches Gesicht von Farmer Fenton zerdreschen zu lassen. „Vielleicht tüte ich doch besser, den Schein bei Betsy zu wahren, bis ich Elfte Waynes Zusage habe. Dann kann ich ihr trotzen; sie wird nicht mal wissen, wo ich bin; nötigenfalls gehen tour eine zeitlang ins Ausland." So kalkulierte er, und am selben Abend, !vo er wußte, daß der Farmer noch ans dem Markte und Betsy allein zu Hause war, ging er zur Farm hinunter. Betsy war noch rm Garten beschäftigt, sie sah sehr hübsch aus; aber Jack überflog ihr einfaches Kattunkleid mit einem Blick tiefster Verachtung, als er sich an Diamanten und Brüsseler Spitzen erinnerte, die Elsie Wayne so vorzüglich gestanden. Betsy sah gleichgültig auf, als sie die herannahenden Fußtritte hörte. Obwohl ihr das Herz wild vor Liebe und Zorn schlug, verriet sie sich durch kein äußeres Zeichen. Emsig hantierte sie zwischen den Beeten weiter. „Nun, Betsy, hast du kein Willkomm für mich?" begann Jack. „Du hast dir Zeit zum Kommen genommen", erwiderte sie kalt. „Hast's nicht eilig gehabt, Jack Jefferies; vor' vier Tagen bist du schon nach Hause gekommen." „Stimmt, ich hatte sehr viel zu tun — gar keine Zeit, rein für gar nichts." „Bloß Zeit genug, um dich in deiner ganzen neuen Glorre überall zu zeigen." Eie erhob sich von den Knieen — sie hatte auf den Beeten gejätet — und stand vor ihm, ihn mit äußerster Verachtung in dem wilden, hübschen Gesicht musternd. .. »Nun, Jack", sagte sie, „du bist also zu deinem Ber- mogen gekommen, nicht wahr?" Wie aufrichtig bedauerte er jetzt, daß er ihr je etwas davon gesagt, wie verwünschte er sich und seine eigene Dummhert, wütete er über seinen Mangel an Klugheit. „Nein", versetzte er dann, „nicht so ganz, Betsy." „ .. .-Das glaube ich dir nicht", sagte sie verächtlich, „du warft sicher nicht so dicktuerisch, wenn deine Börse nicht gut gespickt wäre. Ich verstehe Leute deiner Sorte, Jack ^efferies. Weißt du auch iioch, daß es dir früher um das bißchen Geld, was mein Vater mir mitgeben kann, ging?" . „ "So? Ich wüßte nicht, Betsy. Ich sollte meinen, du warft mir immer die Hauptsache gewesen." , ®tl spöttisches Lächeln lag um seine Lippen und brachte sie in Wut. „Ich möchte wohl mal über dein Vermögen etwas fuhr sie fort. „Bist du ehrlich daran gekommen? Du hast mir mal angedeutet, du hättest ein Geheimnis. Sieh dich vor, daß ich es nicht herauskriege. Ich könnte das, wenn ich's betreiben wollte. Und dann, — als du Aeggingst, fragtest du, wie bald ich dich heiraten wollte. Mu kannst meine Antwort jetzt haben. Ich sage also, sofort!" n V -P tvrrd sich wohl nicht gut machen lassen", sagte Jack Mit emem Grinsen, wofür sie ihn hätte erschlagen .können. „Mer abgesehen davon, Betsy, — wie äußerst ungewöhnlich für ein Mädchen, so liebenswürdig auf so-, sortige Heirat zu drängen." „Du brauchst mich nicht zu verhöhnen. Ich will bloß sehen, ob du willens bist, dein Versprechen zu halten oder nicht — das ist alles." „Wie leid tuts mir, solche Güte zurückweisen zu müssen", sagte Jack. „Ich kann mein Versprechen für den Augenblick nicht einlösen; meine Angelegenheiten sind noch nicht geordnet; wenn das der Fall ist —" „Was dann?" unterbrach sie ihn ungeduldig. „Dann werde ich dir mehr darüber sagen können. Aber was soll diese unnütze Streiterei; willst du mir nicht lieber einen Kuß zum Willkommen geben, Betsy?" „Nein, und wenn du mich hier auf den Knieen darunt bätest!" versetzte sie zornig. „Du meinst, du führst mich sehr schlau hrnters Licht, Jack Jefferies; hast ganz was anders in der Nase; willst mich hier vielleicht bloß hübsch ruhig halten, und unterdem eine andere freien. Aber das geht so nicht, lieber Freund. Ich will meinen Teil von dem Vermögen haben. Du hast mir großartige Toiletten und Dienerschaft zur Aufwartung versprochen. Die will ich haben." „Ich habe nichts dagegen", erwiderte Jack, „einstweilen habe ich sie aber selbst noch nicht." Seine Ruhe erbitterte sie immer mehr. „Mit hundert Mädchen hättest du karesjieren und sie ungestraft sitzen lassen können", schrie sie,- „aber wehe dem, der eine beleidigt, die Zigeunerblut in ihren Adern hat!" „Ich würde an deiner Stelle hiermit nicht gerade prahlen", höhnte er. Ihr Gesicht wurde leichenblaß. „Dank für das Kompliment", versetzte sie dann mit unheimlicher Ruhe. „Wenn du klug bist, tust du gut, mir künftig aus dem Wege zu gehen." „Aber Betsy, was soll denn dieser ganze Krakehl um taube Nüsse", beschwichtige Jack, der sich beunruhigt zu fühlen begann. „Ich dachte, du hättest dich gefreut, mich nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen." „Ich warne dich, wie es sich gehört", rief sie, „ich werde dir nachspüren und in der Stunde deines Triumphes dich stürzen! Du täuschest mich nicht! Vor zwei Monaten liebtest du mich und wolltest, daß ich dich heiraten sollte. In deinen Augen liegt jetzt keine Liebe, und aus deinen Lippen ist auch keine. Du bist bloß hier, um mit mir gut Freund zu bleiben, bis dein Ziel erreicht ist, und dann — denkst du — kannst du mich auslachen, daß du mich so schlau für den Narren gehalten hast. Ich lasse mich nicht narren, Jack Jefferies, das merk' dir; du wirst es bereuen!" Die Wendung der Angelegenheit gefiel ihm ganz unö gar nicht; er suchte die braune Arbeitshand zu erhaschen und zu drücken. „Aber, Betsy, so komm doch, sei doch nicht so zornig; ich meine es ja gar nicht so." „Es gibt einen Weg, meinen Zorn zu vermeiden", gab sie mit funkelnden Augen zurück, „und nur diesen einen; erfülle dein Versprechen auf der Stelle." Nein, das wollte er nicht. Wenn er seine Trümpfe gut ausspielte, wurde Elsie Wayne sein Weib, unb er in den siebenten Himmel der Vornehmheit erhoben. Er wollte die zornsprühende Amazone besänftigen, aber sie heiraten — niemals! Jack versuchte es also weiter mit den Liebkosungen und zärtlichen Worten, die früher so oft bei ihr verfangen hatten, und Betsy ließ ihn allmählich glauben, er habe Erfolg damit. „Laß uns dies törichte Gezänk vergessen, Betsy. Küsst mich und sei wieder gut." Cie duldete es, daß er ihre Wange mit seinen Lippen berührte. „Ich will dir zeigen, wie die Zigeunerinnen ihre falschen Liebhaber küssen, später mal", sagte sie. „Aber ich bin kein falscher Liebhaber, Betsy." „Um so besser; die Lektion wird dir dann nicht schaden. Gehst du wieder fort von Elton, Jack?" „Noch nicht", erwiderte er schnell, und damit war sie sicher, daß er die Msicht hatte, sofort wieder abzureisen. Sie trennten sich allem äußern Anschein nach als gute Freunde, in Wirklichkeit aber entschlossen, einander zu über- lrsten. — »Jack Jefferies ist hier gewesen. Water", sagte Betsy, als der Farmer abends spät nach Hause zurückkehrte, 675 „Und daran hat er gut getan", war die grimmige Erwiderung. „Ich sagte ihm heute morgen, ich würde ihm die Knochen zu Brei schlagen, wenn er sich unterstände, dich zum Narren zu halten." Betsy ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Starr sah sie ihm ins Gesicht. „Ich will weiter nichts sagen, Betsy; nur muß mir die Sache nicht albern werden. Alle Nachbarn wissen, daß er an Dich gefreit hat und Dich heiraten wollte, und Du sollst Dich doch vor den Leuten nicht schämen." „Ich will zusehen, daß das nicht nötig ist," erwiderte sie kurz und ging hinaus. Und lange, nachdem sie das Zimmer verlassen, saß der alte Farmer noch bei seiner Pfeife und grübelte über den seltsamen Ausdruck in den Mienen seiner Tochter. „Ich fürchte, ich fürchte, die Sache läuft übel aus," dachte er. — Inzwischen begab sich Jack nach Hause, fest entschlossen, sofort nach Kenninghall zu gehen. Er hatte ,o wenig an Betsy gedacht, cs für das Allereinfachste geha.ie n, das Verhältnis mit ihr abzubrechen, sie laufen zu lass en; jetzt sah er ein, daß es gefährlich sein würde, länger mit ihr weiter zu liebeln, und er entschloß sich, weiter keine Zeit mehr zu verlieren, sondern sofort Lady Wayne aufzusuchen. Es würde ja ein Leichtes für ihn sein, Elton zu verlassen, ohne daß eine Menschenseele etwas davon erfuhr; dann, einmal auf Kenninghall, konnte er seine Vorkehrungen so treffen, daß er nie wieder dahm zurückzukehren brauchte, wo Betsy Fenton weilte. Er zweifelte ganz und gar nicht an seinem schließlichen Erfolge oder daran, daß er Elsie Wayne zur Frau bekommen würde. Das- Glück hatte ihm ja bereits in solchem Maße gelächelt, es würde ihm auch diese Krönung seiner Pläne nicht vorenthalten. Also ging Jack am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe ganz seelenruhig und sicher zum Bahnhof. Er nahm ein Billet nach Elmswell, einem Bahnknotenpunkt, von wo er leicht nach Kenninghall reisen konnte. Am Bahnhof war niemand als eine schweigsame, in einen langen Reiscmantel gehüllte Person, die gleich nach ihm an den Billetschalter trat. Er hatte keine Ahnung, daß sie ebenfalls ein Billet nach ElmSwell löste. 44. Kapitel. Ein sonderbares Briefchen. Lady Wayne saß in ihrem Ankleidezimmer auf Kenninghall; sie schrieb nicht, las nicht, plauderte auch nicht, sie dachte angestrengt nach, Die Nebenbuhlerin, die sie besiegt hatte, die stolze, vornehme Herzogin von Chisledon, war nach Belvoir Castle zurückgekehrt, und Lord Wayne wünschte ein großes Fest zu geben, wozu natürlich auch die Herzogin cin- geladen werden sollte, sodaß Lady Wayne viel und mancherlei zu überdenken hatte. Algernon und Isabel waren ebenfalls auf Kenninghall, und die alte Feindschaft zwischen den beiden Frauen hatte sich nicht iin Geringsten abgeschwächt. Die große Enttäuschung in Isabel Waynes Leben war die, daß sie an der Gemahlin ihres Verwandten keinen Fehler entdecken konnte. Und sie hatte doch von Anfang an Uebles von ihr prophezeit. Sie hatte geglaubt, Lady Wayne habe irgend ein Geheimnis zu verbergen, dessen Bekanntwerden ihr unaussprechlichen Kummer und Schmach bereiten würde. Sie hatte sie alle diese vielen Jahre her scharf beobachtet, und was war zu Tage gekommen? Nichts. Lady Wayne war einfach eine der populärsten und umschwärmtesten Frauen des Landes, hatte überall höchste und begeisterte Huldigung und Verehrung gefunden, hatte alle anderen Nebenbuhlerinnen vollständig besiegt und aus dem Felde geschlagen, wie das siegreich aufgehende Tagesgestirn alle Nebel und Wolken um sich her zerstreut und in nichts auflöst. Isabel mochte spähen, spionieren, beobachten, argwöhnen, kombinieren, vermuten, bezweifeln, kurz tun, was sie wollte; es ergab sich einfach nichts, und Lady Wayne behauptete siegreich als Königin das Feld. Und selbst, wenn jetzt irgend ein kleines Geheimnis ans Licht kommen sollte, so hatte es nichts oder doch sehr wenig zu sagen, das wußte Isabel selbst. Waren doch zwei Söhne vorhanden, Raymond und Harry, also keine Aussicht, daß ihr Mann je Titel und Güter erben würde. Die bittere Enttäuschung hatte die Intrigantin verbittert. Sie iva« reizbar, boshaft und ungenießbar geworden. Die bezaubernde gute Laune, die anregende Unterhaltungsgabe, die sie einst so beliebt gemacht, waren verblichen, dahin. Isabel Wayne fand durchschnittlich nicht mehr die Aufnahme in der Gesellschaft, wie früher, und deswegen verabscheute sie ihre schöne Rivalin, der die Zeit schier nichts anzuhaben vermocht, nur um so mehr. Trafen Ihre Durchlaucht von Chisledon und Isabel sich, so herrschte eine Herzlichkeit und ein Einvernehmen zivischen ihnen, die ganz entzückend zu sehen waren. Die Herzogin konnte es nie verwinden, wie ruhig, so ganz ohne Kampf, ohne Aufsehen, sie ihres Thrones enthoben worden war, Lady Wayne hatte lachend zu ihrem Manne gesagt, die Waynes auf Kenninghall sollten eigentlich die erste und herrschende Stellung in der Grafschaft einnehmen, und in ihrer ruhigen Art und Weise hatte sie ihr auch tatsächlich den Rang abgelaufen. Wie oder warum, das konnte die Herzogin sich nie erklären, aber die Sache stand fest, langsam und sicher sah sie ihren Einfluß verbleichen. Lady Wayne entfaltete die eleganteste, bezauberndste Gastfreundschaft. Ihre eigene Liebenswürdigkeit war auch so groß, daß sie die Leute anzog, wie nichts anderes es vermocht hätte. Die Herzogin machte keinerlei Bemerkungen darüber, dazu war sie zu klug; sie tat nicht einmal, als ob sie es bemerke, aber im Herzen haßte und verabscheute sie Kenning- hall's schöne Herrin so aufrichtig und bitter wie nur möglich. Und dies alles war Lady Wayne natürlich sehr wohl bekannt; als ihr Gemahl ihr daher heute gesagt, er wünsche eine brillante Festlichkeit anläßlich ihrer Rückkehr auf den Familiensitz, wobei sie ihre ganze Unterhaltungskraft und Kunst entfalten sollte, hatte sie sich Bedenkzeit erbeten und saß nun in tiefem Sinnen, wie sie das Fest wohl am besten gestalten solle, damit es das werde, was er davon erwartete. Natürlich würden die Nomseys sämtlich herüberkommen, überhaupt waren Ablehnungen nicht zu befürchten; die Einladungen waren seit einigen Tagen erlassen, und bisher hatte sie nur Annahmen erhaltcm „Was kann ich nur ausdenken," grübelte Mylady, „was entweder neu oder originell ist? Alle Festlichkeiten, denen ich beigewohnt, waren so ziemlich immer dasselbe; es muß was Neues, was Anregendes, was allgemein gefällt, sein." Ein leichter Schritt wurde draußen hörbar. „Mama", sagte eine süße Stimme, „darf ich hereinkommen?" „Ja, Elsie." Und Lady Wayne's stolze Züge nahmen einen sanften, zärtlichen Ausdruck an, als sich jetzt die Tür öffnete. Elsie Wayne schlang die Arme um den Hals der Mutter und beugte ihr süßes, strahlendes Gesicht zu dem ihrigen hinunter. Man hätte nicht so leicht ein schöneres Bild sehen können, als die hoheitsvolle, schöne Herrin von Kenninghall und ihre liebliche, jugendfrische Tochter. „Mama, woran denkst du? Ich habe dich schon überall gesucht. Du siehst ganz abgespannt aus, hast sogar zwei Falten auf der Stirn. Kann ich etwas für dich tun?" „Setz' dich hierher, Elsie", sagte Lady Wayne und deutete auf ein mit Sammet überzogenes Tabouret, worauf sie ihren zierlichen Fuß gestützt hatte. „Laß uns zusammen beratschlagen". Das junge Mädchen gehorchte; sie legte den Kopf auf das Knie der Mutter und ihr prächtiges, goldenes Haar floß wie ein Goldstrom an Lady Waynes Kleidern herunter. „Von allem und vor allem gefällt mir beratschlagen mit dir am besten, Mama", sagte Elsie lächelnd, „worüber sollen wir uns nun den Kopf zerbrechen?" (Fortsetzung folgt.)' 676 Werhnachtsliteratur. rine Redaktion: Ernst Hetz, — Rotationsdruck und Verlas der Brühl'schen UntverütLts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, ®te6flk Mttfik. ' — M nsik für all e, Wiener Tanz- und OMretten-Musik bildet den Inhalt des im Verlag von Ullstein u. Co., Berlin, zum Preise von 50 Pfg. erschienenen Heftes 1 der bekannten Notenbibliothek. Das Heft gibt eine vollständige Uebersicht über die Entwicklung und die markantesten Erscheinungen dieser Musikgattung. Den Reigen eröffnen Lanner und Johann Strauß Vater mit je einer ihrer besten Kompositionen, daran schließt sich Johann Strauß Sohn, der Fledermaus-Strauß, mit einem gefälligen Walzer „Klug Kretelein", der alle Schönheiten emes' echt Straußschen Walzers in sich vereinigt. Supp6 ist mit einem Liedchen „Giribiri" aus der Operette „Das Modell" vertreten und Millöcker mit seinem schlagkräftigen „Apajnne-Marsch". Eduard Kremfer zeigt sich mit Liner allerliebsten Polka als bewährter Meister echter Wiener Tanzmusik. Löti, dessen Operetten in letzter Zeit, besonders in Oesterreich, starken Anklang gefunden haben, macht mit einem graziösen Brettllied „Der Zinnhusar" den Beschluß des reichhaltigen Heftes. vermischtes. ■ =-= Herkunft und Abstammung unseres Haustiere sind lange Zeit in ein tiefes Dunkel gehüllt gewesen. Teils waren die Quellen für die Forschung nach dieser Richtung hm durch zahllose Werke verstreut und schwer zugänglich, teils fehlten sie überhaupt ganz. Erst die modeme Wissenschaft Mit ihrer Erschließung von früher unbekannten Geschichtsquellen und mit ihrer die ganze Erde umspannenden Universalität.hat es vermocht, das Dunkel zu lichten und erschöpfende Auskunft über biefeit (SfcGenftcntb rn geben, bet für bie ^etjtfreit bon unt p größerer Bedeutung ist, als sich allenthalben das Bestreben ü^tt^nh mackt, durch eingehendes Studium und Berücksichtigung der Eigentümlichkeiten unserer, Haustiere die, Rasten rem zu erhalten und zum höchsten Gipfel ihrer Nutzbarkeit und Leistungsfähigkeit emporzuzüchten. Letzteres kann naturgemäß nur dann geschehen, wenn die Kenntnis ihrer Herkunft uiti> Abstammung, eine al^ gemeine geworden ist. Wenn daher Professor Kdurad Keller-ZurM beit von ihm bearbeiteten Abschnitt „Die Haustiere als menschlicher Ki'lturerwerb" in dem illustrierten popularwissenschast- licken Praktwerk „Der Mensch und die Erde" (Deutsches Verlags- Haus Bong u. Co., Berlin W. 57, Lieferung 60 Pfg.) dazu benutzt, um über diesen wichtigen Gegenstand erschöpfende Auskunft zu geben, so ist das vom Standpunkt des Bolkswirtschaft- lers sowohl wie auch im Interesse der allgemeinen Bildung auf das freudigste zu begrüßen. Denn die Hauptaufgabe dieses groß angelegten und bis in die kleinsten Einzelheiten sorgsam durchgearbeitetcn Werkes wird so in glänzender Weise gelost: den breiten Schichten unseres Volkes eine Summe von Kenntnissen zuzuführen, wie sie sonst nur durch mühsames Studium der Emzel- sächer erworden werden kann, das aus vielen Gründen dem einzelnen nicht einmal zugänglich ist. Die Leichtigkeit und Mühelosigkeit, mit der das Werk den Leser mit dem Resultat dep schwierigsten wissenschaftlichen Forschungen m Wort und Bild bekannt tnacht, lassen es für jedermann als geradezu rmentbehrlich erscheinen, der infolge der eigenen intensiven Berufsarbeit anderen Zweigen der menschlichen Tätigkeit notgedrungen fremd bleiben muß, aber doch deut Fehler der Einseitigkeit nicht gern verfallen möchte. Außerdem ist es nicht nur äußerst instruktiv, sondern auch sehr unterhaltend, wenn, wie es durch Professor Keller geschieht, der Leser aus dem Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit Schritt für Schritt zu den lichten Höhen der modernen Kultur emporgeführt wird. Vieles begreift er nun, was ihni bisher unverständlich blieb, und da, wo er oft eut willkürliches Spiel des Zufalls zu sehen glaubt, erkennt er letzt den Zusammenhang und die zwingende Folge der Dinge. Liebe zu den Haustieren und Verständnis für ihre Eigentumlicqkeiten ist eine der Hauptforderungen unserer Zeit, die den Tierschutz geschaffen hat; diese Forderung aber kann nicht besser, erfüllt werden, als durch eine Darlegung der Geschichte der Tierwelt, wie sie in „Der Mensch und die Erde" in autoritativer und zimfassender Weise geboten wird. Neue Kalender. —■ Der Gartenlaube-Kalender 1907. Einwenig fremd sieht er auf den ersten Blick aus; em wenig ernsthafter! als in früheren Jahren, der Gartenlaube-Kalender 1907, der sein rotes Gewand abgestreift und dem modernen Geschmack Mit einer vornehm gehaltenen Einbanddecke Rechnung getragen hat. Schlägt man aber den äußerlich Veränderten auf,.so spurt man gleich, datz er der alte geblieben ist. Der Pvlitstche Ueberblick über das vergangene Jahr ist genau so wie sonst, ist von dem Verfasser des „Tagesgeschichtlichen Rückblicks", Dr Herm. Diez, die Konferenz von Algeciras, der Tod Hendrik WltbolS, der Brand der Michaeliskirche in Hamburg, die Katastrophe von San Francisco, der Ausbruch beS. Vesuvs, die Einweihung des Simplontunnels, die Bestattung Henrik Ibsens usw. behandelt. Mie vielen weiblichen Leser des Kalenders aber werden sich m Adelheid Webers Liebesgeschichte „Des Rittmeisters von Falkenheim großes Glück", in Hans Hyans Zirkuserzählung „Der dumme August" und in die Jugenderinnernngen der Heimburg vertiefen, die unter dem Titel: „Gute Freunde und getreue Nachbarn" ein Stück eigenen Lebens ausbreitet. Auch Dr. Fritz Skowronneks Plauderei „Hundetoilette" und Dr. R. Hennigs Artikels „Aus dem Reich dec Träume" sei noch gedacht. — Altfränkische Bilder, illustr. kunsthistorischer Prachtkalender mit erläuterndem Text, herausg. von Professor,Dr. Th. Henner, Verlag der Universitäts-Druckerei von H. Stürtz in Wurzburg. 13. Jahrg. 1907; 20 Seiten Großquart Schmalformat; Preis 1 Mk. — In bunt zusammengestellten Bilderreihen nut knapp gehaltenem erläuterndem Text auf bedeutsame und der Erhaltung würdige Gegenstände der Vorzeit aus den fränkischen Landen hinzuweisen, ist der Zweck dieses Kalenders feit feinem Bestehen. Auch bei dem neuesten Jahrgang ist dieses Ziel sest- gehaltcu. Der gediegene Inhalt der „Altfränkischen Bilder" ist von besonderem Interesse für Architekten, Altertumssreunde usw. ließet die typogr, Ausstattung des 13. Jahrgangs läßt sich nur Lobendes sagen. — „Unter der Fahne des er st en Napoleon" betitelt läßt der Potsdamer Pastor Karl Röhrig bei Stephan Geißel in Altenburg, S.-A., ein neues1 Buch erscheinen. In dem 192 selten starken, mit Bildern versehenen Bande schildert der Großvater des Herausgebers seine Erlebnisse als Hunsrücker Dorfschullehrer in den Feldzügen Napoleons, insbesondere der des Befreiungsjahres 1813. In der der damaligen Zeit eigenen kräftigen Ausdrucksweise schildert der Selbstbiograph seine Erlebnisse bei der Teilnahme an den Schlachten von Möckern, an der Katzbach, Leipzig und Hanau, während seines Aufenthaltes in Hahnan, Bautzen, Dresden und auf dem Rückzug der „großen Armee" durch Thüringen nach dem Rhein, sowie seine Erfahrungen und Verhältnisse als Hunsrücker Dorfschullehrer nach der Beendigung des Krieges. Jede Darstellung trägt den Stempel der Wirklichkeit und der Natürlichkeit. Das ganze Buch bietet bedeutsame kulturgeschichtliche und kriegsgeschichtliche Bilder. Zugleich aber geht durch das Buch ein Zug von Frömmigkeit, die an ihm auch tit den schwersten Tagen ihre wunderbare Mast bewahrte. Das Buch kostet 2 Mk. . • Eines dauernden Erfolges erfreut sich die bei, Stefan Geißel in Altenburg erscheinende Büchersammlung für die Jugend und das Volk, betitelt: Deutsche Seebücherei. Erzählungen aus dem Leben d«es deutschen Volkes zur See für die Jugend und das Volk. Äon Prof. Dr. I. W. Otto Richter (Otto von ©Dirnen), Godesberg a. Rh. Von der Sanimlung gelangten letzt zur Ausgabe Bd. 9 Die UnterweserMarschen und das Heldenvolk der Stedinger. Doppelband. Inhalt: Einleitendes Vorwort. — 1. Die Unterwesermarschen. — Das Land der Stedinger. — 2. Allerlei aus der Vorzeit der Niedersachsen und Friesen, sowie aus der Geschichte des Erzstifts Bremen. —i 3. Wie das Volk der Stedinger entstand und sich entwickelte. —i Gefährliche Sturmfluten. — 4. Das Volk der Stedinger während des großen Kaiser- und Erzbischofstreites. —: 5. Der stedinger Heldenkänipfe. — 6. Blick über die folgenden Zeiten hinweg nt die Gegenwart. Bd. 10. Die erste deutsche Flotte und ihr Admiral. Doppelband. Inhalt: 1. Unter welcqen Verhältnissen man di,e deutsche Flotte zu begründen begann. Der Sieg von Eckernförde. — 2. Aus dem Vorleben des ersten deutschen Admirals. — 3. Die erste Zeit der Flottenleitung Brommys. — 4 Die Auflösung der ersten deutschen Flotte. Bd. 11. Prinz Adalbert von Preußeii und die Begründnng der neuen deutschen Flotte. Doppelband. Inhalt:!, schwere Zeiten. Die Eltern und die früheste Jugend des Prinzen. —i 2 Wie der Prinz zu seinem eigentlichen Berufe yeranrcifte. a) Ueber Holland und England, durch Rußland nach bem Orient, b) die große Reise nach Italien und Brasilien, c) Wieder rM allen Geleise. — 3. Frühere preußische Flottenversuche. — 4. Zur Zeit der ersten deutschen Flotte. — 5. Die Gründung der neuen deutschen Flotte und ihr erster Admiral. Bd. 12. Tätigkeit der deutschen Marine bei Niederwerfung des Araber auf st andes in Ostafrika 18 88 — 90 ^nhaU l 1. Einleitendes. Wie der Aufstand gegen die Deustchostafrikanlschr Gesellschaft ausbrach und ihr die deutsche Marine zur Hülse kommen mußte. — 2. Die Blockade. — tz. Beteiligung der Ma- bet der Niederwerfung des Aufstandes. Ergiinzungsriitsel. U . e.. e . W .. t.. w .. l. n K..n.t d. . ü. w . i. e g.. t. n; U. e.. e. W .. t.. w..l.n W..d .a. d..h tö ... h . ..h..t.nl Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logognphs in voriger Nummer r Heine, Weine.